Montag, 11. April 2022

When the music's over, turn out the light

Vor zehn Jahren gab es hier den Post Tote Hasen, weil an dem Tag dreißig Jahre zuvor die Band Tote Hosen ihren ersten Auftritt in Bremen hatte. Angekündigt als Tote Hasen. Der Post erreichte erstaunliche Zahlen, was ich erst später merkte. Der Grund dafür war, dass Trini Trimpop den Post auf Facebook empfohlen hatte. Das stand Jahre später in dem Post ohne Dich. Vor fünf Jahren wurde die Band hier wieder in dem Post Straßensperrung erwähnt. Dies hier ist ein HiLo Blog, high und low. Die Popular Culture spielt hier immer wieder eine Rolle, ich habe meinen Leslie Fiedler gelesen. Ich nehme mir heute ein Gedicht, das etwas mit diesem Thema zu tun hat. Es ist von Rolf Dieter Brinkmann, einem Dichter, der auch immer wieder in diesem Blog vorkommt. Vor zwei Jahren habe ich sein Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat hier vorgestellt, ich hatte mir gedacht, das liest niemand. Aber es ist viele tausend Mal angeklickt worden.

Das Gedicht heute (leider nicht vollständig) heißt Vage Luft, es wurde zuerst 1972 in dem Band Satzbau: Poesie und Prosa aus Nordrhein-Westfalen (herausgegeben von Hans Peter Keller) veröffentlicht. Einzelne Sätze fanden sich schon ein Jahr zuvor in Brinkmanns posthum herausgegebenen Tagebuch Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand. Es ist ein Gedicht aus der Zeit eines Umbruchs im Denken des Dichters, er wendet sich von der Pop Literatur ab: die ganze Rebellion mit Pop, Untergrund, den Leuten dort, den Linken usw. usw. und damit den verschiedenen Versuchen und Verhaltensweisen ist für mich vorbei. Und auch seine Übersetzungen neueren amerikanischer Lyrik verwirft er: Die USA-Dinger hätte ich gar nicht machen dürfen. Das schreibt er, als er in Rom in der Villa Massimo ist und sich neu erfindet. 

Er hatte in seiner Pop-Phase das wahrgemacht, wovon Leslie Fiedler in Cross the Border – Close the Gap gesprochen hatte: Out of the world of Jazz and Rock, of newspaper headlines and political cartoons, of old movies immortalized on T.V. and idiot talk shows carried on car radios, new anti-Gods and anti-Heroes arrive, endless wave after wave of them. […] In the heads of our new writers they live a secondary life, begin to realize their immortality: not only Jean Harlow and Marylin Monroe and Humphrey Bogart, Charlie Parker and Louis Armstrong and Lennie Bruce, Geronimo and Billy the Kid, the Lone Ranger and Fu Manchu and the Bride of Frankenstein, but Hitler and Stalin, John F. Kennedy and Lee Oswald and Jack Ruby as well; for the press mythologizes certain public figures, the actors of Pop History, even before they are dead – making a doomed President one with Superman in the Supermarket of Pop Culture, as Norman Mailer perceived so accurately and reported so movingly in an essay on John F. Kennedy.

Nach seinem Gedichtband Gras 1970 hatte Brinkmann gesagt, dass er keine Gedichte mehr schreiben würde, aber dann schrieb er doch wieder: Westwärts 1&2. Ein subjektives Buch, ohne Rücksicht auf die herrschenden literarischen Konventionen und es kann ebenso gut als ein zusammenhängendes Prosabuch, Gedichtbuch wie Essaybuch gelesen werden. Der Rowohlt Verlag hatte Brinkmann gezwungen, dreiundzwanzig Langgedichte und ein 89 Seiten langes illustriertes Unkontrollierten Nachwort zu meinen Gedichten wegzulassen. Die vollständige Ausgabe erschien zum dreißigsten Todestag des Dichters 2005:

Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht Zeichen … Die Gedichte, die ich hier zusammengestellt habe, sind zwischen 1970 und 1974 geschrieben worden, zu den verschiedensten Anlässen, an den verschiedensten Orten, ob sie gut sind? fragst Du. Es sind Gedichte. Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier. Das Buch erschien bei Rowohlt wenige Tag nach Brinkmanns Tod in London.

