Mittwoch, 29. Juli 2015

Blechen


Am 3. Januar 1882 hat Theodor Fontane die Carl Blechen Sammlung des Apothekers Carl Ludwig Kuhtz besichtigt und sich von dem Sammler alles über Blechen erzählen lassen: Um 11 zu Herrn Kuhtz, Friedrichstraße 31, der mir seine Blechen-Sammlung, Oelbilder und Zeichnungen, zeigt und mir allerhand über Blechen und seine Schicksale erzählt. Einen Tag später besucht er die Blechen Ausstellung in der Nationalgalerie. Und dann beginnt er mit seinem Forscherdrang. Er besucht die Akademie der Künste und studiert alle Akten, die Blechen betreffen. Er besucht Elisabeth Brose, die Witwe des Bankiers und Kunstsammlers Christian Wilhelm Brose, und sieht Broses Blechen Mappen durch. Er bekommt von ihr auch Briefe geliehen. Fontane ist dabei, einen langen Aufsatz über Blechen - ein Malergenie ersten Ranges - zu schreiben. Der bleibt allerdings leider ein Fragment, im Gegensatz zu ➱Franz Skarbina wird Blechen in Fontanes Romanen nicht erwähnt.

Das erste Bild von Blechen, das ich in einem Kunstband sah, war die Villa d’Este in Tivoli. Die Abbildung war zwar nur klein und in Schwarz-weiß, aber mir war sofort klar, dass dies ein Bild eines Malergenies ersten Ranges war. Ich war sechs oder sieben, den Bildband hatte ich meinem Opa gemopst. Er enthielt hauptsächlich die Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, dies Bild stach heraus. Ich habe die Geschichte schon einmal an einem 29. Juli, dem Geburtstag des Malers, erzählt, aber ich stelle sie hier gerne noch einmal hin (illustriert mit Fontanes Lieblingsbild):

Als ich klein war, habe ich meinem Opa aus seiner Bibliothek zwei Bildbände (vorübergehend) entwendet. Der eine war großformatig und enthielt hauptsächlich deutsche Historienmalerei. Der verschaffte mir eine souveräne Kenntnis einer Malerei, für die sich Kunsthistoriker normalerweise schämen. Ich meine jetzt solche Bilder wie Franz von Defreggers ➱Andreas Hofer (obgleich ich im Internet sehe, dass es da immer noch Interesse für das Bild gibt, wahrscheinlich wohnen die alle in Bayern) oder Richard Knötels Heldentod des Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld. Das andere Buch von Opa war etwas kleiner im Format, eine Geschichte der deutschen Malerei. Es enthielt von Blechen (leider waren alle Bilder nur in Schwarzweiß) das Bild der Villa d'Este. Mich faszinierte der fremdartige Name, aber noch mehr die Malerei. Und ich wusste damals ganz genau: so muss Malerei sein, so wie Carl Blechen! Nicht wie Richard Knötel. Ich war damals sechs. Ich habe meine Meinung bis heute nicht geändert.

Das steht in dem ausführlichen Post ➱Carl Blechen. Der Maler wird noch erwähnt in den Posts ➱Eduard Gaertner, ➱Franz Krüger, ➱Kreidefelsen, ➱Caspar David Friedrich, ➱Nachtigallen, ➱Stadtansichten, ➱Johan Christian Clausen Dahl, ➱måneskinnsmaler, ➱Eduard Daege, ➱Deutsche Romantik, ➱Gemäldegalerie, ➱Anna Waser, ➱Overbeck, ➱Mein Dänemark, ➱Gothick, ➱André Malraux, ➱Albert Weisgerber, ➱Friedhof, ➱29. Februar

Montag, 27. Juli 2015

Liberty Girls


Ich glaube, ich schreibe demnächst einmal über die Liberty Girls, habe ich in dem Post zu ➱Harry Crews gesagt. Denn Cindy Woods als Lady Liberty auf dem Playboy zum Bicentennial hat natürlich Vorläuferinnen. Die Mutter all dieser Frauen ist die römische Göttin Libertas, die schon im antiken Rom die Münzen zierte. Sie kann eine Vielzahl von Beigaben haben, die die Freiheit symbolisieren. Zum Beispiel eine Katze, das Tier, das sich niemandem unterordnet. Oder die phrygische Mütze, die in der französischen Revolution als bonnet rouge wieder auftaucht. Im Lateinischen heißt die Mütze (die sich auch auf Münzen findet) pilleus libertatis, sie ist ein Symbol für den frei gesetzten Sklaven.

Die amerikanische Verwandte der Libertas heißt Columbia (was natürlich etwas mit Christoph Columbus zu tun hat), sie taucht meistens in kriegerischen Zeiten auf. Zum Beispiel im amerikanischen Bürgerkrieg oder hier auf einem patriotischen Plakat aus dem Ersten Weltkrieg. Die phrygische Mütze hat da ein neues Design gefunden, aber sie ist noch da. In der amerikanischen  Literatur findet sich Columbia zuerst bei der dichtenden Sklavin Phillis Wheatley (die ➱hier schon einen Post hat) zu Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Das Gedicht (➱hier im Volltext) ist General Washington gewidmet:

Celestial choir! enthron’d in realms of light, 
Columbia’s scenes of glorious toils I write. 
While freedom’s cause her anxious breast alarms, 
She flashes dreadful in refulgent arms. 
See mother earth her offspring’s fate bemoan, 
And nations gaze at scenes before unknown! 
See the bright beams of heaven’s revolving light 
Involved in sorrows and the veil of night! 
 The Goddess comes, she moves divinely fair, 
Olive and laurel binds Her golden hair: 
Wherever shines this native of the skies, 
Unnumber’d charms and recent graces rise.

Wir haben 1776 allerdings noch keine Bilder von Columbia, aber wir haben 1792 ein Bild der Libertas: Liberty Displaying the Arts and Sciences von Samuel Jennings. Die blonde Göttin, die ihre phrygische Mütze auf einen Speer gesteckt hat, verteilt hier die Gaben von Kultur und Bildung an freie Schwarze. Ein erstes Bild der Emanzipation in Amerika (➱hier eine Interpretation zu dem Bild), eine schöne Utopie. Der Satz von Jefferson: We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the Pursuit of Happiness, hat lange gebraucht, bis er die schwarzen Amerikaner erreichte.

Die nächste Darstellung der Freiheit finden wir auf Amerikas Münzen. Dies ist eine Skizze von Gilbert Stuart von Anne Willing Bingham, der schönsten Frau der jungen amerikanischen Republik (die einen der reichsten Männer Amerikas geheiratet hatte). Abigail Adams, die über sie sagte: Mrs. Bingham... taken altogether, is the finest woman I ever saw, hat sie in London dem Hof vorgestellt, als ihr Gatte dort der Botschafter des neuen Staates Amerika war. Abigail Adams (die ➱hier einen Post hat) schreibt 1786 ihrem Sohn: I accompanied her last thursday to Court and presented her both to the King and Queen, and I own I felt not a little proud of her. St James's did not, and could not produce an other so fine woman. 

Yet it was the most crouded drawing Room I ever attended, except the late Birth Day. You know this Ladies taste in dress is truly elegant. She had prepaird herself in France for this occasion, and being more fleshy than I have seen her before, she is concequently handsomer than ever. “She Shone a Goddess, and She moved a Queen.“ The various whispers which I heard round me, and the pressing of the Ladies to get a sight of her, was really curious, and must have added an attom to the old score, for she could not but see how attractive She was. Is she an American, is she an American, I heard frequently repeated? And even the Ladies were obliged to confess that she was truly an elegant woman. You have, said an English Lord to me, but whose name I knew not, one of the finest Ladies to present, that I ever saw. Das Zitat, das Abigail Adams in Anführungszeichen setzt, stammt von Alexander Pope aus seiner Übersetzung der Ilias und heißt ganz richtig: She moves a goddess, and she looks a queen.

