Samstag, 4. Juli 2015

Go ask Alice


Eine nette Leserin aus Dänemark schickte mir eine Mail, in der darauf hingewiesen wurde, dass Lewis Carrolls Alice in diesem Jahr den hundertfünfzigsten Geburtstag feiert. Ich machte mir einen Entwurf, der den Titel hatte Alice 26 November 1865 (das war das Datum der Erstausgabe des Macmillan Verlags) und dachte mir, dass das Ganze ja noch weit hin sei. In den Entwurf wanderten auch diese Zeilen:

One pill makes you larger, and one pill makes you small
And the ones that mother gives you, don't do anything at all

Go ask Alice, when she's ten feet tall

And if you go chasing rabbits, and you know you're going to fall
Tell 'em a hookah-smoking caterpillar has given you the call

And call Alice, when she was just small

When the men on the chessboard get up and tell you where to go
And you've just had some kind of mushroom, and your mind is moving low

Go ask Alice, I think she'll know

When logic and proportion have fallen sloppy dead
And the white knight is talking backwards
And the red queen's off with her head
Remember what the dormouse said
Feed your head, feed your head

Erinnern Sie sich noch daran? Ging einem nicht mehr aus dem Kopf, Grace Slick und Velvet Underground. Bis heute nicht vergessen. Es war damals die Zeit der Drogen, die angeblich das Bewusstsein erweiterten. Was zuerst eine Sache für die Dichter gewesen war - ich denke da an Henri Michaux (der mit Meskalin experimentierte) und Aldous Huxley - war jetzt etwas für jedermann. Ich kann da nicht mitreden, ich lehnte dankend jeden angebotenen Joint ab. Pfeifentabak und Whisky reichten mir. Einen kleinen psychedelischen Trip hatte ich aber doch einmal. Mein Hausarzt, ein Freund meiner Eltern, hatte mir Butazolydin wegen einer Sportverletzung verschrieben. Es gab keinen Beipackzettel, die Ärzte behandelten ihre Familien damals untereinander kostenlos. Und meistens mit Warenproben. Ich konnte also nicht lesen, dass man zu diesem Zeug keinen Whisky trinken sollte. Ich sah nur noch rotierende gelbe Kreise, Pizzascheiben des Teufels. Irgendwie fallen mir dazu immer ➱Noel Harrisons The Windmills of Your Mind und Grace Slicks ➱Bolero White Rabbit ein.

Ich glaube, dass das Butazolydin heute nur noch bei Pferden verwendet wird, macht aus lahmen Gäulen Rennpferde. Ich habe einmal gelesen, dass Prince Philip es aus dem Pferdestall entwendete, um seine gichtigen Finger damit zu kurieren. Ich weiß nicht, ob er auch Whisky dazu getrunken hat. Meine persönlichen LSD Geschichten sind hier auch schon zu Ende. Bis auf diesen kleinen Zettel, den mir unser witziger amerikanischer Lektor Jack Daugherty einmal vor Jahrzehnten zusteckte. National LSD Day: Mind, how you go! steht darauf, ich habe den Zettel noch immer. Ich nehme an, Jack wollte mich testen, denn der kleine Zettel war in Wirklichkeit ein Gedicht. National LSD Day war der Titel, Mind, how you go! die einzige Gedichtzeile. Man beachte bitte das Komma zwischen mind und how - das war der Gag dieses Einzeilers, den Roger McGough geschrieben hatte. Der Dichter aus Liverpool ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden, lesen Sie doch einmal die Posts ➱Kathedralen, ➱Pilzköpfe und ➱Delmore Schwartz.

Aber kommen wir zu der kleinen Alice: 'Begin at the beginning,' the King said gravely, 'and go on till you come to the end: then stop.' Ich werde beim Ende aufhören, es wird Ihnen nicht gefallen. Und ich habe das One pill makes you larger, and one pill makes you small von Grace Slick nicht vergessen: and she had never forgotten that, if you drink much from a bottle marked "poison," it is almost certain to disagree with you, sooner or later. However, this bottle was not marked " poison" so Alice ventured to taste it and finding it very nice, (it had, in fact, a sort of mixed flavor of cherry-tart, custard, pine-apple, roast turkey, toffy, and hot buttered toast,) she very soon finished it off. "What a curious feeling ! " said Alice, " I must be shutting up like a telescope." And so it was indeed: she was now only ten inches high, and her face brightened up at the thought that she was now the right size for going through the little door into that lovely garden. 

Am 4. Juli 1862 unternahm der Mathematiker und Theologe Lutwidge Dodgson mit seinem Freund, dem Theologen Robinson Duckworth, und drei kleinen Mädchen namens Lorina Charlotte, Alice und Edith Liddell eine Bootspartie auf der Themse. Von Oxford nach Godstow, wenige Kilometer. Der Himmel war bedeckt, aber Jahrezehnte danach erinnerten sich alle an einen golden afternoon. Der Nachmittag war die Geburtsstunde von Alice's Adventures in Wonderland, weil Dodgson anfing, den Gören etwas zu erzählen.

Bootsfahrten mit einem ➱Ruderboot auf Englands Flüssen haben schon allerlei englische Literatur hervorgebracht: Three Men in a Boat von Jerome K. Jerome, The Wind in the Willows von Kenneth Grahame oder Five on a Treasure Island von Enid Blyton. Diese kleine Bootstour der beiden unverheirateten Theologen mit den drei minderjährigen Mädchen bringt uns drei Jahre später (rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft von 1865) das Buch des einen der beiden Ruderer, der sich nun Lewis Carroll nennt. Und die Bootsfahrt auch in einem Gedicht verewigt hat:

A boat beneath a sunny sky,
Lingering onward dreamily
In an evening of July--

Children three that nestle near,
Eager eye and willing ear,
Pleased a simple tale to hear--

Long has paled that sunny sky:
Echoes fade and memories die.
Autumn frosts have slain July.

Still she haunts me, phantomwise,
Alice moving under skies
Never seen by waking eyes.

Children yet, the tale to hear,
Eager eye and willing ear,
Lovingly shall nestle near.

In a Wonderland they lie,
Dreaming as the days go by,
Dreaming as the summers die:

Ever drifting down the stream--
Lingering in the golden gleam--
Life, what is it but a dream?

