Donnerstag, 10. Dezember 2020

Notre Dame d'Amiens


Was schlimm ist
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist...

Das hat Gottfried Benn in seinem Gedicht Was schlimm ist einmal gedichtet. Fremdsprachen sind für viele ein Problem. Die Engländer sind die einzigen, die keine Fremdsprache beherrschen müssen, die sprechen einfach etwas lauter. Schließlich hat ihnen ja auch mal die halbe Welt gehört. Als Proust zu schreiben beginnt, auf jeden Fall.

Englisch muss man können. Proust konnte es nicht, aber er hat zwei Werke, La Bible d'Amiens und Sésame et les Lys, des von ihm verehrten John Ruskin übersetzt. Obgleich er, wie gesagt, eigentlich kein Englisch konnte. Aber er bewundert den englischen Stil. Er trägt Schlipse und Querbinder von der englischen Firma Liberty's (er hat sie in allen Farben) und kauft seine Schuhe in dem Luxusgeschäft Old England am Boulevard des Capucines. Schwarze geknöpfte Lackstiefel, Halbstiefel natürlich. Nichts anderes (Sie können ihn mit solchen Schuhen in dem Post Morning Coat sehen). Seine Anzüge und seine Morning Coats kommen von der Firma Carnaval de Venise in der Rue Halevy, die haben einen englischen Schneider, der kommt zu Proust ins Haus. Und dann sieht er so aus wie all die Herren des Pariser Jockey Clubs auf dem Bild von Charles Tissot. Der Herr ganz rechts ist übrigens das Vorbild für die Romanfigur Charles Swann, der ein Freund des Prince of Wales ist.

Ob die Herren alle Englisch konnten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich reichte es, wenn sie den Clubnamen aussprechen konnten. Doch auch wenn Prousts Englischkenntnisse dürftig sind, er ist wirklich anglophil, das sagt uns Professor Daniel Karlin in dem hochinteressanten Buch Proust's English (Oxford University Press 2005). Und Proust liebt die englische Literatur, das hat er selbst gesagt: C’est curieux que dans tous les genres les plus différents, de George Eliot à Hardy, de Stevenson à Emerson, il n’y a pas de littérature qui ait sur moi un pouvoir comparable à la littérature anglaise et américaine. L’Allemagne, l’Italie, bien souvent la France me laissent indifférent. Mais deux pages du 'Moulin sur la Floss' me font pleurer.

Es kommen viele englische Wörter in der Recherche vor, schon gleich am Anfang verwirren sie den Erzähler: Comme il est gentil! il est déjà galant, il a un petit œil pour les femmes: il tient de son oncle. Ce sera un parfait gentleman, ajouta-t-elle en serrant les dents pour donner à la phrase un accent légèrement britannique. Est-ce qu’il ne pourrait pas venir une fois prendre a cup of tea, comme disent nos voisins les Anglais; il n’aurait qu’à m’envoyer un « bleu » le matin.
   Je ne savais pas ce que c’était qu’un « bleu ». Je ne comprenais pas la moitié des mots que disait la dame, mais la crainte que n’y fut cachée quelque question à laquelle il eût été impoli de ne pas répondre, m’empêchait de cesser de les écouter avec attention, et j’en éprouvais une grande fatigue.

Ruskins Bible of Amiens, die Proust übersetzen will, strotzt vor Anspielungen auf die Bibel, weil er die Skulpturen an der Westfassade der Kathedrale wie eine Bibel liest. Und da hat Proust wieder ein Problem als Übersetzer: es ist nicht nur das fehlende Englisch, er ist auch nicht wirklich bibelfest. Er bittet seine Freundin, die Comtesse Anna de Noailles, ihm eine Bibelübersetzung zu empfehlen. Der Sohn einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters liest jetzt ein Buch, das er nicht kennt. Er liest das Buch gründlich, der Italiener Alberto Beretta Anguissola behauptet in seinem Buch Proust e la bibbia, dass Proust die Bibel besser kannte als die besten Studenten des Päpstlichen Bibelinstituts in Rom.

Im Vorwort seiner Übersetzung von Ruskin gesteht Proust, dass er für die Arbeit (für die er seinen Roman Jean Santeuil aufgab) ständig die Bibel benutzt habe: Jedes Mal, wenn Ruskin in die Konstruktion seiner Sätze als Zitat oder häufiger noch als Anspielung eine Erinnerung an die Bibel einfügt, so wie die Venezianer in ihre Gebäude die sakralen Statuen und wertvollen Steine, die sie aus dem Osten geholt hatten, einfügten, habe ich versucht, die Stelle genau zu belegen, damit der Leser, wenn er die Veränderungen erkennt, die Ruskin den Versen antut, um sie sich anzueignen, die immer gleiche, geheimnisvolle Chemie der originellen und spezifischen Arbeitsweise von dessen Geist wahrnimmt. 

Proust hatte Gehilfen bei seinen Übersetzungen, seine Mutter konnte sehr gut Englisch und in Venedig, wo er 1900 mit der Übersetzung begann, traf er Marie Nordlinger (Bild) die Cousine seines Freundes Reynaldo Hahn. Er hat sie in sein Vorwort hineingeschrieben: I would therefore have nothing to add here were I not anxious to express again my gratitude to my friend Miss Marie Nordlinger who has... consented to go over this translation, often making it less imperfect. Die Künstlerin Marie Nordlinger war bis zu Prousts Tod mit ihm im Kontakt und hat später seine Briefe herausgegeben.

Für den Fall, dass ihm sein Exemplar von Ruskins Bible of Amiens verlorengehen sollte, schreibt er den Namen des venezianischen Hotels in das Buch: Marcel Proust / Hotel de l’Europe / 61 steht in dem Buch, das die französische Nationalbibliothek seit 1969 besitzt. Und Ruskin mit seinem Werk The Stones of Venice ist auch sein Wegführer durch Venedig: Mais il va falloir, les 'Pierres de Venise' à la main, aborder à toutes les églises et à ces demeures, à demi dressées, délicieuses et roses, hors des eaux où elles plongent, étudier chaque chapiteau, demander une échelle pour distinguer un relief dont Ruskin nous signale l'importance et que, sans lui, nous n'aurions jamais aperçu. Die Stadt ist für ihn eine Art de musée intact et complet de l'architecture domestique pendant le Moyen âge et la Renaissance — le sublime Moyen âge et la fatale Renaissance, — que d'enseignements inépuisables et merveilleux Venise va nous donner, maintenant que Ruskin va faire parler ses pierres. Ohne Ruskin kann man die Kunst von Venedig und Amiens nicht verstehen, versichtert uns Proust, Ruskins gläubigster Bewunderer, ja, man könnte schon Jünger sagen. Einen directeur de conscience nennt er den Engländer.

