Donnerstag, 1. September 2022

nullkommanix

Die neue Benutzeroberfläche, die Google seinen Bloggern oktroyiert hat (Neben einigen anderen Google-Produkten hat auch Blogger ein völlig neues Design erhalten. Die neue, klare Benutzeroberfläche soll für eine einfachere Bedienerführung in Ihrem Blog sorgen), hat auch, wie ich jetzt zähneknirschend zugeben muss, einige Vorteile. Vor allem für die Freunde der Statistik. Ich bin zwar überzeugt, dass alle diese Zahlen nicht stimmen, aber jetzt kann man auch sehen, wie häufig ein bestimmter Post vor zwei Jahren gelesen wurde. Und da gibt es etwas Erstaunliches zu vermelden. Wenn ich über James Bond oder Mode schreibe, dann wird das tausendfach gelesen, das ist mir klar gewesen. Aber jetzt kann ich zum ersten Mal sehen, dass Posts zu Malern, Dichtern und Philosophen noch viel, viel  häufiger gelesen wurden. Das gefällt mir natürlich. Ich hätte im November niemals damit gerechnet, dass Gerhard Neumann und Temps retrouvé so viele Leser finden würden. Hier können Sie die Monatsstatistik des Monats November sehen: ein einziger Tag, an dem es nicht mindestens 1.000 Leser gab (wo waren Sie eigentlich am 17.11.?). Damit ist dieser Blogger zufrieden. Denn wie Stendhal schreibe ich für die happy few.

Das stand vor zehn Jahren in dem Post Unterm Strich, und diese Monatsstatistik war jahrelang typisch für meinen Blog. Aber jetzt ist alles anders, der Leserschwund, den ich schon häufig beklagte, nimmt dramatische Formen an. Ich glaube nicht wirklich, dass die Leser verschwunden sind, ich glaube, dass Google die Zahlen fälscht. Gestern hatte ich drei Leser. Der erste klickte mich um sieben Uhr an, die beiden anderen kam um sechzehn und siebzehn Uhr. Dazu fällt mir jetzt nix ein. Außer dem Gedicht von Günter Eich, das ich schon vor drei Jahren in dem Post verschwindende Leser zitierte:

In Saloniki weiß ich einen
der mich liest
Und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei

Ich hatte damals Stendhal bewusst zitiert, er wusste, dass er wenig Leser hatte. Es war kein Zufall, dass er den Roman La Chartreuse de Parme mit dem in Versalien gesetzten to the happy few beendete (Thackeray wird das Zitat seinem Roman Vanity Fair voranstellen). Stendhals Buch De l'amour verkaufte sich überhaupt nicht. Im Vorwort zu der zweiten Auflage wandte er sich an seine wenigen Leser:

Je n'écris que pour cent lecteurs, et de ces êtres malheureux, aimables, charmants, point hypocrites, point moraux, auxquels je voudrais plaire; j'en connais à peine un ou deux. De tout ce qui ment pour avoir de la considération comme écrivain, je n'en fais aucun cas. Ces belles dames là doivent lire le compte de leur cuisinière et le sermonnaire à la mode, qu'il s'appelle Massillon ou Mme Necker, pour pouvoir en parler avec les femmes graves qui dispensent la considération. Et qu'on le remarque bien, ce beau grade s'obtient toujours, en France, en se faisant le grand prêtre de quelque sottise.

Avez-vous été dans votre vie six mois malheureux par amour? dirais-je à quelqu'un qui voudrait lire ce livre.

Ou, si votre âme n'a senti dans la vie d'autre malheur que celui de penser à un procès, ou de n'être pas nommé député à la dernière élection, ou de passer pour avoir moins d'esprit qu'à l'ordinaire à la dernière saison des eaux d'Aix,—je continuerai mes questions indiscrètes, et vous demanderai si vous avez lu dans l'année quelqu'un de ces ouvrages insolents qui forcent le lecteur à penser? Par exemple, l'Émile de J.-J. Rousseau, ou les six volumes de Montaigne? Que si vous n'avez jamais été malheureux par cette faiblesse des âmes fortes, que si vous n'avez pas l'habitude, contre nature, de penser en lisant, ce livre-ci vous donnera de l'humeur contre l'auteur, car il vous fera soupçonner qu'il existe un certain bonheur que vous ne connaissez pas, et que connaissait Mlle de Lespinasse. 

