Freitag, 18. Februar 2022

Attentat


Sie werden wahrscheinlich Gisi Gruber nicht kennen, die den schönen Roman Margit Libenyi: Der Roman einer großen Liebe geschrieben hat. Und wahrscheinlich werden Sie auch nicht wissen, wer Margit Libenyi war. Den 1951 erschienenen Roman kann man heute noch antiquarisch finden, er hat mich (Hardcover, 288 Seiten) drei Euro gekostet. Margit Libenyi ist ein Liebesroman, die Geschichte einer jungen Frau, die aus einem Dorf in Ungarn nach Wien kommt und ins Showgeschäft will. Und die einen aristokratischen Geliebten findet, der ihr die Tanzausbildung bezahlt, Franz Hohenems soll sie ihn nennen. Wenn heute hübsche Frauen aus Ungarn kommen, dann gehen sie nicht nach Wien, dann gehen sie in die Pornoindustrie, nennen sich Anita Dark, Anita Blond oder Nikky Anderson. Aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem Roman von Gisi Gruber sind wir in einem anderen Jahrhundert. Da sind wir in der Welt von Joseph Roth und dem Roman Radetzkymarsch (für den es hier schon den Post Radetzkymarsch gibt), wo der junge Leutnant Trotta seinem Kaiser in der Schlacht von Solferino das Leben rettet. 

Und um diesen Kaiser geht es. Denn der Geliebte der Margit Libenyi ist niemand anderer als Franz Joseph, der sich 1853 mit Sissi verloben wird. Die ist erst fünfzehn Jahre alt, sie wird später an ihre Tochter schreiben: Die Ehe ist eine widersinnige Einrichtung. Als fünfzehnjähriges Kind wird man verkauft und tut einen Schwur, den man nicht versteht und dann 30 Jahre oder länger bereut und nicht mehr lösen kann. Wir wissen, dass der Kaiser Franz Joseph, als er sich von seiner Gattin entfremdet hatte und sie auf Korfu in ihrem Achilleion lebt, zahlreiche Geliebte gehabt hat. Man kennt deren Namen, aber den Namen Margit Libenyi kennen Historiker nicht. 

Am 18. Februar 1853 gibt es in Wien ein Attentat. Ein ungarischer Schneidergeselle aus Csákvár namens János Libenyi hat versucht, den österreichischen Kaiser zu ermorden. Wir sehen ihn hier mit einem Messer in der Hand. Er wird an seiner Tat von dem Adjutanten des Kaisers, Graf O’Donnell von Tyrconell, und dem Rentier Josef Ettenreich gehindert. Der Schneidergeselle, der keine Begründung für seine Tat angibt, wird acht Tage später gehängt. War er ein ungarischer Freiheitskämpfer? In einem Verhörprotokoll steht: Ich mußte sehen, daß meine Landsleute aufgehängt und erschossen und scharenweise auf die Festung verurteilt worden sind, und daß alle Freiheit im Lande verschwunden ist. Diesen Zustand konnte ich nicht ertragen. Aber das ist nicht seine Sprache, wer immer das geschrieben hat. Fünfzigtausend Menschen werden im Schneetreiben zu der Hinrichtung kommen. Irgendwann taucht nach seinem Tod das Gerücht auf, dass er der Bruder von Margit Libenyi gewesen sei, dass er die Ehre der Familie habe wiederherstellen wollen, indem er ihren Liebhaber, den jungen Kaiser, tötet.
 
Monate vor dem Attentat war Kaiser Franz Joseph während eines Praterbesuchs ein Mädchen aufgefallen, das vor einer Schaubude stand und die neugierigen Blicke des jungen Monarchen heftig erwiderte. Um ihn noch mehr für sich zu interessieren, brachte es ihm eine temperamentvolle Csardas-Einlage dar. Der Kaiser erfuhr, daß es eine Nichte der Budenbesitzerin, einer gewissen Frau Danzinger, war, Margit Libényi hieße und aus dem ungarischen Dorf Czakvar stamme. Im Laufe einer folgenden Bekanntschaft soll ihr Kaiser Franz Joseph auch eine Ausbildung als Tänzerin bezahlt haben. Margit Libenyi nennt sich danach Mizzi Langer, wird Mitglied des kaiserlichen Hofopernballetts und singt in der Oper. Angeblich. Und taucht 1951 in dem Roman von Gisi Gruber auf. Franz Joseph wird das Attentat übrigens ohne größere Verletzungen überstehen. Für die glückliche Rettung Seiner Majestät wird am Nachmittag in der St Stephanskirche das Te Deum abgehalten. An der Stelle des Attentats wird die Wiener Votivkirche gebaut werden.

Gisi (Gisela) Grubers Roman über die ungarische Tänzerin Margit Libenyi war zuerst 1946 als Novelle unter dem Titel Ein Mädchen geht in die Stadt in dem Sammelband Rendezvous in Schönbrunn: Sieben Altwiener Novellen erschienen. Gruber griff nur etwas auf, was in Wien seit 1853 erzählt und in neuen Varianten immer wieder aufgetischt worden ist. In schriftlicher Form zuerst 1924 in Der Wiener Pitaval des Oberpolizeirats a.D. Ubald Tartaruga (Edmund Otto Ehrenfreund), der die Geschichte aus dem Budapester Neuen Politischen Volksblatt hat. Wir können die Geschichte noch achtzig Jahre später bei Gabriele Praschl-Bichler in einem stilistisch unausstehlichen Buch mit dem Titel Kaiser Franz Joseph ganz privat lesen: Der Ruf der Ungarin als Kaiserliebchen war bis in ihr Heimatdorf gedrungen und soll dort viel für Aufruhr unter der Bevölkerung veursacht haben. Die Bitten ihres Bruders, János Libényi, sie möge sich vom Kaiser lossagen, blieben unbeantwortet, und so faßte der 'Entehrte' den Entschluß, die Schuld der Schwester durch ein Attentat auf den Kaiser zu sühnen. Wir finden die Geschichte ebenso bei Anni Stern-Braunberg in Sissi, das Ungarmädel: Tatsachen, Irrtümer, Vermutungen, bei Sigrid-Maria Größing in Franz Joseph und seine Familie: Ein Kaiser blickt zurück und bei Walter Brendel in Das Liebesleben der Habsburger. Da schreibt einer vom anderen die Geschichte ab, und schmückt sie aus: deine schimmernden schwarzen Haare sind wie Rabenflügel, und deine weißen Zähne wie Perlen ... So schmale Hände und Füße hat keine in Wien, und keine schreitet so schön und stolz. Komm' nach Wien, Margit, kleine Pußtablume, man wird dich dort in Gold aufwiegen. Komm' zu mir, und ich will dich in knisternde Seide kleiden, du mußt nie mehr zu Fuß gehen, du wirst im Wagen fahren und schöner sein als die Schönste.

Dann lesen wir doch lieber den Roman von Gisi Gruber als so etwas. Gruber schreibt nicht nur unter ihrem Namen diese Herzschmerz Schmonzetten, sie schreibt auch noch unter den Pseudonymen Barbara Maria Alsegger und Jules Charpentier. Als Barbara Maria Alsegger hat sie 1942 großen Erfolg mit ihrem Roman Mein vielgeliebter Mann. Der allerdings nichts als ein Plagiat von Dinah Nelkens Roman Ich an Dich war. Gruber alias Alsegger wurde 1948 zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Mehr Erfolg hatte Gisi Gruber mit ihren Krimis, die sie unter dem Pseudonym Jules Charpentier schrieb, von denen einer sogar verfilmt wurde.

Das Bild von Johann Joseph Reiner, unter dem wir lesen können: Franz Josef I., Kaiser v. Österreich, wurde am 18. Febr. 1853, durch Meuchlers Hand am Hinterhaupte verwundet. Durch die göttliche Vorsehung wurde es aber dem Obersten Grafen O’Donell, Flügeladjutant S.M. und Jos. Ettenreich, Bürger v. Wien ermöglicht, das geheiligte Haupt des Kaisers vom gewissen Tode zu erretten. Gott dankend, widmet dieses Bild, Ferdinand Braunsteiner, gehört zur Geschichte Österreichs. Es war hier im Blog schon in dem Post Bilder vom Tage zu sehen, dort gibt es auch eine andere Fassung des originalen Votivbildes. Aber Margit Libenyi: Der Roman einer großen Liebe wird da nicht erwähnt. Und wir müssen uns leider damit abfinden, dass es die kleine Pußtablume, deren Ehre der Attentäter wieder herstellen will, überhaupt nicht gegeben hat: Trotzdem schwindet bei näherem Besehen die Glaubwürdigkeit der Familienehren-Version: Es gibt keine Schwester Margit Libényi, in ganz Csákvár kommt auch bei anderen Familien namens Libényi der Vorname Margit nicht vor.

