Dienstag, 18. Juli 2023

Helvetia

Helvetia ist der neulateinische Name für die Schweiz. Die Helvetier kommen schon bei Julius Ceasar in De Bello Gallico vor, der ungeliebtesten Lektüre des Lateinunterrichts. Wenn Sie den Titel von Caesars Werk anklicken, landen Sie in einer zweisprachigen Ausgabe des Textes. Falls Sie das noch einmal lesen wollen. Helvetia ist der Name einer großen Schweizer Versicherung, aber auch der Name einer Schweizer Uhrenmarke. Über die möchte ich heute ein wenig schreiben. Es gab zwar in der letzten Zeit mehrere Posts zum Thema Uhren, aber ich hatte davor sehr lange nichts über Uhren geschrieben; Leser hatten sich schon beklagt. Omega 30T2  war 2019 der letzte Post gewesen. Mit der Firma Omega hat die Firma Helvetia auch etwas zu tun, weil sie von der Familie von Louis Brandt gegründet wurde, denen eine Uhrenfabrik gehörte, die 1894 ihren Namen von Louis Brandt et Frère in Omega änderte.

Die Brandts hatten die Helvetia gegründet, damit diese Fabrik preiswerte Stiftankeruhren herstellte. Aber schon bald gaben sie die Firma auf, die dann den Namen La Générale bekam und alles andere als Billigwerke herstellte. Ihre Werke waren in den besten Uhren von G & M Lane in London und Andreas Huber in München zu finden. La Générale wurde eine Manufaktur, die ihre eigenen Uhrwerke herstellte. Eigene Werke herzustellen, ist in der Schweizer Uhrenwelt die Definition einer Manufaktur. 

Wenn man fremde Werke einkauft und einbaut, dann ist man ein etablisseur. Wie zum Beispiel Rolex, die das ganze 20. Jahrhundert keine Manufaktur waren, und nur zur Manufaktur wurden, weil sie ihren Werkhersteller Aegler für einige Milliarden Franken gekauft haben. Aegler belieferte nicht nur Rolex mit Uhrwerken, ein viel größerer Kunde war die amerikanische Firma Gruen. Hier ist ein Aegler Werk, das für Rolex (links) und für Gruen (rechts) geliefert wurde. Es ist das gleiche Werk. Mit ein wenig Glück können Sie das Werk auch noch in einer deutschen Alpina finden.

Die Manufaktur Helvetia, die dann La Générale hieß (oder für den englischen Markt General Watch Co.), hat sehr interessante Uhrwerke gebaut, die die Uhrensammler heute noch immer begeistern. Dies hier ist ein Werk aus der Kaliberfamilie 80 aus den 1940er Jahren. Es sieht aus wie viele Werke anderer Hersteller, aber es hat seine Besonderheit. Auf dem Sperrrad steht neben dem Firmennamen noch 3 Adjusts, die Uhr ist also in drei Lagen feingestellt, das sind nicht so viele Uhren. Was so aussieht wie ein kleiner Mercedes Stern auf der Unruhe, ist eine Stoßsicherung. Früher als der Rest der Schweiz haben Helvetia Uhren eine Stoßsicherung. Bis zum Anfang der 1950er Jahre verwendet die Firma diese hauseigene Stoßsicherung, dann baut sie Incabloc Stoßsicherungen ein, wie der Rest der Schweiz.

Das hier ist ein Automatikwerk von Helvetia aus den sechziger Jahren, der Rotor sitzt nicht in der Mitte des Werkes, das ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist auch die gesamte Konstruktion. Normalerweise ist ein Automatikwerk in einer Art Sandwich Bauweise konstruiert. Die unterste Schicht ist ein Handaufzugswerk, darüber kommt die Aufzugsmechanik mit ihrem Räderwerk. Und obendrauf der Rotor. Hier ist die Aufzugsmechanik in das Werk hineingebaut, das war damals die flachste Automatikuhr der Schweiz. Ich habe eine davon, ich weiß nicht, wo ich meine Schublehre gelassen habe, um nachzumessen; aber die Uhr ist wirklich sehr, sehr flach.

Im Zweiten Weltkrieg hat die Helvetia Deutschland beliefert, das sind Uhren, die auf dem Gehäuseboden DH (für Dienstuhr Heer) gestempelt sind. Manche Sammler sind ganz verrückt nach diesen Uhren, ich habe zu dem Thema schon einiges in dem Post Miltäruhren gesagt. Die Helvetia, die auch schon in den frühen dreißiger Jahren Pilotenuhren im Programm hatte, hat aber auch die Engländer mit Taschenuhren beliefert. Die Familie von Louis Brandt, die die Helvetia einst gründete, hat keine einzige Uhr nach Deutschland geliefert. Ihre Kriegsproduktion, das war mit 110.000 Uhren die Hälfte der gesamten Schweizer Uhrenproduktion, ging nach England. Nach dem Krieg warb die englische Omega Vertretung in einer Anzeige damit, dass die Hälfte der Uhren der Royal Air Force von Omega kam.

Der englische Feldmarschall Montgomery besuchte 1947 die Omega Fabriken in Biel, er wollte der Firma danken, die der zuverlässigste Uhrenlieferant für die Engländer im Zweiten Weltkrieg gewesen war. Monty hatte den ganzen Krieg über eine Omega getragen, jetzt bekam er eine Omega Hammerautomatik geschenkt. Zwei Jahre später kam der Feldmarschall noch einmal nach Biel. Hier unterhält er sich gerade mit dem 81-jährigen Uhrmacher Léon Gogniat, der seit 60 Jahren bei Omega war.

Auch auf dem Gebiet der wasserdichten Uhren war die Helvetia ein Pionier. Sie hatten 1929 ein Patent für wasserdichte Gehäuse bekommen, verbauten aber auch Borgel Werke. Von Borgel hatte auch Rolex sein Patent für wasserdichte Uhren gekauft. Auf dieser Uhr aus dem Jahre 1931 steht nicht der Firmenname Helvetia, hier steht nur Waterproof und Shock Absorber. Eine englische Fachzeitschrift schrieb 1934: The 'Helvetia' makers differentiate between their 'shockproof' and 'unbreakable' models, where, perhaps, others confuse the two terms and consequently confuse the trade and their wearers ... The firm hold important patents on each type. The Helvetia waterproof is a very sound job and has stood up against tests that have sent many another watch to a watery grave.