Wenn Sie genau hinschauen ist es ein Akrostichon, die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse ergeben den Namen Alice Pleasance Liddell. Chief Inspector Morse (der ➱hier einen Post hat) hätte seine Freude an so etwas gehabt. Allerdings finden sich in der gesamten Serie nur zweimal Anspielungen auf Alice in Wonderland, in Cherubim & Seraphim und Driven to Distraction. In der ➱Serie Lewis spielt das Werk von Lewis Carroll in Allegory of Love und The Soul of Genius eine größere Rolle.

Die zehnjährige Alice Liddell möchte nach diesem Nachmittag die Geschichte, die Dodgson erzählte, aufgeschrieben haben. Es wird eins der berühmtesten Kinderbücher aller Zeiten. Aber ist es wirklich ein Kinderbuch? Für Lutvidge Dodgson ist es beinahe ein religiöses Buch, so sagt er in seinem ➱VorwortThose for whom a child's mind is a sealed book, and who see no divinity in a child's smile, would read such words in vain: while for any one that has ever loved one true child, no words are needed. 

For he will have known the awe that falls on one in the presence of a spirit fresh from GOD's hands, on whom no shadow of sin, and but the outermost fringe of the shadow of sorrow, has yet fallen: he will have felt the bitter contrast between the haunting selfishness that spoils his best deeds and the life that is but an overflowing love--for I think a child's first attitude to the world is a simple love for all living things: and he will have learned that the best work a man can do is when he works for love's sake only, with no thought of name, or gain, or earthly reward.

Die Zeichnung von E. Gertrude Thomson (oben) zu seinen Three Sunsets and Other Poems von 1898 hat Dodgson sicher gefallen, zeigt sie doch perfekt dieses verlogene süßliche Kinderbild der Viktorianer. Dodgson schrieb damals an Getrude Thomson: I confess I do not admire naked boys in pictures. They always seem... to need clothes, whereas one hardly sees why the lovely forms of girls should ever be covered up. Deshalb hat er die Schwester von Alice auch genau so photographiert. Man weiß nicht ganz genau, ob das Photo, das man unlängst in einem französischen Museum fand, wirklich echt ist, aber es spricht vieles dafür. Feed your head.

Darf man ein Kind so photographieren, wie Dodgson das 1858 tut?... watch the way she measures a man with agile studio eyes, with dimpled depravity. Adult emotions of love and grief glissade across the mask of childhood, a childhood that is only skin-deep. It is clever, but it cannot last. Her admirers – middle-aged men and clergymen – respond to her dubious coquetry, to the sight of her well-shaped and desirable little body, packed with enormous vitality, only because the safety curtain of story and dialogue drops between their intelligence and their desire. Das schreibt kein Kommentator dieses lasziven Photos, das schreibt Graham Greene über Shirley Temple.

Die Filmkritik durfte nicht gedruckt werden (lesen Sie ➱hier mehr dazu), Graham Greene verlässt sicherheitshalber das Land. Der Lord Chief Justice sagt am Ende der Verhandlung: This libel is simply a gross outrage, and I will take to see that suitable attention is directed to it. So etwas darf nicht sein. Shirley Temple als inszeniertes Sexobjekt schon, aber man darf es nicht sagen. Von den viktorianischen Gemälden mit nackten Frauen eines ➱William Etty, den Photographien von Lewis Carroll, der Werbung von ➱Pears Soap (Bild) bis zu ➱Christine Keeler versuchen die Engländer immer einen Schein von Anständigkeit für ihre Schmuddelphantasien zu wahren.

Der Sommer des Jahres 1862 bringt noch ein weiteres literarisches Produkt unseres Oxford Mathematikers hervor, nämlich den Song über Miss Arabella Jones:

'Tis a melancholy song and it will not keep you long,
Tho I specs it will work upon your feelings very strong,
For the agonising moans of Miss Arabella Jones
Were warranted to melt the hearts of any paving stones.
Simon Smith was tall and slim, and she doted upon him,

Die Engländer haben den Nonsens als Literaturgattung etabliert, neben Lewis Carroll ist da noch Edward Lear, der einst der jungen Königin Victoria Zeichenunterricht gegeben hat. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Denn die tiefere Bedeutung hat Alice's Adventures in Wonderland durchaus, hinter beinahe allem steckt eine andere Bedeutung, Wortspiele, Parodien, ein philosophischer Scherz. Wenn man die Annotated Alice von Martin Gardner (die Alice's Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass mit den originalen Illustrationen von John Tenniel enthält) liest, kommt man bei dem extensiven Nebentext der Fußnoten kaum noch zur Lektüre des Originals. Mind, where you go.

Im Jahre 1921schrieb der englische Schriftsteller J.B. Priestley: Alice in Wonderland and Through the Looking-Glass are, I understand, to be published for the first time in German. When I first learned this important fact, it surprised me for a moment, for I had thought that both these classics had by this time passed into all civilized tongues; but after some little reflection, I soon realized that if they had been popular in Germany, we should have known about it. It is not difficult to imagine what will happen when the Alice books are well known there, for we know what happened to Shakespeare. A cloud of commentators will gather, and a thousand solemn Teutons will sit down to write huge volumes of comment and criticism; they will contrast and compare the characters (there will even be a short chapter on Bill the Lizard), and will offer numerous conflicting interpretations of the jokes. After that, Freud and Jung and their followers will inevitably arrive upon the scene, and they will give us appalling volumes on Sexualtheorie of Alice in Wonderland, on the Assoziationsfähigkeit und Assoziationsstudien of Jabberwocky, on the inner meaning of the conflict between Tweedledum and Tweedledee from the psychoanalytische und psychopathologische points of view. Das wird alles kommen, da kennt Priestley den deutschen faustischen Geist, der alles ergründen will, schon recht gut. Ich mache mir das mit der Rezeption des Werkes einfach und verweise auf das Buch Lewis Carroll - Alice in Wonderland and Through the Looking- Glass von Eberhard Kreutzer. Da steht alles drin, was man wissen will.

Wenn Lutwidge Dodgson am 4. Juli 1862 im Boot die Geschichte von der kleinen Alice erzählt, die sich langweilte - so wie Alice Liddell sich gerade langweilt - dann heißt das nicht, dass er das ganze Buch schon im Kopf hat. Er wird drei Jahre dafür brauchen. Aber das Konzept zu dem Ganzen, das gewinnt er während einer Eisenbahnfahrt nach London. Er wollte die Weltausstellung mit ihrer Wunderwelt besuchen. Er liebte die Eisenbahn. Schon als Elfjähriger hatte er für seine Geschwister ein Eisenbahnspiel ersonnen, das von seinen vielen Geschwistern nach den von ihm festgelegten Regeln gespielt wurde (das Manuskript dazu liegt heute in Harvard). Es ist immer Lutvidge, der die Regeln festlegt, nach denen die Kinder spielen. So beherrscht er sie. Wie er Alice mit seinen Erzählungen beherrschen will - der Zauberer, der Kinder fängt.