Mittwoch, 16. Februar 2022

Sturmflut


Das ist jetzt sechzig Jahre her, dass wir in Norddeutschland die große Sturmflut hatten, bei der es in Hamburg mehr als dreihundert Tote gab und ein Fünftel der Stadt unter Wasser stand. Lernen wir aus der Geschichte? Wir brauchen nicht auf die Erste und Zweite Marcellusflut und die Burchardiflut von 1634, die man auch die Zweite Mandränke genannt hat, zurückgehen, wenn wir über die Flutkatastrophe von 1962 reden. Die Hollandflut lag da erst neun Jahre zurück, und man hätte von dieser Katastrophe viel lernen können.

In Hamburg brechen in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 die Elbdeiche an mehr als sechzig Stellen. Wilhelmsburg steht unter Wasser. Der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt ruft Bundeswehr und Nato zu Hilfe. Das darf er eigentlich nicht, aber er wird später sagen: Wir haben uns nicht an Gesetz und Vorschriften gehalten, wir haben möglicherweise die Hamburger Verfassung verletzt, wir haben sicherlich am Grundgesetz vorbei operiert. Es war ein übergesetzlicher Notstand. Der übergesetzliche Notstand macht ihn zum Krisenmanager, macht ihn berühmt. Er wird in der Presse der Herr der Flut.

Operierte er wirklich am Grundgesetz vorbei? Historiker wie Helmut Stubbe da Luz haben darauf hingewiesen, dass es bereits seit 1958  eine Dienstvorschrift des Verteidigungsministeriums gab, die bestimmte, wie die Bundeswehr bei Katastrophen wie Sturmfluten einzusetzen sei. Und Schmidt war am Morgen des 17. Februar auch nicht der erste, der Hubschrauber anforderte und bekam, das hatte man in Bremen und an der Nordseeküste schon früher getan. Schmidt wird erst um 6:20 alarmiert, da sind schon alle Deiche gebrochen. Und schon viele haben Rettungsmaßnahmen eingeleitet und geholfen, ohne den Innensenator zu fragen. Schmidts Leistung besteht in der Organisation des Aufräumens, das gesteht Stubbe da Luz (der auch über Ascan Klée Gobert geschrieben hat) ihm zu: Die Katastrophe war ja nicht nach dem einen Tag vorbei. Helmut Schmidt hat entscheidend dazu beigetragen, das Chaos Stück für Stück in den Griff zu bekommen. Man darf nicht vergessen: Das war für die Stadt die größte Katastrophe seit dem Feuersturm von 1943. Mehr als 300 Tote! Da hat Schmidt einiges geleistet. Daran gilt es zu erinnern.

Vierzig Jahre später rettet das Elbhochwasser dem Kanzler Gerhard Schröder die Wahl. Im Gegensatz zu Schmidt tut er eigentlich nichts, er läuft nur im Gummistiefeln vor den Kameras rum. Man muss jetzt als Politiker wissen, wie man sich bei einem Hochwasser verhält. Wenn man wie Armin Laschet an der falschen Stelle lacht, verliert man die Wahl. Flutkatastrophen sind inzwischen beinahe zur Regel geworden. Jedes Jahr eine Jahrhundertflut, titelte der Spiegel 1997 nach dem Hochwasser an der Oder. Es ist traurig, aber wahr. Außer Donald Trump und der AfD wird wohl niemand mehr den Klimawandel leugnen wollen. Wenn Sie wissen wollen, wie es in Hamburg 1962 aussah: arte sendet morgen Abend die Dokumentation Die große Flut von Hamburg 1962. Und der Wetterbericht sagt, dass es ab morgen wieder starke Stürme geben wird. 

Ich stelle heute noch einmal etwas ein, das hier schon am 16. Februar vor zehn Jahren stand: 

Vor fünfzig Jahren gab es in der Nacht vom 16. zum 17. Februar in Norddeutschland eine verheerende Flutkatastrophe, die hauptsächlich Hamburg betraf. Als damals junger 'Zeitzeuge' schlage ich dazu einmal einige Seiten aus meinen Jugenderinnerungen auf. Es klingt alles etwas despektierlich, aber ich war auch erst achtzehn.

Februar 1962, es ist kalt und windig. Na ja, eigentlich ist es schon ein Sturm, aber Bremer, die so etwas das ganze Jahr über gewöhnt sind, neigen bei Windstärke 9 oder 10 noch nicht zu Übertreibungen.. Ich sitze mit Charlie bei Konnie Krämer im Fährhaus am Utkiek. Die Kneipe hat der Konnie schon dichtgemacht, aber uns schenkt er noch ein Bier ein, geht aufs Haus. Konnie braucht uns noch. Die Weser ist beunruhigend hoch, das vom Sturm herein gedrückte Wasser fließt nicht ab. Eigentlich sollte jetzt Ebbe sein, aber die Weser ist schon auf der normalen Fluthöhe, Meter über dem Ebbepegel. Das Wasser wird auf 5,23 Meter über Normalnull steigen. Die Nacht ist blauschwarz, die Wolken fegen nur so dahin. In drei Tagen ist Vollmond, das ist bei dieser Wetterlage schlecht. Das hat jetzt nichts mit Deichromantik à la Schimmelreiter zu tun. Das bedeutet eine Springflut. Und dies ist kein Sturm mehr, dies ist schon ein Orkan. Wir schrauben zusammen mit Konnie die eisernen Platten vor die Kellerluken, dichten alles mit Säcken und gefettetem Tauwerk ab. Auch die Eingangstür, die einen Meter höher liegt.

Wir trinken noch ein Bier. Das kommt nicht bis hier, sagen wir, und klettern hinten durch ein Hoffenster aus dem Haus. Später in der Nacht will ich noch meinen üblichen Weserspaziergang mit dem Hund machen, da steht die Strandstraße schon unter Wasser. Das geschieht häufiger, das ist noch keine Gefahr. Wir alle wissen noch nicht, was in der Nacht noch kommt. Hamburg wird es schlimmer treffen als Bremen, dies sind die Stunden des Mythos von Helmut Schmidt, der seinen Bürgermeister Paul Nevermann entmachtet und mit dem Herbeiordern von NATO-Kräften gegen alles verstößt, was in der Verfassung steht. Aber vielleicht muss es dieser Mann in diesem Augenblick sein, das Fernsehen wird ihn lieben. Überall an der Deutschen Bucht wird es kleine Helden geben, die im richtigen Moment das Richtige tun und größeren Schaden verhindern. Sie alle kommen nicht ins Fernsehen, nur Helmut Schmidt. Die Hochwasser von 1976, 1981 und 2007 werden höher sein als das von 1962. Und man wird diese Sturmfluten auch ohne Helmut Schmidt überstehen. Für die beteiligten Bundeswehrkräfte wird es 1962 einen Orden geben, der sogenannte Sandsackorden wird der erste Orden sein, den die junge Bundeswehr verleiht. In Bremen-Huchting wird es große Schäden geben, wir kommen in Vegesack mit Schrammen davon.

Am nächsten Morgen haben wir schulfrei, das kommt durchs Radio. Peter und ich fahren mit dem Bus nach St Magnus, um uns das Ausmaß der Überschwemmung anzusehen. Der Admiral Brommy Weg steht unter Wasser und die Lesumwiesen auch. Das ist bei jedem Hochwasser so, die Wiesen hinter den Deichen sind eigentlich Sollbruchstellen. Gefährlich wird das erst in der Zukunft, wenn man sinnlos an allen Nebenflüssen Sperrwerke einrichtet und den Fluß durch Vertiefungen noch weiter kanalisiert. Wir müssen den Flüssen ihren Raum lassen. Sie holen ihn sich sonst - mit schlimmen Folgen für die betroffenen Menschen - zurück, wird Helmut Kohl 1997 nach der Hochwasserkatastrophe an der Oder sagen.