Das hier ist der Schwanengesang der Firma Hevetia, bevor die Firma in der Quarzkrise unterging, eine Helvetia GS aus den siebziger Jahren. Der Händler, der sie mir im letzten Jahr verkaufte, beschrieb sie als groß und schwer. Die meisten Uhren in dieser Zeit sehen so ähnlich aus, in beinahe allen tickt das ETA Werk 2783 oder das 2784. Manufakturwerke gibt es bei der Helvetia nicht mehr. Was man an eigenen Werken noch besaß, hat man an Firmen wie Dugena verkauft, die die schönen rotvergoldeten Werke in ihre Dugena Precision Uhren einbaute.

Ich besitze eine Taschenuhr von Helvetia, die qualitativ wohl besser ist als das, was Helvetia an die englische Armee lieferte. Also diese Uhren, die mit GS/TP und dem broad arrow gestempelt sind. Sie hat zwar Zeiger, aber leider kein Zifferblatt; ich benutze sie immer, um Gästen zu zeigen, wie eine Winkelhebelfeder funktioniert. Das hier ist eine Neuerwerbung, die mir der nette Silvio bei kleinanzeigen.de verkauft hat. Es ist auch eine Helvetia GS, aber ich weiß nicht, was das GS bedeutet. Grand Sport? Groß ist die Uhr ja, und sportlich auch. Es ist eine schöne Uhr, leider war da dieses scheußliche Fixoflex Band dran, das ich nicht von der Uhr herunter bekam. Aber der Barni hatte das nach fünf Minuten runter, ich weiß nicht, was ich ohne ihn machen würde. Jetzt ist da ein braunes Horween Pferdelederband an der Uhr. Sieht toll aus.

In den siebziger Jahren, the decade that style forgot, wurden die Uhren immer größer und klotziger, wie diese Helvetia Beatmaster mit dem ETA 2874 hier. Also, das käme nicht an meinen Arm, obgleich ich ein Faible für die siebziger Jahre Monster habe. Ich habe da auch eine kleine Schachtel mit diesen Uhren in der Schublade, die statt eines 18 Millimeter Armbands ein 24 Millimeter Band brauchen. Manchmal hole ich eine Uhr daraus, dann kommen die siebziger Jahre wieder, das Gefühl vom Swinging London und all solchen Sachen.  

Sonntag, 16. Juli 2023

Sanford E. Marovitz ✝


Dieser Blog hat das Wort loomings in der Adresse, und loomings heißt das erste Kapitel von Herman Melvilles Roman Moby-Dick. Ich überlegte mir damals, ob ich nicht einen Melville Blog machen sollte, mit Melville kannte ich mich aus. Herman Melville hatte mit seinem Schriftstellerkollegen Ralph Waldo Emerson seine Schwierigkeiten, ich noch mehr. Meine leichte Emerson Aversion führte eines Tages zu einem sehr komischen Ergebnis. Mein Kollege Peter Bischoff aus Münster rief mich an, um mir zu sagen, er hätte einen amerikanischen Melville Spezialisten überredet, zu einer Vortragsreise nach Deutschland zu kommen. Ob ich ihn auch für einen Vortrag haben wollte und in einem meiner Kurse unterbringen könnte? Ich habe gleich zugesagt, obwohl ich nicht wusste, dass ich gerade den berühmten Sanford Earl Marovitz, den Verfasser des Standardwerks zu Abraham Cahan, eingekauft hatte. Ich sagte meinem Kollegen, dass ich den Amerikaner in meinem Seminar über amerikanische Lyrik unterbringen konnte. Und sagte, er könne über jedes beliebige Thema reden. Mit Ausnahme von Ralph Waldo Emerson.

Es kam wie es kommen musste. Murphy's Law Whatever can go wrong, will go wrong funktionierte auch diesmal. Dank irgendwelcher transatlantischen Übermittlungsfehler sprach Sandy Marovitz natürlich über Emerson. Ich war froh, dass ich an dem Tag ein Hemd mit einem steifen, hohen Kragen angezogen hatte, so kann man sehr schön Haltung bewahren. Sandy Marovitz war wunderbar, mein Seminar hing an seinem Lippen. Nach neunzig Minuten schaute ich einmal diskret auf die Uhr, der Hörsaal wurde für den nächsten Kurs gebraucht. Aber seine Gattin Nora (hier mit Sandy auf dem Photo) flüsterte mir zu, wenn er in dieser Hochform sei, dann könne ihn nichts auf der Welt aufhalten. Er hat seine Zeit beinahe um eine Stunde überzogen, aber niemand verließ den Raum. Eine Studentin sagte mir später mit leuchtenden Augen, man hätte bei dem Vortrag nicht mehr unterscheiden können, was von Emerson oder was von Marovitz war. Er sei geradewegs zu Ralph Waldo Emerson geworden.

So habe ich ihn damals kennengelernt. Seinen Magistertitel und seinen Doktortitel hatte er von der Duke University, vorher war er vier Jahre bei der US Air Force gewesen. Professor wurde er 1967 an der Kent State University, die im Laufe seiner Karriere ihrem Chairman of Graduate Studies alles an akademischen Ehren (Distinguished Teaching Award 1985 und die President's Metal 1999) schenkte, was es an Ehren gab. Er war auch Gastprofessor in Athen und in Japan, wo er japanische Briefmarken zu sammeln begann. Er hatte neben seinem Ruhm als Melville Forscher noch eine Vielzahl von Hobbies und noch ein wirkliches Leben außerhalb der Universität, an der er als Emeritus immer noch tätig war. Eins davon war sein roter Morgan 4/4, er war auch Mitglied der Ohio Morgan Owner's Group. Er liebte die Natur und trat für ihre Erhaltung ein. Er war ein Bibliophiler, der Bücher sammelte. Einen großen Teil seiner Bücher haben Nora und Sandy der Universität geschenkt, wo es jetzt eine Marovitz Gallery gibt. 2017 erhielten Nora und Sandy den Ehrentitel Champion of the Library.

Ich verdanke Sandy viel, er hat mir seine Bücher Melville as Poet und Melville 'Among the Nations' geschenkt. Und den gelben Kugelschreiber der Kent State University, der immer vor mir auf dem Schreibtisch liegt. Neben dem gläsernen Briefbeschwerer von Erasmus. Ich wollte Sandy damals mein letztes Exemplar von der Schleswiger Moby-Dick Ausstellung schenken, aber er sagte, er hätte das Buch schon. Alle Melville Forscher in Amerika besäßen ein Exemplar dieser Ausstellung zur Zweihundertjahrfeier der USA. Und Sandy war schließlich mal Präsident der Melville Society gewesen. Präsident der William Dean Howells Society war er auch einmal. 

