Mittwoch, 13. November 2019
nudes
Zuerst wollte William Etty Landschaftsmaler werden: The sky was so beautiful, and the effects of Light and Cloud. Aber dann überlegt er es sich anders: Afterwards, when I found that all the great painters of antiquity had become thus great through painting Great Actions, and the Human Form, I resolved to paint nothing else; and, finding God's most glorious work to be Woman, that all human beauty had been concentrated in her, I resolved to dedicate myself to painting,—not the Draper's or Milliner's work,—but God's more glorious work, more finely than ever had been done. Und das hat er dann auch getan, hat ad maiorem Dei gloriam beinahe nur noch nackte Frauen gemalt. Der Maler William Etty ist heute vor 170 Jahren gestorben. Wenn ich nicht schon 2012 den Post William Etty geschrieben hätte, gäbe es heute einen Post über ihn. Aber so lassen wir es mal, wie es ist.
Was Sie noch lesen könnten, wären die Posts Aktmalerei, Spätrömische Dekadenz und George Spencer Jackson.
Samstag, 9. November 2019
sattes Gelb
Das geht mit dem satten Gelb heute nicht über die vielzitierte petit pan de mure jaune in Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Sie erinnern sich bestimmt an die berühmte Stelle, wo der Schriftsteller Bergotte die Vermeer Ausstellung besucht, um Vermeers Ansicht von Delft zu sehen. Ein Kritiker hatte geschrieben, dass es eine kleine gelbe Mauerecke (an die er sich nicht erinnerte) enthalte, die so gut gemalt sei, dass sie allein für sich betrachtet einem kostbaren chinesischen Kunstwerk gleichkomme, von einer Schönheit, die sich selbst genüge. Bergotte hat (ebenso wie Proust, als der die Vermeer Ausstellung besuchte) einen Schwindelanfall, als er endlich auch die kostbare Materie des ganz kleinen gelben Mauerstücks entdeckte. Er stirbt vor dem Bild, während er sich noch verzweifelt bemüht, Haltung zu bewahren: Ich möchte dabei doch nicht, sagte er sich, für die Abendzeitungen die Sensation dieser Ausstellung sein. Aber die Schönheit des kleinen Mauerstücks vernichtet sein eigenes Kunstwollen: So hätte ich schreiben sollen, sagte er sich. Meine letzten Bücher sind zu trocken, ich hätte mehr Farbe daran wenden, meine Sprache in sich selbst so kostbar machen sollen wie diese kleine gelbe Mauerecke es ist. Wir sind immer auf der Suche nach der kleinen gelben Mauerecke in unserem Leben.
Mir passt das mit der kleinen gelben Mauerecke von Marcel Proust heute am dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls ganz gut, weil ich gerade ein Buch gelesen habe, in dem es auch um gelbe Mauern (und um die Wende) geht. Es ist Hannes Hansens Roman Jenes volle satte Gelb, der den Untertitel Ein zeitgeschichtlicher Roman aus der Wendezeit hat. Der Autor stellt dem Roman ein Motto von Faulkner voran: The past is never dead. It's not even past. Und dann noch ein zweites von François Villon: Où sont les neiges d'antan? Es geht also um die Vergangenheit, und so ist in gewisser Weise auch Jenes volle satte Gelb eine Suche nach der verlorenen Zeit. Denn die Romanfigur Georg Nicolaisen ist in seiner Heimatstadt Potsdam auf der Suche nach der Vergangenheit: Er hatte wirklich davon gesprochen, von jenem schwer satten Gelb, das ihm noch, dessen war er sicher, in der Stunde des Todes leuchten würde vor den blinden Augen als endlich eingelöstes Versprechen der Heimat. Das schwer satte Gelb wird sich als Leitmotiv durch den Roman ziehen.
Aber es ist mit der Erinnerung so eine Sache. Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, hat uns Jean Paul versichert. Das Potsdam, das der Antiquitätenhändler Georg Nicolaisen findet, ist nicht das Potsdam, das er 1960 verlassen hat. Alles ist schneller geworden: Draußen hatte sich die Zeit beschleunigt und war ein hungriger Wolf geworden, der die Ereignisse hetzte und vorwärts trieb, bis er sie in den Fängen hielt und zerfleischte. Und auch das Gelb ist nicht mehr das, was es einmal war, das muss Georg, der in Potsdam seine Jugendliebe Friederike Schönemann wiedergefunden hat, feststellen, wenn sie vor dem Schloss stehen: Im Park wartete eine neue, unangenehme Überraschung auf sie. Das lange verhüllt gewesene Schloss zeigte sich statt im gewohnten satten, ins Ocker spielenden Gelb in einem hellen, selbst an einem verhangenen Novembertag widerlich prahlenden Farbton. Das war empörend, das war kriminell. Ein Anschlag auf seine Kindheit und Jugend war es, ein hinterhältiger Diebstahl.
Aufgebracht wendet er sich an die Parkverwaltung, wird dort aber von einem hergelaufenen Rheinländer, der nichts aber auch gar nichts verstand, eines Besseren belehrt: Das was Sie als satt gelb bezeichnen, ist nichts weiter als das Ergebnis eines Alterungsprozesses. Der setzte früher, bei den damals verwendeten Farben sehr schnell ein. Heute haben wir bessere, die behalten ihren Ton erheblich länger. An dieser Stelle des Romans musste ich lächeln. In unserer Straße, in der beinahe alle Häuser unter Denkmalschutz standen, war einmal ein Nachbarhaus auf Kosten des Landesamts für Denkmalschutz neu gestrichen worden. Früher hatte der Malermeister Wenzel das Haus gestrichen, und das hielt mindestens zehn Jahre. Jetzt kam eine Farbe auf die Mauern, die nach den Originalfarben von 1840 angerührt worden war. Sie hielt bis zum nächsten Platzregen.
Jenes volle satte Gelb ist eine Geschichte von einer Suche, es ist auch eine Geschichte von der großen Liebe. Georg fängt mit Friederike noch einmal da an, wo sie vor dreißig Jahren aufgehört haben, aufhören mussten. Wegen der Mauer. Nur verdrängt hatte er, was schmerzte. Weggeschoben. Abgespalten. Wie immer die Begriffe lauteten, die Vergangenheit hätte tot sein sollen. Und nun war sie seit Monaten schon höchst lebendig. Ebenso wie Jay Gatsby in Fitzgeralds Roman The Great Gatsby glaubt Georg Nicolaisen an das Can't repeat the past? Why of course you can! Sören Kierkegard sagt in Die Wiederholung: Wiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert. Hätte der Romanheld das lesen sollen, bevor er wieder mit Friederike anbandelte? War es so gewesen? Die Erinnerung zeigte sich als Igel, der sich bei Gefahr zusammenrollte und der Welt seine Stacheln wies. Wenn sie miteinander schliefen, vermischten sich Vergangenheit und Gegenwart, und jeder Liebesakt war eine Wiederholung aller vorangegangen.
