Der Ort mag ruhig und friedlich sein
aber wenn er Amityville heißt
Der Maler Balthasar Denner ist am 14. April 1749 in Rostock gestorben. Er kam aus Altona, was damals die zweitgrößte Stadt Dänemarks war. Dass die Schweden ganz Altona abfackelten und nur die Palmaille übrigblieb, hat er nicht erlebt, da war er schon unterwegs durch Europa. Zuerst allein, dann mit seiner Familie, die beim Malen half. Er spezialisierte sich auf die Gesichter, den Rest konnten andere machen: Seine ungeschickte und nachlässige Gewandbehandlung fand schon zu seinen Lebzeiten vielen Tadel, er soll das Beiwerk auch oft von seinen Schülern und Kindern haben malen lassen, woran theilweise die Schuld liegen mag, daß es so schlecht ausfiel, schreibt Wilhelm Schmidt 1877 in der Allgemeinen Deutschen Biographie. Auf diesem Bild hier hat Balthasar Denner drei Kinder des Ratsherrn Barthold Hinrich Brockes gemalt, Brockes hatte zwölf Kinder, eins der jüngsten wurde ein berühmter Kapitän. Die Kinder von Brockes hat Denner mehrfach gemalt, die Kunsthalle Hamburg besitzt auch ein Bild von den Kindern.
Brockes bezahlte nicht nur gut (er war ein reicher Mann), er schrieb auch noch Gedichte auf den Maler, denn der Ratsherr Brockes ist niemand anderer als der Dichter Brockes, der schon mehrfach in diesem Blog erwähnt wurde, zuletzt in dem Post Poetry trumps Trump. Und er bedichtet seinen Freund mit dem Sonett auf den berühmtesten Portrait-Schilderer unserer Zeit:
Ich füle das Gefül den Augen widerstreben,
Und mein betrog’nes Aug betreugt fast den Verstand;
Denn, er mein Denner, reicht mit seiner Wunder-Hand
Dem Schatten Licht und Leib, den Farben Sel’ und Leben.
Der Schönen Liebreiz kann sein Strich so hoch erheben,
Daß vom gemal’ten Stral man spüret wahren Brand:
Es scheinet Zauberey, wenn er, aus Öl und Sand
Formir’tem Fleische, weiß auch Geister einzugeben.
Ein Licht, von ihm gemahlt, glänzt mit so lichten Stralen,
Daß oft ein Mücken-Schwarm um kalte Flammen schweb’t.
Würd’ er sein eig’nes Bild in Lebens-Grösse mahlen;
Glaub’ ich (da sein Gemähld mehr als das Leben leb’t)
Es ließ sich selbst der Tod, durch solche Gleichheit, äffen,
Und dürft’ aus Irrtum leicht sein Bild, statt seiner treffen.
Balthasar Denner wurde wegen seiner Feinmalerei und der erstaunlichen Detailgenauigkeit von seinen Zeitgenossen auch Poren-Denner genannt. Für Wilhelm Schmidt war das keine große Kunst: Wer jedoch in dem Begriff eines wahren Kunstwerkes immer noch ein ideales Moment sucht und sich nicht mit der sklavischen Abschrift der Natur zufriedengibt, den werden solche Bilder wenig angenehm berühren. Es ist absolut kein Geist in diesen Köpfen, sie reden nicht, und die glatte, weichliche Farbe verstärkt noch den Eindruck des Wachsfigurenartigen. Der Kunsthistoriker Werner Schulz hat in seinem Aufsatz Theorie des Details Brockes und Denner erwähnt und gezeigt, dass diese photorealistische Ästhetisierung des Gewöhnlichen und Häßlichen in ein größeres Konzept des 18. Jahrhunderts gehört. Auch für Arno Schmidt hat die Kunst von Balthasar Denner etwas Positives, wenn er in Aus dem Leben eines Fauns und in einem Rundfunkinterview 1952 von einer Balthasar Dennerscher Genauigkeit spricht, die das Ziel des Schriftstellers sein müsste.
Kunsthistoriker sprechen bei den Köpfen von Denner von Tronies, ein Wort, das aus dem Holländischen kommt. Die genaue Darstellung von Charakterköpfen hatte ihre große Zeit im 17. Jahrhundert, aber jetzt sind mit Balthasar Denner und Christian Seybold (von dem dieser Frauenkopf stammt) die Tronies wieder da. Und aus diesem hier abgebildeten Buch kann ich Ihnen hier den Aufsatz Rezeption und Fortleben der niederländischen Tronie von Dagmar Hirschfelder anbieten. Wenn das alles auf Denners Bildern nach 1080p und 4K aussieht, und wenn Denners Gemähld mehr als das Leben leb’t, dann hat das natürlich einen Grund. Denn bei dieser Trompe-l ́oeil Malereihat Denner (wie schon die Niederländer des 17. Jahrhunderts) ein Hilfsmittel zur Hand, dessen Gebrauch die meisten Maler verschweigen: die Camera Obscura.
Von magischer, unwirklicher Schönheit war diese Delphine Seyrig, die Alain Resnais in einem Off-Broadway Theater in New York entdeckt hatte. Unvergesslich ihr erster Auftritt am Drehort von 'Letztes Jahr in Marienbad': in einen Burberry gehüllt, einen Schal über der dreißiger Jahre Frisur, tauchte sie hinter einer der Marmorsäulen in der Halle des Schlosses Schleißheim auf und begrüßte uns mit einem geistesabwesendem Lächeln. Ein Wesen von einem anderen Stern - auf der Leinwand wie im Leben. Das schreibt Volker Schlöndorff auf seiner Internetseite. Dem kann ich nur beipflichten, wegen Delphine Seyrig habe ich ✺Letztes Jahr in Marienbad damals zweimal gesehen.
In Truffauts Film ✺Geraubte Küsse wird Antoine Doinel über sie sagen: Ce n’est pas une femme, c’est une apparition. Und das ist sie gewesen, zu einer apparition haben Resnais und Truffaut sie stilisiert. Sie war aber auch in ganz anderen Filmen zu sehen: in Joseph Loseys ✺Accident an der Seite von Dirk Bogarde oder in dem Spionagethriller ✺The Black Windmill mit Michael Caine, wo sie für eine Minute nackt zu sehen ist.