Donnerstag, 6. November 2025

die vergessene Oper


Der Komponist Bernard Herrmann hat die Musik für Citizen Kane und Taxi Driver geschrieben, für beinahe alle Hitchcock Filme und für zwei Truffaut Filme. Weniger bekannt ist, dass er auch eine Oper geschrieben hat. Heute vor dreiundvierzig Jahren wurde in Portland die Oper Wuthering Heights von Bernard Herrmann aufgeführt. Eine dreieinhalb Stunden lange Oper mit einem Prolog und vier Akten. Es war die einzige Oper des Komponisten, er hat diese Aufführung nicht mehr erlebt. Sie hätte ihm auch nicht gefallen, man hatte die Oper um eine halbe Stunde gekürzt und das Ende etwas verändert. Das hatte der Dirigent Julius Rudel Jahrzehnte zuvor so haben wollen, aber der Streit zwischen Rudel und dem Komponisten verhinderte damals die Erstaufführung. Das Bild hier, in dem noch die Reste der Gothic Novel sind, die der Roman enthält, stammt von dem Plakat derMinnesota Opera aus dem Jahre 2011. Ganz vergessen ist die Oper also nicht.

Bernard Herrmanns Ehefrau Lucille Fletcher hatte nach dem Roman von Emily Brontë ein → Libretto geschrieben, und Herrmann begann 1943 mit dem Komponieren. Als er 1951 die Oper vollendet hatte (am 30. Juni 1951 – „pünktlich um viertel vor vier in der Nacht“, wie Herrmann auf der Partitur vermerkte), waren Lucille und er schon geschieden. Wuthering Heights sei perhaps the closest to his talent and heart hat sie über ihren Ex gesagt. Nicht alles in der Oper war original, manche Melodien oder Melodiefetzen waren schon in den Filmen Citizen Kane, The Magnificent Ambersons, Jane Eyre und The Ghost and Mrs. Muir erklungen. Und manches aus Wuthering Heights wird in den Filmen Vertigo, North by Northwest und Marnie wieder auftauchen.

Bernard Herrmann hat die Oper 1966 in London mit dem Pro Arte Orchestra aufgenommen, alle Details der Plattenaufnahme finden sich hier. 1992 gab es diese Aufnahme als Dreier CD Set, aber dafür muss man heute schon beinahe zweihundert Euro auf den Tisch legen. Sie können die Oper allerdings auch kostenlos in einer konzertanten Version aus dem Jahr 2010 vom Radio Festival Montpellier unter Alain Altinoglu bei YouTube hören. Wenn Ihnen das zu viel ist, hören Sie doch einmal hinein, wie Renée Fleming I have dreamt singt: I have dreamt in my life, dreams that have stayed with me ever after, and changed my ideas; they have gone through and through me, like wine through water, and altered the color of my mind.

Vor zehn Jahren ist die Oper in → Braunschweig gezeigt worden, davon kann man eine Minute bei ✺YouTube sehen, und in der → Opera Lounge kann man noch mehr dazu lesen. Bei YouTube findet sich zu der Aufführung der Kommentar: Gut, dass so ein Werk ausgegraben wird. Leider eine scheiss Inszenierung. Auf jeden Fall wird man sagen können, dass das Bühnenbild nichts von der Tristesse des Hochmoors von Yorkshire vermittelt. Aber natürlich hat es auch andere, seriösere → Kritiken als scheiss Inszenierung gegeben. Irgendwie ist es schade, dass man diese Aufführung nicht aufgezeichnet hat. Der Däne Hans Sørensen hat mit dem Singapore Symphony Orchestra eine einstündige ✺Version von Herrmanns Oper erstellt. Hier singen nur noch Catherine und Heathcliff und der Orchesterpart ist abgemagert. Ich weiß nicht, ob man für die CD zwanzig Euro bezahlen soll.

Im nächsten Jahr soll es eine neue ✺Verfilmung von Wuthering Heights geben, ich weiß nicht, ob das sein muss. Wenn man die Spielfilm- und TV-Versionen des Romans addiert, kommt man sicher auf mehr als zwanzig Titel (die ✺Monty Python Version nicht mitgezählt). Ich würde nichts davon empfehlen wollen, auch den Film von ✺1939 nicht, Emily Brontës Roman lebt von der Sprache. Der Roman wird in diesem Blog schon in dem Post Sturmeshöhe besprochen. Und in dem Post Wuthering Heights gibt es einiges über die Übersetzung, die Sie auf keinen Fall lesen sollten.

Sonntag, 2. November 2025

Joseph Wenzel von Radetzky


Sie werden Joseph Gottfried Pargfrieder wahrscheinlich nicht kennen, man weiß auch nicht so viel über ihn. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob der Kaiser Joseph II wirklich sein Vater gewesen ist. Der Anfang seines Lebens liegt in ziemlicher Dunkelheit. Heller wird es erst in den napoleonischen Kriegen, da ist Pargfrieder Armeeliferant der österreichischen Armee und wird sehr, sehr reich. Hat Freunde wie die Feldmarschälle Maximilian von Wimpffen und Joseph Wenzel von Radetzky, denen er auch ihre Spielschulden bezahlt. Sie müssen dann nur ins Testament schreiben, dass er sie eines Tages beerdigen dürfe.

Pargfrieder hatte sich 1832 das Schloss Wetzdorf gekauft, dessen Schlossgarten er (ein wenig nach dem Vorbild der bayrischen Walhalla) mit 169 Standbildern und Zinkbüsten von Generälen, Soldaten und österreichischen Herrschern von Rudolf I bis Kaiser Franz Joseph verzierte. Und für die beiden Feldmarschälle, deren Schuldscheine er besaß, gab es eine Heldengruft. Nachdem dort 1858 Josef Wenzel von Radetzky in Anwesenheit von Kaisers Franz Joseph beigesetzt worden war, schenkte Pargfrieder die ganze Heldengedenkstätte dem Kaiser. Der ernannte den ehemaligen Heereslieferanten zum Ritter und verlieh ihm das Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens. Der Ritter von Pargfrieder wird sich nach seinem Tod auch hier begraben lassen, er ist ein Ehrenmann, die Schuldscheine der beiden Feldmarschälle hat er vernichtet. Den Spott des Volkes braucht er in dem Grabkeller unter dem Obelisken nicht zu hören: 

Hier ruhen drei Helden in ewiger Ruh,
zwei lieferten Schlachten, der dritte die Schuh.
  