Er war nach England gereist, um am Cambridge Poetry Festival teilzunehmen: Gerade habe ich nach England geschrieben wegen eines Cambridge International Poetry Festivals im nächsten Jahr, im April, wozu man mich eingeladen hat und wohin ich fahren werde und meine neuen Gedichte vortrage, eine hübsche Vorstellung für mich, meine Gedichte woanders vorzulesen als hier, schreibt er 1974 an einen Freund. Es gibt einen Mitschnitt von seinem Auftritt in Cambridge. Er hat ein Vorausexemplar von Westwärts 1&2 und liest daraus Sommer (eine freie Übesetzung von John Ashberrys Summer) und Rolltreppen im August. Michael Hamburger hatte ihn dem Publikum vorstellt. Brinkmann spricht schnell und gehetzt, es ist kein gutes Englisch: My name is Rolf Dieter Brinkmann. I'm coming from Cologne. Cologne is a dark, industrial city. There is very little poetry in it, every day. And that perhaps makes my poetry very simple, the beautiful simplicity is a dream. This dream can't happen. [...] I think that poems are not much necessary today, as one believes. Because there are so much easier and lovelier things to do, every day. For example, I've never been fucked with a poem. And when the poem ends, what's happening then? Really, what's happening then, when the poem ends? It's just like as in a ruling rock'n'roll song, by Jim Morrison, who said: When the music's over, turn out the light.

Den ersten deutschen Pop-Autoren hat man ihn genannt. Er wollte nicht mehr schreiben, er hat sich mit all seinen Freunden verkracht, seine Frau Maleen will sich scheiden lassen. Aber jetzt schreibt er doch wieder. Die ganze Popscheiße hat er hinter sich gelassen. Also mit einem Gedicht wie diesem:

In der Tageszeitung steht die Nachricht
vom Tod des Sängers Jim Morrison, USA, der
in einer Badewanne in Paris gestorben ist

und dem ich gern zugehört habe, Otis
Redding schon lange tot, Jimi Hendrix
an der eigenen Kotze erstickt und Brian

Jones schwimmt kühl und ohne Gefühl
im Planschbecken seines Landhauses. Das
ist das elektronische Zeitalter. Der

Schmerz wird auf sechzehn Spuren
verzerrt, die Schizophrenie ist eine
Sache des Gehörs. Was mich betrifft
nicht.

Ich stecke mir Ohropax ins Ohr, um die
Gegenwart des 20. Jahrhunderts ertragen
zu können. Das nennt man die persönliche
Flucht.

Sonntag, 10. April 2022

Nu wahr di Bur, de Garr de kum


Der Gottorfer Herzog Friedrich I, der 10. April 1533 starb, war zehn Jahre lang König von Dänemark und Norwegen. Vor ihm war sein älterer Bruder Johannes, den man allgemein Hans nannte, König von Dänemark und Norwegen. Und auch noch König von Schweden. Christian, der Vater der beiden, war der erste Herzog von Schleswig-Holstein. Er kam aus Oldenburg, die Dänen hatten den Grafen von Oldenburg und Delmenhorst zum König gewählt. Das dänische Königshaus hatte seitdem Oldenburg und Delmenhorst im Wappen, erst die Königin Margrethe hat darauf verzichtet, eine Gräfin von Delmenhorst zu sein. Das steht schon in dem Post Delmenhorst, da steht auch, dass ich das Kaff, aus dem als Berühmtheit Sarah Connor kommt, gut kenne, weil ich da mehrere Jahre als Soldat stationiert war.

