Donnerstag, 11. Mai 2023

nachts

Musik klingt schön des Nachts, wenn alles still und dunkel ist. Man könnte jetzt die Goldberg Variationen hören, weil die ja angeblich geschrieben wurden, um einen schlaflosen Grafen in den Schlaf zu spielen. Man könnte auch Max Richters Sleep in der acht Stunden Version hören (wenn Sie das anklicken, bekommen Sie tatsächlich die lange Version). Ich habe Teil von dem Stück zum erstenmal im Radio bei dem Sender NDR Kultur (neo) gehört. Die haben tolle Musik, aber leider nur in der Nacht von Sonnabend und Sonntag. Da habe ich damals auch zum erstenmal Chick Coreas Mozart gehört. In der Nacht klang es besser als am Tage. Letztens habe ich kurz vor Mitternacht bei Kultur (neo) wieder etwas gehört, was ich überhaupt nicht kannte. Ein Lied mit Klavierbegleitung, das ein wenig wie Schubert klang, wie Brahms oder Mahler, sehr romantisch. Das Display meines kleinen Digitalradios sagte mir, dass das Lied Auf den Schwingen der Nacht hieß und vom New Muses Project kam. Ich wusste, dass ich am nächsten Tag etwas am Computer forschen musste und ging schlafen.

Am nächsten Morgen ging ich zur Seite von NDR Kultur (neo), die haben die Listen gespeichert, von dem, was sie gesendet haben. Allerdings kam ich nur mit einem speziellen Programm an die Liste, von dem ich gar nicht wusste, dass mein Computer das besitzt. In dem Programm, das Charlotte Oelschlegel zusammengestellt hatte, fand ich den Titel Auf den Schwingen der Nacht, bei dem auch noch Luise Greger dabei stand. Ich lernte dank meines Computers dazu, dass Luise Greger eine Komponistin und Sängerin gewesen war, die bestimmt einhundert Lieder geschrieben hat. Sie war einmal berühmt, um 1930 war sie Deutschlands bedeutendste lyrische Tondichterin der Gegenwart. Man hat sie auch eine pommersche Gans genannt, weil sie einmal gesagt hat: Geboren bin ich in Greifswald, wo es die fetten Gänse gibt. Ich bin auch eine von den Gänsen. Nach ihrem Tod 1944 hat man sie schnell vergessen. Aber man hat sie jetzt wiederentdeckt, es gibt CDs und Noten, und die verlorengegange Fassung ihrer Märchenoper Gänseliesel hat man auch wiedergefunden. Der Musikverlag Furore leistet da viel.

Der Dichter, der in den 1920er Jahren Auf den Schwingen der Nacht geschrieben hat, heißt Gottfried Hertel. Über ihn habe ich nichts herausfinden können. Aber das Gedicht habe ich gefunden:

Auf den Schwingen der Nacht 
trägt mich die Sehnsucht zu dir. 
Ob ein Verlangen nach mir 
in deiner Seele erwacht? 

Stern steht droben bei Stern, 
und wie mich tröstet ihr Licht, 
seh' ich dein Angesicht 
liebenden Aug's von fern.

Es gibt bei YouTube eine Fassung von Auf den Schwingen der Nacht, die allerdings nur 42 mal in den letzten acht Monaten angeklickt wurde. Das sollte sich ändern. Eine andere Fassung kann man ab Minute 40:51 in dem Programm hören, das Charlotte Oelschlegel ihren Hörern in der letzten Aprilnacht servierte. Luise Greger hat noch ein anderes Gedicht von Gottfried Hertel vertont, aber davon habe ich keine musikalische Fassung. Doch von einem Gedicht von Oskar Ludwig Brandt, von dem die Komponistin viele Lieder vertonte, habe ich eine Fassung. Und den Text:

Wenn ich einst zum letzten Male 
meine beiden Augen schließe, 
möcht' ich, dass aus einer Schale 
dunkle Nacht ins Träumen fließe. 

Und mein letzter Blick, der schaue 
nur die Nacht und ihre Sterne, 
träumend von der Sonne Leuchten 
zieh' das Leben in die Ferne! 

Schrecklich dächt' ich mir ein Scheiden 
unter lichten Sonnenstrahlen;
tief vergessen sei mein Leiden, 
Nacht lieg' auf den Freudenschalen. 

Nein, kein Leuchten soll mich locken! 
Ich will an das Frührot glauben, 
wenn der Nacht gespenst'ge Flocken 
mir das letzte Atmen rauben.

Wenn ich dann zum letzten Male 
meine beiden Augen schließe, 
möcht' ich, dass aus einer Schale 
dunkle Nacht ins Träumen fließe.

Ein Hörer hat da als Kommentar Wow geschrieben. Ist ein bisschen kitschig, aber irgendwie doch wow. Und schön. Vor allem nachts.


Dienstag, 9. Mai 2023

Bremen, 8. Mai 1945

Am 8 Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Vierzig Jahre danach sagte der Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer Feierstunde: Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit. Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen. Sie können die ganze Rede hier lesen. Es lohnt sich, das zu tun.

Das war zu einer Zeit, als sich viele, die die Schrecken des Krieges und der Verfolgung erfahren hatten, noch genau daran erinnern konnten. Man vergisst das nicht, auch wenn man vieles vergessen wollte. Wir sitzen in ein paar Stuben, und diese paar Stuben sind nun der Magnet der Hoffnung und Verzweiflung der Deutschen geworden, sagte der gerade gewählte Bundespräsident Theodor Heuss, als er sich aus dem Stuttgarter Landtag verabschiedete: Die ganze deutsche Not, in Einzel- und Gruppenschicksalen schlägt Tag um Tag an unsere Tür – es ist kein fröhliches Amt. Aber doch spüre ich, daß sein Sinn als Amt vom Volke heute begriffen ist.

Ein gewisser Björn Höcke war damals noch nicht geboren, er war zwölf Jahre alt, als Weizsäcker seine Rede hielt. Heute verkündet der vom Schuldienst beurlaubte Sportlehrer, dass Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1945 eine Rede gegen das eigene Volk und nicht für das eigene Volk war. Er sprach in seiner Rede auch von einer dämlichen Bewältigungspolitik, die uns heute angeblich lähmt. Und er hat auch noch gesagt: es sind nur willensstarke Menschen, die Geschichte schreiben, und das wollen wir tun. Liebe Freunde, die Bundespräsidenten dieser Republik, die haben keine Geschichte geschrieben, und sie haben sehr wenig bedeutsame Reden gehalten. Und was war mit der Rede, die Theodor Heuss 1952 in Bergen-Belsen gehalten hat? Wer hier als Deutscher spricht, muss sich die innere Freiheit zutrauen, die volle Grausamkeit der Verbrechen, die hier von Deutschen begangen wurden, zu erkennen, hat er gesagt. Und er fügte den für die damalige Zeit unglaublichen Satz hinzu: Wir haben von den Dingen gewusst. Die Höckes und Gaulands dieser Welt werden keine Geschichte schreiben. Nicht mal eine Fußnote.