Der Graf Radetzky von Radetz, hier von dem bayrischen Hofmaler Albrecht Adam gemalt, wurde am 2. November 1766 in Schloss Trebnitz bei Seltschan in Böhmen geboren. Das Bild zeigt Radetzy 1848 vor Mailand, das er gerade einnimmt. Hier wird er Generalgouverneur werden (seine Vorgänger waren da noch Vizekönige), und hier wird er zehn Jahre später im Alter von einundneunzig Jahren sterben. Über das Pensionsalter war Radetzky bei seinem italienischen Abenteuer schon weit hinaus.

Als er zweiundsiebzig Jahre in österreichischen Diensten ist, schreibt der Graf Radetzky seinem Kaiser einen Brief: Euer Majestaet, die Gesetze der Natur zwingen mich nach 72 Dienstjahren und 90 Lebensjahren Euer Majestaet um die Allergnaedigste Enthebung von meinem Dienstposten Allerunterthänigst zu bitten. Geruhen Euer Majestaet mir diese Enthebung mit jener Allerhöchsten Huld und Gnade zu gewähren, mit welcher Allerhöchst dieselben mich schon so vielfach überschütteten und gestatten mir Euer Majestaet bei diesem Anlaße Allerhöchst Der Huld und kaiserliches Wohlwollen [...] Mein Greisen Alter hat zwar meine Thätigkeit gelähmt, aber bis zum letzten Athemzuge werde ich des Allmächtigen Segen für das erhabene Hauß und den herrlichen Thron Meines geliebten Monarchen erflehen, der ich in tiefster Demut ersterbe.

Am 28. Februar 1857 gewährt ihm der Kaiser diese Bitte. Wahrscheinlich gibt es keinen General, der so lange gedient hat. Den Mann, der sich 1871 in Generalsuniform bei der deutschen Armee zum Feldzug gegen Frankreich meldet, schickt man gleich wieder nach Hause. Er war gleich eingeschlafen, als er das Hauptquartier erreichte, er war 85 Jahre alt. Sein Name war Fürst Pückler. Wenige Jahre zuvor war er allerdings mit 81 Jahren beim  preußischen Feldzug gegen Österreich-Ungarn dabei gewesen. Kein General wird wohl jemals eine so lange Dienstzeit vorweisen können wie Radetzky.

Er hat bei seinem Abschied nur noch wenig mit der Armee zu tun, der Kasernenhof ist schon lange nicht mehr seine Heimat, auch, wenn ihn die Soldaten noch immer Vater Radetzky nennen. Er hat die Armee neu organisiert, und seit dem Türkenkrieg 1788 war er auf allen europäischen Schlachtfeldern. Er musste mit Schwarzenberg nach Russland, weil Österreich da auf Napoleons Seite war. Aber ein Jahr später sind sie bei den Alliierten, und Radetzky entwirft den Plan für die Völkerschlacht von Leipzig. Dies rührend naive Bild zeigt Radetzky (in der hellblauen Uniform) inmitten seines Stabes in Monza 1850. 

Da war der Zweite Italienische Feldzug zu Ende, und Radetzky war Generalgouverneur des Königreichs Lombardien-Venetien. Streng, aber auch milde und immer großzügig. Patrioten wie Alessandro Manzoni und Giuseppe Verdi, die in ganz Italien gesucht wurden, konnten in seinem Königreich unbehelligt leben. Man duzt Joseph Wenzel von Radetzky nicht, da er ein Feldmarschall und eine historische Persönlichkeit war, die im 18. und 19. Jahrhundert lebte. In dieser Zeit und in seiner militärischen Position war die Anrede mit „Sie“ oder „Herr Feldmarschall“ angemessen, sagt mir Googles KI. Und liegt wohl wieder einmal daneben. Denn in Italien hat Radetzky für die Offiziere das Armee-Du eingeführt, das bis zum Ende des habsburgischen Reiches galt.

Als Joseph Roths Roman Radetzkymarsch 1932 erscheint, ist eine andere Welt gerade am Untergehen. Woran ein Österreicher, der erst seit kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, nicht ganz unschuldig ist. Ich habe in dem Post über Thomas Hardy den Begriff Untergangsliteratur erfunden: Thomas Hardy beschreibt eine literarische Landschaft, die vorher nicht auf der Landkarte der Literatur war. Ähnlich wie Faulkner mit seinem Yoknapatawpha schafft sich Hardy mit den Wessex Novels seinen eigenen literarischen Kosmos, a merely realistic dream country, wie er gesagt hat. Es ist, wie auch Faulkners Welt, eine Welt im Untergang. So wie in Faulkners Romanen die Welt der Großgrundbesitzer der Südstaaten untergeht, geht bei Hardy das einfache ländliche Leben angesichts der Industrialisierung immer mehr verloren. Große Literatur ist häufig Untergangsliteratur. Wie bei Proust, der den Untergang der Pariser Aristokratie beschreibt. Wie bei Conrad, der den Untergang der Welt der Segelschiffe beschreibt. 

Wie bei Joseph Roth, der den Untergang der k.u.k Welt beschreibt. Das Wort Untergangsliteratur ist Copyright Jay, ich habe das gerade erfunden. Es fällt einem beim Schreiben ja erstaunlich viel ein, Kleist hatte mit der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden schon recht. Er hätte aber besser Schreiben sagen sollen. Aber davon abgesehen ist der Gedanke mit der Welt im Untergang bei Hardy, Conrad, Proust und Roth nicht schlecht. Reicht wahrscheinlich nicht für eine Literaturtheorie, aber vielleicht mach' ich noch mal was draus. Diese Romane des Untergangs einer Gesellschaft, die Roth, Proust, Conrad und Faulkner schreiben, sind allerdings eigentlich nicht zu verfilmen. Weil wenige Regisseure den Geist der Zeit überzeugend wiedergeben können. Joseph Losey gelingt das in The Go-Between manchmal sehr gut.

Axel Cortis Film Radetzkymarsch, der mit Erfolg einen Erzähler im off verwendet, hat eine Vielzahl schöner, poetischer Momente, Stanley Kubricks Verfilmung von Schnitzlers Traumnovelle (mit Tom Cruise und Nicole Kidman) ist eine Katastrophe. Volker Schlöndorffs Eine Liebe von Swann kann man vergessen. Aber Die wiedergefundene Zeit von Raúl Ruiz ist wirklich sehr gelungen. Faulkner zu verfilmen geht eigentlich nicht. Obgleich *The Long Hot Summer mit Don Jonson und Cybill Shepherd gar nicht so schlecht ist, wie die Kritiker den Film gemacht haben, aber es ist natürlich kein Faulkner. The Tarnished Angels von Douglas Sirk schon eher. Joseph Conrad bleibt unverfilmbar, nur in The Outcast of the Islands hat Carol Reed die richtige Idee.

Charlotte Rampling spielt in Cortis Radetzkymarsch auch mit, ein bisschen nacktes Fleisch musste wohl sein, sonst sieht man ja nur österreichische Uniformen. Der Regisseur Axel Corti ist während der Dreharbeiten verstorben, sein Kameramann Gernot Roll drehte den Film zu Ende. Posthum erhielt Corti den Grimme Preis. Als Corti den Film drehte, wusste er natürlich, dass dreißig Jahre zuvor schon einmal ein Film mit dem Titel Radetzkymarsch gedreht worden war. Nicht in Farbe, nicht so aufwendig, nicht mit internationalen Stars.

Die hatte Corti. Wahrscheinlich erinnerten die Stars sich noch alle an den Erfolg von Cortis Eine blaßblaue Frauenschrift. Corti hatte den Schauspieler Gert Voss gewonnen, weil er ihm gesagt hatte, dass neben der Rampling auch Jean-Louis Trintignant und Gian Maria Volonté dabei wären. Aber das wurde so nichts, Trintignant war wohl nie wirklich im Gespräch, an Stelle des erkrankten Gian Maria Volonté spielte dann Gert Voss dann die Rolle des Graf Chojnicki.

Die zweiteilige Fernsehfassung von Michael Kehlmann (Teil 1 und Teil 2) aus dem Jahre 1965 war stiller und unspektakulärer. Wir bekommen zwar auch etwas Unterwäsche zu sehen, aber keine nackte Charlotte Rampling als Valerie von Taussig oder Julia Stemberger als Eva Demant. Die Eva Demant bei Kehlmann ist Hertha Martin, die ihre Karriere mit Auf der Alm da gibt's koa Sünd begonnen hatte. Dafür ist der Kaiser Franz Joseph einmal kurz im Nachthemd zu sehen, was die österreichische Presse damals sehr aufregte. 'Würdelos' sei diese Darstellung, offensichtlich war für viele das k.u.k. Reich noch nicht zu *Ende. Für manche deutsche Zuschauer auch nicht.

Aber es ist natürlich zu Ende, das wissen die Leser von Joseph Roths Radetzkymarsch und Kapuzinergruft genau. Joseph Roth ist zwar in diesem Blog immer wieder erwähnt worden, hat aber erstaunlicherweise keinen eigenen Post. Doch Helmut Qualtinger (hier mit Helmut Lohner in Radetzkymarsch) hat einen Post. Und die witzige Geschichte, wie ich einmal Qualtinger erlebte, steht auch schon hier.

Cortis 255-minütiger Film wurde im Fernsehen als Dreiteiler gezeigt, ich weiß nicht, ob man ihn gesehen haben muss. Schnuckelige Frauen wie Charlotte Rampling, Elena Sofia Ricci (hier nackt im *Clip) und Julia Stemberger (die auch ein klein wenig *nackt sein darf) reißen da auch nichts raus. Obgleich die Stemberger in dieser Welt zu Hause scheint. Auf jeden Fall mehr als in Dieter Wedels St Pauli Epos

Als ich Julia Stemberger zum ersten Mal sah, dachte ich mir, dass sie einmal eine wunderbare Genia in Schnitzlers Das weite Land abgeben könnte. 2017 hat sie in Reichenau an der Rax genau diese Rolle gespielt. Mit großem Erfolg. Manchmal verwechsle ich Schnitzler mit Joseph Roth, den ich sehr mag. Das liegt daran, dass ich mal eine schlimme k.u.k. Phase hatte und alles von Arthur Schnitzler und Joseph Roth hintereinander weg gelesen habe. Das habe ich schon irgendwann einmal im Blog gestanden.

Das k.u.k. Reich hat uns eine Vielzahl von Romanen beschert. Und noch mehr Filme, da fallen uns doch sofort Rudolf Prack und Hannerl Matz und die ganzen Sissi Filme ein. Der Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz hat seinen Namen für vieles hergeben müssen: einen Wein, mehrere Schlachtschiffe, einen Zuchthengst. Die grauenhaften Verse von Franz Grillparzer erspare ich uns. Zum 150. Todestag des Feldmarschalls offerierte die Firma Steiff einen Radetzky Teddy. Wenn man den drückte, erklang der Radetzkymarsch. So etwas hat der junge Karl Joseph von Trotta nicht besessen.

Der träumte mit fünfzehn noch von seinem Kaiser: Am besten starb man für ihn bei Militärmusik, am leichtesten beim Radetzkymarsch. Die flinken Kugeln pfiffen im Takt um den Kopf Carl Josephs, sein blanker Säbel blitzte, und Herz und Hirn erfüllt von der holden Hurtigkeit des Marsches, sank er hin in den trommelnden Rausch der Musik, und sein Blut sickerte in einem dunkelroten und schmalen Streifen auf das gleißende Gold der Trompeten, das tiefe Schwarz der Pauken und das siegreiche Silber der Tschinellen.

