Donnerstag, 12. Dezember 2019

Plättbretter


Where are all the angry young men now?
Where are all the angry young men now?
Barstow and Osborne, Waterhouse and Sillitoe,
Where on earth did they all go?
And where are all the protest songs?
Yes, where have all the angry young men gone?

Das sangen die Kinks 1973 in Where are they now? Ich habe den Song schon in dem Post Christine Keeler zitiert. Der Schriftsteller John Osborne, der da erwähnt wird, wurde heute vor neunzig Jahren geboren. Sein erster großer Erfolg als Dramatiker war Look Back in Anger (1956) unter der Regie von Tony Richardson. Seit diesem Stück redete ganz England vom kitchen sink drama und den Angry Young Men. Das Stück war autobiographisch, stärker als man damals ahnte: When Lane saw the play she immediately recognised this portrayal. When asked, many years later, about her reaction, she said: ‘I felt as though I had been raped.’ The play was a theatrical version of revenge porn, heißt es im Spectator in einer Besprechung von Dearest Squirrel: The Intimate Letters of John Osborne and Pamela Lane.

I was unable to take my eyes off her. I watched her eating, walking, bathing, making-up, dressing, undressing, my curiosity was insatiable. Seeing her clothes lying around the floor (she was hopelessly untidy, in contrast to my own spinsterish habits). There was little doubt in my otherwise apprehensive spirit that I had carried off a unique prize…. Perhaps I interpreted what might have been bland complacency for the complaisance of a generous and loving heart, hat John Osborne in Looking Back über seine erste Frau Pamela Lane geschrieben.

Als Look Back in Anger auf die Bühne kommt, ist Osborne gerade von Pamela Lane geschieden. Die Neue an seiner Seite ist Mary Ure, die auch die Hauptrolle in dem Theaterstück spielt. Aber wen Osborne auch heiratet (er war fünfmal verheiratet), seine Beziehung zu Pamela Lane wird niemals ganz abreißen. Die Franzosen würden so etwas eine amour fou nennen. In seiner zweibändigen Autobiographie A Better Class of Person (1981) und Almost a Gentleman (1991) wird Osborne beleidigende Dinge über viele seiner Frauen von sich geben. Der Satz von Jimmy Porter aus Look Back in Anger: I hope you won't make the mistake of thinking for one moment that I am a gentleman, trifft auf ihn zu, ein Gentleman ist er nicht. Nach dem Erfolg von Look Back in Anger hat er sich gleich einen sauteuren Alvis (the thinking man's Rolls Royce, wie der Osborne Biograph John Heilpern schreibt) gekauft. Der die ironische Autonummer AYM I hatte, Angry Young Man Nummer 1. Einen Bentley fuhr er auch mal, er genießt jetzt das Geld, das ihm das Stück einbringt.

Die Filmkritikerin Penelope Gilliatt, der er schrieb: will you marry me? It’s risky, but you’ll get fucked regularly, kommt in den Memoiren noch halbwegs gut davon. Schlimm ist, was er über Jill Bennett (die für ihn den Spitznamen Adolf hat) sagt: She was a woman so demoniacally possessed by avarice that she died of it. How many people have died in such a manner, of avarice? … This final, fumbled gesture, after a lifetime of glad-rags borrowings, theft and plagiarism, must have been one of the few original or spontaneous gestures in her loveless life… During the nine years I lived beneath the same roof with her, she spent half the day in bed. There was a short period when she took dressage lessons, that most intensive course in aids to severe narcissism. Als er das schreibt, hat er gerade gehört, dass sie Selbstmord begangen hat.

Es gibt noch andere Frauen in Osbornes Leben, Frauen, mit denen er nicht verheiratet war und die keinen Selbstmord begingen. Eine von denen ist diese Schönheit, die seine Geliebte wurde, als er gerade Mary Ure geheiratet hatte. Sie heißt Francine Brandt (hier ist sie 1961 in Acapulco) und ist eine Schauspielerin, wie man so sagt. Also in grottenolmschlechten Filmen wie Fermi tutti... arrivo io!. Aber man liebt sie in der Welt des Jet Sets, sie kennt Roger Vadim und Brigitte Bardot und ist Gast auf der Yacht von Onassis. Francine Brandt was a courtesan, hat Elaine Anderson gesagt und hinzugefügt: I would call her the most expensive call girl in the world. Osborne wird eine zweijährige Affaire mit Francine haben. Mary Ure wird vor dem Londoner Scheidungsrichter aufzählen, dass ihr Mann mit Miss Jocelyn Rickards in London, Miss Francine Brandt in Jamaica and elsewhere, and with Mrs Penelope Gilliatt at Hellingly Ehebruch begangen hat.

Diese Frau mit den grünen Augen kommt nicht aus der Welt, in der Francine Brandt herumflittert, aber auch mit ihr wird Osborne eine Affaire haben. Gleichzeitig mit Francine. Wenn schon, denn schon, wird sich unser Lothario gesagt haben. Sie sieht unscheinbar aus, aber der Einfluss, den sie in den sechziger Jahren haben wird, ist gewaltig. Sie ist die Kostümdesignerin für die Stücke von Osborne und deren Verfilmungen. Sie hat die Kleider von Vanessa Redgrave und Sarah Miles in Blow-Up (zu dem Film gibt es hier schon den Post Swinging London) entworfen, die Kleider für Rita Tushingham in The Knack und für Glenda Jackson in Sunday, Bloody Sunday. Auch einen James Bond Film hat sie ausgestattet. Die Sixties sind nicht nur Mary Quant, die Sixties sind Jocelyn Rickards. Über sie wird Osborne in seinen Autobiographien nichts Böses sagen.

In der ersten Szene von Look Back in Anger steht Alison Porter, gespielt von Mary Ure, am Bügelbrett. Oh no, not the ironing board, hat Pamela Lane gestöhnt, als der Vorhang bei der Premiere aufging. Es ist wahrscheinlich das berühmteste Bügelbrett der englischen Theatergeschichte. Neben Mary Ure ist Alan Bates in der Rolle des Cliff Lewis zu sehen. Dieser Cliff Lewis ist in Wirklichkeit niemand anderer als Anthony Creighton, der der Co-Autor vieler Theaterstücke von John Osborne war.

Ich weiß nicht, wie sich Mary Ure dabei gefühlt hat, dass sie auf der Bühne die Rolle der ersten Mrs Osborne spielen muss. Sie wird später genau wie Jill Bennett später Selbstmord begehen. Sie spielt die Alison Porter auch in der Broadway Inszenierung und in dem Film, den Tony Richardson (der hier schon in den Posts CardiganJohn Schlesinger und Laurence Harvey erwähnt wird) drehen wird. In dem Film (den Sie hier in guter Qualität im Original sehen können) spielt Richard Burton die Hauptrolle, obgleich er eigentlich für die Rolle des Jimmy Porter viel zu alt war. Das berühmte Plättbrett ist übrigens am Anfang auch zu sehen.

Der nächste große Erfolg für Osborne war The Entertainer, ein Stück, dass Osborne auf eine Bitte von Laurence Olivier für den Schauspieler geschrieben hatte. Unter der Regie von Tony Richardson wurde das Stück verfilmt, wieder mit Laurence Olivier in der Hauptrolle. Sie können The Entertainer, der damals in den Kinos kein großer Erfolg war, aber heute als Klassiker gilt, hier sehen.

