Samstag, 29. August 2015

Englische Herrenschuhe (London)


Ein Oberkellner sagte mir einmal: "Ich kann die Menschen immer an ihren Schuhen erkennen. Wer nur angeben und Eindruck machen will, trägt fabelhafte Anzüge, gibt aber nicht viel für seine Schuhe aus. Ein wirklicher Herr trägt immer erstklassige Schuhe." In der Regel wissen Oberkellner in solchen Dingen sehr genau Bescheid. Darum heißt mein erster Rat: Gehen Sie zu einem erstklassigen Schuhmacher und lassen Sie sich mehrere Paare sehr teurer Schuhe anfertigen. Sagt kein Geringerer als der ➱Herzog von Bedford in seinem Buch Traktat über die feine britische Art (The Book of Snobs), das er zusammen mit George Mikes schrieb. Der Herzog ließ sich übrigens seine Schuhe von John Lobb machen. Es lohnt sich schon, auf gutes Schuhwerk zu achten, denn wie John Wildsmith sagte: You are either in your bed or in your shoes, so it pays to invest in both.

Die Firma John Lobb in der St James Street ist nach Meinung vieler ganz oben auf der Rangliste der besten Londoner Maßschuhmacher. Ich selbst kenne nur einen Menschen, der sich in London ein Paar John Lobb Schuhe hat machen lassen. Als er die hier nach Jahren seinem Schuhmacher zum Besohlen brachte, hat der ihm gezeigt, wie schrottig seine Schuhe unter der Sohle verarbeitet waren. Finde ich sehr pikant, man weiß ja nie, was die Lehrlinge am Montagmorgen anrichten. Erinnert mich an die kleine Geschichte von Alexander McQueen, der als Lehrling bei Anderson & Sheppard angeblich I am a cunt in das Futter eines Jacketts für Prince Charles gestickt hat. Anderson & Sheppard hat sich alle Teile von Charles zurückgeholt, an denen McQueen gearbeitet hatte. Die Botschaft war nirgends zu finden.

John Lobb ist allerdings nicht gleich John Lobb, denn es gibt da noch John Lobb Paris (die zu Hermès gehören), deren Schuhe mal von Edward Green gemacht wurden. Die haben eine Fabrik in Northampton und ein Geschäft in London in der Jermyn Street (man kann sie auch bei Harrods und Selfridges kaufen), aber sie sind eine französische Firma. Frogs. Der größte Teil der John Lobb Schuhe, die bei ebay angeboten werden, ist von John Lobb Paris. Jemand wie Dr Sevan Minasian, der eine sehr schöne ➱Seite für Schuhe hat, setzt bei den echten John Lobb Schuhen immer in Klammern London hinzu.

Mich interessiert John Lobb eigentlich nicht so sehr, ich weiß auch nicht, ob ihre Schuhe wirklich so viel besser als die von Edward Green sind (von denen habe ich seit Jahrzehnten einige). Ich war auch nie in dem Laden. Mein Freund Peter schon, der hat sich da vor fünfzig Jahren Schnürsenkel gekauft. Fand ich sehr witzig. Sollte man auf die Liste der Dinge schreiben, die man als Tourist in London unbedingt machen muss. Da kommt dann Kaufen Sie Schnürsenkel bei John Lobb gleich hinter Testen Sie das Echo im Lesesaal vom British Museum.

Die Firma Edward Green war damals froh, als sie aus diesem Deal mit Hermès wieder heraus war (mehr dazu im Wikipedia Artikel). Zum Ärger von John Lobb gibt es da auch noch eine italienische Firma namens Lobb's (man beachte das kleine Apostroph-s), die den japanischen Markt beliefert. Die hat natürlich keine royal warrants wie John Lobb London. In der Abbildung oben kann man drei davon sehen. Es sind aber nur noch zwei, die ➱Queen hat ihren royal warrant vor Jahren nicht erneuert, das sollte uns zu denken geben. Aber der ➱Herzog von Edinburgh kauft hier seit Jahrzehnten seine Schuhe. Als ihm Mr Lobb zum fünfzigsten Geburtstag gratulierte, sagte er: One of the reasons I am going so well is that I have always been so well shod. John Lobb war nie ohne Konkurrenz. Es gab immer Londoner Schuhmacher, die berühmter waren als John Lobb.

Der amerikanische Dandy ➱Lucius Morris Beebe, den Walter Winchell einmal Luscious Lucius genannt hat (und der schon ➱hier erwähnt wird), schrieb 1965: Passed along to me from John OHara is the saddening intelligence that Peal & Company of London, bootmakers to the English aristocracy for the last 173 years and probably the most celebrated firm of shoe cobblers in the world, has gone out of business, at least as custom purveyors of the finest handcrafted footwear the world has ever seen. Da wusste John O'Hara, der Autor von Appointment in Samarra und Butterfield 8, gar nicht mehr, wo er seine Schuhe kaufen sollte. Er hätte sich natürlich bei ➱Brooks Brothers Schuhe von Peal kaufen können, denn die hatten den Firmennamen gekauft. Sie lassen sich heute die Schuhe von Crockett & Jones liefern.

Noch ein anderer ➱Schriftsteller war Kunde bei Peal, schrieb die Firma sogar in seine Romane: He wore a single-breasted dark tan tropical suit and a white silk shirt with a shallow collar. The rolled ends of the collar were joined by a gold safety pin beneath the knot of a narrow dark red and blue striped tie that fractionally wasn’t the Brigade of Guards’. The cuffs of the shirt protruded half an inch below the cuffs of the coat and showed cabochon crystal links containing miniature trout flies. The socks were charcoal-grey silk and the shoes were old and polished mahogany and hinted Peal. The man carried a dark, narrow-brimmed straw Homburg with a wide claret ribbon. Wir können dieser Romanstelle aus Goldfinger (zu Goldfinger gibt es ➱hier einen Post) entnehmen, dass ein James Bond Roman sehr viel differenzierter ist, als es die zu Comics verkommenen James Bond Filme sind.

Samuel Peal brachte 1791 einen patentierten wasserdichten Schuh auf den Markt (wir wollen lieber nicht wissen, wie diese mit Terpentin behandelten Latex Schuhe ausgesehen haben) und machte dann 1793 pleite. Nach diesem Rückschlag zog er nach London und wurde dort schnell berühmt. 1851 durfte er seine Schuhproduktion bei der Weltausstellung im ➱Crystal Palace ausstellen, und hundert Jahre später stellte er beim Festival of Britain ein Paar Stiefel aus.