In Grohn schippt Kapitän Janssen, dessen Haus am Lesumufer liegt, Wasser aus seinem Keller. Und die umstehenden Gaffer beschweren sich, dass sie dabei nass werden. Ich verdrücke mich mit Peter schnell, bevor Hein Janssen uns sieht, sonst sind wir auch noch mit Schippen dran. Wenn dies schon komisch ist, dann kann man das noch steigern. Als wir zur Strandstraße kommen, steht da schon unsere halbe Schule vor dem Haus des Direx neben dem Ruderverein. Den Direktor hatte die Polizei nachts noch aufgefordert, das schöne Haus zu verlassen, das der Architekt Ernst Becker-Sassenhof in den zwanziger Jahren gebaut hat. Aber er hat das nicht getan, er glaubte nicht daran, dass das Wasser noch steigen würde. Immerhin hat er vorsichtshalber die Abiturarbeiten mit nach oben in den ersten Stock genommen. Jetzt ist das ganze Lehrerkollegium damit beschäftigt, klitschnasse Teppiche und feuchte Sessel aus dem Erdgeschoss zu räumen und auf das Gelände des Rudervereins zu tragen. Schüler geben gute Ratschläge, vor allem jenen Lehrern, die zwei linke Hände haben. Davon gibt es mehrere. Kein Schüler fasst mit an. Irgendwie sind alle der Meinung, dass dieser Schaden auch eine Strafe für Dummheit ist. Konnie Krämer wird kein Weserwasser in Keller und Kneipe haben, jeder, der hier wohnt ist Hochwasserprofi, mit Ausnahme des Direktors des Gymnasiums. Ich verstehe es nicht, der Mann ist ein guter Anglist, pädagogisch versiert, ein erstklassiger Verwaltungsfachmann. Und dann so was. Ich vermute, dass es daran liegt, dass er Wagner Liebhaber ist, er soll sogar einmal im Jahr nach Bayreuth fahren. Wagner Liebhaber sind nicht von dieser Welt. Vielleicht hat er ja im Sturm den Fliegenden Holländer gehört.

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Sonntag, 13. Februar 2022

Hosenkauf


Wenn ich am Schreibtisch sitze und in meine Tastatur tippe, dann will ich es bequem haben. Keine Jacketts, immer Sweatshirts. Das habe ich schon irgendwann einmal in diesem Blog gesagt, dass meine Arbeitskleidung aus Sweatshirts, teuren italienischen Hemden und Chinos besteht. Aber gelbe Baumwollhosen, möglichst eng und ohne Bundfalten kann man immer tragen. Sie sollten nicht baggy sein, aber auch nicht so ganz eng wie das, was die Engländer drainpipes nennen. Mein Herrenausstatter schwört seit Jahren auf Valentini, einen Italiener, der nichts anderes als Hosen macht. Und das können die Italiener ja. Incotex ist auch O.K., und neuerdings ist Cucinelli auch in diesem Geschäft mit sauteuren Hosen. Ob die gut sind, weiß ich nicht.

Die gelben Hosen tauchen als Nankinghosen (nach der chinesischen Stadt Nanking benannt, woher die gelbe Baumwolle kommt) schon im 19. Jahrhundert in der deutschen Literatur auf. In Büchners Leonce und Lena und in Fontanes Briefen aus London, wo er uns sagt, dass man jetzt ächte Nanking-Hosen tragen müsse. Und über solche Hosen will ich heute mal eben schreiben, über Freizeithosen. Nicht über Flanellhosen oder Cordhosen, die haben hier schon einen Post. Das hellblaue Hemd auf dem Photo oben ist übrigens von Werner Scherer, der neben Rudolf Böll wohl der teuerste deutsche Herrenaustatter ist. Ich habe das mal für zehn Mark in einem Secondhand Laden gekauft, es war so billig, weil der Besitzer mit dem Namen Werner Scherer nichts anfangen konnte.

Jogginghosen wären sicherlich beim Schreiben bequem, aber sowas habe ich nie gehabt. Jogginghosen geht nicht, nicht nur weil Karl Lagerfeld das gesagt hat, sondern auch, weil sowas zu sehr an Jimmy Savile erinnert. Der inzwischen verstorbene Sexualverbrecher ist in England zur Zeit Tagesgespräch, weil Johnson behauptet hat, dass der Oppositionsführer Sir Keir Starmer als Direktor des Crown Prosecution Service verhindert hätte, Savile strafrechtlich zu verfolgen. Das war natürlich wieder eine Lüge von Johnson, die dazu führte, das Starmer in London von einem Mob auf offener Straße angegriffen wurde. Johnson hat von Donald Trump viel gelernt.

Rory Stewart (OBE FRSGS FRSL) hat über Johnson gesagt: Johnson is after all the most accomplished liar in public life – perhaps the best liar ever to serve as prime minister. Some of this may have been a natural talent – but a lifetime of practice and study has allowed him to uncover new possibilities which go well beyond all the classifications of dishonesty attempted by classical theorists like St. Augustine. He has mastered the use of error, omission, exaggeration, diminution, equivocation and flat denial. He has perfected casuistry, circumlocution, false equivalence and false analogy. He is equally adept at the ironic jest, the fib and the grand lie; the weasel word and the half-truth; the hyperbolic lie, the obvious lie, and the bullshit lie – which may inadvertently be true. Das hat zwar nichts mit Hosen zu tun, aber es musste mal gesagt werden.  

Also nichts mehr über Jogginghosen. Und auch nichts über englische Hosen. Ich glaube, die Engländer können keine Hosen. Obgleich DAKS Simpson mal für seine slacks berühmt war und auch die ersten Hosen produzierte, die man ohne Hosenträger und ohne Gürtel tragen konnte. Aber das ist lange her. In den siebziger Jahren hatte Burberry seine Hosenproduktion einmal nach Frankreich verlagert, allerdings kam die Produktion schnell zum Erliegen. Weil sich die französischen Schneider weigerten, Burberry Hosen nach den Vorgaben der Firma zu schneidern. 

Unmöglicher Schnitt, überhaupt nicht sexy, keinem französischen Schneider zuzumuten, so etwas zu schneidern. Die mit Süffisanz geführte Debatte hatte natürlich Untertöne von No sex please, we're British! Für manche Kommentatoren war die Debatte die Fortsetzung des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich. Burberry verlangt heute für diese schlichte Baumwollhose (wo immer die produziert wurde, Dressler hat schon lange die Burberry Lizenz verloren) 450 Euro. Was ganz schön happig ist. Die Schneider von Prince Charles, Anderson & Sheppard, setzen auf eine Zusammenarbeit mit der italienischen Firma von Ampelio Rota, die neben der Firma Valentini die besten italienischen Hosen macht. Valentini hat auch Zwischengrößen, die haben nicht nur 50 und 52, die haben auch eine 51 im Programm, die passt mir immer.

Früher gab es in Deutschland Hosenspezialisten, die qualitativ hochwertige Hosen herstellten. Die kamen zum Beispiel von Regent, die ja mal in den fünfziger Jahren als Hosenhersteller angefangen haben. In Bremen konnte man die in der Sögestraße bei Mey & Edlich kaufen, die damals ein seriöser bürgerlicher Laden waren. Gibt es heute nicht mehr, Mey & Edlich ist nach der Pleite von der Firma Walbusch gekauft worden. Die haben auch Hosen im Programm, ist aber kein Vergleich zu den Regent Hosen. Sehr gute Hosen kamen auch aus den Hela Kleiderwerken in der Rendsburger Landstraße 206-208 vor den Toren von Kiel (hier ein Blick in die Fabrikationshalle aus dem Jahre 1968), man konnte sie bei allen besseren Herrenaustattern kaufen. 

Aber nicht in dem Kaufhaus Hettlage & Lampe (wo es bei der Eröffnung 1972 auf der Holstenstraße so aussah), das Ottomar Lampe auch gehörte. Mit seinen Hela Hosen belieferte er nur die Herrenaustatter. Die Hela Kleiderwerke gibt es heute nicht mehr, und von Regent ist auch nichts übriggeblieben. Die Hosenspezialfabrik Adolf Vetter machte einst auch gute Hosen. Ihr Geschäftsführer Thomas Schaefer dachte sich den Namen René Lezard aus, mit dem fremdländischen neuen Namen wollten sie dann keine Hosenfabrik mehr bleiben, sondern ein großer Konzern werden. Der Untergang vor zwei Jahren war nach dieser Entscheidung eigentlich vorprogrammiert. 