Die Göttin wird zwanzig Jahre später auf die ➱Münzen wandern, die gemeinhin als Draped Bust bekannt sind. Der Maler Gilbert Stuart sollte der United States Mint einen Entwurf für die Liberty liefern, er kopierte die Skizze, die er Jahre zuvor gemacht hatte. Damals hatte er die Familie von Thomas Willing malen sollen, was das Genie, das man am besten mit den Worten Schampus und Schulden beschreibt, natürlich nicht fertig bekommen hatte. Robert Scot hat aus der Zeichnung von Gilbert Stuart den Entwurf für Amerikas Kleingeld gefertigt.

Stuart (der ➱hier einen Post hat und im Blog immer wieder vorkommt) hat Anne Willing Bingham 1797 noch einmal gemalt. Ein Portrait, das irgendwie misslungen ist, sie sieht in dem schwarzen Samtkleid so aus, als hätte sie keinen Hals. Sie hat übrigens George Washington geraten, sich von Gilbert Stuart malen zu lassen. Das Ergebnis war das Washington Portrait, das die Dollarnote zierte. Anne Willing Bingham war nicht nur reich und schön, sie hatte auch ein politisches Bewusstsein: The women of France interfere with the politics of the country, and often give a decided turn to the fate of empires. Either by the gentle arts of persuasion, or the commanding force of superior attractions and address, they have obtained that rank and consideration in society which the sex are entitled to, and which they in vain contend for in other countries. We are therefore bound in gratitude to admire and revere them for asserting our privileges, as much as the friends of the liberties of mankind reverence the successful struggles of the American patriots, schreibt sie aus Paris an Thomas Jefferson.

Aus Abigail Adams (die Gilbert Stuart auch ➱gemalt hat) ist keine Göttin der Freiheit geworden, sie hat es nur auf eine 22 Cent Briefmarke geschafft. In ihrem berühmten ➱Brief hatte sie die Rechte der Frauen eingefordert: I long to hear that you have declared an independancy—and by the way in the new Code of Laws which I suppose it will be necessary for you to make I desire you would Remember the Ladies, and be more generous and favourable to them than your ancestors. Do not put such unlimited power into the hands of the husbandsRemember all Men would be tyrants if they could. 

Das ist eine schöne Aufforderung, Remember the Ladies, aber man machte sie in der amerikanischen Revolution kaum wahr. Schöne Dinge stehen in der Declaration of Independence, aber viele bleiben schöne Worte. Frauen sind gut als Göttinnen auf Bildern oder Münzen, was sollen sie in der Politik? Dürfen sie wählen? Nein, natürlich nicht. Eine reiche Witwe namens Lydia Taft durfte 1756 einmal in ihrem Heimatort wählen, sie ist die einzige in den Kolonien  gewesen. Der Staat New Jersey erlaubte im Jahre 1776 Grundbesitzern zu wählen, gleichgültig, ob sie männlich oder weiblich waren, aber 1807 war damit Schluss.

In dem Bereich der Kultur, den man heute Popular Culture nennt, bekommt die Liberty Lady im 19. Jahrhundert ihr eigenes ➱Leben. Leider finden diese Bilder, die häufig naiv und auch ein wenig komisch sind, keinen Platz in den meisten Darstellungen der amerikanischen Kunst. Der emigrierte deutsche Kunsthistoriker ➱Alfred Neumeyer war wohl der erste, der in seiner Geschichte der amerikanischen Malerei auch Beispiele der Volkskunst und naiven Malerei aufnahm. Diese Lady Liberty demonstriert, dass Amerika auch eine Seemacht ist, die phrygische Mütze darf dabei nicht fehlen. Amerika hat zwar nur eine kleine Flotte, aber große Helden. Wie ➱John Paul Jones, der dem englischen Kapitän zuruft: Sir, I have not yet begun to fight. Oder ➱Stephen Decatur, der das berühmte Right or Wrong, my country! als Toast ausgebracht hat.

Der amerikanische Historiker David Hackett Fischer (der in diesem Blog häufig erwähnt wird, wie zum Beispiel in ➱Trenton, Weihnachten 1777), hat in seinem Buch Liberty and Freedom: A Visual History of America's Founding Ideas ein kleines Kapitel (The many Faces of Miss Liberty) für die patriotischen Damen übrig. Diese Columbia eines unbekannten Künstlers dekoriert gerade den Helden George Washington mit einem Lorbeerkranz und zertritt gleichzeitig die englische Krone. Das Motiv der zerbrochenen Krone findet sich schon 1794 auf dem ➱Bild La Liberté der Französin Jeanne-Louise (Nanine) Vallain. Wir können dies Bild hier ungefähr auf die Zeit 1800 bis 1810 datieren, das Kleid der Columbia, das der Mode des Directoire entsprechend, eine hochgeschnürte Brust zeigt, kann zur Datierung dienen.

Das Bild von Abijah Canfield, Liberty in the Form of the Goddess of Youth Giving Support to the Bald Eagle, hatte ich schon in dem Post Harry Crews abgebildet. Canfield ist nur einer von vielen, der das originale, ältere ➱Bild von Edward Savage variiert. Das Kleid der Freiheit ist sicherlich auch französisch, aber nicht übertrieben so. Die französische Mode à la Grecque, die in Deutschland den abwertenden Namen Nuditätenmode bekommt, ist nicht unbedingt etwas für das Land, in dem der puritanische Geist noch vorherrscht. Selbst wenn bei der Nackten Mode häufig keine nackte Haut, sondern fleischfarbene Trikots zu sehen waren.

Aber so etwas, wie dieses patriotische Deckengemälde im Theater von Cahors, das geht in Amerika nicht. 1976 auf dem Titelblatt des Playboy vielleicht, aber nicht in der jungen Republik, die sich an der Antike orientiert, wie man am Baustil des ➱Weißen Hauses und an Wörtern wie Kapitol, Senat, Senatoren sehen kann. Und das Siegel der Vereinigten Staaten trägt den lateinischen Text E pluribus unum  und zeigt in den Krallen des Adlers ein römisches Liktorenbündel. Man will bedeutend und klassisch sein, aber der herrschende Puritanismus verbietet die nackte Haut.

Man muss allerdings sagen, dass die kaum bekleidete Marianne in Cahors für das Auge akzeptabler ist als die kriegerische bekleidete Liberty auf dem scheußlichen Deckengemälde im Kapitol. In Deutschland hatte es die französische Nuditätenmode auch nicht leicht. So vermeldete das Journal des Luxus und der Moden im Jahre 1805: Eine Bemerkung, die Dir Freude machen wird, darf ich Dir nicht vorenthalten. Die Französische, garstige Nudität, welche vor einigen Jahren einzureißen drohte, welche Dich so oft zum Unwillen reizte, und so manchen Stoff zu Zweideutigkeiten und Spott gab, verschwindet immer mehr unter den Schönen Frankfurts.

Doch die französische Nuditätenmode des Directoire scheint auch in Amerika weiterzuwirken. Zwischen diesem Plakat von Howard Chandler Christy von 1942 (der schon 1917 ein ähnliches ➱Plakat gezeichnet hatte) und dem Playboy Cover von 1976 liegen keine Welten mehr. Always Miss Liberty was lively and carefree, with a smile on her cherry-red lips, a bloom on her alabaster cheeks, and a twinkle in her bright blue eyes. Miss Liberty kept up with the latest fashion. In the early republic, she wore loose high-waisted diaphanous gowns in the neoclassical Directory style. Later her costume became more romantic, with a fitted bodice, puffed sleeves, and flounced skirts. By the mid-nineteenth century she was a buxom Victorian beauty with a narrow waist, full breasts, plump arms, and sensual shoulders. A little later she wore tight corsets and a bustle.