Christian I. wurde mit dem Vertrag von Ribe Herr von Schleswig und Holstein, wobei beide Teile zum dänischen Reich gehörten. Dass se bliwen tosamende up ewig ungedelt, stand in der Urkunde. Dem Christian fehlt noch ein bisschen zu seinem Glück, und das ist das hier gelb gezeichnete Nordfriesland. Die Dithmarscher Bauern wollen sich aber nicht unterordnen. Sie gehören zum Erzbistum Bremen und haben eine päpstliche Bulle, die ihnen das bestätigt, Hamburg und Bremen unterstützen sie. Christian lässt das Ganze erstmal wie es ist. Aber seine Söhne, die den Rest des Landes unter sich aufgeteilt haben, die wollen auch diesen gelben Fleck:

De König wol to dem Hertogen sprak: 
»Ach Broder, harteleve Broder,
Ach Broder, hartleveste Broder min,
Wo wille wi dat nu beginnen,
Dat wi dat frie, rike Ditmarschen Lant
Ane unsen Schaden mögen gwinnen?


So klingt es in einem alten plattdeutschen Lied. Der König Hans fordert die Dithmarscher auf, sich unterzuordnen, aber die denken nicht daran:

Und von den Bauern Wolf Isebrand der sprach: Er mag nur kommen;
Wir haben aus keines Königs Hand dies Land zu Lehen genommen. 
Wir sind zudem vom Aufrechtgehn versteift in unsren Hälsen;
Und wer seine Schlösser auf Marschgrund baut, der baut sie nicht auf Felsen.
Dies Land ist unser, wir haben‘s im Kampf der Sturmflut abgerungen,
Wir bangen vor keines Königs Zorn, wir, die wir das Meer bezwungen.

So heißt es bei Theodor Fontane. Was nun kommt, ist die Schlacht von Hemmingstedt, der Untergang des dänischen und holsteinischen Adels am Dreiseelentag des Jahres 1500. Der König Johann hatte Meldorf erobert, seine Söldner sollen viele Menschen umgebracht und die Stadt geplündert haben. Johann war schon dabei, mit seinen mehr als zehntausend Mann abzuziehen. Im Schneetreiben. Auf einer sehr schmalen Straße, links und rechts umgeben von tiefen Gräben und dem Moor. Da können sich die gepanzerte Reiterei und seine angeworbenen Söldner, die Schwarze Garde, nicht bewegen. An der von Wulf Isebrand nachts aufgeworfenen Schanze vor Hemmingstedt kommt das Heer zum Stehen. Als einer der ersten fällt der Bannerträger Hans von Ahlefeldt, elf weitere Ahlefeldts werden sterben. Es sterben auch zwei Grafen von Oldenburg, die Neffen von König Johannes. Viele der Ritter sterben nicht durch das Schwert, sie ertrinken mit ihren schweren Rüstungen im Moor neben der Straße, die Dithmarscher haben die Deiche durchstochen. 

Der dänische Historiker Anders Sørensen Vedel kommentiert 1591 in seinem Hundertliederbuch das Lied Koning Hans drager ind i Dytmersk oc mister it stort antal Krigsfolck mit folgendem Text: Dieses Gedicht handelt von dem Krieg, den König Hans mit seinem Bruder, dem Herzog Friedrich von Holstein, gegen die Dithmarscher führte im Jahr des Herrn 1500. Was ihnen unglücklich erging wegen solcher Ursache, dass sie es zu der unbequemsten Zeit des Jahres angingen und sich zu sehr auf ihre eigene Stärke und große Kriegsmacht verließen und darüber hinaus ihre Feinde verachteten, welche den Vorteil  bekommen hatten und sie einzwängten auf einigen engen Deichen, die deshalb wegen Wasser und Wetter nicht dazukamen, ihre Schlachtordnung aufzustellen und damit nieder zu kämpfen. Diese Schlacht geschah am 17. Tag des Februar im genannten Jahr in der Nähe von Hemmingstedt in Dithmarschen. Und es wurden erschlagen und ertranken in den Kanälen und kamen im Unwetter um an die 4.000 Männer und darüber hinaus vornehme Adelspersonen sowohl aus dem Reich als aus den Herzogtümern mit den beiden Grafen Otto und Adolf von Oldenburg. Ein jämmerliches Schauspiel und bemerkenswertes Beispiel, dass niemand seine Feinde verachten soll, besonders nicht an den Stellen, wo ungleiche Vorteile bestehen.