Falls Ihnen der Name Mlle de Lespinasse nichts sagt, lesen Sie doch mal ihre Briefe. Und lesen Sie nicht diesen Blog, den niemand mehr liest. Le Rouge et le Noir gibt es übrigens seit 2004 in einer sehr schönen neuen Übersetzung von Elisabeth Edl. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Dienstag, 30. August 2022

vor zehn Jahren


Am 30. August 2012 hatten mich 10.414 Leser angeklickt. Seit dem Januar des Jahres war ich im Netz, man kannte mich noch nicht. Aber immerhin: zehntausend Leser in acht Monaten. Das wusste ich aber alles nicht, weil ich diese Seite mit der Statistik noch nicht entdeckt hatte. Am 30. August 2012 gab es hier ein Bild dieser Frau, die gerade vierzig geworden war; sie sieht heute bestimmt immer noch gut aus. Es gab aber in dem Post noch mehr. Nämlich ein Gedicht von e.e. cummings, das Cameron Diaz in dem Film In Her Shoes bei der Hochzeit ihrer Schwester vorträgt. Es ist ein schönes Gedicht, ich stelle es heute noch einmal hier hin.

i carry your heart with me (i carry it in
my heart) i am never without it (anywhere
i go you go, my dear; and whatever is done
by only me is your doing, my darling)
i fear
no fate (for you are my fate, my sweet) i want
no world (for beautiful you are my world, my true)
and it’s you are whatever a moon has always meant
and whatever a sun will always sing is you

here is the deepest secret nobody knows
(here is the root of the root and the bud of the bud
and the sky of the sky of a tree called life; which grows
higher than soul can hope or mind can hide)
and this is the wonder that's keeping the stars apart

i carry your heart (i carry it in my heart)

Der Post Cameron Diaz hatte vor zehn Jahren 658 Leser. Wenn dieser Post heute ein paar Leser mehr findet, dann habe ich die Zahl von fünfeinhalb Millionen Lesern erreicht.

Sonntag, 28. August 2022

С днем ​​рождения


Ich kaufe CDs, ich kaufe Oberhemden, ich kaufe Bücher. Ich kaufe mehr Bücher als Oberhemden. Dass ich viel lese, können Sie dem Post perlegi entnehmen. Vieles von dem, das ich lese, wandert in diesen Blog. Dies hier jetzt auch, ich habe mir nämlich nach langem Zögern die von der Kritik gefeierte Neuübersetzung von Krieg und Frieden gekauft (ich habe hier eine zwanzigseitige Leseprobe für Sie). Kostete mich bei Medimops vierundzwanzig Euro portofrei. Ich halte zwar nichts von den Firmen Momox und Medimops, das habe ich schon in dem Post Retouren gesagt, aber manchmal hat Medimops eben unschlagbare Preise. Ich lese jetzt Krieg und Frieden zum dritten Mal. Es sind 2.258 Seiten. 