In the early twentieth century, Miss Liberty became a Gibson Girl with fine-boned features and a handsome Anglo-Saxon profile. Her flowing hair was elegantly coiffed. Her high-collared blouse and the long lines of her skirt bespoke the beauty of refinement. But always there was a spirit of strength and independence in her features. Beinahe gleichzeitig mit Howard Chandler Christys patriotischem Sexobjekt präsentiert Amerikas beliebtester Illustrator ➱Norman Rockwell auf dem Titelbild der Saturday Evening Post  vom September 1943 seine Version von Miss Liberty. Die gerade all die Arbeiten übernommen hat, die sonst die Männer erledigten, die jetzt in der Armee sind.

Wir sollten, sagt uns ➱David Hackett Fischer, Miss Liberty nicht mit der Freiheitsstatue verwechseln: America's Miss Liberty was also different from the Statue of Liberty, with which she is sometimes confused. That great Gallic symbol, with her upraised torch and book of laws, beckoned to all humanity. Miss Liberty was not the sort of girl to carry a torch for anyone, and she was rarely seen in the company of a book. Except in time of war, she was not much interested in events beyond America and was happy to live in her own world, at peace with her surroundings. Aber in Kriegszeiten, wie hier beim Ausbruch des Sezessionskrieges, ist Liberty natürlich immer dabei.

Lange bevor die Franzosen den Amerikanern die Freiheitsstatue schenkten, besaßen die Amerikaner schon eine eigene. Die ziert nämlich die Kuppel des Kapitols. Captain Montgomery C. Meigs hatte 1855 dem Bildhauer Thomas Crawford (der schon im Post ➱Tecumseh in Dresden erwähnt wird) geschrieben: We have too many Washingtons, we have America in the pediment. Victories and Liberties are rather pagan emblems, but a Liberty I fear is the best we can get. Crawfords erster Entwurf der Columbia mit einer phrygischen Mütze wurde vom Kriegsminister Jefferson Davis abgelehnt: its history renders it inappropriate to a people who were born free and should not be enslaved. So bekam sie zu guter Letzt eine Art von römischem Helm mit indianischem Federschmuck.

Am Ende des Jahrhunderts hat Lady Liberty/Columbia neue Aufgaben, sie braucht nicht mehr auf der englischen Krone herum zu trampeln. Sie ist gar nicht mehr auf dem Erdboden, wie das Bild von ➱John Gast American Progress zeigt. Da schwebt sie nach Westen und zieht die Telegraphendrähte hinter sich her. Die Siedler begleiten sie bei diesem Winning of the West. Und die ➱Indianer weichen vor ihr. Da scheint man die Columbia auf dem Kapitol mit dem Federschmuck schon vergessen zu haben.

Liberty, die hier in der Revolutionszeit einem Vogel die Freiheit gibt, ist letztlich eine Propagandafigur. Es liegen achtzig Jahre zwischen Samuel Jennings schöner Utopie Liberty Displaying the Arts and Sciences und John Gasts selbstgefälliger Verkörperung der Manifest Destiny. Vielleicht sollte man dazu sagen, dass John Gast in Berlin geboren wurde. Ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Reiches liefert unser amerikanischer Berliner einen Entwurf, wie das amerikanische Reich aussehen soll. Kaum eine Darstellung der amerikanischen Freiheit (in dem gleichen leicht luftigen weißen Kleid wie Cindy Woods) ist so bekannt und berühmt geworden wie die von John Gast.

Verglichen mit Figuren wie Uncle Sam oder der Freiheitsstatue, scheint Miss Liberty und Columbia keine rechte Konjunktur mehr zu haben. Außer natürlich bei dem Filmstudio Columbia, aber das gehört längst Sony. Und die Raumfähre, die Columbia hieß, ist explodiert. Aber Frauen dürfen inzwischen in den USA wählen, das hat bis 1920 gedauert, bis man Abigail Adams' Ruf Remember the Ladies erhört hat.



Freitag, 24. Juli 2015

Amazing Grace


Heute vor 290 Jahren wurde John Newton in Wapping geboren. Vielleicht haben Sie noch nie von ihm gehört, aber seine Lebensgeschichte verdient es, einmal kurz skizziert zu werden. Sein Vater war Kapitän, seit er elf Jahre alt war, war der junge John Newton auf See. Zuerst in der Handelsmarine, dann wurde er shanghait und landete in der Royal Navy. Danach war er auf einem Sklavenschiff, landete in Afrika als Sklave einer afrikanischen Prinzessin, once an infidel and libertine, a servant of slaves in Africa wird er auf seinen Grabstein schreiben lassen. Nachdem er der Prinzessin entkommen ist, wird er Sklavenhändler.

Sie vermissen etwas in dieser Geschichte? Das, was Aristoteles Peripetie genannt hat? Die wird kommen. Er wird sein Saulus-Paulus Erlebnis haben. Er gibt den Sklavenhandel auf und wird Pastor, by the rich mercy of our Lord and Saviour Jesus Christ, preserved, restored, pardoned, and appointed to preach the faith he had long labored to destroy. Ein Geistlicher, der gegen die Sklaverei zu Felde zieht und immer wieder Paulus zitiert: Uns wird von Kindesbeinen an beigebracht, jene zu bewundern, die in der Sprache der Welt große Kapitäne und Eroberer genannt werden, weil sie darauf brannten, Mord und Schrecken in jeden Teil des Globus zu tragen und durch die Entvölkerung von Ländern ihre eigenen Namen zu verherrlichen, während der Geist der Großherzigkeit des heiligen Paulus fast überhaupt keine Beachtung findet.

Es gibt im Jahre 1763 wohl kaum jemanden in England, der solche Dinge sagt. John Wilberforce, der als Gegner der Sklaverei berühmt wird, ist da erst vier Jahre alt. John Newton ist fünfzehn Jahre lang Pfarrer in Olney gewesen. Dort hat er William Cowper (der ➱hier schon einen Post hat) kennengelernt und ihn gedrängt, die Olney Hymns zu schreiben. Danach ist er nach London gezogen, um die Pfarrei der Barockkirche St Mary Woolnoth (die von ➱Nicholas Hawksmoor gebaut wurde) zu übernehmen. Für eine seiner ersten Predigten nahm er sich das Speaking the truth in love aus dem Brief an die Epheser als Motto: Surely I durst not address you from this place, if I could not, with sincerity at least, if not with equal warmth, adopt the apostle's words, and say, "Being affectionately desirous of you, we were willing to impart unto you not the Gospel of God only, but our own souls also (were it possible), because ye were dear unto us" (1 Thess. 2:8).

This love which my heart bears, I offer as a plea for that earnestness and importunity which I must use. I came not to amuse you with subjects of opinion or uncertainty, or even with truths of a cold, speculative, uninteresting nature, which you might receive without benefit, or reject without detriment; but to speak the truths of God, truths of the utmost importance to the welfare of your souls in time and in eternity. If I love you, therefore, I cannot be content with delivering my message; my spirit must and will be deeply engaged for its success. I cannot be content with the emoluments annexed to my office – I seek not yours but you (2 Cor. 12:14); that you may know the love of Christ, which passeth knowledge (Eph. 3:19); that you may be delivered from the power of this evil world (Gal. 1:4), and that I and you may at length stand accepted before the throne of God; in a word, that by a blessing from on high, accompanying my poor labours, I may both save myself, and them that hear me (1 Tim. 4:16). These are the aims and ends which I hope always to have in view; and, therefore, love will prompt me to be faithful and earnest.

William Cowpers Olney Hymns (➱hier zu lesen) sind heute Bestandteil des englischen Gesangbuchs, aber eine davon, die nicht Cowper sondern John Newton geschrieben hat, hat es in die Hitparaden geschafft. Wir haben sie in unzähligen Versionen von unzähligen Interpreten, sogar von André Rieu und Andrea Bocelli. Und Elvis. Von Helene Fischer noch nicht. Sie kennen die Hymne auch, selbst wenn Sie nicht wussten, dass ein ehemaliger Sklavenhändler sie geschrieben hat. Die schöne Hymne heißt Amazing Grace. Sie können sie hier in einer Kitschversion von Hayley Westenra hören. Oder etwas ergreifender a cappella von ➱Jessye Norman. Und dann gibt es noch den amerikanischen Präsidenten, der bei der ➱Trauerfeier für Clementa Pinckney in Charleston die Hymne auch angestimmt hat, die in all den Jahrhunderten längst ein Lied der Schwarzen geworden war.


Lesen Sie auch: ➱Sklavenschiff, ➱John Brown, ➱Graf Schimmelmann, ➱Roots, ➱Earl Warren

Mittwoch, 22. Juli 2015

Jo Hopper (und Eddie)












She’s naked yet wearing shoes.
Wants to think nude. And happy in her body.

Though it’s a fleshy aging body. And her posture
in the chair—leaning forward, arms on knees,
staring out the window—makes her belly bulge,
but what the hell.

What the hell, he isn’t here.

Lived in this damn drab apartment at Third Avenue,
Twenty-third Street, Manhattan, how many
damn years, has to be at least fifteen. Moved to the city
from Hackensack, needing to breathe.

She’d never looked back. Sure they called her selfish,
cruel. What the hell, the use they’d have made of her,
she’d be sucked dry like bone marrow.

First job was file clerk at Trinity Trust. Wasted
three years of her young life waiting
for R.B. to leave his wife and wouldn’t you think
a smart girl like her would know better?

Second job also file clerk but then she’d been promoted
to Mr. Castle’s secretarial staff at Lyman Typewriters. The
least the old bastard could do for her and she’d
have done a lot better except for fat-face Stella Czechi.

Third job, Tvek Realtors & Insurance and she’s
Mr. Tvek’s private secretary: What would I do
without you, my dear one?

As long as Tvek pays her decent. And he doesn’t
let her down like last Christmas, she’d wanted to die.

This damn room she hates. Dim-lit like a region of the soul
into which light doesn’t penetrate. Soft-shabby old furniture
and sagging mattress like those bodies in dreams we feel
but don’t see. But she keeps her bed made
every God-damned day, visitors or not.

He doesn’t like disorder. He’d told her how he’d learned
to make a proper bed in the U.S. Army in 1917.

The trick is, he says, you make the bed as soon as you get up.

Detaches himself from her as soon as it’s over. Sticky skin,
hairy legs, patches of scratchy hair on his shoulders, chest,
belly. She’d like him to hold her and they could drift into
sleep together but rarely this happens. Crazy wanting her, then
abruptly it’s over—he’s inside his head,
and she’s inside hers.

Now this morning she’s thinking God-damned bastard, this has
got to be the last time. Waiting for him to call to explain
why he hadn’t come last night. And there’s the chance
he might come here before calling, which he has done more than once.
Couldn’t keep away. God, I’m crazy for you.

She’s thinking she will give the bastard ten more minutes.

She’s Jo Hopper with her plain redhead’s face stretched 
on this fleshy female’s face and he’s the artist but also
the lover and last week he came to take her
out to Delmonico’s but in this dim-lit room they’d made love
in her bed and never got out until too late and she’d overheard
him on the phone explaining—there’s the sound of a man’s voice 
explaining to a wife that is so callow, so craven, she’s sick
with contempt recalling. Yet he says he has left his family, he
loves her.

Runs his hands over her body like a blind man trying to see. And
the radiance in his face that’s pitted and scarred, he needs her in
the way a starving man needs food. Die without you. Don’t
leave me.

He’d told her it wasn’t what she thought. Wasn’t his family
that kept him from loving her all he could but his life
he’d never told anyone about in the war, in the infantry,
in France. What crept like paralysis through him.
Things that had happened to him, and things
that he’d witnessed, and things that he’d perpetrated himself
with his own hands. And she’d taken his hands and kissed them,
and brought them against her breasts that were aching like the
breasts of a young mother ravenous to give suck,
and sustenance. And she said No. That is your old life.
I am your new life.

She will give her new life five more minutes.

Das Bild 11 A.M von Edward Hopper (ganz oben) ist nicht aus Zufall heute hier zu sehen. Das Gedicht von Joyce Carol Oates, das eine Interpretation des Bildes 11 A.M. ist, natürlich auch nicht: Edward Hopper hat heute Geburtstag. Es gibt viele Bilder mit einsamen Frauen in seinem Werk, meistens ist es seine Frau Jo, die er gemalt hat. Joyce Carol Oates gibt uns ihre Gedanken wieder. Das klingt ein wenig nach dem ➱Monolog von Molly Bloom am Ende von Ulysses. Immature poets imitate; mature poets steal, hat Eliot gesagt. So wie Hopper die Dichter herausfordert hat, hat er auch viele Maler und Photographen angeregt, seine Bilder neu zu gestalten. Dies hier ist ein Photo von ➱Richard Tuschmann, der eine ganze Serie von Bildern photographiert hat, die Hoppers Themen aufnehmen.

Einsamkeit ist ein wiederkehrendes Thema im Werk von Hopper und seiner Frau Josephine. Dies Bild ist natürlich kein echter Hopper, es ist ein Werk von ➱George Deem, der sich in seinem Malerleben darauf spezialisiert hatte, Klassiker der Malerei ein wenig zu verfremden. Ich finde das Bild irgendwie rührend. Einige Jahre vor ihrem Tod schrieb Jo Hopper (die ihrem Mann um ein Jahr überlebte):

When E.H. goes I shall be alone upon Earth. He has not been greatly interested in people, we have no close friends. We feel that our little place here on the hill top is paradise - just every simple thing that we love best. Lovely long lines of hills to the East of us & the beach & the expanse of the sea to the West. Not a breeze between here & Portugal that slights us on our bare hill - facing such glorious sunsets. Thrilling location, but not place to live alone in — if one were alone - in the dark with the sound of the sea. Made for Adam & Eve to fight it out in. Edward Hopper beherrscht das Bild von Arnold Newman, Jo ist oben neben dem Haus ganz klein zu sehen.

Sie malte im Alter weniger, sie war seine Managerin, je erfolgreicher er wurde. Er hielt nichts von ihrer Malerei: Isn't it nice to have a wife who paints? fragte sie ihn und bekam die Antwort It stinks. Dreiundvierzig Jahre Ehe, dreiundvierzig Jahre Ehekrieg. Er redete sehr wenig: Sometimes talking to Eddie is just like dropping a stone in a well, except that it doesn't thump when it hits bottom. Als ihm die Academy of Arts and Letters 1955 die Goldmedaille verlieh, bestand seine Dankesrede aus einem einzigen Wort: Thanks. Mit dem Satz He has not been greatly interested in people, we have no close friends, untertreibt Jo Hopper ein wenig, zu Hoppers Beerdigung kamen 1967 acht Leute. Bei Andy Warhol waren es mehr.

Im Alter wollte Jo Hopper (hier als Kunststudentin von ihrem Lehrer Robert Henri gemalt) eine Biographie ihrer Katze Arthur schreiben. Und eine Biographie von Edward Hopper: Some day I'm going to write the real story of Edward Hopper. No one else can do it... You'll never get the whole story. It's pure Dostoevsky. Oh, the shattering bitterness. Josephine Hopper hat die Biographie ihrer Katze nie geschrieben. Die Biographie von Edward Hopper auch nicht. Aber Gail Levin hat Zugriff auf ihre Tagebücher gehabt und Edward Hopper: An Intimate Biography geschrieben.

Es ist ein Buch, das ein wenig unter falscher Flagge segelt. Dies ist das Leben von Edward Hopper aus der Sicht von Jo Hopper, nacherzählt von Gail Levin. Irgendwie wäre es fairer für den Leser gewesen, die Biographie Jo und Eddie Hopper zu nennen. Eigentlich ist es eine Biographie vom Leben und Fühlen von Hoppers Ehefrau, die als Künstlerin immer im Schatten ihres Mannes stand. Und die hat auch eine solche Biographie verdient. Auch wenn auf dem Buch wieder einmal der Names ihres Mannes steht. Dies hübsche Bild ist kein echter Hopper, es ist von ➱Philip Koch, der häufig in Hoppers Studio in Truro (Made for Adam & Eve to fight it out in) gewohnt hat.

Ich mag Joyce Carol Oates nicht besonders, deshalb habe ich noch ein kleines Gedicht zu diesem Bild von der Amerikanerin Victoria Chang. Es heißt Edward Hopper Study: Hotel Room und ist auch eine Bildinterpretation in Gedichtform. Es ist eine Möglichkeit, sich seinen Bildern zu nähern. Obgleich seine Bilder eigentlich schon genug Lyrik sind.

While the man is away
telling his wife
about the red-corseted woman,
the woman waits
on the queen-sized bed.
You'd expect her quiet
in the fist of a copper
statue. Half her face,
a shade of golden meringue,
the other half, the dark
of cattails. Her mouth even—
too straight, as if she doubted
her made decision, the way
women do. In her hands,
a yellow letter creased,
like her hunched back.
Her dress limp on a green chair.
In front, a man's satchel
and briefcase. On a dresser,
a hat with a ceylon
feather. That is all
the artist left us with,
knowing we would turn
the woman's stone into ours,
a thirst for the self
in everything—even
in the sweet chinks
of mandarin.

Kaum ein anderer Maler ist in diesem Blog so häufig erwähnt worden wie Edward Hopper. Lesen Sie auch: Edward Hopper, Einsamkeit, ythlaf, Winslow Homer, Frank Duveneck, Alexander Deineka, Grant Wood, William Merritt Chase, Luminism, Emily Dickinson, John French Sloan, Gustave Caillebotte, Abstraktion, Realisten, Richard Oelze, Friedrich Mißfeldt, 18th century: Architecture, John Quincy Adams, This place of memory, il miglior fabbro, Franco Costa, Lohn der Angst, Warren Oates, Raymond Thornton Chandler, Mein Dänemark, silvae: Wälder: Lesen, 29. Februar, Starrachse

Montag, 20. Juli 2015

Liebestod


Traurig sind die Dinge wahrlich, die man heut' besingen kann.
Doch am traurigsten erging es der Elvira Madigan!
Sie war schöner als ein Engel, blau die Augen, Wangen rot.
Lilienschlank war ihre Taille. Grausam griff nach ihr der Tod.

Wenn Sie auf dem Seile tanzte, schien ein Vöglein Sie zu sein,
Und es kam ein Beifallsjubel stets aus der Bewund'rer Reih'n!
Um sie warb Leutnant Graf Sparre, von der Schönheit ganz betört.
Und sie hat sein Liebesflehn herzenzitternd gern erhört.

Doch er hatte Weib und Kinder, dieser junge Edelmann,
Und d'rum floh er aus der Heimat mit Elvira Madigan!
Fühlten sie zuhaus' in Schweden sich noch hoffnungsvoll und stark,
Waren sie sehr bald verzweifelt, ohne Geld in Dänemark.

Niemand diesen Liebesleuten auch nur eine Krone gab.
Um dem Hunger zu entfliehen suchten Ruhe sie im Grab!
Zitternd hob er die Pistole, doch er traf genau ihr Herz.
Und sie starb in der Sekunde, ohne Seufzer, ohne Schmerz.

Merket auf, ihr jungen Leute, packt die Liebe ganz anders an,
Daß ihr nicht im Blut müsst baden - wie Elvira Madigan!

Sie werden es nicht glauben, aber dies Bänkellied von der Seiltänzerin Elvira Madigan und den Folgen der Liebe des schwedischen Leutnants Graf Sixten Sparre zu diesem Frauenzimmer (das im Original Sorgerliga saker hända heißt) hat unser Freddy Quinn einmal gesungen. Am 20. Juli 1889 hatte das Paar Selbstmord begangen. Das erregte großes Aufsehen in der Presse, sogar die New York Times hatte am 24. Juli 1889 einen Bericht mit der Schlagzeile A great sensation. Der Selbstmord von Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera in Mayerling ein halbes Jahr zuvor war natürlich noch eine größere Sensation gewesen.

Hatte er das junge Paar in Dänemark dazu angeregt? Es gibt ja immer Dinge, die Nachahmer finden. Goethes Werther soll angeblich eine Selbstmordwelle ausgelöst haben, obgleich niemand wirklich die statistischen Zahlen kennt. In verschiedenen Städten Deutschland wurde der Verkauf des Buches damals verboten. In Leipzig fand man, dass der Roman eine Empfehlung des Selbst Mordes sei. Allerdings meinte der Leipziger Juraprofessor Christian Gottlieb Hommel: Alle Welt hat dieses Buch gelesen, aber sich noch niemand erschossen... Ich weiß aber, daß einer sich erhängt hat, der einen theologischen Schrieb gegen Goethe bis zum Ende durchgelesen hat. Als dieser junger ➱Mann sich umbrachte, gab es in England auf jeden Fall keine Selbstmordwelle.

Wenig Aufsehen erregte auch der Liebestod des Seconde-Leutnants Heinrich von Kleist und seiner Geliebten Henriette Vogel im Jahre 1811. Während die Tänzerin Hedvig Jensen (die sich Elvira Madigan nannte) und ihr Dragonerleutnant unter der großen Anteilnahme der Öffentlichkeit auf dem Friedhof Landet Kirkegård auf der Insel Tåsinge begraben wurden und ihre Grab (oben) immer gepflegt wurde, hat der Berliner Senat das Grab Kleists am Wannsee vergammeln und verfallen lassen. Das steht auch schon in dem Post zu ➱Heinrich von Kleist.

Mein Freund Jimmy, der da um die Ecke wohnt, hat mir erzählt, dass die Verlegerin Ruth Cornelsen dafür gesorgt hat, dass das Grab (auf dessen Grabstein auf der Rückseite die Zeile aus Prinz von Homburg steht Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein) wieder in einen ordentlichen Zustand versetzt wurde. Dieser Bürgermeister, dessen Markenzeichen das Sektglas in der Hand war, wusste wahrscheinlich nicht, dass Kleist da begraben ist. Wahrscheinlich weiß er auch nicht, wer Kleist ist. Zur 200-Jahr Feier am Grabe Kleists in Wannsee ist er nicht erschienen. Man muss Prioritäten setzen als Politiker.

Bo Widerberg hat sicherlich die schönste Verfilmung der Geschichte von Elvira Madigan und Sixten Sparre geliefert. Sein Film hatte großen Einfluss, besonders für den Verkauf von Mozarts Klavierkonzert Nr 21, das fortan das Elvira Madigan Konzert hieß, weil Bo Widerberg es für die Filmmusik genommen hatte. Es war ein schöner Film, er brachte John Updike zum Weinen. Er hat das in ein Gedicht hinein geschrieben (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Wenn wir traurige Liebesgeschichten im Film haben, dann wollen wir schöne Menschen leiden sehen. ➱Catherine Deneuve und Omar Sharif sind O.K., ➱Rudolf Prack und Christiane Hörbiger als Prinz Rudolf und Baroness Mary gehen nun gar nicht.

Ich wollte mich eigentlich kurzfassen, weil es längst einen langen Post namens ➱Elvira Madigan gibt. Das mit dem sich kurzfassen gelingt mir meistens nicht. Wenn Sie die Geschichte in kurzer Form mit Bildern (unterlegt von Mozarts Musik) haben wollen, dann klicken Sie ➱hier. Im Museum der kleinen Insel Tåsinge kann man heute noch Postkarten von Hedvig Jensen und Sixten Sparre kaufen, das ist irgendwie rührend.

Literaturempfehlung: Nicht Shakespeares Romeo and Juliet, sondern Dieter Kühns Tristan und Isolde des Gottfried von Straßburg. Wenn schon Liebestod, dann diesen. Ob Sie dazu Wagner auflegen, überlasse ich Ihnen.