Man kann die Westfassade der Kathedrale und das Tympanon mit ihren Kunstwerken lesen wie die Bibel, wie Ruskin es macht. Alle Skulpturen haben einen religiösen Bezug, das ist heute für Kunsthistoriker eine Plattitüde. Als ich die Kathedrale Notre Dame d'Amiens zum erstenmal sah, interessierte mich das alles nicht. Ich kletterte auf den Turm und konnte neben den gotischen Wasserspeiern über die mäandernde Somme und die halbe Picardie gucken. Das ist im Sommer ein wunderbarer Anblick. 

Ich war sechzehn, das Studium der Kunstgeschichte, in dem ich die Vorlesung von Professor Wolfgang J. Müller über französische Kathedralen hörte, lag noch in weiter Ferne. Aber ich photographierte mich mit meiner Werra durch die Kathedrale, ich war da häufig drin: es war so schön kühl, draußen waren es mehr als dreißig Grad. Ein Priester, der Deutsch konnte, erzählte mir, dass hier der Heilige Martin getauft wurde, dass er hier seinen Mantel zerschnitten hat. Und er erzählte mir eine seltsame Geschichte: In jeder Nacht vor der Feier des Kriegsendes wurde die amerikanische Flagge aus dem Mittelschiff der Kathedrale von Amiens gestohlen und vor der Kirche verbrannt. Die Franzosen mochten die Amerikaner damals nicht. An jeder kahlen Mauerwand, an der keine Dubonnet-Reklame klebte, stand: Ami go home! Habe ich photographiert.

Die Amerikaner haben, so sagten die Franzosen, bei der Invasion sinnlos jedes kleine Dorf, in dem sie deutschen Widerstand vermuteten, platt gewalzt. Amiens ist zu mehr als der Häfte zerstört worden; die Kathedrale hat die Bombardierung überstanden, sie war im Inneren durch Sandsäcke geschützt. Die Zerstörungen verzeihen die Franzosen den Amerikanern nie. 

Auf jeden Fall 1959 noch nicht. Ich bin mit einer Gruppe der Evangelischen Jugend in Frankreich in einem kleinen Kaff nördlich von Amiens, Versöhnung über Gräbern heißt das Programm. Sonntags fahren wir mit unserem Bus zum Gottesdienst zu der einzigen evangelischen Kirche in Amiens. Die ist in einer umgebauten Autowerkstatt und riecht auch noch so. Irgendwie wäre mir jetzt der Weihrauchgeruch der Kathedrale lieber. In dieser Großartigkeit von farbigem Glas und Steinmassen kann man das Gefühl haben, dass man Gott nahe ist, in der Autowerkstatt nicht unbedingt. Und so habe ich die Kathedrale damals photographiert, als ich aus der Autowerkstatt kam. Ich wollte etwas Weltliches, ein bisschen Elektrik ins Spiel bringen,

Bevor Ruskin Amiens für sich entdeckte, war es die Kirche von St Wulfran in Abbeville, die ihn faszinierte. Ihr Südtor (hier von ihm gezeichnet) war für ihn one of the most exquisite pieces of flamboyant Gothic in the world. Reisende konnten offenbar dem Ort Abbeville nichts abgewinnen, Ruskin schreibt: About the moment in the forenoon when the modern fashionable traveller, intent on Paris, Nice, and Monaco, and started by the morning mail from Charing Cross, has a little recovered himself from the qualms of his crossing, and the irritation of fighting for seats at Boulogne, and begins to look at his watch to see how near he is to the buffet of Amiens, he is apt to be baulked and worried by the train’s useless stop at one inconsiderable station, lettered 'Abbeville'. 

As the carriage gets in motion again, he may see, if he cares to lift his eyes for an instant from his newspaper, two square towers, with a curiously attached bit of traceried arch, dominant over the poplars and osiers of the marshy level he is traversing. Such glimpse is probably all he will ever wish to get of them; and I scarcely know how far I can make even the most sympathetic reader understand their power over my own life. Ich muss gestehen, dass ich ähnlich Ruskins modern fashionable traveller dem Ort nichts abgewinnen konnte, er hatte nicht diese power over my own life. Das einzige, das ich im Gedächtnis habe, war die krächzende Stimme im Lautsprecher des Bahnhofs, die Ici Abbeville, Ici Abbeville plärrte.

Als Ruskin im Jahre 1900 starb, hat Proust zwei Nachrufe geschrieben. Der im Figaro abgedruckte hieß Pèlerinages Ruskiniens en France, Wallfahrten zu den Orten, an denen man seiner gedenken könne. In seinem Vorwort zu seiner Übersetzung von The Bible of Amiens nimmt Proust diese Formulierung wieder auf: Je voudrais donner au lecteur le désir et le moyen d’aller passer une journée à Amiens en une sorte de pèlerinage ruskinien. Ce n’était pas la peine de commencer par lui demander d’aller à Florence ou à Venise quand Ruskin a écrit sur Amiens tout un livre. Et, d’autre part, il me semble que c’est ainsi que doit être célébré le 'culte des Héros', je veux dire en esprit et en vérité. Nous visitons le lieu où un grand homme est né et le lieu où il est mort ; mais les lieux qu’il admirait entre tous, dont c’est la beauté même que nous aimons dans ses livres, ne les habitait-il pas davantage?

