Sie werden wahrscheinlich Gisi Gruber nicht kennen, die den schönen Roman Margit Libenyi: Der Roman einer großen Liebe geschrieben hat. Und wahrscheinlich werden Sie auch nicht wissen, wer Margit Libenyi war. Den 1951 erschienenen Roman kann man heute noch antiquarisch finden, er hat mich (Hardcover, 288 Seiten) drei Euro gekostet. Margit Libenyi ist ein Liebesroman, die Geschichte einer jungen Frau, die aus einem Dorf in Ungarn nach Wien kommt und ins Showgeschäft will. Und die einen aristokratischen Geliebten findet, der ihr die Tanzausbildung bezahlt, Franz Hohenems soll sie ihn nennen. Wenn heute hübsche Frauen aus Ungarn kommen, dann gehen sie nicht nach Wien, dann gehen sie in die Pornoindustrie, nennen sich Anita Dark, Anita Blond oder Nikky Anderson. Aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem Roman von Gisi Gruber sind wir in einem anderen Jahrhundert. Da sind wir in der Welt von Joseph Roth und dem Roman Radetzkymarsch (für den es hier schon den Post Radetzkymarsch gibt), wo der junge Leutnant Trotta seinem Kaiser in der Schlacht von Solferino das Leben rettet.
Freitag, 18. Februar 2022
Attentat
Sie werden wahrscheinlich Gisi Gruber nicht kennen, die den schönen Roman Margit Libenyi: Der Roman einer großen Liebe geschrieben hat. Und wahrscheinlich werden Sie auch nicht wissen, wer Margit Libenyi war. Den 1951 erschienenen Roman kann man heute noch antiquarisch finden, er hat mich (Hardcover, 288 Seiten) drei Euro gekostet. Margit Libenyi ist ein Liebesroman, die Geschichte einer jungen Frau, die aus einem Dorf in Ungarn nach Wien kommt und ins Showgeschäft will. Und die einen aristokratischen Geliebten findet, der ihr die Tanzausbildung bezahlt, Franz Hohenems soll sie ihn nennen. Wenn heute hübsche Frauen aus Ungarn kommen, dann gehen sie nicht nach Wien, dann gehen sie in die Pornoindustrie, nennen sich Anita Dark, Anita Blond oder Nikky Anderson. Aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem Roman von Gisi Gruber sind wir in einem anderen Jahrhundert. Da sind wir in der Welt von Joseph Roth und dem Roman Radetzkymarsch (für den es hier schon den Post Radetzkymarsch gibt), wo der junge Leutnant Trotta seinem Kaiser in der Schlacht von Solferino das Leben rettet.
Mittwoch, 16. Februar 2022
Sturmflut
Das ist jetzt sechzig Jahre her, dass wir in Norddeutschland die große Sturmflut hatten, bei der es in Hamburg mehr als dreihundert Tote gab und ein Fünftel der Stadt unter Wasser stand. Lernen wir aus der Geschichte? Wir brauchen nicht auf die Erste und Zweite Marcellusflut und die Burchardiflut von 1634, die man auch die Zweite Mandränke genannt hat, zurückgehen, wenn wir über die Flutkatastrophe von 1962 reden. Die Hollandflut lag da erst neun Jahre zurück, und man hätte von dieser Katastrophe viel lernen können.
In Hamburg brechen in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 die Elbdeiche an mehr als sechzig Stellen. Wilhelmsburg steht unter Wasser. Der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt ruft Bundeswehr und Nato zu Hilfe. Das darf er eigentlich nicht, aber er wird später sagen: Wir haben uns nicht an Gesetz und Vorschriften gehalten, wir haben möglicherweise die Hamburger Verfassung verletzt, wir haben sicherlich am Grundgesetz vorbei operiert. Es war ein übergesetzlicher Notstand. Der übergesetzliche Notstand macht ihn zum Krisenmanager, macht ihn berühmt. Er wird in der Presse der Herr der Flut.