Die Geschichte der deutschen Hosenfabrikanten läuft immer nach einem ähnlichen Muster ab, es gibt eine Gründungsphase, in der man sehr gute Qualität produziert, dann folgt die Expansion. Danach verlagert man Teile der Produktion ins Ausland. Fritz Hiltl begann 1955 mit seiner Frau, in Sulzbach-Rosenberg Hosen zu schneiderns, es sollten Hosen wie vom Maßschneider sein. Anfangs wurden täglich gerade einmal zwanzig Hosen produziert. 1958 stellt er auf der Kölner Herrenmode Woche seine erste Kollektion vor. Damit begann der Erfolg der Firma. Seit 2010 ist die Firma auch auf dem chinesischen Markt vertreten, die Chinesen lieben Hiltl Hosen. In Sulzbach werden nur noch Maßanfertigungen genäht, alles andere kommt aus  Rumänien und Mazedonien. Nicht made in Germany, aber made by Hiltl, ist das neue Firmenmotto. 2016 wurde die Firma von einer Holding übernommen. 2020 meldet die Firma, die Beinkultur seit 1955 auf ihrer Internetseite stehen hat, Insolvenz an. Sie wurde von einer schweizerischen Beteiligungsgesellschaft gerettet. Gerhard Kränzle, der Chef und Miteigentümer von Gardeur wurde Chef bei Hiltl.

Bei der  Konkurrenzfirma Gardeur in Mönchengladbach sieht das nicht viel anders aus. 1969 nannte die Hosenfabrik Dieter Janssen & Co, die seit den zwanziger Jahren bestand, ihre Hosenkollektion Gardeur, aus welchem Grund auch immer. Fünf Jahre später eröffnete man eine Fabrik in Tunesien. Und  im Oktober 2017 meldete man die Insolvenz an, im Dezember war die Übernahme der Firma durch die holländische Duijndam Gruppe perfekt. Nicht von einer Insolvenz bedroht ist die Firma Leineweber mit ihren Marken Brax und Eurex, obgleich sie in den letzten zwei Jahren durch Corona und Lockdown gewaltige Umsatzeinbußen hinnehmen musste. Der Name Brax ist übrigens in den fünfziger Jahren aus dem lateinischen bracae (Hosen) und dem DAKS von DAKS Simpson (für die Leinweber in Lizenz arbeitete) entstanden. Leineweber ist jetzt stark im Online Geschäft. Über den Internetkauf kann man im Stern lese: Da wird sich ja wohl eine Hose finden lassen. Der größte Irrtum. Das Internet ist eine optische Täuschung. Es gibt da gar nichts! Schlimmer als in der DDR! 16 Farbvarianten, von 'Deep Koralle' bis 'Midnight Oil Schwarz', aber nur noch in XXS, oder man muss in einer obskuren Kryptowährung bezahlen ('Sofortüberweisung').

Auch viele der anderen Hosenfabrikanten, Meyer, Alberto, Digel, Hoal, Brühl und wie sie alle heißen, sind im Netz. Meyer (Eigene europäische Produktion - zertifiziert von Made in Green by Oekotex) näht 1,4 Millionen Hosen im Jahr, ein großer Teil davon geht an C&A. Alberto beschäftigt tausend Mitarbeiter in der Türkei, in Tunesien, Polen, Marokko und China; das Familienunternehmen Hoal (Hosenfabrik Alberth) läßt seine Hosen in Bückeburg fertigen. Deutsche Hosen sind offenbar immer gefragt. Das Online Geschäft hat aber seine Tücken, man kann die Hose nicht anprobieren, man kann den Stoff nicht fühlen, man weiß nicht, ob die Hose wirklich die Farbe hat wie auf dem Photo im Internet. Ein noch größeres Problem ist, dass sich die Industrie offenbar verabredet hat, Hosen wie diese hier nicht mehr herzustellen. Der Engländer nennt so etwas high rise, eine große Leibhöhe. Das ist heute nicht mehr angesagt, die ganz, ganz niedrige Leibhöhe ist modern.

Dann sieht man nicht so aus wie Sean Connery in den Hosen von Anthony Sinclair, dann sieht man so aus wie der ehemalige Außenminister Heiko Maas. Das ist modern, versichern uns viele Hosenhersteller. 1950 bewarb Brax seine Hosen mit die Hose des Fortschritts (wie man auf dem Plakat oben sehen kann), heute heißt der Fortschritt low rise. Das mag ja bei der halbnackten Brigitte Bardot gut aussehen, aber nicht bei Heiko Maas. Da bekommt der Maasanzug eine neue Bedeutung. Aus mir unerfindlichen Gründen hat das GQ Magazin Maas im Jahre 2016 zum bestangezogenen Mann des Landes erklärt.

Ich weiß nicht, wer den Werbespruch Augen auf beim Hosenkauf aufgebracht hat, aber ganz so leicht ist der Online Kauf eben nicht. Es sei denn, man kennt den Modellnamen seiner Liebligshose. Und der Hersteller existiert noch. Ich komme bei Hiltl mit den Modellen Cesano und Parma sehr gut zurecht, die haben nicht nur italienische Namen, sondern auch einen schlanken italienischen Schnitt. Und es sind keine low rise Hosen. Das Internet ist voll von Berichten, wo Männer ihre Schwierigkeiten beim Hosenkauf berichten. Dass der so aussehen kann wie hier bei Loriot, das wissen wir. Und da wir gerade beim Kabarett angekommen sind, hätte ich auch noch die Hosenpredigt von Jochen Malmsheimer für Sie, vorgetragen 2012 beim Bayerischer Kabarettpreis. Die von rutschenden Hosen handelt: Und nun, Hose? Wer gab dir ein, dass du dich weigerst nun seit kurzer Zeit, den Träger ärschlings zu bedecken, wie du's tatest von alters her? Was trieb dich, abzusacken unter jene beiden Backen?

Thomas Bernhard hat einmal ein recht witziges Dramolett mit dem Titel Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen geschrieben (für Markenbewußte: es werden darin Hosen von Zegna erwähnt), in dem wir Dinge lesen können wie: Die Hosenprobierzellen sind zu eng, in ihnen ist keine Luft. In den Hosenprobierzellen hat schon so viele der Schlag getroffen, fragen Sie doch die Kleiderinnung, die wird es Ihnen bestätigen. Die Leute gehen in ein Geschäft hinein und wollen nur eine Hose probieren und probieren naturgemäß sieben oder acht und es trifft sie der Schlag, der Kleiderhausprobierzellenschlag ist der häufigste. Oder: Wenn wir von den Grabsteinen jeweils die Todesursache ablesen könnten, wir würden alle Augenblicke auf den Grabsteinen gleich welchen Friedhofs lesen: Todesursache Hosenprobe.

Das kleine Theaterstück von Thomas Bernhard ist einmal in der von Benjamin von Stuckrad-Barre umgeschriebenen Version in der Sendung von Harald Schmidt aufgeführt worden. Harald Schmidt wollte Stuckrad-Barres Text ins Internet stellen, aber die Frankfurter Allgemeine verweigerte den Abdruck von Claus Peymann kauft sich keine Hose, geht aber mit essen. Da führte Harald Schmidt das Stück einfach in seiner Show auf; mit Harald Schmidt als Peymann, Stuckrad-Barre als Stuckrad-Barre und Manuel Andrack als Hosenverkäufer. Falls Sie diesen Höhepunkt des deutschen Fernsehens verpasst haben sollten, klicken Sie doch einfach mal hier. Und falls Sie den ganzen Text lesen wollen, den die FAZ nicht hergeben wollte, den habe ich hier auch noch.