Aber, um einen ➱Filmtitel der fünfziger Jahre zu zitieren, sie tanzte nur einen Sommer, da brach der Dean von Christ Church Henry George Liddell die Beziehungen zu Dodgson ab. Hatte er die pädophilen Gelüste seines theologischen Kollegen erraten? Wir werden es nie erfahren, die Erben von Dodgson haben alle Seiten seines Tagebuchs aus dieser Zeit vernichtet. Wir wissen auch, dass Alices Mutter alle Briefe von Dodgson an die kleine Alice beseitigt hat.

I charm in vain; for never again,
All keenly as my glance I bend,
Will Memory, goddess coy,
Embody for my joy
Departed days, nor let me gaze
On thee, my fairy friend!


Was immer geschehen ist, die Katze lässt das Mausen nicht. Seit Ende der 1860er Jahre baut er sein Photostudio in seinem College aus, er legt auch Listen seiner Opfer an. Einhundert und sieben Namen stehen darin. Don Giovanni hatte ein wenig mehr: Ma in Ispagna son già mille e tre, aber das waren richtige Frauen, keine Kinder. 1867 macht Dodgson seine erste Nacktaufnahme: Mrs. L. brought Beatrice, and I took a photograph of the two; and several of Beatrice alone, 'sans habilement [sic ]. Beatrice ist Beatrice Hatch, die jetzt sein bevorzugtes Modell wird. Und dann ist da noch ihre Schwester Evelyn, von der er dieses schöne, geschmackvolle Photo macht.

An seine kleine Freundin Alice schreibt er, als die heiratet: I have had scores of child-friends since your time: but they have been quite a different thing. Alice nahm übrigens, und das ist sicher sehr englisch, einen ➱Cricketspieler zum Mann. Als ihr drittes Kind geboren wurde (hier Alice Hargreaves mit einer Enkelin), bat sie Dodgson, der Taufpate zu sein. Er lehnte ab. Sie nannte ihren Sohn Caryl, das klingt doch beinahe wie Carroll.

Mabel Amy Burton, die er 1877 als Achtjährige kennenlernte, erinnerte sich As a small child I much disliked strangers, but the personality of this gentleman attracted me and I chatted away with him quite freely. Sie sprach nach seinem Tod von einem irreparable loss in the hearts of many who had been his child-friends. Der irreparable Schaden ist noch größer. Vielleicht sollte man Alice in Wonderland  in Malice in Wonderland umbenennen. Auf den Gag war Dodgson selbst auch schon gekommen, so schreibt er 1867 in einem Brief an Agnes Argyle: Dear Miss Dolly, I have a message for you from a friend of mine, Mr. Lewis Carroll, who is a queer sort of creature, rather too fond of talking nonsense. He told me you had once asked him to write another book like one you had read - I forget the name - I think it was about “Malice.” 2015 ist nicht nur das Jahr von 150 Jahren Alice, es ist auch das Jahr, in dem dieses Photo vom Reverend Charles Lutwidge Dodgson und der kleinen Alice auftauchte. Muss man noch mehr sagen? Mind, where you go.

Donnerstag, 2. Juli 2015

Maurice de Saxe


Die Schlacht bei Lauffeldt (bei Maastricht) vom 2. Juli 1747 wurde von Österreichern, Holländern, Briten und Hannoveranern auf der einen Seite und den Franzosen auf der anderen Seite geführt. Die Franzosen unter Maurice de Saxe (hier ein Portrait von Quentin de la Tour) siegten. Es war ein Pyrrhussieg mit schrecklichen Verlusten, aber es war ein Sieg. Unter dem Grafen aus Sachsen werden die Franzosen immer siegen, er wird als Feldherr unbesiegt sein. Er ist für Frankreich so etwas, was Marlborough für die Engländer ist.

Aber Marlborough ist tot, die Engländer schicken jetzt den Duke of Cumberland (der Sohn von George II) in den europäischen Krieg, der vom Großen Nordischen Krieg bis zum Bayrischen Erbfolgekrieg das 18. Jahrhundert durchzieht. Cumberland ist hier im Blog schon mehrfach erwähnt worden. Zum Beispiel in dem Post über den Maler ➱George Stubbs. Oder, kaum volljährig,  als Generalmajor in der Schlacht von ➱Dettingen. Oder als Butcher Cumberland, der Mann, der die Schotten bei Culloden besiegte, in den Posts ➱Bonnie Prince Charlie, ➱Tartan. Er schafft es heute noch leicht und locker auf die Liste der bestgehassten Briten. Auf einer Liste der unfähigsten Generäle aller Zeiten ist er bestimmt auch.

In Lauffeldt (das die Engländer Lawfeld nennen) kann er gerade noch entkommen, weil General Ligonier (auf den William August dummerweise während der ganzen Schlacht nicht gehört hat) mit seiner Kavallerie vorprescht. Jean Louis Ligonier (hier von Reynolds gemalt) wird Gefangener der Franzosen. Am Abend der Schlacht speist er am Tisch von Louis XV, man ist sehr höflich zueinander in dieser Zeit der Kabinettskriege, Ligonier, der jetzt Sir John Ligonier ist, freundet sich mit Maurice an, wenige Tage später ist er wieder frei.

Wenn wir uns dies Portrait von Reynolds anschauen, dann sieht unser Wilhelm August auch nicht besonders intelligent aus. Kein Vergleich mit dem wachen Blick von Moritz von Sachsen, der den schönen Künsten zugetan und mit Voltaire befreundet war (aber nie richtig Französisch lernte und eine seltsame Orthographie pflegte). Und der auch der Liebhaber der Schauspielerin Adrienne Lecouvreur war. Ich weiß, dass Sie jetzt unbedingt Maria Callas in Adriana Lecouvreur mit dem Ecco, respiro appena... Io son l'umile ancella hören wollen. Klicken Sie bitte ➱hier. Bei der Uraufführung von Cileas Oper im Jahre 1902 wurde der Part von Maurizio, Conte di Sassonia, übrigens von ➱Enrico Caruso gesungen.