Die Schlacht ist in unzählige Lieder, Gedichte und Geschichten gewandert. Ob es die Jungfrau Telse von Hochwöhrden, die die friesische Fahne getragen hat, gegeben hat, das weiß man nicht. Der Titel des Posts heutigen Posts Nu wahr di Bur, de Garr de kum ist die erste Zeile eines Gedichts von Klaus Groth, das 1853 in der zweiten Auflage von Quickborn gedruckt wurde. Mein Vater konnte das Gedicht auswendig, er kam aus der Gegend. Das habe ich schon in dem Post Theodor Storm gesagt. Das Gedicht kommt aus einer anderen Zeit, aber vielleicht ist es heute wieder aktuell:

»Nu wahr di Bur, de Garr de kumt«, vun Möldorp jagt se her,
De Helm un Panzers schint as Gold, as Sülwer schint de Per.
Kong Hans un all wat Adel kumt mit groten Larm un Schall,
De Wulf de lurt mit wücke Burn bi Braken achtern Wall.
Vun Möldorp trock dat swart hendal, wul dörtig dusent Mann:
Vun Wörden il en lütten Tropp, en Mäden gung væran.
»So hölp uns Herr, du hest dat Rik in Himmel un op Eer!«
Wulf Isebrand störtt ut de Schanz, twee Hunnert achterher.
Un op de Panzers fulln de Släg', un Rüters in den Sand,
Un vun de Geest dar kaamn de Burn, un de Floth keem æwert Land.
Un dal vun Heben full de Snee, op Per un Minsch de Släg',
Blank war dat Moor un witt de Geest, un blödi warn de Steg'.
De Buern schregen: stekt de Per un schont de Rüterknechts!
Un sprungn barfot mit Kluwerstöck un slogen links un rechts.
Un reten inne Gröben dal un störtten se in Slamm,
Bet Minsch un Veh sik drängn un drungn all langs den smallen Damm.
»Nu wahr die Garr, de Bur de kumt!« he kumt mit Gott den Herrn,
Vun Heben fallt de Snee heraf, de Floth de stiggt vun nerrn.
Un wit ut alle Dörpen her kumt Hölp un frischen Moth:
»Nu schont de Per – de ridt wi noch – un slat de Rüters dot!«
In Slick un Slamm sack menni Herr, de sunst op Siden leeg,
Int Swinmoor liggt nu menni Een, de harr en golden Weeg.
Keen Nam so grot int Holstenland un nich in Dännemark,
Dar ligt se nu ahn Krüz un Steen, dar ligt se ahn en Sark.
De Garr de full mit Junker Slenz, so grot un stolt he weer,
De lange Reimer Wimersted de keem un steek em dær.
Mit nauer Noth, in Angst un Sorg keem König Hans dervan;
In Möldorp leet he Beer un Win un Bradens inne Pann.
Dat gev en Smaus na Noth un Dod, un Friheit weer dat Arf.
Dat mak de Düwels Isebrand un de Dusenddüwelswarf!

Samstag, 9. April 2022

Fellini

Heute ist derTodestag von Viktor von Scheffel, über den könnte ich schreiben, aber der hatte hier vor sechs Jahren schon den schönen Post Trevi Brunnen. In dem es natürlich auch ein Bild von Anita Ekberg in Federico Fellinis Film La Dolce Vita gab. Seit sie 1960 im Trevi Brunnen gebadet hat (was übrigens polizeilich verboten ist), geht uns das Bild nicht mehr aus dem Kopf. Anita Ekberg war hier zuletzt in dem Post nouvelle vague suédoise, vorher tauchte sie schon in den Posts Cinecittà und die Mode, Sergei Bondartschuk, Ingmar Bergman und Bibi Andersson auf. Und sie taucht auch in meinem heutigen Gedicht auf, das Fellini`s dreams heißt, geschrieben von dem Iren Gerard Smyth.