Er war nicht nur Fachmann für die jüdisch-amerikanische Literatur und Herman Melville, ihn interessierte auch die Literatur des amerikanischen Westens. Frontier Conflicts: villains, outlaws, and Indians in selected 'Western' fiction: 1799-1860 war das Thema seiner Dissertation gewesen. Er war Mitglied der German Association for the Study of the Western und veröffentlichte dort Beiträge in deren Jahrbuch: It's gratifying to know that some of the essays that evolved from papers I delivered at those round-ups were revised and published in 'Studies in the Western' and that they're now being considered for reprinting in that durable annual. In fact, it's more than gratifying; it's an honor to have the value of my research sustained and confirmed, and I'm very grateful to the editors for distinguishing it in that way. Your reference to the photo taken at Erfurt reminded us of the pleasure we had at that memorable conference--not least that it was held in such a splendid old city. Auf der Konferenz der GASW hielt er 2011 den Vortrag Elmer Kelton's Apprenticeship in the Pulps. Ich sollte vielleicht dazusagen, dass Elmer Kelton hier schon einen langen Post hat. Vor zehn Jahren teilte die GASW mit: Professor Sanford E. Marovitz has been awarded an honorary membership. His inspiring contributions to our journal as well as his friendship and loyalty to our association and the Western have been a constant encouragement and confirmation of our concern with America's oldest genre. Last but not least, Sandy and his wife Nora have embraced our association's cause to strengthen the ties between Germany and the home of the Western.

An seinen Emerson Vortrag konnte er sich noch sehr gut erinnern, wie er mir vor Jahren schrieb. Er hat allerdings in der Mail ein wenig übertrieben, als er schrieb: we needed a GPS to find our way through the stacked books, magazines, newspapers, records, CDs, and who knows what else in your enviable quarters. Sandy hatte einen wunderbaren Humor, aber vielleicht sieht es in meiner Wohnung wirklich so aus. Das Ergebnis von Sandy Marovitz' Vortrag für mich war damals, dass der halbe Kurs Proseminararbeiten über die Lyrik von Emerson geschrieben hat. Das war wohl eine Art Strafe des Gottes Apollon (der ja auch für die Literatur zuständig ist) für mich. Wir sind über die Jahrzehnte immer im Kontakt geblieben. Ich bekam Sonderdrucke seiner Aufsätze und schickte eigene Publikationen in die USA. In einer Mail stand dann: Thank you so much for sending the English translation of your article. We're very appreciative of your remembering us so fondly. Our memory of the visit to your apartment full of CDs, jazz and books and meeting you is very vivid. Funny that you still have the Kent State University yellow pen. What fond memories! What memorable friendships! 

Das ist es, diese fond memories und memorable friendships, die haben Jahrzehnte gehalten. In der letzten Woche hat mir Nora mitgeteilt, dass Sandy im Alter von neunzig Jahren gestorben ist. Für alle, die ihn kannten, wird er unvergessen bleiben.

Samstag, 15. Juli 2023

der Diamant unter den Sandkörnern


Dies ist der Post Nummer 3.001. Zwölfeinhalb Jahre im Netz und dreitausend Posts. Und diesen hier. Ein Leser hat mir mal geschrieben, ich hätte mir ein Fleißkärtchen verdient. Habe ich bestimmt. Ich habe mehr Leserzuschriften als veröffentlichte Kommentare. Ich drucke nicht alles ab. Beschimpfungen und rechtsradikale Kommentare wandern in den Müll. Ich beantworte Fragen, habe aber keine Lust, Studenten ihre Proseminararbeiten zu schreiben. Es gibt nicht so viel Kommentare. Das hat Hajo Stork, der den Blog Lyriost - Madentiraden schreibt, dazu gebracht, mir ein selbstgedichtetes Haiku zu schicken:

Manchmal

Wenig Kommentar
so erkennt man Edelstein
wenn man ihn denn sieht

Hajo Stork kann so ein Haiku schreiben, weil er ein Dichter ist, ich besitze sogar einen Gedichtband von ihm. Und auf seiner Internetseite konnte man im Jahre 2012 einen Kommentar von einem gewissen Jay lesen: Einfach wunderbar, dieser Blog. Wenn Sie nicht in meinem Blog SILVAE aufgetaucht wären, hätte ich dies hier nie gefunden. Thanx. Man kann da noch ein paar Ausrufezeichen dahinter setzen. Was Hajo Stork schreibt, gehört mit zum Interessantesten im Internet, er sollte unbedingt mal den Grimme Online Award bekommen. Ich war da schon viermal auf der Vorschlagsliste, habe ihn aber nicht gekriegt. Ist auch so in Ordnung: ich bin das gute alte langweilige Feuilleton. Hajo Stork ist mehr.

Die Bildlichkeit mit den Edelsteinen nahm auch der Kommentator auf, der mir diesen Satz schickte: Ihr Weblog ist ein Diamant unter den unzähligen beliebigen und nichtssagenden Sandkörnern in der 'blogosphere'! Das war das erste Lob, das ich als Blogger bekam. Ich sollte das vielleicht fett setzen, ich liebe das Ausrufezeichen am Schluss. Und dann habe ich noch einige andere Texte, die mich als Kommentar oder per E-Mail erreichten:

Den äußerst empfehlenswerten Blog 'Silvae' von Jay habe ich heute schon in einem anderen Thema angepriesen, hier paßt er aber noch besser und für "Silvae" kann man gar nicht genug Werbung machen - Jay produziert so ziemlich das Brillanteste, was es im deutschsprachigen Blog-Universum zu lesen gibt. In 'Silvae' findet sich Stil in jeder Hinsicht, nicht nur auf Kleidung reduziert wie hier zumeist und an vielen anderen Orten.

Ein überaus interessanter und perfekt durchgearbeiteter Artikel, der jedem Feuilletonteil einer führenden Tageszeitung (NZZ, FAZ & Co.), ja sogar einer Essay-Sammlung zur Ehre gereichen könnte! Danke!

I came across this blog by accident, and what a blog! What a mixture of pop culture and 'high culture' - Britt Ekland and Hegel, Heidegger and Gilda ... I am still reading through the pieces, trying to put together the fun and the scholarship and make sense of it all.

Your blog is one of the best on the Net... long may it continue

Praktisch seit seiner Gründung lese ich den Blog von 'Jay', dem pensionierten Hochschullehrer, mit Begeisterung. Ich teile wohl nicht immer seine Meinung und muss auch manchmal über diese oder jene Passage schmunzeln, aber meine Begeisterung für seinen Blog hat nicht nachgelassen, sondern sich eher noch gesteigert.

In 'Silvae' findet sich Stil in jeder Hinsicht, nicht nur auf Kleidung reduziert wie hier zumeist und an vielen anderen Orten." Daher: Gerne mehr über Stil jeder Art, Politik, Literatur, Philosophy - Kleider-Blogs jeder Art gibt's schon genug!

Gestern entdeckte ich ein zauberhaftes Blog, Silvae von Jay, einen pensionierten Hochschullehrer (ich vermute: Literatur) aus 'Norddeutschland' (ich vermute: Bremen). Wie ich schreibt er deutsch und über Kunst, aber anders als ich schreibt er auch über viele andere schöne Dinge und alles ist von ihm selbst verfaßt. Dies ist fast unglaublich. Seit 3.Jänner 2010 verfaßt Jay täglich (und öfter) eine liebevolle, geschmackvoll bebilderte Abhandlung über z.B. Childe Hassam, Thornton Wilder, Johan Christian Clausen Dahl, Edward Albee, Daliah Lavi, Louis Ferdinand von Preußen, Cervantes, Don Giovanni, … und und und. Zuerst hatte ich mir für Silvae ein Lesezeichen angelegt. Dann hatte ich Silvae als Feed abonniert. Zuletzt habe ich beschlossen, alle Artikel zu lesen, vom ersten an. Überzeugen Sie sich, dass Sie es mir nachmachen müssen!

Unglaublich eine solche Produktivität, feine Beobachtungsgabe und überbordende Freude an den kleinen und großen Dingen (auch der nixwiekunst-blog ist eine Schatzgrube).

Unglaublich, womit sich der Mann beschäftigt und dann noch so kenntnisreich.

My God! More than anyone ever wanted to know about tobacco pipes, although I did find the history fascinating. In fact, the signature story, particularly about John Hancock was also intriguing. Thank you, a thousand times! John

Thank you very much for this link. Not only the part with the signature is good but also the article about the author and, most of all, the link to Barbara Klemm, the photographer. Did you see her pictures? Wonderful.

Thanks for recent Trump, Corona and Covit-19 mailings - funny at first sight but unsettling on second thought. Amazing how Jay always comes up with these interesting, little-known items and their equally interesting 'histories,' backgrounds, and inter-relations and -connections.

as always, a real trip. Everything and everybody is connected (in Jay's mind), and I never know where it will end. Just ordered Günter de Bruyn's autobiographical works... thanks Unfortunately, they will probably go on the ever-growing pile of books I want to read as soon as I have time.

Toll. Den Film auf ARTE hab ich mit großer Begeisterung und Bewunderung gesehen. Ja, so einen Präsidenten hatten die Amerikaner auch mal gewählt. Wie aus einer anderen Welt. Danke und liebe Grüße. Gut's Nächtle.

Herzlichen Glückwunsch Professor! Wundert mich gar nicht, in der Uni waren Sie immer herausragend unterhaltsam. Leute wie Sie gibt es im Englischen Seminar heute nicht mehr.

Jay's range of topics is just unbelievable

RE: Laurence Sterne  Zumindest in der Blogosphaira hat man dieses Datums gedacht, und zwar Jay auf seinem wie stets mit großem Genuß zu lesenden blog Silvae


Freitag, 14. Juli 2023

le jour de gloire


Heute ist der französische Nationalfeiertag, da wird wieder überall die Marseillaise gesungen. Diese Damen werden sie auch singen, bevor sie heute gegen Australien in der Qualifikation zur WM spielen. Ich borge mir aus der Nationalhymne mal eben den Satz le jour de gloire est arrivé, ich habe auch etwas zu feiern. Denn dies hier ist mein dreitausendster Post. Zwölfeinhalb Jahre im Netz, beinahe sechs Millionen Leser. Wenn ich die Leser von den Themenblogs über Kunst, Mode, Uhren etc. mitzähle, dann bin ich schon über die sechs Millionen hinaus. Traurig ist nur, dass mein schöner Blog femmes so wenig gelesen wird. Ich wollte für den heutigen Tag etwas gänzlich Neues schreiben, hatte auch schon damit angefangen. Aber dann dachte ich mir, ich nehme einen alten Post, der mir richtig gut gefällt. Und der angesichts der émeutes immer noch aktuell ist, und das ist der Post La douce France.

Dass ich schon einmal an einem 14. Juli in Paris gewesen bin, habe ich vor Jahren in dem Post Straßenphotographie erwähnt. Der französische Nationalfeiertag ist schon häufig in meinem Blog erwähnt worden. Alles andere Französische auch, der Post Abendlied war lange ein Bestseller; und auch der Post über den französischen Existentialismus (von dem es auch eine englische Version gibt) schlug sich zahlenmäßig nicht schlecht. Der Post über Alain Robbe-Grillet ist vor Jahren auf eine französische Kulturseite gewandert. Der Post Fremdenlegion wurde auf einer Seite der Legionäre zur Lektüre empfohlen, was auch viele Leser brachte. Ich habe sowieso sehr viele Leser in Frankreich, in der Leserstatistik der letzten zehn Jahre sind die Franzosen nach Deutschland und den USA auf Platz drei. Es gibt ja auch viel von la douce France in diesem Blog, nicht nur die vielen Posts über französische Filme.

La douce France ist der Titel eines Chansons von ✺Charles Trenet (den kennen Sie schon aus dem Post Que reste-t-il de nos amours) aus dem Jahre 1941, in dem der Sänger den Franzosen etwas wiedergibt, was sie unter der deutschen Besatzung zu verlieren glaubten: ihre nationale Identität. Die Identität eines ländlichen Frankreichs der Vergangenheit (cher pays de mon enfance), wo das Leben noch schön ist:

Douce France
Cher pays de mon enfance
Bercée de tendre insouciance
Je t'ai gardée dans mon cœur
Oui je t'aime
Et je te donne ce poème
Oui je t'aime
Dans la joie ou la douleur


Aber dieses la douce France ist älter, viel älter. Es taucht zuerst im Jahre 1080 im Chanson de Roland, dem Rolandslied auf. Wenn Roland im Sterben liegt, blickt er auf Spanien und auf seine Eroberungen zurück:

Le comte Roland s'étendit dessous un pin.
Vers l'Espagne, il a tourné son visage.
Bien des choses lui reviennent en mémoire,
Tant de terres que le baron conquit,
La douce France, les hommes de son lignage,
Charlemagne, son seigneur qui l'éleva.
Il ne peut s'empêcher de pleurer et de soupirer
.

Charles Trenet nimmt dieses Erinnern (Bien des choses lui reviennent en mémoire) beinahe wörtlich wieder auf, wenn er singt Il revient à ma mémoire des souvenirs familiers. Erinnerung an la douce France bei Roland, dem Paladin von Karl dem Großen, Erinnerung an ein douce France vor der deutschen Besatzung bei Charles Trenet. Das mit dem douce France im Rolandslied weiß ich schon lange, nicht weil ich aus Bremen komme und die Stadt einen Roland hat. Sondern weil ich mich einmal zusammen mit meinem Freund Peter in den Semesterferien durch das altfranzösische Rolandslied gequält habe. Das habe ich schon in dem Post Charlemagne gesagt. Wenn Sie beinahe alles über Roland und Karl den Großen wissen wollen, dann lesen Sie diesen Post.

Die Marseillaise, die am heutigen Tag überall in Frankreich gesungen wird, hat nichts von dem la douce France. Es ist ein Kriegslied, dem Claude Joseph Rouget de Lisle den Titel Chant de guerre pour l’armée du Rhin gegeben hatte. Es war dem Marschall Nikolaus von Luckner gewidmet, dem Oberbefehlshaber der Rheinarmee (unser Seeteufel Graf Luckner, der Telephonbücher zerreissen konnte, ist sein Urenkel gewesen). Es ist ein blutrünstiger Text, der eigentlich nicht mehr in unsere Zeit passt.

Als Nicolas Sarkozy (dessen Frau Carla Bruni Trenets ✺La douce France auf italienisch gesungen hat) im Jahre 2005 anordnen wollte, dass jedes Schulkind in Frankreich die Nationalhymne auswendig lernen sollte, fragte sich der Sänger Graeme Allwright, ob kleine Kinder in der Schule wirklich diesen Text lernen sollten: Je me suis toujours demandé comment les Français peuvent continuer à chanter, comme chant national, un chant de guerre avec des paroles belliqueuses, sanguinaires et racistes. Und er fügte hinzu: Le jour où les politiques décideront de changer les paroles de La Marseillaise, ce sera un grand jour pour la France. Aber dieser jour de gloire ist nicht gekommen, Sarkozy interessierte das alles nicht. Und so schrieb Allwright eine neue, pazifistische ✺Marseillaise:

Pour tous les enfants de la terre
Chantons amour et liberté.
Contre toutes les haines et les guerres
L’étendard d’espoir est levé
L’étendard de justice et de paix.
Rassemblons nos forces, notre courage
Pour vaincre la misère et la peur
Que règnent au fond de nos cœurs
L’amitié la joie et le partage.
La flamme qui nous éclaire,
Traverse les frontières
Partons, partons, amis, solidaires
Marchons vers la lumière.


Es wäre schön, wenn sich dieser Text einmal durchsetzen würde. Eine alternative Marseillaise hat sich ein französischer Präsident allerdings schon einmal anhören müssen. Nicht am 14. Juli, sondern am 10. Mai 2019 im Jardin du Luxembourg bei einer Feierstunde zur Abschaffung der Sklaverei in Frankreich. Da sang die in Nigeria geborene ✺Omo Bello die 1867 von Camille Naudin in New Orleans geschriebene Marseillaise Noire vor Präsident Macron.

Bei YouTube finden sich hunderte von Aufnahmen der Nationalhymne. ✺Mireille Mathieu ist dabei (aber ✺Edith Piaf ist viel besser); und auch ✺Charles De Gaulle, der die Hymne 1945 bei seiner Heimkehr nach Frankreich eigentlich sehr gut singt. Wir haben Aufnahmen von Opernsängern, ✺Kindern, Militärkapellen (auch dem ✺Chor der Roten Armee) und Nationalmannschaften. Die Beatles tauchen mit ✺All you nee is love auch manchmal auf. Und immer wieder dazwischen der Filmausschnitt aus ✺Casablanca. Ich habe mich durch ein halbes Hundert von Aufnahmen durchgearbeitet (und dabei meinen neuen kleinen Bluetooth Lautsprecher gestestet), auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wie soll die Marseillaise gesungen werden? Opernsänger und ✺Opernsängerinnen fallen aus, zuviel Theatralik, zuviel Pathos. Obgleich man ✺Fjodor Schaljapin, der lange in Frankreich lebte, immer anhören kann. ✺Marthe Chenals erstaunliche Aufnahme aus dem Jahre 1915 auch. Serge Gainsbourg mit seiner als skandalös empfundenen ✺Reggae Version und sein Auftritt in ✺Straßbourg sollten auch erwähnt werden.

Ich habe nach langem Suchen eine Version gefunden, die ich sehr schön finde. Ich weiß nicht, wer da die Hymne singt, aber so sollte das Lied gesungen werden, einfach und schlicht und ohne Pathos. Diese Nationalhymne findet sich bei YouTube in einem kleinen, sehr ironischen Video, das ✺Le jour de gloire est arrivé! heißt und seit 2012 im Netz ist.  Wir sehen Szenen aus einem alten Spielfilm, wo eine vornehme Dame mit einer Louis Vuitton Tasche mit unsicherem Schritt ein schlossartiges Haus verlässt. Sie beachtet die im Hof liegenden Toten nicht; als sie in der Einfahrt des Hofes stehenbleibt, ihren Mantel lüftet und zu einer Art Striptease ansetzt, erklingt die Nationalhymne. A cappella, nicht strahlend von einem Heldentenor gesungen, sondern eher von einem Chansonnier mit Trauer in der Stimme. Und dazwischen immer wieder Szenen von Straßenkämpfen und Polizeigewalt, die uns beweisen, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Und dass offenbar manche das aux armes, citoyens falsch verstanden haben. Diese Szenen sind zeitlos, Straßenschlachten und Polizeigewalt gibt es in Frankreich immer wieder. Das hört nie auf. Außer bei Corona, da war Ruhe.

Sonntag, 9. Juli 2023

Schockanruf

Das Telephon klingelte, die Nummer auf dem Display kannte ich nicht, war auch nicht von hier. Ich nahm ab und meldete mich mit meinem Namen. Eine Frau war dran, die ich nicht kannte. Sie nannte ihren Namen nicht. Sie heulte und schluchzte, beinahe eine Minute lang. Ich fragte nach ihrem Namen, es gab aber nur Heulen und Schluchzen. Dann sagte die Stimme: Etwas ganz Schreckliches ist passiert. Dann wieder Schluchzen. Dann kam der Satz: Ich bin jetzt bei der Polizei, und das mittlerweile bekannte Weinen. Ich fragte wieder nach ihrem Namen. Und dann kam der flehentlich und zugleich vorwurfsvoll vorgetragene Satz: Ja, kennst Du mich denn nicht? Ich bin es doch, Deine Schwiegertochter. Ich sagte: Ich habe überhaupt keine Schwiegertochter. Und zack, war das Theater zuende. Kein Schluchzen und Weinen mehr. Sie hatte aufgelegt. Wie häufig würde die kriminelle Heulsuse diese Nummer heute noch durchziehen? fragte ich mich. Das Bundeskriminalamt registriert eine Zunahme dieser Schockanrufe. Von den falschen Polizisten wollen wir gar nicht reden. Und wenn Sie jemand von  PayPal anruft, weil es angeblich Unregelmäßgkeiten auf Ihrem Konto gäbe, dann legen Sie besser auch gleich auf. PayPal ruft nicht zuhause an. Das tun nur die Trickbetrüger.

Wie die Geschichte mit der weinenden jungen Frau weitergegangen wäre, wenn meine kriminelle Schwiegertochter nicht plötzlich aufgelegt hätte, das können Sie diesem Tonband der Polizei Hamburg entnehmen.


Freitag, 7. Juli 2023

Bildstörung

Plötzlich, aus heiterem Himmel, verlor der Bildschirm seine Farbe und flackerte und flimmerte. Ich rief die Fachleute an, die meinen Computer installiert haben. Herr Hagge sagte mir, dass der Fehler wahrscheinlich irgendwo in der Verbindung zwischen Computer und Bildschirm läge. Vielleicht aber auch im Computer, dann müsste er ihn abholen. Erst einmal tat ich alles, was er am Telephon sagte, stöpselte Kabel und Verbindungen um, aber es änderte sich nichts. Ich schicke Ihnen einen neuen Adapter, sagte er. Der Adapter kam wie versprochen am Sonnabend an. Solche Sachen passieren immer am Wochenende, wie Zahnschmerzen und die kaputte Lichtmaschine vom Golf. Immerhin hatte ich einen neuen Adapter, ich tauschte die Adapter aus. Hatte einen schwarzen Bildschirm und sonst nix. Baute den alten Adapter wieder an. Hatte wieder das neblige Flackerbild, aber keinen Ton mehr. Das ist nun blöd, wenn man auf YouTube die Callas hören will. Ich schickte eine Mail an die Computerfirma. Mails funktionierten noch. 

Herr Hagge kam am Montag, machte alles, was Fachleute so tun. Stellte auch den Ton wieder her, falls ich die Callas singen hören wollte. Nach einer Viertelstunde hatte er die Diagnose: der Monitor war kaputt. Kann man den reparieren? fragte ich. Das wird teurer als ein neuer, sagte er. Ich habe noch einen preiswerten guten 28 Zoll Samsung für Sie. Ich fragte, ob das auch ein LED Bildschirm sei wie bei meinem alten BenQ. Die sind jetzt alle LED, erfuhr ich. Ich hatte vor vierzehn Jahren mit dem Teil, das mir das Seminar geschenkt hatte, ganz anders angefangen. Und dabei war jener Monitor mal der Höhepunkt der Technik gewesen, state of the art bedeutet bei Computern offenbar, dass es in wenigen Monaten schon veraltet sein kann. Am Dienstagmorgen war Herr Haggew wieder da und installierte den neuen Bildschirm. Musste aber leider feststellen, dass der keine eingebauten Lautsprecher hatte. Ich schicke Ihnen einen externen Lautsprecher zu, sagte er. Und bereitete kabelmäßig alles so vor, dass selbst ein Computeridiot wie ich das bereitgelegte Kabel in die richtige Buchse stecken konnte. Hopefully, wie der Engländer sagt. Wenn's nicht klappt, komm' ich wieder, sagte er zum Abschied. Ich drückte ihm eine Flasche Sekt in die Hand. Ich wartete auf den Lautsprecher, damit ich die Callas wieder singen hören konnte. Ich brauchte nicht auf die Post zu warten, Herr Hagge kam zwei Tage später und hatte ein kleines Teil in der Hand, das vielleicht so groß wie ein Cricketball war. Bluetooth stand auf der Schachtel, was immer das ist. Hat 3 Watt RMS, aber ich weiß auch nicht, was das heißt. Habe den ganzen Nachmittag auf YouTube Musik gehört. Ich habe auf meiner Lesezeichenliste ganz oben einige Lieblingsstücke: Bachs ✺Capriccio von Galila Rübner gespielt, ✺Soave sia il vento aus Glyndebourne, Andre Navarras ✺Bach, das ✺Jesus bleibet meine Freude (in der Bearbeitung von Myra Hess) von Dino Lipatti gespielt und das ✺Contessa perdono von Currentzis. Klang alles nicht schlecht. Vor allem nachts. Dieses kleine Bluetooth Teil ist wirklich ein technisches Wunder. Für den Schreibtisch reicht's unbedingt.

1948 erschien Sigfried Giedions epochales Buch Mechanization Takes Command (hier im Volltext), in dem der Autor aufzeigte, wie über die Zeit die Technik unser Leben und uns verändert hat. Computer und IPhones, die heute unser Leben verändern, kommen in dem Buch noch nicht vor. Ein paar Tage mit einem defekten Computer zeigen einem, dass man auch ohne ihn leben kann. Ich hatte eine Jugend ohne Fernsehen und den größten Teil des Lebens ohne Computer. Mein IPhone kann ich immer noch nicht richtig bedienen. Ich bin deshalb aber nicht unglücklich. Kein bisschen.

Anna Miller stellte sich in der Zeit die Frage, wie es ohne Smartphone und Internet sei. Sie schrieb in ihrem Artikel über die digital detox am Schluss: Ich hasse dich, Internet. Dafür, was du mit mir und meinem Leben machst. Dafür, was du mir wegnimmst. Dafür, dass du Dinge in mir und in der Welt auslöschst, die mir doch so wichtig sind. Ich hasse dich dafür, dass ich bis jetzt keine Kraft, nicht den Mut hatte, dir etwas entgegenzuhalten. Weil du doch alles bist, was ich immer wollte. Weil ich dachte, mit dir fände ich das Glück. Weil du dich oft doch so gut anfühlst. Und ich so genau hinsehen muss, um zu merken, wie weh du mir eigentlich tust.

Dienstag, 4. Juli 2023

der zweite oder der vierte Juli?


Dieser Post stand hier schon einmal im Jahre 2017, da war Donald Trump gerade ein halbes Jahr Präsident. Amerika wusste noch nicht, was der Nation bevorstand. Donald Trump ist nicht mehr Präsident, aber den Nationalfeiertag am 4. Juli, den gibt es natürlich immer noch. Obgleich es eigentlich am 4. Juli nichts zu feiern gibt, denn da war die Unabhängigkeitserklärung schon zwei Tage alt. Und bis sie von allen Delegierten unterzeichnet war, hat es noch Monate gedauert. Aber Amerika feiert diesen Tag, auch wenn es eigentlich der falsche Tag ist.

Dieser Cartoon aus dem satirischen  Puck Magazine vom 2. Juli 1902, der A false alarm on the fourth heißt, ist höchst politisch; er hat bis heute nichts von seiner Brisanz verloren.  Uncle Sam, der dabei ist einen Knallkörper zu zünden, sagt zum Friedensengel: It's all right. There's no fighting. The noise you hear is just my family celebrating! Die Familie auf dem Bild besteht aus ethnischen Minderheiten. Sind sie wirklich eine Familie? Der Texaner an der Kanone schießt auf die Mauer, über die gerade der Filipino klettert. Donald Trump hat die Mauer in Texas erhöhen lassen, viele sterben jetzt an dieser Mauer

Heute ist der amerikanische Nationalfeiertag, ein Feiertag, der übrigens auch seit über hundert Jahren in Dänemark begangen wird. Das nennt sich Rebildfesten, die Feiern finden im Naturschutzpark Rebild Bakker in Nordjütland statt. Donald Trump hat am Wochenende Golf gespielt. Früher gingen amerikanische Präsidenten am Nationalfeiertag in die Kirche oder wohnten einem Festakt bei. To be an American, whether by birth or choice, is a high privilege. As citizens of this good nation, we can all be proud of our heritage and confident in our future. The ideals of July 4th, 1776, still speak to all humanity. And the revolution declared that day goes on, hat George W. Bush im Jahre 2003 am Independence Day gesagt.

Für drei Präsidenten (Thomas Jefferson, John Adams und James Monroe) war der Nationalfeiertag der Todestag. Der Präsident Zachary Taylor trank am 4. Juli 1850 bei den Feierlichkeiten wegen der großen Hitze Unmengen von Milch mit Eis und aß Kirschen dazu. Fünf Tage später war er tot. Cholera oder Typhus, man weiß es nicht so genau. Einen kleinen Festakt, oder eher eine Party, sollte es bei Trump am 4. Juli 2017 aber auch noch geben. Wenn er rechtzeitig vom Golf in New Jersey zurückkommt.

Seine Administration spielt das Ganze herunter, man hat wohl Angst, dass er sich wieder einmal blamiert. Wahrscheinlich wird er wieder etwas twittern. Liest das überhaupt noch jemand? Der New Yorker hatte gerade zum Nationalfeiertag einen interesanten Artikel, der an die denkwürdige Rede von Frederick Douglass im Jahre 1852 erinnert. American Dignity steht da im Titel, mit der dignity hat es Trump nun gerade nicht so. Douglass stellte sich die Frage What, to the American slave, is your 4th of July? und seine Antwort war:

I answer; a day that reveals to him, more than all other days in the year, the gross injustice and cruelty to which he is the constant victim. To him, your celebration is a sham; your boasted liberty, an unholy license; your national greatness, swelling vanity; your sounds of rejoicing are empty and heartless; your denunciations of tyrants, brass fronted impudence; your shouts of liberty and equality, hollow mockery; your prayers and hymns, your sermons and thanksgivings, with all your religious parade, and solemnity, are, to him, mere bombast, fraud, deception, impiety, and hypocrisy—a thin veil to cover up crimes which would disgrace a nation of savages. There is not a nation on the earth guilty of practices, more shocking and bloody, than are the people of these United States, at this very hour. Frederick Douglass, den man noch verdächtigen wird, an John Browns Aufstand beteiligt gewesen zu sein, wird noch etwas warten müssen, bis es in Amerika keine Sklaverei mehr gibt.

Als ich begann, diesen Blog zu schreiben, dachte noch niemand an Donald Trump. Ich war ein halbes Jahr in der blogosphere, als ich etwas über die berühmte Unabhängigkeitserklärung schrieb. Wörter wie fake news und alternative facts waren damals noch nicht gebräuchlich, sonst hätte ich sie bestimmt verwendet. If the Fourth of July was not the date of the first formal declaration of American independence, what then was its claim to distinction? fragt Daniel Boorstin in seiner hervorragenden dreibändigen Kulturgeschichte The Americans. Damit sie heute über den vierten Juli mitreden können, stelle ich den alten Post noch einmal ein. Sie könnten natürlich auch den Roman Independence Day von Richard Ford lesen. Ist kulturell auf einem höheren Niveau als der Film Independence Day.

Das Bild von Colonel John Trumbull kennt jeder Amerikaner, 4. Juli, Nationalfeiertag, die Declaration of Independence wird unterzeichnet. Nichts davon ist wahr, außer das John Trumbull das große Bild (365 x 548 cm) gemalt hat. Das Dokument, das wir als Declaration of Independence kennen, ist nicht am 4. Juli von allen Abgeordneten unterschrieben worden. Das Bild zeigt den Augenblick, in dem eine Kommission von fünf Mitgliedern des Continental Congress (Thomas Jefferson, John Adams, Benjamin Franklin, Robert Livingston und Roger Sherman) dem Vorsitzenden John Hancock einen Text präsentiert. Der lange Jefferson scheint dem korpulenten Adams auf den Fuß zu treten, man hat das als einen Beweis der Feindschaft zwischen Jefferson und Adams interpretiert. Aber das mit dem Fuß stimmt natürlich bei genauerem Hinsehen nicht. Die beiden Herren sind zu ihrem Lebensende doch noch wieder Freunde geworden, wie ihr Briefwechsel ab dem Januar 1812 zeigt.