Es ist schade, dass die Mutter von Maurice, die Gräfin Aurora von Königsmarck (die Voltaire als die berühmteste Frau zweier Jahrhunderte bezeichnete), den Erfolg ihres Sohnes gegen die Engländer nicht mehr erlebt hat. Ihr Hass gegen die Hannoveraner auf Englands Thron saß tief. Was verständlich ist: der Georg, der eines Tages George I von England sein wird, hatte ihren Bruder umbringen lassen. Weil dieser Philipp Christoph Graf von Königsmarck ein Verhältnis mit seiner Gemahlin hatte. Der Schwede in hannöverschen Diensten hatte geahnt, was ihm bevorstand, hatte er doch in einem seiner Liebesbriefe an Sophie einmal die Verse von Benjamin Neukirch zitiert:

Ich habe zu lieben gewagt,
ich nur hätte verehren dürfen.

Also liebe ich mein Verderben
und hege ein Feuer in meiner Brust,
woran zuletzt ich sterben muss.
Mein Untergang
ist mir gar wohl bewusst.


Sie können mehr zu dieser Geschichte in ➱Arno Schmidts Roman Das kalte Herz oder in Jays Post ➱Hannover lesen. Die Hannoveraner werden ihrem schlechten Ruf, den ihnen auch Thackeray in The Four Georges bescheinigt, immer wieder gerecht: George I, William August der Duke of Cumberland, George IV und dann noch der Pinkel-Prinz Ernst August.

Moritz von Sachsen (hier im Portrait des Studios von Jean-Etienne Liotard) war der Sohn von August dem Starken. Er wurde in Frankreich Maréchal général des camps et armées du roi, ein Titel, den die Franzosen selten vergaben. Weshalb der Marschall Soult, der hier in ➱Kunstraub und ➱Nicolas Freeling auftaucht, diesen Titel bekam, weiß ich wirklich nicht. Maurice, der auch mit Les Reveries Ou Memoires Sur L'Art De La Guerre ein Werk über die Kriegskunst schrieb (hier im Volltext), war ein gebildeter Mann. Und ein französischer Held, dem der König zu seinen Lebzeiten das Schloss Chambord überließ. Als Voltaire den König von Preußen besuchte, musste er feststellen, dass ihm Friedrich die Räume zugewiesen hatte, die einst Maurice bewohnt hatte. Er war beschämt darüber, daß man ihm das Appartement, in dem ehedem der Marschall de Saxe wohnte, anwies. Ich weiß nicht, ob man einem schlichten Historiker das Gemach eines Helden geben sollte. Ich liebe diese Bescheidenheit, selbst wenn sie ein klein wenig geheuchelt ist.

Der Herzog von Cumberland hat keine der Qualitäten seines Gegners bei Lauffeldt. Lassen wir doch einmal eben Cumberlands Vater reden: »Es ist mein Sohn, der mich zu Grunde gerichtet und sich selbst beschimpft hat.« Der dies Wort sprach, war der alte, nahezu siebzigjährige Kurfürst von Hannover und König von Großbritannien und Irland, Georg der Zweite, der Sieger von Dettingen, und sein Aufschrei fand einen zustimmenden Widerhall durch ganz Europa, vom Felsen Kalpe bis nach Asien hinein, und jenseits des Atlantischen Ozeans bis tief in die amerikanischen Urwälder.
      Wieder einmal war ein unbekannter Ort zu einem Namen in der Weltgeschichte gekommen, diesmal zu einem übelberüchtigten. Dieser Ort hieß Kloster Zeven in der Landdrostei Stade, der aber, welcher hier seinen Lorbeeren von Fontenoy, Lawfeld und Hastenbeck die Schleife anflocht und dadurch dem greisen Vater das gramvolle Gesicht in die Hände niederdrückte, hieß William Augustus, Duke of Cumberland, der Metzger Cumberland – butcher Cumberland, wie ihn die Schotten nach seinem einzigen Siegesfelde bei Culloden nannten. Und wie Schottland ihm nachsang: »Mourn, hapless Caledonia, mourn!« so klang ihm jetzt ein anderer Jammerruf nach. Der aber lautete: »Weh, Niedersachsen, weh!« Aber es war doch ein anderes: das Schlächtermesser-Wetzen auf dem Feld bei Culloden und der Ritt, Degen in der Scheide und die Faust auf dem Federhute, vom Felde bei Hastenbeck.

Es ist natürlich Wilhelm Raabe, der das in seiner Erzählung Hastenbeck (die hier hier einen Post hat) sagen lässt. Der erste Satz ist wörtlich das, was George II zu seinem Gefolge sagt, wenn er seinen Sohn nach der schmählichen Niederlage in London sieht: Here is my son who has ruined me and disgraced himself, da hat Wilhelm Raabe seine Hausaufgaben gemacht, seine historischen Beschreibungen vom Krieg im ➱Weserbergland - ob hier oder in Das Odfeld - sind ziemlich korrekt. Der öffentlich gemaßregelte Generalleutnant Cumberland legt alle militärischen Ämter ab, den Titel eines Captain-General - den ➱Marlborough einst hatte - verliert er 1757. Er wird immer fetter werden, was ihn noch interessiert ist die Pferdezucht. Mit vierundvierzig Jahren ist er tot.

Der deutsche Wikipedia Artikel zu Moritz von Sachsen zitiert zwar alle möglichen Werke zum Leben des französischen Marschalls, erwähnt aber nicht das Buch von Jon Manchip White Marshal of France: The Life and Times of Maurice, Comte de Saxe, wie das der englische Wiki Artikel tut. Das Buch erschien 1962 bei Hamish Hamilton (der auch ➱Raymond Chandlers Verleger war), wurde umgehend in Deutsche übersetzt und erschien unter dem Titel Lorbeer und Rosen: Graf Moritz von Sachsen Maréchal de France bei Rainer Wunderlich in Tübingen. Zu dem Verlag, der 1913 in Bremen gegründet worden war, und seinem Verlagschef Hermann Leins können Sie in dem Post ➱Familiengeschichte mehr lesen. Lorbeer und Rosen von dem Waliser Jon Manchip White (der auch eine Episode zu Schirm, Charme und Melone schrieb) ist ein sehr gut geschriebenes Buch (nicht ohne sanfte Ironie und eine Prise Humor), das man nur empfehlen kann.

