Sonntag, 15. Juli 2018

Seven Seas


Das hier ist die Seven Seas, 1940 als C-3 Frachter gebaut, aber dann gleich von der US Navy vereinnahmt, diente sie den verschiedensten Zwecken. Hier liegt sie in Rotterdam, und da will ich mit Ihnen hin. Es ist ein schöner Sommertag im Jahre 1962. Wir sind morgens in Egmond aufgebrochen, um meinen Freund Ekke Dahle zu begrüßen, der mit der Seven Seas in Rotterdam, dem größten Hafen der Welt, ankommen soll. Mein Klassenkamerad Claus Jäger war auch an Bord gewesen. Der ist später noch Bürgermeister von Bremen geworden, weil er mit seiner FDP einmal 10,2 Prozent der Wählerstimmen erreichte. Davon träumt die FDP noch heute.

Die Seven Seas hat nicht immer so ausgesehen wie im ersten Absatz, so sah sie 1941 aus, als sie zum Flugzeugträger umgebaut worden war (Sie können alles über die wirklich interessante Geschichte des Schiffes hier lesen). Die Seven Seas ist ein Beispiel dafür, dass der Satz Schwerter zu Pflugscharen wahr werden kann. Einst war sie bei der Schlacht von Guadalcanal dabei, dann war sie das beliebteste Auswandererschiff auf der Route Bremerhaven New York oder Montreal. Jetzt fährt sie für den AFS oder macht preiswerte Weltreisen für Studenten.

Zehn Tage war die Seven Seas unterwegs gewesen, von Montreal den St Lorenzstrom hinunter und dann über den Atlantik. Nun kommt sie pünktlich um elf in den Hafen, aber es dauert lange, bis all die Schüler, die mit dem American Field Service ein Jahr in Amerika waren, von Bord kommen. Der im Ersten Weltkrieg gegründete American Field Service organisiert jetzt den international Jugendaustausch. Der AFS, der die Seven Seas in dieser Zeit gerne chartert, ist nicht die einzige Organisation in den 50er und 60er Jahren, die den Austausch zwischen den einst verfeindeten Nationen fördert. Dank des Fulbright Programms hatten wir im Gymnasium die ersten drei Jahre einen amerikanischen Englischlehrer, Mr Manally aus Ripon, Wisconsin. Man könnte hier die Beispiele beliebig fortsetzen, auch das Versöhnung über Gräbern hat etwas mit dem Jugendaustausch der 50er Jahre zu tun.

Rotterdam besteht fünfzehn Jahre nach dem Krieg nur aus Neubauten, die Deutschen haben es im Zweiten Weltkrieg in Grund und Boden gebombt. Das hat uns im Geschichtsunterricht zuhause niemand erzählt, hier wird es jedem Besucher vor Augen geführt. In dem Roman Vryheit do ik ju openbar: Roman aus dem alten Bremen von Trude Wehe, der bei meiner Mutter auf dem Nachttisch liegt, steht neben dem Namen meiner Mutter der Zusatz Zum Andenken an Hans Bünte gefallen 1940 vor Rotterdam. Ich weiß nicht, was Hans Bünte meiner damals zwanzigjährigen Mutter bedeutet hat, er war knapp 25 Jahre alt, als er starb. Ob meine Mutter jetzt, während wir durch Rotterdam fahren,  an den Unteroffizier Hans Bünte vom Infanterieregiment 65 denkt, der hier 1940 starb?

Unser Hotel hat uns am Morgen Lunchpakete mitgegeben. Über die sich jetzt am Mittag die Eltern von Claus Jäger und Ekkes Vater hermachen, meine Mutter wird Albert Dahle das noch jahrzehntelang vorhalten: Albert, Du hast uns die ganzen Lunchpakete weggefressen. Dabei hatten Jägers das meiste verputzt. Die Mutter von Claus packt riesige Mengen Fisch aus, aber das ist nichts für mich, da streune ich lieber auf dem Kai der Holland Amerika Linie umher. Ich suche den Konny, der auch an Bord war, aber ich kann ihn nirgends finden (er steht links neben Ekke Dahle oben in der Bildmitte). Mein Vater würde ja gerne bei dem Fisch zugreifen, weil er ein leidenschaftlicher Fischesser ist. Aber er wird von meiner Mutter davon abgehalten. Sie wahrt zu den Jägers kühle Distanz.

