Montag, 15. März 2021

der Anfang vom Ende

Heute vor zweihundertvierzig Jahren hat der englische General Lord Cornwallis bei Guilford Courthouse eine Schlacht gegen die Amerikaner gewonnen, es war die letzte Schlacht, die er in Amerika gewann. Wenige Monate später musste er sich George Washington in Yorktown ergeben. In Roland Emmerichs Film ✺The Patriot kommt die Schlacht auch vor, aber das lassen wir mal weg, das hat nichts, aber auch gar nichts, mit historischer Wirklichkeit zu tun. Und Roland Emmerich Filme kommen in diesem Blog sowieso nicht vor. Dies ist kein Bild aus dem Film von Emmerich, es ist ein Photo von einem Re-Enactment der Schlacht. Denn die Schlacht wird als Spektakel für Touristen jedes Jahr wieder geschlagen (ich habe hier einen interessanten ✺Film dazu). In diesem Jahr fiel das allerdings wegen Covid-19 aus.

Historiker haben die Schlacht als einen Pyrrhussieg für Charles Cornwallis bezeichnet, er behauptete zwar das Feld, weil sich der amerikanische General Nathanael Greene mit seinen Truppen geordnet zurückzog, aber gewonnen hatte Cornwallis nichts. There are few Generals that have run oftener, or more lustily than I have done... But I have taken care not to run too far and commonly have run as fast forward as backward, to convince our enemy that we were like a crab, that could run either way, wird Nathanael Greene sagen. Seine Maxime ist: we fight, get beat, rise, and fight again. Ein Sieger würde nach einer Schlacht den Besiegten verfolgen, aber Corwallis bleibt zwei Tage und zwei Nächte mit all den Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld. Sein Stellvertreter O'Hara wird schreiben: I never did, and hope, I never shall experience two such days and Nights, as these immediately after the Battle, we remained on the very ground on which it had been fought cover'd with Dead, with Dying and with Hundreds of Wounded, Rebels as well as our own. Cornwallis kann Greene nicht verfolgen, er hat einen großen Teil seiner Truppen verloren. Seine Leute können nicht mehr. Und sie haben keinerlei Vorräte mehr. Wenn Cornwallis das Schlachtfeld verlässt, wird er fünfundsiebzig Verwundete dort liegen lassen, in der Hoffnung, dass die Rebellen sich um sie kümmern. Ein Sieg sieht anders aus.

Der entscheidende Augenblick in der Schlacht, die nur neunzig Minuten dauerte, war der Angriff der englischen Garde von General Charles O'Hara, der sich schnell gegen die zahlenmäßig überlegenen Amerikaner festläuft. Und in dem Augenblick befiehlt Cornwallis seiner Artillerie, auf die eigenen Leute zu feuern. Sein Freund O'Hara soll mit Tränen in den Augen versucht haben, ihn davon abzubringen. Man nennt eine solche Aktion neuerdings euphemistisch friendly fire, aber nichts daran ist friendly. Die Engländer verlieren ein Viertel ihrer Truppen, die Amerikaner sind in den Wäldern verschwunden. General O'Hara wird vom Pferd geschossen und kämpft trotz zweier Schusswunden weiter. Sein Neffe, ein 21-jähriger Artillerieleutnant, wird in der Schlacht sterben. Nach Plutarch hat Pyrrhus angeblich gesagt: Sind wir noch einmal siegreich gegen die Römer, sind wir verloren! Und das zitiert der Führer der englischenWhig Partei Charles James Fox, wenn er sagt: Another such victory would ruin the British Army! Und Horace Walpole, nie um ein böses Wort verlegen, wird sagen: Lord Cornwallis has conquered his troops out of shoes, and himself out of troops.

Im Jahr 1781 entscheidet sich der Unabhängigkeitskrieg. Das beginnt im Januar mit der Schlacht von Cowpens, die die Amerikaner dank des taktischen Geschicks von General Daniel Morgan gegen die überlegenen Engländer gewinnen. Dann kommt im März dieses Unentschieden von Guilford Courthouse und im September die alles entscheidende Seeschlacht von Chesapeake BayUnd dann geht es auch schon schnell zuende, Lord Cornwallis kapituliert in Yorktown. Eine englische Militärkapelle wird The World Turned Upside Down spielen:

If buttercups buzz'd after the bee,
If boats were on land, churches on sea,
If ponies rode men and if grass ate the cows,
And cats should be chased into holes by the mouse,
If the mamas sold their babies
To the gypsies for half a crown;
If summer were spring and the other way round,
Then all the world would be upside down
.

Sie hätten ja am liebsten eine ironische Version vom Yankee Doodle gespielt, aber das hatte man ihnen untersagt, jetzt ist es passiert: die Welt ist upside down.

Lord Cornwallis mag seinem Feind Washington nicht gegenübertreten, um ihm seinen Degen zu übergeben. Er schützt eine Krankheit vor (vielleicht hatte er auch wirklich Malaria), sein Stellvertreter Charles O'Hara, auf dessen Truppen er im März feuern ließ, soll den Degen als Zeichen der Unterwerfung übergeben. O'Hara will ihn dem französischen General Rochambeau überreichen, doch der weist mit einer Handbewegung auf George Washington. Der wird zu dem Iren O'Hara sagen: Never from such a good hand, statt seiner nimmt Benjamin Lincoln den Degen in Empfang. Und gibt O'Hara den Degen gleich wieder zurück, man hat noch Manieren. O'Hara ist nun ein Gefangener, wird aber wie ein Gentleman behandelt und von Washington zum Abendessen eingeladen. Er wird nach drei Monaten ausgetauscht und geht zurück nach England.