Sonntag, 19. Juli 2015

Michael Andrews


Der englische Maler Michael Andrews ist heute vor zwanzig Jahren gestorben. Er gehörte mit Malern wie Francis Bacon, Lucian Freud und Frank Auerbach der School of London an. Dies Bild, A man who suddenly fell over, war sein erster großer Erfolg, es wurde 1958 von der Tate Gallery gekauft. Andrews hat an der Slade School of Fine Arts in London bei ➱Sir William Coldstream studiert, den Einfluss kann man in seinem Werk immer wieder sehen.

Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Art der figürlichen Malerei nicht so viel anfangen kann, das habe ich schon in dem Post über ➱Francis Bacon gesagt. Aber Andrews hatte auch eine Phase, wo er Landschaften gemalt hat, die berühmtesten Bilder waren die der Serie Lights, die 1970 bis 1975 entstanden sind. Dies ist die Nummer sechs aus der Serie von sieben Bildern. Es heißt The Spa und zeigt in der Ferne den Strand von Scarborough (the Brighton of Yorkshire) und im Vordergrund eine lange Brücke.

Die definitiv nicht an dieser Stelle steht. Das ist die Triborough Bridge (die auch Robert F. Kennedy Bridge heißt), die die New Yorker Stadtteile Bronx, Manhattan und Queens verbindet. Eine geo-political fantasy, Amerika und England in einem Bild. Das letzte Mal, dass Scarborough mit Amerika in Verbindung gebracht wurde, war, als ➱Simon und Garfunkel Scarborough Fair sangen. Ich weiß nicht, ob schon jemals zuvor ein Maler auf die Idee gekommen ist, zwei verschiedene Orte in einem Bild der Landschaftsmalerei zu verbinden. Natürlich fällt mir Thomas Cole ein, der in The Architect's Dream alle Baustile der Welt an einen Platz versetzt hat.

Aber die Serie Lights wollte etwas anderes, Aufschluss gibt das letzte Bild Lights VII, das den Schatten eines Fesselballons zeigt: We dream of flying. Usually there is the sensation of leaving the ground and suddenly acquiring the ability to float over obstacles and keep going, by sheer will and power, across land and sea. It is a common dream - escapism, obviously - reflecting universal aspirations. It is the romantic impulse of Shelley’s Ode to the West Wind: “If I were a swift cloud to fly with thee”, hat Andrews im Katalog zu der Ausstellung der Lights Serie im Jahre 2000 geschrieben. Er hatte eine Phase des Zen Buddhismus durchgemacht, die ihn zu diesen Bildern gebracht hatte:

Reading R.D. Laing and Alan Watts, I came across this marvellous expression: that the ego is a concept, not a thing, in other words, one’s sense of self is an idea that you can actually live and work and act and behave perfectly well without. I then came across another marvellous expression: R.D. Laing or Alan Watts – I can’t remember who used the phrase – referred to our self-conscious selves as ‘skin-encapsulated egos’. At the same time that I was reading this, I found a photograph of a balloon floating over Gloucestershire, and that, together with the phrase ‘the skin-encapsulated ego’, seemed to me to make a perfect image, and it led to the series of pictures called Lights. They were to do with sloughing off the ego, getting rid of the ego. Und dann war da noch Arthur Rimbaud, dessen Les Illuminations, angeblich der Auslöser für die Bilder waren. Sie können die Illuminations hier im Original und hier auf Englisch lesen. Vielleicht bringt Sie das weiter. Das Bild von dem englischen Pier können Sie ➱hier bei einem Museumsrundgang im Thyssen Museum an der Wand sehen.

Zen Budismus und Arthur Rimbaud sind ein bisschen viel Aufwand für Bilder, die nach photographischen Vorlagen mit der Sprühpistole hergestellt wurden. Die amerikanischen Photorealisten, die zur gleichen Zeit auch mit Photographien und Sprühpistole arbeiteten, brauchten diesen theoretischen Aufwand nicht. ➱Jens Christian Jensen hatte 1976 eine Menge dieser amerikanischen Photo- oder Hyperrealisten in einer Ausstellung versammelt. Er versuchte bei der Ausstellungseröffnung etwas verzweifelt, dem Ministerpräsidenten Stoltenberg die amerikanische Kunst nach 1945 nahezubringen. To no avail, wie der Engländer mit einem schönen Klischee sagen würde. Ich hatte mich damals an die Regierungsdelegation angehängt und konnte alles wunderbar verfolgen.

Ich finde es aber beruhigend, wenn es in der modernen Kunst auch ohne begleitende Theorie geht, ohne Rimbaud und Zen and the Art of Motorcycle Maintenance. Als Andrews' Phase mit dem getting rid of the ego zu Ende war, hat er viele Bilder in Schottland gemalt. Hier seine Ansicht der Stadt, die die Schotten Embro aussprechen. Er hatte für die Wahl der schottischen Sujets einen ganz simplen Grund: er war an einem Jagdrevier beteiligt, schoss Moorhühner und Großwild. Ließ sich dabei photographieren, projizierte das Photo auf die Leinwand. Und dann her mit der Sprühpistole. Dafür braucht man keinen Zen Buddhismus und keinen Arthur Rimbaud.

Im 19. Jahrhundert, als die Maler noch nicht so viel Theorie brauchten, die ihre Bilder erklärte, machte man das einfach so:













Viele Bilder von Michael Andrews finden Sie ➱hier

Samstag, 18. Juli 2015

Harry Crews


Ich setze heute einmal das in die Tat um, was ich in dem Post ➱Harper Lee avisiert habe: eine kleine Zahl von Autoren des amerikanischen Südens vorzustellen. Ich fange mit Harry Crews an, weil er wohl der Unbekannteste der vor Tagen hier genannten Autoren ist. Der Kultstatus, den er in Amerika genoss, hat sich noch nicht bis hier herumgesprochen. Als er vor drei Jahren starb, schien Margalit Fox von der New York Times (die berühmt für ihre Nachrufe von Schriftstellerm ist) sehr von Crews' Stil beeinflusst: Harry Crews, whose novels out-Gothic Southern Gothic by conjuring a world of hard-drinking, punch-throwing, snake-oil-selling characters whose physical, mental, social and sexual deviations render them somehow entirely normal and eminently sympathetic, died on Wednesday at his home in Gainesville, Fla. He was 76.

Während ➱Cormac McCarthy weltweit gelesen wird, kennt Crews hierzulande kaum jemand. Und das ist schade, denn A Feast of Snakes ist wahrscheinlich einer der besten Romane der amerikanischen Nachkriegsliteratur. Es ist ein Roman, der alles enthält, was die Südstaatenliteratur ausmacht, zum Beispiel die schon von Margalit Fox angesprochene Southern Gothic, ein Thema, das Flannery O'Connor (die auf diesem Photo definitiv nicht nach Southern Gothic aussieht) in ihren Romanen immer wieder behandelte. Wenn Sie einen Eindruck von der Welt von O'Connor haben wollen, dann schauen Sie doch ➱hier einmal in John Hustons Verfilmung von Wise Blood.

Harry Crews ist im Gegensatz zu Flannery O'Connor kein gläubiger Katholik gewesen. Und doch kann man Ähnlichkeiten zwischen ihm und Flannery O'Connor (die er übrigens sehr schätzte) finden. Auch seine Romanfiguren suchen auf ihre Art nach Gott. Selbst wenn das manchmal so aussieht wie das dem Roman The Gospel Singer vorangestellte Zitat: Men to whom God is dead worship one another. Für Crews, den ein Kritiker einmal als Flannery O'Connor on steroids bezeichnete, erscheint die Welt eher so: Hell came right along with God, hand in hand. The stink of sulfur swirled in the air of the church, fire burned in the aisles, and brimstone rained out of the rafters. From the evangelist’s oven mouth spewed images of a place with pitchforks, and devils, and lakes of fire that burned forever. God had fixed a place like that because he loved us so much. 

Das steht in A Childhood: The Biography of a Place, in einem Interview hat er 1972 gesagt: I fear my world view is a terribly black, awful one. I have only one thing to say to people. As soon as something pleasant and cheerful and confectionery occurs to me, I’ll write about it; but I can only write about whatever comes. And what has come so far has been a kind of blackness.

Dies Buch über die Literatur des Südens hat den Titel To Live in the South One Has To Be a Scar Lover. Es passt sehr schön zu Crews, der in seiner Autobiographie schrieb: I first became fascinated with the Sears catalogue because all the people in its pages were perfect. Nearly everybody I knew had something missing, a finger cut off, a toe split, an ear half-chewed away, an eye clouded with blindness from a glancing fence staple. And if they didn't have something missing, they were carrying scars from barbed wire, or knives, or fishhooks. But the people in the catalogue had no such hurts. They were not only whole, had all their arms and legs and eyes on their unscarred bodies, but they were also beautiful. Und er hat auch einen Roman geschrieben, der Scar Lover heißt. Das bringt mich zum nächsten Punkt der Elemente, die der Literatur des Südens eigentümlich sind.

Verbunden mit dem Thema der Southern Gothic enthalten Romane aus dem Süden häufig Gewaltdarstellungen. Die auch symbolische Aktionen sein können: wie Lancelot Lamar in Walker Percys Lancelot, der seine Plantage abbrennt. Flannery O'Connors Erzählungen könnten wiederum als Beispiele dienen, wo Hazel Motes seine Augen mit ungelöschtem Kalk verätzt. Oder James Dickeys Roman Deliverance (die Duelling Banjos aus der Verfilmung kennen Sie bestimmt). Viele Autoren bemühen sich - und das ist ein weiterer Punkt, der die Southeners verbindet - um eine präzise Wiedergabe der gesprochenen Sprache, sozusagen eine Art von linguistischer local color. Und dann - und damit bin ich bei dem letzten Punkt - enthalten beinahe alle Romane eine poetische Beschreibung des Ortes und der Atmosphäre, sense of place ist das Wort, das Literaturwissenschaftler gerne hierfür verwenden. All diese Elemente können in den Romanen mehr oder weniger stark ausgeprägt sein, das Element des sense of place findet sich bei Crews immer.

Es ist wohl kein Zufall, dass das Wort place auch im Titel der Beschreibung der Kindheit von Crews, A Childhood: The Biography of a Place, vorkommt. Und sein erster Roman The Gospel Singer beginnt mit: Enigma, Georgia was a dead end. The courthouse had been built square in the middle of highway 229 where it stopped abruptly on the edge of Big Harrikan Swamp like a cut ribbon. Mehr geht in einem Satz nicht.

The Gospel Singer, Harry Crews' first novel, appeared in 1968, and began ominously, "Enigma, Georgia was a dead end." It is a drumbeat which characterizes place, atmosphere, and character in each of his seven novels. But Crews does not write gothic melodramas and he is no puppeteer of magnolia trappings or drivelling sentiment. What he writes seems hopeless, seems vile, seems unrelentingly terrifying. It is important to keep "seems" in mind. Und der Harrikan Swamp kommt natürlich auch in der Autobiographie vor: The Forks of the Hurricane was where two wide creeks rose in Big Hurricane Swamp and flowed out across the county, one creek called Little Hurricane and the other Big Hurricane. I was a grown man before I realized that the word we were saying was hurricane because it was universally pronounced harrikin.

A Feast of Snakes enthält alles, was die Südstaatenliteratur kennzeichnet: Southern Gothic, violence und sense of place. Und das in einem Stil, der lakonisch und tough ist. Joseph Heller, der Autor von Catch 22 hat über den Roman another fine, extraordinary novel, and it is weird, funnny and starkly powerful gesagt. Man kann kaum mehr sagen. Gewalttätig, von einem Ton der Verzweiflung getragen und doch hochpoetisch. Wenn man glaubt, dass Hemingway tough schreibt, dann sollte man dieses Portrait der gesellschaftlichen Unterschicht in Georgia lesen. Gegen den Ex-Marine Harry Crews, der im Korea Krieg kämpfte, ist Hemingway ein Weichei. Dieser Roman gehört unbedingt zu den Top Ten der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Ich nehme das mal für die Dauer der Klausur an michSie wollen doch ihren Nachbarn nicht von der Arbeit abhalten, sagte ich zu dem Studenten, der einen Playboy auf seinem Tisch liegen hatte. Normalerweise bringen die Teddybären mit, er hatte einen Playboy. Den ich erst einmal konfiszierte. Ein Playboy im Englischen Seminar war nicht unbedingt etwas Außergewöhnliches, das Tennessee Williams Interview, das der Dramatiker diesem Magazin 1973 gegeben hatte, stand auf der Leseliste des Tennessee Williams Hauptseminars.

Damals hatte ein jüngerer Wissenschaftler den Vorschlag gemacht, dass die Universitätsbibliothek den Playboy abonnieren sollte. Weil der nicht nur diese silikongefüllten Marzipanschweinchen enthielt, sondern weil das Magazin für die amerikanische Kultur und Literatur wichtig war. Gut, das sagte damals jeder, der den Playboy kaufte, aber es stimmt schon. Ich habe diese Geschichte schon in den Post ➱Playboy hinein geschrieben. Aber wir können an dieser Stelle natürlich auch einen kleinen kunsthistorischen Exkurs machen. Und dafür beginnen wir mit diesem Schnuckelchen, das Cindy Woods heißt und 1974 Playmate of the Month war.

Für die obige Ausgabe des Playboy hatte sie sich ein wenig verwandelt, sie wird von einem leichten luftigen Kleid umhüllt. Das muss natürlich weiß sein, die Farbe der Unschuld. Was hier ikonographisch fehlt - und das muss man wirklich bemängeln - ist das Fehlen des roten Gürtels oder einer roten Schärpe, wie sie diese mit einem Schwert bewaffnete Lady Liberty trägt, die ein wenig älter ist. Solche Lady Liberty Postkarten waren um 1900 die ganz große Mode (und wir finden dort auch ➱Beispiele, an denen sich das Kleid von Cindy Woods orientiert). Und ich brauche wohl nicht zu sagen, dass kunsthistorisch häufig die Vorlage für all diese Damen das ➱Bild La liberté guidant le peuple von Delacroix ist. Obgleich die Dame schon ein wenig älter ist, wie das Bild von ➱Abijah Canfield aus dem Jahre 1800 zeigt (ich glaube ich schreibe demnächst einmal über die Liberty Girls).

Dass der Playboy für die amerikanische Literatur wichtig war, wurde mir während der Klausur erneut vor Augen geführt. Denn dies Heft enthielt einen Vorabdruck von Harry Crews’ A Feast of Snakes. Ich habe den Teil, der da abgedruckt war, während der Klausur mit wachsender Faszination gelesen. Auf die Studis achtete ich nicht mehr, sollten sie doch schummeln. Tun sie sowieso, sonst sind sie nicht glücklich. Ich notierte mir Autor und Titel und gab dem Studenten am Ende der Klausur natürlich seinen Playboy zurück. Das Titelblatt des Playboy mit Cindy Woods als moderne Variante der Miss Liberty in der Juli Ausgabe 1976 feierte die Revolution von 1776. Harry Crews’ A Feast of Snakes war allerdings eine sehr, sehr seltsame Festgabe.

Ich bestellte mir umgehend das Buch. Das dauerte vor Jahrzehnten etwas länger, die Segnungen mit dem einen Klick bei Amazon etc gab es noch nicht. Ich schrieb Nolan E. Smith in Amerika einen Brief. Mir erzählte ein Professor aus Österreich bei der ➱Elmer Kelton Konferenz, dass er einen Geheimtip für mich hätte, einen Buchhändler in Amerika, der beinahe jedes Buch finden würde. Ich fragte nur: Nolan E. Smith? Und das war die richtige Antwort. Nolan war seit Jahren schon unser amerikanischer Buchhändler. Er war einzigartig. Ein gebildeter Mann, der einen BA von der Wesleyan University Ohio, einen MA von Toronto und post-gradute studies von Yale vorweisen konnte. Ich glaube, er hatte sogar einen PhD, aber er verwendete seine Titel in der Korrespondenz nie. Er spielte in einer Dixieland Band, aber das Wort ➱Zickenjazz habe ich in unserer Korrespondenz nie gebraucht. Obgleich er darüber gelacht hätte, er besaß viel Humor.

Die Yale University war nicht weit von seinem Buchladen in Hamden entfernt, und deren Bibliothek und Kataloge nutzte er immer. Bei ihm jobbten auch Studenten von Yale, die er damit beschäftigte, dass sie Paperbacks durch aufgekleben steifen Karton in Hardcover verwandelten. Bibliotheken waren für diesen Service dankbar; die belieferte er weltweit, sein Hauptkunde war aber seine Heimatuniversität Ohio. Nolan E Smith, der schon in dem Post ➱Antiquariat erwähnt wird, ist 2009 im Alter von 76 Jahren gestorben (so alt wurde auch Harry Crews). Ich finde es schön, dass sich auf ➱diesen Seiten würdige Nachrufe für diesen außergewöhnlichen scholar bookseller finden. Es ist schade, dass Menschen wie er so wenige Spuren im Internet hinterlassen, es erinnert uns daran, dass es ein wirkliches Leben mit wirklichen Menschen außerhalb des Internets gibt. Sein Haus in der Bishop Street in New Haven steht zum Verkauf, dies ist ein Blick aus seinem Wohnzimmer.

Ich habe im American Scholar vom April des Jahres eine schöne Besprechung von Harry Crews’ A Feast of Snakes gefunden. Sie hat den Titel A book of radical sadness, geschrieben von einer jungen Frau aus Georgia, dem Staat, aus dem auch Crews kam. Sie heißt Hannah Pittard und ist eine vielversprechende Romanautorin. Das merkt man dem Text an: Harry Crews’s A Feast of Snakes has been a pivotal book for me as both reader and writer. I grew up in the South and I grew up on southern literature, and before encountering Crews, I’d been unable to see past the charms of Faulkner. I’d been unable, in fact, to see past the charms of just about anything written after the 1950s and ’60s. Late 20th-century fiction didn’t resonate. Not until Feast of Snakes—and then every Crews book I could get my hands on (most are, or were, out of print)—was I able to appreciate stories that addressed the world I was living in. (The irony is not lost on me that it took a book written in the ’70s for me to begin to understand and be open to writing that was taking place in the ’90s.)

I don’t think about Crews every day, or even every week, but I think of him and this particular novel often. From Crews I learned the difference between pornography for pornography’s sake (the bad kind, as John Gardner would have it) and sex and grit for the sake of art and honesty. As I write this, it occurs to me that it’s because of Crews that I am not a total prig.
     Last summer, after years of trying, I finally convinced my husband to read Snakes. He’d been resistant in the way that anyone might be to someone who is overly enthusiastic. He acquiesced, I suspect, in part because of a discovery we made when he took the book down from our shelves: in 1976, along with Joseph Heller and Norman Mailer, Douglas Day (my husband’s grandfather) blurbed the novel, referring to Crews’s work as “a kind of radical sadness.” This strikes me as profoundly correct.
     Here’s how good the book is: for three days I watched my husband read it, and for three days I watched him agonize over its story—a thrilling experience that reminded me of my own introduction to the book and that filled me with no small amount of envy. There were times when he’d put it down, walk away, say, “I can’t. It’s too much,” only to return to it five minutes later. “I have to,” he’d say. “I have to.”
     And that’s just it. To anyone who hasn’t, you have to; you have to read this book. Utterly devastating in its honesty and intensity, it’s about as good as fiction gets.

Besser kann man es eigentlich nicht sagen. Wenn Sie eine Stilprobe aus dem Roman haben wollen, bitte sehr. Ich zitiere einmal den Anfang des Romans:

She felt the snake between her breasts, felt him there, and loved him there, coiled, the deep tumescent S held rigid, ready to strike. She loved the way the snake looked sewn onto her V-neck letter sweater, his hard diamondback pattern shining in the sun. It was unseasonably hot, almost sixty degrees, for early November in Mystic, Georgia, and she could smell the light musk of her own sweat. She liked the sweat, liked the way it felt, slick as oil, in all the joints of her body, her bones, in the firm sliding muscles, tensed and locked now, ready to spring--to strike--when the band behind her fired up the school song: "Fight On Deadly Rattlers of Old Mystic High."

Auf seinem Arm kann man lesen: How do you like your blueeyed boy Mister Death? Crew wusste am nächsten Morgen nicht, wie das in der Nacht dahin gekommen war. Es ist ein Zitat von e.e.cummings, das Gedicht steht hier schon in dem Post ➱Buffalo Bill. Harry Crews ist ein Marine, ein Boxer, ein Rausschmeißer und ein Säufer gewesen. Er hat aber auch einen BA und einen MA und war Professor für Creative Writing an der University of Florida. Dreißig Jahre lang, die Studenten waren von ihm begeistert. Wahrscheinlich durften die auch alle einen Playboy zu Klausuren mitbringen, Crews hat ja häufig für das Magazin geschrieben. Seine eigenen Romane las er nicht: If you’re crazy enough to read yourself, and almost no writer reads his own novel once he finishes it. He never looks at it again. I’ve never read a novel of mine, a whole novel that I did, after it’s published. Never. Why would you?

Er hat das, was ihm beim Schreiben wichtig war, ganz klar formuliert: The writer's job is to get naked, to hide nothing, to look away from nothing, to look at it, to not blink, to not be embarrassed by it or ashamed by it. Just strip it down, and let's get down to where the blood is, the bone is, instead of hiding it with clothes and all kinds of other stuff. Luxury. About two weeks ago, three weeks ago, I threw away half a novel. Threw it away. Because I'd made a wrong turn, and man, you make a wrong turn and you just keep on that wrong turn and pretty soon you've got that much stuff that won't work. 

The amateur, or the coward, or the non-writer, will try to keep it and make it work 'cause he doesn't want to have to throw it away and do all of that over again, another way. The real artist, with no tear in his eye and no sadness in his heart, puts the pages in the fire, and does it again. Oder ähnlich an anderer Stelle (es ist erstaunlich, wie viele Interviews er gegeben hat): Being a fiction writer is a good way to go crazy, it’s a good way to be a nervous wreck, it’s a good way to become a drunk. You continually pick at yourself, the little sores that you have. They scab over and you pick them open again. Other people not only let them scab over, they let them scar over. They leave it alone. Writers don’t do that. They can’t keep their fingers out of the sore. They’ve got to keep it bleeding. And it’s off that blood that they make their stuff.

Crews, to my knowledge, is absolutely unique among Southern writers in that he writes about life from the perspective of the poor white. He writes from within the class, not by observing it from without, the traditional perspective of white Southern writers, sagte Frank W. Shelton im Jahre 1988. Faulkner schrieb auch über die poor white, aber er gehörte nicht zu ihnen. Crewe hat William Faulkner geschätzt, ihn aber auch kritisch genug gesehen, um seine eigene Position zu finden: Faulkner’s rhetoric is the sea around us whose depth more than one of us has drowned. He is such an overwhelming talent that he has damaged a whole generation of writers, because they all come along and try to be Faulkner and to write about the stuff that to him was a blood-and-bone issue and to them only a kind of romantic nonsense. You see, you can’t fake any of this in art.


Empfohlene Bücher: A Feast of Snakes, A Childhood: The Biography of a Place, Getting Naked with Harry Crews: Interviews. Und ➱hier habe ich noch ein langes Interview.