Ich werde nicht alles lesen, nur das, was mir wichtig ist. Was vielleicht auch das ist, was Tolstoi wichtig war. Wie zum Beispiel die Geschichte mit dem Hauptmann Tuschin, der nichts Offizierhaftes an sich hat und eine Art Komplementärfigur zu Mütterchen Russland ist. Der seinen General, den Fürsten Bagration (der im Film genau so aussieht wie auf den Portraits, die es von ihm gibt), auf eine seltsame Weise grüßt: wobei er mit einer verlegenen, ungeschickten Bewegung, ganz und gar nicht in der Weise, wie Militärpersonen zu salutieren pflegen, sondern eher ähnlich wie Geistliche den Segen erteilen, drei Finger an den Mützenschirm legte. Er wird zum stillen Helden der Schlacht bei Schöngrabern: Wohin er feuern solle und mit welcher Art von Geschossen, darüber hatte Tuschin von niemandem Befehl erhalten; sondern er hatte sich mit seinem Feldwebel Sachartschenko, vor dessen Sachkenntnis er großen Respekt hatte, beraten und war zu der Ansicht gelangt, daß es zweckmäßig sei, das Dorf in Brand zu schießen. Der Hauptmann hat Respekt vor der Sachkenntnis des Feldwebels, in der Welt der Fürsten im Stabsoffiziersrang ist von Respekt für die Feldwebel nicht die Rede.

Ich bin spät im Leben zu Tolstois Roman Krieg und Frieden gekommen, aber als ich anfing ihn zu lesen, hatte ich schon ein halbes Dutzend Verfilmungen gesehen, natürlich auch den Film von Sergei Bondartschuk. Den habe ich inzwischen auf einer DVD (der Link führt Sie zum ersten Teil des Films, alle anderen Teile finden Sie an derselben Quelle). Und wenn Sie in einer Minute alles über den Film wissen wollen, dann klicken Sie diese Seite an.

Die Übersetzerin Barbara Conrad, der die Wikipedia keine Seite zugesteht, hat über ihre Übersetzung gesagt: Nun also nach langer Zeit eine neue Übersetzung, ein weiterer Versuch der Annäherung in einer Zeit, in der sich das (deutsche) Stilgefühl entwickelt und verändert hat, Regelverletzungen, sprachliche Manierismen eher akzeptiert werden. Tolstoi wollte auf keinen Fall so schreiben »wie alle«, und »alle, das ist Turgenjew, das ist flüssige, korrekte Rede, Tolstoi aber brauchte das Aufgerauhte, brauchte die Schattierungen, brauchte sogar das Vulgäre, Grobe, brauchte improvisierte, nicht literarisch geschleckte Satzgebilde«, wie Boris Eichenbaum in seiner großen Tolstoi-Monographie schreibt. Entsprechend verändert ist nun auch die Blickrichtung der neuen Übersetzung. Denn der Stil, eher: die Sprachen Tolstois sind keine Zufallsprodukte, wie sich schon an dem über den gesamten Text gespannten feinen Netz von Entsprechungen erkennen ließe, sie folgen vielmehr sorgfältigem Kalkül – wie es Tolstois Manuskripte deutlich zeigen. Gorki, dessen Erinnerungen an Tolstoi von seinem großen Verständnis für den Autor zeugen, hat das Bewusste, das Raffinierte dieser Sprache bei einem Gespräch so charakterisiert: »Sie glauben, es wäre ihm leichtgefallen, dieses Knorrige? Er konnte sehr gut schreiben. Er hat es bis zu neunmal durchgestrichen – und beim zehnten Mal endlich war es dann knorrig.«

Tolstoi hat heute (nach dem Julianischen Kalender) Geburtstag. In der Ukraine wird man das nicht feiern. Da gibt es jetzt keine Tolstoi-Straßen mehr, die U-Bahn Station Ploshcha Lva Tolstoho in Kiew wird einen anderen Namen bekommen. Und der stellvertretende ukrainische Bildungsminister Andrij Witrenko hat vor Monaten erklärt, dass alle Werke, die die russische Armee verherrlichen, wie etwa Tolstois Roman Krieg und Frieden, aus dem Lehrplan für ausländische Literatur gestrichen werden. Nun hat die Beschreibung der Verteidigung der russischen Heimat gegen Napoleon bei Tolstoi sehr wenig mit den Greueltaten von Putins Armee in einem anderen Land zu tun. David Walsh findet auf der Seite des World Socialist Web diese Haltung der ukrainischen Regierung ein wenig seltsam: Das Vorgehen der Ukraine ist sowohl böswillig wie auch absurd. Die Direktorin des Ukrainischen Buch-Instituts Oleksandra Koval hat erklärt, dass nach ihrer Schätzung mehr als 100 Millionen Exemplare sogenannter Propaganda Bücher aus den öffentlichen Bibliotheken der Ukraine entfernt werden müssen. Natürlich auch die Klassiker der russischen Literatur. Was macht man mit den Büchern? Verbrennen? Wir kennen das, wir hatten so etwas schon einmalDas war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen, heißt es bei Heinrich Heine.

