Donnerstag, 15. Oktober 2020

A Word After a Word After a Word Is Power

Die Dokumentation Aus Worten entsteht Macht über Margaret Atwood ist gestern Abend bei arte gesendet worden. Falls Sie das verpasst haben sollten, die Sendung ist seit gestern noch für den Rest des Jahres abrufbar. Lohnt sich unbedingt. Hier steht heute nichts Neues, ich mache lediglich Werbung für die arte Dokumentation von Peter Raymont und Nancy Lang. Ich stelle heute noch einmal etwas ein, was hier schon am 14. Oktober 2017 stand, als Margaret Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Der originale Post hat sich ein klein wenig verändert, weil das Photo, das ich mal vor Jahren von Margaret Atwood gemacht habe, dank der Heike wieder aufgetaucht ist.

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood wird am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Dazu kann man dem Stiftungsrat nur gratulieren. Margaret Atwood gratuliere ich natürlich auch ganz herzlich. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es über sie: Die kanadische Schriftstel­lerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährli­che unterschwellige Entwicklungen und Strömungen. 

Als eine der bedeu­tendsten Erzählerinnen unserer Zeit stellt sie die sich wandelnden Denk- und Verhaltensweisen ins Zentrum ihres Schaffens und lotet sie in ihren utopischen wie dystopischen Werken furchtlos aus. Indem sie mensch­liche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht ver­meintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann. Humanität, Ge­rechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Hal­tung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Men­schenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie lite­rarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind.

Für den Frieden in der Welt ist Atwood immer wieder energisch eingetreten. Ihr utopischer Roman The Handmaid's Tale erlebt im Amerika des Donald Trump große Auflagenzahlen. Man hätte ihr natürlich auch statt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels den Nobelpreis geben können. Wann bekommt Philip Roth den endlich? Schon allein für den Anfang von The Great American Novel hätte er den Preis verdient: Call me Smitty. That’s what everybody else called me—the ballplayers, the bankers, the bareback riders, the baritones, the bartenders, the bastards, the best-selling writers (excepting Hem, who dubbed me Frederico), the bicyclists, the big game hunters (Hem the exception again), the billiards champs, the bishops, the blacklisted (myself included), the black marketeers, the blonds, the bloodsuckers, the bluebloods, the bookies, the Bolsheviks (some of my best friends, Mr. Chairman—what of it!), the bombardiers, the bootblacks, the bootlicks, the bosses, the boxers, the Brahmins, the brass hats, the British (Sir Smitty as of ‘36), the broads, the broadcasters, the broncobusters, the brunettes, the black bucks down in Barbados (Meestah Smitty), the Buddhist monks in Burma, one Bulkington, the bullfighters, the bullthrowers, the burlesque comics and the burlesque stars, the bushmen, the bums, and the butlers. And that’s only the letter B, fans, only one of the Big Twenty-Six!

Was war mit John Updike? Und was ist mit Richard Ford? Oder Thomas Pynchon? Die Schweden scheinen Schwierigkeiten mit amerikanischen Autoren zu haben. Kurt Vonnegut wusste weshalb: I used to be the owner and manager of an automobile dealership in West Barnstable, Massachusetts, called 'Saab Cape Cod.' It and I went out of business 33 years ago. The Saab then as now was a Swedish car, and I now believe my failure as a dealer so long ago explains what would otherwise remain a deep mystery: Why the Swedes have never given me a Nobel Prize for Literature. Old Norwegian proverb: “Swedes have short dicks but long memories“. 

Nun hat Kazuo Ishiguro den Preis für seinen leicht verfilmbaren Edelkitsch The Remains of the Day bekommen. Die Vorsitzende der Jury, Sara Danius (Bild), hat über Ishiguro gesagt: I would say if you mix Jane Austen and Franz Kafka you get Ishiguro in a nutshell — and you have to add a bit of Proust into the mix. Ishiguro und Proust? Da sträuben sich bei mir ein wenig die Nackenhaare, in meinem Blog kommt viel, sehr viel Proust vor, Ishiguro wird nur beiläufig in dem Post Christine Keeler erwähnt. Frau Danius hat eine Ausbildung als Croupière. Das erklärt vieles. Die suchen in Stockholm die Kandidaten nicht nach Qualifikation und Verdienst, die spielen Literaturroulette. Rien ne vas plus.

Ich habe Margaret Atwood einmal kennengelernt, die Geschichte steht schon in dem Post Québec. Mein Kollege mit dem schlechten Benehmen, der dort erwähnt wird, reist übrigens heute durch die Lande und hält rechtsradikale Vorträge. Als er noch an der Uni war, hatte er die Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung abonniert. Die erreichte ihn selten, weil ich sie immer aus seinem Postfach mopste und entsorgte. Ich weiß nicht, welcher Teufel ihn damals geritten hatte, Margaret Atwood nach ihrem Vortrag zu attackieren. Margaret Atwood ging mit dieser peinlichen und unhöflichen Kritik ganz souverän um, indem sie charmant lächelte und fragte: Have you read my book? In diesem Augenblick machte meine Kamera in die atemlose Stille im Saal hinein ein lautes Klack. Immer wenn ich das Photo anschaue, höre ich ihre Stimme: Have you read the book? 

Ich hätte dazu auch ein Gedicht von Margaret Atwood, das This is a photograph of me heißt:

It was taken some time ago
At first it seems to be
a smeared
print: blurred lines and grey flecks
blended with the paper;

then, as you scan
it, you can see something in the left-hand corner
a thing that is like a branch: part of a tree
(balsam or spruce) emerging
and, to the right, halfway up
what ought to be a gentle
slope, a small frame house.

In the background there is a lake,
and beyond that, some low hills.

(The photograph was taken
the day after I drowned.

I am in the lake, in the center
of the picture, just under the surface.

It is difficult to say where
precisely, or to say
how large or how small I am:
the effect of water
on light is a distortion.

but if you look long enough
eventually
you will see me.) 