Das mit dem Stiefel war durchaus symbolisch, denn das Logo der Firma waren ein Jagdstiefel und ein Fuchs. So etwas konnte man sich in den Zeiten, als die Engländer noch nichts gegen die Fuchsjagd hatten, durchaus erlauben. Wer heute noch Füchse jagt, wird sich seine Stiefel wohl bei ➱Horace Batten kaufen. Ein Jahrzehnt nach dem Festival of Britain war für die einst stolze Firma Peal Schluss (und sechs Jahre später wird auch Codner, Coombs & Dobbie schließen): The Directors of Peal & Co. Ltd. announce with regret the closing of their bespoke workshops due to the ever-increasing difficulty experienced over the past few years in obtaining skilled labor to replace their long-serving staff who have left due to retirement and deaths. Übriggeblieben sind in den London Metropolitan Archives die 620 Feet Books aus den Jahren 1870 bis 1965, die die Maße von 100.000 Kunden enthalten. Namen dieser Kunden finden Sie zum Beispiel auf dieser ➱Seite.

Einer der ganz großen Londoner Namen in der Welt der Schuhe ist George Cleverley. 1898 geboren, in einer Familie von Schuhmachern aufgewachsen. Als Kind verkaufte er Schuhcreme und Schnürbänder auf der Straße. Nach der Lehre war er in der Armee und verbrachte den Ersten Weltkrieg in einer Schuhfabrik der Armee in Calais (offensichtlich reichen die Fabriken von ➱Rushden und Nottingham nicht aus). Nach dem Krieg war er achtunddreißig Jahre bei ➱Nikolaus Tuczec, dem  berühmtesten Londoner Schuhmacher der dreißiger Jahre. 1958 machte er sich selbstständig und eröffnete seinen Laden in der Cork Street.

Seine Kundenliste war lang und voll von bedeutenden Namen. Der Schauspieler Terence Stamp (der ➱Sergeant Troy in Far from the Madding Crowd) ist seit Jahrzehnten ein Fan, er hat Kenneth Branagh vor Jahren zu Cleverley geschickt. Und der hat seine teuren Schuhe dann in dem Film My Week with Marilyn getragen. Wo er feststellte, dass Sir Laurence Olivier, den er im Film an der Seite von Michelle Williams spielt, die gleichen ➱Schuhe besaß. Das ist jetzt eine neue Form des ➱method acting. In der Zeit, in der Cleverley für Tuczec arbeitete, hat er auch die Schuhe für Humphrey Bogart, Gary Cooper und Cary Grant gemacht. Und die Slipper für Winston Churchill. Als General Eisenhower die gesehen hatte, hat er Cleverley angerufen und gesagt: Make me a pair just like Winnie's.

Cleverley war bis zu seinem Tod im Jahre 1991 immer noch tätig. Unter anderem als Berater für New & Lingwood, die die Firma Poulsen Skone gekauft hatten. Die ist heute nur noch ein Name, aber es hat die Firma wirklich gegeben. In dem schönen Buch Up West: Voices from the Streets of Post-War London von ➱Pip Granger kann man viel über sie lesen. George Cleverley Schuhe gibt es immer noch, der Firmenname wurde nach seinem Tod von George Glasgow und John Carnera geschickt vermarktet (lesen Sie ➱hier mehr). Die Schuhe waren auch in dem ➱Film Kingsman zu sehen, der Werbeauftritt der Firma ist schon ein wenig ordinär (was sollen GC signierte Uhrarmbänder?) Man hat noch seine Leisten und bemüht sich, den Stil des Meisters und seinen (wie er es nannte) suspicious square toe zu kopieren.

Die meisten Londoner Konkurrenten von Lobb, wie zum Beispiel Henry Maxwell (deren Stiefel berühmt waren), existieren heute nur noch dem Namen nach. Henry Maxwell und Foster and Son Schuhe werden von der selben Firma angeboten. Foster & Son wurde 1840 gegründet und war damit eine der ältesten Londoner Firmen. Hundert Jahre später gab es immer noch einen Mr Foster, aber der wurde 1941 Opfer einer deutschen Fliegerbombe. Seine Witwe tat sich mit einem anderen Schuhmacher zusammen und führte das Geschäft fort. Seit 1966 ist es in der Jermyn Street.

Aber von den Maßschuhen, die um die 3.000 Pfund kosten (➱Herbert Haderer in Salzburg macht das für die Hälfte des Preises), kann man nicht leben, und so bietet die Firma - die das Logo mit dem Reitstiefel und dem Fuchs 1965 von Peal gekauft hat (auch ein Weg, um eine künstliche Tradition zu schaffen) - auch fertige Schuhe an. Aber wer macht die? Das ist die Frage, die in hunderten von Foren hunderte von Besserwissern beschäftigt. In den meisten Fällen wird es wohl Edward Gree sein, wenn man einen Schuh von Foster & Son kauft. Manche spekulieren, dass die Schuhe von Cheaney kommen. Und dass die Schuhe der Schwesterfirma Maxwell für den japanischen Markt von Grenson sind. Da wollen wir mal nicht hoffen, dass das die Grenson Schuhe (G-Two) sind, die in Indien hergestellt werden.

Es ist immer wieder die gleiche Geschichte: es gibt eine ehrwürdige Front, eine vornehme Adresse, eine lange Geschichte, tausend Namen von berühmten Kunden. Schauspieler, Herzöge, Könige. Alan McAfee, nach dem dieser Absatztyp heißt, machte mal die Schuhe von Fred Astaire. Auch von ihm ist nichts übrig geblieben, außer dem dovetail toplift insert, das in der Branche als McAfee Heel bekannt ist. In den achtziger Jahren geriet McAfee in Schwierigkeiten, danach wurden die Alan McAfee Schuhe zuerst von Church (das ist die  Marke, für die Bernhard Roetzel in seinem Buch über den Gentleman Reklame macht) und dann von Cheaney gemacht.

Die ehrwürdige Firma konnte damals auch nicht von dem größten whizzkid der Branche, den sie als Creative Director beschäftigten, gerettet werden. Der hieß Oliver Sweeney und war mit fünfzehn Jahren in das ➱Swinging London der Sechziger gekommen. Fing bei dem Maßschuhmacher McAfee an (I loved handmade shoes. At McAfee, I never wanted the shoes to go out to the customers. I could handle them, look at them, for hours) und wurde eines Tages dort sogar Direktor.