Proust hofft, dass seine Übersetzung die Franzosen dazu bringen wird, Pèlerinages Ruskiniens zu unternehmen: Je n’en espère pas moins que vous irez à Amiens après m’avoir. Seine eigene Wallfahrt zur Kathedrale ist kurz, sehr kurz. Er fährt mit seinem Freund Léon Yeatman, mit dessen Frau Madeleine er schon zuvor die Kathedrale von Rouen besucht hatte, am 7. September 1901 nach Abbeville. Die beiden Herren besichtigen St Wulfran, Yeatman nimmt dann am Bahnhof den Zug nach Paris, Proust den nach Amiens. Er isst in Amiens in der Bahnhofsgaststätte zu Abend und schaut sich am nächsten Tag Frankreichs größte Kathedrale an. Diese Zeichnung will er aus dem Gedächtnis gemacht haben, aber das glaube ich nicht so ganz, er muss beim Zeichnen vor der Kirche gestanden haben. Die Details kriegt man aus der Erinnerung nicht so hin. Oder Proust vielleicht doch. Weil bei ihm alles Erinnerung ist.

Vielleicht doch nicht? Proust kann für seine Skizze auch ein Photo verwendet haben. Bilder enthält Ruskins Werk kaum, aber dafür enthält L'art religieux du xiiie siecle en France von Emile Mâle beinahe hundert Bilder, die Vierge dorée von Amiens bekommt sogar ein ganzseitiges Photo. Proust merkt schnell, dass hier ein wirklicher Kunsthistoriker schreibt, kein emphatischer Schwärmer wie Ruskin. Und so wird Mâles Buch, das immer noch ein Standardwerk ist (es ist unter dem Titel Die Gotik: Kirchliche Kunst des 13. Jahrhunderts in Frankreich bei Belser erschienen), für ihn zu einer Bibel bei der Übersetzung von Ruskins Bible of Amiens. Er wird Emile Mâle, mit dem er seit dem Jahr 1900 korrespondierte, die Erstausgabe seiner Übersetzung mit einer schönen Widmung schicken und lange mit dem Professor für Kunstgeschichte der Sorbonne in Kontakt bleiben. Das Exemplar des Buches, das er sich von seinem Freund, dem Comte Robert de Billy, geliehen hat, gibt er dem nach vier Jahren völlig zerfleddert zurück. Weshalb sich der Millionär Marcel Proust das Buch nicht selbst gekauft hat, weiß ich nicht.

Ich habe zuhause ein kleines Bild (25 x 44 cm), das ohne Vorlage aus der Erinnerung gemalt wurde. Es ist in Blautönen gehalten, weil es aus meiner blauen Periode stammt, das habe ich schon in dem Post Kunsterziehung erwähnt. Es ist eine Studie in Blau, zwei Türme, drei Portale und ein großer roter Fleck, da wo die große Rosette ist. Das Bild verzichtet auf die Details, auf alles, was Ruskin wichtig ist, aber man erkennt, dass es Notre Dame d'Amiens ist, meine Kathedrale.

Heute vor 101 Jahren hat Marcel Proust den Prix Goncourt für À l’ombre des jeunes filles en fleurs, den zweiten Teil seines großen Romans erhalten. Wegen seiner Beschäftigung mit Ruskin hatte er seinen Roman Jean Santeuil aufgegeben, aber durch die Arbeit an La Bible d'Amiens und Sésame et les Lys ist er zum dem Schriftsteller geworden, der sich mit A la recherche du temps perdu seine eigene literarische Kathedrale baut.

Dienstag, 8. Dezember 2020

Glasmalerei


Der Maler Max Emanuel Ainmiller, der heute vor 150 Jahren starb, war auf seinem Gebiet einer der berühmtesten Künstler des 19. Jahrhunderts. Er trat mit fünfzehn Jahren als Malerzögling, wie es so schön heißt, in die Porzellan Manufaktur Nymphenburg ein, wechselte aber schnell in die Glasmalereiabteilung der Manufaktur, die 1827 durch König Ludwig I als Königliche Anstalt für Glasmalerei gegründet worden war. Die Kunst der Glasmalerei, die einst in der Gotik schon einen Höhepunkt hatte, bekommt jetzt in der Neugotik eine neue Bedeutung. Ainmiller hat auch an der Münchener Akademie unter dem Architekten Friedrich Gärtner Architektur, Perspektive und Ornamentik studiert. Das merkt man seinen vielen Architekturbildern an, wie hier diesem Bild der Hochzeit von Wilhelm V von Bayern und Renata von Lothringen. Das war ein Hochzeitsgeschenk des Herzogs Max von Bayern an seinen Schwiegersohn Kaiser Franz Joseph. Bilder wie diese waren damals beim Publikum sehr gesucht.

Aber noch mehr suchte man den Glasmaler Max Ainmiller, der durch die Glasfenster des Regensburger Doms berühmt geworden war. Überall wollte man ihn haben, die Glasfenster des Doms von Glasgow sind von ihm, und auch in St Paul's in London oder dem Peterhouse College in Cambridge finden sich von ihm entworfene Fenster. Und dann ist da noch das von Kaulbach entworfene und von Ainmiller ausgeführte Fenster im Parlament von Edinburgh. Und natürlich im Kölner Dom, aus dem dieses Beispiel stammt. Als nach der Abdankung von König Ludwig I. die Königliche Anstalt für Glasmalerei, deren Inspektor Ainmiller war, aufgelöst wurde, übernahm er die Anstalt auf eigene Kosten und leitete sie bis zu seinem Tode. Ainmiller entwarf zu beinahe allen monumentalen Glasmalereien, die die Manufaktur in der Zeit von 1828 bis 1870 verließen, die Umrahmungen und die ornamentalen Teile.

Sein größtes Werk ist wahrscheinlich das Bayernfenster des Kölner Doms, dazu habe ich hier eine informative Seite. Der Kölner Dom hat ja sehr lange gebraucht, um fertig zu werden. Zwischen der Grundsteinlegung des Doms und den Glasfenstern von Ainmiller, die ein Weihegeschenk von König Ludwig I von Bayern waren, liegen 620 Jahre. Auf diesem Bild sehen Sie unten den Grundriss des Kölner Doms, oben den der Kathedrale von Amiens. Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Der Kölner Dombaumeister, den wir als Meister Gerhard kennen, muss zuvor in Frankreich gearbeitet zu haben. Und da wollte ich jetzt mit diesem kurzen Post hin, denn übermorgen gibt es hier einen langen Post über die Kathedrale Notre Dame d'Amiens.

Sonntag, 6. Dezember 2020

Nikolaus


Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.