Mittwoch, 14. Oktober 2020

alles Unglück der Menschen


Als  die Corona Krise ausbrach, dachte ich mir: Warum nur zitiert niemand Pascal? Hatte der nicht gesagt: Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne savoir pas demeurer en repos, dans une chambre? Das wäre doch das Motto für die Krise gewesen. Edward Hopper als Maler für die Corona Welt, Blaise Pascal als ihr Philosoph. Aber wie kommt Pascal zu diesem Satz alles Unglück der Menschen kommt davon her, daß sie nicht verstehn sich ruhig in einer Stube zu halten?

Der Philosoph, Theologe, Mathematiker und Erfinder kam in meiner ersten Woche als Blogger einmal am Rande vor, als ich über den Film Ma nuit chez Maud schrieb. Da heißt es: 'Ma nuit chez Maud' war 1969 bei Kritik und Publikum ein großer Erfolg. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn es gibt wenige Filme, die so wenig Handlung haben und in denen so viel über Pascal diskutiert wird. Ich habe den Film beim ersten Sehen nicht verstanden, aber ich verstehe auch Pascal nicht. Obgleich ich die Pensées einmal gelesen habe. Wenn Sie sich Pascal nähern wollen, kann das Vorwort von T.S. Eliot zur englischen Ausgabe der Pensées eine Hilfe sein. Dass in dem Film viel über Pascal geredet wird, macht schon Sinn: der Film spielt in Clermont-Ferrand, dem Geburtsort von Pascal.

Ich weiß, dass ich die Pensées gelesen habe, das steht so auf meiner Leseliste für das Jahr 1962, fragen Sie mich jetzt nicht, was da drin steht. Aber ich besitze den Text, und daneben im Regal steht auch noch Sekundärliteratur. Man kommt schnell wieder in den Text hinein, weil er aus tausenden von Aphorismen besteht, aus schönen Sätzen wie Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît pas. Man kann zu lesen anfangen, wo man will, weil der Autor selbst gesagt hat: Ich werde hier meine Gedanken ordnungslos aufschreiben, und nicht etwa in einer Verworrenheit, die unbeabsichtigt wäre. Das ist die wahre Ordnung, und sie wird gerade durch die Unordnung stets für meinen Gegenstand bezeichnend sein. Bei Reclam gibt es auf 587 Seiten Pascals Gedanken, die man auf tausend unsortierten Zetteln in sechzig Bündeln nach Pascals Tod gefunden hat. Die Neuübersetzung von Ulrich Kunzmann aus dem Jahre 1987 berief sich auf die französische Werkausgabe von Louis Lafuma.

Im Internet finden sich die Gedanken bei Zeno, allerdings ist das eine Ausgabe aus dem Jahre 1840 mit der Übersetzung von Karl Adolf Blech, der Pastor in Danzig war. Bei Suhrkamp hat es vor acht Jahren in der Reihe suhrkamp studienbibliothek  eine 459-seitige Ausgabe gegeben, die denselben Text verwendet wie die Reclam Ausgabe, sie bietet allerdings 200 Seiten Kommentar. Es ist mal wieder typisch, dass der Übersetzer nicht auf dem Buchumschlag genannt wird, der Kommentator Eduard Zwierlein schon. Zwierlein hat sich über Pascal habilitiert, und er hat 1996 den Band Blaise Pascal zur Einführung in der hervorragenden Reihe des Hamburger Junius Verlags geschrieben. Man findet manchmal ziemlich demoralisierende Sätze in den Pensées, wie zum Beispiel:

Welches Trugbild ist denn der Mensch? Welches noch nie dagewesene Etwas, welches Monstrum, welches Chaos, welches Hort von Widersprüchen, welches Wunderding? Ein Richter über alle Dinge, ein schwacher Erdenwurm, ein Hüter der Wahrheit, eine Kloake der Ungewißheit und des Irrtums, Ruhm und Abschaum des Weltalls.

Das Zitat über das Unglück der Menschen findet sich in den Pensées in einem Teil, der Elend des Menschen überschrieben ist: Darum, wenn ich anfing das mannigfaltige Hin-und Hertreiben der Menschen zu betrachten, wie sich den Gefahren und Mühseligkeiten aussetzen, am Hofe, im Kriege, bei der Verfolgung ihrer ehrgeizigen Ansprüche und wir daraus so viele Zwistigkeit, Leidenschaften und gefährliche und verderbliche Unternehmung entspringen, dann habe ich oft gesagt, alles Unglück der Menschen kommt davon her, daß sie nicht verstehn sich ruhig in einer Stube zu halten. Ein Mensch, der Güter genug hat um zu leben, wenn er bei sich daheim zu bleiben verstände, würde sich nicht heraus machen um aufs Meer zu gehn oder zur Belagerung einer Festung und wenn er einfach nur zu leben suchte, bedürfte man dieser so gefahrvollen Beschäftigung wenig.

Nach Pascal ist die conditio humana gekennzeichnet durch Unbeständigkeit, Langeweile, Unruhe und der Suche nach Zerstreuung: Nichts ist dem Menschen unerträglicher als völlige Untätigkeit, also ohne Leidenschaften, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuungen, ohne Aufgaben zu sein. Dann spürt er seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, sein Ungenügen, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Manches von dem, was er sagt, klingt erschreckend modern, manches könnte bei Kierkegaard oder Sartre stehen. In Pascals fragmentarischer Apolologie des Christentums findet der Mensch in seiner Unruhe des Herzens sein Heil nur in Gott.

Blaise Pascal hat sein Haus kaum verlassen, die letzten Jahre seines kurzen Lebens hat er im Kloster verbracht. Aber er wusste, dass da draußen eine andere Welt war. Eine quirlige Welt mit den leidenschaftlichen Beschäftigungen der Menschen und alles, was man Belustigung oder Zeitvertreib nennt, in welchen man eigentlich nichts anders zum Zweck hat als die Zeit vergehn zu lassen, ohne sie zu fühlen oder vielmehr ohne sich selbst zu fühlen und diesen Theil des Lebens zu verlieren, um so der Bitterkeit und dem innern Ekel zu entgehn, welche die nothwendige Folge sein würden, wenn man während der Zeit die Beobachtung auf sich selbst richten wollte. Der Philosoph der Einsamkeit, der dazu neigt, nur sein Nichts zu kennen (car je ne tiens qu’à connaître mon néant), wird dafür sorgen, dass die Welt noch quirliger wird, dass die Menschen noch schneller ihren leidenschaftlichen Beschäftigungen nachgehen können: Paris verdankt ihm den Omnibus.