Dienstag, 8. Februar 2022

in Flammen


Ich hätte nicht gewusst, dass Paul Auster ein Buch über Stephen Crane geschrieben hat, wenn mir der Volker das nicht erzählt hätte. Der quälte sich gerade durch 1.200 Seiten Text, er musste das Buch bis zu einem bestimmten Datum gelesen haben, weil er einen Termin für ein Interview mit Paul Auster hatte. Rowohlt hat das Buch, das im amerikanischen Original nur 783 Seiten hat, von Werner Schmitz übersetzen lassen. Der ist ja Spezialist für amerikanische Literatur, er hat beinahe alles von Paul Auster übersetzt, seine Hemingway Übersetzungen sind gerühmt worden. Der Rowohlt Verlag bietet von Austers In Flammen: Leben und Werk von Stephen Crane im Netz eine Leseprobe an, die 121 Seiten lang ist. Das ist ein Zehntel des Buches, man bekommt einen sehr guten Eindruck vom Buch. Aber muss man es haben? 

Biographien von Stephen Crane gibt es schon genug. Angefangen mit der Biographie von dem Dichter John Berryman aus dem Jahre 1950, die 1962 in einer überarbeiteten Ausgabe erschien und im letzten Jahr nachgedruckt wurde. Ich kann davon hier auch eine Leseprobe anbieten. Edmund Wilson schrieb im New Yorker in seiner Rezension: Mr Berryman's work is an important one, and not merely because at the moment it stands alone ... We are not likely soon to get anything better on the critical and psychological sides. Stephen Crane war im Jahre 1900 gestorben, und erst ein halbes Jahrhundert später erscheint die erste Biographie (die sich A Critical Biography nennt) des Autors. Das ist erstaunlich, zeigt aber, dass die Amerikaner mit Cranes Werk nicht so viel anfangen konnten. Berryman ist Dichter, kein Literaturwissenschaftler und kein professioneller Biograph. Sein Schwergewicht liegt darauf, dass hier ein Dichter einen anderen Dichter zu verstehen sucht, und Psychologie und Psychoanalyse spielen in seinem Buch eine große Rolle. In der zweiten Auflage gibt Berryman zu, dass sein psychoanalytischer Ansatz certainly not literary criticism ist. Und er bedauert, dass er die Hauptwerke von Crane überhaupt nicht gewürdigt hat.  

Es hatte vor Berrymans Biographie schon ein anderes Werk gegeben, dem er sich stark verpflichtet fühlte, nämlich Thomas Beers Stephen Crane: A Study in American Letters im Jahre 1923. Berryman hatte Thomas Beer bewundert und im Vorwort zur überarbeiteten Auflage seines Buches geschrieben: On the whole, I think the curious reader is still stuck with either my picture or Thomas Beer's, to the degree that those pictures differ. Man wünschte, es wäre nicht so. Ein Buchhändler im Internet hat das Buch von Beer mit einer Warnung versehen: BEWARE! This biography has been described as 'a tissue of lies'. It was shown in 1990 by Crane scholars Paul Sorrentino and John Clendenning that Thomas Beer freely invented incidents and associates in Crane's life, as well as forging from scratch dozens of letters from Crane. Not only does this make this biography worthless, except as a curiosity, but it infected later Crane biographies, for instance those by John Berryman (1950) and RW Stallman (1968), with misinformation. If you want a Crane bio there are at least two major ones written since the discrediting of Thomas Beer: Christopher Benfey's (1992) and Paul Sorrentino's (2014). Joseph Conrad, der Stephen Crane schätzte (I confess to an abiding affection for that energetic, slight, fragile, intensely living and transient figure), hatte arglos das Vorwort zu dem tissue of lies beigesteuert.

Zwei Jahre nach Berrymans Biographie veröffentlichte Robert Wooster Stallman Stephen Crane: An Omnibus, in dem der amerikanische Leser das Wichtigste von Crane finden konnte. Insbesonders den ersten Nachdruck von The Red Badge of Courage nach der Originalausgabe. Carlos Baker schrieb 1968 im New York Times Book Review über Stallmans Stephen Crane: A Biography, der Autor sei the world's foremost authority on what Crane wrote, thought and did. Er wusste, wie man eine gute Biographie schreibt, er war gerade dabei seine Hemingway Biographie zu vollenden. Stallman hat wenig Gutes über Beers und Berryman zu sagen. Drei Jahre vor seinem Tod hat er alles über seine Stephen Crane Forschung in That Crane, that albatross around my neck: a self-interview veröffentlicht. Wenn Sie den Titel anklicken, kommen Sie auf eine Seite, von der man den wunderbaren, als Interview getarnten, Aufsatz herunterladen kann. Es ist Professor Stallmans persönliche Beschreibung des Dschungels der akademischen Welt. Berryman hat er nie getroffen, obgleich der einmal an Stallmans Universität seine Gedichte vorgelesen hat. Er kam stockbesoffen an und hat in der Nacht sein Bett vollgepinkelt. Das hat keinen guten Eindruck an der Universität von Connecticut gemacht. Stallmans zwanzigseitiger Essay ist voll mit solch kleinen Bosheiten. Im englischen Wikipedia Artikel zu Stephen Crane wird Stallman nicht erwähnt, aber mit ihm fängt die ernsthafte Stephen Crane Forschung an. In den ersten zwanzig Jahren nach Stephen Crane: An Omnibus hat es mehr als zweihundert Publikationen  zu Stephen Crane gegeben. 2014 hat Paul Sorrentino bei der Harvard University Press noch eine Biographie veröffentlicht, und nun dachte man, es ist genug.

Aber jetzt kommt Paul Auster. Der sich in Interviews daran erinnerte, dass er als Fünfzehnjähriger The Red Badge of Courage gelesen hatte. Das Buch hatte ihn stark beeindruckt: What I have wanted to do is communicate something about the experience of reading Crane and how it feels to encounter his work for the first time - a raw and direct response to what is sitting in front of us on the page, the words themselves, and the thoughts and images the words provoke in us as we move from one sentence to the next. Ich weiß nicht, wann ich The Red Badge of Courage zum erstenmal gelesen habe, ich weiß nicht mal mehr, wann ich Stephen Crane an der Uni in einem Seminar behandelt habe. Aber ich weiß noch, dass Peter Nicolaisen mir gesagt hat, ich müsse unbedingt The Open Boat lesen. Und ich weiß auch, dass es in meinem ersten Jahr als Blogger hier einen Post Stephen Crane gab.

Paul Auster war nach seinem Roman 4321 in einer leichten Sinnkrise: After I finished 4321, I was really exhausted and knew that I wouldn’t be able to write for some time. Das haben Autoren ja häufiger. Als Joyce Ulysses beendet hatte, konnte er für ein ganzes Jahr nichts schreiben. After I finished '4321', I was really exhausted and knew that I wouldn’t be able to write for some time so I took several months off to regroup. During that time, I read a lot of things that I had been meaning to read all my life. I started reading Crane again. The first thing I read was 'The Monster', which I’d never even heard of. I was so overpowered by its brilliance - it took me by storm and I was shocked at how good and deep and resonant it was. That inspired me to read everything else he’d written. My admiration kept growing. By the time I was done with his work I started investigating his life and realised how deeply fascinating that was. Finally, I decided to write a short appreciation of Crane.

Das war der Plan, ein kurzes Buch. Es ist ein langes Buch geworden, a new member of the Rocky Mountain chain, wie Auster es formulierte. Biographie und Besprechung des Werks halten sich die Waage, das ist anders als bei Berryman, den die Besprechung des Werks nicht interessierte. Für jemanden, der nur achtundzwanzig Jahre alt wurde, hat Crane ein immenses Werk geschaffen. In einem seiner Gedichte, die nur aus einzelnen ungereimten Versen bestehen, heißt es:

There was a man who lived a life of fire.
Even upon the fabric of time,
Where purple becomes orange
And orange purple,
This life glowed,
A dire red stain, indelible;
Yet when he was dead,
He saw that he had not lived.

Für Harold Bloom war das an anxious meditation on his own action-obsessed life. Der Rezensent des Jahres 1895 kommentierte das Gedicht mit dem Satz remark upon the above would be a mere waste of words. Ich lasse die Lyrik von Stephen Crane mal weg, die Kritiker sind sich da auch uneins, ob diese kleinen Verse wirklich Lyrik sind. Ein Kritiker hat sie als abgemagerten Walt Whitman und aufgeblähte Emily Dickinson bezeichnet, das fand ich witzig. Die Bildlichkeit mit dem verzehrenden Feuer haben Paul Sorrention mit dem Titel seiner Biographie Stephen Crane: A Life of Fire und Paul Auster mit Burning Boy (deutsch: In Flammen) aufgenommen.

Das letzte Jahr seines Lebnes verbringt Crane mit Cora, mit der er seit vier Jahren zusammenlebt, in England. Er hat neue Freunde: Joseph Conrad, Henry James, Ford Maddox Ford und H.G. Wells. Weihnachten feiert er mit ihnen noch eine mehrtägige Party, aber es geht zuende, ein Blutsturz folgt dem anderen. Er verlässt das gemietete Schloss, das keine Heizung und nur ein Plumpsklo draußen hat, und reist nach Badenweiler. Von der Luft des Schwarzwalds erhofft er sich eine Besserung. Joseph Conrad trifft ihn noch einmal vor seiner Abreise: I saw Stephen Crane a few days after his arrival in London. I saw him for the last time on his last day in England. It was in Dover, in a big hotel, in a bedroom with a large window looking on to the sea. He had been very ill and Mrs. Crane was taking him to some place in Germany, but one glance at that wasted face was enough to tell me that it was the most forlorn of all hopes. The last words he breathed out to me were: 'I am tired. Give my love to your wife and child.' When I stopped at the door for another look I saw that he had turned his head on the pillow and was staring wistfully out of the window at the sails of a cutter yacht that glided slowly across the frame, like a dim shadow against the grey sky. Those who have read his little tale, 'Horses,' and the story, 'The Open Boat,' in the volume of that name, know with what fine understanding he loved horses and the sea. And his passage on this earth was like that of a horseman riding swiftly in the dawn of a day fated to be short and without sunshine.

Er wird in Badenweiler sterben, wo vier Jahre nach ihm auch Anton Tschechow stirbt. Der deutsche Schriftsteller Andreas Kollender hat in seinem Roman Mr Crane noch eine heiße Liebesaffaire erfunden, die Crane in der Woche vor seinem Tod mit einer Krankenschwester gehabt haben soll, aber das ist Fiktion. Cora, die ehemalige Bordellwirtin, die er nie geheiratet hat, ist bis zu seinem Tod an seiner Seite. Henry James, der nicht zu emphatischen Äußerungen neigte, schrieb What a brutal, needless extinction — what an unmitigated, unredeemed catastrophe! I think of him with such a sense of possibilities and powers!

I will be glad if I can feel on my death - bed that my life has been just and kind according to my ability and that every particle of my little ridiculous stock of eloquence and wisdom has been applied for the benefit of my kind. From this moment to that deathbed may be a short time or a long one but at any rate it means a life of labor and sorrow. I do not confront it blithely. I confront it with desperate resolution. Das schreibt Crane 1896 in einem seiner Liebesbriefe an Nellie Crouse, einer Frau, die er nur einmal getroffen hat. Ich weiß nicht, ob das nur schöne Rhetorik ist oder ob er es ernst meint.

Paul Austers In Flammen ist im letzten Monat bei Rowohlt erschienen. Zu der amerikanischen Erstausgabe hatte Adam Gopnik im New Yorker eine sehr schöne Rezension geschrieben. Mein Freund Volker hat Paul Auster telephonisch pünktlich zum Termin interviewt, er hat mir den Text geschickt, der viel länger als das ist, was seine Zeitung gedruckt hat. Aber in dem Interview sagt Auster nichts, was er nicht schon anderen Interviewpartnern gesagt hätte. Doch er hat viel über amerikanische Politik gesagt. Wenn Sie Stephen Crane lesen wollen, dann wäre meine Empfehlung: der Roman The Red Badge of Courage (der hier schon einen Post hat) und die Kurzgeschichten The Open Boat, The Blue Hotel und The Bride Comes to Yellow Sky.

Freitag, 4. Februar 2022

Nakieksel

Ich wuste nicht, dass es die Wikipedia auch auf Plattdeutsch gibt, dat fre’e Nakieksel, wo jedereen an mitwarken kann. Mit 83.234 Artikels op Plattdüütsch. Und da können wir unter dem Datum vom 4. Februar lesen: 1730: In de Nacht vun'n 4. up den 5. Februar 1730 versocht de Kroonprinz vun Preußen, Frederik, ut de Gewalt vun sien Vadder Frederik Willem I. un ut sien Vaderland ut to büxen un af to neihen na England. Man he warrt upgrepen un kummt wegen Hoochverrat in't Kaschott. Sien Vadder is bass vergrellt un will em henrichten laten. Auf Platt klingt klingt das ja irgendwie nett mit dem utbüxen, aber für den König ist das Fahnenflucht, und die wird in Preußen nun mal mit dem Tode bestraft. Wenn Sie alles zu der Geschichte wissen wollen, dann gibt es natürlich nur einen, der die Geschichte erzählen kann: Theodor Fontane

Mein Opa sprach das Platt aus dem Osnabrücker Land, mein Vater das Platt von Nordfriesland. Ich kann es auch noch ein bisschen. Und es kommt auch häufig in diesem Blog vor, die wichtigsten Posts sind wohl: MandalayKlaus Groth, Min JehannPlattdeutschRegiolekt, de Kiserliche Warf, GermanistenReimer Bull ✝, Theodor Storm


Mittwoch, 2. Februar 2022

Hundert Jahre 'Ulysses'


Vor hundert Jahren erschien in Paris bei Sylvia Beach die Erstausgabe von James Joyces Roman Ulysses. Sie war um einige Passagen gekürzt, die zu dieser Zeit als obszön galten. Die Erstausgabe hatte eine Auflage von tausend Exemplaren, ein nummeriertes Exemplar kostet heute einen Liebhaber schon hunderttausend Dollar. In Irland, England oder Amerika hätte der Roman keine Chance gehabt, veröffentlicht zu werden. Teile des Romans waren von 1918 bis 1920 in Amerika in The Little Review veröffentlicht worden, waren aber sofort wegen Obszönität verboten worden. Ezra Pound, der die ersten Teile im Little Review lanciert hatte, wusste das: I suppose we'll be damn well suppressed if we print the text as it stands. BUT it is damn wellworth it.

Erst mit dem berühmt gewordenen Urteil vom 6. Dezember 1933 in dem Verfahren Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen das Buch mit dem Titel 'Ulysses' hob der Richter John Munro Woolsey den Bann der Zensur auf. Irland folgte 1934, England 1936, Kanada allerdings erst 1949. D.H. Lawrences Roman Lady Chatterley's Lover von 1928 brauchte noch viele Jahre mehr, bis er nicht mehr von der Zensur verfolgt wurde. Der 2. Februar 1922 war auch der vierzigste Geburtstag von Joyce gewesen, er hatte den Termin der Publikation selbst gesetzt. Er feiert die Vollendung des Werks am Abend mit seiner Frau Nora in einem italienischen Restaurant, als ihm ein Taxifahrer ein Päckchen bringt, das erste Exemplar von Ulysses. Sieben Jahre hat er daran geschrieben, jetzt ist es das Buch da. Wenige Monate später trafen sich Joyce und Proust im Pariser Majestic Hotel. Joyce kam, schon etwas besoffen, im einfachen Straßenanzug, Proust im Frack. Die beiden Herren hatten sich wenig zu sagen (lesen Sie hier mehr). Joyce hat Proust nicht gelesen, Proust kannte das Werk von Joyce nicht. Sein Englisch war marginal, und er hatte nur noch wenige Monate zu leben. Es hätte nicht gereicht, um Ulysses zu lesen, er schrieb verzweifelt seine Recherche zuende.

Der erste Rezensent des Werkes schrieb in der New York Times 1922 unter anderem: Finally, I venture a prophecy: Not ten men or women out of a hundred can read 'Ulysses' through, and of the ten who succeed in doing so, five of them will do it as a tour de force. I am probably the only person, aside from the author, that has ever read it twice from beginning to end. I have learned more psychology and psychiatry from it than I did in ten years at the Neurological Institute. There are other angles at which 'Ulysses' can be viewed profitably, but they are not many. Der Rezensent hieß Dr Joseph Collins, er war kein Literaturwissenschaftler, er war Professor für Neurologie.