Noch bevor man in der Schule Gedichte lernte, lernte man in Bremen diese Verse. Ich habe große Teile von Schillers und Goethes Gedichten vergessen, aber das Halli, Halli, Hallo, So geiht nah Bremen to, das vergisst man nicht. Und so durfte in diesem Blog im Dezember 2010 ein Post zum Nikolaus nicht fehlen, es war mein erster Nikolaustag als Blogger. Damals wusste ich noch nicht, wohin die Reise ging. Jetzt kennt mich die Welt. Darf man das so sagen? Meine Leser mögen mich, und ich mag meine Leser. Meine Leser mögen mich, weil ich Geschichten erzähle. Und nebenbei auch noch ein klein wenig Bildung vermittle. Und weil ich hemmungslos subjektiv bin. Ein Zettel mit Goethes Satz: Sieh, liebes Kind, das ist ein Vorzug, den die Leute haben, die nicht schreiben: sie kompromittieren sich nicht, klebt an meinem Schreibtisch. Also da, wo Herman Melville seinen Zettel mit dem Keep true to the dreams of thy youth kleben hatte.

Der Nikolaus Post, der zuerst Sünnerklaas hieß, ist in diesem Blog am 6. Dezember immer wieder mal aufgetaucht. Ich stelle ihn heute in der Version von 2010 hier hin. Ohne Bilder. Bilder konnte ich noch nicht. Jetzt kann ich alles. Ich wünsche meinen Lesern eine schöne Adventszeit.



Als die Winter noch kälter waren als in diesen Tagen, als die Straßenbeleuchtung noch spärlich war und der Schutzmann noch einen Tschako trug, da waren am Abend des Nikolaustages in Bremen lauter kleine Nikoläuse unterwegs. Der Heilige Nikolaus hieß in dieser Gegend auch Sünnerklaas, was plattdeutsch für Sankt Klaus ist. Je weiter man nach Holland kam, desto mehr verwandelte sich dieses Sünnerklaas (oder Sünnerklaus) zu Sinnerklaas. Es blieb aber immer der gleiche Heilige Nikolaus von Myra, der der Schutzheilige der Kinder und der Seefahrer ist. Weshalb auch jede Hafenstadt eine Nikolaikirche hat. Obgleich Bremen von den Amerikanern besetzt war, hatte Halloween mit trick-or-treat auf uns noch nicht abgefärbt. Bei uns gab es das Nikolauslaufen. Dazu musste man sich verkleiden, eine rote Mütze, ein falscher Bart und ein Stock (die symbolischen Reste des Bischofstabs) gehörten zu dem Outfit. Opas Spazierstock eignete sich hervorragend dafür. Und natürlich ein Sack, in den man die empfangenen Süßigkeiten wie Moppen und Spekulatius tat. Und man musste sein Sprüchlein an jeder Tür in der Nachbarschaft aufsagen:

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:

Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:

Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.


Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.


Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback - und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.

Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.

Vorleser gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.

Ich erwähne diese Oper nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die hübsche Sängerin kannte.

Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:

Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to

Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht.

Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das hat aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt & Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn (der für ihn den bösen Beinamen Kamerun bei Pumpe hatte) marschieren müssen, und das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Je mehr ich begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Schülerfilmclub


Du musst Dir unbedingt den Film 'Mord im Fahrpreis inbegriffen' angucken, sagte mir Ekke. Ich radelte in der Dunkelheit nach Blumenthal, um noch zur 20 Uhr Vorstellung zu kommen. Ich wusste, wo das Kino war, meine Tante Tilla wohnte im Haus nebenan. Ekkes Filmtips waren immer gut, ✺Compartiment tueurs war ein Klassefilm. Neben Yves Montand spielt da die ganze Crème de la Crème der Franzosen mit, Jean-Louis Trintignant und Michel Piccoli auch. Heute radelt niemand mehr in der Winternacht wegen eines Film von Vegesack nach Blumenthal, es gibt in Blumenthal kein Kino mehr. In Vegesack auch nicht.

Dabei hatten wir mal (wenn man das Kino in Hammersbeck mitzählt) vier Kinos im Ort. Oder fünf, wenn man das Capitol Kino in Grohn einbezieht. Da habe ich damals Bambi gesehen, als ich klein war. Dies hier ist ein Blick in die Scala in der Breiten Straße, da passten tausend Leute rein. Das Kino war 1917 als Vegesacker Lichtspiele eröffnet worden, war damals aber noch nicht so groß. Und es war auch nicht das erste Kino im Ort, das waren die Tonhallen in der Gerhard Rohlfs Straße, die schon 1888 im Bremer Adressbuch auftauchen. Sie hatten auch Säle für Festlichkeiten. Ich habe ein Photo aus den 1920er Jahren, auf dem mein Opa neben dem Bürgermeister Dr Werner Wittgenstein bei einer großen Festivität der Schlaraffia zu sehen ist. In den 1920er Jahren waren die Tonhallen auch die Heimat des Stadttheaters. Das 1953 eröffnete Kino Stadttheater Tonburg in der Gerhard Rohlfs Straße war dann das erste, das schloß, da zog ein scheußlicher Supermarkt namens Kepa ein.

Das Haus da hinten an der Ecke der Hafenstraße war einmal Brockmanns Hotel, es wurde 1955 ein Kino, das Roxy hieß. Kinos heißen aus ungeklärten Gründen immer Roxy oder Scala. So wie Hotels früher Bristol hießen. Das Roxy gehörte einem gewissen Herbert Bereit, die Scala auch, aber er versuchte zu vermeiden, dass das bekannt wurde. Das Roxy versuchte, ein wenig ein Filmkunsttheater zu sein, es hatte weniger Plätze als die Scala (es waren 403). Die Wandbespannung war ein häßlicher tabakbrauner Stoff, der Vorhang aus silberweissem Plüsch Lamée. Neben der Scala war noch eine Kneipe, in der scheinbar nur Schüler des nahegelegenen Gerhard Rohlfs Gymnasiums verkehrten. Da ist mir mal mein geliebter Tweedmantel geklaut worden, danach bin ich da nie wieder drin gewesen. Der geizige Bereit, mit dessen Sohn ich in der Volksschule gewesen war, hat sich geweigert, mir den zu ersetzen. Er soll noch zehn weitere Kinos in Bremen besessen haben, man weiß das nicht so genau.