Als Church den Firmennamen Alan McAfee kaufte, blieb Sweeney nicht bei der Firma. Er präsentierte 1989 sein eigenes Label: Oliver Sweeney. Ich zitiere dazu einmal den Independent: When Sweeney set up his own company in 1989, he began developing his techniques with the aim of creating a kind of 'demi-bespoke' product: shoes that were factory-made but of a quality reminiscent of the bespoke pairs worn by the likes of Cary Grant and James Stewart. So Sweeney's shoes are sold 'off-the-shelf' but each customer should feel he is buying and wearing a bespoke product.

Ich habe seit Jahrzehnten einen Schuh von ihm, der den Namen Dirk Bogarde hat (das habe ich schon in dem Post ➱Dirk Bogarde erwähnt). Stand auf dem Karton drauf, musste ich kaufen. Ich nehme an, dass der Schuh aus der ersten Kollektion von Sweeney stammte. Der sich offensichtlich einen alten Tuczec oder Cleverley Leisten mit diesem bevelled waist als Vorbild genommen hat. Leider finde ich mein Modell nicht im Internet, aber ich sehe mit Vergnügen, dass Oliver Sweeney einen ähnlichen Leisten mit dieser eckig weggeschnittenen Sohle immer noch im Programm hat (im Absatz oben).

Der schon erwähnte Lucius Beebe (hier in einem Anzug von Henry Pool mit Howard Hughes und Lily Pons) hat in seinem Essay über Peal & Co auch die Firma Alan McAfee erwähnt, deren treuer Kunde er war. Mit leichtem Amüsement notiert er: Because I am their only regular customer with a Nevada address, my infrequent visits to their dusty premises give them, I think, a certain pleasure. Their preconceived notions of the American West have a cachet of the Wells Fargo years about them, and the fact that I do not wear fur trousers and a brace of shooting irons is a surprise and disappointment to the clerks in long yellow dustcoats and whiskers to match."But what do you do, sir, with evening slippers in your part of the world?" Manchmal ist die Provinzialität der Engländer wirklich rührend.

Sie machen alle die gleiche Sorte Schuh. Genormt wie eine Schuluniform. Nur einem perversen Zeichner wie ➱Ronald Searle kann es einfallen, einem korrekt mit einem ➱Morning Coat bekleideten Bräutgam diese Schuhe an die Füße zu zeichnen. Nein, für den Gentleman und die anglophilen Herren überall auf der Welt, kann es nur den klassischen englischen Schuh geben. Ich zitiere da noch einmal den ➱Wien Führer aus dem Jahre 1927:

Wer etwas auf einen distingierten Fuß hält, trägt entweder englische oder ungarische Schuhe. Die nobelsten und anspruchvollsten Füße von Wien lassen sich von zwei echt englischen Schustern bekleiden: Coyle & Earley am Karlsplatz. Die sind so vornehm, daß sie nicht einmal eine Auslage haben, aber die Stammkunden, Aristokraten, fremde Diplomaten, Gutsbesitzer finden den englischen Schuster auch so. Mag es irgendwo auf der Welt eine Schuhmode geben, die die Schuhe runder, spitzer oder eckiger erscheinen lässt, es kümmert die Engländer nicht. Das Revolutionärste in der englischen Schumacherei, war wahrscheinlich der loafer, den Wildsmith 1926 für George V machte. Seitdem gehört dieser Typ Schuh (den heute Edward Green als Modell Harrow anbietet), auch zum englischen Gentleman. Aber ebenso wie die Spikes niemals zum Cutaway.

Wir lieben die Engländer, weil sie so traditionell sind. Oder wir mögen sie nicht, weil sie so langweilig sind. Und tragen Italiener, Franzosen, Spanier oder Portugiesen. Die können auch Schuhe machen. Und viele spanische und portugiesische Firmen haben schon in Lohnfertigung Schuhe für namhafte englische Firmen gemacht. Die englische Schuhindustrie sonnt sich im Licht der Vorzeigefirmen, aber englischer Schuh ist nicht gleich englischer Schuh. In dem Forum Moda - Forum for the real fashion luxury schrieb Urban vor einem Jahr unter dem ➱Titel Schuhe aus England - Nein, danke! einen kritischen Artikel. Ich kenne den Verfasser, er versteht viel, sehr viel von Schuhen (seine Lieblingsschuhe stehen auf dieser Liste), man sollte seine Argumente ernst nehmen.

In ihrem wunderbaren Buch The Secret Diary of Adrian Mole. Aged 13 3/4 läßt Sue Townsend den kleinen Adrian Mole am Tag vor der Hochzeit des Prinzen von Wales in sein geheimes Tagebuch schreiben: I hope the Prince remembers to remove the price ticket off the bottom of his shoes, my father didn't at his wedding. Everyone in the church read the ticket: '9 1/2 reject, 10 shillings". Stand auf den Schuhen von Charles bestimmt nicht drauf (reject erst recht nicht), egal ob er nun Tricker's (die von ihm einen royal warrant haben) trug oder John Lobb wie sein Vater.

Auch Meisterschuhmacher machen Fehler, und so gibt es selbst bei Edward Green rejects (meistens innen mit einem R gestempelt). Diese Schuhe aus zweierlei Leder fallen wohl auch darunter. Bei John Lobb in London gibt es natürlich keine rejects, der Chef guckt sich jeden Schuh noch einmal genau an. Aber kleine Fehler können auch die Lobbs machen. Als Eric Lobb einmal zum Buckingham Palace gerufen wurde, stellte er im Taxi kurz vor den Palasttoren fest, dass er in der Eile zwei verschiedene Schuhe angezogen hatte. Wir wollen mal annehmen, dass er damit nicht so ausgesehen hat wie der junge Mann in P.G. Wodehouses ➱Kurzgeschichte The story of Cedric, der am Tag seiner Hochzeit quietschegelbe Schuhe zu seinem Morning Coat trägt.

Einen interessanten Weg zum Überleben bei den immer steigenden Mieten in Londons City hat die Firma James Taylor & Son gefunden. Es gibt den Maßschuhmacher seit 1857, vor Jahrzehnten hatten sie mal - das fand ich sehr witzig - eine Baker Street Collection. Das mit der Baker Street bot sich an, die ist um die Ecke. Wahrscheinlich fanden die Touristen das ganz toll, sich ein Modell Dr Watson zu kaufen. James Taylor & Son macht immer noch Maßschuhe, verkauft aber Classic Comfort Shoes für 195 Pfund. Und offeriert - und da würde man bei John Lobb tot umfallen - deutsche Finn Comfort Schuhe. Wir können dem Ganzen entnehmen, dass es der Firma nicht auf snob appeal ankommt, denen geht es um Fußgesundheit.