Ich finde es ein wenig erstaunlich, dass ich hier noch nie über Fellini geschrieben habe. Gut, er kommt in Cinecittà und die Mode und in vielen anderen Posts vor, aber es gibt keinen richtig großen Fellini Post. Sein Kollege Michelangelo Antonioni hat dagegen mehrere Posts. Und Visconti kommt hier mit Ossessione und temps perdue auch schon vor ... Ich mag Fellini, ich habe beinahe all seine Filme gesehen, viele habe ich auf DVD, Drehbücher besitze ich auch, auf jeden Fall alles, was bei Diogenes erschienen ist. Und dennoch: kein Fellini Post im Blog. Das steht so in dem Post Felliniesque, ich hoffe, dass es hier irgendwann etwas mehr Fellini geben wird. Ich fange heute mal mit dem Gedicht Fellini`s dreams an:

Fellini recorded his dreams
in sketch books and diaries.
Dreams in which he saw his obituary on the page
and made love to glamorous Anita Ekberg.

On those warm nights of Roman heat
or when cool sea-breezes blew from the Adriatic
his sleep was haunted: he saw himself with Passolini
walking into the unlit alley
or dancing with Fred and Ginger
through the cinemas of Rimini.

Fellini dreamed of more Hiroshimas
and falling among thieves.
His dreams appeared as allegories
in the shooting script for Amarcord:
the scene with the ship strung with lanterns,
a floating carnival to light up the fascist years.


Freitag, 8. April 2022

Heurigen-Hölderlin


Am achten April 1945, als die Rote Armee Wien eroberte, hat der österreichische Dichter Josef Weinheber Selbstmord begangen. Er war als Dichter ein berühmter Mann in Österreich, man nannte ihn wegen seines Alkoholkonsums auch den Heurigen-Hölderlin. Neben aller Berühmtheit und Beliebtheit war er aber auch ein Antisemit und Nazi. 1944 hatte ihn Hitler in die Gottbegnadeten Liste aufgenommen. Wie umgehen mit einem solchen Dichter? Kann man das Werk beurteilen und den Autor vernachlässigen? Wahrscheinlich gilt für Weinheber vieles von dem, was schon über Louis-Ferdinand Céline gesagt wurde. Weinheber, der sich hier selbst portraitiert hat, hat 1935 das Gedicht Dem Führer geschrieben:

Deutschlands Genius, Deutschlands Herz und Haupt, 
Ehre Deutschlands, ihm so lang ' geraubt, 
Macht des Schwertes, daran die Erde glaubt.
Fünfzig Jahr und ein Werk aus Erz.
Übergroß, gewachsen an dem Schmerz.
Hell und heilig, stürmend himmelwärts.
Retter, Löser, der die Macht bezwang.
Ernte Du auch, dulde Kranz und Sang:
Ruh' in unsrer Liebe, lebe lang!

Weinheber kam von ganz unten, er wollte nach ganz oben. 1926 hatte er gesagt: Ich will nicht ein Lyriker sein, ich will ‚der‘ Lyriker sein. Wenn Lyrik gesagt wird, soll es Weinheber heißen, Weinheber und Lyrik ein und dasselbe. Und in dem Jahr schrieb er auch in seiner Sammlung in hora mortis:

Selbst hab ich mich zum strengen Werk berufen.
Nicht diese öde Zeit ists, der ich diene.
Um Gnade werbe ich mit trotziger Miene
verlassen, sterbe ich an Altars Stufen.
Ich kann vom Weg nicht weichen. Wenn die Gnade
mir Gott nicht schenkt, das Opfer anzuschauen,
so muß ich seinem Fluche mich vertrauen,
der ich mein Herz mit hoher Pflicht belade.
Doch keinem Lebenden sei Recht gegeben,
mit seichtem Spruch und leichtem Überheben
an meinem Werk zu biegen und zu beugen.
In einem hoffnungslosen Kampfe falle
ich weit voran, kein Mann der Ruhmeshalle, -
Jedoch der Ehre wert, daß Jene schweigen.