Als der Krieg zuende war, ist mein Opa von Bad Essen aus, wo wir untergekommen waren, nach Vegesack marschiert. Er wollte sehen, ob sein Haus in der Weserstraße noch stand. Im Ersten Weltkrieg war er Hauptmann in der Armee seines Kaisers gewesen. Jetzt war er fünfundsechzig und nicht mehr so gut zu Fuß; für die Strecke von mehr als hundertundzwanzig Kilometern hat er beinahe eine Woche gebraucht. Irgendwo zwischen Ritterhude und Lesum hat er auf dem Lesumdeich einen Bekannten getroffen und ihn nach der Lage in Vegesack befragt. Der hat ihm gesagt, er solle bloß wieder umkehren, nach Vegesack käme niemand mehr rein. Schon gar nicht in die Weserstraße, die hätten die Amerikaner besetzt. Und den Hof von Redeker hätten sie mit Stacheldraht eingezäunt und zum Gefangenenlager gemacht. Aber ihr Haus steht noch, Herr Lehrer, sagte der Mann, der einmal, wie so viele im Ort, Opas Schüler gewesen war. Mein Opa marschierte nach Bohmte zurück.

Als die 43. Wessex Division, die zu General Brian Horrocks' 30. Corps gehört, im April 1945 kommt, sind in Bremen alle Weserbrücken gesprengt. Die letzten beiden Brücken hat der Kampfkommandant am 25. April um 11.30 sprengen lassen. Den Tag davor hatte es noch zwei Luftangriffe gegeben. Das waren die Angriffe Nummer 172 und 173 auf die Stadt. Es waren die letzten in diesem Krieg. Am Nachmittag heulten die Luftschutzsirenen noch ein letztes Mal, das 1.233. Mal in dem Krieg, aber es hatte keinen Angriff mehr gegeben. Als die Große Weserbrücke (die damals Lüderitzbrücke hieß) und die Kaiserbrücke gesprengt werden, hat die 52. Lowland Division schon Hemelingen erreicht und steht da, wo die Borgward Werke sind (wo heute das Daimler Benz Werk ist).

Ich besitze eine Zeichnung von dem Bremer Maler Emil Mrowetz, die er einmal meinem Vater geschenkt hat. Sie ist signiert Zerstörte alte Weserbrücke 1945. Nur das Brückenportal mit den beiden Löwen, die das Bremer Stadtwappen halten, ist unversehrt. Dahinter sind nur noch von den Explosionen der Sprengung aufgebogene Stahlträger zu sehen. Aber die Alte Weserbrücke interessiert den Generalleutnant Brian Horrocks (der in dem Film A Bridge too Far von Edward Fox gespielt wird) wenig. Die Engländer sind schon längst in Hoya über die Weser gekommen, also da unten, wo ich mit der Bundeswehr zwanzig Jahre später Weserübergänge üben darf. Seit Karl dem Großen sind Weserübergänge für Armeen nicht aus der Mode gekommen.

Der Kampfkommandant der Hansestadt, der erst seit drei Wochen in Bremen ist und die Stadt nicht kennt, glaubt aus unerfindlichen Gründen, die Engländer würden bei Vegesack die Fähre über die Weser nehmen. Da sind zwar Engländer, die von Zeit zu Zeit den Ort beschießen (und das auch noch über die offizielle Waffenruhe vom 27. April hinaus), aber die bleiben erst einmal in Lemwerder. Die Masse der Armee hat einen anderen Weg genommen. Die Überschwemmungsgebiete links der Weser zwischen Huchting und Dreye haben die Schotten und Engländer der 3. Division nicht aufhalten können. Am Mittag des 25. April haben sie schon den Flugplatz Neuenlander Feld erreicht. Seit der Landung in der Normandie hat die 3. Division 2.586 Tote und über 12.000 Verwundete zu beklagen. Bei Waterloo waren es weniger.

Zum ersten Mal seit der General Tettenborn Bremen von den Franzosen befreit hat, sind wieder fremde Soldaten auf Bremer Boden. Der Kampfkommandant von Bremen ist in den letzten Kriegswochen ein Generalleutnant namens Fritz Becker, der unter extremem Wirklichkeitsverlust leidet. Er will in seinem Hauptquartier im Haus des Werftdirektors Franz Stapelfeldt (Parkallee 95) Bremen bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigen. Das hatte auch der Gauleiter Paul Wegener befohlen, aber der hat sich schon nach Flensburg zu Dönitz abgesetzt. Militär und Nazis sitzen in Bremens feinster Gegend. Das vornehme Schwachhausen ist kaum bombardiert worden. Den Bomben zum Opfer fallen die Arbeiterviertel neben den Werften an der Weser. Von dem Haus in Walle, wo mein Vater vor dem Krieg gewohnt hat, ist bis auf die Grundmauern nichts übrig geblieben.

Währenddessen radeln Bremer Senatoren mit dem Fahrrad den Engländern entgegen, um die Übergabe der Stadt vorzubereiten. Die Ecke beim Bunker, wo der Bürgerpark an den Stern und die Hollerallee angrenzt, haben die ersten englischen Truppen von der Somerset Light Infantry den Hyde Park Corner genannt. Der Stellvertreter Beckers, ein Generalmajor Werner Siber, der im Bunker gegenüber der Benquestraße sitzt, ergibt sich als erster mit seinem Stab (zwei Fußballmannschaften stark) den Engländern. Der Boden des kleinen Bunkerraums, in dem sie hocken, ist übersät mit leeren Sektflaschen.

Einige deutsche Offiziere und der Präses der Handelskammer Karl Bollmeyer wollen den starrsinnigen General Fritz Becker in der Stapelfeldt Villa erschießen. Aber das verbietet ihnen die Hausherrin, deren Ehemann gerade erst aus der Gestapo-Haft in sein Haus zurückgekehrt ist: Machen Sie das irgendwo, wo Sie wollen, aber nicht in unserem Haus. Es kommt leider nicht dazu. Obwohl die englischen Panzer schon den Sielwall auf und ab fahren, will der Ritterkreuzträger Becker offiziell immer noch nicht kapitulieren. Er ist inzwischen in den Bunker der 8. Flakdivision an der Einmündung der Emmastraße in die Parkallee umgezogen.

Es bleibt ihm dann aber nichts anderes übrig, als sich zu ergeben. Am frühen Morgen des 27. April holt ihn das Wiltshire Regiment aus seinem Bunker. General Fritz Becker wird sich mit dem Hitlergruss in die englische Gefangenschaft verabschieden. Kein Stil. Kein Bremer. Wie die Bundeswehr 1967 auf die bescheuerte Idee kommen konnte, diesem Mann ein Ehrenbegräbnis auszurichten, kann ich bis heute nicht verstehen. Aber es ist die Zeit, in der sich die Armee mit einem konservativen backlash von Baudissins Idealen der Inneren Führung verabschiedet. General Brian Horrocks wird in Bremen zum ersten Mal einen Eindruck davon bekommen, welche Auswirkungen die 173 Bombenangriffe der Allierten gehabt haben. Dass das Ergebnis so fürchterlich aussieht, hat er sich nicht vorstellen können.

Sein Mitleid hält sich allerdings in Grenzen, wenn er drei Tage später bei der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel nördlich von Bremen auf KZ-ähnliche Verhältnisse trifft. Die englische Armee befreit beinahe 50.000 halbverhungerte Gefangene. Nach Sandbostel waren im April auch Häftlinge aus dem KZ-Außenlager Farge, die dort den U-Boot Bunker und beim Bremer Vulkan die U-Boote bauten, gebracht worden. Von den etwa 9.000 Häftlingen, die Sandbostel erreichten, starben bis zur Befreiung des Lagers etwa 3.000 an Unterernährung, Krankheiten und Erschießungen durch die SS.