Es gibt da noch einen Laden in London, in dem man handgemachte Schuhe kaufen kann. Ist nicht jedermanns Sache, aber der Kuriosität halber muss er erwähnt werden. Der Laden hat den schönen Namen The Old Curiosity Shop, aber den hat er natürlich erst, seit der gleichnamige Roman von ➱Charles Dickens erschienen ist. Doch das alte Haus soll das Vorbild für Dickens' Roman gewesen sein, da dürfen sie sich schon so nennen. The Old Curiosity Shop gehört dem Designer Daita Kimura, man muss klingeln, wenn man hinein will. Wenn Sie ➱dies anklicken, können Sie einen Blick auf die schräge Kollektion werfen. Für konservative Kunden gibt es aber auch Schuhe von Tricker's im Laden.

Was ist die Zukunft der Londoner Firmen? Werden sie ihre Miete bezahlen können, um ihre vornehmen Läden in der Jermyn Street (wo inzwischen selbst Charles Tyrwhitt ein Geschäft hat) oder ähnlichen Straßen halten zu können? Oder liegt die Zukunft bei den independents der Branche wie zum Beispiel Clifford Roberts? Der hat mit ➱Cliff Roberts, Artisan hier schon einen Post. Und das gibt mir Gelegenheit, noch einmal meinen schönen Cliff Roberts Schuh abzubilden. Vielleicht sind Schuhmacher wie Cliff Roberts (oder Schuhmacherinnen wie ➱Hendrikje Ehlers) die wirkliche Zukunft.

Und nicht die großen Namen und die großen Luxuskonzerne. Und sie alle kennen die Grundwahrheit ihres Handwerks: The art of a good handmade shoe lies in its lightness and springiness, but it will also be a solid shoe and last a long, long time. The leather must be well worked, well hammered, so as to get the pores tight. And the everything depends on the last. If you don't get it right, it's a washout. Hat schon George Cleverley gesagt. Möge Sankt Crispin (der auch schon zu einer Marke geworden ist) mit ihnen sein. Das hier, auf dieser von Ronald Searle gezeichneten Werbung, ist natürlich nicht Jay beim Aufräumen von Büchern. Weil Jay gar keine Church Schuhe besitzt.

Mittwoch, 26. August 2015

Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent)


Nicht alle Leser interessieren sich dafür, aber viele lesen es doch sehr gerne, wenn ich über Schuhe schreibe. Der vorletzte Post zu dem Thema, ➱Wiener Leisten, war auf jeden Fall ein voller Erfolg. Und dann kam noch ➱Wayward Cows, wow! Ich habe mir überlegt, ich schreibe einmal über englische Schuhe. Ich habe nämlich gerade meine Schränke aufgeräumt, ein bisschen System hineingebracht. Ein so schöner chisel toe Schuh (Nikolaus Tuczek? George Cleverley?) ist leider nicht dabei, aber es sind schon viele schöne Schuhe. Ein guter Schuh sieht auch nach dreißig Jahren noch gut aus. Wenn man ihn pflegt und putzt. Wie man einen Schuh richtig putzt, können Sie in diesem ➱Video sehen. Es wäre zu lang, wollte man alle englischen Hersteller von rahmengenähten Schuhen in einem Post unterbringen. Deshalb teile ich das in mehrere kleinere Posts auf. Und fange heute einmal mit Alfred Sargent an, einer Firma, die ein wenig unterbewertet ist. Und in Deutschland kaum bekannt ist (obgleich man ihre Schuhe in Hamburg und Berlin wohl finden wird).

Im Jahre 2009 gab es im englischen Unterhaus eine interessante Debatte zum Thema der englischen Schuhindustrie. Der konservative Abgeordnete Peter Bone, der die Wahlkreise Wellingborough und Rushden vertritt, sagte in einer Rede: Over the past decade, however, manufacturing industry in my constituency has gone into a nosedive with shoe factory after shoe factory closing. If we take Rushden alone, we see that there were 106 shoe factories there in 1920; as late as 1973 there were still 40 shoe factories; today, we will find just five. For anyone wishing further information about the shoe trade in Rushden, I would recommend the website www.rushdenheritage.co.uk

Wellingborough und Rushden sind nicht weit von Northampton entfernt, wir sind im Zentrum der englischen Schuhindustrie. Es ist ja kein Zufall, dass die Fußballmannschaft von Northampton den Spitznamen The Cobblers hat. Sie können auf dieser ➱Seite sehen, wie viele Schuhfabriken es im Jahre 1916 in Rushden gibt. In Rushden sitzt seit dem Jahre 1899 die Firma Alfred Sargent, die 2009 in finanzielle Schieflage gekommen war (man kann die ganze  Unterhausdebatte ➱hier lesen). Die Firma hat ein kleines Imageproblem, man kennt sie nicht unbedingt. Aber ihr Direktor ist zuversichtlich: I think competition is a healthy thing, I admire Crockett & Jones for what they have achieved and Edward Green make some beautifully classic shoes too. I believe there is room for us all in the market. If anything competition pushes us to improve on what we offer which shall mean that English shoes keep getting better. Kenner haben Alfred Sargent immer zu den besten englischen Schuhfirmen gezählt.

Und Sargent offeriert eine hand grade Linie, die mit den besten englischen Firmen mithalten kann: The fiddleback waist done correctly is an unique look and as both feature this it is easy to draw a comparison. We used to make the Gaziano & Girling shoes for them in our factory so that continues the story also I guess. I think they are noticeably different, mainly in terms of design and lasts, but also that in terms of making when we designed AS Handgrade we incorporated more hand work. Was ein fiddleback oder bevelled waist ist, können Sie hier an dem schwarz eingefärbten Steg sehen, je schmaler der ist, desto eleganter der Leisten. Die Firma Gaziano & Girling (die auch Schuhe für Ralph Laurens ➱Purple Lable Linie macht) ist im Augenblick das Schärfste, was aus England kommt. ➱Tony Gaziano hat einmal für Edward Green gearbeitet und ging dann zu George Cleverley, wo er er Dean Girling kennenlernte.

Die wenigen verbliebenen Schuhfirmen aus Northampton und Umgebung sind normalerweile sehr zurückhaltend bezüglich der Namen ihrer Kunden, für die sie Private Label Schuhe machen. Alfred Sargent hat also einmal Schuhe für Gaziano & Girling gemacht, sie machen auf jeden Fall Schuhe für New & Lingwood. Die ja mal die Firma Poulsen Skone gekauft hatten. Auf jeden Fall den Namen, die Firma existierte längst nicht mehr. Und dann haben sie auch noch den alten George Cleverley als Berater eingekauft. Und ließen sich die Schuhe von Edward Green machen. Neuerdings scheint Poulsen Skone als eigene Marke auftreten zu wollen, scheint sich von New & Lingwood ab- und sich der Firma Dunhill zuzuwenden.