Refaire sa vie, sagt der Franzose, und das ist es, was Georg und Friederike versuchen. Aber es gibt kein richtiges Leben im falschen. Vergiss nicht, dass wir heute Abend ins Kino gehen wollen. Kuss, Friederike, liest er am Morgen. Der französische Film, den sie in dem Kino sehen, das abgerissen werden soll, ist ein Liebesfilm. Der Autor verheimlicht uns den Titel (es ist Le mari de la coiffeuse), nicht aber das tragische Ende, wenn Mathilde sich während eines Unwetters in den reißenden Fluss stürzt, weil sie Angst vor dem Ende der Liebe hat. Auch eine Lösung, sagt Georg, wenn sie aus dem Kino kommen. Friederike ist ihm deshalb böse. Doch dann fährt der Text fort: In der Nacht liebten sie sich wie schon lange nicht mehr. Ein verzweifeltes Begehren verzerrte ihre Körper und trieb sie an. Noch einmal roch Friedrike nach Schilf und Schlamm und Pilzen. Noch einmal verschwanden ihre Falten, wurde ihr Bauch glatt. Als sie sich voneinander lösten, fing Friedrike an zu weinen. Ein stilles, tonloses Weinen zunächst, das sich dann in wildes Schluchzen steigerte. Zuletzt hatte er sie vor über dreißig Jahren so schluchzen hören. In jener letzten Nacht, bevor er fortgegangen war.
Hier könnte der Roman aufhören, aber so hört er nicht auf. Er endet auch nicht tragisch wie der französische Film, den sie gerade gesehen haben. Sie leben sich auseinander, mais la vie sépare ceux qui s'aiment, tout doucement, sans faire de bruit. Das volle satte Gelb gibt es heute noch im Internet zu kaufen, es ist die Farbe Sanssouci 078, benannt nach dem Schloss Sans Souci in Potsdam ist Sanssouci ein fröhliches, etwas orange-stichiges, leuchtendes Gelb, das als Wandfarbe sehr beliebt ist. Den Roman Jenes volle satte Gelb von Hannes Hansen, der meine heutige Leseempfehlung ist, kann man natürlich auch kaufen. Im Internet oder besser bei Ihrem Buchhändler, der Roman ist gerade vor einer Woche in der Edition Grabener erschienen. Kein roman-fleuve wie Prousts À la recherche du temps perdu, nur einhundertvierzig Seiten, aber die bieten genug zum Erinnern und Nachdenken.
Donnerstag, 7. November 2019
Oh My Darling Clementine
Heute vor dreiundsiebzig Jahren kam John Fords Western My Darling Clementine in die amerikanischen Kinos. Ich dachte, ich schreibe mal drüber, musste dann aber feststellen, dass ich vor vier Jahren schon einen Post My Darling Clementine in meinem Blog hatte. Den habe ich jetzt noch einmal überarbeitet, habe all die Filme, die da erwähnt wurden, mit einem Link zu der russischen Wundertüte versehen, in der man beinahe jeden Film findet. Wenn Sie heute Abend noch nichts vorhaben, und im Fernsehen gibt es bestimmt nichts, dann schauen Sie sich doch hier ✺My Darling Clementine an.
Dienstag, 5. November 2019
Washington Allston
Diese kühle Blonde ist die Prinzessin Florimel. Auf jeden Fall stellt sich ein Fan der Chronicles Of Amber so vor. Florimel ist ein schöner Name, es stecken Blume (Flora) und Honig (mel) darin. Aber der Science Fiction Autor Roger Zelazny hat diese Prinzessin Florimel nicht erfunden, die gibt es schon ganz lange. Also ungefähr seit 1590. Dass ich Zelaznys Florimel überhaupt kannte, liegt daran, dass ich vor vielen Jahren mal einen Artikel über SF etc (genauer gesagt, einen Hassartikel) geschrieben habe, Teile davon sind in den Post Fantasy gewandert.
Ich lasse einmal die Chronicles Of Amber draußen vor und springe ins 16. Jahrhundert zu der Florimel, die in Edmund Spensers epischem Gedicht The Faerie Queene vorkommt. Da heißt es über die in goldene Kleider gehüllte Florimel: Still as she fled her eyes she backward threw As fearing evil that pursued her fast And her fair yellow locks behind her flew. Dieses zwei hundert Jahre alte schöne romantische Bild setzt Spensers Zeilen perfekt um. Das Bild ist von dem amerikanischen Maler Washington Allston, der heute vor 240 Jahren geboren wurde.
Allston war vier Jahre in Italien, man nannte ihn in Rom den amerikanischen Tizian, häufig haben seine Bilder etwas von dem großen Venezianer. Dieses Selbstportrait mit der interessanten Verteilung von Licht und Schatten hat er 1805 in Rom gemalt. Allston hatte in Harvard studiert und war danach nach London gereist, wo er zwei Jahre lang der Schüler von Benjamin West war. Viele amerikanische Maler sind im 18. und frühen 19. Jahrhundert nach England gereist, Benjamin West und John Singleton Copley waren die frühesten. Lesen Sie mehr dazu in dem Post 18th century: America.
Allston ist einer der ersten in Amerika, der den Vornamen Washington bekommt. In Rom wird er seinen Namensvetter Washington Irving, den Erfinder der amerikanischen Short Story, kennenlernen, sie werden Freunde. Auch den englischen Dichter Samuel Taylor Coleridge, der zu einem lebenslangen Freund wird, lernt Allston in Rom kennen. Er wird ihn ein Jahrzehnt später, wenn er mit seinem Schüler Samuel Morse England besucht, portraitieren. Und nicht nur das, er wird auch ein Gedicht für Coleridge schreiben, denn er ist nicht nur Maler, er ist auch noch Dichter. Die vier Jahre in Italien sind die glücklichste Zeit seines Lebens.