Sonntag, 11. Oktober 2020

Wilhelm Olbers


Auch wenn ich nicht mehr in Bremen wohne, ist mir doch ein gewisser Bremer Lokalpatriotismus zu eigen, was man in vielen Posts dieses Blogs merken kann. Und aus diesem Grund muss heute mal eben auf den Geburtstag von Dr Heinrich Wilhelm Olbers im Jahre 1758 hingewiesen werden. Olbers ist hier schon mehrfach erwähnt worden, zum Beispiel in dem Post Zeiss, der eigentlich über Wilhelm (später Sir William) Herschel geht:

In einem kleinen Kaff bei Bremen namens Lilienthal sitzt damals ein Oberamtmann namens Hieronymus Schroeter, der hatte in Hannover den Vater der Herschels kennengelernt und ist jetzt auch von den Teleskopen und der Astronomie angesteckt. Mit Hilfe von Herschel wird er auch Teleskope bauen und wird Lilienthal bekannt machen. Zumal da noch der Bremer Arzt und Astronom Dr Heinrich Wilhelm Olbers dazukommt. Und so wird dieses kleine Dorf im Teufelsmoor, wo weit und breit nix los ist, zum Zentrum der Astronomie. Wenn Sie es nicht glauben und zufälligerweise noch einen Zehnmarkschein haben sollten: da ist Lilienthal als Vermessungspunkt drauf. Arno Schmidt, der ja ein kleines mathematisches Genie war und den Dr Olbers immer wieder in seinem Werk erwähnt, wollte einen Roman namens Lilienthal 1801 oder Die Astronomen schreiben, in dem Schroeter der Held sein sollte. Die Arno Schmidt Gesellschaft hat die fragmentarischen Notizen zu dem Roman einmal herausgegeben, aber ich weiß nicht, ob man dafür einen Hunni riskieren sollte.

Den Lilienthal Roman, gegen den Zettels Traum nur eine bloße Handübung sein sollte, hatte Arno Schmidt schon in den fünfziger Jahren im Kopf, wenn er 1954 Zwei kleine Planeten – ein großer Schüler schreibt: 'Dieses Lilienthal ist einer der interessantesten Orte! Zwar die Umgebung – es liegt eine Meile nordöstlich von Bremen, in Richtung der großen Moore – kann wohl nur dem Auge des Kanalbauers reizvoll erscheinen; im Herbst und Winter soll das Land voller Nebel und Rauch sein, und einen wahrhaft finnischen Anblick darbieten. … Herr Harding, der die Güte hatte, mir die Instrumente, zweifellos die größten auf dem Kontinente befindlichen, zu zeigen, bedauerte ebenfalls die Ungunst des Himmels. Umso erstaunlicher sind die Resultate seines Fleißes, von denen er uns einige äußerst schätzbare Blätter eines großen Sternatlas vorwies.' – So beginnt, im Juni 1801, der preußische Obrist Massenbach die Schilderung eines Besuches im Zentrum der bremischen Astronomenschule. Die Sternwarte war die Gründung des dortigen Amtmannes, Schröter, der vor allem topographischen Studien über Planetenoberflächen oblag; folgenreicher jedoch als seine eigenen Arbeiten, war die erste wissenschaftliche Ausbildung von zwei Größeren, Harding und Bessel, die der Vierte im Bunde, der eigentliche geistige Leiter des Instituts, der bremische Arzt Olbers, herangeführt hatte.

Was der Oberst Massenbach über Lilienthal sagt, hat sich Arno Schmidt selbst ausgedacht, und auch den Besuch Massenbachs (über den Schmidt ja sein Massenbach: Eine historische Revue schreibt) in Lilienthal ist Fiktion. Der bremische Arzt Olbers allerdings nicht. Der wurde in Arbergen, einem kleinen Kaff bei Bremen als Sohn eines Pastors geboren. Er besucht die Domschule in Bremen und dann das Gymnasium Illustre. Das heißt heute Altes Gymnasium, Peter Zadek hat da seinen Film Ich bin ein Elefant, Madame gedreht. Und wir haben unsere hervorragenden Kunstlehrerin, die schon in dem Post Kunsterziehung erwähnt wird, an diese Schule verloren. Wilhelm Olbers studiert in Göttingen Medizin, aber er hört auch die Vorlesungen von Lichtenberg über die Gesetze der Stembewegungen am Himmel.

Denn das interesssiert ihn, seit er als Zehnjähriger in Bremen den großen Kometen von 1769 gesehen hat, der heute C/1769 P1 (Messier) heißt (alle Aufzeichnungen von Charles Messier finden sie hier). Seinen nächsten Kometen beobachtet der angehende junge Arzt zehn Jahre später aus dem Krankenzimmer eines Patienten. Planeten und Kometen werden von nun an sein Leben bestimmen. Er wird berühmt werden, korrespondiert mit Lichtenberg, Humboldt und Gauß und fördert den jungen Bessel, indem er ihm eine Stelle bei Schroeter in Lilienthal verschafft. Als Bremen von den Franzosen besetzt ist, wird Olbers Bremens Vertreter im Corps législatif. Und Napoleon lädt ihn zur Taufe seines Sohns ein. Er wird noch zweimal nach Paris reisen, seine vierte Reise war für den November 1813 zur Eröffnung der neuen Legislaturperiode geplant, aber die Reise findet nicht statt, Napoleon hat gerade die Völkerschlacht von Leipzig verloren.

Durch die Empfehlung von Olbers wechselt Friedrich Wilhelm Bessel von Lilienthal nach Königsberg, wo er eine Professur an der Universität erhält. Damit verbunden ist auch der Plan der Errichtung einer Sternwarte. Bessel lässt die zuerst in einer alten Windmühle bauen. Das Geld, das der König versprochen hat, kommt eher zögerlich, der Krieg frisst viel Geld. Als Napoleon auf seinem Rußlandfeldzug 1812 nach Königsberg kommt, besichtigt er die im Bau befindliche Sternwarte und wundert sich darüber, dass der preußische König für so etwas Geld übrig hat. Er wusste nicht, dass Bessel gerade über seine Sternwarte geschrieben hat: Es kann sonderbar scheinen, dass in den jetzigen Zeiten so viel an eine Sternwarte verwandt wird; allein die Zeiten, wo das Militair alles wegnahm, sind vorbei, und so wird denn das lebhafte Interesse an wissenschaftlichen Sachen erklärlicher. Unsere Regierung ist in dieser Hinsicht allen anderen ein Muster. 

Es war Wilhelm Olbers ganz lieb, dass er im November 1813 nicht nach Paris musste, denn gerade hatten die Franzosen die Bremer Gesellschaft Museum geschlossen. Und am 21. April 1813 hatten französische Truppen den ganzen Ort Lilienthal niedergebrannt, auch das Haus des Leiters der Sternwarte Johann Hieronymus Schroeter, seine ganzen Unterlagen verbrennen. Damit ging für Olbers ein kleiner Traum zuende, dass nämlich aus der wissenschaftlichen Gesellschaft und mit Leuten wie Treviranus und Albrecht Roth eine Bremer Universität hätte werden können. Die Schliessung der Gesellschaft Museum ist das letzte, das die Franzosen anrichten können, es geht mit Napoleon zuende. Bremen wird von dem Oberst Tettenborn und seinen russischen Kosaken befreit. Und Olbers, der inzwischen seine Arztpraxis geschlossen hat, hat endlich Zeit, sich wieder der astronomischen Forschung zu widmen. Er entdeckt einen Kometen nach dem anderen, unter anderem 13P/Olbers, der 2024 wiederkehren wird. Zehn Jahre nach dem Tod von Olbers wird man in den Wallanlagen in Bremen dieses Denkmal für ihn aufstellen, es ist vor zehn Jahren für 55.000 Euro aufwendig restauriert worden.

Wäre Arno Schmidt hier glücklich geworden? Das im Hintergrund ist die Kirche von St Jürgen, hier hätte sein Arbeitsplatz sein können. Am 22. Oktober 1957 schrieb Schmidt von Darmstadt aus (die Stadt hasste er) an den Pastor Hermann Schulz: Ich wiederhole noch einmal, daß mir eine Wohnung in St Jürgen, zumindest für die nächsten Jahre hinaus, durchaus ideal erscheint; zumal mein nächstes Buch, mit dem Titel 'Lilienthal 1801', in der dortigen Landschaft lokalisiert sein wird. Ich wäre bereit, eine monatliche Miete von 80 DM, im Jahre also 960 DM, zu zahlen; und zwar für die nächsten 3 Jahre im voraus. Küche, Klo und so weiter würde ich allenfalls auf meine Kosten instand setzen lassen.

Doch Pastor Schulze entscheidet sich für einen anderen Bewerber, die Gemeindeversammlung von St Jürgen war gegen Schmidt. Wenn man Atheist ist, hat man selbst in einem abgelegenen Moordorf keine Chancen. Schade, es war so still dort, schreibt er an seinen Freund Alfred AnderschGenau die Landschaft, die ich für 'Lilienthal' brauche. Wenn ich nicht bald nach Norddeutschland gelange, entsteht das Buch nie. Harald Kühn vom Heimatmuseum in Lilienthal hat zu der Geschichte gesagt: Hätten wir etwas sensibler diese ganze Sache damals betrachtet, dann wäre er ins Küsterhaus gezogen, er hätte einen fantastischen Roman geschrieben, und Lilienthal hätte heute auf diesem Gebiet Weltgeltung gehabt, in der Weltliteratur zumindestens


Noch mehr über Observatorien, Sterne und Zeitmessung finden Sie hier: EurekaAdam Elsheimer, Zeiss, Observatorium, Abschiedsgeschenk, Dampfschiffahrt, Zeitmessung, Sommerzeit, Sir Christopher Wren, 18th century: Georgian Era, Alberto Santos-Dumont, Astronomie

Freitag, 9. Oktober 2020

Günter de Bruyn ✝


Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer erschien beim S. Fischer Verlag Günter de Bruyns Buch Deutsche Zustände, durchgehend illustriert mit Photos von Barbara Klemm, die mit ihrer Ruhe und Ausgewogenheit hervorragend zum Ton des Buches passen. Nicht zuletzt die Duotone Druckqualität der Photos und das ruhige Layout des Buches tragen zum sinnlichen Vergnügen der Lektüre bei. Dies war ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer ein Buch, das ein anderes Deutschland jenseits des peinlichen politischen Tagesgeschäfts und der bunten Versprechungen der Werbewelt zeigte. Ich halte es eigentlich für eine perfekte Einführung in die Welt von Günter de Bruyn. Deshalb erwähne ich es mal ganz am Anfang, obgleich dies natürlich nicht der Anfang seiner schriftstellerischen Karriere ist.

Er hatte schon immer eine ganze Menge mit Fontane (von dem er auch eine schöne Auswahl der Gedichte herausgegeben hat) gemein: die Konzentration auf eine Region, die liebevolle Landschaftsbeschreibung, das Aufzeigen von Geschichte und Geschichten dahinter. Aber jetzt im Alter nähert sich Günter de Bruyn immer mehr - auch stilistisch - seinem großen Vorbild an. Und die Fontane Essays in diesem Buch sind sicherlich das Herzstück dieses wunderbaren, leicht elegischen Bandes. Nach zehn Jahren des neuen Deutschlands macht Günter de Bruyn eine unaufgeregte, abgeklärte Bestandsaufnahme von Brandenburg (und Umgebung). Wobei die Region sicher nicht austauschbar ist, aber doch symbolisch für das andere Deutschland steht, das wir jahrzehntelang nicht kannten.