Der Feldmarschall Joseph Radetzky von Radetz spielt in Joseph Roths Roman Radetzkymarsch keine Rolle, der von Johann Strauss komponierte *Marsch schon: Alle Platzkonzerte – sie fanden unter dem Balkon des Herrn Bezirkshauptmanns statt – begannen mit dem Radetzkymarsch. Obwohl er den Mitgliedern der Kapelle so geläufig war, daß sie ihn mitten in der Nacht und im Schlaf hätten spielen können, ohne dirigiert zu werden, hielt es der Kapellmeister dennoch für notwendig, jede Note vom Blatt zu lesen. Und als probte er den Radetzkymarsch zum erstenmal mit seinen Musikanten, hob er jeden Sonntag in militärischer und musikalischer Gewissenhaftigkeit den Kopf, den Stab und den Blick und richtete alle drei gleichzeitig gegen die seiner Befehle jeweils bedürftig scheinenden Segmente des Kreises, in dessen Mitte er stand. Die herben Trommeln wirbelten, die süßen Flöten pfiffen, und die holden Tschinellen schmetterten. Auf den Gesichtern aller Zuhörer ging ein gefälliges und versonnenes Lächeln auf, und in ihren Beinen prickelte das Blut. Während sie noch standen, glaubten sie schon zu marschieren. Die jüngeren Mädchen hielten den Atem an und öffneten die Lippen. Die reiferen Männer ließen die Köpfe hängen und gedachten ihrer Manöver. Die ältlichen Frauen saßen im benachbarten Park, und ihre kleinen, grauen Köpfchen zitterten. Und es war Sommer.

Der Herr Bezirkshauptmann, das ist der Sohn des Major a.D. Joseph Trotta von Sipolje, des Helden von Solferino, Träger des Militär Maria Theresien Ordens. Der mitansehen muss, wie das kaiserliche Reich langsam zerfällt. Und mitansehen muss, dass sein Sohn nichts von dem Schneid des Helden von Solferino und nichts von der Kaisertreue des Bezirkshauptmanns besitzt. In dem Film von 1965 spielt Leopold Rudolf den alten Baron Trotta, irgendwie ist er da überzeugender als Max von Sydow, der wieder einmal Max von Sydow spielt.

Der Bezirkshauptmann stirbt im Roman wenige Tage nach seinem Kaiser: Es war der Tag, an dem man den Kaiser in die Kapuzinergruft versenkte. Drei Tage später ließ man die Leiche Herrn von Trottas ins Grab hinunter. Der Bürgermeister der Stadt W. hielt eine Rede. Auch seine Grabrede begann, wie alle Reden jener Zeit überhaupt, mit dem Krieg. Weiter sagte der Bürgermeister, daß der Bezirkshauptmann seinen einzigen Sohn dem Kaiser gegeben und trotzdem weiter gelebt und gedient hatte. Indessen rann der unermüdliche Regen über alle entblößten Häupter der um das Grab Versammelten, und es rauschte und raschelte ringsum von den nassen Sträuchern, Kränzen und Blumen. 

Doktor Skowronnek, in der ihm ungewohnten Uniform eines Landsturmoberarztes, bemühte sich, eine sehr militärische Habt-acht-Stellung einzunehmen, obwohl er sie keineswegs für einen maßgeblichen Ausdruck der Pietät hielt. – Zivilist, der er war. Der Tod ist schließlich kein Generalstabsarzt! dachte der Doktor Skowronnek. Dann trat er als einer der ersten an das Grab. Er verschmähte den Spaten, den ihm ein Totengräber hinhielt, sondern er bückte sich und brach eine Scholle aus der nassen Erde und zerkrümelte sie in der Linken und warf mit der Rechten die einzelnen Krumen auf den Sarg. Dann trat er zurück. Es fiel ihm ein, daß jetzt Nachmittag war, die Stunde des Schachspiels nahte heran. Nun hatte er keinen Partner mehr; er beschloß dennoch, ins Kaffeehaus zu gehn.
        Als sie den Friedhof verließen, lud ihn der Bürgermeister in den Wagen. Doktor Skowronnek stieg ein. »Ich hätte noch gern erwähnt«, sagte der Bürgermeister, »daß Herr von Trotta den Kaiser nicht überleben konnte. Glauben Sie nicht, Herr Doktor?« »Ich weiß nicht«, erwiderte der Doktor Skowronnek, »ich glaube, sie konnten beide Österreich nicht überleben.«

Meine Rowohlt Ausgabe von Radetzkymarsch hat mich vor über fünfzig Jahren bei Eschenburg eine Mark gekostet. Ich war nie versucht, eine andere Ausgabe zu kaufen, diese hier war mein Leseerlebnis. Und ein Leseerlebnis ist der Roman noch immer. Den Radetzkymarsch gibt es bei booklooker ab 1,96€ (die Erstausgabe von 1932 kostet da 189 Euro). Für den Preis von 1,96€ würde ich nicht zögern. Gut, Sie bekommen keine Charlotte Rampling, keine Elena Sofia Ricci und keine Julia Stemberger wie auf der DVD (12,99 € bei amazon), aber der Roman ist viel, viel besser als jede Verfilmung. Selbst der von mir immer geschmähte Reich-Ranicki hält ihn für einen großen Roman, und das ist er wirklich. Der ungarische Literaturhistoriker Georg Lukács bezeichnete den Roman 1939 in einer Moskauer Zeitschrift als eines der künstlerisch geschlossensten und überzeugendsten der neueren deutschen Literatur. Mehr geht nicht.

Freitag, 31. Oktober 2025

Reformationstag


Nv frewt euch lieben Christen gmeyn /
vnd last vns frölich spryngen.
Das wir getrost vnd al ynn eyn /
mit lust vnd liebe syngen.Was Got an vns gewendet hat
vnd seyne susse wunder that.
Gar theur hat ers erworben.

Dem teuffel ich gefangen lag /
ym tod war ich verloren.
Mein sund mich qwellet nacht vnd tag /
darynn ich war geboren.
Ich fyel auch ymmer tieffer dreyn.
Es war keyn guts am leben meyn.
Die sund hat mich besessen.

Mein gute werck die golten nicht /
es war mit yhn verdorbenn.
Der frey will hasset Gotts gericht /
er war zum gut erstorben.
Die angst mich zu verzweifeln treib /
das nichts dan sterben bey mir bleyb.
Zur hellen must ich syncken.