Washington Allstons Vater soll auf dem Sterbebett über seinen Sohn gesagt haben: He who lives to see this child grow up will see a great man. Ich weiß nicht, wie wahr diese Geschichte ist, aber der Sohn von dem Plantagenbesitzer William Allston ist ein großer Mann geworden. Ein Stadtteil von Boston heißt heute noch nach ihm. Den Tod seines Vaters umgibt eine mysteriöse Geschichte, der Captain Allston hatte gerade die Schlacht von Cowpens überlebt, war nach Hause geritten und starb dann plötzlich auf seiner Plantage, wahrscheinlich wurde er von einem Diener vergiftet.
Diese drei Landschaftsbilder von Allston in den letzten Absätzen zeigen uns, dass er im Pariser Louvre und in Rom genügend Bilder von Claude Lorrain gesehen hat, an dessen formelhafter Landschaft kaum ein Landschaftsmaler vorbeikommt. Seine Bilder werden auch die amerikanische Landschaftsmalerei beeinflussen. Allston kehrt 1818 aus Europa nach Boston zurück, aber seine große Zeit ist vorbei. Robert Southey wird in The Vision of Judgment schreiben:
Here lost in their promise
And prime, were the children of Art, who should else have deliver'd
Works and undying names to grateful posterity's keeping,
Such as Haydon will leave on earth; and he who, returning
Rich in praise to his native shores, hath left a remembrance
Long to be honour'd and loved on the banks of Thames and of Tiber:
So may America, prizing in time the worth she possesses,
Give to that hand free scope, and boast hereafter of Allston.
Zu seinem sechzigsten Geburtstag organisieren Freunde in Harding's Gallery in Boston eine Ausstellung seines Werkes. Es sind nur die Werke, die man in Amerika hat finden können: Such pictures of this great master as could be obtained on this side of the Atlantic, were collected for exhibition at Boston in the spring of 1839 and, although his largest and most celebrated works were not included, the variety, originality, artistic finish, and beauty — the mature skill and refined genius manifest in this gallery, made a deep and delightful impression upon all spectators versed in art, or endowed with a sense of the beautiful, schreibt Henry Tuckerman in seiner Geschichte der amerikanischen Maler.
Das Bild von der fliehenden Florimel war in der Ausstellung, vielleicht sein schönstes Bild. Man musste den Maler aus einem life of great seclusion reißen, das er in dem Bostoner Vorort Cambridgeport führte: Allston starved spiritually in Cambridgeport; he fed upon himself. There was nothing congenial without, and he turned all his powers inward and drained his memory dry. His works grew thinner and vaguer everyday, and in his old age he ruined his great picture. I know no more melancholy sight than he was, so rich and beautiful a nature, in whose veins the south ran warm, which was born to have grown to such a height . . . stunted on the scant soil and withered by the cold winds of that fearful Cambridgeport, hat der Bildhauer William Wetmore Story geschrieben.
Vielleicht hätte Allston in London bleiben sollen, wo ihn die Royal Academy 1819 zum Associate ernannt hatte, im selben Jahr übrigens, in dem auch John Constable ARA hinter seinen Namen schreiben konnte. Mein Lieblingsbild von Allston ist Rising of a Thunderstorm at Sea. Er hat es 1804 in Paris gemalt, wo er die Bilder mit Stürmen und Schiffbruchszenen von Joseph Vernet gesehen hatte: In Allston’s thunderstorm the tremendous presence and power of nature, the smallness of man, and the gallantry of his will to master nature expressed by the beauty of the swaying ship are felt by a mind peculiarly open to impressions of solemnity and grandeur. The whole tone is changed. Nature had never been felt in this way by Vernet or in American painting. Sagt Edgar Preston Richardson in Washington Allston: A Study Of The Romantic Artist In America und betont das Einmalige dieses Bildes.
Samstag, 2. November 2019
Basisformel ♀
Women had never come much my way, and I knew about as much of their ways as I knew about the Chinese language. All my life I had lived with men only, and rather a rough crowd at that. When I made my pile and came home I looked to see a little society, but I had first the business of the Black Stone on my hands, and then the war, so my education languished. I had never been in a motor-car with a lady before, and I felt like a fish on a dry sandbank, sagt Richard Hannay in John Buchans Roman Greenmantle. Sie haben es in dem Post Basisformel sicher bemerkt: die Welt der Richard Hannay Romane ist eine Welt ohne Frauen.
Dass es Frauen gibt, das wusste John Buchan schon, er hatte 1907 die Cousine des Herzogs von Westminster geheiratet (das ist der Mann, der später eine Affäre mit Coco Chanel haben wird). Und Buchan begann seine Karriere als Politiker als Fürsprecher für die Gleichberechtigung von Frauen. Er schrieb eine Art Kampfschrift Women's Suffrage: A Logical Outcome of the Conservative Faith, in der es heißt: To ... declare that sex is a bar to the Franchise is an impossible position for a reasonable Conservative to maintain; for, if the vote be denied to an educated and capable woman, who is a real asset to the State and takes a share in its burdens, not because she is not a citizen, but because, unfortunately, she is not a man, you are on the edge of a very dangerous doctrine.
In dem Roman Greenmantle lernt Hannay eine femme fatale kennen: I had seen the mysterious Hilda von Einem, I had spoken to her, I had held her hand. She had insulted me with the subtlest of insults and yet I was not angry. Suddenly the game I was playing became invested with a tremendous solemnity. My old antagonists, Stumm and Rasta and the whole German Empire, seemed to shrink into the background, leaving only the slim woman with her inscrutable smile and devouring eyes. 'Mad and bad,' Blenkiron had called her, 'but principally bad.' I did not think they were the proper terms, for they belonged to the narrow world of our common experience. This was something beyond and above it, as a cyclone or an earthquake is outside the decent routine of nature. Mad and bad she might be, but she was also great. Die Frau auf dem Bild ist nicht Hilda von Einem, das ist Mata Hari, die die Vorlage für die Romanfigur gewesen sein soll.
Die nächste Frau, die in Richard Hannays Leben eine Rolle spielt, finden wir in Mr Standfast: Sie heißt Mary Lamington, ist Krankenschwester, arbeitet aber in Wirklichkeit für den Geheimdienst: I turned to the girl, who welcomed me with a smile. I had thought her pretty in her V.A.D. dress, but now, in a filmy black gown and with her hair no longer hidden by a cap, she was the most ravishing thing you ever saw. And I observed something else. There was more than good looks in her young face. Her broad, low brow and her laughing eyes were amazingly intelligent. She had an uncanny power of making her eyes go suddenly grave and deep, like a glittering river narrowing into a pool.