Sir Brian Horrocks, der im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangener der Deutschen (und der Russen) war, wird in seiner sehr lesenswerten Autobiographie A Full Life über seinen Schock im Lager Sandbostel schreiben. Davon haben die deutschen Generäle Siegfried Rasp vom Korps Ems und Ernst Busch von der Heeresgruppe Nordwest, die sich Horrocks am 3. Mai ergeben, natürlich nichts gewusst. Das ist jetzt eine gefährliche Krankheit, diese Ahnungslosigkeit, die sich unter deutschen Militärs und Politikern geradezu epidemisch ausbreitet. Je mehr Sterne man auf der Schulter hat, desto weniger hat man gewusst. Der Feldmarschall Ernst Busch, einer der treuesten Anhänger Hitlers, wird wenig später in englischer Gefangenschaft an gebrochenem Herzen sterben.

Horrocks ist dann mit seinem 30. Corps von Sandbostel nach Cuxhaven vorgestoßen. Nach Hamburg darf er nicht, das will Montgomery mit seiner 21st Army Group selbst erobern. Irgendwie schien Horrocks sich da oben im Land Wursten zu langweilen. Er ist von Cuxhaven aus nach Helgoland gefahren, um sich den traurigen Rest der Insel nach dem Bombardement der Royal Air Force vom 18. April 1945 anzugucken (das Photo ist aus dem Jahre 1952, als die Engländer die Insel zurückgaben). Da die Royal Navy Cuxhaven noch nicht eingenommen hatte und kein englisches Kriegsschiff zur Verfügung stand, fuhr er mit einem deutschen Schnellboot, das bei Lürssen in Vegesack gebaut worden war. Ein Jahrzehnt später durfte Lürssen die Dinger dann wieder für die Bundesmarine bauen.

Da man für den Ausflug von Horrocks keine englische Kriegsflagge auftreiben konnte, geschah das Ganze unter deutscher Flagge. Die letzte Aktion der deutschen Kriegsmarine. Und dann muss sich der deutsche Kapitänleutnant noch von einem englischen General sagen lassen, dass die vier Begleitboote keine exakte Formation halten könnten (auf der Rückfahrt konnten sie es). Nach dieser letzten Fahrt unter deutscher Flagge durfte die deutsche Marine Minen räumen. Da hatten sie zwar englische Flaggen, durften aber noch ihre alten blauen Marineuniformen tragen. Allerdings ohne das Hakenkreuz.

Zur Überraschung der Bremer blieben die Engländer nicht in Bremen. Denn am 27. April, dem Tag, an dem in Bremen der Krieg offiziell zu Ende war, kommen auch die ersten Amerikaner an. Die Amerikaner wollten die Stadt (Bremerhaven als Port of Embarcation inklusive) als Nachschubbasis für ihre Truppen in Deutschland haben. Am Montag, dem 30. April, musizierte noch eine schottische Militärkapelle mit ihren Dudelsäcken auf dem Markt, am nächsten Tag wurden aber schon die ersten amerikanischen Flaggen an offiziellen Gebäuden gesehen. Und das Rathaus wird zu einer Bierhalle für die amerikanische Armee: GI Joe's Number 1 (die Vegesacker Strandlust wird GI Joe's Number 2).

Mit dem Einzug der Amerikaner wurde die Stadt zur Amerikanischen Enklave, die wenigen Autos, die den Krieg überlebt hatten, bekamen 1946 die Autonummer AE. Meine Mutter hatte ihr Auto bei Kriegsbeginn auf der Bürgerweide, wo heute der Bremer Freimarkt stattfindet, abstellen müssen. Sie bekam eine Quittung, aber den Wagen hat sie nie wiedergesehen.

Alles um Bremen herum war unter englischer Verwaltung und hieß jetzt Britisch Niedersachsen (Autonummer BN). Also Lemwerder zum Beispiel, wo die Yachtwerft von Abeking & Rasmussen war. Als ein amerikanischer Offizier, der begeisterter Segler war, 1945 entdeckte, was da auf der anderen Weserseite war, hat er die ganze Werft erstmal mit Off Limits und Out of Bounds Schildern zugepflastert. Und alle Yachten für recreational purposes beschlagnahmt. Die Engländer, die das gleiche vorhatten, kamen einen Tag zu spät. Die hatten natürlich auch jemanden, der ein Exemplar von Uffa Fox’ Buch über Segelboote besaß. Die Amerikaner werden übrigens eines Tages alle beschlagnahmten Boote zurückgeben. Bis auf eins. Angeblich von Engländern geklaut.

Obgleich die Engländer eigentlich schon genügend Segelboote besaßen. General Horrocks hatte nämlich bemerkt, dass alle Segelyachtbesitzer ihre Boote in den kleinen Nebenflüssen der Weser versteckt hatten, die jetzt alle unter englisches Hoheitsgebiet fielen. Er hat alle requiriert, die Hälfte davon musste er allerdings willy nilly später an die Royal Navy abgeben. Die wollten auch segeln. In Kiel war das ähnlich, die Engländer richteten im Kieler Yacht Club ihre erste Kommandantur ein und tauften den Club in British Kiel Yacht Club um, und beschlagnahmten alle Segelyachten. Hermann Görings Yacht Flamingo (auch bei Abeking & Rasmussen gebaut) werden sie erst 2016 bei ihrem Abzug von der Förde zurückgeben.

Meine Mutter hat es den amerikanischen Besatzern nie verziehen, dass sie das Meißner Porzellan geklaut haben und das Klavier aus dem Fenster geworfen haben. Der Rahmen ist zwar geschweißt worden, aber es klang danach immer etwas schräg. Aber unser Haus in der Weserstraße hatte außer kleineren Bombenschäden am Dach den Krieg überstanden, und als eines Tages die amerikanischen Besatzer das Haus räumten, hatten wir wieder eine eigene Bleibe. Wenn auch ohne das Meißner Porzellan. Hunderttausende waren nicht so glücklich wie wir.

Am 8. Mai 1945 ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Für den Bremer Lokalhistoriker Herbert Schwarzwälder ist das in einem Ausblick betitelten Kapitel seiner vierbändigen Geschichte der Freien Hansestadt Bremen keine Befreiung gewesen. Bei aller Faktenhuberei, die sein Werk charakterisiert, ist sein Band IV Bremen in der NS-Zeit (1933-1945) doch eine zweifelhafte und letztlich klägliche Sache. Sehr viel besser ist da das Buch Bremen im Dritten Reich: Anpassung - Widerstand - Verfolgung von Inge Marßolek und René Ott. Keine Geschichte der Gauleiter wie bei Schwarzwälder, sondern eine Geschichte von unten. Die Historiker haben es versäumt, rechtzeitig alles aufzuschreiben. So in der Art von Tom Harrissons Mass Observation in England.

Meine Jugend war das Nachkriegsdeutschland, waren Ruinen, gerettete Photoalben und viele Erzählungen. Alle erzählten vom Krieg. Wenige von der Zeit vorher. Was wäre das für ein Material gewesen, wenn ein Historiker das damals aufgeschrieben hätte! Später in der Oberschule hatte dieser Krieg, dessen Auswirkungen wir alle noch kannten, beinahe nicht stattgefunden. Da gab es den Punischen Krieg, da lasen wir Caesars De Bello Gallico, aber das Kriegsende in Bremen war kein Thema des Unterrichts.

Meine Cousine Hannelore hat mir vor Jahren ein kleines Büchlein geschenkt, wofür ich ihr ewig dankbar bin. Es heißt Kriegsende 1945: Vegesack und umzu und enthält Erinnerungen, die von den Bewohnern des Ortes aufgeschrieben worden waren. Ich habe beinahe alle, die hier schrieben, noch gekannt. Manches davon kann man nicht glauben, weil es nicht wahr ist. Wie zum Beispiel der Direktor des Bremer Vulkans, der vormalige Wehrwirtschaftsführer Robert Kabelac, der sich hier persilrein wäscht. Aber das meiste ist völlig ehrlich. Unverfälscht und unredigiert, so wie jeder dachte und wie er es erlebt hatte. Ich wollte, es gäbe mehr von solchen Büchern. Man wünschte sich auch im Internet mehr solcher Texte wie diesen hier. Aber stattdessen findet man im Internet den Krieg, das Militär und die Nazis verherrlichende Seiten bis zum Abwinken. Was Walter Kempowski mit seinem Echolot angestoßen hat, war schon die richtige Idee. Was Guido Knopp im ZDF serviert hat, sicherlich die falsche. Es ist neuerdings chic geworden, von Erinnerungskultur zu reden. Ich finde das ein fürchterliches Wort. Wir sollten einfach nicht vergessen. Punkt, Ausrufezeichen. Oder, wie es in Kiplings Recessional heißt: Lord God of Hosts, be with us yet, Lest we forget—lest we forget!

Samstag, 6. Mai 2023

Krönung

Den ganzen Tag Fernsehen. Am besten ohne Ton, damit man die deutschen Adelsexperten nicht zu hören braucht. Und dann das Englisch der Experten. Und immer wieder kriegen sie es hin, diese Straße, die The Mall heißt mit Marl auszusprechen. Heißt aber Mell. Parallel zur Mall ist die Pall Mall. Ist dasgleiche wie die Pallmaille in Altona. Mein Freund, der schon für eine Vielzahl von Cartoons in diesem Blog verantwortlich zeichnet, hat mir wieder eine kleine Zeichnung geschickt, die ich gern an meine Leser weitergebe. Sie müssen vielleicht ein wenig nachdenken, um die Pointe zu verstehen.











Donnerstag, 4. Mai 2023

Søren Aabye Kierkegaard


In meinem Philosophiestudium in den sechziger Jahren kam Kierkegaard nicht vor. Es wurden die alten Griechen angeboten und Hegel und Heidegger (an anderen Unis Deutschlands stand in dieser Zeit hauptsächlich Karl Marx auf dem Programm). Hegel und Heidegger haben hier schon Posts. Die nicht sehr nett sind, ich mag sie beide nicht. Schopenhauer mochte Hegel auch nicht. Schopenhauer kann man immer lesen. Kierkegaard auch. Als ich der Dozentin, die mich im Rigorosum prüfte, Schopenhauer und Kierkegaard als Prüfungsthemen vorschlug, guckte sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Sie empfahl mir, ihre Hegel Vorlesung zu besuchen. Mein kleiner Scherz, dass Schopenhauer Hegels Gesicht als Bierwirtsphysiognomie bezeichnet hatte, kam bei ihr nicht so gut an. Ihre Hegel Vorlesung bei mir auch nicht. Wir einigen uns für die Prüfung auf das Thema des Staatsvertrags bei Hobbes, Locke, Rousseau und Kant. Ist ein nettes Thema, concédé, ist aber eben kein Kierkegaard. Man braucht auch nicht Philosophie zu studieren, um Kierkegaard zu lesen. 

Søren Aabye Kierkegaard wurde heute vor 210 Jahren geboren, er war von Anfang an in diesem Blog, zuletzt wohl in dem Post exis (von dem es auch eine englische Version gibt). Der Post hat eine Menge mit Kierkegaard zu tun, weil ich da den Professor Gordon Marino erwähnt habe, der Kierkegaard in the Present Age und The Quotable Kierkegaard veröffentlicht hat und Mitherausgeber des Cambridge Companion to Kierkegaard ist. Gordon Marino ist auch Direktor der Kierkegaard Bibliothek des St Olaf College in Northfield (Minnesota), und dass die kleine Universität die vielleicht beste Kierkegaard Bibliothek der Welt besitzt, verdankt sie diesem Herrn hier. Er heißt Howard Hong und hat keinen Wikipedia Artikel, die Bibliothek, die er aufgebaut hat, hat allerdings einen Artikel. Dieses Internet Lexikon weiß auch nicht, was es tut. Wir nehmen einmal für die Beschreibung seines Lebens diesen Nachruf aus der Star Tribune. Und wir sollten noch erwähnen, dass Howard Hong zusammen mit seiner Gattin den ganzen Kierkegaard ins Englische übersetzt hat.

Ich stelle heute einmal meinen ersten Kierkegaard Post aus dem Jahre 2010 ein, den ich noch ein wenig überarbeitet und angereichert habe. Sie werden das gerne lesen, denn Sie lesen immer alles, was ich über Philosophie schreibe. Der Post Philosophenwitze ist zur Zeit mal wieder ein Bestseller, er geht beharrlich auf die zehntausend Klicks zu.

Kierkegaard ist fünf Jahre älter als Marx. Als Marx 1843 sein Buch Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie veröffentlichte, da hatte Søren Aabye Kierkegaard schon seine Dissertation sowie Entweder – Oder, Tagebuch des Verführers, Zwei erbauliche Reden, Die Wiederholung, Furcht und Zittern, Drei erbauliche Reden und Vier erbauliche Reden fertig. Als Karl Marx sein Hauptwerk Das Kapital schreibt, da ist Kierkegaard längst tot. Kierkegaard konnte genug Deutsch, um Hegel zu lesen und in Berlin Schellings Vorlesungen zu folgen (die Friedrich Engels damals auch hörte). Kierkegaard hat Marx niemals gelesen, Marx andererseits hat Kierkegaard auch nie gelesen. Das einzige, das die beiden gemeinsam hatten: sie rauchten Zigarren.

Ich fand das Buch Der letzte Dandy: Ein Kierkegaard Roman in einem Grabbelkasten. Ich kannte weder Buch noch Verfasser, aber der Titel war verlockend. Und dann gab es da noch dieses schöne Motto: Ich bin genau so wie das Lüneburger Schwein. Mein Denken ist eine Leidenschaft. Ich kann vortrefflich für andre Trüffeln aufwühlen, selbst habe ich an ihnen keine Freude. Ich nehme die Probleme auf meine Nase; aber ich vermag mit ihnen nicht mehr zu tun, als sie nach rückwärts über meinen Kopf zu werfen.  Das beschrieb wunderbar meine Tätigkeit als Blogger. War es wirklich von Kierkegaard, wie der Autor Klaas Huizinga behauptete? Auf jeden Fall gab es den Ausschlag zum Kauf des Buches. Das Zitat steht wirklich bei Kierkegaard in Entweder - Oder, ich habe es auch schon in meinem sehr lesenswerten Post Schweine zitiert. Und der Romanautor Huizinga ist nebenbei Professor für Theologie, der irrrt sich nicht. 

Das Buch fängt auch gut an, mit einem Prolog, der Der Club der falschen Propheten heißt: Mein lieber Sören, lassen Sie uns bei diesem weichen Wetter einen Spaziergang an den Strand unternehmen. Er erinnert mich aufs Angenehmste an die Sommerfrische auf der Kurischen Nehrung. Wir hatten in Nidden, ich weiß nicht, ob Sie es von hier oben verfolgt haben, ein sehr kommodes Ferienhaus. Vielleicht verflüchtet sich bei unserem kleinen Wandel auch mein leichtes Sodbrennen, denn ich habe gestern sehr unbedacht meinen Nachmittag damit vertan, allerlei Beeren und Trauben zu essen. Meine leichte Luftröhrenaffektion meldet sich zudem zurück. Und heute Abend erwartet mich der Heidenlärm eines Mozart-Konzertes. Der Maestro persönlich spielt auf seinem albern-mattweißen Flügel. Dieses genialisch-neckische Spiel! Wie er seine Leidenschaften ausstellt! Erschreckend!
   Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten? Irdische Importware aus Bremen, Maria Mancini, meine kleine Favoritin, natürlich handgedreht, mausgraues Deckblatt, mit einem kräftigen blauen Leibring. Die Zigarre entfaltet eine gepflegte Blume, würzig, aber sehr fügsam auf der Zunge, nur gelegentlich gegen Ende etwas launisch. Ein kleiner Tipp, streifen Sie sie allenfalls zweimal ab, sie liebt es, wenn man sie wenig ascht. Bitte sehr.
   Unsere Promenaden, die wir manches liebe Mal unternommen haben, sind mir sehr teuer geworde
n.

Hier spricht Thomas Mann. Nicht der wirkliche Thomas Mann, sondern der, den der Autor Klaas Huizinga für seinen Roman erfunden hat. Der sich offensichtlich bei Thomas Mann gut auskennt. Denn die Maria Mancini aus Bremen kommt auch schon im Zauberberg vor: »Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal sehen, ich bin Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was ist denn das für eine bräunliche Schöne?«  »Maria Mancini, Postre de Banquett aus Bremen, Herr Hofrat. Kostet wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen Farben, hat aber ein Bukett, wie es sonst in dieser Preislage nicht vorkommt. Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie Sie sehen. Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber leicht auf der Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche läßt, ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß besonders genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich Ihnen eine anbieten?«

Ich weiß zwar nicht so ganz, was Zigarren in einem Lungensanatorium verloren haben, aber die Firma Maria Mancini gab es wirklich. Sie ist inzwischen von der deutschen Manufaktur August Schuster in Bünde, wo ja seit dem 19. Jahrhundert der größte Teil der deutschen Tabakindustrie sitzt, wiederbelebt worden. Nicht, dass die da in Bünde Tabak anbauten. So etwas wie Bahndamm Sonnenseite, was mein Opa nach dem Krieg auf dem Dachboden trocknete. Nein, Bünde verdankt seinen Status als Zigarrenstadt wahrscheinlich dem Tönnies Wellensiek, der in Bremen Zigarrenmacher (die Bremer Zigarrenmacher kommen schon in diesem Post vor) gelernt hatte. Und dann mit einer Kiepe voll Tabak nach Bünde gewandert ist und eine Fabrik aufgemacht hat. Die Bremer werden ihm nicht nachgeweint haben, die Zigarrenmaakers in den 78 Tabakfabriken in Bremen galten als aufrührerisches Gesindel. Wahrscheinlich, weil sie die erste organisierte Arbeiterschaft in Bremen waren. Die Marke Maria Mancini aus Bünde hat neuerdings auch ein Modell namens Magic Mountain im Programm. Soviel zum Thema Literatur und Tabakwerbung.

Nicht nur Thomas Mann ist den Zigarren (und Zigaretten) zugetan. Auch Kierkegaard verschmähte die Coronas nicht. In Kierkegaards Geburtsjahr erlaubt der dänische König Frederik VI, dass auch in Dänemark Zigarren hergestellt werden durften. Handgefertigt natürlich. Das Zigarrenrauchen war in Dänemark eine neue Mode, es war erst in den 1830er Jahren aufgekommen. So hört man um 1831 aus Paris (wo es unwesentlich früher chic geworden war): Die Cigarre ist ein Bedürfnis, eine Sucht, eine Mode, ein Zeichen der Fashionabilität geworden, welcher man sich nicht mehr entledigen kann. Das, was noch vor wenigen Jahren ein Gegenstand der Verwerfung war, ist nun zum Typ der guten Gesellschaft geworden. Die Cigarre ist von den Tabakstuben in die Kaffeehäuser, von den Kaffeehäusern auf die Promenade gedrungen; von hier in die Salons ist es nur ein Schritt, und wenn das fort geht, so werden wir bald in den Boudoirs den Weihrauchduft der Cassoletten durch den Tabakdampf verdrängt sehen

Der junge Philosoph Kierkegaard hat diese Mode, die auch der dänische König förderte, weil er seinen royalen Gästen Zigarren anbot, schnell adaptiert. So notiert er in seinem Journal im Jahre 1835 bei einem Besuch in Gilleleje: Ebenso wie ich nun bei meiner Ankunft nicht zu befürchten hatte, zum Gegenstand von deren Spott zu werden, denn in einem Menschen mit moderner Kleidung, mit Brille und einer Zigarre im Mund erwarteten sie eher ein Wesen zu finden, das auf dem gleichen Gipfel der Erkenntnis steht wie sie. Und in der fiktiven Welt vom Tagebuch des Verführers widersteht der moderne Don Giovanni allen Verlockungen, wenn er seine Zigarre genießt: sieh dich nur nach mir um, mein Auge folgt dir; rufe und locke mich, das kannst du nicht, die Sehnsucht reißt mich nicht hin, ich sitze hier ruhig am Graben und rauche meine Zigarre. – Ein ander Mal – vielleicht. Und der Kierkegaard Forscher Joakim Garff weiß in seiner hervorragenden 958-seitigen Kierkegaard Biographie sogar einiges über Kierkegaards Tabakkonsum:

Seine faustische Periode hat Kierkegaard einiges gekostet, existentiell wie finanziell. Aus dem in Wolle gezwängten Jüngling, den die Schulkameraden Socken-Sören nannten, entwickelte sich damals ein eitler Dandy, der wie maßgeschneidert zur Spätromantik paßte. Mit Hilfe von Darlehen und Krediten und ganz im Gegensatz zur herrnhutischen Genügsamkeit im Elternhaus hat er sich ungeheure extravagante Marotten angewöhnt. Da gab es einen immensen Konsum an Theatervorstellungen, an philosophischer und ästhetischer Literatur, Cafébesuchen, extravaganten Mänteln (der rotkohlfarbene wird durch einen zitronengelben ersetzt), Hüten, Fiakern, Speisen, Weinen, kistenweise Zigarren der Marken Las tres Coronas und La Paloma mit zugehörigen Futteralen sowie monatlich 500 Gramm Pfeifentabak der venezulanischen Variante Varinas, eine echte, reine und erstklassige Ware, die in Packungen à 6 Rollen in Binsenkörben gestapelt waren. Darüber hinaus figurieren Spazierstöcke, Seidenschals, Handschuhe und anderer Lebensbedarf, darunter etliche Flaschen Eau de Cologne, auf den Rechnungen.

Was wäre Karl Marx (oder Groucho Marx) ohne seine Zigarre? Was wären Sartre und Camus ohne ihre Gauloises? Bei Sartre ist das ja schon pathologisch, bei Camus sieht es aus es aus, als hätte er die Fluppe nur für Cartier-Bresson in den Mund gesteckt. Aber was wäre Kierkegaard ohne seine Coronas? Die Existenzphilosophen von Kierkegaard bis Camus scheinen für den Tabak besonders anfällig zu sein. Heidegger verschmähte die Zigarre nicht, seine zeitweilige Geliebte Hannah Arendt rauchte Zigarren mit Leidenschaft. Da bleibt einem doch nur das schöne Zitat von Tieck: Vielleicht soll sich zu Zeiten der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich, daß er jenen alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß Taback, auch philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit unleidlichem Geruch.

1830 hat Kierkegaard mit dem Studium an der Kopenhagener Universität begonnen. Er ist unsicher, was er werden soll: Was mir eigentlich fehlt, ist, dass ich mit mir selbst ins Reine darüber komme, was ich tun soll, nicht darüber, was ich erkennen soll. Es kommt darauf an, meine Bestimmung zu verstehen, zu sehen, was die Gottheit eigentlich will, dass ich tun solle; es gilt eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will. Und was nützte es mir dazu, wenn ich eine so genannte objektive Wahrheit ausfindig machte; wenn ich mich durch die Systeme der Philosophen hindurcharbeitete. Man kann diese Sätze, die die condition humaine beschreiben, als den Beginn des Existentialismus sehen. Der junge Kierkegaard wird noch fünf Jahre brauchen, bis er sein Studium mit der Magisterarbeit Über den Begriff der Ironie. Mit ständiger Rücksicht auf Sokrates (hier im Volltext) abschließt. Es musste das Thema Ironie sein, das ihn immer wieder beschäftigt und das ihn 1844 in seinem Tagebuch schreiben läßt: Seit meiner frühesten Kindheit hat ein Pfeil in meinem Herzen gesessen. Solange er dort sitzt, bin ich ironisch – wird er herausgezogen, sterbe ich. 

Kierkegaard ist mit dem Dänemark, in dem er lebt, nicht glücklich. Something is rotten in the state of Denmark. Das steht zwar in Shakespeares Hamlet, aber es könnte auch über dem Werk von Kierkegaard stehen. Das geistige Klima Dänemarks ist nach Kierkegaard vergiftet, und die Kirche ist daran schuld. Sagt Kierkegaard, der Psychoanalytiker der dänischen Gesellschaft. Der den Blick des unschuldigen Kindes bewahrt hat: ich unterhalte mich am liebsten mit Kindern: denn von ihnen darf man doch hoffen, daß sie noch vernünftige Wesen werden. Der keine wirkliche Kindheit gehabt hat, nur die verquasten religiösen Lehren seines Vaters: er hat mich in jeder Hinsicht so unglücklich gemacht wie möglich, hat meine Jugend in eine endlose Qual verwandelt. Der ein Vermögen geerbt hat, und ein großer Dandy ist. Der im rotkohlfarbenen oder zitronengelben Mantel über seinem Buckel die Ströget entlang flaniert. Der auf seinen Storchenbeinen durch Kopenhagen stakst, verfolgt von den nicht so unschuldigen Kindern, die den Philosophen verlachen. Der seine Liebesgeschichte in seine Bücher schreibt, die seinen Namen nicht tragen. Die angeblich von einem Johannes Climacus oder einem Johannes de Silentio sind. Ein Verbalerotiker. Ein verhinderter Don Juan, der seine Empfindungen philosophisch sublimiert. Mancher Philosoph ist durch Frauengeschichten aus seiner Bahn geworfen worden. Seltener ist es, dass einer durch eine Frau überhaupt erst auf die Bahn gerät. Und dies nicht durch eine bedeutende Dame von Welt, sondern durch ein einfaches Bauernmädchen von ganzen fünfzehn Jahren. Eben dies widerfährt Sören Kierkegaard. Denn ohne Regine Olsen wäre er nicht geworden, was er geworden ist, und hätte er nicht geschrieben, was er geschrieben hat.

Reden kann er, der Disputierteufel aus dem Norden, wie sie ihn in Göttingen genannt haben. Und schreiben kann er auch, die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischen sich bei ihm. Die arme Regine Olsen weiß nicht, was sie von all der Schwärmerei halten soll. Immerhin treibt der melancholische Troubadour aus Kopenhagen seine Geliebte nicht in den Wahnsinn wie der melancholische Dänenprinz aus Helsingör die arme Ophelia. Regine wird die berühmteste Frau der Philosophiegeschichte werden. Von Xanthippe mal abgesehen. Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. Verlache die Thorheiten der Welt, du wirst es bereuen; beweine sie, beides wirst du bereuen. Traue einem Mädchen, du wirst es bereuen; traue ihm nicht, du wirst auch dies bereuen. Wohin bringt einen diese Einstellung? Außer meinem sonstigen zahlreichen Umgangskreise habe ich noch einen intimen Vertrauten: meine Schwermut. Mitten, in meiner Freude, in meiner Arbeit, winkt er mir, ruft mich auf die Seite, auch wenn ich dem Leibe nach am selben Flecke bleibe. Meine Schwermut ist die treueste Geliebte, die ich kennen gelernt! Was Wunder, daß ich sie wieder liebe?

Chateubriands Satz Die großen Leidenschaften sind Einsiedler; sie in die Wüste schicken, heißt sie in ihr Reich zurückversetzen stellt er als Motto vor den zweiten Teil von Entweder - Oder. Von großen Leidenschaften und von der Einsamkeit handelt sein Werk. Das vielleicht das Werk eines Philosophen ist, aber auf jeden Fall das Werk eines Dichters. Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, daß, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen. Es geht ihm, wie einst jenen Unglücklichen, die in Phalaris' Stier durch ein sacht brennendes Feuer langsam gemartert wurden, deren Geschrei nicht bis zu den Ohren des Tyrannen dringen konnte, ihn zu erschrecken: ihm klangen sie wie heitere Musik. Und die Leute umschwirren den Dichter und sprechen zu ihm: »Sing uns bald wieder ein Lied;« das heißt: mögen neue Leiden deine Seele martern, und mögen deine Lippen bleiben, wie sie bisher gewesen; dein Schreien würde uns nur ängsten, aber die Musik, ja, die ist lieblich. Und die Rezensenten treten herzu und sprechen: So ist es richtig; so soll es gehen nach den Regeln der Ästhetik. Nun, das versteht sich, ein Rezensent gleicht einem Dichter auf ein Haar, nur daß er nicht die Pein im Herzen, nicht die Musik auf den Lippen hat. Siehe, darum will ich lieber Schweinehirte sein auf Amagerbro und von den Schweinen verstanden werden, als Dichter sein und von den Menschen mißverstanden werden. Er wird aber nicht Schweinehirte in Amagerbro, er wird Dichter sein und von den Menschen missverstanden werden.

Kurz vor seinem Tode hat Kierkegaards Vater seinen Kindern von der schweren Schuld erzählt, die ihn sein ganzes Leben zu Boden gedrückt hatte. Der Schrecken eines Mannes, der damals als kleiner Junge Schafe auf der jütländischen Heide hütete, unter Hunger und Kälte litt und Gott verfluchte - und dieser Mann war nicht imstande, es zu vergessen, als er 82 Jahre alt war, schreibt Kierkegaard in seinem Tagebuch. In dieser Welt des religiösen dänischen Kleinbürgertums ist nicht alles hyggelig, dawird nichts vergessen und nichts vergeben.

Man hat den Eindruck, daß der junge Theologiestudent eher Betrachter als Teilnehmer ist und selbst nicht soviel zu bereuen hat; man kann sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, daß, während es den Vater ob seiner Jugendsünden, die er bitter bereut hat, gereute, der Sohn bereute, daß er niemals irgend etwas begangen habe, das zu bereuen sich lohnte. Das sagt Joakim Garff in seiner Kierkegaard Biographie. Die eine hervorragende Biographie ist und sicherlich die Biographie von Johannes Hohlenberg aus dem Jahre 1940 ablöst. Und von der neuesten Biographie der Engländerin Clare Carlisle Philosopher of the Heart: The Restless Life of Søren Kierkegaard, die auf deutsch bei Klett-Cotta erschienen ist, nicht annähernd erreicht wird. An Garffs Biographie gibt es gar nichts zu bemängeln. Außer der Tatsache, dass er Harald von Mendelssohn nicht erwähnt. Ist das das kleinbürgerlich spießige Dänentum, das Harald von Mendelssohn in seinem Buch Kierkegaard: Ein Genie in einer Kleinstadt so geißelt? Wenn die Kritiker sich vor Jahren nicht mehr einholen konnten zu betonen, dass Garff in seiner Biographie ein Panorama Dänemarks im 19. Jahrhundert entwirft, ja gut. Das macht er, und er macht es gut. Aber Harald von Mendelssohn hat das schon fünf Jahre vorher gemacht. Und siebenhundert Seiten kürzer. Aber das ist dem Doktor der Theologie Joakim Garff keiner Erwähnung wert. Seltsam.

Harald von Mendelssohn (ein Vetter des Thomas Mann Biographen Peter de Mendelssohn) wurde in Kopenhagen geboren und hat in Dänemark seine Kindheit verbracht, seine Mutter war Dänin, sein Vater Deutscher. Als Jude verfolgt, floh er 1934 von Deutschland nach Dänemark, ohne Papiere, ständig auf der Hut vor der dänischen Fremdenpolizei. Er hat aus dieser Zeit gewisse Ressentiments gegen die Dänen. 1938 ist er nach Schweden emigriert aber nach dem Krieg nach Kopenhagen zurückgekehrt. In einer tiefen persönlichen Krise in den dreißiger Jahren suchte er bei Søren Kierkegaard Halt, er wurde enttäuscht. Denn mir bot Kierkegaards subjektive Wahrheit keinen Ausweg; sie schloß den Fanatismus nicht in dem Maße aus, wie ich es nach meinen Erfahrungen wünschte. Auch schien mir der Widerspruch zwischen seinem Lebenswandel und seinen religiösen Forderungen erheblich. Aber später wurde ihm Kierkegaard ein Freund, den ich nicht aus dem wenn auch kritischen Blick verlor

Und so schrieb er nach seiner Pensionierung dieses sehr persönliche Buch, das wahrscheinlich Søren Aabye Kierkegaard näher kommt als viele andere Bücher. Wenn Ihnen mein Blog heute Appetit auf den dänischen Philosophen macht, dann kann ich ihnen nur raten: kaufen Sie dieses Buch! Gibt es bei ebay ab 3,79 € Das Buch ist bei Klett-Cotta erschienen. Die haben da ein Händchen für gute Autoren. Wie den ganzen Erwin Chargaff, die irrwitzige Solal Romantrilogie von Albert Cohen oder den schönen Roman Byron von Sigrid Combüchen. Vom Gesamtwerk Wilhelm Lehmanns mal ganz zu schweigen. Aber die guten Bücher verkaufen sich nicht, Albert Cohens Meisterwerk Die Schöne des Herrn wird genau so verramscht wie Harald von Mendelssohns Kierkegaard Buch. Ist irgendwie Sünde, aber auch eine Chance für den Leser.

Stendhal hatte 1841 an seinen Freund Domenico Fiore geschrieben, er würde es nicht lächerlich finden, unabsichtlich auf der Straße zu sterben. Nicolas Freeling lässt seinen Kommissar Van der Valk das auch in A Long Silence sagen. Stendhal wird auf der Straße sterben. Kierkegaard stürzt auf der Straße, wahrscheinlich ist es ein Schlaganfall. Er war auf dem Weg zur Bank, um die letzte Rate des vom Vater geerbten Vermögens abzuholen. Wenige Tage später ist er im Königlichen Frederiks Hospital in Kopenhagen. Der Medizinalassistent Harald Krabbe ist noch neu in seinem Beruf. Was er in die Krankenakte schreibt, ist nicht die Sprache eines Mediziniers. Das sind Sätze eines Philosophen: Er kann für seine jetzige Krankheit keinen bestimmten Grund anführen. Er hält die Krankheit für tödlich. Sein Tod ist für die Sache vonnöten. Will er leben, muss er seinen religiösen Kampf fortsetzen, aber der wird ihn ja ermüden, wohingegen er bei seinem Tod seine Stärke erhalten wird und, wie er meint, seinen Sieg. Kierkegaards Vater hatte nicht geglaubt, dass sein Sohn zweiundvierzig Jahre alt werden würde. 1835 waren von seinen Kindern alle drei Töchter und zwei Söhne gestorben. Kierkegaards erstes Buch, das er mit fünfzehn Jahren schreibt, hatte den Titel Papiere eines Überlebenden.

Kierkegaard begleitet mich jetzt seit mehr als einem halben Jahrhundert. Ich brauchte keine existentielle Krise wie von Mendelssohn, um den melancholischen dänischen Philosophen (ich lasse mal den anderen dänischen Melancholiker beiseite: schon 1953 hatte Denis de Rougemont von den beiden dänischen Prinzen gesprochen und den Vergleich zwischen Hamlet und Kierkegaard gesucht) zu lesen. Ich arbeitete mich damals durch mein persönliches Programm Lektüre der Weltliteratur mit Hilfe von Fischers Taschenbuchreihe exempla classica und Rowohlts Rowohlts Klassiker Reihe hindurch. Und bei Rowohlt erschienen Kierkegaards Werke, Der Begriff Angst war 1960 der erste Band der Werkausgabe. 1962 leistete ich mir schon die Tagebücher in der teuren Ausgabe des Eugen Diederichs Verlags. Und im Lauf der Zeit kam immer mehr hinzu. 

Denn er gehört, wie Schopenhauer (dessen Werk er erst kurz vor seinem Tod richtig entdeckte) zu den Philosophen, die man ohne Hilfe von anderen lesen kann. Jeder Leser wird ihn anders verstehen, aber es ist ein Vergnügen ihn zu lesen. Weil er ja eigentlich ein Dichter ist, auch wenn er sagt: Die Dichterexistenz ist darum als solche eine unglückliche Existenz; sie steht über der Endlichkeit und erhebt sich doch nicht zur Unendlichkeit. Es gibt gute Einführungen, wie zum Beispiel How to Read Kierkegaard von John D. Caputo (aus dem englischen Granta Verlag) oder der Band Sören Kierkegaard zur Einführung von Konrad Paul Liessmann, der in dieser vorzüglichen Reihe Zur Einführung des Hamburger Junius Verlags erschienen ist. Und Walther Rehms Kierkegaard und der Verführer mag ich sehr, weil ich alle Schriften von Rehm mag. Auch wenn sein Kierkegaard Buch sechshundertzwanzig Seiten lang ist.


Aber man kann sich auch Entweder - Oder nehmen und anfangen zu lesen. Ich gerate dabei immer ins Träumen und denke an den schönen Sommer oben in Jütland (da wo der kleine Michael Pedersen Kierkegaard in seiner Not seinen Gott verfluchte), wo der Wind über die einsame Heide fegte und ich diese schöne Frau zu gewinnen suchte. Und ihr massenweise Zitate aus dem Tagebuch des Verführers in die Liebesbriefe schrieb - wofür man Kierkegaard nicht alles gebrauchen kann, wenn man achtzehn ist! Sie können sich auch zur Einstimmung mal eben das wunderschöne alte dänische Lied anhören, wie Maggie es nachts in ihrer Küche singt. Und dann Kierkegaard lesen. 