Manches in diesem Band gibt es in längerer Fassung, wie sein anrührendes Buch über die Grafen Finckenstein, die auch hier im Kapitel Musenhöfe eine Rolle spielen. Denn das Buch Die Finckensteins. Eine Familie im Dienste Preußens war wieder einmal Günter de Bruyn at his best, Familiengeschichte und Kulturgeschichte in einem. Und natürlich auch ein Kapitel Literaturgeschichte, weil hier die Liebesgeschichte zwischen Rahel und Karl Finckenstein noch einmal erzählt wird. Die Briefe der beiden hatte de Bruyn ja unter dem Titel Rahels erste Liebe: Rahel Levin und Karl Graf von Finckenstein in ihren Briefen auch herausgeben. Das Berlin der Zeit Rahels ist ein Ort, an dem sich Günter de Bruyn offensichtlich zuhause fühlt. Man kann das an dem vor fünf Jahren erschienen Buch Als Poesie gut: Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807 sehen, in dem der Autor in einem halben Hundert wunderbarer Kapitel (die sich alle auch einzeln lesen lassen) demonstriert, dass das geistige Zentrum Deutschlands nicht Weimar sondern Berlin war. Wir lassen diesen Lokalpatriotismus mal durchgehen. Berliner sind so.

Und an dieser Stelle muss ich unbedingt Zwischenbilanz: Eine Jugend in Berlin erwähnen, es ist ein lesenswertes Buch, das mit den Sätzen beginnt: Mit achtzig gedenke ich, Bilanz über mein Leben zu ziehen; die Zwischenbilanz, die ich mit sechzig beginne, soll eine Vorübung sein: ein Training im Ich-Sagen, im Auskunftgeben ohne Verhüllung durch Fiktion. Nachdem ich in Romanen und Erzählungen lange um mein Leben herumgeschrieben habe, versuche ich jetzt, es direkt darzustellen, unverschönt, unüberhöht, unmaskiert. Und Zwischenbilanz wird uns unverschönt, unüberhöht, unmaskiert in das Berlin seiner Jugend entführen. Und übergangslos vom Kinobesuch (es gab Emil und die Detektive) zu etwas historisch Wichtigerem zu kommen. Weil der Nachbar Herr Mägerlein, angetrunken und in bester Laune, davon redet, daß es nach all den bösen Jahren nun mit Deutschland wieder aufwärts gehe, denn endlich sei, seit vormittag 11 Uhr der Adolf dran. Und davon wird dies Buch auch handeln, besonders davon, dass jetzt alles aufwärts geht.

Das erste, das ich von de Bruyn las, war vor Jahrzehnten Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter, seine Jean Paul Biographie. Dann kam Märkische Forschungen, dann fiel mir Der Hohlweg in die Hand, und irgendwann begann ich in Antiquariaten alles mitzunehmen, wo Günter de Bruyn drauf stand. Was mir eine schöne Übersicht über das Werk gibt. Und ich könnte jetzt weiter schreiben und weiter schreiben. Aber ich höre hier einfach mal auf. Die Geburtstagsgrüsse darf ich natürlich nicht vergessen. Und ich sollte vielleicht noch sagen, dass es am 24.11.2011 im Berliner Schloss Bellevue ein Fest für Günter de Bruyn zum 85. Geburtstag gibt, das offensichtlich vom Bundespräsidialamt und dem S. Fischer Verlag ausgerichtet wird. Viele Schriftstellerkollegen werden bei der Soiree aus seinem Werk lesen. Das Deutschlandradio sendet eine Aufzeichnung am 18.12. um 00.05, eine bessere Zeit ist ihnen wohl nicht eingefallen.

Niemand redet heute noch über die angeblich zwei deutschen Literaturen. Diese vom Zentralkomitee der SED in die Welt gesetzte These, die auch schon zur Zeit ihrer Entstehung von Klardenkenden als unsinnig erkannt wurde, überlebte ihre Urheber nicht. Die gemeinsame Sprache und die literarischen Traditionen waren stärker als die Doktrinen des Kalten Krieges, hat Günter de Bruyn in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Preises der Deutschen Gesellschaft e.V. für Verdienste um die deutsche und europäische Verständigung an ihn und Martin Walser gesagt. Und er ist, und das mag manchem als altmodisch erscheinen, gegen die Sprachverluderung mit Anglizismen und anderen Unsinn eingetreten: Der Widerstand gegen die Sprachverluderung zeugt weder von Fortschrittsfeindschaft noch von Nationalismus, wohl aber von Sorge um unsere kulturelle Identität. Deshalb sollten wir unsere Sprache wie unsere Baudenkmäler und die Regeln unseres Zusammenlebens zu schützen versuchen, auch wenn diese Abwehr dem Kampf gegen Windmühlenflügel zu gleichen scheint. Hat es doch auch ein Don Quijote zu ewigem Nachruhm gebracht.

Sie können die Rede hier nachlesen. Es lohnt sich, einmal einen Augenblick darüber nachzudenken. Sie haben es beim Lesen gemerkt, dass dieser Text für den 85. Geburtstag des Schriftstellers im Jahre 2011 geschrieben wurde. Günter de Bruyn ist vor einigen Tagen im Alter von fast 94 Jahren gestorben, deshalb stelle ich das heute noch einmal ein, es ist eigentlich immer noch gut. Den zweiten Band seiner Autobiographie, Vierzig Jahre, hätte ich noch erwähnen sollen. Günter de Bruyn hat Ehrungen erhalten wie kaum ein anderer deutscher Schriftsteller. Zu Recht. Die Annahme vom Nationalpreis der DDR hat er 1989 abgelehnt. Ich habe immer gedacht, dass man ihn in Stockholm auch mal auf die Liste der Nobelpreisträger hätte setzen können. Ich weiß nicht, wer Louise Glück ist, vielleicht hat sie den Nobelpreis ja verdient. Aber jemand wie Peter Handke hätte den nie bekommen dürfen. Günter de Bruyn schon.


Donnerstag, 8. Oktober 2020

Unterschriften


Bei den Unterschriften unter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fällt eine auf, nämlich die von John Hancock (der heute vor 227 Jahren starb). Manche sagen, dass seine Unterschrift so groß ist, weil er der Präsident des Continental Congress war, andere schieben es auf seine Eitelkeit. Hancock soll gesagt haben, dass er seinen Namen so groß geschrieben habe, damit der englische König mit seinen schwachen Augen das Ganze gut lesen könne. So schön die Geschichte ist, sie hat einen kleinen Fehler: dieses Dokument wird der englische König niemals zu Gesicht bekommen, das bleibt in Amerika. George III bekommt nur eine Abschrift, da hat Hancocks Name nicht diese Größe. Hancock war der erste, der die Declaration of Independence unterzeichnet. Alle anderen Abgeordneten schreiben ihren Namen später auf das Pergament. Es wird noch ein halbes Jahr dauern, bis alle Abgeordneten unterschrieben haben. Dass alle am 4. Juli 1776 unterschreiben, ist ein Mythos. Die amerikanische Geschichte besteht aus vielen kleinen Lügen.

Auf diesem Bild von John Singleton Copley schreibt John Hancock seinen Namen noch nicht dreizehn Zentimenter groß. Aber da ist er auch noch nicht der Präsident des Kongresses. Eine große Schreibfeder hält er aber schon in der Hand. Copley konnte Hancock, der sein Nachbar in Beacon Hill war, nicht ausstehen. Ich glaube, man kann das dem Bild anmerken. Hancock ist zurückhaltend gekleidet, nichts auf dem Bild weist auf seinen Reichtum hin. Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, aber sein reicher Onkel hatte ihm eine gute Bildung (sprich Harvard) zukommen lassen und ihn in seine Firma aufgenommen. Nun ist der Onkel gerade gestorben und hat ihm das riesige Haus in Beacon Hill hinterlassen. Wenn Hancock mit seiner Kutsche durch Boston fährt, protzt er in Samt und Seide mit seinem Reichtum, man nennt ihn King Hancock. Er ist einer der reichsten Männer der dreizehn Kolonien. Aber für dieses Bild ist er die puritanische Zurückhaltung in Person.

Die übergroße Unterschrift von John Hancock, dessen Name in Formulierungen wie Please, put your John Hancock here! schon zu einem Synonym für das Wort Unterschrift geworden ist, bringt mich zu einem anderen amerikanischen Politiker. Der wie Hancock seinen Reichtum geerbt hat. Allerdings nie in Harvard war. Das hier ist kein Rorschach Test, das ist die Unterschrift von Donald Trump. Er braucht mit seinem Sharpie Pen (für die Firma macht er auch Reklame) lange dazu, beinahe eine Sekunde pro Buchstaben. Obama hatte in ein, zwei Sekunden seinen Namen geschrieben, Sie und ich wahrscheinlich auch. Ich hätte hier ein kleines Video, in dem uns eine Expertin einiges über die Unterschrift sagt.

Man unterschreibt ein Dokument mit seinem Namen, indem man seine Unterschrift unter den Text setzt. Daher kommen die Wörter Unterschrift und unterschreiben. Das mit dem unten hat unser Donald nicht so richtig begriffen. Bei dem Staatsakt zum fünfundsiebzigsten Jahrestag des D-Day unterzeichneten sechzehn Regierungschefs ein Dokument to ensure that the sacrifices of the past are never in vain and never forgotten. Einer von ihnen hat das nicht so richtig hingekriegt, der hat seinen Namen oben links in die Ecke gekritzelt.


Dienstag, 6. Oktober 2020

Pfeifen: quer durch Europa


Der Händler hatte diese Pfeife für 19 Euro ins Netz gestellt, ließ aber einen Preisvorschlag zu. Ich bot ihm 15 Euro, nach einem Tag  des Nachdenkens stimmte er diesem Preis zu. Die schöne Pfeife war beschrieben als Huber Old Briar Swiss made. Das Old Briar vergessen wir mal, das bedeutet gar nichts. Dänische Firmen wie Stanwell und Bari haben das gerne auf ihre Pfeifen geschrieben. Sie suggerieren damit, dass ihr Bruyereholz noch älter als das vierzig bis fünfzig Jahre alte Holz der Konkurrenz ist. Überprüfen kann man das nicht. Der Name Huber steht für Georg Huber in München, ein renommiertes Geschäft, ungefähr das, was Tabac Trennt für Kiel ist. Das Mundstück ist auch mit einem GH für Georg Huber signiert. Die Pfeife wurde als aufgearbeitet bezeichnet, aber man konnte auf den sehr guten Photos sehen, dass sie nie benutzt worden war.

Das Interessante war dieses Swiss Made in der Beschreibung, im Gegensatz zu England, Frankreich, Dänemark oder Italien sind die Alpenländer nicht unbedingt für ihre Tabakpfeifen berühmt (in Tirol ist allerdings ein Mann namens Ludwig Lorenz eine Berühmtheit). Außer dem Swiss Made war da diese kleine Nummer unten auf der Pfeife, wo man auch eine sehr schöne Birdseye Maserung erkennen kann, die einen Aufschluß darüber gibt, wer diese Pfeife gemacht hat.

Der Mann heißt Hans Jonny Nielsen, und die Pfeifenwelt kennt ihn unter seinem Spitznamen Former, unter dem er jetzt Pfeifen macht und verkauft. Er ist heute wieder in seinem Heimatland Dänemark, aber 1986 war er in die Schweiz gezogen, weil er da die Chance hatte, eine kleine Fabrik namens Bru-Bu in Kleinlützel zu leiten. Die Idee dazu kam von dem ehemaligen Reemtsma Chef Dr Horst Wiethüchter, der sich im Ruhestand langweilte. Die Fabrik hatte dem Amerikaner Herman G. Lane gehört, der sich in den sechziger Jahren mit dem Kauf von Marken wie Charatan und Ben Wade einen großen Teil vom englischen Kuchen gekauft hatte. Heute gehört die Herman G. Lane Ltd der Scandinavian Tobacco Group in Kopenhagen, der größten Tabakgruppe der Welt.

Nielsen nannte seine Produkte Bentley (Rolls-Royce wäre wohl ein bisschen zu viel des Guten gewesen), man erkennt sie leicht an dem weißen B auf dem Mundstück. Er belieferte auch Händler oder andere Firmen (wie zum Beispiel Charles Fairmorn) mit seinen Pfeifen, die dann meistens nicht Bentley signiert waren, sondern den Namen des Händlers trugen. Und das waren große Namen wie Schneiderwind  in Aachen, Pfeifen Tesch in Hamburg und eben Georg Huber. Es fiel mir nicht schwer, die Georg Huber Pfeife als ein Bentley Produkt zu identifizieren, denn ich habe eine alte Bentley Pfeife. Das weiße B auf dem Mundstück ist da ein wenig abgerieben, aber den Rest kann man noch lesen. Den Silberring, der die Pfeife ziert, muss man von Zeit zu Zeit putzen.

Nielsen hat nach zehn Jahren die Schweiz wieder verlassen, war einige Jahre in Lauenburg bei der Firma Dan Pipe, und ist jetzt wieder in Dänemark. Pfeifen, die heute Bentley heißen, haben mit Former Nielsen nichts mehr zu tun. Sie werden in Holland von der Firma Gubbels hergestellt. Kosten ab 300 Euro aufwärts, haben dafür aber ein Logo der Automarke auf der Pfeife. Sehen irgendwie scheußlich aus. Die häßlichen Bentley Pfeifen (und die ebenso scheußlichen Porsche Design Pfeifen) waren die große Hoffnung der Firma gewesen, die 2012 schon einmal vor der Pleite stand, ins ganz große Luxusgeschäft zu kommen. Sie hatten auch den deutschen Pfeifenmacher Rainer Barbi für das Design einer Pfeifenlinie verpflichtet. Über die schrottige Qualität der Hilson Designed by Rainer Barbi Pfeifen war Barbi todunglücklich.

Dass die Holländer überhaupt eine Pfeifenindustrie haben, verdanken sie den Engländern. Dem König James gefiel die neue Mode des Pfeiferauchens (oder Tabaktrinkens, wie man damals sagte) überhaupt nicht. Er verfasste 1604 ein Pamphlet, das den schönen Titel A Counterblast to Tobacco hat. Wo er schreibt: Have you not reason then to bee ashamed, and to forbeare this filthie noveltie, so basely grounded, so foolishly received and so grossely mistaken in the right use thereof? In your abuse thereof sinning against God, harming your selves both in persons and goods, and raking also thereby the markes and notes of vanitie upon you: by the custome thereof making your selves to be wondered at by all forraine civil Nations, and by all strangers that come among you, to be scorned and contemned. A custome lothsome to the eye, hatefull to the Nose, harmefull to the braine, dangerous to the Lungs, and in the blacke stinking fume thereof, neerest resembling the horrible Stigian smoke of the pit that is bottomelesse.

Das Resultat des königlichen Tabakhasses ist, dass viele englische Pfeifenmacher (es sind noch Tonpfeifen, von denen hier die Rede ist, das Bruyereholz ist noch nicht für die Pfeife entdeckt) nach Holland ziehen. Ein Jahrzehnt nach dem königlichen Pamphlet ist Gouda das Zentrum der Tonpfeifenindustrie. Die Schriftstellerin Therese Huber (die mit Georg Forster verheiratet war) schreibt 1811 darüber: In Gouda sah ich die Pfeifenfabriken, die mir Freude machten, von denen ich euch aber nichts sage, weil ihr Beschreibungen davon lesen könnt in allen technischen Büchern; leset sie aber auch, denn die mechanischen Kunstgriffe bei dieser Arbeit sind sehr hübsch. Mit so einer irdenen, langen, wohlverzierten Pfeife zu rauchen, scheint mir die wahre Ode des Rauchens zu seyn, die persische Pfeife ist die Epopee

Tonpfeifen waren damals das große Geschäft. Bevor Johann Friedrich Böttger das Porzellan erfand, produzierte er in Meißen erst einmal Tonpfeifen, um den Holländern Konkurrenz zu machen. Die Tonpfeifen verschwanden im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Bruyerpfeifen langsam vom Markt. In der Wiener Gesellschaft hielt sich allerdings immer noch die sogenannte Wiener Kaffehauspfeife. Aber es gibt auch heute noch Gelegenheiten, wo Tonpfeifen zum Einsatz kommen. Zum Beispiel bei der Bremer Schaffermahlzeit (hier Wilhelm Kaisen und Theodor Heuss beim Rauchen), da liegen sie für jeden Gast auf dem Tisch. 

Als der der Pfeifenraucher Gerard Dou 1655 sein Selbstportrait malt, gab es die Schaffermahlzeit schon, doch die Tonpfeifen kamen noch nicht wie heute aus Hilgert im Westerwald. Die Kolonialmacht Holland war zu Gerard Dous Zeiten auch eine Tabakmacht, dafür sorgte der Tabak aus Nieuw Nederland in Amerika, aus Sumatra und Java. Die Firma Gubbels, die die Bentley Pfeifen herstellte, kann nicht auf eine jahrhundertalte Tradition blicken (so alt wie Oldenkott ist sie nicht). Sie produziert erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs Pfeifen. Wenn die Firma mit dem Entstehungsjahr 1873 wirbt, dann muss man sagen, dass Johannes Henricus Gubbels damals gerade einen Gemischtwarenladen gegründet hatte.

Die Firma Gubbels hatte mit ihren Marken Amphora, Big Ben, Hilson (ehemals eine eigenständige belgische Firma), Porsche Design und Royal Dutch eine Spitzenposition im europäischen Markt, musste allerdings vor wenigen Monaten Insolvenz anmelden. Da half es auch nicht, dass sie sich dank des holländischen Königs De Koninklijke Fabriek van Tabakspijpen nennen durft. Jetzt werden die Pfeifen wohl zu Sammlerstücken. Der Niedergang der holländischen Pfeifenindustrie hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass sich die Holländer in den Coffee Shops andere Dinge als Tabak reinpfeifen. Das war vor sechzig Jahren anders, da verbrauchte man in Holland (damals 11,5 Millionen Einwohner) die gleiche Menge Rauchtabak wie in Westdeutschland (53,7 Millionen Einwohner).

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Mein Fundstück bei ebay hat nichts mit den neuen holländischen Bentley Pfeifen gemein; diese tiefrote alte Pfeife von Former Nielsen ist beinahe ein klassisches Modell, hat aber diesen Touch von dänischem Design, das die dänische Pfeifenindustrie groß gemacht hat. Angefangen haben beinahe alle dänischen Pfeifenmacher (und damit meine ich Namen wie Emil Chonowitsch, Björn Bengtsson, Tom Eltang und Anne Julie) bei Poul Rasmussen

Hans Jonny Nielsen hat da auch das Handwerk gelernt, bevor er zu W.Ø. Larsen ging. Die dänischen Pfeifenmacher sind alle groß im Geschäft, auch wenn sie nicht aus der Rasmussen Schule kommen wie Erik Nørding, der mal mit seinem Partner die gesuchten SON (Skovbo og Nording) Pfeifen herstellte. Die Dänen profitieren natürlich auch vom Untergang der englischen Pfeifenindustrie. Der Schriftzug Made in Denmark oder Handmade in Denmark ist inzwischen bei Pfeifenrauchern attraktiver als das Made in England, das einmal für Qualitätspfeifen stand. Die Engländer verlieren peu à peu alles, wofür sie mal berühmt waren. Die Automarke Bentley gehört ja auch schon zu VW.

Ein Däne macht aus Bruyereholz aus Korsika Pfeifen mit einem englischen Namen in einer kleinen Fabrik in der Schweiz (die zuvor Tiroler Pfeifen und Spazierstöcke hergestellt hat), die einem Amerikaner von einem Deutschen abgekauft wurde. Das Pfeifengeschäft ist international geworden, ist aber noch in europäischer Hand. 

Aber es ist viel Bewegung auf dem Pfeifenmarkt. Die englische Marke Ben Wade kam plötzlich aus Dänemark, die dänischen Stanwell kommen seit 2008 aus Italien (Italiener wie Savinelli verkaufen ihre Pfeifen inzwischen bei Amazon). Eine englische Comoy's (lesen Sie hier mehr zu der Firma) die Comoy's Leonardo styled by Lorenzo gestempelt war, habe ich auch schon gesehen. Charatan Pfeifen wurden nach der Übernahme der Fima durch Dunhill bei Butz Choquin in St Claude hergestellt, und immer wieder gibt es das Gerücht, dass Dunhill Pfeifen auch in Frankreich hergestellt werden. Bei Butz Choquin nicht mehr, denn der berühmteste französische Pfeifenhersteller hat im September des letzten Jahre Insolvenz angemeldet. Vielleicht sind die dänischen Pfeifenmacher, die nur eine kleine Werkstatt und wenige Angestellte haben, das Modell der Zukunft.

Samstag, 3. Oktober 2020

30 Jahre: 3 Gedichte


Im letzten Jahr hieß der Post am Nationalfeiertag 3. Oktober 2019. Die Basis des Posts war der Post Einheit aus dem Jahre 2010. Ich stelle heute einmal etwas ganz anderes ein, obgleich ich den alten Post zum 3. Oktober mag. Er ist mit Liebe geschrieben. Ich hatte 2010 das Buch Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise hervorgehoben, es ist ein sehr schönes Buch. Ich mag die Autorin sehr, und ich freue mich, dass sie in diesem Jahr den Uwe Johnson Preis bekommen hat. Ich habe Hölderlins Satz Was bleibet aber stiften die Dichter schon vor zehn Jahren zitiert, wir lassen die Dichter heute einmal zu Wort kommen. Ich habe drei Dichter und drei Gedichte für den heutigen Tag ausgewählt, die über das Deutschland schreiben, das ihr Deutschland war. Über das Deutschland, das Volker Braun in zwei Zeilen so beschrieb: Was ich niemals besaß wird mir entrissen. Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.

Reiner Kunze

Die mauer
zum 3. Oktober 1990

Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht, 
wie hoch sie ist
in uns

Wir hatten uns gewöhnt 
an ihren horizont

Und an die windstille

In ihrem schatten warfen
alle keinen schatten

Nun stehen wir entblößt 
jeder entschuldigung.

Sarah Kirsch

Aus dem Haiku-Gebiet

Das neue Jahr: 
Winde Aus alten Zeiten 
Machen mir Zahnweh.

Unter dem Himmel des
Neuen Jahrs gehen die 
Alten Leute.

Wie der Schnee sie auch
Verklärt — meine Heimat 
Sieht erbärmlich aus.

Den Mond über der Havel
Hatte Schalck wohl 
Zurückgelassen.

Heul, sag ich, heul! Der Hund
Hilft mir das Jahr 
Zu Ende zu bringen.

Normannenstraße ich sehe
Den Leuten zu beim 
Beinemachen fürs neue Jahr.

Das Jahr geht hin
Noch immer trage ich 
Reisekleider.

Kurt Drawert

Mit Heine

Das Land, von dem die Rede geht,
es war einst nur in Mauern groß,
dies Land, von Lüge zugeweht,

ich glaubte schon, ich wär es los.
Ich glaubte schon, es wär entschieden,
daß wer nur geht, auch gut vergißt.

Doch war nun auch ein Ort gemieden,
der tief ins Fleisch gedrungen ist.
Als fremder Brief mit sieben Siegeln

ist mir im Herzen fern das Land.
Doch hinter allen starken Riegeln
ist mir sein Name eingebrannt

Es gibt natürlich noch viel, viel mehr. Der berühmte Germanist Karl Otto Conrady, der im Juli im Alter von vierundneunzig Jahren gestorben ist, hatte zwei Jahre nach seiner Emeritierung bei Suhrkamp ein interessantes Buch herausgebracht. Von einem Land und vom andern: Gedichte zur deutschen Wende 1989/1990 heißt es. Man kann es noch antiquarisch preiwert finden. Die Germanistik hat inzwischen ein neues, eigentlich schreckliches, Wort: Wendeliteratur. Es ist viel aufzuarbeiten, nicht nur von der Germanistik.