Sie ist erst achtzehn, aber schon sehr erwachsen. Der General Richard Hannay verliebt sich sofort in sie: And oddly enough her mere presence took away the oppression I had felt in that room. For she belonged to the out-of-doors and to the old house and to the world at large. She belonged to the war, and to that happier world beyond it - a world which must be won by going through the struggle and not by shirking it... In dem Roman The Three Hostages wird sie, inzwischen mit Hannay verheiratet, eine wichtige Rolle spielen. Buchan hätte mehr aus ihr machen können, aber die Zeit für Frauen im Geheimdienst ist offensichtlich noch nicht gekommen.
Da müssen wir mal eben zu einem anderen schottischen Autor springen. Er schreibt unter dem Namen ↝Michael Innes und beschreibt sich so: I was born just outside Edinburgh and almost within the shadow of the centenary monument to the author of Waverley. Edinburgh Academy, where I went to school, had Scott as one of its founders, and Robert Louis Stevenson was a pupil there for a short time. My headmaster told me one day I might write a 'Kidnapped' or a 'Treasure Island'. I remember his tone as one of mild censure and supposed he didn't greatly care for romances. I devoured them and no doubt they coloured my mind. Im Todesjahr von John Buchan kommt Innes' Roman The Secret Vanguard auf den Markt, eine Variante von The Thirty-Nine Steps mit einer weiblichen Heldin.
In seinem Roman, der eine Abkehr von der donnish novel des Golden Age of Detctive Fiction (also den Romanen, die Innes bisher geschrieben hat) und eine Hinwendung zum Thriller darstellt, lässt Michael Innes seine junge Helden Sheila Grant in der Eisenbahn Sir Walter Scotts The Antiquary lesen. Und sie denkt sich bei der Lektüre: Nice to be Sir Walter Scott and able to open a tale of romantic adventure with that leisurely, confident, bookwormy prose. Nice that readers stood for it; nice that one could feel oneself as a reader standing for it today. It was Sir Walter's confidence that got one. Innes ironisiert hier schon seine eigene book-wormy prose, das ist ein netter in-joke. Aber seien wir ehrlich, wir wären heute ja schon dankbar, wenn Autoren leisurely, confident, bookwormy prose schreiben würden.
Ich war vor Jahrzehnten einmal Berater eines deutschen und und eines schweizer Verlags, die auf der Suche nach guten Autoren für ihr Krimiprogramm waren (was glauben Sie, weshalb Diogenes John Buchan im Programm hat?). Innes war schwer zu vermitteln, sehr schwer. Zu intellektuell, zu highbrow, waren die Reaktionen auf meinen Vorschlag. Ähnliches konnte man in englischen Rezensionen lesen. So hieß es 1940 im Times Literary Supplement: In the fashionable game of making art and literature serve the end of crooks and sleuths, Mr Innes ranks as a master. Novelists who use apt quotation as mere ornament are outmoded. The idea now is to test the reader’s culture more and more in the manner of the cross-word inquisitor. Aber immerhin gibt es bei DuMont in ihrer Kriminal-Biblothek eine deutsche Übersetzung von The Secret Vanguard.
Während Sheila Grant Sir Walter Scott liest, diskutieren zwei Herren im Abteil über Lyrik, einer beginnt A Forsaken Garden von Swinburne zu zitieren. Allerdings fügt er dem Gedicht vier Zeilen hinzu, die nicht bei Swinburne stehen. Das erzählt Sheila einem Mitreisenden, nachdem die beiden Herren auf einem Bahnhof den Zug verlassen haben. Was sie nicht weiß, ist dass der Mitreisende ein deutscher Geheimagent ist und dass die vier Zeilen eine geheime Botschaft enthielten. Sheila wird gefangen genommen, kann wieder entkommen, und nun kommt die Maschine von flight and pursuit ins Rollen. Sheila Grant muss feststellen, dass viele Personen, die sie trifft, nicht diejenigen sind, die sie zu sein vorgeben: Nobody, she said to herself, is necessarily what he appears to be; nobody. Der junge Alester Mackintosh, der sie zu seinem Onkel, dem Lord-Lieutenant, bringen will, spricht unidiomatisches Englisch. Und der Onkel ist niemand anderer als der Chef der deutschen Geheimorganisation. Sheila flieht wieder einmal:
There were shouts behind. There were always shouts behind: they had become part of her normal background. She ran down the steps and jumped into the the motor-boat. At this point, she thought, the instalment should end. Will the heroine get away? Come next week and see. She had turned this and pulled that— controls exactly like those of a car. She had remembered to cast off. All without a hitch. The heroine has escaped - only she is heading at considerable speed straight for the bank. Swing the wheel. Remember to wave. Sheila waved. All about her the water leapt and spat. A machine-gun, perhaps.
Innes setzt darauf, dass wir als Leser solche Szenen schon kennen. Und so schildert er die Flucht der jungen Frau gerade filmisch. Und hochironisch, Will the heroine get away? Come next week and see. Ralph Partridge, der Rezensent des New Statesman, schrieb 1940: But for sheer excitement and picturesque melodrama 'The Secret Vanguard' will delight everyone with a taste for such things. Mr. Innes’s talent for pastiche serves him faithfully, even gloriously, in this most hackneyed branch of fiction. Every step of 'The Thirty-Nine Steps' he treads again with the punctiliousness of a don and the fidelity of a Scotsman. And if one Scotsman, John Buchan, could set himself to compose the super-thriller of the last war by mixing the right ingredients in the proper quantities, so can Michael Innes for this war. Only it is perhaps a pity to use exactly the same ingredients.
Aber, aber, Mr Patridge, natürlich sind es the same ingredients, es ist immer dieselbe Geschichte, the romance where the incidents defy the probabilities. Es kommt nur darauf an, wer sie erzählt und wie sie erzählt wird. Innes erzählt sie nur anders als Buchan. Es ist schade, dass aus der charmanten und gebildeten Sheila Grant keine Serienheldin geworden ist. Es ist noch nicht die Zeit für Frauen im Geheimdienst, wenn wir mal Ethel Lina Whites Roman The Wheel Spins aus dem Jahr 1936 ausnehmen, den Alfred Hitchcock als ✺The Lady Vanishes verfilmt. Hollywood verlangt Frauen, nicht der englische Roman von flight and pursuit. Und auf der Leinwand werden wir sie bekommen, ob sie nun ✺Modesty Blaise, Cathy Gale, ✺Emma Peel, ✺Kate Abbot oder ✺Evelyn Salt heißen. Oder einfach nur Bond Girls sind.