Er muss sich zwölf Jahre danach wieder ergeben, diesmal nicht den Amerikanern, sondern den Franzosen. Er ist der einzige englische General, der ein Gefangener von Washington und von Napoleon wurde. Die Franzosen geben ihn nicht nach drei Monaten wieder her, die behalten ihn für Jahre. Das Weihnachtsfest 1793 verbringt er im Gefängnis in Paris, aber dieses The World Turned Upside Down, das brauchte er sich nicht mehr anzuhören. Obgleich die Welt draußen aus den Fugen ist. Da ist er während der Schreckensherrschaft im Palais du Luxembourg besser aufgehoben. Und wo sollte er hin, nach England traut er sich nicht zurück. Er hat hohe Spielschulden. Einem Mitgefangenen hat er damals gesagt: In England we can say King George is mad; you dare not say here that Robespierre is a tiger. 1795 tauscht man ihn aus. Gegen - und das ist eine Ironie der Geschichte - den Sohn jenes Comte de Rochambeau, der einst seinen Untergang bei Yorktown besiegelte.

Den General Cornwallis geben die Amerikaner auch wieder her. Einer der Offiziere, die den Waffenstillstand aushandeln, ist Washingtons Adjutant, Colonel John Laurens (hier in der Mitte der drei Herren in einem Ausschnitt aus einem Bild von John Trumbull). Er ist der Sohn des im Londoner Tower gefangenen amerikanischen Kongressabgeordneten Henry Laurens, den die Engländer anderthalb Jahre inhaftiert hatten. Benjamin Franklin hatte vergeblich versucht, ihn gegen General Burgoyne auszutauschen, aber jetzt geht alles ganz schnell, es bleibt sozusagen in der Familie. 

Der ehemalige Präsident des Continental Congress Henry Laurens kommt frei, und die Engländer kriegen Lord Cornwallis zurück. Der übrigens, und das ist eine weitere Ironie der Geschichte, der Constable of the Tower ist. Der amerikanische Senat hat das Bild von Laurens im Tower, das Lemuel Francis Abbott gemalt hatte, 1886 gekauft, es hängt heute im Capitol. Ein Jahrzehnt nach seinem unfreiwilligen Englandaufenthalt ist Henry Laurens wieder in Europa, er gehört der Kommission an, die den Pariser Frieden aushandelt, der den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beendet. Er steht auf dem Bild von Benjamin West hinter Benjamin Franklin. Die rechte Bildhälfte ist leer. Da sollten die englischen Diplomaten hin, aber die haben sich geweigert, für Benjamin West Modell zu sitzen. Die Engländer sind schlechte Verlierer bis zum Schluss.


Es gibt schon zu den Schlachten aus den Jahren 1780-1781 hier eine Reihe von Posts. In der Chronologie der Ereignisse sind das die Posts: miles gloriosus, Cowpens, Nathanael Greene, Banastre Tarleton und Chesapeake Bay.


Samstag, 13. März 2021

Tabakrauch und Pulverdampf

In dem Film Gettysburg hat der General John Buford (gespielt von Sam Elliott) eine Pfeife im Mund, eine eindrucksvolle Pfeife. Als ich den Film sah, stellte sich mir die Frage: gab es solche Pfeifen im Jahr 1863 wirklich? Irgendwie sieht die Pfeife eher aus wie eine dänische Freehand Pfeife aus den sechziger oder siebziger Jahren. Es ist eine Pfeife mit einem Steckmundstück, man nennt diese Pfeifen auch military mount oder army mount. Wenn die Spitze des Mundstücks und das Ende des Pfeifenholms aus Silber sind, nennt man die Pfeife eine spigot. Die irische Firma Peterson's, die von den aus Bayern emigrierten Brüdern Georg und Friedrich Kapp gegründet wurde, hat so etwas immer im Angebot. 

In einer luxuriöseren Version sieht die Pfeife von General John Buford so aus. Das Mundstück wird hier in einen Ring aus Horn gesteckt; das hier ist meine Savinelli Nonpareil, die ich gerade bei ebay erstanden habe. Savinelli Pfeifen habe ich schon lange, da mir Herr Trennt immer wieder, wenn ich nach den englischen Pfeifen guckte, eine Schachtel mit einer Pfeife von dem italienischen Hersteller über den Ladentisch schob. Das waren alles die Spitzenqualitäten Punto Oro und Straight Grain. Eine Savinelli Autograph mit einem Bambus-Einsatz im Pfeifenholm habe ich auch schon. Weil der Händler bei ebay nicht wusste, was das war und den Namen Savinelli nicht richtig schreiben konnte. Nun habe ich endlich auch eine Nonpareil. Aber nur, weil die nette Frau Timea Farago aus Würzburg, die den ebay-Namen pipatorium hat, mir einen Preis gemacht hat, zu dem ich nicht nein sagen konnte.