Heute gibt es in ganz Bremen-Nord, das immerhin beinahe 100.000 Einwohner zählt, keine Kinos mehr. Wenn man ins Kino will, muss man nach Osterholz-Scharmbeck, Schwanewede (wo es noch einen Filmpalast gibt) oder Ritterhude fahren. Die Kinokultur ist zuende, auf jeden Fall in Bremen-Nord. Den Schülerfilmclub meines Gymnasiums gibt es auch nicht mehr, das Gymnasium ist auch nicht mehr da, wo es einmal war.

Mein Freund Ekke hatte nicht nur gute Filmtips, er konnte auch ganze Filme nacherzählen. Er hatte in den fünfziger Jahren als erster von uns  ✺Arsenic and Old Lace gesehen. Er hat mir den ganzen Film erzählt. Immer nach dem Sport, wenn wir vom Sportplatz den kleinen Berg der Poststraße hinauf zu Schule gingen. Er konnte den Film beinahe auswendig und spielte beim Gehen alle Rollen. Jede Woche. Je langsamer wir gingen, desto mehr bekam ich vom Film erzählt. Es hat Wochen gedauert, bis ich den Film kannte. Bis Martha Brewster Are you leaving, Doctor? sagt, und Peter Lorre Yes, please antwortet. Und der Film mit den Worten endet: Ich bin kein Taxifahrer, ich bin eine Kaffeekanne! Heute kann man jederzeit eine DVD einlegen. Aber das ist nicht dasselbe. Die Kunst des Filmerzählens erscheint noch nicht ganz ausgestorben, inzwischen gibt es für diese Art der Ekphrasis schon ein Festival des nacherzählten Films.

Unseren Schülerfilmclub habe ich schon häufiger hier erwähnt, zuletzt wahrscheinlich in dem Post Die Mädchen, wo es heißt: Der Film lief damals nicht in einem normalen Kino, sondern in einem Filmkunsttheater, hieß studio für filmkunst. Kleingeschrieben. So etwas gab es damals noch. Es gab auch überall Filmclubs. Selbst das Angebot der Filme in unserem Schülerfilmclub war auf hohem Niveau, wie zum Beispiel ✺Tod eines Radfahrers, ✺Sie küssten und sie schlugen ihn oder ✺Asche und Diamant. 

Es gab natürlich viel mehr, ich sollte noch Wilde Erdbeeren und Hiroshima mon amour erwähnen. Ich weiß nicht, ob man den ✺Schimmelreiter wirklich hätte zeigen müssen, es ist ja eine Art Propagandafilm der Nazis. Aber er hat doch ästhetische Qualitäten und war nach 1945 nie verboten, die FSK erlaubte ihn sogar ab sechs Jahren. Aber er passt natürlich nicht so ganz zu Truffaut, Andrzej Wajda, Resnais und Bergman.

Der Schülerfilmclub hatte den etwas hochtrabenden Namen Schülerfilmgilde, er war 1957 gegründet worden. Man kaufte ein Programm für das Schuljahr und war im Club (oder in der Gilde), und man hatte damit eine Eintrittskarte für die Welt des wirklichen Films: 1957 gab es in Deutschland Ferien auf Immenhof, in Italien Il Grido. Es gab in den fünfziger Jahren viele Filmclubs, unsere Gilde war der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Jugend-Filmclubs und-Gruppen angeschlossen. Nicht alle Schüler machten von dem Angebot guter Filme Gebrauch, 1965 war nur ein Drittel der Schüler des GRG Mitglied der Gilde. Kino gab es am späten Mittwochnachmittag in der Aula. 16 Millimeter, kein 35 Millimeter Kinoformat. Mein Klassenkamerad Wuddel hatte sogar in Bremen bei der Landesbildstelle einen Filmvorführerschein gemacht. Die Bestuhlung der Aula war der Schule von der Lürssen Werft gestiftet worden, das war hartes Holz. Selbst ein durchgesessener Rasiersitz im Kino war bequemer als diese Stühle. Die auch verhinderten, dass man mit seiner Freundin knutschte. Im Kino ging das, in der Aula nicht. Aber dennoch war die Schülerfilmgilde, ebenso wie der berühmte Chor unserer Schule, eine Art Eheanbahnungsinstitut.

Als die Schülerfilmgilde gegründet wurde, war das Haus für das studio für filmkunst am Herdentorsteinweg in Bremen noch nicht ganz fertig, aber Filme konnte man da schon sehen. Das Atlantis in der Böttcherstraße hatte auch immer ein gutes Programm. Da war ich häufig mit Peter, und einmal mit Traute, als wir dachten, wir könnten einfach so eine Kinokarte für Das Schweigen kaufen. Die hätte man damals drei Wochen vorher bestellen müssen, das gibt es heute wohl auch nicht mehr.

Das einzige Kino bei uns, in dem ich nie war, war das Kino in Hammerbeck. Ute wollte mit mir dahin, um ✺Wenn die Kraniche ziehen zu sehen, aber ich wollte nicht, ich hielt das für russischen Kitsch. Ich habe die Geschichte mit der kleinen Liebestragödie schon in den Post Sergei Bondartschuk hineingeschrieben. Ich habe Ute zu dem Kino nach Hammersbeck gebracht, wo schon eine Freundin auf sie wartete. Ute ist mir aber nicht wirklich böse gewesen und ist weiterhin mit mir in die Vorstellungen des Schülerfilmclubs gegangen. Nach dem Film brachte ich sie immer zum Bahnhof, weil sie in St Magnus wohnte. Bahnhöfe sind für Ankunft und Abschied eine schöne Lokalität, vor allem für Filme. Man denke nur an ✺Anna Karenina oder ✺Brief Encounter (Bild). 

Das ist das Problem: wenn man zu früh zu viele Filme sieht, will man so leben wie im Film. Bei mir war es der französische Film der Nouvelle Vague, der mich für das Leben verdorben hat. Weil ich ja auch wie Jean-Louis Trintignant aussah. Der Weg zum Bahnhof gehörte zum Film dazu, es war immer schon dunkel, wenn der Film zuende war und wir die Bismarckstraße hinuntergingen. Einmal schien der Mond, es war ein riesiger Mond. Das ist eine optische Täuschung, der Mond ist immer gleich groß. Aber an diesem Abend war es ein riesiger Mond unten über dem Bahnhof. Und wir gingen Hand in Hand die Straße hinunter in den Mond hinein. Das war nicht der Mond von Eichendorff, das war der Mond von Dean Martin: When the moon hits the sky like a big pizza pie, that's amore. Welchen Film wir damals gesehen haben, weiß ich nicht mehr.

Sonntag, 29. November 2020

Taxi nach Leipzig

In meinem ersten Jahr als Blogger gab es am 29. November einen Post, der Tatort hieß. Dass der Post am 29. November 2010 erschien, hatte natürlich seinen Grund: vierzig Jahre zuvor war der erste Tatort gesendet worden, der Taxi nach Leipzig hieß. Heute kann man beinahe jeden Tag auf irgendeinem Sender einen Tatort sehen, damals war das etwas ganz Neues. Der Post brachte mir damals mehr als 2.500 Leser ein, aber das wusste ich nicht, weil ich meine Statistikseite noch nicht gefunden hatte. Noch mehr Leser bekam ich am 29. November 2015 mit dem Post Tatorte und am 29. November mit dem Post 1970. Das alles waren Variationen zu dem ewigen Thema Tatort. Ich weiß, dass es inzwischen ein Re-Make von Taxi nach Leipzig gibt, aber dafür gibt es hier keinen Post, ich hasse Re-Makes.

Walter Richter, der den Hamburger Kommissar Paul Trimmel spielte, ist schon lange tot. Renate Schroeter, für die ich damals schwärmte, auch schon. Nur Hans Peter Hallwachs, den ich in Bremen neben Bruno Ganz in Zadeks Hamlet gesehen hatte, der lebt noch. Ist überall im Fernsehen zu sehen. Er war auch in dem Re-Make von Taxi nach Leipzig zu sehen. Die ARD feiert den fünfzigsten Geburtstag des Tatorts heute natürlich mit einem Tatort, der ein doppelter Tatort ist. Am nächsten Sonntag geht es weiter. Für diejenigen, denen das noch nicht genug ist, gibt es heute in der Nacht noch drei Tatort Sendungen.

Das kann man sich wahrscheinlich alles schenken. Was man heute sehen sollte ist das Original: ✺Taxi nach Leipzig.


Donnerstag, 26. November 2020

Sehnsucht


Am Todestag von Joseph von Eichendorff wollte ich ein Gedicht hier einstellen, nämlich das schöne Gedicht Sehnsucht, das neben der Mondnacht das wohl bekannteste Gedicht von Eichendorff ist. Ich fischte mir den Text aus dem Internet und merkte, dass ich ein kleines Problem bekam. Denn Sehnsucht steht nicht in einer Sammlung von Gedichten von Eichendorff, es findet sich zum erstenmal in einem Roman (erst drei Jahre später findet es sich in seinen Gedichten), es ist ein funktionaler Teil des Romans. Kann man das Gedicht einfach so aus dem Text herausnehmen?

Der Roman heißt Dichter und ihre Gesellen, es ist ein weniger bekanntes Werk von Eichendorff. Was meine Poesie anbetrifft, so schreibe ich jetzt - außer einigen eintzelnen Gedichten für den nächsten 'Deutschen Musenalmanach' - an einem größeren Roman, der die verschiedenen Richtungen des Dichterlebens darstellen soll. Ob u. wann ich damit fertig werde, hängt von der Muse u. Muße ab, schreibt Eichendorff im April 1833 an seinen Freund Theodor von Schön. Muse und Muße sind ihm offenbar wohlgesonnen, denn Weihnachten 1834 erscheint der Roman. Es ist ein seltsamer Roman mit verschnörkelten Handlungen und Nebenhandlungen, auf beinahe jeder Seite wird ein Lied gesungen oder ein Gedicht deklamiert. Es ist ein romantischer Roman, wohl der letzte romantische Roman, der im 19. Jahrhundert geschrieben wird. Danach kommt in der Geschichte der deutschen Literatur der realistische Roman. Wilhelm Raabe und Theodor Fontane haben mit dieser Art Literatur nichts mehr zun tun.

Im siebten Kapitel des ersten Buches singt der Dichter Dryander ein Lied (er ergriff seine Geige und spielte und sang, daß es weit durch den Wald erschallte):

Mich brennt's an meinen Reiseschuh'n,
Fort mit der Zeit zu schreiten —
Was wollen wir agiren nun
Vor so viel klugen Leuten?

Es hebt das Dach sich von dem Haus
Und die Koulissen rühren
Und strecken sich zum Himmel raus,
Strom, Wälder musiziren!

Und aus den Wolken langt es sacht,
Stellt alles durcheinander,
Wie sich's kein Autor hat gedacht:
Volk, Fürsten und Dryander.

Da gehn die einen müde fort,
Die andern nah'n behende,
Das alte Stück, man spielt's ſo fort
Und kriegt es nie zu Ende.

Und keiner kennt den letzten Akt
Von allen die da spielen,
Nur der da droben schlägt den Takt,
Weiß, wo das hin will zielen.


Der Roman präsentiert uns ein theatrum mundi, alle sind da: Volk, Fürsten und Dryander. Wir haben einen Baron, einen Fürsten, einen Maler, einen italienischen Marchese (das zweite Buch des Romans spielt in Rom), den dichtenden und Geige spielenden Dr Dryander, einen Beamten, einen Philosophen namens Grundling und einen Tenor. Und noch viele mehr, es wimmelt von Personen in dem Roman, den der Verleger als Novelle deklarierte (Eichendorf selbst sprach immer von einem Roman). Frauen gibt es auch in dieser Welt, da ist die wildschöne, dämonische Gräfin Juanna und Fiametta, die Tochter des römischen Marchese. Der hat gerade bankerutt gemacht und muss seinen Palazzo verlassen, die kleine Fiametta ist heimatlos. 

Wenn unser Held, der Baron Fortunat, sie zum erstenmal erblickt, ist er in Rom: Er sah durchs Fenster und konnte bei dem Schein einer Fackel nur noch bemerken, wie eine schlanke Mädchengestalt aus der altmodischen Karosse behende in das Haus schlüpfte. Im andern Flügel des Palastes hörte man nun Türen auf- und zuwerfen, gehen und lachen, dann war plötzlich alles wieder still. – Bald darauf aber vernahm er im Garten einzelne, langgezogene Klänge einer weiblichen Stimme, wie eine Nachtigall, durch das Rauschen der Wipfel, durch welche die Glühwürmer leuchtend hinzogen. Der Mond trat eben hervor und verwandelte alles in Traum. Da öffnete Fortunat alle Flügeltüren, ergriff seine Gitarre und schritt durch die lange Reihe der Gemächer singend auf und nieder. Das geht es nicht anders, wenn Fiametta, die kleine Flamme, singt, muss auch er singen:

Es rauschen die Wipfel und schauern;
Als machten zu dieser Stund
Um die halb versunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund.
Hier hinter den Myrtenbäumen
In heimlich dämmender Pracht,
Was sprichst du wirr, wie in Träumen,
Zu mir, phantastische Nacht?
Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem, großem Glück!


Das künftige, große Glück wird kommen, Fortunat und Fiametta finden zueinander, aber erst im dritten Buch, nach vielen Irrungen und Wirrungen. Es sind beinahe filmische Szenen, in denen Eichendorff seine Personen präsentiert, und es sind immer wieder Szenen mit Mandolinen und Mondschein: 

Nur Fortunat und Fiametta saßen noch vor der Haustür und hörten zu, wie die Mädchen unten im Dorfe vor dem Johannesbilde und die Heimchen von der fernen Wiese sangen. Fiametta saß zu seinen Füßen im Gras, sie hatte die Gitarre auf ihren Knien uns sah still in die mondbeschienene Gegend hinaus, er hatte sie noch nie so nachdenklich gesehen. – Da erklang auf einmal weiter oben ein Waldhorn. Es war der verliebte Förster, der den Herrschaften ein Ständchen blies. Und als nun allmählich Waldhorn und Johanneslieder verklangen und alles still geworden war im Hause und im Tal, da nahm Fiametta ihre Gitarre und sang:

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht
.

Wenn Fiametta das Lied gesungen hat, das wir als Sehnsucht kennen, weint sie bitterlich. Aber der Baron tröstet sie, 'Wir reisen wieder hin!' flüsterte ihr Fortunat zu. Da hob sie das Köpfchen und sah ihn groß an. 'Nein', sagte sie, 'betrüg mich nicht!' Er betrügt sie nicht, er hat mittlerweile den Palazzo in Rom zurückgekauft. Alles wird gut. Wir sind im 24. Kapitel des Romans, wir sind in Deutschland; Fiametta träumt mit dem Lied von ihrer Heimat Italien, dem Land, in dem in Goethes Mignon die Citronen blüh'n. Und mit Goethes vier Mignon Liedern und Eichendorffs Sehnsucht beginnt die deutsche Italiensehnsucht, die mit Borgwards Isabella (und Arabella) und Rudi Schurickes Capri Fischer endet.

Aber nicht alles wird gut in dieser Welt der Mondnächte, die vom Kosen und vom Flüstern sacht sind, bis daß die erste Lerche erwacht. Der lebenslustige Fürst wird wahnsinnig, der Maler Albert begeht Selbstmord und die Ehe des Dr Dryander, der so schön über die Liebe dichtet, wird eine Katastrophe. Er will auch nichts mehr vom Dichten und der Literatur wissen:

Dryander aber war an den Abhang des Gartens getreten und schaute in das dunkle Tal hinaus; man unterschied nur noch einzelne Massen von Wald, Feldern und Dörfern, durch die weite Stille kam der dumpfe Schlag eines Eisenhammers herüber. – »Das ist schön!« sagte er, »es ist mir, als hört' ich den Pendul der Zeit einförmig picken. – Ich bleibe hier«, wandte er sich schnell zu Manfred: »ich habe das wüste Treiben satt; Profession vom Dichten machen, das ist überhaupt lächerlich, als wenn einer beständig verliebt sein wollte und noch obendrein auf öffentlicher Straße – ich will hier bei Euch die Landwirtschaft lernen!« – »Sie?« – erwiderte Manfred erstaunt, »das gäbe eine schöne Wirtschaft!« – Aber Dryander hörte nicht darauf. »Ich will mich«, fuhr er fort, »ich will mich hier wie auf den Grund des Meeres versenken, daß ich von der Welt nichts mehr höre – aber Ihr müßt mir die Hand darauf geben, daß Ihr so lange kein Wort von Literatur mit mir reden wollt. Wenn Sie in dieser Idylle das Wort Eisenhammer stört, dann sollten Sie mal eben den Post Eisenhammer lesen.

Mit der wildschönen Gräfin Juanna nimmt es ein schreckliches Ende. Gerade noch hat ihr Lothario, der in Wirklichkeit der Graf Victor von Hohenheim ist, einen Heiratsantrag gemacht: Hier blitzte plötzlich eine furchtbare Ahnung durch Juannas Seele, sie konnte kein Wort hervorbringen, dem Unglaublichen finster nachsinnend, während Büsche, Täler und ferne Dörfer geheimnisvoll an ihnen vorüberflogen. Lothario war wie verwandelt. 'Juanna!' rief er aus Herzensgrunde zu, 'blick um dich, die Erde ist so still und schön wie eine Brautnacht! Frei sollst du wohnen auf hohem Schloß, wo die Rehe an den Abhängen einsam grasen, dort will ich unter deinem offenen Fenster ruhen in den Sommernächten und dich in Traum singen, bis die Sterne verlöschen und die erste Lerche mich ablöst hoch in der stillen Luft. Und fallen die Blätter und die Vögel ziehen fort und dich befällt Heimweh, wenn du vom Schloß über die einsamen Wälder siehst: ich führe dich weit über die Berge fort, du arme Fremde! Auf dem Meere wollen wir fahren an glänzenden Küsten vorüber, bis die Laute deiner Muttersprache gleich bunten Wundervögeln herschweifen und deine ernste, schöne Heimat emportaucht, duftige Gärten, Gebirge und maurische Schlösser in den trunkenen Fluten spiegelnd – o Juanna, mir ist's wie von einem hohen Berg ins Morgenrot zu sehen!'