Ich habe zur Feier des Tages meine Ulysses Ausgabe aus dem Regal geholt. Das ist die alte Penguin Ausgabe, die mir von allen anderen im Regal die liebste ist. Vorne steht mit Bleistift notiert, dass ich das Buch 1968 gelesen habe. In meiner deutschen Leinenausgabe, deren irisches Grün schon ziemlich verblasst ist, habe ich kaum auffindbar das Datum Dezember 1960 hineingeschrieben. Es ist die alte Übersetzung von Georg Goyert, vom Verfasser autorisierte Fassung Übersetzung steht im Buch. In dieser revidierten Ausgabe von 1956 findet sich auch der Hinweis, das man bisher 48.000 Exemplare des Buches verkauft hat.

Joyce hatte Teile davon gelesen, aber seine Deutschkenntnisse waren nicht so toll. Er war ja froh, dass er Geld vom Rhein Verlag in Zürich bekam, da autorisiert man auch schon mal eine Übersetzung. Es sollen achtundachtzig Seiten gewesen sein, die Joyce und Goyert, der mit dem getippten Manuskript aus München nach Paris gekommen war, gemeinsam durchgearbeitet haben. Joyce und Goyert standen in der Folgezeit in brieflicher Verbindung. Dies war die erste Übersetzung von Ulysses, sie erschien 1927 in drei Bänden mit einer Auflage von tausend Exemplaren. Es gab den Roman also in deutscher Sprache, bevor er in England oder Amerika erschien. Die französische Übersetzung erschien zwei Jahre nach der deutschen. 1930 erschien eine zweite Auflage in zwei Bänden, in der Goyert angeblich sechstausend Änderungen vorgenommen hatte.

Dr Georg Goyert, den der Rhein Verlag durch einen Übersetzungwettbewerb gefunden hatte, hat danach für den Zürcher Verlag noch viel mehr von Joyce übersetzt. Sogar Stuart Gilberts Buch Das Rätsel 'Ulysses': Eine Studie (in dem sich diese nützliche Skizze findet) hat er 1932 übersetzt. An Finnegans Wake hat Goyert sich aber nicht herangetraut. Allerdings hat er 1946 in der Zeitschrift Die Fähre das Kapitel Anna Livia Plurabelle veröffentlicht. Der Übersetzer der lieferbaren Suhrkamp Ausgabe von Anna Livia Plurabelle ist aber nicht Goyert, sondern Wolfgang Hildesheimer. Der über seine Übersetzungsversuche von Finnegans Wake gesagt hat: Was ich hier als deutsche Version anzubieten habe, kommt bestenfalls dem Original streckenweise nah, beleuchtet vielleicht auch Methode und Machart, kann aber nicht sein Idiom wiedergeben. Im gewissen Sinne handelt es sich also um eine Demonstration der Unübersetzbarkeit.

Natürlich besitze ich auch die neue Ulysses Übersetzung von Hans Wollschläger, über die der Übersetzer sagte: Unter der Schwierigkeit der Übersetzung war ich am Anfang so resigniert, daß ich eine richtige Wut hatte auf das Buch und den Mann. Acht Jahre hat er daran gearbeitet, und der Suhrkamp Verlag hat ihm dafür jeden Monat das Gehalt eines Oberstudienrats gezahlt (es gibt hier einen interessanten Artikel von Dieter E. Zimmer zu der Übersetzung). Soviel Geld hat James Joyce in den Jahren 1918 bis 1922 nicht für sein Werk bekommen. Der Zürcher Rhein Verlag hatte zwar mehrfach angekündigt, dass er die Goyertsche Übersetzung überarbeiten lassen wollte, aber es ist nie dazu gekommen. Der Verlag, der auch Hermann Broch und Albert Vigoleis Thelen zu seinen Autoren zählte, wurde von dem Südwest Verlag gekauft, dessen Bestseller in den fünfziger Jahren ein Benimmbuch war, an dem die berüchtigte Benimmpäpstin Erica Pappritz mitgearbeitet hatte (über die hat Friedrich Sieburg einmal gesagt: Allen Beteiligten wäre gedient, wenn Fräulein Pappritz… in den wohlverdienten Ruhestand träte). Der Geschäftsführer des Südwest Verlags sagte nach dem Kauf des Rhein Verlags: Wir entwickeln keinen literarischen Ehrgeiz, sondern beobachten den Markt. Und verkaufte die Rechte an Ulysses 1966 an Suhrkamp. Samuel Beckett soll angeblich Tränen der Freude in den Augen gehabt haben, als er hörte, dass Joyce nun zu einem Suhrkamp Autor geworden war. Heute hat ja niemand mehr Tränen der Freude in den Augen, wenn er den Namen Suhrkamp hört.

Es ist eine kleine Fußnote der Literaturgeschichte, dass der Verlag Volk und Welt in den sechziger Jahren dem Rhein Verlag einen Vorschuss von 4.000 DM auf die Rechte einer DDR Ausgabe von Goyerts Ulysses gezahlt hatte. Aber die Devisenabteilung der DDR stellte sich quer und verhinderte die Auszahlung der restlichen 8.000 Mark. Als Suhrkamp dann die Rechte gekauft hatte, wollte man diesen Vorschuss nicht verloren geben und wartete auf die Neuübersetzung. Aber so preiswert wollte Unseld sein Prestigeprojekt nicht weggeben, er befürchtete auch, dass der Verkauf seines Ulysses (dessen Verkaufspreis für 140 Mark projektiert war) durch eine preiswertere DDR Ausgabe unterlaufen würde. So offerierte er dem DDR Verlag, sich mit 60.000 DM an dem Projekt zu beteiligen, das Wort von einem gewissen Kolonisatorengehabe auf geistigem Gebiet machte auf der Leipziger Buchmesse 1976 die Runde. Heidi Dürr von der Zeit nannte Gruners Aussagen eine emotional-dümmliche Polemik, dazu sag' ich jetzt lieber nix.

60.000 sei eine Null zu viel, monierte Verlagschef Jürgen Gruner und schrieb an Unseld: Wenn ich davon ausgehen darf, daß es sich nicht um einen Tippfehler handelt (Lizenzgebühr sechzigtausend), wird es Sie sicherlich nicht erstaunen, daß wir zu einer Lizenznahme zu solchen Bedingungen beim besten Willen nicht bereit sein können. Am Ende bezahlte man 40.000 Mark für die Wollschläger Übersetzung, und Ulysses erschien 1980 in der DDR. Drei Jahre zuvor waren in der Spektrum Reihe des Berliner Verlages Volk und Welt, mit der Einbandgestaltung von Lothar Reher die Dubliner erschienen. Da hatte man die Rechte noch preisgünstig bekommen. Man machte jetzt in der DDR kulturellen Boden gut, 1974 war schon Marcel Proust (in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens) in der DDR erschienen.

Über die Qualität der Übersetzungen von Ulysses (hier noch ein interessanter Artikel) ist viel gestritten worden. Arno Schmidt urteilte über Goyert: handwerklich brauchbar (als Vorarbeit für den - hoffentlich - kommenden Besseren) : die Hälfte. der Rest? : eine Satire auf das grandiose Original! Was hätte er daraus gemacht, wenn er es hätte übersetzen sollen? Aber bei aller Kritik, ich liebe meine alte grüne Ulysses Ausgabe, weil es mein erstes Leseerlebnis mit dem Roman war. Die Wollschläger Übersetzung hat großes Lob erfahren, aber so gut sie sein mag, am Original führt bei einem Sprachjongleur wie Joyce sowieso kein Weg vorbei. Wenn man die Übersetzung Wollschlägers gegen die von Goyert ausspielt, dann muss man bedenken, dass Wollschläger Wörterbücher zur Verfügung standen, die es in den zwanziger Jahren noch gar nicht gab. Und da tut sich ja ständig etwas auf dem Markt, ich habe zu Weihnachten von einem Freund The Queen's English geschenkt bekommen, ein neues Wörterbuch, das vieles enthält, von dem ich noch nie gehört habe. Wollschläger hat Fehler gemacht, viele Fehler, schlimme Fehler, mindestens fünftausend. In jahrelanger Kleinarbeit haben Harald Beck und die Kuratorinnen der Zürcher James Joyce Stiftung Ruth Frehner und Ursula Zeller (mit der beratenden Mitwirkung von Fritz Senn) Wollschlägers Text überarbeitet und revidiert. Diese Fassung durfte nicht erscheinen, das hat die Rechtinhaberin Gabriele Wolff, die nebenberuflich Krimis schreibt, verhindert. Lediglich das Vorwort liegt vor. Vielleicht bringt mal irgendjemand die überarbeitete Übersetzung als Raubdruck heraus.