Lassen Sie mich zu John Buford zurückkommen, dem Offizier, der als einer der ersten Generäle des Nordens in Gettysburg ankommt und sofort das Richtige tut. Und ja, er hat Pfeife geraucht, dafür war er berühmt. Aber das, was er hier in der Hand hält, ist eine ganz andere Pfeife als die von Sam Elliott in dem Film. Viele Soldaten rauchen im Bürgerkrieg. Viele zum erstenmal, manche haben dabei ein schlechtes Gewissen. So schreibt Oliver Wilcox Norton 1862 an seinen Cousin: I'm sorry you feel so bad about my smoking. I think, after you had spent a night or two on picket and saw the comfort the soldiers draw from a pipe or cigar as they sit round the fire, you would say, ‘I forgive you—smoke, at least while you are in the army.’ Norton, von dem einhundertfünfzig Briefe aus der Zeit des Bürgerkriegs erhalten sind, ist der Sohn eines Pastors, zuhause wird nicht geraucht.

Der berühmteste Raucher des Krieges ist der General Ulysses S. Grant. Er raucht keine Pfeife, er raucht Zigarren. Angeblich zwanzig am Tag, manche zerkaut er, ohne sie anzuzünden. Als es bekannt wird, dass er ein leidenschaftlicher Nikotinkonsument ist, bekommt er von seinen Verehrern zehntausend Schachteln Zigarren zugeschickt. Was ihn dann dazu bringt, noch mehr zu rauchen: I had been a very light smoker previous to the attack on Fort Donelson, and after that battle I acquired a fondness for cigars by reason of a purely accidental circumstance. Admiral Foote, commanding the fleet of gunboats which were cooperating with the army, had been wounded, and at his request I had gone aboard his flag-ship to confer with him. The admiral offered me a cigar, which I smoked on my way back to my headquarters. On the road I was met by a staff-officer, who announced that the enemy were making a vigorous attack. I galloped forward at once, and while riding among the troops giving directions for repulsing the assault I carried the cigar in my hand. It had gone out, but it seems that I continued to hold the stump between my fingers throughout the battle. In accounts published in the papers I was represented as smoking a cigar in the midst of the conflict; and many persons, thinking, no doubt, that tobacco was my chief solace, sent me boxes of the choicest brands from everywhere in the North. As many as ten thousand were soon received. I gave away all I could get rid of, but having such a quantity on hand, I naturally smoked more than I would have done under ordinary circumstances, and I have continued the habit ever since. Er hätte weniger Zigarren rauchen sollen, oder Pfeife rauchen sollen: er wird an Kehlkopfkrebs sterben. 

General Buford stirbt wenige Monate nach der Schlacht von Gettysburg, nicht daran, dass er Pfeife rauchte, der Typhus rafft ihn hinweg. Auf seinem Sterbebett erhält er noch die Ernennungsurkunde zum Generalmajor. Im Gegensatz zu dem Zigarren kauenden oder rauchenden Grant, war Buford ein ruhiger Mann: Honest John, as the commander of the First Cavalry Division was affectionately called by his troopers, was sitting on a camp-stool under an old elm tree, which did duty as headquarters, taking his after-breakfast smoke. The modest brier-wood pipe was as much a part of his equipment as the blue hunting-shirt which General Buford invariably wore in the field. The general was not much of a talker. So wird er 1863 beschrieben, und dieses blue hunting-shirt hat Sam Elliott in dem Gettysburg Film auch getragen. In einer anderen Beschreibung können wir noch lesen: his blue blouse is ornamented with holes; from one pocket thereof peeps a huge pipe, while the other is fat with a tobacco pouch. Er legt keine Form auf die Eleganz der Uniform, was braucht ein Pfeifenraucher mehr als eine Tasche für die Pfeife und eine Tasche für den Tabak?

Wir haben große Mengen von Photos, die Soldaten beider Seiten beim Rauchen zeigen. Wir können Meerschaumpfeifen erkennen, langstielige Pfeifen, die im Deutschen als Reservistenpfeifen bekannt sind, aber auch Holzpfeifen. Viele Soldaten haben sich ihre Pfeifen selbst geschnitzt, viele haben ihre Pfeifen auch mit Ornamenten verziert. Das Wort brier pipe taucht immer wieder auf, so in dem schönen sentimentalen Gedicht The Brier-Wood Pipe von Charles Dawson Shanly, aber wir sollten es nicht mit Bruyere verwechseln. Aus diesem Holz werden jetzt bei Comoy in Frankreich die ersten Pfeifen hergestellt, die amerikanischen Pfeifen während des Bürgerkriegs sind aus einheimischen Hölzern. Die billigsten Pfeifen sind aus Maiskolben, die Missouri Meerschaum Pfeifen genannt werden. Eine solche Pfeife war im Zweiten Weltkrieg das Markenzeichen von General Douglas MacArthur

Als ich vor vielen Jahren für die Firma IWC einen Artikel über das Bostoner Regiment schrieb, in dem ihr Firmengründer Florentine Ariosto Jones gekämpft hatte, kam ich bei all dem angesammelten Material auf den Gedanken, dass es sich lohnen würde, wenn man einmal eine Alltagsgeschichte des Bürgerkriegs schreiben würde. Es wird ja nicht immer gekämpft, es gibt lange Kampfpausen, in denen es ein beinahe normales Leben gibt. Wo Soldaten Baseball spielen, Whiskey trinken, Bordelle besuchen, Pornohefte (die sogenannte barracks favorites) kaufen. Und Tabak rauchen. Zu diesem Thema gibt es seit 2014 schon ein Buch von dem Pfeifensammler und Sachbuchautor Ben RapaportTobacco and Smoking Among the Blue and Gray.

When man Jefferson Davis heißt und Präsident der Südstaaten ist, dann besitzt man eine solch luxuriöse Pfeife: Meerschaum mit einem Mundstück aus Bernstein. Die von dem eingewanderten Deutschen Friedrich Wilhelm Kaldenberg begründete Firma Kaldenberg and Sons in New York hat allerdings noch luxuriösere Pfeifen als die von Jefferson Davis hergestellt. Jefferson Davis brachte die Pfeife mit, als er in eine Gefängniszelle in den Kasematten des Forts Monroe gebracht wurde. Er war ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher wie die beiden anderen poltischen Gefangenen, die das Fort beherbergte. In einem Bericht eines Journalisten können wir lesen: The chief of all offenders, has fully recovered his health. He has not yet been returned to his first diet, the army ration. His food is prescribed by Dr. Craven, and is such as will conduce most to his health. Since the tone of his physical health has been restored, he, too, has taken to puffing the Indian weed. He uses an elegant meerschaum pipe, which he brought with him into the Fortress. The bowl is wrought in the semblance of a turbaned head a la zouave. The stem and mouth-piece are of the pure amber. This pipe is doubtless a relic of the pseudo royalty that Jeff maintained while presiding over the fortunes of the ignis fatuus Confederacy. 

Donnerstag, 11. März 2021

Gartenkarre

Ich guckte bei ebay nach CDs von Juliette Gréco. Gab es da nach ihrem Tod irgendeine neue CD, die ich noch nicht kannte? Ich fand nach einigem Suchen eine CD, von der ich noch nie gehört hatte. Sie hieß Gartenkarre. Es gab die CD noch bei einem anderen Händler, da hieß sie Les Gartenkarre. Der erste Händler hatte bei der Beschreibung der CD Gartenkarre noch die Sätze hinzugefügt: Die Beschreibung dieses Artikels erfolgte durch automatische Übersetzung. Bei anstehenden Fragen, wenden Sie sich bitte an uns. Da wusste ich, was los war, ich habe über den Übersetzungsunsinn bei ebay schon einen Post geschrieben, der den schönen Titel pfanni denglish hat.

Hinter dem ganzen translatorischen Unsinn steckt ein Unternehmen namens Webinterpret, das sowohl ebay als auch Amazon und PayPal mit Übersetzungen versorgt. Und die sind natürlich, wie man uns versichert state of the art. So wirbt die Firma mit Sätzen wie: Each listing segment is translated separately using what we call an Adaptive Translation System (ATS), a sophisticated process that splits each listing’s sections (title, category, item specifics, attributes, description, variations) and takes appropriate action depending on a variety of conditions before translisting the item on a foreign marketplace. Das Wort sophisticated bedeutete mal etwas anderes als total bescheuert. Denn was ist nun mit der Gartenkarre?

Die beiden Händler, die die CD Juliette Greco Gartenkarre (oder Les Gartenkarre) anbieten, haben ein Bild hinzugefügt. Und da steht nichts von Gartengeräten, da steht Les feuilles mortes. Das Adaptive Translation System weiß nicht, dass das ein Chanson von Joseph Kosma ist, der auch die Musik für Les enfants du paradis geschrieben hat. Das System, das so sophisticated ist und alles richtig einordnen kann, sieht nur tote Blätter, Herbstlaub. Und was braucht man, wenn man den Garten voller toter Blätter hat? Richtig: eine Gartenkarre.

Our goal is to fully democratize international e-Commerce,
making it possible for any company, small or large, to offer their products worldwide while providing superior customer service
, schreibt die Firma Webinterpret. An dem superior customer service müssen sie wohl noch ein klein wenig arbeiten. Oder wie der Franzose sagt: Il faut cultiver son jardin.

Das Chanson ✺Les feuilles mortes von Jacques Prévert, das zum erstenmal von Yves Montand in ✺Les Portes De La Nuit gesungen wurde, ist schon häufig in diesem Blog erwähnt worden; zum Beispiel souvenirs et regrets, Herbstblattfarben und Abendlied.


Dienstag, 9. März 2021

Les Enfants du Paradis

Am 9. März 1945 wurde Marcel Carnés Film Les Enfants du Paradis (Kinder des Olymp) zum erstenmal aufgeführt. Der dreistündige Film war unter größten Schwierigkeiten während der Besatzungszeit gedreht worden, jetzt nach der Befreiung konnte er aufgeführt werden. Die Hauptdarstellerin konnte allerdings nicht zur Premiere kommen, sie saß wegen des Verdachts der Kollaboration im Gefängnis. Sie mochte die Deutschen nicht, aber sie liebte diesen einen deutschen Offizier. Als sie vor Gericht erscheinen muss, bringt sie diesen unsterblichen Satz: Mon cœur est français – mon cul est international.

Die Schauspielerin heißt Arletty, sie hat hier schon lange einen Post. Auch wenn es mit ihrem Oberstleutnant, der zu den Gründern der Gruppe 47 gehörte, zuende war, sie blieb bis zu seinem Tod mit ihm befreundet. Die Liebesgeschichte ist schon auf die Leinwand gewandert. 2015 konnten die Franzosen den Film Arletty, une passion coupable mit Laetita Casta als Arletty sehen. Sie jetzt auch, wenn Sie den Filmtitel anklicken.

Das Drehbuch von Les Enfants du Paradis stammte von Jacques Prévert, der für den Regisseur Marcel Carné auch schon die Drehbücher für die Filme Quai des Brumes und Le Jour se Lève geschrieben hatte, zwei Filme, denen Jean Gabin seine Karriere verdankt. Man hat für diese Filme den Begriff poetischer Realismus gefunden, und wenn Sie wissen wollen, was das genau ist, dann gehen Sie doch einmal zu dieser schönen Seite. Die Musik des Filmes ist von Joseph Kosma, der für Carnés Les Portes De La Nuit auch das Chanson Les feuilles mortes geschrieben hat. Gibt es hier heute nicht von Juliette Gréco, sondern von Cora Vaucaire, die es als erste gesungen hat. 

Les Enfants du Paradis ist ein Klassiker des französischen Kinos. Cinéasten wissen nicht, ob sie diesem Film oder La Régle du Jeu (der hier schon einen ausführlichen Post hat) den höchsten Platz im Olymp zuweisen sollen. Und mit Olymp meine ich nicht die billigen Plätze auf der Galerie, auf die der deutsche Titel des Films anspielt, sondern den wirklichen Olymp.

Samstag, 6. März 2021

der Marquis de Sade


Heute vor zweihundertzwanzig Jahren wurde der Marquis de Sade im Büro seines Verlegers verhaftet, so etwas kennt er schon, er ist schon häufig verhaftet worden. Zur Zeit des Terreur war der Bürger de Sade knapp der Guillotine entkommen; jetzt ist Napoleon an der Macht, der mag den Marquis nicht, de Sade wandert für die letzten Jahre seines Lebens in die Irrrenanstalt Charenton. Wenn er im Alter von vierundsiebzig Jahren stirbt, wird er siebenundzwanzig Jahren seines Lebens in Gefängnissen und Irrenanstalten verbracht haben. Wo er auch seine Werke schreibt. Der Comte, der sich selbst zum Marquis gemacht hatte, begegnete mir immer wieder, als ich vor vielen Jahren über die Literatur der Gothic Novel zu forschen begann, ein Genre, zu dem sich de Sade auch selbst geäußert hat. Auf diesem Bild (das einzige, das es von ihm gibt) ist er zwanzig Jahre alt, da ist er noch ein junger Kavallerieoffizier, sein Leben als Wüstling, Schriftsteller un dilettierender Philosoph hat noch nicht begonnen.

Die erste Biographie, die ich damals las, war die von Walter Lennig, die bei Rowohlt in der Reihe der rowohlts monographien erschienen war. Walter Lennig war nach dem Zweiten Weltkrieg Feuilletonchef der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel gewesen, und er hatte 1962 sein zweites Buch in der Rowohlt Reihe über Gottfried Benn geschrieben. Der war in Berlin sein Nachbar gewesen, den kannte er gut. Dann schrieb Lennig den de Sade Band, der sich länger als vierzig Jahre (immer wieder von der Rowohlt Redaktion leicht überarbeitet) in der Reihe hielt. Sei Buch über Edgar Allan Poe, das, wie alle Bücher von Lennig, sehr substantiell war, war 1959 erschienen und war bis 2003 lieferbar.

Noch substantieller als Lennigs Buch über de Sade war für mich das Buch The Romantic Agony von Mario Praz, das 1933 bei der Oxford University Press erschienen war. Das italienische Original La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica war drei Jahre zuvor veröffentlicht worden. Die deutsche Ausgabe (dtv 2 Bände) hielt sich an den italienischen Titel: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. Das Buch, das mit Im Zeichen des göttlichen Marquis ein hundertsiebzig Seiten langes Kapitel für de Sade hat, gibt eine Rezeptionsgeschichte für das, was de Sade mit Justine und anderen Büchern angerichtet hat. Mario Praz war Anglist und Kunsthistoriker (sein Buch Conversation Pieces wird hier schon in dem Post über Vilhelm Marstrand erwähnt), und er bewohnte in Rom einen Palazzo. Sein Buch ist inzwischen ein Standardwerk, wie beinahe alle Bücher, die er geschrieben hat.

Wenn man sich mit der Gothic Novel beschäftigt, wie ich es damals vorhatte, kommt man ohne das Buch von Praz nicht aus. Und de Sade begegnet uns überall. Sie könnten jetzt einmal die beiden langen Posts Gothick und Fantasy lesen, dann wissen Sie, was ich meine. Ich hatte mir überlegt, ob ich heute etwas von dem Text von Justine hier einstelle, aber dann habe ich es gelassen. Das Manuskript, das Napoleons Polizei einst suchte, und die verschiedenen Ausgaben von Justine, die einst verboten waren, sind heute frei zugänglich. Die französische Nationabibliothek bewahrt de Sades Schriften nicht mehr im Enfer auf, seit 1995 gibt es die dreibändige Ausgabe der Bibliothèque de la Pléiade. Sie können Justine hier bei Zeno oder im Orginal bei Wikisource lesen. Falls Ihnen bei Zusammenfassung genügt, gehen Sie zu Seite getastract, eine Seite, die eigentlich immer zuverlässig ist. Und den Film von Jess Franco, der zu diesem Plakat gehört, den habe ich auch für Sie. Mit Klaus Kinski als Marquis de Sade, das passt doch.

Da ich bei den Kuriosa angekommen bin, muss ich diesen Roman erwähnen, der heute noch als Klassiker der Erotik angeboten wird. Der Roman heißt Schwester Monika (hier im Volltext), er erschien zum ersten Mal ein Jahr nach dem Tod von de Sade. Er geriet in Vergessenheit, bis ihn 1910 der Wiener Kulturhistoriker Gustav Gugitz neu herausgab. Und ihn dem Schriftsteller E. T. A. Hoffmann zuschrieb. Die Meinungen der Literaturwissenschaftler sind geteilt, aber eins zeigt der Roman: man kann de Sade leicht imitieren und parodieren. Ein Faksimile der Ausgabe von 1910 (in Halbleder gebunden) kam in den sechziger Jahren dank des Hamburger Gala Verlags, der sich auf Pornographie spezialisierte, auf den Markt. Auf Bütten gedruckt, mit einer nummerierten Auflage von 1.600 Exemplaren.

Im selben Jahr, in dem das Buch von Mario Praz in Italien erschien, erschien in Deutschland ein Buch über den Marquis de Sade von Otto Flake, einem Schriftsteller, der ja ein halber Franzose ist. Ich schätze den Autor sehr, und er hat hier mit Otto Flake schon einen Post. Die Ausgabe von 1930 hatte nicht diesen schönen Cover, das Bild zeigt die spanische Ausgabe von 1931. Die deutsche Ausgabe ist als Fischer Taschenbuch erhältlich, und Fischer hat sie 2015 mit einem Nachwort von Michael Farin, der 1979 seine Doktorarbeit über Flake geschrieben hat, wieder neu aufgelegt. In seinem Vorwort sagt Flake: Der Absicht, mich mit Leben und Werk des Marquis de Sade zu befassen, konnten einige Bedenken entgegenstehen. Die Bedenken lagen nicht im Bewußtsein mangelnder Zuständigkeit. Man muß weder Arzt noch Psychiater sein, um dieses Thema zu behandeln, das vor allem in das Gebiet des Charakterologen fällt. Die Bedenken galten der Tatsache, daß die Nachfrage nach Biographien zu einer gewissen Betriebsamkeit geführt hat; daher leicht in den Verdacht der Spekulation kommt, wer sich eine der krassesten Erscheinungen aussucht.
     Aber es gilt doch wohl heute als selbstverständlich, daß alles, was gelebt hat, des Interesses würdig ist. Bei uns wirken noch alte idealistische Vorschriften nach. Natürlich ist es erhebender, sich mit Calvin oder Leibniz zu beschäftigen als mit Sade oder Rétif, die zu den negativen Phänomenen gehören. Aber die negativen Phänomene ergänzen die positiven, und erst bei der Darstellung eines Problematikers zeigt sich, wie wertvoll Gesundheit, Norm, höhere Menschlichkeit sind.
     Mein Buch ist ein Beitrag zur Geistesgeschichte und zur Seelenforschung.

Es ist ein Beitrag zur Geistesgeschichte, und es ist glänzend geschrieben. Wenn Flake seine Leser schonen will, lässt er Sätze im französischen Original. Wie zum Beispiel: Je parricidais, j’incestais, j’assassinais, je prostituais, je sodomisais. Darum geht es in de Sades Romanen, um nichts anderes. Man könnte mit Oto Flake aufhören, aber der Strom der Literatur zu de Sade kommt nicht zum Versiegen. 1909 hatte Guillaume Apollinaire in Introduction à l'oeuvre du marquis de Sade geschrieben: Dieser Mann, der während des gesamten 19. Jahrhunderts keine wichtige Rolle spielte, könnte im 20. Jahrhundert sehr wohl dominierend in den Vordergrund treten. Ernst Ulitzsch hatte 1920 plakativ formuliert: Donatien Alphonse François Marquis de Sade ist der Bluthusten der europäischen Kultur. Als die Körper der Rokoko-Aristokraten immer muskelschwächer wurden, stieß er mit kraftvollem Arm die Fenster der schlecht belüfteten Salons ein. Die Schuld lag nicht bei D.A.F., wenn nun, statt ersehnter Morgenluft, der Gestank des Schlachthauses einströmte, und jauchefahle Fratzen der frische Duft warmen Blutes zum Erbrechen reizte. Auf diesem Bild sehen wir den Ersten Konsul Napoleon, wie er den Roman Justine dem Feuer übergibt. Dass ihm de Sade ein in Leder gebundenes Exemplar geschickt hatte, stieß bei ihm offenbar auf keine große Begeisterung. Noch auf Sankt Helena entrüstete er sich gegenüber seinem Sekretär de Las Cases über die Verwilderung der Pariser Sitten. Dabei erwähnte er auch Justine, ein Buch, das er nur einmal durchgeblättert habe, es sei ein schmutziges und widerliches Produkt einer total verderbten Phantasie. Das können wir einmal so stehen lassen.

Die beiden Romane Justine und Juliette sind schmutzige und widerliche Romane. Sie sind keine große Literatur. Niemand sagt über Justine Sätze wie: Unter den erotischen und gesellschaftskritischen Romanen des französischen 18. Jahrhunderts vielleicht der klügste, kühlste, unsentimentalste. Literarisch und psychologisch glänzend. Das hat Hermann Hesse über den Briefroman Les Liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos gesagt, ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts, das man zur Weltliteratur
zählt. Es kann sein, dass der Erfolg des Romans (21 Auflagen zu Lebzeiten des Autors) de Sade dazu angeregt hat, seine Romane zu schreiben. Les Liaisons dangereuses ist ein erotischer Roman, zwischen Erotik und Pornographie gibt es Unterschiede. Franz Blei hat in seiner Geschichte der erotischen Literatur für de Sade nur eine Seite übrig: 'Die Grausamkeit ist nichts anderes als die menschliche Energie, an der die Zivilisation noch nichts zu verderben vermochte. Und darum ist sie eine Tugend und nicht ein Laster.' Dieser Satz steht in des Marquis de Sade Philosophie dans le boudoir, einem Buche kalter Obszönität, das den Situationswitz des jüngeren Crébillon ohne Talent nachahmt und nicht besser ist als des Marquis andere pornographischen Kolportageromane, nur kürzer.

Und wenn Sie ein Beispiel für die Grausamkeit bei de Sade haben wollen, lasse ich doch mal eben seine Juliette reden: Ich lasse mir ein prachtvolles Mädchen von 18 Jahren vorführen, in meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen so schönen Körper gesehen. Nachdem ich sie überall tüchtig abgeküßt, abgegriffen und abgeschleckt hatte, führte ich sie selbst auf die Bühne; dort mit den Henkern um die Wette arbeitend, zerhaue ich sie derart mit einem derben Lederriemen, daß Stücke Fleisch größer wie meine Hand, davonflogen; endlich haucht sie ihren Geist aus, worauf ich mich von den Henkern auf ihrem Leichnam vögeln lasse. Das geht jetzt ad infinitum so weiter. Wir müssen allerdings bedenken, dass de Sade nichts wirklich erfunden hat, er ist nur einer der Autoren, der einer weiblichen Libertinage Worte verleiht. Es gibt einen riesigen Markt für Pornographie im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der Kulturhistoriker Robert Darnton, der den wunderbaren Essay über Washingtons falsche Zähne geschrieben hat, hat mit The Literary Underground of the Old Regime 1982 ein interessantes Buch zu den französischen Verhältnissen vorgelegt.

Für die Leser der 1790er Jahre kommt zu den Texten noch ein reichhaltiges Bildmaterial hinzu. Einhundert Kupferstiche enthielt Justine in der Fassung von 1797. Perversionen auf Bildern hat es schon vorher gegeben, wie zum Beispiel hier auf dem Ausschnitt vom rechten Altarflügel von Hieronymus Boschs Garten der Lüste. Aber das ist der Teil des Altars, der der Hölle gewidmet ist. Hier sagt niemand mehr: Das Laster bereitet uns Vergnügen und die Tugend nur Langeweile und ich bin der Meinung, dass dasjenige, was uns Freude verschafft, stets den Sieg über das davon tragen wird, was uns gähnen macht.

Zum zweihundertsten Todestag von de Sade im Jahre 2014 erschien der Roman Der göttliche Marquis von Wolfgang Marx und eine Biographie von dem Historiker Volker Reinhardt. Über die Thomas Macho in der NZZ schrieb: Die Hitze der Debatten hat sich in den jüngstvergangenen Jahrzehnten deutlich abgekühlt. Als sichtbares Dokument dieser Abkühlung und Ernüchterung kann die umfangreiche Biografie betrachtet werden, die der Historiker und Golo-Mann-Preis-Träger Volker Reinhardt zum zweihundertsten Todestag de Sades veröffentlicht hat: Schon der Untertitel – 'Die Vermessung des Bösen' – verrät, dass vom 'göttlichen Marquis' ebenso wenig übrig geblieben ist wie vom 'Propheten des Grauens', den der erste Abschnitt der Einleitung, auch mit Blick auf die Greuel des 20. Jahrhunderts, skizziert. Der experimentelle Atheismus Sades, der die Hostienschändung mit dem Ziel eines 'negativen Gottesbeweises' verfolgte, wirkt heute eher komisch; und die mit nahezu geometrischer Präzision choreografierten Orgien verblassen angesichts von zeitgenössischen SM-Inszenierungen, die mit wenigen Klicks im Internet entdeckt werden können. Das ist es, dahin ist alles gewandert, was sich de Sade an sexuellen Perversionen ausgedacht hat. Diese junge Dame ist eine französische Porno-Actrice, die sich den Namen Justine de Sade gegeben hat.

Dienstag, 2. März 2021

a solid old-fashioned love of things


Über das Leben des amerikanischen Malers William Wallace Gilchrist Jr, der am 2. März 1879 geboren wurde, gibt das Internet wenig her. Über seinen Vater, der der bekannteste Komponist seiner Zeit war, finden wir viel mehr. Gilchrists Enkel Robert Griffin hat 2001 unter dem Titel Affectionately, Wallace eine Biographie seines Großvaters herausgebracht, ein kleines Buch, 102 Seiten lang. Sonst gibt es nicht viel über den Maler. Seine Bilder waren bis in die neunziger Jahre im Familienbesitz und der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, jetzt tauchen sie in Auktionshäusern auf. Wie dieses schöne Bild seiner Töchter Peggy und Nelly im Sommerzelt der Familie. Preislich liegen die Bilder zwischen dreitausend und fünftausend Dollar, das sind sie unbedingt wert. Wenn er in dem Buch von Robert Hughes American Visions: The Epic History of Art in America wäre, wären die Preise höher. 

Gilchrist hat viele Interieurs gemalt, auf denen immer wieder seine Familie zu sehen ist, wie auf diesem Bild, das After Breakfast heißt. Es sind Bilder eines ruhigen Lebens einer Oberklassenfamilie in Portland (Maine). Er malt das Leben der Familie, um für kommende Generationen zu zeigen, wie es einmal gewesen ist. Gilchrist hatte an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts in Philadelphia studiert, einer seiner Lehrer war William Merritt Chase gewesen. Der hat hier schon einen ausführlichen Post, den könnten Sie jetzt einmal lesen.

Aber Gilchrist hat noch einen anderen Lehrer, den er als junger Mann in Prout's Neck getroffen hat. Die Familie seines Vaters macht hier jedes Jahr ihren Sommerurlaub, hier hat Wallace Gilchrist Tennis gespielt, seine Frau getroffen (die Tochter eines Bischofs) und Winslow Homer kennengelernt. Und diesem Aquarell (Sailing on Quahog Bay, Harpswell) kann man den Einfluss von Winslow Homer ansehen. Homer hat ihm einmal gesagt: Gilchrist, when you paint, try to put down exactly what you see. Whatever else you have to offer will come out anyway. Und diese schlichten Sätze sind vielleicht auch das malerische Credo von Winslow Homer gewesen.

Gilchrist ist am besten, wenn er auf die Interieurs und Porträts verzichtet und ins Freie geht, hier sehen wir noch einmal seine Töchter Peggy und Nelly beim Angeln. Das Bild erinnert ein wenig an die Maler im dänischen Skagen. Gilchrist ist ein amerikanischer Post-Impressionist, der sich nicht allzuweit in die Moderne vorwagt. Also nicht so weit wie seine Freunde Maurice Prendergast und Charles Burchfield.

Aber manchmal verblüfft er uns doch. Wie in diesem Bild, das den Congress Square in Portland nach einem Schneesturm zeigt. Mit dem virtuos gemalten Bild ähnelt er eher einem Großstadtmaler wie John French Sloane (der so wunderbare Dächer malte) als dem Interieurmaler Gilchrist. Es gibt von dem Schneebild noch eine zweite, mit breitem Strich gemalte, Fassung, die dem Betrachter den Eindruck vermittelt, er sei inmitten des Schneesturms.

In den letzten zehn Jahren seines Lebens hatte sich die Palette von Gilchrist aufgehellt, seine Bilder waren immer impressionistischer geworden, obgleich der Impressionismus vorbei war. Wirklich modern war er nie, was auf der Armory Show gezeigt wurde, war seine Sache nicht. Aber das gefiel manchem Kritiker: Amid the whirling preoccupation with ideas that marks the Modernist movement, it is refreshing now and then to find a painter who retains a solid old-fashioned love of things. W. W. Gilchrist is of this stamp. He paints things with admiration and joy. 

Ich habe hier eine Seite, auf der Sie viele Bilder von ihm sehen können, die mit admiration and joy gemalt wurden. Das scheußliche Bild The Pink Settee, das für 17.000 Dollar verkauft wurde, ist nicht dabei.

Sonntag, 28. Februar 2021

da ennu intet var forbi


Der norwegische Dichter Rudolf Nilsen wurde heute vor hundertzwanzig Jahren in Kristiania geboren, das seit 1924 Oslo heißt. 1924 war ein wichtiges Jahr für ihn, er heiratete die Schauspielerin Ella Signe Quist Kristoffersen, trat in die neugegründete kommunistische Partei Norwegens ein und veröffentlichte seine ersten Gedichte. Für die KP schrieb er auch das Lied Revolusjonens røst, das ich hier auch gesungen habe, es wird heute noch gesungen. Rudolf Nilsen, der auch unter dem Pseudonym Rulle schrieb, hat politische Lyrik geschrieben, aber auch zarte Liebesgedichte. Von denen möchte ich heute einmal das Gedicht Jeg hadde tenkt abdrucken. Das wurde 1929 veröffentlicht, in dem Jahr ist Rudolf Nilsen viel zu früh gestorben

Jeg hadde sett dig lenge, der du kom
for alltid vet jeg det, når du er nær –
og hadde tenkt å hilse lett og koldt,
fordi jeg ennu har dig altfor kjær.
Slik vilde jeg forsvare meg med kulde
og også verge dig på samme vis,
så alle våre nye drømme skulde
som sene blomster visne inn i is.

Jeg hadde tenkt … men da du stanset
med dette hemmelige gode blikk
og dette fjerne smil, jeg vet så meget om –
da skjønte jeg at planen ikke gikk.
Jeg tok din hånd og følte fra dens flate
et varsomt strøk, det lille kjærtegn, vi
bestandig brukte i en folksom gate
den gang da ennu intet var forbi.

Ein Liebesgedicht über die Zeit, als es mit der Liebe noch nicht vorbei war (da ennu intet var forbi). Das Gedicht lebt immer noch, es gibt ein halbes Dutzend Versionen auf CD. Ich bringe einmal die Version von dem berühmten Sänger Ole Paus, die sich 2007 auf seinem Album Den store norske sangboka findet. Und ich schicke einen kleinen Gruß an meine norwegischen Leser, die die treuesten Leser meines Blogs sind, jeden Monat in der gleichen Zahl auf Platz drei der Statistik.