Operierte er wirklich am Grundgesetz vorbei? Historiker wie Helmut Stubbe da Luz haben darauf hingewiesen, dass es bereits seit 1958 eine Dienstvorschrift des Verteidigungsministeriums gab, die bestimmte, wie die Bundeswehr bei Katastrophen wie Sturmfluten einzusetzen sei. Und Schmidt war am Morgen des 17. Februar auch nicht der erste, der Hubschrauber anforderte und bekam, das hatte man in Bremen und an der Nordseeküste schon früher getan. Schmidt wird erst um 6:20 alarmiert, da sind schon alle Deiche gebrochen. Und schon viele haben Rettungsmaßnahmen eingeleitet und geholfen, ohne den Innensenator zu fragen. Schmidts Leistung besteht in der Organisation des Aufräumens, das gesteht Stubbe da Luz (der auch über Ascan Klée Gobert geschrieben hat) ihm zu: Die Katastrophe war ja nicht nach dem einen Tag vorbei. Helmut Schmidt hat entscheidend dazu beigetragen, das Chaos Stück für Stück in den Griff zu bekommen. Man darf nicht vergessen: Das war für die Stadt die größte Katastrophe seit dem Feuersturm von 1943. Mehr als 300 Tote! Da hat Schmidt einiges geleistet. Daran gilt es zu erinnern.
Vierzig Jahre später rettet das Elbhochwasser dem Kanzler Gerhard Schröder die Wahl. Im Gegensatz zu Schmidt tut er eigentlich nichts, er läuft nur im Gummistiefeln vor den Kameras rum. Man muss jetzt als Politiker wissen, wie man sich bei einem Hochwasser verhält. Wenn man wie Armin Laschet an der falschen Stelle lacht, verliert man die Wahl. Flutkatastrophen sind inzwischen beinahe zur Regel geworden. Jedes Jahr eine Jahrhundertflut, titelte der Spiegel 1997 nach dem Hochwasser an der Oder. Es ist traurig, aber wahr. Außer Donald Trump und der AfD wird wohl niemand mehr den Klimawandel leugnen wollen. Wenn Sie wissen wollen, wie es in Hamburg 1962 aussah: arte sendet morgen Abend die Dokumentation ✺Die große Flut von Hamburg 1962. Und der Wetterbericht sagt, dass es ab morgen wieder starke Stürme geben wird.
Ich stelle heute noch einmal etwas ein, das hier schon am 16. Februar vor zehn Jahren stand:
Vor fünfzig Jahren gab es in der Nacht vom 16. zum 17. Februar in Norddeutschland eine verheerende Flutkatastrophe, die hauptsächlich Hamburg betraf. Als damals junger 'Zeitzeuge' schlage ich dazu einmal einige Seiten aus meinen Jugenderinnerungen auf. Es klingt alles etwas despektierlich, aber ich war auch erst achtzehn.
Februar 1962, es ist kalt und windig. Na ja, eigentlich ist es schon ein Sturm, aber Bremer, die so etwas das ganze Jahr über gewöhnt sind, neigen bei Windstärke 9 oder 10 noch nicht zu Übertreibungen.. Ich sitze mit Charlie bei Konnie Krämer im Fährhaus am Utkiek. Die Kneipe hat der Konnie schon dichtgemacht, aber uns schenkt er noch ein Bier ein, geht aufs Haus. Konnie braucht uns noch. Die Weser ist beunruhigend hoch, das vom Sturm herein gedrückte Wasser fließt nicht ab. Eigentlich sollte jetzt Ebbe sein, aber die Weser ist schon auf der normalen Fluthöhe, Meter über dem Ebbepegel. Das Wasser wird auf 5,23 Meter über Normalnull steigen. Die Nacht ist blauschwarz, die Wolken fegen nur so dahin. In drei Tagen ist Vollmond, das ist bei dieser Wetterlage schlecht. Das hat jetzt nichts mit Deichromantik à la Schimmelreiter zu tun. Das bedeutet eine Springflut. Und dies ist kein Sturm mehr, dies ist schon ein Orkan. Wir schrauben zusammen mit Konnie die eisernen Platten vor die Kellerluken, dichten alles mit Säcken und gefettetem Tauwerk ab. Auch die Eingangstür, die einen Meter höher liegt.