Maurice wird drei Jahre nach der Schlacht von Lauffeldt im Schloss Chambord sterben. Er war schon seit Jahren todkrank, schleppte sich mit dem von der Wassersucht geschwächten Körper von einer Schlacht zur nächsten. Als Voltaire ihn vor dem Flandernfeldzug fragte, ob er am Leben zu bleiben hoffe, antwortete ihm Maurice: Il ne s ' agit pas de vivre , il s ' agit de partir. 

Das klingt nun ein wenig nach Racines Bérénice, wo Titus sagt: Mais il ne s'agit plus de vivre, il faut régner. Maurice kannte das Stück gut, die Bérénice war eine der Lieblingsrollen von Adrienne Lecouvreur (Bild) gewesen. Er wird in seinem Testament seine Freunde fürstlich beschenken. Seinen Kammerdiener und seinen Pferdeknecht auch. Natürlich vergisst er Ludwig August von Dieskau nicht, der jetzt in Frankreich Jean-Armand Dieskau, Baron de Dieskau heißt. Der Sachse ist beinahe ein Vierteljahrhundert sein Stabsoffizier und Vertrauter gewesen. Er ist in diesem Blog schon in den Posts ➱Montcalm und ➱Edle Wilde aufgetreten. Und natürlich als entfernter Verwandter von Dietrich Fischer-Dieskau in ➱diesem Post.

Maurice wurde im protestantischen Straßburg begraben. Er war am Hofe seines Vaters protestantisch erzogen worden, aber die Religion war ihm ziemlich egal. Nur katholisch wollte er nicht sein, vielleicht bekam er von Louis deshalb nicht den Cordon Bleu des Ordre du Saint-Esprit. Für diejenigen, die den Begriff nur als ein mit Käse und Schinken gefülltes, paniertes Kalbsschnitzel kennen, sei mal eben gesagt, dass das blaue Band der höchste französische Ritterorden war. Maurice erhielt nach seinem Tode ein pompöses Grabmal von Jean-Baptiste Pigalle (nach dem später das Pariser Vergnügungsviertel benannt wurde).

Es ist ein Denkmal, das sich wie eine Szene aus einem Schauspiel vor uns entfaltet. Wir können seine Form- und Symbolsprache verstehen. Da schreitet Maurice, noch im Tode ein Sieger, die Stufen zum Sarg hinab. In den gesenkten Flaggen beinahe verborgen weint ein kleiner Armor, eine Symbolfigur, die bei seinen zahlreichen Liebschaften nicht fehlen durfte. Zu den Füßen des Feldherrn krümmen und winden sich die Wappentiere der besiegten Reiche: der österreichische Adler, der holländische Löwe, der englische Leopard. Und eine vollbusige Marianne will voller Verzweiflung den Tod mit seinem Stundenglas aufhalten, den Sarg zu öffnen, an dem ein verzweifelter Herkules (Symbol für Maurices unbändige Kraft) steht.

Der Herzog von Cumberland hat auch ein Denkmal, nicht diesen ➱Grabstein, der 1765 als Karikatur erschien. Nein, ein richtiges Reiterdenkmal. Auf jeden Fall hatte er eins bis zum Jahre 1868, aber dann war die Stadtverwaltung es leid, dass der königliche Feldherr immer wieder beschmutzt und beschmiert wurde. Man baute das Denkmal einfach ab, ließ aber den Sockel aus dem Jahre 1770 stehen. Was dann plötzlich im Jahre 2012 auf dem Sockel stand, war eine ➱Nachbildung des Originals (hier bei der Herstellung).

Die aber - und das ist nun wirklich witzig - aus parfümierter Seife von der Firma Lush (ökologisch einwandfrei) ist. Der Scotsman titelte umgehend: Perfumed effigy of ‘Butcher’ Duke raises a stink in the Highlands. Ja, da oben in Schottland hat man Culloden nie vergessen. Inzwischen wird sich William August wohl schon zerlegt haben, sic transit gloria mundi. Denkmäler aus Seife, darauf hätte man mal früher kommen sollen. Wir merken uns einmal den Namen der Künstlerin Meekyoung Shin. Falls mal ein Denkmal für jemanden mit zweifelhaftem Ruhm gebraucht wird.



Mittwoch, 1. Juli 2015

Rochambeau


Der Comte de Rochambeau wurde heute vor 290 Jahren geboren. Er war ➱Washingtons Waffenbruder im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Die beiden Herren haben sich sehr gut verstanden, obwohl Rochambeau kein Englisch und Washington kein Französisch konnte. Der französische Edelmann, der das Glück hatte, in der Schreckensherrschaft nicht unter die Guillotine zu kommen, ist schon häufig in diesem Blog erwähnt worden. Zum Beispiel in den Posts ➱Nathanael Greene, ➱James Gillray, ➱Laon 1814, ➱Verbot und ➱Tettenborn. Rochambeau war Marschall von Frankreich - und wegen dieses Titels brauche ich ihn heute mal eben, um auf einen Post hinzuweisen, der morgen hier stehen wird. Der handelt auch von einem Marschall von Frankreich (unter dem Rochambeau einmal diente). Von einem Mord in Hannover, von leckerem Schnitzel, von der großen Mausefalle Pigalle und von englischer Seife. Ich wette, da kommen Sie nie drauf.

Wir haben heute eine Sekunde für unser Leben gewonnen. Ladies and Gentlemen, synchronize your watches. Und für diese Sekunde, vielleicht wird auch eine Minute draus, habe ich noch ein hübsches Gedicht von Charles Simic, das Watch Repair heißt:

A small wheel
Incandescent,
Shivering like
A pinned butterfly.

Hands thrown up
In all directions:
The crossroads
One arrives at
In a nightmare.

Higher than that
Number 12 presides
Like a beekeeper
Over the swarming honeycomb
Of the open watch.

Other wheels
That could fit
Inside a raindrop.

Tools
That must be splinters
Of arctic starlight.

Tiny golden mills
Grinding invisible
Coffee beans.

When the coffee’s boiling
Cautiously,
So it doesn’t burn us,
We raise it
To the lips
Of the nearest
Ear.