Hier wird John Osborne gerade von der Polizei abgeholt, aber das ist nicht die Wirklichkeit, das ist eine Szene aus einem Film. Osborne hat als Schauspieler angefangen und kehrt von Zeit zu Zeit in diesen Beruf zurück. Eigentlich ist er immer Schauspieler geblieben: He liked to be noticed. And he liked unusual sniff. That's the way he wanted to see himself—not totally over the top, but near the edge. I think John would have really loved to have been a very famous actor, hat Doug Hayward (der auch mit Michael Caine befreundet war) über ihn gesagt. Das Photo ist aus dem Film Get Carter, also nicht diesem schrottigen Re-Make, sondern dem Original mit Britt Ekland, Michael Caine und dem Mann, der sechs Finger an einer Hand hat. Osborne spielt in Get Carter einen Gangsterboss, das ist eine kleine Nebenrolle. Die Hauptrollen spielen im englischen Theater jetzt ganz andere.

Osborne hat einige Drehbücher geschrieben (zum Beispiel das Drehbuch zu Tom Jones) und an den Verfilmungen seiner Stücke mitgearbeitet, aber das ist gar nichts im Vergleich zu seinem Kollegen Harold Pinter, der siebenundzwanzig Drehbücher schreiben wird. Hier sehen wir ihn mit Julie Christie bei den Dreharbeiten zu The Go-Between (zu dem Film und zu Pinters Drehbuch gibt es hier einen langen Post). Ein Werk wie The Proust Screenplay oder das Drehbuch zu The French Lieutenant's Woman hätte Osborne nie schreiben können.

Es ist die Tragödie von Osborne, dass ihm nach Look Back in Anger und The Entertainer eigentlich nichts mehr einfällt. Zwei Jahre vor Look Back in Anger war Samuel Becketts Waiting for Godot erschienen, und Beckett wird auf Dramatiker wie Pinter und Tom Stoppard, und auf viele andere, einen großen Einfluss haben. Osborne hatte die Angry Young Men Bewegung angestoßen, aber sein Einfluss auf das Theater der nächsten Jahrzehnte ist gering. Sein letztes Theaterstück, das wieder mit einem Bügelbrett auf der Bühne begann, hieß Dejavu, es war ein trauriger Versuch, den Erfolg von Look back in Anger zu recyclen. Peter O'Toole verließ damals das Theater und brüllte:Oi've never heard such f...…. rubbish! Irgendwie ist der im Wohnzimmer raisonierende Jimmy Porter niemand anderer als das Ekel Alfred. Nach den vernichtenden Kritiken ging Osborne dazu über, Briefe mit John Osborne, ex-playwright zu unterzeichnen.

Ich habe damals alles von Osborne gelesen, als er der Star des englischen Theaters war, aber ich mochte ihn nicht wirklich. Ich weiß nicht, weshalb ich mir noch Almost a Gentleman gekauft habe, nachdem ich A Better Class of Person gelesen hatte. Konnte es schlimmer kommen? Es konnte, er ärgerte sich darüber, dass er niemals auf das Grab von Jill Bennett gespuckt hatte. Mochte ihn noch jemand? I seem to incite only dislike and indifference in whatever I attempt. I never did have much of a following. Now even that remnant is apparently gone. It’s a mistake to stick around too long, hat Osborne Michael Billington geschrieben. Auf dem von Lord Snowdon photographierten Cover von Almost a Gentleman präsentiert er sich als leicht dekadenter Landadliger, ein Landhaus in Shropshire besaß er immerhin. I may be a poor playwright, but l have the best view in England, hat er zu John Heilpern gesagt, der mit John Osborne: The Many Lives of the Angry Young Man die beste Biographie über Osborne geschrieben hat. Er hat in seinem Haus auch ein Sitzkissen, das mit dem Satz It's difficult to soar like an Eagle when you are surrounded by Turkeys bestickt war. Vielleicht hat er daran geglaubt. Auf einem anderen Kissen stand Eat Drink and Remarry!

Der Vegetarier und Alkoholiker John Osborne ist mit fünfundsechzig Jahren gestorben, in dem Alter fing Theodor Fontane an, seine großen Romane zu schreiben. Osborne hatte nichts mehr zu sagen. In Look Back in Anger sagt Helena Charles zu Alison Porter über deren Ehemann Jimmy: There's no place for people like that any longer—in sex, or politics, or anything. That's why he's so futile.... He doesn't know where he is, or where he's going. He'll never do anything, and he'll never amount to anything. Hat Osborne gewusst, dass er sich damit selbst beschrieben hat?

Die Engländer wählen heute. Wollen wir hoffen, dass sie morgen nicht look back in anger sagen.

Sonntag, 8. Dezember 2019

Demimonde


Aus dem Englischen übersetzt - Cora Pearl war eine Kurtisane der französischen Halbwüchsigen aus dem 19. Jahrhundert, die während der Zeit des Zweiten Französischen Reiches ihre größte Berühmtheit genoss. Diesen Satz findet man, wenn man den Namen Cora Pearl bei Google eingibt. Dann steht das auf meinem Bildschirm ganz rechts oben auf der Seite.

Wer Cora Pearl ist, die da oben dekorativ über einem Schlafzimmerbett hängt, das wissen Sie. Weil Sie den Post les grandes horizontales gelesen haben. Aber Halbwüchsige? Was das bedeutet, erklärt uns das Grimmsche Wörterbuch, das sich glücklicherweise auch im Internet findet. Im Englischen heißt der Satz: Cora Pearl was a nineteenth-century courtesan of the French demimonde who enjoyed her greatest celebrity during the period of the Second French Empire.

Demimonde ist also das Wort, das Wikipedia mit den Halbwüchsigen übersetzt. Wer über Demimonde schreibt, der muss auch wissen, was Demimonde ist — das ist kein ungerechtfertigtes Verlangen, schreibt Paul Lindau in seinem Essayband Literarische Rücksichtslosigkeiten, der gegen einen Literaturkritiker namens Dr Julian Schmidt gerichtet ist. Das war im Jahre 1871, aber das scheint bei der Wikipedia immer noch nicht angekommen zu sein. Die Demimonde gibt es im Französischen als Wort, seit Alexandre Dumas das Theaterstück Le Demi-Monde geschrieben hat.

Dumas sagt in seinem Vorwort zu dem Theaterstück einiges über die Demimonde: Wir werden ein für allemal für die Lexikographen der Zukunft feststellen, dass die Demimonde keineswegs, wie man es glaubt und druckt, den großen Haufen der Kourtisanen, sondern nur diejenigen Weiber bezeichnen soll, welche aus der guten Gesellschaft in die schlechte gesunken sind (les déclassées). Nicht jede, die da will, gehört also zur Demi-monde. Diese Gesellschaft besteht in der Tat ausschließlich aus Frauen aus guter Familie, die als junge Mädchen, als Frauen und Mütter in den besten Kreisen mit völliger Berechtigung verkehren durften und die sich auf und davon gemacht haben. Ich weiß jetzt nicht, ob das auch auf die Midinetten von Jean Béraud zutrifft.

Für Sartre ist die Hölle, auf jeden Fall steht das so in Huis clos, ein geschmackloser Salon des Zweiten Kaiserreichs, wir behalten das mal im Gedächtnis. Was die Demimonde ist, wissen wir immer noch nicht so genau, die Ränder der Definitionen sind unscharf. Paul Lindau, der Dumas in Paris kennengelernt hatte (und ihn auch übersetzt hat), zitiert ihn in seiner Abrechnung mit Dr Julian Schmidt: Dumas schreibt: 'Diese Gesellschaft fängt da an, wo die rechtmässige Gattin aufhört, und hört auf, wo die käufliche Gattin anfängt.

Von den anständigen Frauen ist sie durch den öffentlichen Scandal, und von der Courtisanen durch das Geld getrennt; hier bildet ein Gesetzesparagraph, dort eine Geldrolle die Grenzlinie. Sie klammern sich fest an das letzte Argument: 'Wir geben, aber wir verkaufen nicht', und sie verstoßen aus ihrer Mitte die Käuflichen, wie sie aus ihren Kreisen ausgestoßen werden, weil sie sich verschenkt hatten. Sie gehören dem, der ihnen gefällt, nicht denen, welchen sie gefallen'. Ich habe hier noch einmal ein Bild von Jean Béraud, einem Maler, der sich auf die Darstellung junger Frauen spezialisiert hat, die sich irgendwo an der Grenze zwischen Rechtschaffenheit und Käuflichkeit bewegen. Bestellt sich der Herr in der Brasserie auf dem Bild im dritten Absatz gerade noch ein Bier, oder wird da über Geld für Liebesdienste geredet? Die fille de brasserie ist ein wenig zu modisch gekleidet, sie trägt Schmuck, und ihr Rock hat den gerade modischen cul de Paris. Manets Kellnerin in Coin de café-concert ist da viel schlichter gekleidet.

Bei dem Bild La Modiste sur les Champs-Elysées von Béraud, den Proust im Salon von Madeleine Lemeire kennengelernt hatte, können wir sagen, dass die junge Hutmacherin ihren Rock (zum Wohlgefallen des Herrn im Hintergrund) lüpft, damit er nicht mit der nassen Strasse in Berührung kommt. Aber warum zeigt uns die Modistin im oberen Absatz, die gerade aus einem Modeladen kommt, ihre Unterröcke, macht uns so zu einer Art Voyeur? Sie gehören dem, der ihnen gefällt, nicht denen, welchen sie gefallen, schreibt Dumas, und die Schriftsteller werden diese Welt der Midinetten und Grisetten berühmt machen. Ob das nun Dumas mit La dame aux camelias, Diane de Lys und Le demi-monde oder Barriere mit Filles de marbres oder Henri Murger mit Scènes de la vie de bohème (aus dem die Oper La Bohème entsteht) sind.

Die 'Halbwelt', so sagt uns Meyers Großes Konversations-Lexikon im Jahre 1906, ist eine durch das gleichnamige Drama des jüngern Dumas (1855) in Aufnahme gekommene Bezeichnung für die in Großstädten (namentlich Paris) stark vertretene Klasse von Abenteurern höherer Gattung, die im Äußern Sitten und Lebensweise der vornehmen Gesellschaft (grand monde) nachzuahmen sucht; insbesondere für anrüchige und zweifelhafte, aber äußerlich in aller Eleganz auftretende Frauenzimmer. Von Halbwüchsigen ist da nicht die Rede. Dieses Bild, das die Tate Gallery besitzt, hat auch etwas mit dem lockeren Treiben der Belle Epoque zu tun. Es heißt Après la faute, und die Geschichte dazu, die können wir uns denken.

Wir können unseren Spaziergang durch die Halbwelt nicht beenden, ohne einmal in der Oper gewesen zu sein. Und zwar bei Jacques Offenbach, der grande monde und demimonde gleichermaßen anzieht. Nicht jeder mag ihn: Die Operette ist ein öffentliches Übel, man sollte sie erwürgen wie ein schädliches Tier, schreibt Emile Zola in seinem Roman Nana. Ich wollte ja im Jacques Offenbach Jahr etwas über den Mozart der Champs-Elysées, wie Rossini ihn genannt hat, geschrieben haben, habe das aber leider nicht hingekriegt. Immerhin gibt es hier schon die Posts Jacques Offenbach, La Périchole und Arkadien.

Das hier auf den Bildern ist wieder unsere Cora Pearl. Als Cupido in Offenbachs Orphée aux Enfers. In einem hauchdünnen, durchsichtigen Kleid, das mit Diamanten besetzt war. Am ersten Abend war die Vorstellung zu überhöhten Preisen ausverkauft, in der zwölften Vorstellung wurde sie ausgebuht, da ist sie nicht wieder aufgetreten. Wenn wir uns das hier einmal anschauen, können wir uns vorstellen, dass Cora Pearl in die Rolle passte. Aber das Publikum wollte mehr sehen als eine halbnackte Diseuse, was eine Elise Caron (die auch kaum bekleidet ist) kann, das konnte Cora Pearl stimmlich offenbar nicht.

C’est à Paris que les filles de marbre apprennent péniblement le métier qui les fait riches en une heure, hat Jules Janin geschrieben. Eine Nacht mit Cora Pearl soll 5.000 Francs gekostet haben, das wären heute ungefähr 10.000 €. Eine Nacht in dem Bett da oben im ersten Absatz unter dem Portrait von Cora Pearl kostet £1.862. Das ist die Cora Pearl Suite, The Courtesan's Boudoir, im Londoner Grosvenor Hotel. Einem Hotel im Übrigen, aus dem Cora Pearl einmal herausgeworfen wurde. Katie Hickman, die ein Buch über die Courtisanen geschrieben hat, führt uns hier einmal durch die Suite:

I wonder what she would have made of the fact that this week in her honour, the hotel, based in Victoria, London, is about to open an luxurious Cora Pearl Suite, 'The Courtesan's Boudoir', the jewel in the crown of a recent 18 million pound refurbishment. "Did I think Cora would have liked it?" I was asked as I entered the room. I looked round at the sumptuous silver and eau-de-nil boudoir, at the silk drapes, the orchids, ostrich feathers and erotic prints; gazed up at the enormous portrait of the lady herself hanging over the bed, poised as though giving her own personal benediction to whatever antics the thought of her might inspire on the velvety coverlets below. Would Cora have liked it? Sacre Bleu! She must be laughing in her grave.

Freitag, 6. Dezember 2019

Nikolaustag


Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn
.

Noch bevor man in der Schule Gedichte lernte, lernte man in Bremen diese Verse. Ich habe große Teile von Schillers und Goethes Gedichten vergessen, aber das Halli, Halli, Hallo, So geiht nah Bremen to, das vergisst man nicht. Und so durfte in diesem Blog im Dezember 2010 ein Post zum Nikolaus nicht fehlen, es war mein erster Nikolaustag als Blogger. Damals wusste ich noch nicht, wohin die Reise ging. Jetzt kennt mich die Welt. Darf man das so sagen? Meine Leser mögen mich, und ich mag meine Leser. Meine Leser mögen mich, weil ich Geschichten erzähle. Und nebenbei auch noch ein klein wenig Bildung vermittle. Und weil ich hemmungslos subjektiv bin. Ein Zettel mit Goethes Satz: Sieh, liebes Kind, das ist ein Vorzug, den die Leute haben, die nicht schreiben: sie kompromittieren sich nicht, klebt an meinem Schreibtisch. Also da, wo Herman Melville seinen Zettel mit dem Keep true to the dreams of thy youth kleben hatte.

Der Nikolaus Post, der zuerst Sünnerklaas hieß, ist in diesem Blog am 6. Dezember immer wieder mal aufgetaucht. Ich stelle ihn heute in der Version von 2010 hier hin. Ohne Bilder. Bilder konnte ich noch nicht. Jetzt kann ich alles. Ich wünsche meinen Lesern eine schöne Adventszeit.



Als die Winter noch kälter waren als in diesen Tagen, als die Straßenbeleuchtung noch spärlich war und der Schutzmann noch einen Tschako trug, da waren am Abend des Nikolaustages in Bremen lauter kleine Nikoläuse unterwegs. Der Heilige Nikolaus hieß in dieser Gegend auch Sünnerklaas, was plattdeutsch für Sankt Klaus ist. Je weiter man nach Holland kam, desto mehr verwandelte sich dieses Sünnerklaas (oder Sünnerklaus) zu Sinnerklaas. Es blieb aber immer der gleiche Heilige Nikolaus von Myra, der der Schutzheilige der Kinder und der Seefahrer ist. Weshalb auch jede Hafenstadt eine Nikolaikirche hat. Obgleich Bremen von den Amerikanern besetzt war, hatte Halloween mit trick-or-treat auf uns noch nicht abgefärbt. Bei uns gab es das Nikolauslaufen. Dazu musste man sich verkleiden, eine rote Mütze, ein falscher Bart und ein Stock (die symbolischen Reste des Bischofstabs) gehörten zu dem Outfit. Opas Spazierstock eignete sich hervorragend dafür. Und natürlich ein Sack, in den man die empfangenen Süßigkeiten wie Moppen und Spekulatius tat. Und man musste sein Sprüchlein an jeder Tür in der Nachbarschaft aufsagen:

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:

Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:

Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.


Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.


Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback - und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.

Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.

Vorleser gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.

Ich erwähne diese Oper nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die Sängerin kannte.

Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:

Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to

Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht.

Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das ist aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt & Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung, hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn (der für ihn den bösen Beinamen Kamerun bei Pumpe hatte) marschieren müssen, und das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Je mehr ich begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

Lemuel Francis Abbott


Das hier ist Captain William Locker, er war der erste Kapitän, unter dem Horatio Nelson diente. Er erkannte die Talente des jungen Midshipman und hat ihn immer gefördert. Er förderte auch junge Maler wie den Marinemaler Robert Cleveley und den Portraitmaler Lemuel Francis Abbott (der am 5. Dezember 1802 gestorben ist), der ihn hier gemalt hat. Als Nelson Admiral wurde, fragte er seinen Freund William Locker, zu welchem Maler er gehen sollte. John Hoppner hatte ihn einmal gemalt, aber das Bild fand er fürchterlich (das Bild von dem ganz jungen Horatio im Kampf mit dem Eisbären ist erst nach Nelsons Tod gemalt worden). Captain Locker, den man auch Nelsons sea daddy genannt hat, empfiehlt ihm Lemuel Francis Abbott. Locker wird übrigens auch anregen, dass die Royal Navy in Greenwich ein eigenes Kunstmuseum bekommt.

Im Londoner Haus von Captain Locker wird Abbott sein erstes Portrait von Nelson malen, das er immer wieder kopieren wird, vierzig Mal, mit kleinen Variationen. Der Bedarf nach Bildern von Seehelden ist in England jetzt groß. Nelsons Geliebte Emma Hamilton hat er allerdings nie gemalt. Dafür wurde George Romney berühmt. Abbott ist wahrscheinlich der einzige englische Portraitmaler, der überhaupt keine Frauen gemalt hat. Abbotts Bilder sind schon in diesem Blog aufgetaucht, zum Beispiel in den Posts Horatio NelsonNelsons OrdenModekrankheit und Joseph Nollekens.

An Portraitmalern hat man im England des 18. Jahrhunderts wahrlich keinen Mangel, zu den ganz großen wie Sir Joshua Reynolds zählt Abbott nicht. Das Dictionary of British Art kennt ihn überhaupt nicht. Er hat 1788 und 1798 versucht, in die Royal Academy aufgenommen zu werden und wurde beide Male abgelehnt. Aber er durfte von 1780 bis 1798 fünfzehn Bilder in der Akademie zeigen. Er ist ein solider, ordentlicher Maler, sein Portrait von Sir William Herschel, das sich in dem Post Carl Zeiss findet, ist wahrscheinlich das beste Bild, das wir von Herrschel haben. In seinen Anecdotes of Painting schreibt Edward Edwards:

His abilities as a painter were wholly confined to portraiture, or rather to painting a head, for below that part he wanted both taste and skill sufficient to enable him to produce a good whole-length picture, and his figures were in general insipid in their action, and his back-grounds poor and tasteless in execution. Yet it must be allowed, that the heads of his male portraits were perfect in their likenesses, particularly those which he painted from the naval heroes of the present time; but he had not equal success with female heads, of which indeed he painted but few. An diesem Bild von Aubrey Beauclerk, dem sechsten Herzog St Albans, das einer der wenigen Versuche Abbotts ist, ein swagger portrait zu malen, kann man nachvollziehen, was Edwards meint. Abbotts Kollegen Benjamin WestJohn Singleton CopleyJohn Hoppner, Alan Ramsay, Henry RaeburnThomas Lawrence oder Joseph Wright of Derby (die hier schon beinahe alle einen Post haben) haben ein größeres Repertoire. Thomas Gainsborough und Joshua Reynolds lassen wir einmal unerwähnt.

Aber es sind immer wieder interessante Menschen, die Abbott portraitiert. Auf dem Brief, den dieser Herr in der Hand hält, stehen die Worte: I have acted the part of a fait[hful] subject. I now go resolved still to labour for peace at the same time determined in the last event to stand or fall with my country. I have the honour to be Henry Laurens. Im Hintergrund ist der Londoner Tower zu sehen, da ist dieses Bild auch gemalt worden. Der Abgeordnete des Continental Congress Henry Laurens ist der einzige Amerikaner, der jemals im Tower inhaftiert war. Er wird dort anderthalb Jahre verbringen. Und muss auch noch seine Verpflegung bezahlen.

Benjamin Franklin versucht vergeblich, ihn gegen General Burgoyne auszutauschen, aber alles kommt dann ganz anders. Denn inzwischen haben die Amerikaner und Franzosen die Briten bei Yorktown besiegt, der General Lord Cornwallis muss sich ergeben. Einer der Offiziere, die den Waffenstilltand aushandeln, ist Washingtons Adjutant, Colonel John Laurens (hier in der Mitte der drei Herren in einem Ausschnitt aus einem Bild von John Trumbull). Er ist der Sohn von Henry Laurens. Und nun geht alles ganz schnell, es bleibt sozusagen in der Familie. Henry Laurens kommt frei, und die Engländer kriegen Lord Cornwallis wieder. Der amerikanische Senat hat das Bild von Laurens im Tower 1886 gekauft, es hängt heute im Capitol. Man hat das Bild zuerst für einen Copley gehalten, aber da hatte man etwas verwechselt. Auf Copleys im selben Jahr gemalten Bild sieht Laurens viel bedeutender aus.

Abbott malt wie gesagt meistens Halbfiguren, es ist selten, dass sich bei ihm ein full-length portrait findet. Hier haben wir eins. Es ist ein Herr namens Henry Callender mit Uniform etwas steif in der Landschaft stehend, er hält einen Golfschläger in der Hand. Die Uniform, die er trägt, ist keine Uniform der englischen Armee, Callender ist Captain General of the Blackheath Golf Club. Den Club gibt es noch heute, sie tragen da bei festlichen Anlässen auch noch heute diese Uniform, aber sie waren in finanziellen Schwierigkeiten. Also verkauften sie das Bild von Callender beim Auktionshaus Bonhams. Es brachte den sagenhaften Preis von 722.500 £. Noch nie war ein Bild von Abbott zu solchem Preis verkauft worden. Ein Golfschläger aus dem Jahre 1780, wahrscheinlich derselbe, den Callender in der Hand hält, kam auch zur Versteigerung, er brachte 62.500 £.

Ich habe mit einem Kapitän angefangen, ich will auch mit einem aufhören. Das hier ist der Captain Sir George Montagu, der als Admiral einen noch höheren Dienstgrad erreichen wird als Horatio Nelson. Das Bild gefällt mir sehr, aber man weiß nicht, ob es wirklich von Abbott ist, auch der Maler Thomas Beach könnte es gemalt haben, da streiten sich die Fachleute. Dass der rechte Fuß nicht ganz auf dem Bild ist, liegt daran, dass man das Bild irgendwann mal oben und unten beschnitten hat. Wahrscheinlich hat man die Signatur des Malers dabei auch abgeschnitten.

Seine Eltern hatten den jungen Lemuel Abbott (den zweiten Vornamen Francis hat er sich später zugelegt) bei dem Maler Francis Hayman in die Lehre gegeben, da war er vierzehn. Hayman starb zwei Jahre später, das war das Ende von Abbotts Ausbildung. Für einen Autodidakten ist das, was er malen wird, nicht schlecht. Abbott heiratet mit zwanzig, aber es ist eine sehr unglückliche Ehe. Domestic disquiet, occasioned by his marriage with a woman of very absurd conduct, preyed upon his mind and brought on insanity, which at last terminated in his death in 1803, steht im Dictionary of National Biography. Das Jahr 1803 haben die meisten Lexika durch 1802 ersetzt, man weiß nicht so furchtbar viel über den fleißigen und unglücklichen Maler. Dass dieses Bild von ihm sein soll, das möchte ich bezweifeln. Abbott wird zu seinem Lebensende wahnsinnig, aber er hat das Glück, dass sich der Doktor Thomas Monro um ihn kümmert. Der ist selbst Maler, fördert junge Künstler und wird eine eigene Malschule in seinem Haus in Busshey aufmachen. Seine berühmtesten Schüler heißen William Turner und Thomas Girtin.

Montag, 2. Dezember 2019

les grandes horizontales


Ein Sieger, ein Besiegter. Der Sieger trägt einen Säbel und hat auch noch eine Pistole umgeschnallt. Sicher ist sicher, bei den Franzosen weiß man ja nie. Der Herr mit den roten Hosen ist der Kaiser von Frankreich, der gerade einen Krieg verloren hat.Verlieren kann er gut, zahlreiche seiner Putschversuche sind fehlgeschlagen, bevor er französischer Präsident wurde.

Am 2. Dezember des Jahre 1852, dem Jahrestag der Kaiserkrönung seines Onkels Napoleon Bonaparte, hatte sich Charles-Louis-Napoleon Bonaparte als Napoleon III zum Kaiser der Franzosen gekrönt. Knapp zwei Jahrzehnte  später sitzt er neben Bismarck nach der Schlacht von Sedan auf der Bank. Da heißt es dann Ab nach Kassel. Zu Hause wird er auch noch abgesetzt, und Wilhelm Busch dichtet Eins, zwei, drei – ich zähl' herum – Der Louis ist Napolium! Ich lasse den Louis heute mal ein wenig draußen vor, er hatte hier schon vor acht Jahren einen Post. Ich kapriziere mich heute einmal auf die Damen, die ihn umgeben. Wie diese Engländerin, die von einem seiner Verwandten begleitet, so elegant auf dem Pferd sitzt.

Nicht nur die Frauen kennt der Louis gut, auch Gefangenschaft und Exil kennt er gut. Wie man einen Krieg verliert, weiß er auch. Das Ergebnis seiner Intervention in Mexiko kennen wir alle, weil wir Robert Aldrichs Film ✺Vera Cruz gesehen haben und dieses Bild von Eduard Manet (das hier schon einen ausführlichen Post hat) im Kopf haben. Vielleicht hat sich der Louis auch von der Fürstin Pauline von Metternich, der besten Freundin seiner Frau (die man in Wien wegen ihrer Klatschsucht Mauline Petternich nennt) in das mexikanische Abenteuer reinquatschen lassen.

Das hier ist die Italienerin Virginia Oldoni, die Contessa di Castiglione, auf jeden Fall sieht sie in der Fernsehserie ✺Ottocento so aus, wenn ✺Virna Lisi sie spielt. Yvonne De Carlo ist allerdings in dem Film ✺La Contessa di Castiglione etwas züchtiger bekleidet. Bei ihrem ersten Auftritt in Paris trug die Contessa ein hauchdünnes Kleid mit aufgenähten Herzchen, die ihre Brustwarzen gerade mal eben bedeckten. Zwischen den Beinen war auch noch ein Stoffherz aufgenäht, das die Schamhaare nicht ganz bedeckte. Was die Kaiserin Eugénie zu dem Satz Das Herz dieser Dame sitzt wohl etwas tief veranlasste.

Frauen machen jetzt Politik. Und Mode. Hier ist die Castiglione mal züchtig bekleidet, von Alessandro Milesi gemalt. Sie wird auf hunderten von Photographien zum ersten Supermodell des 19. Jahrhunderts werden. Der Louis ist fasziniert von ihr, schenkt ihr teuren Schmuck, ein Haus in der Rue de Ponthieu und seidene Unterwäsche mit seinem Monogramm. Sie wird seine Maitresse, und sie zieht ihn in die Machtkämpfe um Italien und in den Sardinischen Krieg hinein. Diese Geschichte hätte ich gerne erzählt, aber sie steht schon in dem Zeitungsartikel Diese Sexfalle trieb Napoleon III. in den Krieg.

Es sind immer wieder die Frauen, die den entscheidungsschwachen Parvenu auf dem Kaiserthron antreiben. Auch seine Gattin Eugénie macht Politik, sie will den Krieg gegen die Preußen. Sie macht nicht nur Politik, sie macht auch Mode. Dies ist die Geburtsstunde der Haute Couture. Auf diesem Bild von Franz-Xaver Winterhalter trägt die Kaiserin Eugénie ein Kleid von Charles Frederick Worth (der hier schon einen Post hat), die Damen um sie herum tragen wahrscheinlich auch alle Worth.

Pauline Metternich (hier auch von Winterhalter gemalt) hat ihre Freundin die Kaiserin natürlich sofort überredet, dass man neuerdings nur noch Worth tragen kann. Das ist jetzt bei Kaiserinnen der letzte Schrei. Auch unsere Sissi hat Kleider von Worth getragen. Allerdings auch die Contessa Castiglione (das nackte Kleid mit den Herzchen war allerdings nicht von ihm), das wird jetzt ein teurer Spaß für den Louis Napoleon, den Victor Hugo als Napoleon le Petit verhöhnt hat, dass er die Garderobe seiner Gattin und seiner Maitressen bezahlen muss.

Die Kleider für die Courtesane Cora Pearl (die da oben im zweiten Absatz auf dem Pferd sitzt), die auch alle von Charles Frederik Worth kommen, braucht der Louis allerdings nicht zu bezahlen. Die bezahlen schon sein Halbbruder Charles Duc de Morny und sein Cousin Napoleon Joseph Charles Paul Bonaparte, deren Geliebte die Engländerin ist. Sie ist in der Welt der Aristokratie und der Demimonde so berühmt, dass sie in das Dictionary of National Biography aufgenommen wurde, und es gibt auch einen Film (Mam'zelle Bonaparte) über sie. Bei Amazon kann man ihre Memoiren kaufen, die den Titel Grand Horizontal haben, die sind zwar nicht von ihr, aber der Titel Grand Horizontal ist wunderbar.

Der Ausdruck kommt natürlich aus dem Französischen. Das zweite Kaiserreich ist die große Zeit der Courtesanen, es ist kein Zufall, dass Balzac einen Roman mit dem Titel Glanz und Elend der Kurtisanen schreibt. Wenn die Damen der Demimonde Glück haben, macht der Louis sie zur Gräfin, wie die Gräfin Valtesse de La Bigne. Einer ihrer Geliebten ist der Maler Henri Gervex, der auch dieses Bild gemalt hat. Die auf dem Bett hingegossene Dame ist allerdings nicht die Contessa, das ist Ellen Andrée, die vielen Malern der Belle Epoque als Modell gedient hat.

Balzac ist nicht der einzige, der über les grandes horizontales schreibt. Da haben wir auch noch Alexandre Dumas mit seinem Roman La dame aux Camelias. Und Emile Zola, der Nana schreibt. Eine Nana hat auch Manet gemalt, Modell stand ihm die Schauspielerin Henriette Hauser, die man Citron nannte. Sie war die Kokotte des niederländischen Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau, den die Presse jetzt nicht mehr Prince de Orange, sondern Prince de Citron nannte. Die Hamburger Kunsthalle besitzt dieses Bild, 1973 stand es im Zentrum der Ausstellung Nana – Mythos und Wirklichkeit, das schöne Katalogbuch von DuMont kann man noch antiquarisch finden.

Die Gräfin Valtesse de La Bigne, die in Zolas Roman Nana eine Rolle spielt, wird Louis Napoleon und das Zweite Kaiserreich überleben. Sie hatte vor ihrem Tod ihre eigene Todesanzeige vorbereitet: Man muss viel oder wenig lieben, gemäß der eigenen Natur, aber schnell, in einem Augenblick, so wie man den Gesang der Vögel liebt der unsere Seele erfüllt und den wir schon nach der letzten Note sofort wieder vergessen. So wie man die roten Schatten der Sonne liebt, die am Horizont verschwindet. Das Ende des Second Empire ist auch das Ende der großen Courtisanen und ihrer Salons, man macht sie für den verlorenen Krieg verantwortlich. Die Herren Worth und Bobergh schließen ihr Atelier in der Rue de la Paix. Das Musée d'Orsay hat der Prostitution in Paris, von den pierreuses, den Bordsteinschwalben, bis zu den grandes horizonztales eine große Ausstellung gewidmet. Die grandes horizontales sind Geschichte, die pierreuses gibt es immer noch.


Lesen Sie auch: Camille in grün, Franz-Xaver Winterhalter, Haute Couture, Kindermädchen, Edouard Manet, Spargel, Berthe Morisot, Frühstück, Thomas Couture, Gustave Caillebotte, Stadtmaler, sansculotte, Julie Récamier, Ratten

Samstag, 30. November 2019

Oase in der bremischen Wüste


Ich persönlich mag Böhmermann nicht, ich finde ihn nicht witzig. Aber ich rufe deshalb nicht Angela Merkel an. Böhmermann trägt slimline Anzüge und möchte gerne Harald Schmidt sein. Er kommt aus Aumund (einem Stadtteil Bremens, aus dem man nicht kommt) und war mal auf meinem Gymnasium (das auch nicht mehr das ist, was es einmal war). Das habe ich vor Jahren in dem Post Erdogan geschrieben, und ein Leser hat sich über dieses in Klammern gesetzte einem Stadtteil Bremens, aus dem man nicht kommt köstlich amüsiert. Der Post, der den Titel des türkischen Diktators trägt, war im übrigen eine Verteidigung von Böhmermann. Auch wenn ich ihn nicht besonders mag. Doch ich habe ihn jetzt schon beinahe liebgewonnen, weil in seinem Urlaub in diesem Jahr auf dem Sendeplatz eine Blondine auftauchte, die von sich sagte, sie sei das Sommerloch von ZDFneo. Und auch noch hinzufügte: Mir wird oft gesagt: Du bist gar nicht so billig, wie du aussiehst. Das lassen wir mal so stehen.

Ich möchte heute noch einmal auf die Grenzen zwischen Stadtteilen zurückkommen, das hat etwas mit einem gewissen Snobismus zu tun, mit dem ich aufgewachsen bin. Wir alle wissen, dass es in einer Stadt feine und nicht so feine Gegenden gibt, Gegenden, aus denen man kommen kann, und Gegenden aus denen man besser nicht kommt. Wenn man in Hamburg in Blankenese residiert, dann ist das etwas anderes als wenn man in St Georg wohnt, obgleich es dort auch schon eine Gentrifizierung gegeben hat. Die es im Karoviertel, in dem ich während meines Studiums in Hamburg wohnte, auch gegeben hat.

Wenn man die Lebenserinnerungen von Ascan Klée Gobert liest, wird man erfahren, dass es vor hundert Jahren auch in den feinen Stadtteilen Hamburgs unsichtbare Grenzen gab. Das Hamburg von Goberts Jugend bestand hauptsächlich aus Harvestehude und Blankenese. Wo sich der regionale Hamburger Uradel angesiedelt hatte: Kaufleute und Reeder wie die Slomans, Amsincks, Laeiszs und Blohms, Bankiers wie die Lutteroths und Mäzene wie Nicolaus Hudtwalcker, Gründungsmitglied des Hamburger Kunstvereins. Von den 723 Millionären, die 1911 in Hamburg Steuern zahlten, wohnten mehr als vierzig am Harvestehuder Weg, weshalb die Straße im Volksmund auch Straße der Millionäre hieß.

Da ich den Ort Aumund erwähnt habe, in dem Jan Böhmermann aufwuchs, möchte ich heute noch einmal auf solche Grenzen zwischen Ortsteilen zurückkommen. Es ist kein Zufall, dass zwischen Aumund und meinem Heimatort Vegesack eine Straße liegt, die Zollstraße heißt. Wir in Vegesack waren nicht bremisch, wir gehörten einmal zu Schweden, später zu Frankreich (Département des Bouches-du-Weser), aber eigentlich gehörten wir seit 1715 zum Kurfürstentum Hannover. Die Hannoveraner hatten damals den Dänen das gerade von denen eroberte Herzogtum Bremen abgekauft. Unser berühmter Botaniker Albrecht Roth bekam das Gelände für seinen Park vom englischen König George III geschenkt, die Hannoveraner waren damals auf dem englischen Thron. Aumund, auf der anderen Seite der Zollstraße, gehörte zum Amt Blumenthal, und das war bremisch. Erst 1939 wurde Vegesack in die Stadt Bremen eingemeindet.

Mein Opa war aus dem Osnabrücker Land nach Vegesack gekommen. Dorfschullehrer zu sein und sonntags in der Kirche die Orgel zu spielen, genügte ihm nicht mehr. Er wohnte zuerst mit seiner Frau Johanna in der Breiten Straße, gleich neben seiner Schule. Als meine Mutter geboren wurde, suchte er eine größere Wohnung, denn die Neugeborene hatte von einem sehr reichen Onkel zu ihrer Geburt eine ganze Wohnzimmerausstattung geschenkt bekommen. Mit Klavier. Mein Opa hätte die an der Lesum gelegene Villa eines pleite gegangenen Zigarrenfabrikanten in St Magnus in den zwanziger Jahren relativ preiswert kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn (der für ihn den bösen Beinamen Kamerun bei Pumpe hatte) marschieren müssen, und das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Also kaufte er von seinem Kollegen, dem Heimatforscher Diedrich Steilen, das Haus in der Weserstraße, als Steilen nach Bremen ziehen wollte. Die Weserstraße war nicht der Harvestehuder Weg, aber es war die vornehmste Straße, die der Ort hatte. Das Kapitänshaus aus dem Jahre 1840 hätte mein Opa nicht von seinem Lehrergehalt kaufen können, doch er hatte am Anfang des Jahrhunderts reich geheiratet. Hundert Jahre nach der Hochzeit wird mein Onkel Karl fragen: Wie hatte diese Prinzessin aus der reichen Kornhändlerdynastie zu uns herabsteigen können? Er hat meine stille Oma Johanna immer bewundert.

Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern, schrieb Friedrich Engels über seine Dampferfahrt auf der Weser. Er schrieb auch: Vegesack ist die Oase der bremischen Wüste, in Vegesack gibt’s Berge von sechzig Fuß Höhe, und der Bremer spricht wohl von der 'Vegesacker Schweiz'. Vegesack liegt nun auch ganz hübsch oder wie man hier sagt, 'niedlich' oder 'süß'. Der Flecken selbst bietet der Weser eine anmutige Front dar; ehe man hinkommt, sieht man eine Menge Schiffsrümpfe in der Weser liegen, teils ausgediente, teils hier neugebaute. Die Lesum fließt hier in die Weser und bildet mit ihren Hügeln ebenfalls ganz 'niedliche' Ufer, die sogar romantisch sein sollen, wie mich der Schulmeister von Grohn, einem Dorf bei Vegesack, auf Ehre versicherte.

Das mit der Oase der bremischen Wüste hören die Vegesacker natürlich gerne. Die Villen, aus denen man auf die Weser schauen kann, die gibt es, aber man kann sie zählen, dies ist nicht Blankenese. Früher wohnten hier reiche Bremer Kaufleute und Kapitäne (1856 waren es 37 Kapitäne und 9 Steuerleute), heute nicht mehr. Bei einer Frau namens Else Arens kann man lesen, dass die Weserstraße in Bremen-Vegesack zu den schönsten Straßen in Deutschland gehört. Allerdings finden sich in ihrem Buch Kapitäne, Villen, Gärten: Die Weserstraße in Vegesack mindestens drei Fehler pro Seite, Namen und Jahreszahlen stimmen selten. Dass im Haus neben dem unserem in den dreißiger Jahren der SA-Sturmführer Westphal wohnte, den die Nazis 1933 anstelle des entlassenen Dr Werner Wittgenstein zum Bürgermeister gemacht hatten, das steht nicht in dem Buch. Dass Diedrich Steilen in unserem Haus gewohnt hat, auch nicht. Glücklichweise ist dessen Geschichte der bremischen Hafenstadt Vegesack zuverlässiger als das Machwerk von Frau Arens.

Die Weserstraße beginnt bei der Bäckerei Schnatmeyer, gegenüber von dem Kolonialwarenladen von Frau Gießel. Sie zieht sich dann (mit den paar Villen der Aristokraten) über die ganze Geestkante und fällt am anderen Ende zum Bremer Vulkan hin ab. Da unten, wo man im Winter den Berg hinunter mit dem Schlitten fahren konnte, ist sie nicht mehr so fein, Verwaltungsgebäude der Werft und Arbeiterwohnungen bestimmen da das Bild. Die Gärtnerei von Dierksen an der Ecke zur Sandstraße bildet eine Art Grenze. Die Straße ist, wenn wir ehrlich sind, sowieso nicht wirklich fein. Zwar sitzen hier ein halbes Dutzend Ärzte und zwei Werftbesitzer, aber der Rest ist solider Mittelstand: Lehrer einer davon ein unbeliebter Lateinlehrer. Aber hier wohnt auch Dr Curt Allmers, ein entfernter Verwandter des Marschendichters, immer still und vornehm. Dann sind da noch Rechtsanwälte, Kapitänswitwen und Ingenieure vom Bremer Vulkan. Doch auch viele Handwerker finden sich hier, wie unser Nachbar, der Malermeister Wenzel, oder die Polsterei von Ühne Flügel. Die Tanzschule von Nico Arff und die Freiwillige Feuerwehr, die in der Straße sind, wollen wir nicht vergessen.

Es war eine stille Straße. Das erste Geräusch am Morgen sind die genagelten Stiefel von hunderten von Vulkanesen, die zur Arbeit marschierten. Sie gingen immer in der Mitte der Straße, der Bürgersteig links und rechts schien für Arbeiter tabu zu sein. Unser Milchmann Martin Bogaschinski kam immer pünktlich mit dem Pferdewagen, sein Pferd wäre wahrscheinlich auch ohne ihn pünktlich gekommen. Es kannte die Strecke. Die Weserstraße hatte nichts vom Lärm der Gerhard Rohlfs Straße, die damals noch Teil der B75 war. Sie hatte auch nichts vom Leben und Treiben der Hafenstraße unten im Ort.

Die Weserstraße ist inzwischen in der deutschen Literatur aufgetaucht, Per Leo, dessen Vorfahren Reeder und Werftbesitzer (Weserstraße 84) waren, hat sie in seinen Roman Flut und Boden hineingeschrieben. Klaus Groth, der viele Sommer in der Villa Finkenhof seiner Schwiegereltern in der Weserstraße verbrachte, hat sie allerdings nicht literaturfähig gemacht. Obgleich er im Jahr seiner Hochzeit einigen Gedichte das Datum und den Ortsnamen Vegesack hinzufügte. Ein Gedicht, das er in der Weserstraße schrieb, sei hier zitiert weil es nirgendwo im Internet steht:

Zu zweien sitzen wir an trauter Stelle, 
Die Welt ist draußen, und das Thor verschlossen, 
Wir treiben Ernst, wir treiben süße Possen, 
Die Lampe leuchtet jetzt behaglich helle. 

Rauscht dort der Strom nicht? und mit Windesschnelle
Vorüber rauscht es wie mit wilden Rossen?
Zieht nur dahin! wir sitzen unverdrossen 
Am stillen Ufer, an des Glückes Schwelle. 

Wir sind wie die, die selig hier gelandet, 
Wo nun den Hafen sanfte Wellen kräuseln, 
Wo Flut und Blut nicht wogt und schäumt und brandet. 
Wir hören Stimmen, die wie Lüfte säuseln. 

Der Strom, der weiter treibt, ist uns versandet, 
Wir sitzen still vertraulich zu karmäuseln.

Vegesack, 2. September 1859 steht unter dem Gedicht, da haben die beiden gerade geheiratet. Die Preussische Akademie der Wissenschaften wird im Jahre 1900 die Verwendung des stillosen Wortes karmäuseln in diesem Sonett kritisieren. Es ist ein Wort, das Google nicht kennt, ab heute wird das anders. Dieses karmäuseln ist nichts als die hochdeutsche Form des plattdeutschen karmüsseln (oder kalmeusern), und das heißt plaudern. Wenn auch das junge Eheglück perfekt ist, so richtig glücklich ist Klaus Groth bei seinen Besuchen in der Weserstraße (die manchmal Monate dauern) nicht. Das Verhältnis zu den reichen Schwiegereltern, die es den armen Dichter bei jedem Aufenthalt spüren lassen, was sie von plattdeutsch dichtenden Nichtsnutzen halten, ist getrübt. Die Tagebücher von Doris Groth, die 1985 unter dem Titel Wohin das Herz uns treibt veröffentlicht wurden, zeigen diese Spannungen deutlich auf. Den Finkenhof gibt es nicht mehr, das Hotel Norddeutscher Hof neben Schnatmeyer, das Doris Groth noch unter dem Namen Bellevue kannte, ist auch nicht mehr da. Die Villa von Arnold Duckwitz, die Klaus Groth und seine Frau gekannt haben, auch nicht.

Arnold Duckwitz ist neben Albrecht Roth der berühmteste Mann, der in der Weserstraße gewohnt hat. Eigentlich wohnt der Präsident der Bremer Bürgerschaft und spätere Bürgermeister in Bremen, dies ist sein Sommersitz. 1848 wurde er als einer der beiden Vertreter Bremens nach Frankfurt entsandt und vom Reichsverweser Erzherzog Johann von Österreich zum Reichshandelsminister bestellt. Und er baute, weil man ihn auch noch mit dem Marinedepartement betraut hatte, die Reichsseewehr - die erste deutsche Flotte -  der 48er Regierung auf. Die hat unter dem ersten deutschen Admiral Rudolf Brommy kein langes Leben. Vier Jahre nach dem Gründungsbeschluss von 1848 wird ihre Auflösung beschlossen, viele Einzelstaaten sind nicht mehr bereit, sie zu finanzieren. Und Preußen will längst unter dem Prinzen Adalbert eine eigene Flotte aufbauen.