Alfred Sargent hat vielleicht auch einmal Tyrwhitt beliefert (zu der Firma wird es noch einen eigenen Post geben). Sie beliefern die Firma Shipton & Heanage, aber anscheinend die Firma Herring nicht mehr, sie möchten offensichtlich bei ihrem trading-up nicht mehr so gerne, dass ihre Schuhe über das Internet verkauft werden (über Shipton & Heanage und Herring etc wird es noch einen Post geben). Was vielleicht nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, dass ebenso wie Crockett & Jones seine Alt Wien Linie hat, auch Alfred Sargent eine solche Linie anbietet: Der Budapester: Traditionelles Schuhhandwerk. Sie verkaufen das vornehmlich südlich des Weißwurstäquators.

Ich habe schon zahlreiche Schuhe von Sargent in der Hand gehabt, besitze aber keinen. Sie haben sich bemüht, auf den deutschen Markt zu kommen, aber das scheint nicht so richtig gelungen zu sein. Ich habe vor Jahrzehnten einmal zufällig einen Mann getroffen, der mit Alfred Sargent Schuhen handelte, deshalb besitze ich einen Katalog (mit Preisliste) aus dem Jahre 1996. Damals kosteten ihre Spitzenmodelle zwischen 439 und 459 DM. Heute muss man für die Exclusive Collection solche Preise in Pfund bezahlen. Der Katalog war hervorragend gemacht, in sehr gutem Deutsch, nicht diesem Deutsch von ➱Heinrich Lübke, aber dennoch war der Firma damals kein Erfolg beschieden.

Wenn ich schon keinen Schuh von Alfred Sargent habe, so habe ich doch einen Schuh aus Rushden. Nämlich einen schwarzen captoe aus bookbinder Leder von Sanders & Sanders. Das ist nun keine tolle Firma, die sind weit da unten, wo auch Loake ist (alles, was Sie über Sanders wissen wollen, finden Sie auf dieser interessanten ➱Seite des Blogs Gentleman's Gazette). Aber der Schuh, der mich vor zwanzig Jahren mal einen Hunni (DM) bei Görtz in Hamburg (die früher mal viele englische Marken führten) kostete, ist immer noch hervorragend. Sieht nach einem richtig teuren englischen Schuh aus, ich liebe ihn. Sanders ist stark im Geschäft mit schlichten schwarzen Schuhen für die Armee und die Polizei, deshalb haben sie ein Modell, das Sanders Uniform heißt. Auf der Homepage erwähnt die 1873 gegründete Firma Sanders, dass sie im Ersten Weltkrieg sechstausend Paar Schuhe und Stiefel in der Woche herstellten. Wahrscheinlich haben sie wegen der Spezialisierung überlebt, und so sind Sanders und Sargent neben Grenson und DB Shoes die wenigen, die von den vielen Schuhfabriken in Rushden überlebt haben.

Schuhe für die Armee hat Alfred Sargent auch in großer Menge hergestellt. Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Und Schuhe können eine Schlacht entscheiden: On the morning of June 30, I ordered Brigadier General Pettigrew to take his brigade to Gettysburg, search the town for army supplies (shoes especially), and return the same day. Was General Henry Heth nicht weiß, ist die Tatsache, dass in ➱Gettysburg die Spitze der Armee der Nordstaaten ist. Wäre dieser Satz get those shoes! nicht ausgesprochen worden, hätte es die Schlacht von Gettysburg nicht gegeben. Schuhlieferungen für die Armee sind nichts Neues für die Schuster in Northampton und Umgebung, im englischen Bürgerkrieg hat man die Armeen des Parlaments mit 4.000 Paar Schuhen und 600 Paar Reitstiefeln beliefert. Oliver Cromwell bekam 1648 auch noch 2.000 Paar Schuhe für seine New Model Army.

Als dieses Photo in der Fabrik von Sargent gemacht wird, ist gerade mal wieder ein Krieg zu Ende. Weihnachten 1945, kein männlicher Schuhmacher zu sehen. Die Frauen haben die Arbeit übernommen. Das war dreißig Jahre zuvor noch anders. Wenn auch viele Uhrmacher patriotisch zu den Waffen eilten (Harry Sargent wurde Leutnant beim ➱Royal Flying Corps), versuchten die Fabriken doch, ihre Uhrmacher zu halten. So gab es immer wieder Befreiungen vom Wehrdienst, wie man dieser Tabelle entnehmen kann. John White, der sich eines Tages ein ganzes Schuhimperium schaffen wird (1951 exportiert er 400.000 Paar Schuhe nach Amerika) schreibt in seinen Memoiren: On the 15th of the month [September 1914] I went to the barracks to enlist, they said 'You’re engaged in the shoe trade, you’ll have to go back till we call you, they wanted shoes more than they did men!" John White Schuhe kann man heute bei Zalando kaufen, Alfred Sargent Schuhe nicht.

Die ➱Internetseite, die der Abgeordnete in seiner Rede empfiehlt, ist übrigens hervorragend. Ein Zugang zur Sozialgeschichte eines Ortes und eines Berufs. Man hat in England schon früh etwas gepflegt, was den Namen Industrial Archaeology bekommen hat. Wenn die Engländer schon ihre Industrie gegen die Wand gefahren haben, dann sind sie doch Meister in der musealen Pflege der Reste. So gibt es zum Beispiel auch ein Buch mit dem Titel Built to Last: The Buildings of the Northamptonshire Boot and Shoe Industry. Das Bild hier zeigt die Hauptstraße von Rushden im Jahre 1900.

Und was hatte die Regierung damals dem Abgeordneten Peter Bone zu sagen? Ein Unterstaatssekretär wusste dem Abgeordneten zu sagen: The hon. Gentleman will probably be aware that the Prime Minister launched the booklet "Real help for the East Midlands" in Northamptonshire on 13 February. It signposts practical help from the Government to support businesses and families. Die Frage, warum die Regierung der Industrie nicht hilft und die Banken füttert, wurde nicht beantwortet. Denn da hat Peter Bone (Bild) ein Argument, das man nicht so vom Tisch wischen kann:

The decline in manufacturing has been a national disgrace. If I were to be critical of the Government in this debate, I would refer only to their over-reliance on banking and financial services at the expense of manufacturing industry, which has been a total disaster. We need think only of the billions of pounds thrown at the banking and financial sector at the most enormous cost to each man, woman and child in the country to see the folly of that policy. If only a small percentage of the taxpayers' money now being thrown at the banking industry had been directed towards making the lives of manufacturing companies any easier, we would now be in a far better position and there would be no need for today's debate.

Dienstag, 25. August 2015

Sir Thomas Sean Connery


Er wird heute fünfundachtzig. Da sind Glückwünsche für Sir Thomas Sean Connery angebracht. Es gibt heute zu Connery nichts Neues. Er hat mit ➱Scotland forever schon zum achtzigsten Geburtstag einen ausführlichen Post bekommen. Und er (und die Phantasiefigur James Bond) kommen in diesem Post immer wieder vor. Wenn Sie heute nicht anderes zu tun haben, dann könnten sie noch die Posts Goldfinger, Agentenmode, 007, Ian Fleming, Cathy Gale, Daliah Lavi, Kingsman, James Bond, Ken Adam, Bond Girl, Haiku, Britt, Fräcke, John le Carré, Goldfinger, Secret Agents, Eric Ambler, Somerset Maugham, Michael Caine, Michael Caine, Marion Zimmer Bradley, Fantasy, Viva Zapata!, Derrick, Hüte, Sportjackett, Brioni, Laurence Harvey, The Go-Between, Griechen, Raffaele Caruso, Blazer und Hosenumschlag lesen. Und hören können Sie ihn ➱hier auch.
Und ein kleines Gedicht habe ich zur Feier des Tages auch. Es ist von ➱Fiona Pitt-Kethley und hat den Titel Bond Girls:

Back in my extra days, someone once swore
she'd seen me in the latest James Bond film.
I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was 'a passer-by'.)

I've passed the lot in Pinewood Studios.
It's factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that's where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind -
Black, Asian, White - blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red -
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.


Montag, 24. August 2015

Goten


Am 24. August des Jahres 410 begann die Plünderung Roms durch die Goten. Es werden dort noch viele Plünderungen folgen. Wie die der Vandalen, die 45 Jahre später kommen. Oder der Sacco di Roma 1527 durch deutsche Landsknechte. Über deutsche Landsknechte weiß ich einiges, aber was weiß ich über die Goten? Gothic Revival und die Gothic Novel sagen mir etwas, wie Sie dem Post ➱Gothick entnehmen können. Aber die Goten? Nichts. Dabei habe ich einmal im Studium Gotisch gelernt. Bei einer pädagogisch und didaktisch völlig unfähigen Flachpfeife, die jeden Sonnabendvormittag an der Uni Hamburg dreihundert Leute in Gotisch unterrichtete. Den Satz des Hasses habe ich schon im Post ➱Frauenlob gebracht, ich wiederhole ihn aber gerne.

Ich kann kein Gotisch mehr, und ich weiß nichts über die Goten. Aber andere wissen auch nichts über die Goten, weil man über Alarich und Konsorten so gut wie nix weiß. Und weil man auch nicht so genau weiß, ob sich der römische Kaiser Flavius Honorius (hier auf einem Gemälde von John William Waterhouse) wirklich nur mit der Vogelzucht beschäftigt hat, statt sich dem Kampf gegen die Goten widmen.

Ich weiß auch deshalb nichts über die Goten, weil ich mich im Gegensatz zu ➱Arno Schmidt nicht so richtig für Felix Dahns Ein Kampf um Rom begeistern konnte. Habe ich gelesen, da war ich sieben. Davon ist nichts hängengeblieben. Aber was ich nie vergesse, ist ein weiteres Auftreten der Goten in der deutschen Literatur. Und damit meine ich jetzt nicht den ➱Grafen von Platen mit seiner Ballade Das Grab im Busento (Nächtlich am Busento lispeln, bey Cosenza, dumpfe Lieder etc etc). So etwas stand früher mal in den Lesebüchern, da konnte man frühkindliche Schäden davontragen.

Nein, der denkwürdige Auftritt der Goten steht nicht bei Platen, der steht bei Arno Schmidt. In einem kleinen Roman, der Tina oder über die Unsterblichkeit heißt. Und in dieser wunderbaren Utopie begegnet Felix Dahn im Elysium seinen Romanfiguren, ich zitiere mal eben aus dem Roman: Beinahe umgerannt//: Trotz seines zweispitzigen Vollbartes flitzte der Kerl wie ein Wiesel; schlug Haken; durch Vorgärten; die Zehn mit Knütteln immer hinter ihm her! Preschte durch Häuserschatten, übersprang mit Hürdentechnik ein letztes gestelltes Bein, wetzte hinten um den Kiosk, und entschwand auf langen Frackschwingen in einen hübschen kleinen Park [...] »Die Könige der Goten« erläuterte [Fischer] mir auf Anfrage gleichmütig: »Sind wieder mal hinter Felix Dahn her – na, er ist ja behördlicherseits bei Bewilligung der Einreisegenehmigung ausreichend darauf hingewiesen worden. 

Ist das nicht eine schöne Idee? Die Romanfiguren rächen sich an den Autoren. Und so jagen in meiner Vorstellung in dem Elysium unter der Stadt, das man durch eine Litfaßsäule erreicht, die Goten heute immer noch den Felix Dahn.

Gebt Raum, ihr Völker, unsrem Schritt: wir sind die letzten Goten!
Wir tragen keine Schätze mit: – wir tragen einen Toten.
Mit Schild an Schild und Speer an Speer wir ziehn nach Nordlands Winden,
Bis wir im fernsten grauen Meer die Insel Thule finden.
Das soll der Treue Insel sein: dort gilt noch Eid und Ehre:
Dort senken wir den König ein im Sarg der Eichenspeere.
Wir kommen her – – gebt Raum dem Schritt! – aus Romas falschen Thoren:
Wir tragen nur den König mit: – die Krone ging verloren.

Freitag, 21. August 2015

Désirée


Schweden. Also das Schweden vor Ikea: Linksverkehr, teurer Schnaps und blonde Schwedinnen. Gute Krimis von ➱Sjöwall-Wahlöö (die heute schlechten Krimis von ➱Henning Mankell gewichen sind). Und Schwedenfilme. Was die amerikanische Pornoindustrie dazu bewegte, tausende von Filmen Swedish Erotica zu benennen. Ihr Star hieß Seka, aber die kam überhaupt nicht aus Schweden. Den Namen Swedish Erotica nahm 1985 auch eine schwedische Rockband an, die waren aber nie so erfolgreich wie Abba. Erotik ist nicht alles.

Die Schweden vergeben auch den Nobelpreis. Natürlich nicht an Kurt Vonnegut, aber der weiß, warum er den Preis nie bekommen hat: I used to be the owner and manager of an automobile dealership in West Barnstable, Massachusetts, called 'Saab Cape Cod.' It and I went out of business 33 years ago. The Saab then as now was a Swedish car, and I now believe my failure as a dealer so long ago explains what would otherwise remain a deep mystery: Why the Swedes have never given me a Nobel Prize for Literature. Old Norwegian proverb: “Swedes have short dicks but long memories“. Der Nobelpreis wird vom schwedischen König vergeben, und um das schwedische Königshaus soll es heute gehen. Nicht um amerikanische Porno Queens.

Das schwedische Königshaus ist weltoffen, die haben nichts dagegen, wenn eine Prinzessin einen Fitnesstrainer heiratet. Oder wenn die Firma Omega im Jahre 1955 ein einziges Mal mit einem Bild des Königs wirbt, der auf seine Omega guckt: Punktlighet är kungars artighet. Hat man durchgehen lassen, um zu zeigen, wie volkstümlich man ist. Aber so beliebt wie die ➱Könige aus dem Nachbarland ➱Dänemark waren die schwedischen Könige doch nicht, und die Bordellbesuche von Carl Gustav hat man ihm auch übelgenommen. Ich weiß jetzt nicht, ob das unter den kungliga svenska avundsjukan (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Ingmar Bergman) fällt.

Der 21. August hat in der Geschichte Schwedens eine besondere Bedeutung, aber die Schweden feiern den Tag nicht. Vielleicht haben die das noch gar nicht gemerkt, dass sie heute drei (oder mehr) historische Ereignisse feiern können, die etwas mit ihrem Königshaus zu tun haben. Das schwedische Königshaus lieben wir ja, seit die da eine Königin aus Deutschland haben. Aber sie hatten auch schon einmal eine  Königin aus Frankreich. Die sie vielleicht nicht so liebten. Auf jeden Fall liebte diese Frau Schweden überhaupt nicht.

Ihr Name als Königin war Desideria, aber wir kennen sie besser als Desirée. Auf jeden Fall wir alle, die wir den Roman Désirée von Annemarie Selinko (Bild) gelesen haben. Das waren in den fünfziger Jahren Millionen von Menschen. Nicht jeder war begeistert. Friedrich Sieburg sagte: Aus halber Geschichte kann nie ein ganzer Roman werden ... Es wäre gegenüber solcher Willkür eine schlechter Trost, wenn man sich sagen wollte, daß die meisten Leser von den tatsächlichen Zusammenhängen nur eine sehr verschwommene Vorstellung haben. Das mag zutreffen, aber die Geringschätzung des Publikums ist eine gefährliche Voraussetzung für jeden Schreibenden.

Aber das Publikum liebt die Geringschätzung, das ist bei Bestsellern immer so. Vor allem, wenn ein Roman so anfängt: Ich glaube, eine Frau kann viel leichter bei einem Mann etwas erreichen, wenn sie einen runden Busen hat. Deshalb habe ich mir vorgenommen, mir morgen vier Taschentücher in den Ausschnitt zu stopfen. So etwas Ähnliches hat sich der Zeichner des Buchumschlags des Pan Paperbacks wohl auch gedacht, wobei wir wieder beim Thema der Swedish Erotica wären. Der Verkaufserfolg des Romans hatte sicherlich auch etwas mit dem ➱Film zu tun, in dem die Engländerin Jean Simmons die Frau spielte, die Bernardine Eugénie Désirée Clary hieß. Und die eines Tages einen gewissen Jean-Baptiste Bernadotte heiratete. Weil das mit Napoleon, mit dem sie mal verlobt war, nicht so geklappt hatte.

Pappi wollte wohl keine zwei Bonapartes in der Familie haben, denn 1794 hatte Désirées Schwester Napoleons Bruder Joseph geheiratet. François Clary war reich, sehr reich, er mochte dieses arme Zuwandererpack aus Korsika nicht besonders. Einen in der Familie vielleicht, aber zwei, das geht nicht. Desirées Schwester wird Königin von Neapel und Sizilien und Königin von Spanien. Auf jeden Fall, solange das mit Napoleons Herrschaft über Europa dauert. Also bis Napoleon im Garten von Malmaison zu Désirée sagt: "Nimm den Säbel von Waterloo!“ Stahl flammte in der Sonne auf. Zögernd streckte ich die Hand aus. „Gib acht, faß den Säbel nicht an der Klinge an!“ Ungeschickt griff ich nach dem Knauf. [...] „In diesem Augenblick ergebe ich mich den Verbündeten. Ich betrachte mich als Kriegsgefangenen.” So steht das bei Annemarie Selinko. Wenn man das liest, kann man den Unmut von Friedrich Sieburg verstehen.

Als Désirée den Bernadotte heiratete, war noch nicht daran zu denken, dass der eines Tages König von Schweden sein würde. Sie kam im Januar 1811 mit ihrem elfjährigen Sohn Oscar zum ersten Mal nach Schweden. Ein Jahr zuvor hatte der kinderlose König Karl XIII ihren Ehemann adoptiert. Der hieß jetzt nicht mehr Jean-Baptiste sondern Karl Johann. Désirée fand, dass der Königspalast wie eine Art Kaserne, riesig, dunkel und eisig kalt war. Sie konnte sich Anfangs nicht an den rauhen Norden gewöhnen, und ging deßhalb wieder nach Paris, wo sie noch mehrere Jahre lebte, bis sie endlich, dem Anschein nach für immer, nach Schweden zurückkehrte, wo sie durch Güte und Wohlthätigkeit sich die Liebe ihrer Unterthanen erworben hat, heißt es im Damen Conversations Lexikon 1838.

Im Juni reiste sie wieder ab, ohne ihren Sohn. Und ohne die Einwilligung ihres Mannes. Sie lebte dann unter dem Pseudonym einer Gräfin von Gotland zurückgezogen in Paris. Königin war sie noch nicht, weil sie noch nicht gekrönt worden war. Erst 1823 kam sie nach Schweden, in Begleitung dieser Dame, die die Gattin ihres Sohnes (und spätere schwedische Königin) wurde. Die heißt Josephine von Leuchtenberg oder auch Joséphine de Beauharnais, sie ist die Tochter von ➱Eugène de Beauharnais (der Stiefsohn von Napoleon hat hier schon einen Post). Napoleon ist zwar längst tot, aber irgendwie geistert er immer noch durch Europa.