Montag, 29. Juni 2015

Bayreuth


Am 29. Juni 1951 wurden die ersten Richard Wagner Festspiele nach dem Krieg in Bayreuth feierlich eröffnet. Das musste offensichtlich sein. 1945 hätte man das wahrscheinlich nicht gewagt. Der Bundespräsident ➱Theodor Heuss, der nicht unbedingt zu den Wagner Freunden zählte, hatte irgendeinen Grund gefunden, um nicht zu kommen. Ich weiß, das Bild mit diesem Österreicher in Uniform passt jetzt nicht so richtig zu der festlichen Stimmung, aber welches Bild passt schon zu Bayreuth? Merkel mit großem Ausschnitt? Den lila Seidenzweiteiler (ohne großen Ausschnitt), den sie beim Besuch der ➱Queen trug, hat sie übrigens 2007 in Bayreuth (und 2010 noch mal in Salzburg) getragen. An dieser Sparsamkeit können sich die ➱Griechen mal ein Beispiel nehmen.

Die englische Königin hat offensichtlich keine so große Lust, den Maulwurfshügel in Bayreuth zu besuchen. Als sie vor fünfzig Jahren in Deutschland war, hat sie in München Richard Strauß' Oper Der Rosenkavalier gesehen. Fritz Wunderlich sang damals die Arie des italienischen Sängers Di Rigori Armato Il Seno (klicken Sie einmal ➱hier). Die Gesamtaufnahme der Oper gibt es bei Orfeo, der Kauf lohnt sich unbedingt. Es wird übrigens während der ganzen Oper so gut wie gar nicht geklatscht. Nur bei Wunderlichs Auftritt. Sie könnten sich natürlich auch ➱Anton Dermota anhören, der das auch sehr schön singt. Aber ➱Jonas Kaufmann lieber nicht.

Das typische Publikum in Bayreuth sieht nun mal so aus wie der Österreicher oben, wie Frau Merkel, wie Herr von und zu Guttenberg (der aus Bayreuth sogar einen Doktortitel bekam) oder wie dieses junge Paar - da kann man nichts machen. In Glyndebourne, wo sehr selten Wagner gespielt wird, sieht das Publikum etwas anders aus.

Erstaunlicherweise liebte John Christie, der Glyndebourne gründete, den Komponisten Richard Wagner. Sein Dirigent Fritz Busch, den die Nazis vertrieben, eigentlich auch. Der berichtet über ein Gespräch mit Göring: Ich sagte, dass ich keinem jüdischen Kollegen den Platz wegnehmen würde. – Göring: „Na, lieber Freund, wir haben ja auch Mittel in der Hand, Sie dazu zu zwingen!“ - „Versuchen Sie das nur“, platzte ich heraus. „An einem erzwungenen ‚Tannhäuser‘ unter meiner Leitung werden Sie keine Freude haben. So etwas Stinklangweiliges haben Sie in Ihrem Leben noch nicht gehört“.

Chiefinspector ➱Morse liebt auch Wagner. Und auch sein ehemaliger Sergeant, ➱Inspector Lewis, hat zur Musik gefunden. Will sogar einmal mit der schnuckeligen Dr Laura Hobson nach Glyndebourne. Aber da kommt ihm ein Mord dazwischen, ist wahrscheinlich besser so. Eigentlich ist das nicht seine Welt. Wer zur Welt von Bayreuth gehört, das wissen wir aus den bunten Klatschpostillen, die jedes Jahr von dem Promiauftrieb berichten. Wenn es nicht schon vorher etwas aus Bayreuth zu berichten gab. Bayreuth ohne Klatsch geht nicht. Ohne Skandale auch nicht. Noch vor Wochen hieß es, dass Eva Wagner-Pasquiers angeblich Hausverbot auf dem Hügel habe.

Ich bin übrigens nicht der einzige, der bei dem Namen Bayreuth die Assoziation Adolf Hitler hat. Ich las letztens in Perlen &Trüffel: Eine kleine Reise durch 25 Jahre Verlagsgeschichte (einem Sammelband über den Tiamat Verlag) etwas sehr Schönes von dem Holländer Harry Mulisch. Hat den Titel Faschistisches Kabuki in BayreuthIm August 1971 kam ich in Gesellschaft einiger Freunde zu den Festspielen. Ich fühlte mich wie ein Ethnologe, der ins Inland von Neuguinea gereist ist, um die letzten Überreste kannibalischer Rituale zu studieren. (…) Die achtzehnhundert Zuschauer wurden so still wie bei einer Totenfeier – mit dem Unterschied, daß es hier die Totschläger waren, die verstummten. Ich hätte gern gewußt, ob das Theater auch ausgereicht hätte, die Menschen zu fassen, die von den Anwesenden umgebracht worden waren. (…) Wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte, wäre es dort genauso gewesen, wie es jetzt ist – nur ohne mich und noch ein paar andere Menschen. Vielleicht sollte man dazu noch den Roman Das Attentat von Harry Mulisch lesen.

Aber hinweg mit diesen bösen Assoziationen, wo bleibt das Positive? Also so etwas Schönes wie dieses?

Heiajaheia! Heiajaheia!
Wallalallalala leiajahei!
Rheingold! Rheingold!
Leuchtende Lust, wie lachst du so hell und hehr!
Glühender Glanz entgleisset dir weihlich im Wag!
Heiajahei, Heiajaheia!
Wache, Freund, wache froh!
Wonnige Spiele spenden wir dir:
flimmert der Fluss, flammet die Flut,
umfliessen wir tauchend, tanzend und singend,
im seligen Bade dein Bett.
Rheingold! Rheingold!
Heiajaheia! Wallalaleia heiajahei!


Haben Sie schon einmal Das Rheingold gelesen? Sie hätten ➱hier die Chance dazu. Nackte glitschige Rheintöchter geben mir die Gelegenheit, das Bild von ➱Albert Pinkham Ryder mit dem Titel Siegfried and the Rhine Maidens abzubilden. Ryder hatte zwei Tage nicht geschlafen und nichts gegessen (I had been to hear the opera and went home about twelve o’clock and began this picture. I worked for forty-eight hours without sleep or food), als er dieses Bild malte. Das Bild findet sich auch - und das glaubt mir jetzt wohl niemand - auf der ➱Website von Rickie Lee Jones. Die Sängerin, die ➱hier einen Post hat, singt aber glücklicherweise keine Wagner Arien. Eigentlich hätte ich ein Bild von Parzival brauchen können, aber ich will mir ➱Wolfram von Eschenbachs Epos nicht mit den grauenhaft kitschigen Gemälden des 19. Jahrhunderts versauen. Wagners Parzifal ist ein sogenanntes Bühnenweihfestspiel, das nach Wagners Willen nur im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt werden soll. Auf Parzifal komme ich, weil ich mal eben das Bayreuth Erlebnis eines Zeitgenossen von Richard Wagner zitieren möchte, der am Abend des 28. Juli 1889 an seine Gattin in Berlin schreibt:

Es ist jetzt 9 Uhr, und wenn ich bedenke, daß frühestens nach abermals einer Stunde »Parsifal« zu Ende ist, so weiß ich nicht, wie ich diese Äonen innerhalb des Theaters hätte erleben wollen. Die Ouverture habe ich gehört und im Hinausgehen noch einen glimpse von der ersten Szene gehabt; dann bin ich langsam nach Hause geschlendert (ziemlich weit) und habe gelesen, dann bin ich in die Stadt gegangen und habe erst bei einem Konditor in der Nähe der großen Brücke (gegenüber der Kaserne) und dann bei dem vielgenannten Sammet zum zweiten Male Kaffee getrunken, weil ich doch ‘was tun mußte. Dann wieder nach Hause, wo ich zwei Briefe schrieb. Diese Briefe brachte ich zur Post und ging wieder eine halbe Stunde spazieren. Dann las ich, wieder zu Hause angekommen, eine ganze Stunde und habe eben auf meinem Zimmer mein Abendbrot und meinen Tee zu mir genommen und – Parsifal ist trotzdem noch lange nicht aus. Die 1.500, die heute drin waren, müssen wundervoll gesund sein, oder 750 davon haben nach drei Tagen – denn es regnet und ist hundekalt – Katarrh, Brechdurchfall, Magenerkältung und Rheumatismus. Der passionierte Mensch hält alles aus; ich meinerseits bin doch fast traurig, auf Reisen (und vielleicht auch sonst) immer ein Schwächling gewesen zu sein. [ . . . ] Jetzt ist es 9 Uhr 20, aber Parsifal spielt noch immer. Die Eßzelte sind im Freien; es muß einige Erfrorene geben, sonst ist keine Raison mehr in der Welt.

Aus Theodor Fontane wird nie ein richtiger Wagnerianer. Ich habe zum Schluss noch ein kleines Gedicht. Es stand ➱hier schon einmal, als ich über Erwin Rennert schrieb. Aber das macht nichts, das Gedicht Fafnir folgt dem Ruf nach Bayreuth ist immer noch gut:

Ich legendäres altes Biest
hiermit nun dem bekunde,
der diese Zeilen freundlich liest:
Mich juckt meine alte Wunde.
Sie stammt von Siegfrieds Ungebühr
(tat mich mein Leben kosten) -
nun winkt in Bayreuth mir dafür
ein krisenfester Posten.

Als ich Richard Wagner in das Suchfeld eingab, war ich überrascht, wie häufig er in diesem Blog erwähnt wird. Lesen Sie auch: ➱Richard Wagner, ➱bêtes noires, ➱Jacques Offenbach, ➱Liszt Ferencz, ➱Hochzeitsmarsch, ➱Hochzeitsvorbereitungen, ➱Stars and Stripes Forever, ➱Loreley, ➱Vincenzo Bellini, ➱Bulwer-Lytton, ➱Wolfsschlucht, ➱Catch-22

Ich lege heute natürlich keinen Wagner auf. Sondern ➱Mozarts Cosi fan Tutte, dirigiert von ➱Fritz Busch 1934 in Glyndebourne.

Sonntag, 28. Juni 2015

Wiener Leisten


Feinere Sorten kommen aus Wien, Paris und Großbritannien, schreibt das Deutsche Handels-Archiv im Jahre 1891. Die Rede ist von nach Deutschland importierten Schuhen. Der Satz ist vielleicht heute noch wahr. Eine Bedrohung für die feinen Schuhmacher sind am Ende der Belle Époque die großen Schuhfabriken wie Bally in der Schweiz oder Baťa im k.u.k. Österreich, die inzwischen schon alle ihre Produktion auf die amerikanischen ➱Goodyear Maschinen umgestellt haben. Ich schreibe heute wieder einmal über Schuhe, diesmal über die chaussures, die aus Budapest und Wien kommen. Die braucht ein Wiener unbedingt. Andere Herren von Welt vielleicht auch.

Das Plakat im oberen Absatz preist amerikanische Schuhe an. Waren die je eine Bedrohung für die europäischen? 1919 antwortet der Wiener ➱Adolf Loos auf die Frage Was halten sie von amerikanischen Schuhen? ganz entschieden: Nicht viel. "Amerikanische" schuhe werden nur im wilden westen und im wilden osten getragen. In New York tragen sie nur die dicken polizisten. (Ein amerikanischer policeman ist immer dick.) Östliche amerikaner und westliche europäer tragen dieselben schuhe; jene form, die ja auch von unseren besten schustern in Wien gearbeitet wird und die man seit jahren in den auslagen studieren kann. Seit vierzig jahren hat sich in der form nichts geändert. Und sie meinen doch die form. Sollten sie aber die amerikanische fabrikationsart meinen, dann kann ich nur antworten, daß unsere industrie derzeit nicht imstande ist, schuhe zu liefern, die so gut und bequem passen wie die amerikanischen. Dazu wäre zuerst die gleichförmige numerierung nach zahlen (länge) und buchstaben (breite) erforderlich. Englische Qualitätshersteller bieten heute noch verschiedene Leistenformen und verschiedene Breiten an (Amerikaner wie Alden auch), wo findet man das heute noch in Deutschland?

Bitte schreib mir, was Schuhe, — Herrenschuhe — jetzt in Wien kosten, schreibt der Schriftsteller Richard Beer-Hoffmann 1922 an seine Frau Paula. In Berlin findet er offensichtlich nicht, was er sucht. Der einst wohlhabende Autor ist durch Weltkrieg und Inflation verarmt, aber Wiener Schuhe müssen es sein. Ich habe vor Jahren mit Schmunzeln gelesen, dass ein Leser in seinem Blog gestand, alles von mir zu lesen - mit Ausnahme der Posts über Schuhe und Hemden. Aber seit ➱Roland Barthes gezeigt hat, dass man aus den kleinen Dingen des Alltags auch eine Kulturgeschichte herauslesen kann, finde ich es durchaus legitim, über Schuhe und Hemden zu schreiben. Was ist unserem Körper näher als Hemden und Schuhe?