Da yamert Gott yn ewigkeyt /
mein elend vbermassen.
Er dacht an seyn barmhertzigkeit.
Er wolt mir helffen lassen.
Er wand zu mir das vater hertz.
Es war bey yhm furwar keyn schertz.
Er ließ syn bestes kosten.

Er sprach zu seynem lieben son /
die zeyt yst hie zurbarmen.
Farhyn meyns hertzen werde kron /
vnnd sey das heyl der armen.
Vnd hylff yhm aus der sunden nott.
Erwurg fur yhn den bittern todt.
Vnd laß yhn mit dir leben.

Der son dem vater gehorsam ward /
er kam zu mir auff erden.
Von eyner yungfraw reyn vnnd tzart /
er solt mein bruder werden.
Gar heymlich furtt er seyn gewalt.
Er gieng ynn meyner armen gestalt.
Den teuffel wolt er fangen.

Er sprach zu mir halt dich an mich.
Es solt dir ytzt gelingen.
Ich geb mich selber gantz fur dich.
Da will ich fur dich ryngen.
Denn ich byn deyn vnd du byst meyn.
Vnd wo ich bleib da soltu seyn.
Vnns soll der feind nicht scheyden.

Vergiessen wirt er mir meyn blut /
dazu mein leben rawben /
das leyde ich dir alles zu gutt /
das halt mit festem glauben /
den todt verschlingt das leben mein.
Meyn vnschult tregt die sunden deyn.
Da bistu selig worden.

Gen hymmel zu dem vatter meyn.
Far ich von dysem leben /
da will ich seyn der meyster deyn /
den geyst will ich dir geben /
der dich yn trubniß trösten soll.
Vnd lernen mich erkennen wol.
Vnd yn der warheit leitten.

Was ich gethan hab vnd geleert
das solt du thun vnnd leeren /
damit das reich Gotts werd gemehrt.
Zu lob vnd seynen ehren.
Vnd hut dich fur der menschen satz /
dauon verdirbt der edle schatz.
Das laß ich dir zur letze.

Samstag, 25. Oktober 2025

se vuol ballare, Signor Trumpino?


Am Morgen habe ich die New York Times in der Mail, am Abend den New Yorker Daily. Den New Yorker hatte ich mein halbes Leben als Abo oder als Geschenk; und Adam Gopnik, den ich als Autor sehr schätze, hat hier schon einen Post. Die Lektüre der besten Zeitungen aus den USA kostet übrigens nichts, Sie brauchen sich nur mit Ihrer E-Mail Adresse auf die Liste setzen zu lassen. Sie können natürlich auch den White House Newsletter abonnieren, aber das wollen Sie sicher nicht. Obgleich die Selbstinszenierung der Regierung Trump sehr, sehr komisch ist. Was beide New Yorker Blätter im Augenblick beschäftigt, ist der Ostflügel des Weißen Hauses, den Trump gerade abreißen lässt. Weil er dort einen Ballsaal für tausend Leute bauen will, den sich die Nation angeblich schon immer gewünscht hat: For 150 years, Presidents, Administrations, and White House Staff have longed for a large event space on the White House complex that can hold substantially more guests than currently allowed. President Donald J. Trump has expressed his commitment to solving this problem on behalf of future Administrations and the American people.

Als ich die Sache mit dem Ballsaal zu ersten Mal las, fiel mir Figaros Arie se vuol ballare, signor contino ein, das wäre ein witziger Titel für das Ganze gewesen. Signor contino Donald lässt einen Ballsaal bauen und Figaro bringt ihm das Tanzen bei. Im New Yorker beantwortete George E. Condon, die Frage How normal is this sort of White House renovation? mit den klaren Sätzen: The White House wants you to believe this is totally normal, citing all the renovations, big and small, made by past Presidents. They are right that changes were made. But they are dead wrong about how this is being done. With the exception of F.D.R. secretly building a bunker under the East Wing during the Second World War, past renovations of this size were debated, funded by Congress, and done only after the need was manifest. None were rushed and done at the whim of a President.

Keine Diskussionen in Kongress oder Senat, überhaupt keine Diskussionen im Land, wenn der Signor Trumpino at the whim seinen Tanzsaal haben will. So etwas wollte er schon vor Jahrzehnten mal haben und mit 100 Millionen Dollar selbst finanzieren, aber Obama hat seinen Brief gar nicht erst beantwortet. Hatte allerdings, als er sich 2011 um die zweite Amtszeit bemühte, beim jährlichen White House Correspondents Association Dinner ein Photo in seinem Vortrag eingeblendet, das das Weiße Haus nach einem theoretischen Sieg Donald Trumps zeigte. Das war damals ein kleiner visueller Scherz. Heute ist das Bild bitterböse Satire, aber vielleicht wird das ja noch genau so werden. Den Bordell-Stil seines Anwesens Mar-a-Lago mit viel Gold und Glitzer hat Trump ja schon in das Weiße Haus gebracht: Where the Oval Office once conjured gravitas and continuity through its restrained adornments, it now evokes insecurity and petulance. It is awash in gilt.

Das Weiße Haus, das architektonisch sicherlich nicht die Bedeutung von Jeffersons Monticello hat, ist über die Jahre immer wieder umgebaut worden; vom Original von James Hoban ist wenig erhalten. Donald Trump benutzt jetzt eine Auflistung der Umbauten durch Amerikas Präsidenten, um gegen seine Kritiker vorzugehen: In the latest instance of manufactured outrage, unhinged leftists and their Fake News allies are clutching their pearls over President Donald J. Trump’s visionary addition of a grand, privately funded ballroom to the White House — a bold, necessary addition that echoes the storied history of improvements and additions from commanders-in-chief to keep the executive residence as a beacon of American excellence

Wir lassen das Geschwafel mit der manufactured outrage, den unhinged leftists and their Fake New mal so stehen und kommen zu einer kurzen Baugeschichte. 1902 begann Roosevelt mit erheblichen Renovierungsmaßnahmen, die dem Haus diesen Ostflügel (und einen Südflügel) verschafften. Die Bauarbeiten wurden durch Amerikas renommierteste Firma McKim, Mead and White durchgeführt, die dafür berühmt waren, die größten Villen für die Millionäre des Gilded Age im Stil der École des Beaux-Arts von Paris zu bauen (lesen Sie mehr in Dementia Americana). Die verpassten dem Haus auch die weiße Farbe. Und Roosevelt gibt ihm den Namen The White House

Nicht nur McKim, Mead and White haben das Haus umgebaut, das Haus wurde, seit es die Engländer im Krieg 1812-1814 angezündet hatten, ständig umgebaut. Damals hatte man das Gebäude zum ersten Mal weiß gestrichen, um die Brandschäden zu übertünchen. Von nun an baut jeder Präsident ein wenig an dem Haus dran herum. James Monroe ließ den Portikus im Süden errichten, Andrew Jackson zehn Jahre später den North Portico. Am Ende des 19. Jahrhunderts plädierten schon viele für einen Abriss und Neubau des Gebäudes. 