Das Gedicht erschien 1934 in dem Band Adel und Untergang des Adolf Luser Verlags. Im selben Verlag, der den Nazis sehr nahe stand, erschien ein Jahr später seine Sammlung Wien wörtlich. Die beiden Bücher machten ihn schlagartig zu einer nationalen Berühmtheit. Und das sind nicht nur seine volkstümlichen Verse, nicht seine Ode an die Straßen Adolf Hitlers oder die pathetischen Selbstbeweihräucherungen. Da gibt es plötzlich auch richtig gute Gedichte, wie zum Beispiel Platz am Hof von 1935:

So ist er am schönsten: Wenn mit blauern
Lasuren winters der Abend beginnt,
wenn zwischen Himmel und grauen Mauern
weiße Dächer die Grenzen sind.

Wenn sanft im Zwielicht die nebligen Sonnen
der hohen Bogenlampen aufgehn
und aus den Fenstern, gelb und verronnen
zögernde Lichter herübersehn.

Wenn aus der Härte der Welt entglitten,
mit Formen, himmlisch und ungenau,
die schlanke Mariensäule inmitten
aufragt, ein schwarzes Zepter im Grau:

Dann wird der Platz ganz Traum, und am Ende
verschwimmt er in seltsam gestrigem Licht,
indes überm Düster der Buden und Stände
Schnee fällt - weiß und leise und dicht..


Donnerstag, 7. April 2022

Schröder


Gerhard Schröder hat heute Geburtstag. Soll man gratulieren? Kann man gratulieren? Darf man gratulieren? Er ist hier im Blog kaum zu finden. Es gibt einen schönen kunsthistorischen Artikel zu dem
Hamburger Kunstsammler Johann Heinrich von Schröder, und auch Atze Schröder wird hier schon erwähnt. Der Gas Gerd bekommt ein paar Sätze im Nachruf auf meinen Freund Kelly. Und eine Erwähnung in dem Brioni Post. Wo man allerdings auch lesen kann, dass Gedichte in der Welt von Schröder eine Rolle spielen. Vor Jahren stand in der Zeit: Gelegentlich, wenn die Stimmung danach ist oder wenn er einfach nur zeigen will, daß er das kann, dann zitiert Gerhard Schröder ein Gedicht von Rilke. In jungen Jahren, so erzählt er, habe er eines Tages begonnen, Gedichte Rilkes auswendig zu lernen. Einfach so, weil sie ihm gut gefielen. Als er 1998 seinen Antrittsbesuch in Frankreich machte, hat er dort Rilkes Herbsttag vorgetragen. Das hat er auch 2004 bei Beckmann gemacht und letztens auf Instagram

1998 in Paris war das Gedicht ja ganz passend, Rilke hatte das Gedicht Herbsttag 1902 in Paris geschrieben, und der Herbst hatte gerade begonnen, als Schröder nach Frankreich kam. Aber es einmal zu zitieren, wäre genug gewesen, das ist nichts für Talkshows und Instagram. Bei mir gibt es heute ein Gedicht von Schröders Namensvetter Rudolf Alexander Schröder über einen alten Mann, das ist vielleicht ganz passend.

Mit altem Mann geht's wunderlich:
Hat viel gelernt, muss viel verlernen.
Ihm ist, als wollt sein eigen Ich
Sich leis aus ihm entfernen.

Des Abschiednehmens lichte Zeit
Verzehrt das flockichte Gewimmel;
In goldner Wölbung hoch und weit
Blaut über ihm der Himmel.

Noch weist zu Füßen mir die Flur,
Als wär's durch Spiegel des Geschehens,
Die alt-vertraute Zauberspur
Des Kommens und des Gehens.

Die alt-vertraute Zauberspur,
Trotz alles Haderns, Zorn und Grämens
Geliebt, warum? - Und ist doch nur
Die Spur des Abschiednehmens.

O Abschiednehmen, goldne Zeit,
Gern bin ich deines Winks gewärtig,
Vom Ziel des Weges nicht mehr weit
Und dennoch reisefertig!