Mittwoch, 30. Oktober 2019
Basisformel
Da erfährt jemand ein ganz schreckliches Geheimnis, die ganze Welt ist bedroht. Aber aus irgendeinem Grund kann die Frau, die jetzt die Pläne kennt, nicht einfach zur Polizeiwache um die Ecke gehen. Und die Bösen dieser Welt, heißen sie nun Dr No, Dr Fu Manchu oder Ernest Stavro Blofeld oder wie immer, haben längst einen Profikiller unter Vertrag. Und was nun folgt, ist eine gnadenlose Jagd. Also am letzten Sonnabend zum Beispiel wurde bei ZDFneo Kate Abbott (Milla Jovovich) als Agentin der Homeland Security durch London gehetzt (der Film hieß auch Jagd durch London, im Original ✺Survivor), verfolgt von Pierce Brosnan. Diesmal kein englischer Geheimagent mit einer dreistelligen Nummer, sondern ein böser Profikiller.
Der sprengt ein Restaurant in die Luft, das die Heldin glücklicherweise gerade verlassen hat, der Rest von London bleibt heil. In dem Film ✺London has Fallen, in dem ein heldenhafter Agent den amerikanischen Präsidenten rettet, bleibt nichts von London heil. Natürlich sind wieder böse Verschwörer am Werk. Der Film ist der Höhepunkt des Schwachsinns, den diese Sorte Film erreichen kann. Ignatiy Vishnevetsky schrieb im The A.V. Club: A murky, brain-dead stab-a-thon packed with so many inane chases, laughable special effects, and mismatched stock footage shots that it begs to be made into a drinking game, 'London Has Fallen' is one of those rare films that is good at absolutely nothing. Der A.V. Club ernannte den Film später zum schlechtesten Film des Jahres.
Wir haben Ähnliches schon gesehen, immer wieder, mindestens einmal die Woche im Fernsehen. Die Welt wird immer wieder von einem Helden (oder einer Heldin) gerettet, die numinösen Mächte werden vernichtet. Es ist eine Formel, die auch für alle James Bond Verfilmungen gilt. Northrop Frye hat in seinem Buch Anatomy of Criticism vier Grundmythen der Literatur isoliert, von denen eine die romance ist: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form, hence we know it better from fiction than from drama. At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness. Auf dieser Ebene haben das altenglische Beowulf Lied, Asterix und James Bond die gleiche Struktur.
Arthur Asa Berger führt in seinem Buch Popular Culture Genres: Theories and Texts solche Erzählungen auf die Märchentheorie von Wladimir Jakowlewitsch Propp zurück: There are heroes and heroines, there are villains and villainesses, there is conflict, there are helpers, there are magic agents or powers that the heroes have and that villains have, and so on. Heroes, whether they are knights, cowboys, soldiers, robots, androids, or cyborgs do certain kinds of things (such as rescue damsels in distress and thwart the heinous plans of evil and ruthless villains) and have done these things since we started telling stories. Einen Ritter, der gerade eine damsel in distress rettet, können wir hier sehen. Raymond Chandler hat das Bild in seinen Roman The Big Sleep hineingeschrieben.
Wir lassen die großen Theorien mal eben draußen vor und suchen in der Literatur nach der Formel, in der Flucht und Verfolgung die wichtigste Rolle spielen. Wir finden das als ein wiederkehrendes Motiv in der englischen Gothic Novel, in der immer wieder unschuldige Schönheiten von einem Bösewicht durch Keller und Verliese von Schlössern gejagt werden. Und auch der Bösewicht, der Gothic Villain, ist nicht uninteressant, weil viele der Bösewichte des Thrillers im 20. Jahrhundert Züge des Gothic Villain haben. Zu denen auch die körperliche Deformation gehört, die zum Beispiel einen Dr No auszeichnet.
Mit Sir Walter Scotts Roman Waverley beginnt ein Typ des Romans, den wir die novel of flight and pursuit nennen können. Der Schotte Robert Louis Stevenson wird diese Formel in Romanen wie Kidnapped und Catriona wieder aufnehmen. Dieses Bild gehört natürlich nicht in Scotts Waverley, es ist von F.O.C. Darley, der James Fenimore Coopers Werke illustriert hat. Denn was ist The Last of the Mohicans anderes als eine Variation von Waverley? Eine novel of flight and pursuit mit Indianern anstelle der Schotten.
Dieser Schotte hier hat etwas in der Literatur von flight and pursuit angerichtet. Es ist John Buchan, hier im vollen Staatsornat als Generalgouverneur von Kanada. Er ist gerade Lord Tweedsmuir geworden, das war der Wunsch des englischen Königs gewesen, für den es undenkbar war, dass ein Bürgerlicher eine solche Position besetzt. Zwanzig Jahre zuvor hatte Buchan einen Roman geschrieben, der der Klassiker des Spionageromans des 20. Jahrhunderts geworden ist, und in dem wir alle Ingredienzien finden, die uns in dem Film Jagd durch London und vielen anderen Produktionen wieder begegnen.
Als Buchan 1915 seinen Roman The Thirty-Nine Steps schrieb, ahnte er noch nicht, dass er zwei Jahre später Chef des englischen Geheimdienstes sein würde. Vieles aus dem Roman findet sich auch in dem Thriller The Power-House (1916): You think that a wall as solid as the earth separates civilisation from barbarism. I tell you the division is a thread, a sheet of glass, A touch here, a push there, and you bring back the reign of Saturn. Es ist ein Satz, der auch in The Thirty-Nine Steps stehen könnte. The Thirty-Nine Steps enthält eine Widmung an Buchans Freund Thomas Arthur Nelson, den er beim Studium in Oxford kennengelernt hatte, und der als Chef des Thomas Nelson Verlags auch der Verleger von Buchans ist. Buchan wird bis zum Jahre 1929 für den Thomas Nelson Verlag arbeiten.
Die Widmung von The Thirty-Nine Steps hat es in sich: My Dear Tommy, You and I have long cherished an affection for that elemental type of tale which Americans call the 'dime novel' and which we know as the 'shocker'--the romance where the incidents defy the probabilities, and march just inside the borders of the possible. During an illness last winter I exhausted my store of those aids to cheerfulness, and was driven to write one for myself. This little volume is the result, and I should like to put your name on it in memory of our long friendship, in the days when the wildest fictions are so much less improbable than the facts.
Buchans Held Richard Hannay (hier Kenneth More in einer schlechten ✺Filmversion des Romans) ist Schotte wie Buchan, er ist nicht mehr jung, er hat sein Geld in Südafrika gemacht. Jetzt ist er in London und langweilt sich: Here was I, thirty-seven years old, sound in wind and limb,with enough money to have a good time, yawning my head off all day. I had just about settled to clear out and get back to the veld, for I was the best bored man in the United Kingdom. Hannay lernt seinen Nachbarn kennen, einen Amerikaner namens Franklin P. Scudder, der ihm eine wilde Geschichte von einer riesigen Verschwörung erzählt. Hannay hat zuerst seine Zweifel, aber als er Tage später Scudder ermordet in seiner Wohnung findet, weiß er, dass die Geschichte wahr sein muss. Er kann sich nicht an die Polizei wenden, die hält ihn für den Mörder des Amerikaners. Er muss fliehen, verfolgt von den Bösewichten und der Polizei: in all thrillers the hero, whose task it is to protect civilization, must first lose the protection of society. The hunter becomes the hunted, sagt Ralph Harper in The World of the Thriller.
The thrillers are like life...The world has been remade by William Le Queux, lässt Graham Greene eine Romanfigur in seinem Roman The Ministry of Fear sagen, und benennt mit William Le Queux einen Vorläufer von Buchan, ein anderer wäre 'Sapper' mit seinem Helden Bulldog Drummond. Dass der Spionageroman eine Art factifiction ist, also etwas mit der Wirklichkeit der Spionage, dem ältesten (oder dem zweitältesten) Gewerbe der Welt, zu tun hat, macht ihn für viele Leser so reizvoll. Wer Verschwörungstheorien liebt, ist in diesem Genre bestens aufgehoben.
Das ist natürlich nicht Richard Hannay, das ist natürlich Cary Grant in North by Northwest, aber in Buchans Roman findet sich auch eine Szene, wo Hannay in den schottischen Highlands von einem Flugzeug gejagt wird. Alfred Hitchcock hatte alle Romane von John Buchan in seiner Bibliothek, und er hat François Truffaut in dem berühmten Interview gesagt: Buchan was a strong influence a long time before I undertook The Thirty-nine Steps, and some of it is reflected in The Man Who Knew Too Much...
Hitchcock hat ✺The Thirty-Nine Steps verfilmt (hier Robert Donat als Richard Hannay), im selben Jahr, als Buchan Generalgouverneur von Kanada wird. Und es ist nicht nur ✺The Man Who Knew Too Much, in dem man einen Einfluss von John Buchan spürt, es sind auch Filme wie ✺North by Northwest und ✺Saboteur. What I find appealing in Buchan's work is his understatement of highly dramatic ideas, hat Hitchcock gesagt und nimmt sich aus Buchans Roman das Motiv von flight and pursuit, all die episodenhaften Abenteuer, die der Held, der sich vom edwardianischen Gentleman zum Tramp wandelt, bestehen muss.
Was Hitchcock nicht interessiert (hier Richard Powell in seiner sehr stimmigen Verfilmung von ✺The Thirty-Nine Steps), ist die Welt von John Buchan, die Welt der gentlemen und die Ideologie des englischen Empire. Buchan kommt aus der upper middle class und hat in Oxford Klassische Philologie studiert und heiratet in die englische Aristokratie hinein; Hitchcocks Vater war Gemüsehändler, und Hitchcock kann keinen Universitätsabschluss vorweisen. Buchan wird im Rang eines Colonel Direktor des Geheimdienstes und später Generalgouverneur von Kanada, Hitchcock wird Filmregisseur und jagt im Alter Blondinen hinterher. Verschiedener als Buchan und Hitchcock kann man nicht sein, und doch spukt Buchan immer wieder durch Hitchcocks Werk, weil den die romance where the incidents defy the probabilities nicht loslässt.
Richard Hannay rettet England natürlich im letzten Augenblick, damals bedeutet England noch etwas mehr als heute. Den Engländern gehört nicht mehr die ganze Welt, aber das Rule Britannia wird für einen großen Teil der Welt gelten. Für John Buchan wäre es unvorstellbar gewesen zu glauben, dass eine Flitzpiepe wie Boris Johnson englischer Premierminister wird.
Buchan wird noch vier weitere Richard Hannay Romane schreiben (und heute schreibt ein Mann namens Robert J. Harris noch Richard Hannay Romane), er ist ein Serienheld wie James Bond. Am Ende von The Thirty-Nine Steps geht Hannay als Captain zur Armee, in Mr Standfast ist er schon General. Wir finden in dem Roman Sätze, die wie ein Glaubensbekenntnis Buchans klingen: In that moment I had a kind of revelation. I had a vision of what I had been fighting for, what we were all fighting for. It was peace, deep and holy and ancient, peace older than the oldest wars, peace which would endure when all our swords were hammered into ploughshares. It was more; for in that hour England first took hold of me... I understood what a precious thing this little England was, how old and kindly and comforting, how wholly worth striving for. The freedom of an acre of her soil was cheaply bought by the blood of the best of us.
Es klingt ein wenig nach Shakespeares This precious stone set in the silver sea, aber man nimmt Buchan das ab, er hat so einen Hang zum Mystischen. Die englischen Soldaten, die schon während des Krieges an der Front The Thirty-Nine Steps lasen (It is just the kind of fiction for here, schrieb ein Offizier aus Frankreich an Buchan), werden solche Worte gerne vernommen haben. Man hat sich immer wieder schwergetan, John Buchan einzuordnen. Der schottische Schriftsteller und Jazzkritiker Brian Morton (Mitherausgeber des Penguin Guide to Jazz on CD) hat über ihn gesagt: Taken together, the Hannay novels say much about Scotland and Scottishness, our place in it and beyond it, who we are, what we dream of, and what we ultimately aspire to.
Verschwörungen, flight and pursuit, ein Abenteuer nach dem anderen, es bleibt immer dieselbe Geschichte, the romance where the incidents defy the probabilities. Es kommt nur darauf an, wer sie erzählt und wie sie erzählt wird. Und das kann John Buchan wie kaum ein anderer. The Thirty-Nine Steps war in über hundert Jahren niemals out of print. Weil wir es immer wieder lesen wollen: And that helps to define a point for us about Buchan's own work: he was an admirable stylist. ... but it is obvious that to his gifts we must add—what again is something not very common—the sheer faculty of telling a story. John Buchan was a Tusitala in his own right. He loved the story for its own sake—an accent perhaps insufficiently regarded at the moment, which is yet a lasting thing and will see out the more temporary moods of literary fashion. He certainly understood suspense, the art of excitement, the thrilling quality of his master, Stevenson, in such stories as 'The Thirty-Nine Steps'.
Samstag, 26. Oktober 2019
danske piber
Diese Stanwell Pfeife habe ich gerade bei ebay ersteigert, es ist beinahe genau dasselbe Modell, das dreißig Jahre lang meine Lieblingspfeife war und jetzt leider zerbrochen ist. Holmbruch, knække hals, wie der Däne sagt. Die Pfeife war leicht und zierlich, genau das Richtige für den frühen Morgen, wenn ich zu Tippen anfange.
Die zierliche kleine Stanwell wäre auch etwas für Damen gewesen, vor einem halben Jahrhundert, als die dänischen Pfeifenfirmen England Konkurrenz machten, konnte man überall in Dänemark pfeiferauchende Damen sehen. Zur Zeit von Sören Kierkegaard gibt es noch keine dänischen Pfeifenfabriken, dänische Zigarren schon. Als der Dandy Kierkegaard beginnt, Zigarren zu rauchen, ist das gerade in der dänischen Oberschicht chic geworden.
Tabak kam (wie Rohrzucker für die Herstellung von Rum) schon lange aus Dänisch-Westindien (hier Christiansted, die Hauptstadt von Saint Croix und Dänisch-Westindien). Im Geburtsjahr von Kierkegaard erlaubte der dänische König Frederik VI, dass auch in Dänemark Zigarren hergestellt werden durften. Handgefertigt natürlich. Man hatte in Dänemark schon seit dem 18. Jahrhundert in geringen Mengen Tabak angebaut.
Flensburg (damals noch dänisch) wurde, als 1778 das Monopol für die Kopenhagener Generaltabaks Handel-Direction fiel, zur Tabakstadt. Im Jahre 1809 verarbeiten die acht Flensburger Tabakfabriken 197.000 Pfund ausländischer Rohtabake. 1846 werden 344.000 Pfund Tabak und 6,3 Millionen Zigarren hergestellt. An dieser Zahl kann man ablesen, wie schnell das Zigarrenrauchen beliebt wurde.
Nach dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 verlor Flensburg als Tabakstadt jede Bedeutung. Für das Jahr 1888 schätzte ein Autor, dass in Dänemark immerhin noch 125.000 Kilo Tabak aus eigenem Anbau auf den Markt kamen. Im Zweiten Weltkrieg war man für die Eigenproduktion dankbar. Auf Fünen gibt es noch eine alte Tabaksscheune (Bild), die heute ein Museum ist. Und ein bisschen Tabak baut man daneben auch noch an.
1958 kaufte, statistisch gesehen, jeder Däne 209 Zigarren oder Zigarillos im Jahr, rauchte 1.035 Zigaretten dänischer Herstellung und verbrauchte 0,55 kg Tabak. In einer Internetquelle habe ich gelesen, dass damals eine Million dänischer Pfeifen hergestellt wurden. Da bin ich mir nicht so ganz sicher, bei den anderen Zahlen schon, die stammen aus einem 900-seitigen Dänemark Buch, das das dänische Außenministerium herausgegeben hat. Das Bild hier zeigt den Showroom von Den Permanente, einem unglaublichen Laden, der gleichzeitig eine Art Museum für das dänische Design war. Als ich Anfang der sechziger Jahre eine Woche in Kopenhagen war, war ich mehrmals in diesem Paradies des modernen Designs. Habe sogar etwas gekauft, das heute immer noch auf der Fensterbank in meinem Wohnzimmer steht.
Denn Design, von der Architektur (wie Arne Jacobsens Fabrik für Carl Christensen) bis zum Gebrauchsdesign, kommt jetzt aus Dänemark (und vielleicht noch ein wenig aus Schweden), wir kennen das von den dänischen Möbeln, die heute manchmal noch bei Bares für Rares erstaunliche Preise erzielen. Weltweit natürlich mehr als bei Horst Lichter, ein Chieftain Armchair von Finn Juhl kann mal schon fünfstellige Preise erreichen. Während bei uns in den fünfziger Jahren noch ein Möbelstil zu finden ist, den man manchmal liebevoll als Gelsenkirchener Barock bezeichnet, ist das dänische Design einfach cool. Damit Sie sich in die Zeit zurückversetzen können klicken Sie doch hier mal eben das Dave Brubeck Quartet mit Wonderful Copenhagen an.
Man erkennt es auf den ersten Blick, auch wenn nicht wie hier Christine Keeler auf einem Stuhl von Arne Jacobsen sitzt. Die Pfeifen, die jetzt in Dänemark entstehen, sind ein Teil des skandinavischen Designwillens. Ende der fünfziger Jahre tauchen zum ersten Mal Bruyerepfeifen bei einer Ausstellung der Dänischen Gesellschaft für Kunsthandwerk auf. Die meisten der prämierten Modelle stammten von Gert Holbek, der zuvor für Poul Rasmussen und das Kopenhagener Pfeifengeschäft Pipe-Dan gearbeitet hatte.
Damals gab es das Geschäft von Wilhelm Øckenholt Larsen in der Strøget von Kopenhagen noch, ein Mekka der dänischen Pfeinraucher, aber die Firma W.Ø. Larsen gibt es heute nicht mehr. Wurde an Stanwell verkauft. Und die sind nicht mehr in der Stanwell Fabrik in Borup (wo es noch ein Stanwell Museum gibt), Stanwell Pfeifen kommen heute aus Italien. Auch die Pfeifen von Bari (Viggo Nielsen) sind jetzt Made in Italy. Das zweite große Pfeifengeschäft Kopenhagens Pipe-Dan musste schon Jahre vor W.Ø. Larsen schließen.
Aufgeben musste auch die von Karl Robert Kris gegründete Firma Kriswill, die ursprünglich einmal Kriswell hieß, was der Firma Stanwell wegen der Namensähnlichkeit nicht so gut gefiel. Kriswill Pfeifen zeigten häufig noch mehr Design als die Pfeifen von Stanwell. Wie diese hier, die ich besitze. Neben Handmade und Denmark findet sich auf ihr der Name Bernadotte. Damit ist nun nicht Napoleons Marschall gemeint, sondern der Industriedesigner Sigvard Bernadotte, ein Sohn des schwedischen Königs Gustav VI. Adolf, der für die Firma Kriswill als Designer arbeitete. Auch nach der Pleite von Kriswill gibt es heute wieder Kriswill Pfeifen, die deutsche Firma Dan Pipe Dr Behrens KG hat den berühmten dänischen Pfeifenmacher Poul Winsløw gewinnen können, dass er für sie eine Kollektion von Pfeifen entwirft.