In dem Post Roman Kutusow habe ich die ukrainische Autorin Oksana Sabuschko zitiert, die gesagt hat, dass Tolstoi Schuld am Ukraine Krieg habe. Mathias Greffrath hat dieser Dummheit in der NZZ energisch widersprochen. Glücklicherweise. Ich schütte mir heute ein kleines Gläschen russischen Wodkas ein. Den habe ich einmal von einem Freund geschenkt bekommen, der in seinem Arbeitsleben Professor für russische Literatur war. Ich muss ihn mal fragen, wie er Rolle der russischen Literatur heute sieht. Vielleicht so wie der Autor von Oblomow, den Thomas Mann in Meerfahrt mit Don Quijote zitiert: Iwan Gontscharow wurde während eines Sturmes auf hoher See vom Kapitän aus seiner Kajüte geholt: er sei ein Dichter, er müsse das sehen, es sei großartig. Der Verfasser des 'Oblomow' kam an Deck, sah sich um und sagte: 'Ja, Unfug, Unfug!'

25.000 Ukrainer haben übrigens eine Petition an Volodymyr Zelensky unterschrieben, wonach die Statue der Kaiserin Katharina in Odessa durch ein Monument für einen amerikanischen schwulen Pornostar namens Billy Herrington ersetzt werden soll. Ja, Unfug, Unfug!



Samstag, 27. August 2022

Reigen


Wenn Sie die Posts Arthur Schnitzler, die richtigen Männer und Radetzkymarsch gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich Arthur Schnitzler mag. Und deshalb muss ich heute mal eben kurz erwähnen, dass am 27. August der Film Der Reigen von Max Ophüls nach dem Theaterstück von Arthur Schnitzler bei der Biennale in Venedig seine internationale Uraufführung hatte. Schnitzler hatte die erste Fassung des Stücks 1897 fertiggestellt. Die erste Aufführung fand 1912 in Budapest statt, in ungarischer Sprache. Die erste vollständige Aufführung mit der Zustimmung des Autors gab es Weihnachten 1920 am Kleinen Schauspielhaus in Berlin. Es wurde einer der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts.

Der Kritiker Alfred Kerr schrieb: Darf man Stücke verbieten? – Nicht mal, wenn sie schlecht geschrieben sind und schlecht gespielt werden. Hier aber ist ein reizendes Werk, – und es wird annehmbar gespielt. Der Erfolg war gut; die Hörerschaft wurde nicht schlechter davon. Und die Welt ist, zum Donnerwetter, kein Kindergarten. […] Einen Augenblick Rast und Besinnung! Es wird auf die Dauer zu fad, von allen wichtigsten Begleitumständen der menschlichen Fortpflanzung sich tot zu stellen; sich dumm zu stellen. Eine langdauernde Hypnose. Die Einteilung ‚Altertum‘, ‚Mittelalter‘, ‚Neuzeit‘ ist im Grunde verfrüht. Reigen heißt hier Liebesreigen. Und Liebe heißt hier nicht platonische, sondern… Also: angewandte Liebe. Sie wird angewandt ohne Gröbliches, Lüsternes, Schmieriges zwischen zehn Menschenpaaren. Und zwischen allen Gesellschaftsklassen. Stets das Hinübergreifen von einer Schicht zur andren. Voltaire hat im „Candide“ Ähnliches vorgemacht. Die Reihenfolge bei ihm ist: Stubenmädel; Franziskaner; alte Gräfin; Rittmeister; Marquise; Page; Jesuit; Matrose des Columbus… Auch hier ist also von der so oft erstrebten Überbrückung der Klassenunterschiede wenigstens einiges durchgeführt. Die seelische Tragikomik des körperlichen Begebnisses hat ja auch der himmlische Hogarth in zwei Bildern unsterblich festgelegt: „Vorher“ und „Nachher“ benannt. Die Welt steht immer noch. Nicht Schmutzereien: sondern Lebensaspekte. Auch das Vergängliche des Taumels; das Komisch-Trübe des Schwinden des Trugs. Alles umhaucht von leisem, witzigem Reiz.