1945 merkte man, dass das Haus wirklich abrissreif war. Die Bausünden von Jahrhunderten wurden evident. Und die eine tragende Wand hätte Roosevelt nicht entfernen sollen. Nachdem das Spinett seiner Tochter durch die Decke des Obergeschosses gebrochen war, zog Präsident Truman mit seiner Familie in das Blair House, wo er die nächsten vier Jahre wohnen wird. So wie auf diesen Bildern sah das Weiße Haus im Frühjahr 1950 aus, nur die Außenwände stehen noch, man hatte es vollständig entkernt. Fachleute hatten für einen Abriss des baufälligen Hauses plädiert, aber das wollte der Kongress nicht hören. Er bestand auf dem Erhalt der Fassade. Der Architekt Lorenzo Simmons Winslow wird dem amerikanischen Präsidenten ein neues Zuhause aus Stahlbeton geben. Im Frühjahr 1952 führte Harry S. Truman ein Fernsehteam durch das im Inneren völlig neue Weiße Haus.

Und nun bekommt es eine visionary addition, einen neuen Flügel, der allerdings die ganze Konstruktion ein wenig aus dem Gleichgewicht bringt. Palladio, der für Amerikas öffentliche Bauten der Stilgeber ist, hätte so etwas nicht gebaut. Denn der Ballsaal im Stil von Versailles für Signor Trumpino wird größer als das Weiße Haus sein. I’ve seen drawings of the ballroom next to the White House, and it does a couple of things. First, it dwarfs it. And second, it takes away the symmetry. The White House looks symmetrical from above, from the front, and from the back — and this addition disrupts that, hat die Historikerin Dr Lindsay Chervinsky gesagt. 

Aber für den Bauherren, der das aus seiner Tasche (und den Taschen seiner Milliadärsfreunde) bezahlt, ist das alles nur beautiful: It will be beautiful. It won’t interfere with the current building. It won’t be – it will be near it, but not touching it. And pays total respect to the existing building, which I’m the biggest fan of. It’s my favourite. Der Architekt, den Trump für seinen Ballsaal gefunden hat, war bisher auf katholische Kirchen spezialisiert. Er war mal ein Vertreter moderner Architektur, tendiert aber heute zu irgendetwas, das er als klassisch empfindet. Er ist da wieder angekommen, wo McKim, Mead and White vor hundert Jahren schon waren. Ein bisschen klassischer Touch für Multimillionäre, die viel Geld und ganz wenig Geschmack haben.

Se vuol ballare, signor contino, singt Figaro, und seine Cavatine ist ein Lied der Rebellion. Das wissen wir, die Oper war häufig in diesem Blog. 

Will der Herr Graf ein Tänzchen nun wagen,
mag er's mir sagen, ich spiel ihm auf.
Soll ich im Springen Unterricht geben,
auf Tod und Leben bin ich sein Mann.
Ich will ganz leise
listigerweise von dem Geheimnis
den Schleier ziehn.
Mit feinen Kniffen, mit kecken Griffen,
heute mit Schmeicheln, morgen mit Heucheln
werd' seinen Ränken ich kühn widerstehn.

Nur Googles KI-Modus hat das nicht begriffen. Da steht doch tatsächlich: Der Text lautet: "Will der Herr Graf ein Tänzchen nun wagen, mag er's nur sagen, ich spiel' ihm auf". Dieser Text stammt aus der Cavatine des Figaro aus der Oper Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart. Es handelt sich um die Arie, in der Figaro vor Freude, dass der Graf nicht gegen ihn ist, die Musik für den Grafen spielt ... Bedeutung im Kontext: In dieser Arie drückt Figaro seine Freude aus, weil der Graf anscheinend nicht mehr gegen ihn ist. Er spielt die Musik für den Grafen und sagt, dass er ihm gerne aufspielen wird, wenn der Graf tanzen möchte. Nein, ihr Vollpfosten, Figaro will verhindern, dass der Graf Susanna an die Wäsche geht!

Wird man Signor Trumpino zum Tanz aufspielen? Die Musik, die er im Augenblick hört, ist der Krach der Abrißbirne: You probably hear the beautiful sound of construction in the back... When I hear that sound, it reminds me of money. Ach ja, das ist das einzige, das er im Kopf hat. This is Trump’s presidency in a single photo. Illegal, destructive, and not helping you, hat die Senatorin Elizabeth Warren über die ersten Photos gesagt. Und Hillary Clinton schrieb: It’s not his house. It’s your house. And he’s destroying it. Der Historiker Edward G. Lengel hat gesagt: I think Thomas Jefferson, poor old TJ, his head would’ve exploded if he had seen this. Die Frage, die bleibt, ist: wird Signor Trumpino es noch erleben, in seinem Ballsaal zu tanzen? Wird man da jemals solche Szenen sehen? Und wer werden die anderen tausend in dem Saal sein? Repräsentieren die Amerika? Kann man Trumps Ränken, wie Figaro es singt, ganz leise Mit feinen Kniffen, mit kecken Griffen, heute mit Schmeicheln, morgen mit Heucheln kühn widerstehn? Die ersten Klagen gegen die Abrissarbeiten sind eingereicht.