Die deutsche Flotte kommt unter den Hammer, Rudolph Brommy hat die traurige Pflicht, all das, was er in kürzester Zeit aufgebaut hat, jetzt wieder abzuwickeln. Er tut das mit peinlich genauer Pflichterfüllung, kümmert sich noch um das Wohlergehen des letzten Matrosen. Aber die Flagge von seinem Flaggschif Barbarossa, die gibt er nicht zurück, die behält er. Sieben Jahre später wird sie seinen Sarg bedecken. Man hat ihn noch zum Contre-Admiral befördert, zahlt ihm eine Abfindung von 2.500 Talern und setzt ihm eine kleine Pension aus. Doch er hatte reich geheiratet und verbringt seinen Lebensabend in einer Villa an der Lesum. Da gibt es am Lesumufer heute noch einen Admiral Brommy Weg. Wäre Brommy ein Engländer gewesen, es gäbe Bücher und Romane über ihn, die Engländer lieben ihre Seehelden.

Der Dichter Hermann Allmers wird nach dem Tode von Brommy ein Gedicht für den Grabstein schreiben, das noch etwas vom Geist von 1848 enthält:

Karl Rudolf Brommy ruht in diesem Grabe
Der ersten deutschen Flotte Admiral
Gedenkt des Wackren und gedenkt der Tage,
An schöner Hoffnung reich und bittrer Täuschung.

Ein großer Teil der Gebäude der Weserstraße, vor allem die Kapitänshäuser zwischen der Breiten Straße und der Kimmstraße, steht heute unter Denkmalschutz. Dafür hat mein Freund Peter gesorgt. Von großen Kriegsschäden sind wir verschont geblieben. Lediglich, als die Engländer in den letzten Wochen den Ort von der anderen Weserseite beschossen, hat das Dach unseres Hauses etwas abbekommen. Der Bremer Vulkan ist während des Krieges im Gegensatz zur AG Weser nicht ständig bombardiert worden, nur am 18. März 1943 gab es schwere Schäden. Der Angriff der amerikanischen B-17 Bomber galt der U-Boot Produktion des Bremer Vulkan, die es nach dem Direktor Robert Kabelac niemals gegeben hat. Kabelac wohnte auch in der Weserstraße, aber niemand von meiner Familie hat ihn je gegrüßt, obgleich sich sonst beinahe alle in der Straße grüßten.

Zehn Jahre nach Kriegsende behauptete Kabelac noch frech, dass der Bremer Vulkan keine U-Boote gebaut hätte. Die vierundsiebzig in Vegesack gebauten U-Boote seien von der damals neu gegründeten 'Vegesacker Werft GmbH' gebaut worden. Die sei nach Kriegsende aufgelöst und ihre Unterlagen vernichtet worden. Dass die Vegesacker Werft GmbH und der Vulkan identisch waren, davon ist nicht die Rede. Truth is the daughter of time. Kabelac beschäftigt für die Werft und den Bau des U-Boot Bunkers in Farge zehntausende von Fremdarbeitern, die in Lagern und KZs untergebracht sind. Viele von ihnen werden durch Unterernährung und Misshandlungen sterben. Dass der Vulkan so selten bombardiert wurde, hat auch etwas mit seinem Eigentümer zu tun. Denn die Werft gehört  dem Baron Heini Thyssen, der sorgt schon bei den Alliierten dafür, dass sein Kapital nicht zerstört wird. Als die Amerikaner den Ort besetzten, geschieht dem Wehrwirtschaftsführer Robert Kabelac nichts.

Die Amerikaner haben, als ihnen die Engländer, die Vegesack erobert hatten, den Ort übergaben, die ganze Weserstraße abgesperrt. Der große Hof des Kaufmanns Redeker wurde eingezäunt und diente kurzzeitig als Gefangenenlager. Die amerikanischen Besatzer hatten auch die meistens Häuser besetzt. Und das Klavier meiner Mutter aus dem Fenster geworfen. Der Rahmen wurde mal geschweißt, aber richtig gut klang das Klavier, auf dem mein Opa mir das Klavierspielen beibrachte, nie mehr.

Ascan Klée Gobert bringt in seinem Buch Kindheit im Zwielicht die hübsche Anekdote: Niemals wäre es umgekehrt einem Pöseldorfer eingefallen, etwa auf der 'anderen Seite', rund um die Alster spazierenzugehen. Die Frau eines Überseekaufmanns vom Mittelweg, in Hongkong befragt, ob sie wohl fast täglich mit ihrer verheirateten Tochter und den Enkeln zusammenkäme, erwiderte klagend 'O nein, sie wohnt auf der Uhlenhorst, und die Alster trennt so rasend!' Ja, diese Trennung von Ortsteilen, es ist etwas, was Sigmund Freud den Narzissmus der kleinen Differenzen genannt hat.

Für Bremer war Vegesack weit weg. Marga Berck gibt in ihrem Buch Die goldene Wolke die schöne Geschichte wieder, die Alfred Heymel seinen Gästen zum Abschied erzählt. Sie handelt von einem Freund, der sich ein flottes Pferd kaufen will, keinen langweiligen Traber. Da sagt der Pferdehändler: Dann kann ich Ihnen nur diesen Braunen empfehlen, sehr empfehlen. Wenn Sie mit dem um neun Uhr früh hier abreiten, sind Sie um zehn in Vegesack. Worauf Heymels Freund antwortet: Dann will ich das Pferd nicht haben, was soll ich denn um zehn in Vegesack?

Für Vegesacker war Bremen weit weg, es wurde zwar beim Nikolauslaufen gesungen: Halli, halli, hallo, nu geiht nach Bremen to, aber im Gegensatz zu den Bremer Stadtmusikanten kamen wir nie dahin. Da mussten wir älter werden, um mit Bahn, Bus und Trolleybus die Stadt zu erreichen. Wenn man nach dem Krieg in Vegesack aufwuchs, war einem der kleine Ort genug an Welt. Und deshalb war das Aumund jenseits der Zollstraße für Vegesacker eine terra incognita. Wobei das ja nur Alt-Aumund ist, nicht das ganze Aumund. Denn das Aumund, in dem einmal die Ritter von Oumünde herrschten, reicht von Fähr, Lobbendorf und Löhnhorst bis Leuchtenburg, bis zur Borchshöhe und Schönebeck. Wenn man so will, ist Vegesack von Aumund umgeben, sozusagen eingekesselt.

Und das bringt mich wieder zu Jan Böhmermann. Er ist stolz darauf, dass er aus Aumund (Aumund-Hammerbeck, um genau zu sein) kommt: Wir haben in einer Genossenschaftswohnung gewohnt. Und es war eine Top-Kindheit. Meine Freunde waren, grob gesagt, kiffende Antifas. Uns verbindet dieses Gefühl von fröhlicher Perspektivlosigkeit, das man hat, wenn man in Bremen Nord aufgewachsen ist. Ich weiß nicht, was aus Jan Böhmermann geworden wäre, wenn er in der Weserstraße aufgewachsen wäre. Bestimmt kein Blogger, der von Zeit zu Zeit nostalgisch über seinen Heimatort schreibt.

Böhmermann hat seine Herkunft aus Aumund immer wieder in seiner Sendung oder dem Podcasts Fest & Flauschig erwähnt. Aber neuerdings wird immer weniger der Stadtteil Aumund und immer mehr der Stadtteil Vegesack erwähnt: Du kriegst den Jungen aus Vegesack raus, aber Vegesack nicht aus dem Jungen. Auf YouTube kann man mit Böhmermann als Fremdenführer mit einem digitalen Bus durch ein digitales Bremen-Nord, eine der traurigsten Regionen Deutschlands, fahren. Er vergisst bei seiner Fahrt auch nicht zu erwähnen, dass die Geiselgangster von Gladbeck einmal hier gewesen sind (wenn die Polizei damals nicht so trottelig gewesen wäre, wäre aus dem Ganzen keine Tragödie geworden). Das Computerspiel OMSI 2-AddOn Bremen-Nord, das Böhmermann zeigt, kann man für 28,99 € kaufen. Ist ganz witzig, den Kommentar von Böhmermann gibt es aber nur bei YouTube. Durch die Weserstraße fährt der digitale Bus allerdings nicht.