Wir trinken noch ein Bier. Das kommt nicht bis hier, sagen wir, und klettern hinten durch ein Hoffenster aus dem Haus. Später in der Nacht will ich noch meinen üblichen Weserspaziergang mit dem Hund machen, da steht die Strandstraße schon unter Wasser. Das geschieht häufiger, das ist noch keine Gefahr. Wir alle wissen noch nicht, was in der Nacht noch kommt. Hamburg wird es schlimmer treffen als Bremen, dies sind die Stunden des Mythos von Helmut Schmidt, der seinen Bürgermeister Paul Nevermann entmachtet und mit dem Herbeiordern von NATO-Kräften gegen alles verstößt, was in der Verfassung steht. Aber vielleicht muss es dieser Mann in diesem Augenblick sein, das ✺Fernsehen wird ihn lieben. Überall an der Deutschen Bucht wird es kleine Helden geben, die im richtigen Moment das Richtige tun und größeren Schaden verhindern. Sie alle kommen nicht ins Fernsehen, nur Helmut Schmidt. Die Hochwasser von 1976, 1981 und 2007 werden höher sein als das von 1962. Und man wird diese Sturmfluten auch ohne Helmut Schmidt überstehen. Für die beteiligten Bundeswehrkräfte wird es 1962 einen Orden geben, der sogenannte Sandsackorden wird der erste Orden sein, den die junge Bundeswehr verleiht. In Bremen-Huchting wird es große Schäden geben, wir kommen in Vegesack mit Schrammen davon.
Am nächsten Morgen haben wir schulfrei, das kommt durchs Radio. Peter und ich fahren mit dem Bus nach St Magnus, um uns das Ausmaß der Überschwemmung anzusehen. Der Admiral Brommy Weg steht unter Wasser und die Lesumwiesen auch. Das ist bei jedem Hochwasser so, die Wiesen hinter den Deichen sind eigentlich Sollbruchstellen. Gefährlich wird das erst in der Zukunft, wenn man sinnlos an allen Nebenflüssen Sperrwerke einrichtet und den Fluß durch Vertiefungen noch weiter kanalisiert. Wir müssen den Flüssen ihren Raum lassen. Sie holen ihn sich sonst - mit schlimmen Folgen für die betroffenen Menschen - zurück, wird Helmut Kohl 1997 nach der Hochwasserkatastrophe an der Oder sagen.
In Grohn schippt Kapitän Janssen, dessen Haus am Lesumufer liegt, Wasser aus seinem Keller. Und die umstehenden Gaffer beschweren sich, dass sie dabei nass werden. Ich verdrücke mich mit Peter schnell, bevor Hein Janssen uns sieht, sonst sind wir auch noch mit Schippen dran. Wenn dies schon komisch ist, dann kann man das noch steigern. Als wir zur Strandstraße kommen, steht da schon unsere halbe Schule vor dem Haus des Direx neben dem Ruderverein. Den Direktor hatte die Polizei nachts noch aufgefordert, das schöne Haus zu verlassen, das der Architekt Ernst Becker-Sassenhof in den zwanziger Jahren gebaut hat. Aber er hat das nicht getan, er glaubte nicht daran, dass das Wasser noch steigen würde. Immerhin hat er vorsichtshalber die Abiturarbeiten mit nach oben in den ersten Stock genommen. Jetzt ist das ganze Lehrerkollegium damit beschäftigt, klitschnasse Teppiche und feuchte Sessel aus dem Erdgeschoss zu räumen und auf das Gelände des Rudervereins zu tragen. Schüler geben gute Ratschläge, vor allem jenen Lehrern, die zwei linke Hände haben. Davon gibt es mehrere. Kein Schüler fasst mit an. Irgendwie sind alle der Meinung, dass dieser Schaden auch eine Strafe für Dummheit ist. Konnie Krämer wird kein Weserwasser in Keller und Kneipe haben, jeder, der hier wohnt ist Hochwasserprofi, mit Ausnahme des Direktors des Gymnasiums. Ich verstehe es nicht, der Mann ist ein guter Anglist, pädagogisch versiert, ein erstklassiger Verwaltungsfachmann. Und dann so was. Ich vermute, dass es daran liegt, dass er Wagner Liebhaber ist, er soll sogar einmal im Jahr nach Bayreuth fahren. Wagner Liebhaber sind nicht von dieser Welt. Vielleicht hat er ja im Sturm den Fliegenden Holländer gehört.