Donnerstag, 23. Oktober 2025

6.666.666

Mit dem Post Literatur tauchte am 3. Januar 2010 um 22:22 ein neuer Blogger im Internet auf. Der wusste noch nicht so recht, was er wollte. Und er wusste auch nicht, wie das Ganze funktioniert. Seit dem Juli 2010 wurde der Blogger Jay von Googles Zählmaschinen gezählt, vorher nicht, das hatte er mit denen so abgemacht. Wie viele Leser er hatte, wusste Jay erst am Endes des Jahres 2010, weil er die Seite mit der Leserstatistik noch nicht gefunden hatte. Inzwischen weiß er das. Heute mittag waren es 6,666,666. 

Genau um 13:15. Das hat mir meine neue Citizen Crystron gesagt. Wo ich nun beinahe alle Seiko Quarzuhren der siebziger Jahre habe, dachte ich, ich müsste auch mal eine von Citizen haben. Die Uhr mit dem Namen Crystron war Citizens Flaggschiff der siebziger Jahre. Es gab davon auch eine Mega Version in Gold, die 4,5 Millionen Yen kostete und die genaueste Uhr der Welt war. Dies hier ist eine einfache schlichte Crystron, keine Crystron 4 Mega. Kostete auch nicht die Welt, die 4 Mega Modelle kosten nach fünfzig Jahren heute immer noch vierstellig. Die Crystrons der siebziger Jahre sind allerdings schon ein wenig rar geworden. Meine 36 mm breite und sehr flache Uhr sieht in der Wirklichkeit besser aus als auf diesem Photo. Charmanterweise hat die Uhr noch ein Acrylglas und geht märchenhaft genau. Nach einem Vierteljahr immer noch an der Atomzeit dran. Das HAQ (High Accuracy Quartz) Werk soll fünf Jahre mit einer Batterie laufen.

Google KI weiß natürlich nicht, woher der Name Crystron kommt, der Blogger Jay weiß das aber. Seikos erste Quarzuhr hieß Astron, und dieser Name hat etwas mit Astronomie zu tun. Aber Crystron? Es sind zwei englische Wörter, aus denen der Name gebildet wurde. Zum einen crystal, zum anderen electronic, mit beiden Dingen hat eine Quarzuhr ja etwas zu tun. Ich fand das Originalband (CQ signiert, für Citizen Quartz) auf dem Photo in der Anzeige nicht so toll, aber der Herr Reitberger von der Firma Tokei Japan hat mir noch ein anderes Citizen Band spendiert. Liegt auf dem Photo links neben der Uhr. Hatte ich dran gebaut, das war aber ästhetisch nix. Diese Uhr, die aussieht, als hätte Dieter Rams sie designed, brauchte das flache Originalband. Das hat sie jetzt wieder.

Die 6.666.666 Leser von heute werden noch nicht mit Whisky gefeiert, weil ich immer noch Husten, Schnupfen, Heiserkeit habe, aber es geht aufwärts.

Dienstag, 21. Oktober 2025

neu im Oktober


Die Tagesschau weiß es auch schon, seit zwei Wochen hat Google etwas Neues: Der neue KI-Modus kann bei der herkömmlichen Suche auf Google.com oder den Landes-Websites von Google aktiviert werden. Die Funktion erscheint als Auswahlmöglichkeit in einem zusätzlichen Reiter ("Tab") neben den bisher üblichen Optionen wie "Alles", Bilder, Bücher, Videos und Nachrichten. Bislang hatte Google bei bestimmten Themen eine sogenannte "Übersicht mit KI" angeboten, unter der aber auch weiterhin herkömmliche Links und bezahlte Werbung zu sehen waren. Über die Übersicht mit KI habe ich mich schon in den Posts Künstliche Intelligenz, 17. Juni und der 22. Juli lustig gemacht. Jetzt wird die KI zu Googles wichtigstem Instrument:

Der KI-Modus ist die leistungsstärkste KI-Suchfunktion von Google. Sie können fragen, was immer Sie möchten, und erhalten eine KI-basierte Antwort. Sie haben auch die Möglichkeit, durch weiterführende Fragen und hilfreiche Weblinks tiefer in das Thema einzusteigen. Im KI-Modus bietet die Übersicht mit KI dank logischem Schlussfolgern und weitergehenden Interaktionsmöglichkeiten noch mehr Möglichkeiten. Ihre Frage wird in Unterthemen aufgeteilt und alle Suchanfragen werden gleichzeitig ausgeführt. So kann der KI-Modus im Web nach noch relevanteren Inhalten suchen, die zu Ihrer Frage passen.

Klingt ganz toll, ist aber meistens Quatsch. Unter den Antworten des Google Orakels steht der Satz KI-Antworten können Fehler enthalten. Ja, und wie. Ich habe das Ganze eine Stunde getestet und keinen Vorteil dieser neuen Algorithmussuche erkennen können. Erschütternde Fehler aber en masse. Meinen Freund Yogi habe ich schon mehrfach in meinem Blog erwähnt, zum Beispiel in den Posts Philologen, da hat er seinem neunzigjährigen Lateinlehrer eine Festschrift gewidmnet. So ausser lamäng, wie man in Bremen sagt. In Print On Demand wird er erwähnt, weil er mich überredet hat, ein  kleines Büchlein zu machen. Da kann man auch lesen, dass er niemand Geringeren als Kissinger rumgequatscht hat, das Vorwort für das Peace Pipe Buch zu schreiben. Und der Post existentialism war eine Laudatio auf das St Olaf College, wo Yogi mal unterrichtet hat.

Jetzt ist da Gordon Marino Professor, sein Buch The Existentialist's Survival Guide: How to Live Authentically in an Inauthentic Age hatte mir der Yogi damals aus Amerika geschickt, er hatte es vom Autor geschenkt bekommen. Mit Widmung, jetzt ist es meins. Ich hatte gleich begonnen, es zu lesen, weil es ein Lesevergnügen ist. Das bei Harper Collins erschienene Buch hat auch sehr gute Kritiken erhalten, und das zu Recht. Professor Gordon Marino hat auch Kierkegaard in the Present Age und The Quotable Kierkegaard veröffentlicht und ist Mitherausgeber des Cambridge Companion to Kierkegaard.. 