Schnitzler schrieb 1922: Unter den zahlreichen Affären meines Lebens ist es wohl diese letzte, in der Verlogenheit, Unverstand und Feigheit sich selbst übertroffen haben. Er bat den S. Fischer Verlag, keine weiteren Aufführungen des Stückes mehr zu genehmigen. Sein Sohn verlängerte nach seinem Tod dieses Aufführungsverbot. Erst ab dem 1. Januar 1982 war das Stück für das Theater freigegeben. Aber dann jagte eine Aufführung die andere, der Reigen wurde Schnitzlers erfolgreichstes Theaterstück. Es hat eine Vielzahl von Verfilmungen gegeben, aber der Film von Ophüls bleibt ein Klassiker. Ist heute hier zu sehen. Ist wahrscheinlich auch besser als das heutige Fernsehprogramm.

Donnerstag, 25. August 2022

Wetterbericht



Dieses schöne Buch habe ich bei booklooker für fünfundzwanzig Cent gekauft. Hardcover, neuwertig. Hinten im Buch war ein kleiner Klebezettel, auf dem Gratuliere zu diesem Buch stand. Den hatte die Verkäuferin da hineingeklebt. Der Lesetip zu Peter Webers Der Wettermacher kam von einem Leser. Irgendwann wäre ich vielleicht selbst darauf gekommen, denn in diesem Blog ist viel vom Wetter die Rede. Das fing 2010 mit dem Post Wetter an und hörte erstmal in diesem Jahr mit dem Nachruf auf F.C. Delius auf, der eine Dissertation mit dem Titel Der Held und sein Wetter geschrieben hat. Und dazwischen gab es die Posts Wintersonnenwende, Vulkane, SoFi, Weihnachtsgeschenke, Horace Walpole, Friedrich Halm, Parapluie, Regenschirme, Das Wetter von morgen, Otto Ludwig und Aurora, alle mit viel Wetter.

Als das Buch des Schweizer Autors 1993 erschien, kostete es 36 Euro. Zwei Wochen nach dem Erscheinen war es in der dritten Auflage. Unter dem Titel Wettern: Eine cholerische Klangmeteorologie für zwei Stimmen und behutsam instrumentalisiertes Klima gab es sogar ein Hörspiel. Der Autor wurde über Nacht zu einer Berühmtheit, man sah in ihm einen neuen Max Frisch. 1994 erhielt Weber den Förderpreis des Bremer Literaturpreises, die Laudatorin war Sibylle Cramer. Wahrscheinlich stand in ihrer Rede dasselbe, das 1993 in ihrer Rezension in der taz zu lesen war. Cramer war ein klein wenig kritisch und stimmte nicht in die allgemeine Lobhudelei ein. Sie können hier den informativen Bericht von Hajo Steinert über die Entstehung des Romans lesen. Was, zum Beispiel, wäre aus einem Buch wie 'Der Wettermacher', dem ersten Roman des Schweizer Autors Peter Weber, geworden, hätte es nicht diese Flut positiver Besprechungen gehabt? fragte Wolfgang Hilbig. Von dem Ruhm der Jahre 1993 und 1994 ist wenig übrig geblieben, Webers dritter Roman Bahnhofsprosa kassierte schon satte Verrisse. Und seine Büchr werden antiquarisch zu Ramschpreisen gehandelt.