Teilübersetzungen von Finnegans Wake hat es von einer Vielzahl von Autoren gegeben. Sogar Arno Schmidt war daran interessiert und hatte sich in Teilen versucht, was man den Überlegungen zu einer Lesbarmachung von 'Finnegans Wake' (in Der Triton mit dem Sonnenschirm) entnehmen kann; aber der deutsche Leser musste bis 1993 auf eine Übersetzung des ganzen Werks warten. Man hätte es natürlich bei der Idee belassen können, die Dieter E. Zimmer 1967 in der Zeit vortrug, als er über die Pläne von Unseld berichtete, den ganzen Joyce zu veröffentlichen: Was mit 'Finnegans Wake' geschehen soll, ist noch nicht entschieden. Am vernünftigsten erscheint mir selber der Plan, eine kommentierte Edition des Originaltextes (rechts er, auf den linken Seiten die Erläuterungen) in die Gesamtausgabe einzureihen – denn ich glaube nicht, daß eine Übersetzung denkbar ist, die genug vom Original bewahrte, um die nur zu gut vorstellbare, wahnwitzige Mühe eines solchen Unterfangens zu rechtfertigen; und das nicht etwa, weil die Übersetzer zu unzulänglich wären, sondern weil die Sache selbst es verbietet.

1993 erschien Dieter H. Stündels Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkeß fun Schämeß Scheuß. Der Übersetzer hatte genau so lange an seiner Übersetzung gearbeitet, wie James Joyce gebraucht hatte, um das Buch zu schreiben. Nämlich ganze siebzehn Jahre. Zur Qualität der Übersetzung kann ich jetzt wenig sagen, da ich das Buch noch nie von Anfang bis Ende gelesen habe (das Original übrigens auch nicht), aber es ist sehr originell. Wenn auch Friedhelm Rathjen damals zeterte und von einer Spielwiese zum Austoben der eigenen Kalauerwut und einem Schildbürgerstreich der Übersetzungsgeschichte sprach. Aber wenn ich irgendjemand nicht erst nehme, dann ist es dieser Rathjen, gegen dessen Moby-Dick Übersetzung ich einiges zu sagen hätte. Sehr viel abgewogener ist da der Schweizer Joyce Kenner Fritz Senn, der in seiner Besprechung in der NZZ 1993 (Wegh zu Finnegan?) viel Positives zu Stündel zu sagen wusste. Ich habe das Buch damals nicht gekauft, als es frisch auf den Markt kam. Da kostete es nämlich - 1.264 Seiten, deutsch-englisch - stolze 840 Mark. Es war aber auch zehn Kilo schwer, ein Trumm von einem Buch. Schon beinahe vergleichbar mit Arno Schmidts Zettels Traum. Das Buch fiel dann im Laufe der Zeit im Preis, bis es der Zweitausendeins Verlag ganz, ganz preiswert herausbrachte. Heute zahlt man antiquarisch 15 Euro dafür.

Ich habe mich damals, als ich Ulysses las, nicht vor dem Roman gefürchtet. Man sollte sich niemals vor Romanen fürchten, auch wenn sie lang und schwer sind. Ich hatte von Joyce schon Portrait of the Artist as a Young Man und die Dubliners gelesen, ich war schon in der Welt von Joyce zuhause. Denn Ulysses ist aus den Dubliners entstanden. Ich habe bestimmt nicht alles von dem Roman verstanden. Aber jeder Leser liest seinen eigenen Text. Wir lesen immer nur uns selbst, sagt Marcel Proust. In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können. Dass der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches und umgekehrt. Ich habe einmal im Fernsehen den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke in einem Interview sagen hören, dass er immer über seinem Niveau gelesen habe und vieles nicht verstanden habe. Und nach einer kurzen Pause fügte er lächelnd hinzu: Man sollte immer über seinem Niveau lesen. Es bleibt immer irgend etwas hängen. Wir können auch nicht alles in Ulysses verstehen. Als der französische Übersetzer des Werkes Joyce bat, ihm etwas über die innenliegende Struktur des Werkes zu sagen, lehnte Joyce das ab. Und sagte: If I gave it all up immediately, I'd lose my immortality. I've put in so many enigmas and puzzles that it will keep the professors busy for centuries arguing over what I meant, and that's the only way of insuring one's immortality. Ein Satz, den man sich merken sollte.

Ich war nicht der einzige in meiner Klasse, der damals Ulysses las. Wir lasen alle viel, aber nie das, was auf dem Stundenplan stand. Das verschaffte uns wirkliche Bildung. Mein Freund Peter war, glaube ich, der erste von uns, der einen Stuart Gilbert hatte. Und das ist ein Buch, das jeder Joyce Leser haben sollte. Es ist wie ein Baedeker für die Welt von Leopold Bloom. Ich dachte damals, dass ich an der Universität mehr über Joyce lernen würde, aber das war eine Täuschung. Wie Kurt Vonnegut es so nett gesagt hat: When you get to be our age, you all of a sudden realize that you are being ruled by people you went to high school with ... You all of a sudden catch on that life is nothing but high school. You make a fool of yourself in high school, then you go to college and learn how you should have acted in high school, and then you get into real life and that turns out to be high school all over again - class officers, cheerleaders, and all.

Man lernt nicht wirklich viel an Universitäten, wenn man Glück hat, stößt man auf eine Handvoll Leute, die einen vorwärts bringen. Die Professoren in meinem Institut drückten sich darum, Vorlesungen oder Seminare über Joyce zu machen. Zu schwer. Wahrscheinlich hatten sie ihn auch nie gelesen. Außer der Baronin Gisela von Stoltzenberg, bei der ich ein Seminar über die Dubliners besucht habe. Sie hängte als erstes eine Karte von Dublin auf, und ich dachte mir: oh, Gott, Geographieunterricht. Aber es macht natürlich viel Sinn, eine Dublin Karte vor Augen zu haben, wenn man Joyce liest. Wenn Sie der Baronin und mir nicht glauben, dann wird Sie sicher Vladimir Nabokov überzeugen: Instead of perpetuating the pretentious nonsense of Homeric, chromatic, and visceral chapter headings, instructors should prepare maps of Dublin with Bloom’s and Stephen’s intertwining itineraries clearly traced. Das da oben ist Nabokovs Karte von Leopold Blooms Odyssee.

Die Baronin hatte Joyce persönlich gekannt, Éamon de Valera war ein Jugendfreund von ihr gewesen. Sie hat mir einmal ein Photo von Joyce geschenkt, das ihn an einem Sommertag mit hellem Hut und Spazierstock an einem See zeigt. Ich habe es sehr gut weggepackt. Ich habe es so gut weggepackt, dass ich es bisher noch nie wiedergefunden habe. Aber die Werke von James Joyce sind natürlich griffbereit für den hundertsten Geburtstag von Ulysses. Der Whiskey (Green Spot) auch. Und natürlich ein Häppchen Ulysses, obgleich es wohl niemand schaffen wird, die 24 Stunden aus dem Leben von Leopold Bloom in 24 Stunden zu lesen. Aber der Monolog von Molly am Schluss des Romans wäre ein guter Anfang: 

Yes because he never did a thing like that before as ask to get his breakfast in bed with a couple of eggs since the City Arms hotel when he used to be pretending to be laid up with a sick voice doing his highness to make himself interesting for that old faggot Mrs Riordan that he thought he had a great leg of and she never left us a farthing all for masses for herself and her soul greatest miser ever was actually afraid to lay out 4d for her methylated spirit telling me all her ailments she had too much old chat in her about politics and earthquakes and the end of the world let us have a bit of fun first God help the world if all the women were her sort down on bathingsuits and lownecks of course nobody wanted her to wear them I suppose she was pious because no man would look at her twice I hope Ill never be like her a wonder she didnt want us to cover our faces but she was a welleducated woman certainly and her gabby talk about Mr Riordan here and Mr Riordan there I suppose he was glad to get shut of her and her dog smelling my fur and always edging to get up under my petticoats especially then still I like that in him polite to old women like that and waiters and beggars too hes not proud out of nothing but not always if ever he got anything really serious the matter with him its much better for them to go into a hospital where everything is clean...