Dem Kierkegaard Spezialisten kann man übrigens nicht ansehen, dass er auch etwas ganz anderes kann, was ihn prominent macht. Er war nämlich einmal Boxer und ist heute noch Boxtrainer. Philosophen werden ja nicht unbedingt mit dem Sport assoziiert, obgleich wir natürlich Thomas Hobbes erwähnen müssen, der im hohen Alter noch Tennis spielte. Als Sartre noch am Gymnasium unterrichtete, brachte er seinen Schülern das Boxen bei, das er selbst während seines Studiums erlernt hatte. Ob Heidegger wirklich gesagt hat: Ich war linker Läufer beim FC Meßkirch, weiß ich nicht. Aber wir wissen, dass Albert Camus in seiner Jugend Torwart bei Racing Universitaire d’Alger war. Er hat über diese Zeit gesagt: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.

Gordon Marino ist auch Direktor der Kierkegaard Bibliothek des St Olaf College in Northfield (Minnesota), und dass die kleine Universität die vielleicht beste Kierkegaard Bibliothek der Welt besitzt, verdankt sie diesem Herrn hier. Er heißt Howard Hong und hat keinen Wikipedia Artikel, die Bibliothek, die er aufgebaut hat, hat allerdings einen Artikel. Dieses Internet Lexikon weiß auch nicht, was es tut. Wir nehmen einmal für die Beschreibung seines Lebens diesen Nachruf aus der Star Tribune. Und immerhin kriegt der KI-Modus eine halbwegs richtige Würdigung seiner Tätigkeit hin.  Aber es ist eben leider nur halbwegs.

Die Bibliothek, die heute seinen und Kierkegaards Namen trägt, aufzubauen, wäre schon Grund genug dafür, dass es einen Howard Hong Artikel geben müsste. Doch es gibt noch viel mehr. Hong hat zusammen mit seiner Ehefrau den ganzen Kierkegaard ins Englische übersetzt, sieben Bände der Journals and Papers (Indiana University Press) und 26 Bände von Kierkegaards Werk (Princeton University Press). Für den ersten Band bekamen Edna und Howard Hong den National Book Award. Viele Ehrungen wie der Dannebrog Orden und ein Ehrendoktorat in Theologie der Universität von Kopenhagen für Howard Hong sollten folgen. Was wird jetzt aus einem kleinen College wie St Olaf, wenn Trump seinen Vernichtungsfeldzug gegen die Wissenschaft fortsetzt?

Der Yogi hat auch eine eigene interessante Website, was mich jetzt ein bisschen wundert, denn nach Googles KI-Modus ist er am 13. November 2023 im Alter von 66 Jahren verstorben. Er weiß das nur noch nicht, fand das aber sehr witzig, als ich ihm das gestern erzählte. Immerhin kriegte Googles KI meine Biographie so halbwegs hin, auf jeden Fall bin ich da noch nicht tot. Aber mein Blog SILVAE erscheint beim KI-Modus überhaupt nicht als Treffer, geht man in die Option Alles, ist er gleich ganz oben auf dem ersten Platz. Soviel zu dem Thema leistungsstärkste KI-Suchfunktion von Google. 

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Wolfram Weimer hat gesagt, dass Google in gewisser Weise das Internet neu erfunden habe. Die Google KI liefere Antworten auf Basis großer Datenmengen, die Google durch einen Raubzug über die komplette Informationslandschaft dieses Erdballs gewonnen habe. Na ja, so ganz großartig kann der Raubzug nicht gewesen sein, die Antworten des KI-Modus sind häufig erschütternd kläglich. Weil die leistungsstärkste KI-Suchfunktion von Google die Frage von Frank Sinatra Is it the good turtle soup or merely the mock? nicht richtig beantworten kann und meistens zielsicher beim mock landet.

Und was die hervorgehobenen Datenmengen betrifft, gilt immer noch der Satz: Quantität ist nicht Qualität. Oder um Goethe zu zitieren: Getretner Quark wird breit, nicht stark. Vor allem mit den Quellen, die für eine wissenschaftliche Forschung elementar sind, geht Google ziemlich lax um. Häufig sind das keine Fakten, sondern lediglich Sätze aus dem Werbeprospekt einer Firma oder schlicht KI-generierte Texte. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Googles KI-Modus das Äquivalent zu der Doktorarbeit von Herrn von und zu Guttenberg ist. Und es gibt natürlich keine bekannte Verbindung zwischen Niels Bohr und einem Motorrad, das wissen die Leser von Silvae inzwischen. 

Ich gebe noch ein Beispiel. Fragt man nach Heinrich van Laack bekommt man die Antwort: Heinrich van Laack ist der Gründer des deutschen Modeunternehmens Van Laack, das für hochwertige Hemden und Blusen bekannt ist. Unternehmensgründung und Vision Jahr und Ort: 1881 gründete Heinrich van Laack zusammen mit zwei Partnern das Unternehmen in Berlin.Vision: Sein Ziel war es, das luxuriöseste Hemd der Welt zu produzieren. Qualitätsanspruch: Von Anfang an setzte das Unternehmen auf exklusive italienische Stoffe, meisterliche Handwerkskunst und die Liebe zum Detail. Kaum ein Satz davon ist richtig, das ist alles Werbelyrik aus der Feder des jetztigen Besitzers der Firma. Die wirkliche Geschichte der Firma findet sich natürlich in dem Post van Laack: königlich?

Was im Oktober neben der leistungsstärkste KI-Suchfunktion von Google auch neu war, ist die Tatsache, dass die Leser dieses Blogs plötzlich verschwunden sind, so etwas habe ich schon vor Jahren on dem Post verschwindende Leser gesagt. Oder in Posts, die Hinterhältiges Pack oder ich kann da nix für heißen. Im August und September hatte ich in jedem Monat mehr als 40.000 Leser, im Oktober werden es wahrscheinlich nur noch die Hälfte sein. Aber was soll das Klagen, schon Henry David Thoreau wusste: Men have become the tools of their tools. Ich schreibe weiter. Langsamer, weil ich gerade Husten, Schnupfen, Heiserkeit habe. Aber irgendwann schreibe ich den angefangenen Post Robert Redfords Rolex zu Ende.