Das Kapitel hat mit einem Lied Lotharios begonnen, das den Ton für alles, was jetzt kommt, angibt:

Und wo noch kein Wandrer gegangen,
Hoch über Jäger und Roß,
Die Felsen im Abendrot hangen
Als wie ein Wolkenschloß.
Dort zwischen den Zinnen und Spitzen,
Von wilden Nelken umblüht,
Die schönen Waldfrauen sitzen
Und singen im Wind ihr Lied.
Der Jäger schaut nach dem Schlosse:
Die droben, das ist mein Lieb!
Er sprang vom scheuenden Rosse,
Weiß keiner, wo er blieb.

Das erinnert nun stark an das Gedicht Waldgespräch, in dem ein Ritter in der Nacht im Wald der Hexe Lorelay begegnet (Eichendorff hatte das schon in seinem Roman Ahnung und Gegenwart hineingeschrieben); wenn Lothario die schöne Waldfrau besingt, dann ist das schlimme Ende nicht mehr fern, die wildschöne spanische Gräfin stürzt sich von einem Felsen in den Fluß. Lothario versucht noch, sie zu retten: So sprach er voll Freude, während sie ritten, Juanna war immerfort still, in der Tiefe neben ihnen rauschte ein Strom, sie horchte manchmal hinunter. Auf einmal blinkte das Wasser zwischen den dunklen Bäumen hinauf, da warf sie ihr Roß gewaltsam zur Seite, setzte die Sporen ein und schwang es mit sich in den Fluß hinab. Erschrocken stürzte Lothario nach, er sah sie mit dem weitaufgelösten Haar gleich einer Nixe in klarem Mondlicht über die Flut dahinschweben, sinken und wieder emportauchen. Endlich hatte er sie gefaßt, sie ruhte an seiner Schulter, ihre feuchten Locken verdunkelten ihm Stirn und Augen. So sank er mit seiner Beute erschöpft am jenseitigen Ufer auf den Rasen hin und lauschte in der entsetzlichen Stille kniend über ihr – aber sie atmete nicht mehr, stumm und bleich in strenger Todesschönheit.

Es schwimmen jetzt viele Frauen, die Undine oder ähnlich heißen, in Flüssen und Seen herum. Oder kämmen sich auf einem Felsen am Rhein ihre blonden Haare (lesen Sie mehr in dem Post Meerjungfrauen + Waldnixen), Eichendorff kann der Versuchung nicht widerstehen die wildschöne Juanna mit dem weitaufgelösten Haar gleich einer Nixe in klarem Mondlicht über die Flut dahinschweben zu lassen. Eichendorff weiß schon, dass alles, was er hier schreibt, nichts mit der Alltagswirklichkeit zu tun hat. In der wirklichen Welt ist er ein steifer preußischer Verwaltungsbeamter, ein rechtschaffener Oberpräsidialrat. Er ist viel gereist (und er wird viele Reise- und Wanderlieder schreiben), und er war schon einmal auf einer Bildungsreise in Paris, aber da verspürt er nur einen Heißhunger auf Deutschland. Er wird Paris wiedersehen, als junger Leutnant zieht er 1815 in das besiegte Frankreich ein.  

In Italien, das bei ihm immer wieder vorkommt, war er nie. Vielleicht ist das Lied Sehnsucht, das Fiametta singt, nicht nur die Sehnsucht der kleinen Italienierin, vielleicht ist es aucht die Sehnsucht des schlesischen Freiherrn: Alle diese Gedichte, wie meine ganze bisherige Poesie, könnten eben auch 'Sehnsucht' überschrieben werden. Aber dieß giebt mir Muth u. Stolz in meiner Demuth. Denn sezt nicht jede wahrhaftige treue unbezwingliche Sehnsucht eine Erfüllung voraus, wie unser ganzes irdisches Leben die Ewigkeit? Ich komme mir vor , wie in einer alten dunklen Kirche. Alle Fenster gehn nach Osten, drauß vor den Fenstern liegt Italia, schreibt er im Jahre 1808. Da ist er zwanzig und beginnt zu schreiben, dass draußen vor den Fenstern Italia liegt, das wird er nicht vergessen. Bevor er seinen Taugenichts nach Italien reisen läßt, bevor er Dichter und ihre Gesellen schreibt, schreibt er das Gedicht Täuschung:

Ich ruhte aus vom Wandern,
Der Mond ging eben auf,
Da sah ich fern im Lande
Der alten Tiber Lauf,
Im Walde lagen Trümmer,
Paläste auf stillen Höhn
Und Gärten im Mondesschimmer –
O Welschland, wie bist du schön!

Und als die Nacht vergangen,
Die Erde blitzte so weit,
Einen Hirten sah ich hangen
Am Fels in der Einsamkeit.
Den fragt ich ganz geblendet:
'Komm ich nach Rom noch heut?'
Er dehnt' sich halbgewendet:
'Ihr seid nicht recht gescheut!'
Eine Winzerin lacht' herüber,
Man sah sie vor Weinlaub kaum,
Mir aber ging's Herze über –
Es war ja alles nur Traum.

Montag, 23. November 2020

Corona

Der Dichter Paul Celan war hier im Blog am Karfreitag schon mit einem Gedicht. Er wurde heute vor einhundert Jahren geboren, da muss an den Dichter der Todesfuge erinnert werden. Das Gedicht, das ich heute ausgewählt habe, heißt Corona. Dass dieses lateinische Wort neuerdings eine Krankheit bezeichnet, konnte Celan nicht ahnen, als er das Gedicht schrieb. John Donne auch nicht, als der La Corona schrieb. Denn dieses Wort, das eine Krone oder ein Kranz sein kann, ein Sternbild und eine Menschenmenge (und noch viel mehr), soll mal für einen Augenblick von der Assoziation covid-19 befreit werden. Bei dem 1948 geschriebenen Gedicht wird es wohl Kranz heißen, und sich auf die Beziehung zwischen Celan und Ingeborg Bachmann beziehen. Es ist ein Liebesgedicht auf Ingeborg Bachmann, die ihm 1949 nach Paris schrieb: Ich habe oft nachgedacht, 'Corona' ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist.


Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.