Désirée will eigentlich gleich nach der Hochzeit ihres Sohnes wieder abreisen, aber diesmal bleibt sie in Schweden. Hält durch ihre Exzentrizitäten Stockholm in Atem. Und wird am 21. August 1829 zur Königin von Schweden gekrönt. An einem 21. August im Jahre 1810 hatte der schwedische Reichststag den französischen Marschall Jean-Baptiste Bernadotte zum Kronprinzen gewählt. Und dann ist da noch der dritte 21. August. Der des Jahres 1772. Da hat der schwedische König Gustav III den schwedischen Reichsrat gezwungen, die vom König verkündete Verfassung gutzuheißen. Was die Entmachtung des schwedischen Adels bedeutete.

Gustav III ist ein Mann der Aufklärung, er war der erste europäische Herrscher, der den neuen Staat Amerika anerkannte (aber der gleichzeitig in den Sklavenhandel einstieg). Er förderte die Künste, holte viele Künstler an den Hof. Wie den Dichter Carl Michael ➱Bellman oder den Bildhauer Johan Tobias Sergel. Die Maler, wie hier Lorenz Pasch der Jüngere oder Alexander Roslin, sind ihm dankbar. Er ist sicher der schwedische Monarch, von dem es die künstlerisch besten und schönsten Bilder gibt. Also, jetzt mal das Bild von ➱Gustav V von ➱Anders Zorn ausgenommen. Es ist eine erstaunliche Sache, dass das reiche Schweden bis zu Anders Zorn und ➱Carl Larsson so wenig Maler besitzt, im Nachbarland Dänemark hat die ➱Malerei im 19. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter. In Schweden nicht.

Natürlich hat der Bildhauer Johan Tobias Sergel auch eine Statue von Gustav III geschaffen (hier im Aquarell von Fritz von Dardel). Für Sergel gab es vor vierzig Jahren in der Hamburger Kunsthalle in der Reihe ➱Kunst um 1800 eine schöne ➱Ausstellung (den hervorragenden Katalog kann man noch antiquarisch finden). Die allerdings kaum Besucher hatte, wat de buur nich kennt, dat frett he nich. Die schöne Zeit des aufgeklärten Absolutismus, dieses kurze Aufblühen von Oper, Theater, Malerei, ➱Architektur und Literatur, dauert aber im 18. Jahrhundert nicht ewig.

Gustav wird, als er den Reichstag zur Unterschrift nötigte, sicher gewusst haben, was im Frühjahr des Jahres 1772 in Kopenhagen geschehen war. Da hat man nämlich den Dr Struensee hingerichtet. Der die Aufklärung schon in Dänemark in die Praxis umgesetzt hatte. Und den Sklavenhandel abschaffte. Zwanzig Jahre nach ihm wird der königliche Aufklärer Gustav III in der Stockholmer Oper, die er so gefördert hat, umgebracht werden. Der Oberstleutnant Carl Pontus Lilliehorn riet ihm schriftlich, nicht zu dem Maskenball zu gehen (hier Gustavs Kostüm für den Abend).

Und fügte hinzu, daß wenn er auch nicht unter seine Freunde gehörte, er doch nicht einer seiner Mörder seyn wollte. Man arretirte ihn den 22. März in Folge dieses Ereignisses, und er wurde den 1. Juny zum Verlust seines Lebens, seiner Ehre und seiner Güter verurtheilt, weil er bey dieser Gelegenheit nicht vollkommen seiner Pflicht zur Rettung seines Souverains nachgekommen sey; allein nach dem ausdrücklichen Wunsche des Königs wandelte der Regent die Strafe in eine lebenslängliche Landesverweisung um, und ließ ihn den 15. August über die Gränze bringen. Lilliehorn verlässt Schweden und lebt den Rest seines Lebens in Bonn. Gustavs Gattin Sophie Magdalene von Dänemark (Bild), die schon lange getrennt von ihm lebte, wird ihren Gatten um zwei Jahrzehnte überleben. Sie stirbt an einem 21. August, ein anderes Datum geht nicht.

Der Mörder des Königs, Jacob Johan Anckarström, wird ergriffen, ausgepeitscht und hingerichtet. Wir kennen die ganze Geschichte natürlich schon durch Giuseppe Verdis Oper Ein Maskenball. Und vielleicht hat der eine oder andere Leser des Posts ➱Giuseppe Verdi sich auch für den dort vorgestellten Roman Das Geschmeide der Königin (Drottningens juvelsmycke) von Carl Jonas Love Almqvist begeistern können. Es ist eine lohnende Lektüre, dieser Almqvist, der auch einmal in Bremen lebte, ist ein interessanter Mann.

Der Tod von Gustav III bedeutet auch das schleichende Ende des Hauses Schleswig-Gottorp auf dem schwedischen Thron. Gustavs Sohn wird sich nicht so lange auf dem Thron halten wie sein Vater. Staatsstreich, Gefangennahme, Absetzung im Jahre 1809. Er ist eine tragische Figur, manche Historiker haben ihn als einen paranoiden Frömmler bezeichnet. Im europäischen Mächtepoker wendet er sich gegen Napoleon und den Zaren, das kann nicht gutgehen. Der schwedische Maler Per Krafft hat ihn hier in einer theatralischen Pose kurz vor seiner Absetzung gemalt. Irgendwie sieht ein er klein wenig bescheuert aus. Aber Bilder können täuschen und lügen. Das gilt für alle Bilder in diesem Post. Die haben da in Schweden eben nicht so gute Maler.

In einem der ersten Gefechte gegen die russische Armee bei Karstula in Finnland wurde der Oberstleutnant Henrik Otto von Fieandt zu einem Helden. Das war natürlich auch an einem 21. August. Aber das Gefecht geht verloren, der Krieg geht verloren, Schweden verliert Finnland und Pommern. Und Gustav die Krone. Gustavs Onkel wird als Karl XIII am 6. Juni 1810 neuer König. Und der adoptiert den Franzosen Jean-Baptiste Bernadotte. Den John Philippart 1814 in seinem ➱Buch Memoirs and Campaigns of Charles John, Prince Royal of Sweden den Polar Star of Europe nennt. Die Bernadottes sind heute immer noch da, länger als alle anderen Familien halten sie sich auf dem schwedischen Thron. Und das nur wegen des 21. Augusts. Aber gute Maler, die haben sie nicht. Wie hier im Jahre 1837 Fredrik Westin mit diesem Familienbild beweist, das im Schloss Gripsholm hängt.