Mir altem Mann geht's wunderlich,
Hab viel verlernt, muss Neues lernen. -
S'ist an der Zeit: befreunde dich
Der Nacht und ihren Sternen.

Mittwoch, 6. April 2022

die kleinen Dinge

Ich besitze seit Jahrzehnten eine kleine schwarze Holzschale, die ein wenig so aussieht wie diese Schale von dem Designer Simon Legald. Es war ein Geschenk meiner Mutter. Ist von Harjes, hatte sie dazu gesagt. Harjes bedeutete im Ort etwas. Den Kunsthandwerk Laden von Harjes in der Sagerstraße (unten zur Hafenstraße hin) liebte sie. Alles im Haus, was aus Bronze, Kupfer oder Messing war, stammte von Harjes. Meine kleinen Schnapsgläser auch. Ich hatte keine richtige Verwendung für die Schale, obgleich mir der Name Harjes hätte sagen sollen, dass dies hier ein Designobjekt war. Ich stellte sie auf die Fensterbank und füllte sie mit allerlei Krimskrams.

Beim Frühjahrsputz habe ich jetzt einmal alles aus der Schale herausgenommen und die Schale mit Möbelpolitur behandelt, da war sie wieder wie neu. Und da merkte man ihr an, dass es nicht nur eine simple Schale war, sondern eigentlich ein Kunstobjekt. Sorgfältig gedrechselt, alle Fasern des Holzes parallel. Meinem Freund Uwe, der Kunstprofessor war, würde das gefallen. Bevor er der deutsche Keramikspezialist wurde, hat er Holzarbeiten gemacht und mir erklärt, worauf es beim fachmännischen Verarbeiten ankommt. Dierk Böckenhauer, der Mitglied im Bundesverband Kunsthandwerk ist, wusste, was er machte, als er meine schwarze Schale gedrechselt hat. Eine richtige Verwendung für die Schale habe ich immer noch nicht, jetzt ist sie einfach nur schön, a thing of beauty is a joy forever.

Die Geschichte der Firma Harjes beginnt 1912, als der Gürtlermeister und Metallbildhauer Friedrich (Fidi) Harjes seine Firma aufmacht. Nach dem Ersten Weltkrieg ist er nach Worpswede auf Heinrich Vogelers Barkenhoff gezogen und hat auch in der Worpsweder Arbeitsschule mitgearbeitet. Vogeler hat Harjes einen seiner fleißigsten Mitarbeiter genannt, er brauchte ihn, weil er hoffte, dass mit den Produkten der Metallwerkstatt etwas Geld in die leeren Kassen der Künstlerkommune kommt. Doch Harjes verlässt 1922 den Barkenhoff und zieht nach Bremen. Man trennt sich in Freundschaft, wie es auf dieser informativen →Seite der Firma Harjes heißt.

Aber in Wirklichkeit hasst Vogeler den Anarcho-Syndikalisten und fanatischen Vegetarier inzwischen. Hier hat er ihn 1919 mit Frau und nackten Kindern portraitiert, Arbeitsschule Barkenhoff heißt das Bild. Es sind keine Schweine auf dem Bild, aber es waren mal Schweine auf dem Bild. Die hat Vogeler auf Verlangen des Vegetariers Harjes übermalen müssen. Harjes ist für Vogeler zu einem Zertrümmerer geworden: wir setzen alle Mittel daran ihn loszuwerden, schreibt er. Das Verhältnis war schon vorher gespannt, wie man Vogelers Brief an den Pazifisten Pierre Ramus aus dem Jahre 1921 entnehmen kann: Fidi ist das kritische Element auf dem Hofe und bedeutet wohl das beste Gegengewicht in seiner scheinbaren Negation zu Vogeler, der, zu sehr im Zukünftigen verankert, das naheliegende der täglichen Wirklichkeit manchmal übersieht. In Vogelers 1952 (auf Wunsch von Wilhelm Pieck) veröffentlichten Erinnerungen gibt es ein Kapitel, das Zersetzungserscheinungen heißt, von Freundschaft zwischen ihm und Fidi ist da nicht mehr die Rede.