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Sonntag, 13. Februar 2022
Hosenkauf
Dienstag, 8. Februar 2022
in Flammen
Even upon the fabric of time,
Where purple becomes orange
And orange purple,
This life glowed,
A dire red stain, indelible;
Yet when he was dead,
He saw that he had not lived.
Freitag, 4. Februar 2022
Nakieksel
Ich wuste nicht, dass es die Wikipedia auch auf Plattdeutsch gibt, dat fre’e Nakieksel, wo jedereen an mitwarken kann. Mit 83.234 Artikels op Plattdüütsch. Und da können wir unter dem Datum vom 4. Februar lesen: 1730: In de Nacht vun'n 4. up den 5. Februar 1730 versocht de Kroonprinz vun Preußen, Frederik, ut de Gewalt vun sien Vadder Frederik Willem I. un ut sien Vaderland ut to büxen un af to neihen na England. Man he warrt upgrepen un kummt wegen Hoochverrat in't Kaschott. Sien Vadder is bass vergrellt un will em henrichten laten. Auf Platt klingt klingt das ja irgendwie nett mit dem utbüxen, aber für den König ist das Fahnenflucht, und die wird in Preußen nun mal mit dem Tode bestraft. Wenn Sie alles zu der Geschichte wissen wollen, dann gibt es natürlich nur einen, der die Geschichte erzählen kann: Theodor Fontane.
Mein Opa sprach das Platt aus dem Osnabrücker Land, mein Vater das Platt von Nordfriesland. Ich kann es auch noch ein bisschen. Und es kommt auch häufig in diesem Blog vor, die wichtigsten Posts sind wohl: Mandalay, Klaus Groth, Min Jehann, Plattdeutsch, Regiolekt, de Kiserliche Warf, Germanisten, Reimer Bull ✝, Theodor Storm
Mittwoch, 2. Februar 2022
Hundert Jahre 'Ulysses'
Man lernt nicht wirklich viel an Universitäten, wenn man Glück hat, stößt man auf eine Handvoll Leute, die einen vorwärts bringen. Die Professoren in meinem Institut drückten sich darum, Vorlesungen oder Seminare über Joyce zu machen. Zu schwer. Wahrscheinlich hatten sie ihn auch nie gelesen. Außer der Baronin Gisela von Stoltzenberg, bei der ich ein Seminar über die Dubliners besucht habe. Sie hängte als erstes eine Karte von Dublin auf, und ich dachte mir: oh, Gott, Geographieunterricht. Aber es macht natürlich viel Sinn, eine Dublin Karte vor Augen zu haben, wenn man Joyce liest. Wenn Sie der Baronin und mir nicht glauben, dann wird Sie sicher Vladimir Nabokov überzeugen: Instead of perpetuating the pretentious nonsense of Homeric, chromatic, and visceral chapter headings, instructors should prepare maps of Dublin with Bloom’s and Stephen’s intertwining itineraries clearly traced. Das da oben ist Nabokovs Karte von Leopold Blooms Odyssee.
Die Baronin hatte Joyce persönlich gekannt, Éamon de Valera war ein Jugendfreund von ihr gewesen. Sie hat mir einmal ein Photo von Joyce geschenkt, das ihn an einem Sommertag mit hellem Hut und Spazierstock an einem See zeigt. Ich habe es sehr gut weggepackt. Ich habe es so gut weggepackt, dass ich es bisher noch nie wiedergefunden habe. Aber die Werke von James Joyce sind natürlich griffbereit für den hundertsten Geburtstag von Ulysses. Der Whiskey (Green Spot) auch. Und natürlich ein Häppchen Ulysses, obgleich es wohl niemand schaffen wird, die 24 Stunden aus dem Leben von Leopold Bloom in 24 Stunden zu lesen. Aber der Monolog von Molly am Schluss des Romans wäre ein guter Anfang:
