Freitag, 17. Februar 2012

Armory Show



Myers, you will weep when you see what we've brought over, hat Arthur B. Davies zu dem Maler Jerome Myers gesagt. Davies ist der Präsident der Association of American Painters and Sculptors und zusammen mit dem Maler Walt Kuhn organisiert er die Armory Show. Die wurde heute vor 99 Jahren eröffnet, sie war Amerikas Begegnung mit der Moderne. Sie war die erste und zugleich letzte Ausstellung der Association of American Painters and Sculptors. Zuerst sollte sie ja nur eine Ausstellung amerikanischer Kunst sein, aber Davies und Kuhn haben dafür gesorgt, dass die europäische Malerei der Jahrhundertwende repräsentativ vertreten war. Amerika war nicht so ganz darauf vorbereitet, was es da sehen wird. So schreibt Myers: And when I did see the pictures for the first time, my mind was more troubled than my eyes, for Davies had unlocked the door to foreign art and thrown the key away. Our land of opportunity was thrown wide open to foreign art, unrestricted and triumphant; more than ever before, our great country had become an art colony: more than ever before we had become provincials.

Der Entwurf für das Plakat der International Exhibition of Modern Art und das Logo mit der pine tree stammten von Walt Kuhn. Er hatte sich darauf besonnen (Sie können alles über die Entstehung ➱hier in einem Originalbrief lesen), dass dieser Baum einmal die Flagge der amerikanischen Revolution gewesen war. Und eine Revolution sollte auch diese Ausstellung sein, Das wurde sie auch, auch wenn sie von vielen als ein Skandal empfunden wurde. Der Ausstellungsort war das des ehemalige Zeughaus des 69. New Yorker Regiments. Wo jetzt während der Ausstellung in allen (künstlich aus der Riesenhalle abgeteilten Räumen) auch Kiefern standen. Das Zeughaus dient auch heute noch allen möglichen Ausstellungen, wie in den letzten Jahren Ausstellungen von Comics  und Präsentationen von Victoria's Secret Unterwäsche.

Ein Jahr vor der Ausstellung hatte Arthur B. Davies den Katalog der Kölner ➱Sonderbund Ausstellung in die Hände bekommen und hatte sofort Walt Kuhn (der einmal in München studiert hatte) nach Deutschland geschickt. Der kam am letzten Tag der Ausstellung in Köln an, als man schon begonnen hatte, die Ausstellung abzubauen. Doch was er sah, bestärkte ihn in dem Gedanken, die Konzeption dieser Ausstellung zu übernehmen. Kuhn reiste danach nach Paris weiter und besuchte dann zusammen mit Arthur B. Davies (den er per Telegramm nach Europa gerufen hatte) die Londoner Second Post-Impressionist Exhibition Ausstellung, die von ➱Roger Fry organisiert worden war (von dem auch der Terminus Post-Impressionism stammte). Zuvor hatte das Organisationsgenie Kuhn aber dafür gesorgt, dass ein großer Teil der Kölner Ausstellung nicht an die Leihgeber zurück wanderte, sondern gleich nach New York verschifft wurde. Mit ein klein wenig Nationalstolz kann man heute sagen, dass ohne die Kölner Ausstellung (und natürlich ohne Walt Kuhn) nichts aus der Armory Show geworden wäre.

Man muss nicht nur ein gutes Auge und einen Kunstverstand haben, wenn man eine Ausstellung organisiert, man muss auch gute Beziehungen haben. Zu Künstler, zu Kunsthändlern und natürlich zu denjenigen, die das Geld haben. Walt Kuhns Freund John Quinn wird für die Armory Show eine der wichtigsten Persönlichkeiten werden, nicht nur, weil er mit der stolzen Summe von 5.808,75 Dollar der größte Käufer der New Yorker Exponate ist. Nein, der New Yorker Rechtsanwalt John Quinn arbeitet auch von Beginn an als unbezahlter juristischer Berater der Ausstellung. Und er schaffte es, den Kongress zu überzeugen, ein Gesetz von 1909 zurückzunehmen, das den Erwerb von ausländischer zeitgenössischer Kunst mit hohen Zöllen belegte.

Er ist ein erstaunlicher Mann gewesen: ➱Sammler der Manuskripte von Joseph Conrad, juristischer Berater von James Joyce, Freund von Ezra Pound und T.S. Eliot und Mäzen von William Butler Yeats. Aus Dank für seine Leistungen darf er am 17. Februar 1913 auch die Ausstellung eröffnen. Da wird er sagen: It was time the American people had an opportunity to see and judge for themselves concerning the work of the Europeans who are creating a new art. Aber er wird auch auf die neue amerikanische Kunst eingehen: The members of this association have shown you that American artists - young American artists, that is - do not dread, and have no need to dread, the idea or culture of Europe. They believe that in the domain of art only the best should rule. This exhibition will be epoch making in the history of American art. Tonight will be the red-letter night in the history not only of American but of all modern art. The members of the Association felt that it was time the American people had an opportunity to see and judge for themselves concerning the work of the Europeans who are creating a new art. Now that the exhibition is a fact, we can say with pride that it is the most complete art exhibit that has been held in the world during the last quarter century.

Dies war nicht die Stimme Amerikas, die Stimme Amerikas war eher Teddy Roosevelt, der that's not art sagte. Er hatte die Ausstellung am 4. März besucht, das war eine kleine politische Demonstration, denn an dem Tag wurde Woodrow Wilson als Präsident vereidigt. Gegen den hatte er gerade die Wahlen verloren, da nimmt er jede Gelegenheit wahr, Woodrow Wilson zu brüskieren. Er hat dann auch noch eine ➱Ausstellungsbesprechung veröffentlicht, relativ moderat und ausgewogen (man ist ja Politiker), aber letztlich ist er ein Kunstbanause. In dem Punkt spricht er den meisten seiner Landsleute aus der Seele. Wenn Politiker über Kunst reden, dann orientieren sie sich gerne am gesunden Volksempfinden. Von Woodrow Wilson sind keine Äußerungen über die Armory Show bekannt. Es gibt allerdings das Gerücht, dass Bilder seiner Ehefrau Ellen Axson Wilson in der Ausstellung gehangen hätten. Es wäre durchaus möglich (obgleich sie nicht im Ausstellungskatalog auftaucht), sie war immerhin eine ganz passable Malerin. Hatte sich sogar 1913 im Weißen Haus ein kleines Malstudio einrichten lassen.

Es stehen nicht nur Kiefernbäume in der Halle, natürlich gibt es neben den Gemälden auch Plastiken von Bildhauern. Auch von deutschen Bildhauern, Walt Kuhn hatte Wilhelm Lehmbruck in Köln getroffen und ihn überredet, zwei Plastiken in die New Yorker Ausstellung zu geben. Eine davon hatte es dem dilettierenden Kunstkritiker Teddy Roosevelt besonders angetan: Admirers speak of the kneeling female figure by Lehmbruck—I use “female” advisedly, for although obviously mammalian it is not especially human—as “full of lyric grace,” as “tremendously sincere,” and “of a jewel-like preciousness.” I am not competent to say whether these words themselves represent sincerity or merely a conventional jargon; it is just as easy to be conventional about the fantastic as about the commonplace. In any event one might as well speak of the “lyric grace” of a praying mantis, which adopts much the same attitude; and why a deformed pelvis should be called “sincere,” or a tibia of giraffe-like lengths “precious,” is a question of pathological rather than artistic significance. This figure and the absurd portrait head of some young lady have the merit that inheres in extravagant caricature. It is a merit, but it is not a high merit. It entitles these pieces to stand in sculpture where nonsense rhymes stand in literature and the sketches of Aubrey Beardsley in pictorial art. Heute ist man in der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen Dresden glücklich, dass man einen Steinguss dieser Plastik besitzt, die als eins der wichtigsten Werke von Lehmbruck gilt.

Dass die gerade gegründete Association of American Painters and Sculptors auf Arthur B. Davies als Präsidenten gekommen war, mag heute erstaunen. Denn als Künstler gehörte er zwar zu der Ashcan School, hatte aber mit Malern wie ➱John Sloane oder George Bellows wenig gemeinsam. Seine Kunst ist eher in einem märchenhaften Never Never Land mit weißen Einhörnern angesiedelt. Sein großes Vorbild ist der Franzose Puvis de Chavannes (von dem er auch 15 Werke ausstellt), der für mich einer der schrecklichsten Maler des 19. Jahrhunderts ist. Aber Davies besitzt ebenso wie Walt Kuhn ein großes Organisationstalent und hat Beziehungen zu Amerikas Geldadel, der im Gilded Age reich geworden ist. Davon abgesehen führte er still und verschwiegen ein Doppelleben, seine Frau und seine Kinder haben erst nach seinem Tod erfahren, dass er noch eine zweite Familie mit Frau und Kindern hatte. Ein Kritiker hat ihn einmal als den erfolgreichsten Bigamisten des Jahrhunderts bezeichnet. Wahrscheinlich muss man Bigamist sein, um Einhörner zu malen.

Amerikas Begegnung mit der europäischen Moderne wird zu einer großen Show. Die Ausstellung, die noch nach Boston und Chicago wandern wird, ist gut besucht. Vor allem an den Tagen, an denen der Eintritt frei ist. Die Kunstpostkarten von 57 verschiedenen Kunstwerken sind schnell ausverkauft. Die Presseberichterstattung ist - wie immer - sehr unterschiedlich. Noch vor Ausstellungseröffnung hatten die New York Times und die New York Sun mit Schlagzeilen wie It Will Throw a Bomb Into Our Art World and a Good Many Leaders Will be Hit oder Cubist, Futurists, and Post Impressionists Win First Engagement, Leaving the Enemy Awestruck eine Kriegsmetaphorik in die Kunstdiskussion gebracht.

America's first art war hatte begonnen. Gertrude Stein, die als Freundin Picassos natürlich für die moderne Kunst eintritt, wird in einem Spottgedicht verhöhnt:

I called the canvas 'Cow with cud'
And hung it on the line,
Altho' to me 'twas vague as mud
'Twas clear to Gertrude Stein


Wenn hier Getrude Stein genannt wird, so sollten noch eine Anzahl anderer Frauen genannt werden. Wie die Galeristin Clara Davidge (Tochter eines Bischofs) oder die Society Lady Mabel Dodge. Und viele andere. Ohne die kunstinteressierten oder schwerreichen ➱Frauen wäre es vielleicht nichts mit der Armory Show geworden. In einem Resumé der Armory Show schrieb der amerikanische Kunstkritiker Meyer Shapiro Jahrzehnte nach dem Ereignis: Women, it is worth noting, were among the chief friends of the new art, buying painting and sculpture with a generous hand. Art as a realm of finesse above the crudities of power appealed to the imaginative, idealistic wives and daughters of magnates occupied with their personal fortunes . . . At this moment of general stirring of ideas of emancipation, women were especially open to manifestations of freedom within the arts. Emanzipation und Mäzenatentum gehen jetzt Hand in Hand. Auf jeden Fall für die, die es sich leisten können.

In dem Streit um den richtigen Weg der Kunst gab nicht nur Häme von der Presse - obgleich das Organisationskomitee auch mit beleidigenden Artikeln zu leben wusste. Besser eine schlechte Presse als gar keine Presse. Der Erfolg der Ausstellungen der Eight im Jahre 1908 und die Exhibition of Independent Artists 1910 kam wohl nur durch die Presse zustande, das hatte man schon gelernt. Einen Mitstreiter hatten die Organisatoren der Armory Show in der New York Sun. Die Zeitung, die ja heute noch berühmt ist durch ihren Artikel Yes, Virginia, there is a Santa Claus, trat mit glühenden Artikeln für die neue Kunst ein. Wenn Sie alles über die Publikumsreaktionen wissen wollen, dann sollten Sie dies vorzügliche Paper von ➱Kristen M. Osborne lesen.

Und damit bin ich auch schon bei meinen Literaturhinweisen. Denn wenn ich jetzt nicht aufhöre, schreibe ich noch die ganze Woche an diesem Thema weiter. Normalerweise mäkle ich ja an Wikipedia Artikeln herum. Heute nicht, der deutsche Artikel zur ➱Armory Show ist hervorragend! Wenn Sie noch mehr wissen wollen, dann gibt es nur das Buch von Milton W. Brown The Story of the Armory Show (enthält auch einen vollständigen Katalog aller Exponate). Auf dieser Seite der ➱University of Virginia gibt es viele Abbildungen aus der Armory Show. Und wenn es noch etwas mehr an amerikanischer Kunst sein darf, dann sollten Sie Robert HughesAmerican Visions: The Epic History of Art in America lesen. Frech und fetzig geschrieben, keinen Augenblick langweilig, hervorragend illustriert.


Man weiß nicht, wie viele Amerikaner - begeistert oder hasserfüllt - die Ausstellung gesehen haben. Die Besucherzahlen, mit denen Historiker jonglieren, schwanken zwischen Hunderttausend und einer Viertelmillion. Am Ende der Ausstellung marschiert das Ausstellungskomitee voller Stolz zu den Klängen von fife and drum durch die Ausstellungshalle, man glaubt einen Sieg für die moderne Kunst errungen zu haben. Als beim Festbankett am Abend einer der Gäste ironisch einen Toast auf die akademische Malerei ausbringen will, bringt John Quinn den Anwesenden die Worte des Captain John W. Philip vom Schlachtschiff Texas in Erinnerung. Der hatte seiner Mannschaft, als sie die Versenkung des spanischen Schiffes Vizcaya bejubelte, zugerufen: Don't cheer, boys; the poor devils are dying. Der Spanisch-Amerikanische Krieg ist noch nicht so lange her, an den kann man sich noch erinnern. Da war Teddy Roosevelt mit seinen Rough Riders noch ein Kriegsheld, jetzt ist er dilettierender Kunstkritiker. Die Kriegsmetaphorik, mit der die New Yorker Zeitungen die Ausstellung eröffnet haben, wird bleiben. Vielleicht ist es von besonderer Symbolik, dass der Ausstellungsort die Armory, ein Zeughaus, ist.

Ein Jahr später beginnt der Erste Weltkrieg. Wenn Künstler in Europa Glück haben, dann dürfen sie im Krieg Tarnbemalung auf Flugzeugflügel malen wie Paul Klee. Der Krieg ist nicht nur der Vater aller Dinge, dieser Krieg gebiert auch die moderne Kunst. Sagt Modris Eksteins in seinem Buch The Rites of Spring: The Great War and the Birth of Modern Age. Es ist ein gefährlicher Gedanke, aber an Eksteins Kulturgeschichte ist etwas dran.

Die Bilder von amerikanischen Malern im Text waren alle Teil der über anderhalbtausend Ausstellungsstücke der Armory Show. Es sind von oben nach unten: ◻Albert Pinkham Ryder, den Davies persönlich durch die Ausstellung führte, in der zehn Bilder von ihm hingen ◻William Glackens  ◻George Bellows  ◻Charles Sheeler, dessen Bilder eher durch Zufall in die Ausstellung gelangten  ◻Arthur B. Davies  ◻Walt Kuhn  ◻Alfred Henry Maurer  ◻John Sloan  ◻John Marin.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Hochwasser

Vor fünfzig Jahren gab es in der Nacht vom 16. zum 17. Februar in Norddeutschland eine verheerende Flutkatastrophe, die hauptsächlich Hamburg betraf. Als damals junger "Zeitzeuge" schlage ich dazu einmal einige Seiten aus meinen Jugenderinnerungen auf:

Februar 1962, es ist kalt und windig. Na ja, eigentlich ist es schon ein Sturm, aber Bremer, die so etwas das ganze Jahr über gewöhnt sind, neigen bei Windstärke 9 oder 10 noch nicht zu Übertreibungen.. Ich sitze mit Charlie bei Konnie Krämer im Fährhaus am Utkiek. Die Kneipe hat der Konnie schon dichtgemacht, aber uns schenkt er noch ein Bier ein, geht aufs Haus. Konnie braucht uns noch. Die Weser ist beunruhigend hoch, das vom Sturm herein gedrückte Wasser fließt nicht ab. Eigentlich sollte jetzt Ebbe sein, aber die Weser ist schon auf der normalen Fluthöhe, Meter über dem Ebbepegel. Die Nacht ist blauschwarz, die Wolken fegen nur so dahin. In drei Tagen ist Vollmond, das ist bei dieser Wetterlage schlecht. Das hat jetzt nichts mit Deichromantik à la Schimmelreiter zu tun. Das bedeutet eine Springflut. Und dies ist kein Sturm mehr, dies ist schon ein Orkan. Wir schrauben mit Konnie zusammen die eisernen Platten vor die Kellerluken, dichten alles mit Säcken und gefettetem Tauwerk ab. Auch die Eingangstür, die einen Meter höher liegt.

Wir trinken noch ein Bier. Das kommt nicht bis hier, sagen wir, und klettern hinten durch ein Hoffenster aus dem Haus. Nachts will ich noch meinen üblichen Weserspaziergang mit dem Hund machen, da steht die Strandstraße schon unter Wasser. Das geschieht häufiger, das ist noch keine Gefahr. Wir alle wissen noch nicht, was in der Nacht noch kommt. Hamburg wird es schlimmer treffen als Bremen, dies sind die Stunden des Mythos von Helmut Schmidt, der seinen Bürgermeister Paul Nevermann entmachtet und mit dem Herbeiordern von NATO-Kräften gegen alles verstößt, was in der Verfassung steht. Aber vielleicht muss es dieser Mann in diesem Augenblick sein, das Fernsehen wird ihn lieben. Überall an der Deutschen Bucht wird es kleine Helden geben, die im richtigen Moment das Richtige tun und größeren Schaden verhindern. Sie alle kommen nicht ins Fernsehen, nur Helmut Schmidt. Die Hochwasser von 1976, 1981 und 2007 werden höher sein als das von 1962. Und man wird diese Sturmfluten auch ohne Helmut Schmidt überstehen. Für die beteiligten Bundeswehrkräfte wird es 1962 einen Orden geben, der so genannte Sandsackorden wird der erste Orden sein, den die junge Bundeswehr verleiht. In Bremen-Huchting wird es große Schäden geben, wir kommen in Vegesack mit Schrammen davon.

Am nächsten Morgen haben wir schulfrei, das kommt durchs Radio. Peter und ich fahren mit dem Bus nach St. Magnus, um uns das Ausmaß der Überschwemmung anzusehen. Der Admiral Brommy Weg steht unter Wasser und die Lesumwiesen auch. Das ist bei jedem Hochwasser so, die Wiesen hinter den Deichen sind eigentlich Sollbruchstellen. Gefährlich wird das erst in der Zukunft, wenn man sinnlos an allen Nebenflüssen Sperrwerke einrichtet und den Fluß durch Vertiefungen noch weiter kanalisiert. In Grohn schippt Kapitän Janssen Wasser aus seinem Keller und die umstehenden Gaffer beschweren sich, dass sie dabei nass werden. Ich verdrücke mich mit Peter schnell, bevor Hein Janssen mich erkennt, sonst sind wir auch noch mit Schippen dran.

Wenn dies schon komisch ist, dann kann man das noch steigern. Als wir zur Strandstraße kommen, steht da schon unsere halbe Schule vor dem Haus des Direx neben dem Ruderverein. Den hatte die Polizei nachts noch aufgefordert, das schöne Haus zu verlassen, das der Architekt Ernst Becker-Sassenhof in den zwanziger Jahren gebaut hat. Hat er nicht getan, er glaubte nicht daran, dass das Wasser noch steigen würde. Immerhin hat er vorsichtshalber die Abiturarbeiten mit nach oben genommen. Jetzt ist das ganze Lehrerkollegium damit beschäftigt, klitschnasse Teppiche und feuchte Sessel aus dem Erdgeschoss zu räumen und auf das Gelände des Rudervereins zu tragen. Schüler geben gute Ratschläge, vor allem jenen Lehrern, die zwei linke Hände haben. Davon gibt es mehrere. Kein Schüler fasst mit an. Irgendwie sind alle der Meinung, dass dieser Schaden auch eine Strafe für Dummheit ist. Konnie Krämer wird kein Weserwasser in Keller und Kneipe haben, jeder, der hier wohnt ist Hochwasserprofi, mit Ausnahme des Direktors des Gymnasiums. Ich verstehe es nicht, der Mann ist pädagogisch versiert und er ist ein erstklassiger Verwaltungsfachmann. Und dann so was. Ich vermute, dass es daran liegt, dass er Wagner Liebhaber ist, er soll sogar einmal im Jahr nach Bayreuth fahren. Wagner Liebhaber sind nicht von dieser Welt. Vielleicht hat er ja im Sturm den Fliegenden Holländer gehört.

Dienstag, 14. Februar 2012

Valentine

Die schöne und eigensinnige (eigentlich ist das jetzt doppelt gemoppelt, welche schöne Frau ist nicht eigensinnig?) Bathsheba Everdene hatte eine Valentinskarte für den kleinen Teddy Coggan gekauft. Sie hatte die schon beinahe vergessen, aber dann am Tag vor dem Valentinstag fällt es ihr ein: Dear me -- I had nearly forgotten the valentine I bought yesterday," she exclaimed at length. Ihre Haushälterin Liddy Smallbury (about Bathsheba's equal in age, and her face was a prominent advertisement of the light-hearted English country girl) scherzt noch, dass Bathsheba die Karte ja auch an den Gentleman Farmer Mr. Boldwood schicken könne. Aus dem Scherz wird Ernst. An dem Text, der zuerst für den kleinen Teddy Coggan gedacht war: The rose is red, The violet blue, Carnation's sweet, And so are you, ist ja nichts auszusetzen. Wenn Bathsheba nur nicht dieses Siegel in den Siegellack gedrückt hätte, auf dem MARRY ME steht.

Im Film, aus dem dieses Bild stammt, sieht die Karte etwas anders aus. Die Schrift im Siegellack war ja so klein, dass kein Zuschauer das hätte lesen können. Der Film heißt (wie der ➱Roman von Thomas Hardy) Far from the Madding Crowd, und Julie Christie spielt die Bathsheba Everdene. Wenn Sie jetzt die DVD kaufen (die deutsche Version heißt Die Herrin von Thornhill), dann sehen Sie zu, dass Sie genügend Taschentücher zur Hand haben.

Als Thomas Hardys Roman Far from the Madding Crowd 1874 erschien, waren Valentinskarten in England offensichtlich schon gang und gäbe. Bei uns nicht. Es sind englische Auswanderer gewesen, die den Valentinstag in Amerika heimisch gemacht haben. Über die amerikanischen Besatzungssoldaten ist er dann nach dem Krieg zu uns gekommen, zur großen Freude der Floristen und der Süßwarenindustrie. Und wenn Sie heute eine Valentinskarte verschicken, dann seien Sie vorsichtig, was Sie da drauf schreiben. MARRY ME ist gefährlich. Denn mit dem Sergeant Troy hier wird Julie Christie nicht glücklich, da hätte sie doch lieber Mr Boldwood nehmen sollen. Oder Gabriel Oak, der sie immer geliebt hat. Aber am Ende wird alles gut. Das ist das Schöne an Romanen.

Montag, 13. Februar 2012

Waylon Jennings

Wenn Sie dies ➱hier anklicken: da ist Waylon Jennings mal wieder auf einem Höhepunkt, wenn er Good Hearted Woman mit Willie Nelson, Johnny Cash und Kris Kristofferson singt. The Highwaymen nannten sie sich, sie hatten großen Erfolg. Soviel Berühmtheiten hat man ja selten in einer Country Music Band. Meine erste LP von Waylon Jennings, der heute vor zehn Jahren starb, war Wanted! The Outlaws mit seiner Frau Jessi Colter, Willie Nelson und Tompal Glaser. Die schaffte es gleich zur Number One der Country Charts (Good Hearted Woman war da auch mit drauf). Willie Nelson und er waren jetzt die ➱Outlaws, weil sie Texaner waren und gegen das Nashville Establishment rebellierten. Es war die wohl erfolgreichste Rebellion in der Country Music.

Was mir damals am besten von Waylon Jennings (neben WWII mit Willie Nelson) gefiel, war das Album White Mansions. Lange bevor die mit Recht von der Kritik gefeierte ➱TV-Serie von Ken Burns über den Bürgerkrieg im Fernsehen lief - deren Musikauskopplung von herzzerreißend a capella oder sparsam orchestrierten Bürgerkriegssongs es ja auch in die Charts schaffte - hatte die C&W Musik das Thema schon für sich entdeckt. ➱White Mansions: A Tale from the American Civil War hieß das Album, das 1978 erschien. Drei Jahre später folgte Poco mit einem tie-in, das Blue and Gray hieß, aber die Musik dieser Band (die Robert Christgau einmal the most overrated underrated group in America nannte) war das übliche Gemisch aus Rock und Weichspüler. Wenn man nicht genau auf die Texte von Rusty Young hörte, merkte man gar nicht, dass dies etwas mit dem Civil War zu tun hatte.

In dem Schallplattencover steckte ein 28-seitiges Booklet, das von seinem Layout her, mit alten Photographien aus dem Bürgerkrieg und den neuen Texten dieser Civil War Opera, hervorragend gemacht war. Vier Stimmen und ein Chor schwarzer Sklaven (Rodena Prestons Voices of Deliverance) sprechen und singen die Geschichte vom Untergang des Old South: Waylon Jennings als The Drifter ist der Erzähler dieses epischen Stoffes. Seine Frau Jessi Colter sang eine Southern Belle, John Dillon (von Ozark Mountain Daredevils) einen Südstaaten Gentleman und Steve Cash einen Vertreter des white trash. Damit haben wir natürlich alle Südstaaten-Stereotype zusammen, aber stereotyp ist nichts an dieser Platte. Dies sind die Outlaws, die Nashville-Rebellen, die hier eine revisionistische, kritische Version der immer wieder gleichen Geschichte vortragen. Zeilen wie Southern pride - it's just stubborn blindness werden 1978 nicht jedem Amerikaner gefallen haben. Vielleicht auch heute noch nicht.

White Mansions ist ein concept album, es ist nicht das erste in der Geschichte der amerikanischen populären Musik. Wenn man so will, sind wahrscheinlich Woody Guthries Dust Bowl Ballads das erste concept album (auch wenn die Platten mehr wie eine Musikbegleitung zu Steinbecks Grapes of Wrath wirkten). Der Mann, der das Konzept für White Mansions hatte und alle Songs schrieb, war Paul Kennerley. Kein Texaner, ein Engländer aus London (vielleicht hat der auch Eric Clapton mitgebracht, der hier an Dobro und Slide Guitar zu hören ist). Er hat übrigens auch das concept album The Legend of Jesse James gemacht. Und war mal mit ➱Emmylou Harris verheiratet.

Man kann White Mansions auch als Kulturdokument des New South sehen. Auf jeden Fall weist der Professor ➱James C. Cobb aus Georgia der Country Music eine sinnstiftende Rolle bei der Neudefinierung der Südstaatenkultur zu. Erstaunlicherweise deutet er in mehreren Schriften auch die Figur des redneck zu einer positiven Figur um. Es verändert sich etwas im Süden. Das Bild, das uns der Engländer Alan Parker in Mississippi Burning gegeben hat, ist längst Vergangenheit. Die C&W Music wird eine wichtige Rolle in der Veränderung der Gesellschaft spielen. Natürlich wird es eines Tages auch einen Cowboy aus der Retorte wie Garth Brooks geben, aber es wird auch Alison Krauss und Lyle Lovett geben. All diese Bewegungen, denen man ein Etikett wie independent country, new country, progressive country, alternative country verpasst hat, werden Erben der Outlaw Bewegung sein.

Die Platte war übrigens damals kein Erfolg. Finanziell erfolgreich war Waylon Jennings mit I've Always Been Crazy und dem Duett-Album Waylon & Willie. White Mansions ist zu einem Sammlerstück geworden. Falls außer mir noch jemand eine besitzt: sie ist heute mehr wert als 1978. Natürlich gibt es sie inzwischen als CD. Ist aber nicht das selbe, das Booklet dieses Gesamtkunstwerks ist viel zu klein. White Mansions klingt auch heute immer noch gut. Es ist niemals larmoyant oder pathetisch, es ist zwar die Südstaatenversion des Bürgerkrieges, aber es ist nicht die Kitschversion wie Fackeln im Sturm.

Oh Dixie, hang your head and cry
You have seen so many children die
You had courage and you had pride
But the Union could never see your side, at all

Oh, oh, oh, not at all
Oh Dixie, now the land is scarred,
The States are bleeding
They're wounded and marred
Mister Lincoln isn't here to lend a hand
Now he's gone and bitter hate rules the land.
You're done

Oh, oh, oh Dixie, you're done
Oh Dixie, oh Dixie, now you're done
Oh Dixie, oh Dixie, oh Dixie, now you're done.
Oh Dixie, oh Dixie, oh Dixie, now you're done.

Sonntag, 12. Februar 2012

Otto Ludwig

Haben Sie 'Zwischen Himmel und Erde' von Otto Ludwig? fragte der Mann, der in das Antiquariat  gekommen war. Tut mir leid, sagte der Buchhändler, habe ich gerade nicht. Aber ich habe eine schöne Ausgabe von der 'Heiterethei'. Fürwitzig, wie ich nun mal bin, sagte ich: Der Roman ist viel schöner, sehr poetisch. Es ist ein kleines Antiquariat, die Kunden reden hier häufig miteinander. Ich habe da schon gehaltvollere Gespräche geführt als in den Räumen der Universität. Weil hier die wirklichen Leser sind. Weil man hier nach einem Roman von Karl Immermann fragen kann, ohne doof angeguckt zu werden

Aus welchem Grunde der Mann mir glaubte, weiß ich nicht, aber er kaufte die Heiterethei. Ich bin nun wahrlich kein Otto Ludwig Experte, ich kenne seine Opern, seine Dramen, seine Gedichte nicht. Aber ich habe Zwischen Himmel und Erde und die Heiterethei gelesen. Den Roman über die Schieferdecker las ich als ich sechs oder sieben war, ich habe nichts davon verstanden. Aber der Titel gefiel mir, ➱Zwischen Himmel und Erde. Ich hatte mich damals über die Bücher von meinem Großvater hergemacht, las Gottfried Keller, Willibald Alexis, Adalbert Stifter und ➱Wilhelm Raabe. Glücklicherweise war da auch Felix Dahns Kampf um Roman dabei, der war wenigstens spannend. Es kam damals aber gar nicht auf das Verstehen an, es kam darauf an, dass man Bücher las. Verstehen kommt später. Je mehr man liest, desto mehr versteht man.

Die Heiterethei verstehe ich natürlich besser, weil ich sie erst vor zwei Jahren gelesen habe. Ich hatte in dem oben erwähnten Antiquariat ein schönes Exemplar gefunden und begann zu lesen. Ein Roman von Liebe und Emanzipation, vom kleinbürgerlichen Spießertum - in manchen Passagen Wilhelm Raabe nicht unähnlich, manchmal erinnert es auch an den frühen ➱Charles Dickens. Mit wunderbaren Landschafts- und Naturbeschreibungen, das Wetter spielt eine große Rolle. Das Wetter spielt im Roman des 19. Jahrhunderts eigentlich immer eine große Rolle. F.C. Delius, der heute Geburtstag hat, hatte seine Dissertation ➱Der Held und sein Wetter betitelt. Ich fand das Buch damals wirklich originell. Ist es wahrscheinlich heute noch. Die Heiterethei ist voll von kleinen, bezaubernden Passagen wie: Und auch heller wurde es. Schon zeigten sich Lücken im Gewölke. Das flog nun selbst wie eine endlose Folge dunkler Regenschirme in den Händen eilender Riesen am Himmel dahin. Der Mond stellte sich auf die Zehen und sah zwischen ihnen hindurch auf die nasse Straße herab. Die hielt ihm tausend Spiegel vor und er sah wohlgefällig, um wie viel schöner und vollwangiger er nun seit gestern wieder geworden war.

Otto Ludwig, der heute vor 199 Jahren geboren wurde, war einmal berühmt. Er ist heute so gut wie vergessen. In neueren Literaturgeschichten wird er häufig gar nicht mehr erwähnt. Selbst in dem Buch der sonst so gründlichen ➱Eda Sagarra, Tradition and Revolution: German Literature and Society 1830-1890, gibt es für ihn nur einen Satz: Otto Ludwig (1813-65), author of the short novel 'Zwischen Himmel und Erde', wrote about small town life with a visual sense.

Wenn Sie eine kleine Probe von diesem visual sense aus der Feder des Erfinders des poetischen Realismus haben wollen, dann lesen Sie doch einmal dies aus dem Anfang von ➱Die HeiteretheiUnd natürlich gibt es wieder viel Wetter:

   Die Wirtin sah sich um, und auf dem feinen Dufte haftend, der hinter den Bergen ringsum am Himmel heraufzog, sagte sie: »Dauert nicht bis zur Nacht. Es müßt' heut nicht Gründer Markt sein.«
   Die Wirtin weiß es, und, sie nicht allein, alle Welt weiß es, wie's mit dem Wetter ist zum Gründer Markt. Und wenn er beginnt so blau und golden, wie es der Farbenkasten des Frühlings nur hergeben will, wie ein Tag vor sechzig Jahren; denn damals war Alles besser, selbst das Wetter; frage nur die Reicker Wirtin, wer's nicht glauben will. Kaum ist's Mittag, da steigt's von allen Seiten auf; da hebt's und drängt's, bis es einen neuen Himmel gewölbt hat unter dem alten. Das wär schon gut, wenn es nur aufzuhören verstände zur rechten Zeit. Aber immer noch steigt's und drängt's. Da wird ein Hin- und Herwogen, dunkler und immer noch dunkler, ein Zusammen- und Übereinanderschieben, daß endlich die Funken davon stieben und das ganze Wolkengewölbe unter seiner eigenen Last zusammenbricht mit Donnerkrachen, und die Wolkentrümmer aneinander in ungezählte Tropfentrümmerchen zersplittern über Buden, Platz, Käufer und Verkäufer.
   Wehe dem, der da noch unter diesen letzteren ist; in dem wilden Durcheinander von Stöcken, Köpfen, Hüten, Mützen, das der gleichzeitige Druck nach allen Richtungen, nach deren Enden rettende Türen sich öffnen, in eine kreisende Bewegung bringt. Zugleich mit der ganzen Masse um ihre und noch einmal besonders um seine eigene Achse gewirbelt, weiß er bald nicht mehr, was sich dreht, er oder die Häuser und Buden um ihn herum. Bald erscheint die rettende Tür, bald verschwindet sie, ohne daß sie ihm näher gekommen ist. Die Hutkrempe, von Regen und Mitleid erweicht, senkt sich allmählich und verhüllt dem Auge des Dulders liebevoll wenigstens den Anblick seines Schicksals, bis eine Flut ihn plötzlich davonführt, er weiß nicht, wohin, und eine Tür ihn einschlingt, die er nie zu passieren gemeint hat. So ist's im Marktflecken selbst; die Straße nach dem Städtchen bietet bei allem Ähnlichen doch ein ganz verschiedenes Bild.

Samstag, 11. Februar 2012

Mary Quant

Wenn wir an Paris und Damenmode denken, fallen uns sofort ein halbes Dutzend Couturiers ein. Denken wir an London und Damenmode, was fällt uns da ein? Erst einmal nichts, obgleich es bedeutende englische Couturiers gegeben hat. Immerhin war es der Engländer ➱Charles Frederick Worth, der hier schon einmal vorkam, der die Pariser Haute Couture erfunden hat. Und ein Jahrhundert später gab es den Captain Molyneux, allerdings hatte der seinen Salon auch in Paris. Und wir dürfen natürlich die Schneider der Queen wie Norman Hartnell und Hardy Amies nicht vergessen. Beide wurden von dem Königin geadelt und bekamen nicht so etwas Popliges wie den Order of the British Empire, nein, für ihre Verdienste musste es schon der Royal Victorian Order sein. Der Schneider, den die Königin seit Jahren favorisiert, wird diesen Orden nicht bekommen. Nicht weil sie mit ihm unzufrieden ist, sondern weil er ein Deutscher ist. Ja, Sie haben richtig gelesen, ein Deutscher namens ➱Karl-Ludwig Rehse schneidert für die Königin.

Hartnell und Amies schneiderten elegante Mode für die elegante Lady, die nicht zum Shoppen nach Paris fahren wollte. Eine Eleganz, die heute ausgestorben scheint, und die durch das Model Barbara Goalen perfekt (oben) verkörpert wurde. Natürlich gab es in den fünfziger und sechziger Jahren all das, was gerade in Paris Mode war, für die englische Frauenwelt auch preiswerter, zum Beispiel von der Firma Susan Small (links), für die Barbara Goalen auch als Model gearbeitet hat. Und selbstverständlich konnte die Dame Tragbares für den Alltag auch bei Jaeger oder ➱Simpsons (DAKS) kaufen. Die natürlich bekannter dafür waren, dass sie den englischen Gentleman mit hochwertiger ➱Konfektion ausstaffierten.

Alison Settle (von 1926 bis 1935 Direktorin der englischen Vogue) schrieb 1945 in der Picture Post in dem Artikel London: Can it Become a World Fashion Centre?Success cannot come to English fashions, so long as the men of the country treat fashion as being essentially frivolous and even laughable... to take the trends of fashion seriously, to discuss clothes seems unthinkable. Only when fashion trends, colours and the whole philosophy of clothes is talked about - as films, pictures or music are discussed - can the textile trades of Britain regain their merited superiority in the eyes of the world. Was man 1945 kaum glauben mochte, wurde wenig später durch Mary Quant (und andere) wahr.


Denn für die Revolution der englischen Damenmode steht der Name des heutigen Geburtstagskinds ➱Mary Quant, die den Minirock erfunden hat. Der war zum ersten Mal in der Vogue 1962 zu sehen. Mary Quant hat von der Königin auch einen Orden bekommen, aber nicht so etwas Vornehmes wie Hartnell und Amies. Es war ein schlichtes OBE, das ihr die Königin überreichte. Mary Quant kam zu der Ordensverleihung natürlich im Minirock, die Königin natürlich nicht. Obgleich das sicher witzig gewesen wäre. Der französische Designer André Courrèges, der in Paris Frauen in seltsame ➱Gewänder hüllte, hat den Minirock dann in der französischen Haute Couture heimisch gemacht.

Der Minirock verdankt seinen Erfolg dem pulsierenden Leben des ➱Swinging London und Models wie Jean Shrimpton (links) und Twiggy, denn ohne The Shrimp oder Twiggy wäre das wohl nichts geworden. ➱Cilla Black (die natürlich auch einen Minirock getragen hat), war dafür irgendwie zu pummelig. Nicht jedermann, sprich jede Frau, konnte sich Mary Quant Kleider leisten, die qualitativ hochwertigen Teile waren in ihrem Bazaar in der King's Road verhältnismäßig teuer. Zusammen mit ihrem Ehemann ➱Alexander Plunket Green hatte sie die Mary Quant Ginger Group gegründet, wo es eine preiswerte Linie zu kaufen gab, aber auch die war nicht überall in England erhältlich. Natürlich gab es überall Kopien, und ich nehme mal an, dass sogar Marks&Spencer Mary Quant Ähnliches in den Schaufenstern hatte.

Eins der seltsamsten Designs waren ihre pinafore dresses. Nicht alle waren so avantgardistisch wie dieses Teil aus dem Victoria & Albert Museum. Manches sah so aus, als hätten sich die Girls von ➱St Trinian's in die Haute Couture verirrt. Und auch das, was die Designerin hier bei einer ➱Modenschau trägt, ist ja etwas gewöhnungsbedürftig. Irgendwo auf der Welt werden heute noch immer seltsame Wollkleider getragen. Quant konnte tun, was sie wollte, ihre Mode wurde gefeiert und kopiert. Später war sie als Designerin für eine Vielzahl von Firmen tätig, unter anderem sogar für J.C. Penney. Dazu sage ich jetzt nix. Sie hätte solchen Unsinn nicht nötig gehabt, aus dem Bazaar in Chelsea war ein weltweit operierendes Modeunternehmen geworden, auch eine eigene Kosmetiklinie gab es schon sehr früh.

Die englischen Designerinnen der sechziger Jahre kamen nicht aus den Ateliers der Haute Couture. Die Haute Couture produziert (ebenso wie die Savile Row) in England keine wirklich neue Mode. Die Mode, die England veränderte, kam jetzt aus dem Hochschulen: Quant changed the whole approach of the British to fashion. Up until then 'fashion' was French and for the rich and frivolous. English upper-class girls were expected to dress like their mothers, and only tarts and homosexuals wore clothes which reflected what they were. Sagt George Melly in Revolt into Style, nach vierzig Jahren immer noch eins der besten Bücher über die Zeit.

Dass sich englische Kunsthochschulen und Kunstgewerbeschulen ernsthaft mit der Mode beschäftigten, ist in nicht kleinen Teilen das Verdienst von Muriel Pemberton gewesen. Die neben ihrem Kunststudium in den dreißiger Jahren für das Modehaus ➱Reville-Terry gearbeitet hatte und die immer dafür eingetreten war, dass man fashion als Fach studieren konnte. Weshalb sie nun keinen Wikipedia Artikel hat, verstehe ich wirklich nicht. Ich kann jetzt nur auf diesen ➱Nachruf und diese persönliche ➱Erinnerung von Lou Taylor verweisen. ➱Lou Taylor hat zusammen mit Elizabeth Wilson 1989 das vorzügliche Begleitbuch zu der BBC Serie Through the Looking Glass: A History of Dress from 1860 to the Present Day geschrieben. Ich vermute mal, dass alle substantiellen Teile des Buches von Lou Taylor sind, Elizabeth Wilson hat dann ihre feministische Theoriesoße über das Ganze gekippt. Lou Taylor hat in der Textilindustrie gearbeitet bevor sie eine Anstellung in der Kostümabteilung des Royal Scottish Museum fand, zuvor hatte sie natürlich noch Mode an der St. Martin’s School of Art studiert (wenn Sie sich durch die Liste der Absolventen klicken, haben Sie ein Panorama von Künstlern und Designern, das von Anita Pallenberg bis John Galliano reicht). Elizabeth Wilson hat von all dem keine Ahnung, aber sie hat ihre Theorie. Das sind mir die liebsten.

Mary Quant hatte am Goldsmiths College studiert, ihre Konkurrenten in der Modeszene wie Marion Foale und Sally Tuffin (die den Look erfanden, den später Laura Ashley vermarktete) kamen auch von Kunsthochschulen (nur Jean Muir hatte nicht studiert). Mary Quant hatte bei Alexander Plunket Green, den sie an der Hochschule kennengelernt hatte, im Bazaar als Einkäuferin angefangen (und ihn auch gleich geheiratet); wenig später kamen ihre ersten Kollektionen auf den Markt. Alexander Plunket Green, ein großer Dandy mit eleganten Manieren, besaß einen upper class background, was dem jungen Ehepaar alle Türen des Chelsea Sets öffnete. Aber gleichzeitig hatte der Dandy Plunket Green diese Épater la bourgeoisie-Attitüde, die ihn dazu prädestinierte, zusammen mit seiner Ehefrau eine andere Mode als Hartnell oder Amies zu machen. Mary Quant war nicht die Einzige, die damals fetzige Mode machte, Barbara Hulanicki war mit Boutique ➱Biba vielleicht noch berühmter. Was nur daran lag, dass sie zwar das gleiche machte wie Quant, aber viel billiger war.

Irgendwie vermisse ich diese Zeit mit den kurzen, schnellen Halbwertzeiten preiswerter, fetziger Mode. Savile Row Anzüge und Jermyn Street Hemden sind ja schön und gut, aber damals stand einem der Sinn nicht nach sartorialer Ewigkeit. Und so denke ich mit liebevoller Erinnerung an eine Vielzahl von schlimmen, aber für einen Augenblick hochmodischen, Teilen wie das quietschegrüne Hemd aus der Carnaby Street zurück.


Zwischen dem Bild von Barbara Goalen als aristokratisch arroganter Lady und den mit geheuchelter Unschuld posierenden androgynen Kindfrauen wie Twiggy scheint ein halbes Jahrhundert zu liegen - es sind aber nicht einmal zehn Jahre. Mit Mary Quant hat die englische Mode - man verzeihe mir das Wortspiel - einen Quantensprung vollzogen, von nun an wird alles in der Mode schneller und schneller. Ein halbes Jahrhundert nach Alison Settles Frage London: Can it Become a World Fashion Centre? verschickte Amy de la Haye, die gerade die Ausstellung The Cutting Edge: 50 Years of British Fashion, 1947-1997 für das ➱Victoria & Albert Museum kuratierte, einen Fragebogen an alle wichtigen englischen Modedesigner. Eine der Fragen lautete: How would you describe, in a few words, your style and position in the fashion market? Mary Quant antwortete kurz und faktisch: Mid to high price-range. The look: sport-chic. Fashions, undies, bags, belts, swimsuits, make-up (120 eye-colours, 101 lip colours, 8o nail colours). Skincare and Bodyline. Worte einer Unternehmerin, die es geschafft hat. Allerdings ist der Look, durch den sie berühmt wurde, beliebig reproduzierbar. Schon ➱Richard Lester betrachtet die androgynen Möchtegern-Jungfrauen in seinem Film The Knack sehr satirisch.

Sir Hardy Amies beantwortete übrigens die gleiche Frage mit dem Satz: The one remaining truly couture house in Great Britain. Mary Quant und all die Designerinnen und Designer des Swinging London bedeuteten zwar den Erfolg Londons als Modestadt, aber sie waren auch das Ende der englischen Lady, das Ende von clothes which have social confidence (Alison Settle). Und so gibt es hier, aus reiner Nostalgie, noch ein Photo von Barbara Goalen.

Freitag, 10. Februar 2012

Edgar Wallace



Trying to assess Wallace’s work in literary terms would be as pointless as applying sculptural evaluation to a load of gravel, hat Colin Watson in seinem Buch Snobbery with Violence über Edgar Wallace geschrieben. Ein klein wenig fies ist das schon. Was hätte Wallace über die Romane seines Kollegen Watson gesagt? Ein klein wenig interessanter als a load of gravel ist Edgar Wallace doch. Immerhin hat kein Geringerer als George Orwell über ihn gesagt: It would be interesting and I believe valuable to work out the underlying beliefs and general imaginative background of a writer like Edgar Wallace. Orwell schrieb das in einem Brief an Geoffrey Gorer und fügte dem Satz noch hinzu: But of course that's the kind of thing nobody will ever print. Doch das Genre, das soviel Ideologie transportieren kann, hat ihn nicht losgelassen, wenig später schrieb er seinen berühmten Essay ➱Raffles and Miss Blandish. In dem Edgar Wallace natürlich nicht fehlen durfte.

Edgar Wallace ist heute vor achtzig Jahren in Beverley Hills gestorben. Er war in Hollywood gewesen, weil er an dem Drehbuch von King Kong gearbeitet hatte. Obgleich das endgültige Drehbuch nicht sein Werk war, wird sein Name im Titel des Films genannt. Sein Leichnam wurde auf dem Luxusliner Berengaria nach England gebracht. Sein Sarg war in einem Salon aufgestellt, mit dem Union Jack, Blumen und Kränzen geschmückt. Als die Berengaria in Southampton einlief, hatte sie ihre Flagge auf Halbmast. Es war, als wäre ein König in seine Heimat zurückgekommen. Und ein König des Kriminalromans war er zu seinen Lebzeiten gewesen.

There is no end to any story, but here I will make the end of mine; for an autobiography should conclude at some decent interval from to-day. I shall be broke again and rich again; but broke or rich, I shall, if the Lord keeps me in good health, be grateful and happy for every new experience, for every novel aspect which the slow-moving circle of life presents to me. I have made many big friends and provoked a few little enmities, which will clear up someday. And I am here! Newspaper-boy, cabin-boy, soldier, journalist, writer--what next? Whatever it is, I'll bet it is interesting, hat er in seiner Autobiographie ➱Edgar Wallace by Himself geschrieben. Deren Erscheinen im Jahre 1932 er nicht mehr erlebt hat.

Newspaper-boy, cabin-boy, soldier, journalist, writer: das umreißt sein Leben. Eine einzige Horatio Alger Story, from rags to riches. Die Geschichte seines Lebens hat manche Parallelen mit dem Leben von Dickens. Allerdings hinterließ der bei seinem Tod mehr Geld als Wallace, der Multimillionär Edgar Wallace war pleite. Wenige Jahre nach seinem Tod erschien das erste Buch über ihn, Edgar Wallace: The Biography of a Phenomenon. Geschrieben von ➱Margaret Lane, die später den Earl of Huntingdon heiratete. Zuvor war sie mit Bryan Wallace, dem Sohn von Edgar Wallace verheiratet gewesen. Graham Greene, der Wallace einmal als eine lebende Buchfabrik bezeichnet hatte, schrieb damals staunend über das Buch von Margaret Lane: has there ever before been so literate a biography of a writer so completely outside the world of serious letters? Es bleibt bis heute ein wichtiges Buch, man kann es antiquarisch noch sehr billig finden.

Wir kennen Edgar Wallace in Deutschland ja meistens nur durch die Edgar Wallace Filme, die mit den Romanen häufig wenig zu tun haben. Über die schreibe ich gerne ein anderes Mal, ich bleibe heute einmal bei den Romanen. Die bei uns ja meist in der Version des Goldmann Verlags verbreitet sind, diese roten Cover hat sicherlich jeder schon einmal gesehen. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der einen Edgar Wallace auf Englisch las. Nicht dass ich behaupten wollte, dass es große Literatur sei, aber wenn man sich ernsthaft mit Wallace beschäftigen wollte, sollte man ihn schon im Original lesen (auf dieser ➱Seite gibt es eine ganze Menge Wallace). Die deutschen Übersetzungen sind ein trauriges Kapitel. Wilhelm Goldmann hat nie vernünftige Honorare an seine Übersetzer bezahlt, ich kann das so apodiktisch sagen, weil ich Leute kenne, die früher mal für Goldmann übersetzt habe (und weil ich Wilhelm Goldmann einmal kennengelernt habe).

Die ersten Übersetzungen der Romane von Wallace sind schon sehr alt, weil Wallace schon seit den zwanziger Jahren ein Goldmann Autor ist. Der junge Verleger Wilhelm Goldmann war von den Afrika-Erzählungen wie Sanders of the River begeistert, die er 1925 herausbrachte. Die Krimis folgten wenig später. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Goldmann viele Romane neu übersetzen oder bearbeiten lassen, Ende der sechziger Jahre gab es einen Schub von Neuübersetzungen. Da enthielten die Romane dann auch zum ersten Mal die Namen der Übersetzer, wie Gregor Müller oder Tony Westermayr (der auch Dick Francis und manche Star Wars Romane übersetzt hatte). Gleichzeitig scheinen aber bei Billiganbietern alte Lizenzausgaben mit immer wieder nachgedruckten Druckfehlern aus der Vorkriegszeit im Handel zu sein.

Was Edgar Wallace schreibt, ist zweifellos formula fiction, aber er hat seine eigene Erfolgsformel. Eine spannende Handlung, in die eine Vielzahl von verwirrenden Nebenhandlungen eingebaut sind: Inside the frame of the principal mystery, minor mysteries, slighty overlapping are started like harses and pursued for a short distance, each new problem being set immediately before the solution of its predecessor. Häufig verliert man als Leser den Überblick über die Personen. Der Autor auch, das kommt davon, wenn man einen Roman an einem Wochenende schreibt.

Eine der Neuerungen von Wallace für den englischen Kriminalroman ist die Einführung eines love interest, etwas, was der "reine" Detektivroman im Golden Age of the Detective Novel der zwanziger Jahre zu vermeiden versuchte. Der war inzwischen nicht mehr so ein schöner viktorianischer Gesellschaftsroman wie Wilkie Collins' The Moonstone, sondern war zu einer etwas blutleeren Form eines Kreuzworträtsels in Romanform verkommen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass das Kreuzworträtsel in der gleichen Zeit entsteht, in der die orthodox detective novel ihren Höhepunkt hat.

Bei Edgar Wallace lernt der Held (meist ein Beamter im Dienst ihrer Majestät, kaum jemals ein Privatdetektiv) schon am Anfang eine stereotyp schöne junge Frau kennen: A beautiful girl, sometimes of independent means, more usually a secretary, who always in the course of the story turns out to be deeply though innocently involved in a financial plot and therefore the object of the villain's machinations. She is always partly responsible for the solving of the mystery, and rarely escapes being locked in an attic or a dungeon with a homicidal monster. Knapper als Margaret Lane das hier tut, kann man die Rolle der Heldin nicht beschreiben. Wenn eine Sekretärin am Ende des Romans eine Millionenerbin ist, wird das die weibliche Leserschaft von Edgar Wallace in den finanziell unsicheren zwanziger Jahren sicher getröstet haben.

Es verfehlt seine Wirkung offensichtlich nicht. So nannte der ansonsten immer kritische Willy Haas in der Literarischen Welt 1929 Wallace zwar einen sich selbst vernichtenden Kolportageschmierer und skrupellosen Geldjäger - aber eben doch ein mythisches Genie, das buchstäblich nur stundenweise zu sich selbst kam und zu seinem Genie, bekannte aber gleichzeitig, dass er die Romane mit der Autosuggestion lese, es handle sich um Parodien. Dennoch, wenn ich einmal drin stecke, kann ich nicht mehr aufhören. Von wie tief muss eine Wirkung kommen, die sogar ungefährdet die Schwelle der unfreiwilligen Lächerlichkeit überschreitet?

Ich lasse das mal so stehen, ich könnte jetzt tagelang weiter schreiben. Aber das lasse ich lieber, sonst werde ich noch wie Edgar Wallace. Und Willy Haas hat natürlich Recht. Ich habe mir, bevor ich dies hier schrieb, einige Edgar Wallace Romane aus einem Bücherschrank genommen. Und was ist passiert? Ohne es wirklich zu wollen, habe ich ratzfatz zwei Stück gelesen. Als ich noch studierte, fuhr ich an einem Tag der Woche immer in der Straßenbahn, in dem der Professor für Archäologie saß, dessen Vorlesung ich wenig später hören würde. Er sah ein wenig aus wie Richard Wagner, weil er ein schwarzes Barrett und einen weitwehenden Mantel trug. Er nutzte die letzten Semester vor seiner Emeritierung dazu, mit seinen wissenschaftlichen Feinden in seiner Vorlesung öffentlich abzurechnen. Die Vorlesungen gingen immer über rotfigurige attische Tonvasen, über die habe ich in mehreren Semestern erstaunlich viel nutzloses Wissen angesammelt. Und was las der Fachmann für rotfigurige attische Tonvasen in der Straßenbahn? Ich traute damals meinen Augen kaum: jeder Woche Edgar Wallace! Diese billigen roten Goldmann Paperbacks. Damals fand ich das furchtbar daneben, aber inzwischen glaube ich mit Willy Haas, dass Edgar Wallace ein Geheimtipp für Connoisseurs ist.