Claus Vater ist Kapitän gewesen, bevor er in den dreißiger Jahren mit dem ambulanten Fischhandel angefangen hat, dann kam das Ladengeschäft. Ein renommiertes Geschäft. Aber das interessiert meine Mutter nicht. Ich weiß nicht, woher sie das hat, dass sie sich immer wie etwas Besseres vorkommt. Selbst wenn Claus Jäger (Bild) eines Tages Bremer Bürgermeister wird, für sie sind das immer noch die Leute mit dem Fischgeschäft. Die Bornierheit der Bremer Kleinstadtgesellschaft zeigt sich immer wieder in solchen Kleinigkeiten, meine Mutter ist da kein Ausnahmefall. Die sind alle so. Auch wenn sie nicht in der Weserstraße wohnen, wo jeder glaubt, dass er was Besseres ist.

Ich habe noch ein Photo von der Wiedersehensfeier, Ekkes Vater hat es mit einer seiner Leicas gemacht. Erstaunlich, wie bürgerlich ordentlich man damals im Urlaub ist. Ekke trägt einen braun-beigen Sommeranzug, ich einen blau-grau gestreiften Flanellblazer, Krawatte und ein Hemd mit rundem Kragen. Sowas hat nicht jeder. Mein Vater hat seinen hellgrauen Sommerzweireiher an, zu dem ihn sein Schneider überredet hat. Die Damen tragen Sommerkleider und elegante Handtaschen. Mein Bruder und Jörgi, die noch zu jung für Anzüge sind, tragen Pullover, aber sie haben saubere weiße Hemden darunter.

Ein Jahr, bevor Ekke, Claus und Konny nach Amerika gingen, hatte ich mich beim AFS beworben. Wurde interviewt und getestet und kam bei einem Auswahlgespräch unter die letzten zehn. Man nahm zwei, mich nicht. Es ist mir schon klar, dass ich für die Amerikaner, die in dem kleinen Glaskubus in der Contrescarpe von einem baumlangen Gunnery Sergeant bewacht wurden, zu frech war. Vielleicht lag es auch an meinem eleganten Westenanzug. Den muss ich erwähnen, weil er etwas mit dem Krieg zu tun hat. Alles heute hat in diesem Post mit dem Krieg zu tun: die Seven Seas, der AFS, die Stadt Rotterdam. Den Stoff zu dem Anzug hatte mein Vater am Strand von Dünkirchen im Gepäck eines englischen Offiziers gefunden, dem es wohl wichtiger war, auf ein Schiff nach England zu kommen, als diesen Stoff mitzunehmen. Mein Vater hat sich nach dem Krieg aus dem Pepitastoff einen Anzug machen lassen, zehn Jahre später erbte ich den, und Schneidermeister Anton Schiwal änderte ihn nach meinen Wünschen. Zur Tanzstunde war er fertig, Rückenschlitze und enge Hosenbeine. Habent sua fata libelli, Kleidung auch.

Ich war nicht traurig, dass das mit Amerika nicht geklappt hatte, amerikanische Kultur hatten wir hier im amerikanisch besetzten Bremen genug. Im nächsten Jahr hatte Mr Galatti vom AFS den Austausch mit Deutschland besser im Griff, da gab es nicht nur zwei Plätze für ganz Bremen, da gab es eine Handvoll Plätze allein für unsere Schule. Da hätte ich leicht einen Platz haben können. Aber ich wollte nicht mehr. Snobismus? Ich weiß nicht. Die entscheidenden Fragen waren eher: gibt es in Amerika irgendwo auf dem platten Land auch alle französischen Filme zu sehen? Und: wird die Frau mit den roten Haaren und den grünen Augen auch auf mich warten?

Samstag, 14. Juli 2018

Bergman


Warum gibt es heute nichts zu Ingmar Bergman? fragen besorgte Leser. Ich wollte seinen hundertsten Geburtstag unbemerkt verstreichen lassen. Geht wohl nicht. Mir fällt aber heute nichts zu ihm ein, weil ich wahrscheinlich schon alles zu ihm gesagt habe. Lesen Sie doch bitte Ingmar Bergman und Schweigen. Und Schwedinnen. Und unter den Posts Bibi Andersson und Sexuelle Revolution finden Sie Links zu allen Schwedinnen in diesem Blog. Das müsste für den Sonntag reichen, Sie wollen doch noch ein wenig Fußball gucken.

Le jour de gloire est arrivé


Dieses schöne Bild fand sich schon vor Jahren in dem Post 14. Juli. Dies ist ein Tag, den die Franzosen jedes Jahr groß feiern, und warum sollen sie nicht? Liberté, égalité, fraternité wären ja schöne Ideale, aber sie haben im Blutrausch der Revolution einen schäbigen Beiklang bekommen. Doch das Allons, enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé!, das der junge Rouget de Lisle in einer Nacht dichtet, das wird immer noch gesungen. Wenn Sie wissen wollen, wie die Nationalhymne entstanden ist, dann lesen Sie Stefan Zweigs Erzählung Das Genie einer Nacht :

1792. Zwei Monate, drei Monate schon schwankt in der französischen Nationalversammlung die Entscheidung: Krieg gegen die Koalition der Kaiser und Könige oder Frieden. Ludwig XVI. ist selbst unentschlossen; er ahnt die Gefahr eines Sieges der Revolutionäre, er ahnt die Gefahr ihrer Niederlage. Ungewiß sind auch die Parteien. Die Girondisten drängen zum Kriege, um die Macht zu behalten, Robespierre und die Jakobiner fechten für den Frieden, um inzwischen selbst die Macht an sich zu reißen. Von Tag zu Tag wird die Lage gespannter, die Journale lärmen, die Klubs diskutieren, immer wilder schwirren die Gerüchte, und immer mehr wird die öffentliche Meinung durch sie erregt. Wie immer eine Entscheidung, wird es darum eine Art von Befreiung, wie am 20. April der König von Frankreich endlich den Krieg an den Kaiser von Österreich und den König von Preußen erklärt. ....

Es ist spät nach Mitternacht. Der 25. April, der für Straßburg so erregende Tag der Kriegserklärung, ist zu Ende, eigentlich hat der 26. April schon begonnen. Nächtliches Dunkel liegt über den Häusern; aber trügerisch ist dieses Dunkel, denn noch fiebert die Stadt vor Erregung. In den Kasernen rüsten die Soldaten zum Ausmarsch und manche der Vorsichtigen hinter verschlossenen Läden vielleicht schon heimlich zur Flucht. Auf den Straßen marschieren einzelne Peletons, dazwischen jagen die klappernden Hufe der Meldereiter, dann rasselt wieder ein schwerer Zug Artillerie heran, und immer wieder hallt monoton der Ruf der Schildwache von Posten zu Posten. Zu nahe ist der Feind, zu unsicher und zu erregt die Seele der Stadt, als daß sie Schlaf fände in so entscheidendem Augenblick.

Auch Rouget, der jetzt in sein bescheidenes Zimmerchen in der Grande Rue 126 die runde Treppe hinaufgeklettert ist, fühlt sich merkwürdig erregt. Er hat sein Versprechen nicht vergessen, möglichst rasch ein Marschlied, ein Kriegslied für die Rheinarmee zu versuchen. Unruhig stapft er in seinem engen Zimmer auf und nieder. Wie beginnen? Wie beginnen? Noch schwirren ihm alle die anfeuernden Rufe der Proklamationen, der Reden, der Toaste chaotisch durch den Sinn. »Aux armes, citoyens! ... Marchons, enfants de la liberté! ... Ecrasons la tyrannie! ... L'étendard de la guerre est déployé! ...« Aber auch der andern Worte entsinnt er sich, die er im Vorübergehen gehört, die Stimmen der Frauen, die um ihre Söhne zittern, die Sorge der Bauern, Frankreichs Felder könnten zerstampft werden und mit Blut gedüngt von den fremden Kohorten. Halb unbewußt schreibt er die ersten beiden Zeilen hin, die nur Widerhall, Widerklang, Wiederholung sind jener Anrufe.

»Allons, enfants de la patrie,
Le jour de gloire est arrivé!«

Dann hält er inne und stutzt. Das sitzt. Der Ansatz ist gut. Jetzt nur gleich den rechten Rhythmus finden, die Melodie zu den Worten. Er nimmt seine Geige vom Schrank, er probiert. Und wunderbar: gleich in den ersten Takten paßt sich der Rhythmus vollkommen den Worten an. Hastig schreibt er weiter, nun schon getragen, nun schon mitgerissen von der Kraft, die in ihn gefahren ist. Und mit einemmal strömt alles zusammen: alle die Gefühle, die sich in dieser Stunde entladen, alle die Worte, die er auf der Straße, die er bei dem Bankett gehört, der Haß gegen die Tyrannen, die Angst um die Heimaterde, das Vertrauen zum Siege, die Liebe zur Freiheit. Rouget braucht gar nicht zu dichten, zu erfinden, er braucht nur in Reime zu bringen, in den hinreißenden Rhythmus seiner Melodie die Worte zu setzen, die heute, an diesem einzigen Tage, von Mund zu Mund gegangen, und er hat alles ausgesprochen, alles ausgesagt, alles ausgesungen, was die Nation in innerster Seele empfand. Und er braucht nicht zu komponieren, denn durch die verschlossenen Fensterläden dringt der Rhythmus der Straße, der Stunde herein, dieser Rhythmus des Trotzes und der Herausforderung, der in dem Marschtritt der Soldaten, dem Schmettern der Trompeten, dem Rasseln der Kanonen liegt. Vielleicht vernimmt er ihn nicht selbst, nicht sein eigenes waches Ohr, aber der Genius der Stunde, der für diese einzige Nacht Hausung genommen hat in seinem sterblichen Leibe, hat ihn vernommen. Und immer fügsamer gehorcht die Melodie dem hämmernden, dem jubelnden Takt, der Herzschlag eines ganzen Volkes ist. Wie unter fremdem Diktat schreibt hastig und immer hastiger Rouget die Worte, die Noten hin – ein Sturm ist über ihn gekommen, wie er nie seine enge bürgerliche Seele durchbrauste. Eine Exaltation, eine Begeisterung, die nicht die seine ist, sondern magische Gewalt, zusammengeballt in eine einzige explosive Sekunde, reißt den armen Dilettanten hunderttausendfach über sein eigenes Maß hinaus und schleudert ihn wie eine Rakete – eine Sekunde lang Licht und strahlende Flamme – bis zu den Sternen. Eine Nacht ist es dem Kapitänleutnant Rouget de Lisle gegönnt, Bruder der Unsterblichen zu sein: aus den übernommenen, der Straße, den Journalen abgeborgten Rufen des Anfangs formt sich ihm schöpferisches Wort und steigt empor zu einer Strophe, die in ihrer dichterischen Formulierung so unvergänglich ist wie die Melodie unsterblich.

»Amour sacré de la patrie,
Conduis, soutiens nos bras vengeurs,
Liberté, liberté chérie,
Combats avec tes défenseurs.«

Dann noch eine fünfte Strophe, die letzte, und aus einer Erregung und in einem Guß gestaltet, vollkommen das Wort der Melodie verbindend, ist noch vor dem Morgengrauen das unsterbliche Lied vollendet. Rouget löscht das Licht und wirft sich hin auf sein Bett. Irgend etwas, er weiß nicht was, hat ihn aufgehoben in eine nie gefühlte Helligkeit seiner Sinne, irgend etwas schleudert ihn jetzt nieder in eine dumpfe Erschöpfung. Er schläft einen abgründigen Schlaf, der wie ein Tod ist. Und tatsächlich ist schon wieder der Schöpfer, der Dichter, der Genius in ihm gestorben. Auf dem Tische aber liegt, losgelöst von dem Schlafenden, den dies Wunder wahrhaft im heiligen Rausch überkommen, das vollendete Werk. Kaum ein zweites Mal in der Geschichte aller Völker und Zeiten ist ein Lied so rasch und so vollkommen gleichzeitig Wort und Musik geworden.

Den ganzen Text von Stefan Zweigs Das Genie einer Nacht aus Sternstunden der Menschheit finden Sie hier. Und diese junge Frau werden wir nicht vergessen. weil sie in Casablanca nach der Marseillaise noch ein Vive la France ruft. Es ist Madeleine LeBeau, von den Nazis aus Frankreich vertrieben, sie ist vor zwei Jahren im Alter von 92 Jahren gestorben. Ich hätte da noch eine Aufnahme aus dem Jahre 1907, und einen Ausschnitt aus dem Film von Jean Renoir von 1938. Opernsängerinnen können es singen, französische Präsidenten und das ganze Parlament auch. Und dann habe ich noch ein etwas bizarres Video, das aber schön gesungen wird, ich weiß leider nicht von wem. Zum Schluss möchte ich noch Graeme Allwright mit seiner Version präsentieren.


Dienstag, 10. Juli 2018

Proust


The past is never dead. It is not even past, hat William Faulkner gesagt. Und seine Romanwelt zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart verknüpft sind. Vergangenheit ist für ihn die Vergangenheit des amerikanischen Südens, häufig mit Schuld verbunden. Das Heraufbeschwören der Vergangenheit ist etwas, was manchen Autoren gelingt, vielen nicht. The past is a foreign country: they do things differently there, sagt L.P. Hartley in seinem Roman The Go-Between, einem Roman, der immer wieder mit Prousts Werk verglichen worden ist. Bei dem die Vergangenheit als etwas Verlorenes ja schon im Titel des Romans steht. Und der uns in dem Kapitel, in dem es um die Madeleine geht, einiges dazu zu sagen hat: Ebenso ist es mit unserer Vergangenheit. Vergebens versuchen wir sie wieder heraufzubeschwören, unser Geist bemüht sich umsonst. Sie verbirgt sich außerhalb seines Machtbereichs und unerkennbar für ihn in irgendeinem stofflichen Gegenstand (oder der Empfindung, die dieser Gegenstand in uns weckt); in welchem, ahnen wir nicht. Ob wir diesem Gegenstand aber vor unserem Tode begegnen oder nie auf ihn stoßen, hängt einzig vom Zufall ab.

Ob es der Geschmack der Madeleine ist, ob die Bäume an der Allee den Erzähler festhalten wollen, ob es das kleine gelbe Mauerstück in einem Bild von Vermeer ist, immer entwirft Proust ästhetisch und atmosphärisch aufgeladene Augenblicke. Denn das Gedächtnis, indem es die Vergangenheit in unveränderter Gestalt in die Gegenwart einführt - so nämlich, wie sie sich in dem Augenblick präsentierte, als sie selber noch Gegenwart war - bringt gerade jene große Dimension der Zeit zum Verschwinden, in der das Leben sich realisiert. 

Wir können Prousts Madeleine Erlebnis, das ja mehr ist als Tee und Cookies ist, eine epiphany nennen, James Joyce hat in Dubliners davon überreichen Gebrauch gemacht. Die Autoren des New Journalism wie Joan Didion haben die Erinnerung und die epiphanies wiederentdeckt, von obsessive remembering hat Didion einmal über ihre eigene Technik gesprochen: A place belongs forever to whoever claims it hardest, remembers it most obsessively, wrenches it from itself, shapes it, renders it, loves it so radically that he remakes it in his image. Doch Prousts Entdeckungreise in die Vergangenheit und das eigene Ich ist keine Suche nach einem total recall, denn solche willentlichte Erinnerung erscheint ihm als Verfälschung. Die ars memoriae und ars reminiscentiae, die Frances A. Yates in The Art of Memory darstellt, sind seine Sache nicht, nur die mémoires involontaires gilt es zu suchen: Sehen Sie, der Künstler sollte sich ausschließlich im Bezug auf die unwillkürlichen Erinnerungen den grundlegenden Stoff seines Werkes erarbeiten. Zunächst einmal deshalb, weil dieses sich aus sich selbst bilden. Angezogen durch die Ähnlichkeit einer identischen Minute, haben sie allein das Markenzeichen der Authentizität inne. Und schließlich liefern sie uns die Dinge in einer exakten Dosierung zwischen Erinnerung und Vergessen.

Marcel Proust wurde am 10 Juli 1871 geboren, er ist in diesem Blog ein ständiger Gast. Wenn Sie mehr lesen wollen, dann klicken Sie doch diese Posts an: Combray, Marcel Proust, Spargel, Bilder, Hammershøis Bäume, lettre de lecteur, temps perdu, Tennis, Abendgesellschaft, SchreibenAnita Albus. In dem Post Temps retrouvé finden Sie eine Besprechung der wichtigsten Literatur zu Proust.

In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können. Dass der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches und umgekehrt.

Sonntag, 8. Juli 2018

Dicke Luft


Nimm mich mit Kapitän auf die Reise, sang Hans Albers. In der Welt des Traumschiffs ist die Welt noch in Ordnung. Blütenweiße Uniformen, kein Dreck. Aber das Traumschiff fährt in einer Traumwelt, die Wirklichkeit sieht anders aus.

Um die Jahrhundertwende dichtete ein Unbekannter, vielleicht ein Fähnrich zur See oder ein Oberleutnant namens Karl Rode, diese schönen Verse:

Was steigt denn da am Horizont
für´n schwarzer Rauch empor?
Es ist des Kaisers Segelyacht,
die stolze “Meteor”...

Weiße Segel und schwarzer Rauch passen nicht zueinander, Traumschiffe und Stickoxide auch nicht. Man ist in Kiel stolz darauf, dass sich für das Jahr 2018 zweiunddreißig Kreuzfahrtschiffe angemeldet haben. Und da liegen sie nun im Hafen, so niedlich bunt bemalt, welch schönes Bild. Aber der rote Kussmund wird nicht darüber hinwegtäuschen, dass das nichts als Dreckschleudern sind, die mit dem billigsten aller Kraftstoffe betrieben werden: Schweröl. Nur wenige Kreuzfahrtschiffe filtern Feinstaub aus ihren Abgasen, sehr wenige. Es gibt dafür keine gesetzliche Pflicht. Der Naturschutzbund Deutschland hat ausgerechnet, dass ein einziger Ozeanriese auf einer Kreuzfahrt so viel Schadstoffe wie fünf Millionen Pkw ausstößt.

Ein Kreuzfahrtschiff bringt es am Tag auf 7.500 kg Schwefeldioxid, 5.250 kg Stickoxid, 450 kg Rußpartikel und 476.850 kg Kohlendioxid. Auch im Hafen, weil ihr Motor weiter dieselt. Nun wäre es ja eine Idee, die Schiffe mit Landstrom zu versorgen. Den Plan gibt es seit 2012, seit die Color Line in Oslo das erste Schiff an Landstrom anschloss. Schon seit Jahren will Kiel ein Landstrom Terminal für Schiffe, auf jeden Fall in Presseerklärungen. Gerade haben Stadt, Land und Hafen eine Absichtserklärung unterschrieben. Das wird dauern, das wird dauern. Als es darum ging, Geld für Sprüche wie Der echte Norden und Kiel Sailing City herauszuwerfen, da ging das schneller.

Freitag, 6. Juli 2018

Tagesausflug


Du hast ja immer viel photographiert, sagte Frank. Gute Bilder, schob er nach. Das war nett. Photographierst Du noch? Was soll man da sagen? Das Desaster von dem Kindergeburtstag erwähnen, wo die Kiddies nach dem Knipsen kein Bild in der Kamera sehen konnten? So etwas kann eine Exakta noch nicht. Und ein großer Gossen Belichtungsmesser ist keine Minikamera. Ich rede mit Frank über das Bild, das ich auf der Fahrt nach Helgoland von ihm gemacht habe. Über die Reling hängend und grün im Gesicht? Nein, nichts davon, Frank scheint auf dem Bild mit einer Kabinentür zu kämpfen, die nicht aufgehen will. Wir sind jenseits von Rote Sand, die Wellen sind kabbelig geworden, und der Wind hat aufgeböt. Da werden heute noch viele seekrank werden, die ganze Schule ist an Bord. Der Direktor hat ein Schiff gemietet, sein Stellvertreter Willy Klevenhusen macht die Organisation. Eltern dürfen auch mitfahren. Der beste Schulausflug aller Zeiten, viel besser als die staatstragende Busreise an die Zonengrenze bei Helmstedt. Leider kaum Mädels an Bord, Koedukation kommt bei uns erst im nächsten Jahr (wir sind für Philip Larkins Annus Mirabilis noch zu früh dran).

Wir stechen nicht von Bremerhaven aus in See. Nein, wir gehen in Vegesack vom Anleger neben dem Ruderverein an Bord, dann geht es die ganze Unterweser entlang. Sieht man sonst nur vom Segelboot oder dem Schreiber Dampfer aus. Ist für viele auch gut, sich an das Schiff zu gewöhnen. Wem in Oberhammelwarden schon schlecht ist, der wird in der Nordsee Schwierigkeiten haben. Das Portrait von Frank habe ich auf 13x18 vergrößert, habe ich mit allen guten Bildern gemacht. Er hat gar nicht gemerkt, dass er photographiert wurde, so sollen Portraits sein. Ich kriege an dem Tag beinahe die ganze Schule auf zwei Filme. Natürlich alles in schwarz-weiß, noch sind wir kleinen Nachfolger von Henri Cartier-Bresson echte Puristen. Und ein Gelbfilter ist heute bei dem Himmel auch angebracht.

Ich photographiere mich langsam über das ganze Oberdeck, ich kann mich heute noch mit jedem Photo an jeden Augenblick der Reise erinnern: Lehrer auf Deckstühlen, wie unser Klassenlehrer Gustav Renziehausen (von dem ich das Gerücht in die Welt setze, dass er mit Eva Renzi verwandt ist). Neben ihm unser Lateinlehrer, der etwas liest, das eher nach einem schlimmen Krimi als nach Sallust aussieht (dass er ein Nazi gewesen war, wusste damals niemand). Unser erster Klassenlehrer am Gymnasium, Hermann Bollenhagen, ist im Gespräch mit Volker Harjehusen, der Kapitän werden wird. Massenhaft Freunde und Mitschüler. Peter Umlandt beim Skatspielen, Peter Köpp, elegant in seinem weißen Norwegerpullover mit braunen Mustern drauf und dann unser neuer Mitschüler, dessen Vater das Lokal Meyer-Farge-Schiffsansage gepachtet hat. Auch manche Eltern sind auf den Bildern. Ulis Vater, der bei der Kriegsmarine ein tolles U-Boot Fernglas, dick mit hellgrünem Gummi ummantelt, geklaut hat. Und meine Mutter beim Skatspielen mit Schülern. Da machen jetzt mal andere die Erfahrung, wie das ist, wenn man mit einer Frau Karten spielt, die notorisch schummelt. Ist mir auch lieber, dass sie Karten spielt, als wenn sie Kleine Möwe, flieg nach Helgoland singt.

Jeder redet jetzt mit jedem, ein richtiges Gemeinschaftserlebnis, es gab ein Leben vor dem Mobiltelephon. Auf der Rückfahrt werden tolle Geschichten erzählt, wie man den Zoll ausgetrickst hat. Unserem Englischlehrer Toni Winkelsesser soll die geschmuggelte Flasche Whisky aus dem Mantel gerutscht und am Boden zerbrochen sein. Ein anderes Opfer des Whiskyschmuggels soll Bernd Neumann gewesen sein, der aus lauter Angst vor der Entdeckung beim Zoll eine halbe Flasche Whisky ausgetrunken hat. Soll dann besinnungslos auf der Rückreise auf dem Oberdeck gelegen haben. Hat mir Uwe erzählt, der Bernd auf den Tod nicht ausstehen kann. Stimmen könnte die Geschichte schon, der Bernd war furchtbar doof. Hindert ihn nicht daran, Politiker zu werden.

Irgendwann werde ich das Photo mit der Kabinentür und Frank mal kopieren und dem Frank schicken. Wäre ja auch schön, wenn ich es hier einscannen könnte. Bin aber nicht intelligent genug dafür. Heike hat mir vor zwei Jahren den Scanner geschenkt, kann ich immer noch nicht mit umgehen. Habe auch kein I-Phone und kein Handy, läuft alles an mir vorbei. {Jetzt habe ich dank der netten Leute von Gut Gedruckt im Knooper Weg das Photo doch endlich}. Und was machst Du so? fragt der Frank. Was der Frank macht, weiß ich, hat mir Peter Umlandt vor Jahren erzählt. Ja, was mache ich? Das halbe Leben an der Uni, jetzt Blogger. Blogger kann alles oder nichts heißen, deshalb übertreibe ich mal eben: Ich schreibe einen des besten deutschen Kulturblogs. Kommt meine Tochter drin vor? fragt Frank. Nur dann ist das ein guter Kulturblog. Da hat er mich. Woher soll ich wissen, dass seine Tochter Anna die Tanzdramaturgin am Frankfurter Mousonturm ist? Und dass der Sohn an der polnischen Filmakademie (ein Nachfolger von Wajda und Polanski?) studiert hat?

Nunc pede libero pulsanda tellus, wofür waren wir die Lateinklasse? Es wird zu wenig getanzt in diesem Blog. Es gibt Posts, die Fontane tanzt, Ratten, Tänzer, Tango oder Abtanzball heißen, doch das ist nicht viel. Aber immerhin wird jetzt bei mir Anna Wagner erwähnt.

Dienstag, 3. Juli 2018

Nichtverstehen


Der junge Handwerksbursche aus Tuttlingen hört in Amsterdam nur Kannitverstan. Gut, das sind ➱Holländer, die sind schwer zu verstehen, aber wie steht es mit uns? Frau Merkel versteht Seehofer nicht, und anders herum. Dann haben wir eine Staatskrise, das ZDF sendet ein Spezial nach dem anderen, die politischen Kaffeesatzleser werden vor die Kameras gezerrt, und in den Talkshows treffen sich diejenigen, die hier sowieso immer sitzen.

Dabei scheint das Nichtverstehen für manche Philosophen etwas Positives zu haben, so kündigt ein Projektkolleg namens ➱Anoetik Formen und Leistungen des Nichtverstehens an: In der gegenwärtigen ästhetischen Theoriebildung und der Auseinandersetzung mit künstlerischen Gegenständen kommt dem Kulturerbe der hermeneutischen Tradition meist nur noch eine untergeordnete Rolle zu, scheint sie doch durch die radikal verstehensskeptischen Ansätze (namentlich der Dekonstruktion) längst obsolet geworden zu sein. Ein anderes Bild bietet die sprachanalytische Philosophie, in der neuere Einsichten zur ›Operation des Verstehens‹, insbesondere aber zum Phänomen des Nichtverstehens eine revidierte hermeneutische Epistemologie nahelegen. Das hier skizzierte Projekt möchte solche Konturen und Kategorien einer ›anoetischen‹ Subjektivität nachzeichnen, die das Nichtverstehen als Normalität menschlicher Weltbegegnung begreift, und im Umgang mit ästhetischen Objekten aus Literatur, Kunst und Musik produktiv machen. Damit verbindet sich zugleich die methodische Frage nach dem Grundriss einer philosophisch-ästhetischen Hermeneutik nach der Postmoderne, die im beirrenden Moment des Nichtverstehens ihren Ausgang findet.

Ich nehme an, Sie haben alles verstanden. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Schließlich kann man das Nichtverstehen als Normalität menschlicher Weltbegegnung begreifen. Wie sagte Wittgenstein so schön? Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.