Dienstag, 2. Mai 2023

Stonewall Jackson


Heute vor 160 Jahren wird der amerikanische General Stonewall Jackson bei der Rückkehr von einem Patrouillenritt in der Nacht von seinen eigenen Leuten angeschossen. Er wird an den Verletzungen eine Woche später sterben. Robert E. Lee hielt ihn für seinen fähigsten General. Den Namen Stonewall hat Thomas Jonathan Jackson nach der ersten Schlacht des Bürgerkriegs am Bull Run von einem General bekommen, der gesagt hatte: Look at Jackson’s brigade! It stands there like a stone wall. Als Lee von der Verwundung Jacksons hört, wird er ihm schreiben: Could I have directed events, I should have chosen for the good of the country to be disabled in your stead. Lee wird die Schlacht von Chancellorsville gewinnen, es ist die blutigste Schlacht des Bürgerkriegs. Der Sieg bringt Lee dazu, in den Norden einzumarschieren. Der Marsch wird in Gettysburg enden.

Es sind viele Deutsche in der dieser Schlacht, weil das von General Howard kommandierte XI Korps (das zuvor von Franz Sigel befehligt wurde) hauptsächlich aus Deutschen besteht. Die berühmtesten Deutschen sind der General Carl Schurz (der nach dem Krieg noch Innenminister der USA wird) und der Oberst Friedrich Hecker. Der wird in der Schlacht verwundet, aber im Gegensatz zu Stonewall Jackson wird er das überleben. Hecker (hier im Bild) erinnert sich später an die Schlacht: Da das zweiundachtzigste Regiment erhöht stand, so konnte ich Alles übersehen. Meine Leute standen wie Felsen und feuerten unablässig, obwohl wir in einem furchtbaren Hagelsturm von Spitzkugeln, Granaten, Vollkugeln, Caseshots und Spitzgeschossen gezogener Kanonen standen. Ich ritt beständig unter den Leuten hin und her, und obgleich mein Rock wie ein Sieb durchlöchert ist, blieb ich unberührt. Nun wollte ich mit dem Bajonnete vorstürmen, um, wenn auch mit furchtbaren Opfern, den Feind aufzuhalten, nahm die Fahne auf’s Pferd und rief: ‚Hurrah, Charge Bajonnet!‘ Die Leute standen, ich rief ihnen zu, ihre Fahne und ihren alten Oberst nicht im Stiche zu lassen. Sie standen und feuerten, aber zum Bajonnet-Angriff waren sie nicht zu bewegen, und eigentlich hatten sie Recht.

Lee hat die Schlacht gewonnen, weil seine Gegenüber, der Säufer Hooker und der streng religöse Howard, völlig unfähig waren. Wenn die Truppen von Stonewall Jackson aus der scheinbar undurchdringlichen Wilderness herauskommen, bleibt dem XI Korps nur die Flucht. Schurz (hier in Generalsuniform) wird in seinen Lebenserinnerungen schreiben: Zu all diesem kam noch, daß der größte Teil unseres Armeekorps so gestellt war, daß es nach Westen einem Angriff hilflos preisgegeben war. ... An Vertheidigung und Kampf war bei diesen gar nicht zu denken. Es wird es eine Massenflucht geben, die den Deutschen den Ruf einbringt, bei der ersten Gelegenheit zu türmen (die Zeitungen des Nordens werden für die nächsten Wochen nur ein Thema haben und das heißt Deutschenhass). Schurz wird schreiben: Wir vom elften Armeekorps mußten nun aber eine weit schlimmere Prüfung erdulden ... wie die Zeitungen damals die Aufführungen der "feigen Deutschen" des elften Armeekorps schmähten. Unter den vom Schlachtfeld Fliehenden ist auch der General Oliver Otis Howard. Er hat sich eine amerikanische Flagge unter seinen amputierten Arm geklemmt und ruft: I’m ruined, I’m ruined! Später wird er schreiben: I felt…that I wanted to die. It was the only time I ever weakened that way in my life, before or since, but that night I did all in my power to remedy the mistake, and I sought death everywhere I could find an excuse to go on the field.

Der Brigadegeneral Georg Alexander Ferdinand Schimmelpfennig von der Oye, ein 1848er wie Schurz, spielt in dieser Schlacht keine große Rolle. Er hatte gerade die Brigade des aus Bremen stammenden Henry Bohlen übernommen, der 1862 gefallen war. Dieser Henry Bohlen, der erste Deutsche in der amerikanischen Armee, ist übrigens der Großvater von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach gewesen. Unser Schimmelpfennig von der Oye wird sich in der Schlacht von Gettysburg, wenn er von Südstaatlern umzingelt ist, für einige Tage in einem Schweinestall verstecken. Es war in dem Augenblick das beste, was er tun konnte. Die Fehler von General Howard hatten ihn in diese Lage gebracht. Das ist so ähnlich wie der schottische General Urquhart, der sich beim Unternehmen Market Garden tagelang im Dachgeschoss eines holländischen Hauses versteckt. Aber für die Presse ist der General Schimmelpfennig mal wieder ein Beispiel für die feigen Deutschen.

Das mit der Feigheit stimmt nicht so ganz. Denn da ist noch ein anderer Deutscher, der badische Hauptmann Hubert Anton Dilger, der der wirkliche Held von Chancellorsville ist. Er wird mit seiner kleinen beweglichen Artilleriebatterie die 28.000 Südstaatler von Jacksons Korps solange aufhalten, bis der größte Teil der Nordstaatenarmee entkommen ist. Der Kongress wird ihm nach dem Krieg den höchsten militärischen Orden, die Medal of Honor, verleihen. In der Urkunde steht: Fought his guns until the enemy were upon him, then with one gun hauled in the road by hand he formed the rear guard and kept the enemy at bay by the rapidity of his fire and was the last man in the retreat. Schurz hat ihn den schneidigsten Artillerieoffizier des ganzen Heeres genannt. Der Captain war schon einmal in diesem Blog, aber damals haben Sie mich wahrscheinlich noch nicht gelesen. Ich war noch keine Woche im Internet, als ich den Post Deutsche Helden schrieb. Der Post ist immer noch gut.

Wenn die Schlacht von Chancellorsville zuende ist, wird Dilgers Vorgesetzter, der Colonel Leopold von Gilsa (Bild), zu seinem Kommandeur reiten, er hält ihn für den ganz großen Versager. Der frömmelnde General Howard, den man the Christian Soldier nennt, wünscht dem Colonel mehr Gottvertrauen, woraufhin ihn von Gilsa fünf Minuten lang mit allem an Schimpfwörtern bedenkt, die die deutsche und die englische Sprache hergeben. Howard hat das nie wirklich begriffen, dass nicht die Deutschen Schuld sind, sondern dass er die Schlacht in den Sand gesetzt hat. In Gettysburg versagt er wieder, er muss sein Kommando während der Schlacht an Winfield Scott Hancock abgeben.

Das letztemal, dass wir in der amerikanischen Geschichte den Namen des frommen Generals Oliver Otis Howard hören, ist in der Rede von Chief Joseph, wenn er sagt: Tell General Howard I know his heart. What he told me before I have in my heart. I am tired of fighting. Our chiefs are killed. Looking Glass is dead. Tu-hul-hul-sote is dead. The old men are all dead. It is the young men who say yes or no. He who led the young men [Ollokot] is dead. It is cold and we have no blankets. The little children are freezing to death. My people, some of them, have run away to the hills, and have no blankets, no food; no one knows where they are – perhaps freezing to death. I want to have time to look for my children and see how many of them I can find. Maybe I shall find them among the dead. Hear me, my chiefs. I am tired; my heart is sick and sad. From where the sun now stands I will fight no more forever.