Wenn Hägar der Schreckliche Pfeife geraucht hätte, dann hätte seine Pfeife wahrscheinlich so ausgesehen. Diese Freehand Pfeifen tauchen Anfang der siebziger Jahre auf dem Markt auf und verkaufen sich wie geschnitten Brot. Vor allem nach Amerika. In einem Katalog von Dunhill aus dem Jahre 1972 (den ich sorgfältig aufbewahrt hatte) finden sich drei Freehand Pfeifen. Die wesentlich teurer sind als die teuersten Straight Grain Pfeifen von Dunhill.
Dunhill wird sogar eine eigene Firma namens Harcourt gründen, wo der junge Preben Holm seine Träume von Pfeifen verwirklichen kann. Zwei Pfeifen von Preben Holm sind auch auf dem Cover des kleinen Buches von Paul C. Olrik (Mitte unterste Reihe). In einer sehr schönen Bibliographie (leider nur auf Dänisch) wird er als der grand old man der Literatur von Tabak und Pfeifen bezeichnet, das war er sicherlich. Das kleine Buch Piberygerens ABC, das mir mal ein netter dänischer Händler geschenkt hat, ist sehr nützlich für alle, die mit dem Pfeiferauchen beginnen wollen.
Diese Freehand Pfeife trägt den Markennamen von Ben Wade und den Zusatz Hand Made in Danmark. Ich besitze ein halbes Dutzend Ben Wade Pfeifen, auf denen aber aber immer Made in London England lesen kann. Jetzt ist die Firma pleite, und der Markenname ist nach Dänemark verkauft worden, es ist viel Bewegung auf dem Pfeifenmarkt. Ich finde diese Freehand Pfeifen, die es heute noch zu teuren Preisen gibt, ganz furchtbar, ich war nie in Versuchung so etwas zu kaufen.
Die bizarren Formen der Pfeifen standen im völligen Gegensatz zu dem minimalistischen modernen dänischen Design der fünfziger und sechziger Jahre, das zugleich mit vielen Pfeifenfabriken sein Ende findet. Von da an gibt es im Industriedesign nur noch Kopien (auch der Stuhl, auf dem Christine Keeler sitzt, ist eine Kopie) und Kommerz. Die Pipedia, eine Art Wikipedia für Pfeifenraucher listet 167 dänische Markennamen und Pfeifenmacher auf, viele davon sind inzwischen Geschichte. Wie W.Ø. Larsen, von denen diese Pfeife (eine meiner beiden Larsen Pfeifen) stammt. Keine klassische Pfeifenform, aber doch schön, und vielleicht ein Höhepunkt des dänischen Designs.
Das Rauchen ist eine rituelle Angelegenheit, die man am besten in der Gesellschaft von Freunden und Bekanten ausführt, damit es so richtig hyggelig wird. Es gab das Tabakscollegium vom König Friedrich, es gibt noch das Bremer Tabak Collegium. Und auch zur Bremer Schaffermahlzeit werden noch Tonpfeifen gereicht. Bevor man entdeckte, dass der Tabak am besten aus Bruyerepfeifen schmeckt (um 1880 wurden in Saint-Claude die ersten Pfeifen aus der Erica Arborea hergestellt), wurden Pfeifen aus allen möglichen Materialien hergestellt. Wir wissen nicht, wie den dänischen Künstlern, die Constantin Hansen 1837 in Rom gemalt hat, ihre türkischen Chibouk Pfeifen geschmeckt haben. Wenn sie Glück hatten, waren die Köpfe aus Meerschaum, einem Material, das heute noch für Pfeifen Verwendung findet. Aber es ist kein Zufall, dass die Herren (wie auch die Fischer in Skagen auf dem Bild von Michael Ancher im fünften Absatz) Pfeife rauchen. Es verbindet sie.
Lange Zeit waren Pfeifen mit Köpfen aus Porzellan oder Keramik die einzigen Pfeifen auf dem Markt, schon im 18. Jahrhundert hatte man in Meißen und bei Josiah Wedgewood solche Pfeifen im Programm. Die Köpfe, die häufig reich verziert waren, wurden sehr heiß, weshalb diese Pfeifen einen sehr langen Stiel haben. Deutschland war ein großer Markt für diese Pfeifen, sogenannte Reservistenpfeifen tauchen immer wieder auf Auktionen auf. Es gibt die Porzellanpfeifen allerdings wie hier auch in moderner Form. Denn die Kongelige Porcelænsfabrik, besser bekannt als Royal Copenhagen, hatte dem dänischen König zum siebzigsten Geburtstag zwei solcher Pfeifen geschenkt. Die Produktion wurde noch für fünfzehn Jahre beibehalten, man findet die Produkte noch in Antikläden und im Internet.
Der dänische König (der schon in dem Post Des Königs Jaguar auftaucht) raucht Pfeife, der Mann neben ihm, der 1964 Kopenhagen besuchte, nicht. Zum Pfeifenrauch haben Frederik seine Ärzte geraten, um den Kettenraucher von den Ziggis wegzubringen. Ziggis raucht seine Tochter Margrethe immer noch, sie kann das nicht lassen. Frederik hatte sogar eine eigene Tabakmischung, die immer noch von Poul Olsen hergestellt wird. Die Pfeifensammlung des Königs kann heute noch im Schloss Amalienborg besichtigt werden. Seit Frederik VI das Zigarrenrauchen für die Aristokratie gesellschaftsfähig gemacht hatte, ist der Tabak mit dem dänischen Königshaus verbunden.
Poul Nielsen hatte während des Zweiten Weltkriegs seine Firma Stanwell gegründet, weil man von dem englischen Markt abgeschnitten war. In Ermangelung von Bruyereholz wurden die Pfeifen zuerst aus Buchenholz gefertigt. Nach 1948 hatte man wieder genügend Bruyereholz, und Stanwell stieg mit seinen Pfeifen, die durch ihr Design und ihren Preis bestachen, zu einem ernstzunehmenden Konkurenten der Engländer auf. Über die redet heute kaum noch jemand, und nach dem Brexit werden sie vielleicht ihre letzte Bedeutung verlieren.
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