Harjes wusste, dass er in der Kommune von Vogeler nicht weiterkam. Vogeler wird ihm nie verzeihen, dass er alles Werkzeug und Gerät aus seinem Studio mitgenommen hat, Vogeler betrachtete das als Besitz der Kommune. Im 1925 erschienenen Katalog Kunst und Kunstgewerbe in Worpswede wird Harjes nicht erwähnt. Der Mann, den Vogeler immer als den Metallarbeiter bezeichnete, hatte sich in Bremen schon einen Namen gemacht; er macht jetzt große Arbeiten für das Chilehaus in Hamburg und für die Bremer Baumwollbörse, deren Präsident Dr A.W. Cramer sein Mäzen wird und ihm die neue Werkstatt in St Magnus finanziert. Wenn die Baumwollbörse ihrem Präsidenten 1930 zum fünfundsiebzigsten Geburtstag gratuliert, dann ist die Bronzemedaille wohl von Fidi Harjes. Die Metallkunstwerkstatt Harjes gibt es heute in der vierten Generation immer noch. Die Werkstatt ist heute in Meyenburg, den Laden in Vegesack hat man aufgegeben. Meine bei Harjes gekaufte schwarze Schale steht inzwischen auf meinem Schreibtisch, ich lege meine Lesebrille da rein, dann weiß ich immer, wo sie ist.

Die kleinen Dinge des Alltags, dazu habe ich ein kleines Gedicht. Es ist von William Carlos Williams und heißt This Is Just To Say. Wahrscheinlich war es mal ein Zettel, den der Dichter seiner Frau auf den Küchertisch gelegt hat:

This Is Just To Say 

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet

and so cold

Dienstag, 5. April 2022

strange music

Am 5. April 1946 wurde die dritte Sinfonie von Charles Ives in New York aufgeführt, vierzig Jahre nachdem der Komponist sie geschrieben hatte. Ein Jahr später bekam er für das Werk den Pulitzer Preis. Ives war für das Publikum der große Unbekannte in der amerikanischen Musik, er suchte nie die Öffentlichkeit. Er hatte einen ganz anderen Beruf, er hatte mit seinem Freund Julian Myrick eine Versicherungsgesellschaft gegründet, die einmal die größte Gesellschaft Amerikas war. Hier haben wir einen Millionär, der nebenbei Musik schreibt, das ist eine erstaunliche Sache. Bei arte gab es vor Tagen die Sendung The Unanswered Ives - Wunderkind – Wall-Street-Gigant – Klangpionier, die ist noch vier Wochen in der Mediathek.

Ich muss bekennen, dass ich mal eine schwere Charles Ives Phase hatte. Ich besitze noch viele LPs aus der CBS Masterworks Serie mit den seltsamen Landschaften auf dem Cover. Das Bild hier ist von Henri Rousseau, auf der Platte von der vierten Symphonie ist ein Bild von Grant Wood. Die geheimnisvollen Bilder passen zu der geheimnisvollen Musik. Nicht, dass ich sie verstehen würde, aber ich höre sie gern. Charles Ives hat viele Lieder geschrieben, manche nach eigenen Texten. Denen man häufig seine Beeinflussung durch die amerikanischen Transzendentalisten Emerson und Thoreau anmerken kann. Und von denen nehme ich heute eins als Gedicht. Es heißt Walking, und es ist das siebenundsechzigste Lied der Sammlung von einhundertvierzehn Liedern. Es ist mit dem Jahr 1902 datiert, aber wahrscheinlich hat Ives es noch früher geschrieben. Vielleicht noch, als an der Yale University Musik studierte und seine erste Sinfonie als Examensarbeit schrieb.

Walking

A big October morning,
the village church-bells,
the road along the ridge,
the chestnut burr and sumach,
the hills above the bridge
with autumn colors glow.
Now we strike a steady gait,
walking towards the future,
letting past and present wait,
we push on in the sun,
Now hark! Something bids us pause…
But we keep on a walking,
’tis yet not noon-day,
the road still calls us onward,
today we do not choose to die
or to dance, but to live and walk.