Im Klappentext des Buches findet man diese Sätze: Dies ist die unsägliche Geschichte des August Abraham Abderhalden, dem es grundsätzlich und endgültig die Sprache verschlägt, der zugeknöpft wird, wiederholt auf den Mund fällt, sich die Zunge abbeißt, den Kiefer bricht, an seinem zwanzigsten Geburtstag aber Wettermacher wird. Dies ist die Geschichte des ersten Aprils neunzehnhundertneunzig, an dem das Wetter macht, was es will, mit der Sonne der Knopf aufgeht, der Wettermacher die Zeit zum Stillstehen bringt, der Welt den Kopf verdreht, zwischen Haus und Bahnhof seine Liebe sucht und findet. Dies ist die Geschichte der wundersamen Landschaft Toggenburg, die am Himmel festgemacht ist, durch die der Erzählfluß fließt, in die hinein die Brüder Freitag Melchior und August Abraham gepflanzt werden, aus der heraus die Familie Abderhalden kommt. Nicht nur am ersten April macht das Wetter, was es will, unser Autor macht mit der Sprache, was er will. Beim 'Wettermacher' ging es um Stilvielfalt, rhythmische Variationen, Wechselmut, Aprilwetter eben, hat er Autor in einem Intrview mit der NZZ gesagt. Ursprünglich lautete der Titel des Romans April

Es ist ein gigantischer erzählerischer Aprilscherz, den der Autor aus der wundersamen Landschaft Toggenburg, die am Himmel festgemacht ist, durch die der Erzählfluß fließt uns da serviert. Aber er ist nicht der erste Schriftsteller aus dem Toggenburg, denn da war einer, der gesagt hat: Die Welt ist zu klein für mich. Deshalb werde ich mir in meinem Kopf eine neue erschaffen. Das ist ein Satz, der auch das Motto des Romans Der Regenmacher sein könnte. Ulrich Bräker, der arme Mann aus dem Toggenburg, hat natürlich mit Toggenburg schon einen Post in diesem Blog. Auch den Titel Der Wettermacher hat es in der Literatur schon gegeben, so heißt eine Geschichte von Johann Peter Hebel aus dem Jahre 1819, eine der sieben Geschichten mit dem Zirkelschmied. Mein Freund Peter in Hamburg sagt immer, dass viel zu wenig Johann Peter Hebel in meinem Blog ist. Aber in dem langen kulturhistorischen Post Holländer kommt Hebel vor. Und in dem Post Heidegger habe  ich auf Robert Minders wichtigen Essay Heidegger und Hebel oder die Sprache von Meßkirch hingewiesen. Und vielleicht schreibe ich irgendwann einmal über das Bergwerk von Falun, diese Geschichte, die Ernst Bloch die schönste Geschichte der Welt genannt hat.

Samstag, 20. August 2022

Die Liebe vom Zigeuner stammt


Die Oper Carmen gab es gestern bei mir vor der Tür. Der Blücherplatz war schon um sieben Uhr voll. Angenehme Temperaturen, nicht das Gewitter von vor vier Tagen. Es ist nicht das erste Mal, dass auf dem Platz eine Oper gespielt wird, Daniel Karasek ist da sehr rührig. Bevor die Oper um acht begann (sie wurde von der Aufführung auf dem Rathausmarkt hierher gestreamt), gab es für das Publkum eine kleine Einführung. Diese Hilfestellung, die wir geben, ist sehr sinnvoll, sagte Karasek. Und er sagt über die Oper, die von Liebe, Träumen, Eifersucht und Leidenschaft handelt: Sie muss tragisch und ein wenig schmutzig am Ende sein, sie muss kratzen. Die Oper ist ein Bereich, der uns konfrontiert mit den Sehnsüchten, die wir sonst nicht leben. Da ist natürlich die Musik der Träger schlechthin für diese unerfüllten Dinge, die wir in uns tragen. Nach der Vorstellung konnten die Zuschauer, wenn sie rechtzeitig zuhause waren, im ZDF noch die Carmen aus Verona sehen.