Den Text der Unabhängigkeitserklärung hat Jefferson geschrieben, in a day or two, wie Benjamin Franklin schreibt. Die anderen haben ein wenig darin herum korrigiert, sacred & undeniable truths durch self-evident truths ersetzt und solche Kleinigkeiten. Der Kongress in Philadelphia wird zum Leidwesen Jeffersons tagelang an seinem schönen Text herumdoktern (dieses Bild von Jean Leon Gerome Ferris ist schon in dem Post New York zu sehen). Jefferson wird immer seinen originalen Text aufbewahren und darüber klagen, dass der Kongress dieses wunderbare Dokument verändert hat. Während der Beratung hat er kein Wort gesagt, er hat nur schweigend dagesessen. Es hätte sich nicht gehört, dass er seinen eigenen Text verteidigt hätte, das hat John Adams für ihn übernommen. Benjamin Franklin hat versucht ihn zu trösten und ihm eine kleine Geschichte erzählt. Wer jemals Franklins Poor Richard's Almanack oder seine Autobiography gelesen hat, weiß, dass Franklin im Erzählen von kleinen Geschichten ganz groß ist:

I have made a rule, whenever in my power, to avoid becoming the draughtsman of papers to be reviewed by a public body. I took my lesson from an incident which I will relate to you. When I was a journeyman printer, one of my companions, an apprentice hatter, having served out his time, was about to open shop for himself. His first concern was to have a handsome signboard, with a proper inscription. He composed it in these words, 'John Thompson, Hatter, makes and sells hats for ready money,' with a figure of a hat subjoined. But thought he would submit it to his friends for their amendments. The first he showed it to thought the word 'Hatter' tautologous, because followed by the words 'makes hats,' which showed he was a hatter. It was struck out. The next observed that the word 'makes' might as well be omitted, because his customers would not care who made the hats. If good and to their mind, they would buy them, by whomsoever made. He struck it out. A third said he thought the words 'for ready money' were useless, as it was not the custom of the place to sell on credit. Every one who purchased expected to pay. They were parted with, and the inscription now stood, 'John Thompson sells hats.' 'Sells hats!' says the next friend. 'Why, nobody will expect you to give them away. What then is the use of that word?' It was stricken out, and 'hats' followed it, the rather as there was one painted on the board. So the inscription was reduced ultimately to 'John Thompson,' with the figure of a hat subjoined.

So liest sich die Geschichte dann eines Tages in der Version von Benjamin Franklin. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass rein juristisch und völkerrechtlich der Abfall der Kolonien schon längst vollzogen ist, wenn der Kongress jetzt noch über sprachliche und stilistische Feinheiten diskutiert. Denn am 2. Juli 1776 hatte der Kongress einen Antrag von Richard Henry Lee aus Virginia angenommen, den dieser am 7. Juni in den Kongress gebracht hatte: Resolved, That these United Colonies are, and of right ought to be free and independent States, that they are absolved from all allegiance to the British Crown, and that all political connection between them and the State of Great Britain is and ought to be totally dissolved. Das ist die wirkliche Unabhängigkeitserklärung Amerikas. Erklärt am 2. Juli 1776.

Das Dokument, das man nach zweitägigem Hickhack am 4. Juli absegnet, ist schöne Rhetorik. Es ist erstaunlich, dass keiner der fünf Mitglieder der Kommission den Boten des Kongresses zum Drucker begleitet hat, auch Jefferson nicht. Man hätte ja noch mal Korrektur lesen können. So wimmelt der Text von Druckfehlern. Man kann in dem Bild links aber auch sehen: die Declaration ist nicht von den Delegierten unterschrieben. Am 4. Juli (und ich wiederhole das gerne noch einmal) wird nichts unterschrieben. Die einzigen Namen, die sich hier finden, sind die vom Präsidenten des Kongresses John Hancock (hier von John Singleton Copley portraitiert) und des Sekretärs Charles Thomson. Der Drucker John Dunlap wird zweihundert Exemplare von dem Text drucken, den man ihm bringt. Sechsundzwanzig davon sind heute noch erhalten. 

Dieses Dokument hier kommt viel später. Im Journal des Kongresses findet sich unter dem 2. August 1776 der Eintrag The Declaration of Independence being engrossed and compared at the table was signed by the members. Und auch das ist nicht ganz richtig, Matthew Thornton wird erst im November unterschreiben (fünf Kongressmitglieder aus Pennsylvannia und George Read aus Delaware irgendwann zwischen August und November). John Hancock hat seinen Namen ganz groß geschrieben. Nicht aus Eitelkeit, wie er später betonte, sondern weil der englische König Schwierigkeiten mit den kleinen Buchstaben hätte. Ich glaube doch, dass es eher seine Eitelkeit war. Er wäre ja auch sehr gerne anstelle von Washington Oberkommandierender der Armee geworden, obgleich er keinerlei militärische Erfahrung hatte. Aber die englische Sprache wird durch ihn ein Idiom mehr haben: put your John Hancock here ist das Äquivalent für unsere Redewendung, dass wir unseren Kaiser Wilhelm unter ein Schreiben setzen.

The second day of July, 1776, will be the most memorable epoch in the history of America. I am apt to believe that it will be celebrated by succeeding generations as the great anniversary festival. It ought to be commemorated as the day of deliverance, by solemn acts of devotion to God Almighty. It ought to be solemnized with pomp and parade, with shows, games, sports, guns, bells, bonfires, and illuminations, from one end of this continent to the other, from this time forward, forever more ... posterity will triumph in that day's transaction ... Das schreibt John Adams am 3. Juli 1776 an seine Frau Abigail. Das da oben ist das wichtige Dokument, es trägt den Antrag von Lee, den Zusatz agreed to und das Datum vom 2. Juli 1776.

Die Pennsylvania Evening Post (die auch wenig später, am 6. Juli, den Text des Unabhängigkeitserklärung auf ihrer ersten Seite haben wird) hatte am Abend des 2. Juli den Aufmacher This Day the Continental Congress declared the United Colonies Free and Independent States. Irgendwie sollten die Amerikaner diesen Tag feiern. John Adams und Thomas Jefferson, die sich im Jahre 1775 noch mochten, sich dann voneinander entfernten und im Alter wieder zueinander fanden, schafften es in schöner Synchronie, am selben Tag zu sterben. Am 4. Juli 1826, fünzig Jahre nach dem 4. Juli 1876. Wenige Tage vor seinem Tod hatte Jefferson in dem letzten Brief, den er schrieb, gesagt: For ourselves, let the annual return of this day forever refresh our recollections of these rights, and an undiminished devotion to them.