Bizets Oper ist nicht meine Lieblingsoper, ich mag sie eigentlich gar nicht. Ich habe zwar alles über die Oper gelesen, und ich lasse meine schöne Buchhändlerin unter der Dusche L'amour est un oiseau rebelle Que nul ne peut apprivoiser singen, aber damit hört es auch schon auf. Ich lasse meine schöne Buchhändlerin das natürlich auf französisch singen, nicht dieses deutsche Die Liebe vom Zigeuner stammt. Das geht nun gar nicht. Ich habe die Oper 1964 im Opernhaus Hannover gesehen. Das Erlebnis steht in dem Post NikolaustagIch erwähne die Oper nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die Sängerin kannte.

Ich habe hier eine sehr gute Zusammenfassung und noch eine Visualisierung der Handlung für Sie. Die Habanera darf nicht fehlen, es gibt sie hier einmal von der Callas und einmal von Anna Caterina Antonacci, die etwas weniger bekleidet ist als die Callas. Das Stück ist ja zu Tode genudelt worden. André Rieu hat es nicht ausgelassen, der Jazzmusiker Rolf Kühn, der zwanzig Jahre mit Judy Winter verheiratet war, hat es auch gespielt. Wenn Ihnen das alles zuviel ist, habe ich hier noch eine Version ohne Ton. Den Ernst Lubitsch Film Gipsy Blood von 1918 habe ich auch für Sie. Und den Softporno Die nackte Carmen aus dem Jahre 1984 kann ich auch noch anbieten. Das ist nun aber genug.

Freitag, 19. August 2022

die Postbotin


Gott, war das junge Mädchen hübsch. Sie mochte vielleicht zwanzig sein, hatte rote Haare und Sommersprossen. Und trug eine nagelneue Postuniform. Vielleicht war dies ihr erster Tag. Sie war schon mit den Nerven fertig, als sie klingelte, die Hälfte der Post fiel ihr auf den Boden. Wir hoben sie gemeinsam auf. Dann schleppte sie ihre gelbe Plastikkiste voller Post die Treppe rauf. Es war Sonnabend, halb vier. Das war neu, dass die Post um halb vier kam. Dass überhaupt an einem Sonnabend Post kam. Montags kommt ja nie mehr Post. Man gewöhnt sich dran. Das Mädchen brauchte lange, bis sie mit ihrer Plastikkiste durch die vier Stockwerke gekommen war. Ich wartete. Als sie die Treppe wieder herunterkam, reichte ich ihr eine Packung von Walkers Ginger Shortbread. Nervennahrung für unterwegs, sagte ich. Jetzt war sie wirklich am Heulen. Sie bedankte sich. 

Ich gewöhnte mich an die neuen Zeiten, meistens sah ich die Postboten nicht, die schmissen die Post, die nicht durch den Briefschlitz der Tür passte, einfach vor die Tür. Aber nicht die Hübsche, die klingelte immer. Und lächelte mich an. Gestern klingelte um halb zehn ein Postbote. Den kannte ich, er war früher immer unser Postbote. Jetzt ist er Springer, hat er mir erzählt. Wir reden immer miteinander, er kriegt auch manchmal einen Zehner. Jetzt hatte er den ganzen Arm voller Maxibriefe. Sie haben diese Woche keine Post bekommen, sagte er. Das hatte ich gemerkt. Meine Kollegin hat noch Schwierigkeiten, erklärte er mir. Vielleicht ist die Post nicht das Richtige für sie. Wenn ich François Truffaut wäre, dann würde ich ihr eine Hauptrolle in einem Film anbieten, aber leider bin ich nicht François Truffaut, der wusste, dass die ganze Filmkunst daraus bestand de faire de jolies choses à de jolies femmes. Die Kunst des Lebens auch.