Ein Budapester ist ein Schuh, der aus Budapest kommt. Viele assoziieren den Budapester mit diesem Lochmuster auf der Schuhoberseite, aber Fachleute meinen eher die Leistenform, wenn sie vom Budapester reden. Also zum Beispiel diesen kleinen Hubbel vorne, mit dem die Schuhspitze in einem rechten Winkel zur Sohle steht. Gibt dem Träger Platz, damit er mit den Zehen wackeln kann. Mehr über den Budapester können Sie in dem Wikipedia Artikel lesen. Ich glaube, Helge Sternke (der Verfasser von Alles über Herrenschuhe) hat den geschrieben. Der hat beinahe alle Wiki Artikel zum Thema Schuh verfasst. Ich habe ihn einmal getroffen, darüber können Sie mehr in dem Post ➱Schuhcreme lesen. Ein Wiener Leisten hat im Prinzip die gleiche Form wie ein Budapester, er hat bloß nicht diese aufgeworfene Spitze (man kann den Unterschied an dem Schuh von Laszlo Vass im unteren Absatz sehen). Liebhaber von schlanken englischen Schuhen mögen die Schuhe, die aus Budapest und Wien kommen, nicht besonders. Sind ihnen zu klobig.

Das für den Budapester typische Lochmuster ist auch nicht jedermanns Sache. So schreibt ➱Adolf Loos 1908 in seiner ästhetischen Kampfschrift Ornament und Verbrechen: meine schuhe sind über und über mit ornamenten bedeckt, die von zacken und löchern herrühren. arbeit, die der schuster geleistet hat, die ihm nicht bezahlt wurde. ich gehe zum schuster und sage: „sie verlangen für ein paar schuhe dreißig kronen. ich werde ihnen vierzig kronen zahlen.“ damit habe ich diesen mann auf eine selige höhe gehoben, die er mir danken wird durch arbeit und material, die an güte in gar keinem verhältnis zum mehrbetrag stehen. er ist glücklich. selten kommt das glück in sein haus. hier steht ein mann vor ihm, der ihn versteht, der seine arbeit würdigt und nicht an seiner ehrlichkeit zweifelt. in gedanken sieht er schon die fertigen schuhe vor sich. er weiß, wo gegenwärtig das beste leder zu finden ist, er weiß, welchem arbeiter er die schuhe anvertrauen wird, und die schuhe werden zacken und punkte aufweisen, so viele, als nur auf einem eleganten schuh platz haben. Und nun sage ich: „aber eine bedingung stelle ich. der schuh muß ganz glatt sein.“ da habe ich ihn aus den seligsten höhen in den tartarus gestürzt. er hat weniger arbeit, aber ich habe ihm alle freude genommen.

Was man bei Wiener oder Budapester Schuhen auch häufig findet, ist diese asymmetrische Form des Absatzes. Das hier ist ein Schuh von Ludwig Reiter, einem alten Wiener Unternehmen, das nach 130 Jahren immer noch im Familienbesitz ist (und deren Schuhe inzwischen schon bei Amazon bestellt werden können). Die Firma hat in der Vergangenheit auch Schuhe für Firmen mit großen Namen hergestellt, die keine eigene Produktion besaßen. An Namen werden immer wieder genannt: Paul Smith (der seine Schuhe auch einmal von Crockett & Jones bezog), Helmut Lang, Wolfgang Joop, Werner Baldessarini (den C & J auch einmal belieferte) und Windsor. Diese Firma scheint aber inzwischen bei Prime Shoes gelandet zu sein, was natürlich kein Zeichen von wirklicher Qualität ist.

Die Firma Ludwig Reiter hat Konkurrenz bekommen, sie werden jetzt von der österreichischen Firma Handmacher, die ihre holzgenagelten Schuhe im tschechischen Znaim herstellen (der dortige Betriebsleiter Franz Bammer war übrigens früher bei Reiter), gejagt. Sie sind erst seit zwanzig Jahren im Geschäft, aber sie kommen zahlenmäßig immer näher an Reiter heran. Ich sage Ihnen, die sind ihr Geld nicht wert, sagt der Handmacher Chef Bernhard Kovar über Reiter Schuhe. Seine Schuhe kosten 250 bis 300 Mark, Reiter Schuhe können das Doppelte kosten.

Wir produzieren ausschließlich in Wiener Neudorf. Das kostet halt ein bissl mehr als in Niedriglohnländern, sagt eine Reiter Sprecherin dazu. Ich kann zu dem Ganzen nichts sagen, ich besitze nur ein Paar Schuhe von Reiter (solch einen Norweger in dunkelbraunem Scotchgrain). Handmacher Schuhe gibt es hier im Ort bei Kellys (und beim Schuster Höfer in der Holtenauer Straße), ich habe schon viele in der Hand gehabt, sie machen einen guten Eindruck. Glücklicherweise brauche ich keine neuen Schuhe.

Neben Ludwig Reiter und Handmacher sollte noch die Firma Alt Wien erwähnt werden, deren Schuhe in England von Crockett & Jones hergestellt werden (und qualitativ Reiter und Handmacher überlegen sind). Angeblich hat ein Wiener Schuhmacher beim Anschluss Österreichs seine Leisten genommen und ist mit ihnen im Koffer nach England emigriert. Wo die Schuhe heute in Northampton mit Wiener Leisten hergestellt werden. Die Geschichte klingt gut, aber wahrscheinlich haben irgendwelche Werbefuzzis sie sich ausgedacht.

Man hat bei Alt Wien das Beste aus zwei Welten, die österreichisch-ungarischen Leisten und die englische Qualität. Es gibt noch eine Firma, die sich Feine Wiener Schuhmanufaktur nennt, aber über die kann ich nichts sagen. Ich weiß auch nicht, ob man für 199 Euro wirklich die versprochene handwerkliche Qualität bekommt. Die Qualität bekommt man eher bei einer Firma, die sich nach dem Schutzheiligen der Schuster St Crispin's nennt (und die hier mit einem ➱Video zeigt, wie ein rahmengenähter Schuhe ohne die Goodyear Maschine genäht wird). Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man auch Budapester Schuhe von einer deutschen Firma kaufen kann. Aber da ➱Dinkelacker hier schon einen Post hat, braucht die Firma, die früher Apollo Schuhe machte, keine weitere Beschreibung. Dinkelacker hat auch ein Modell Wien im Angebot, das ist ihr einziger Schuh, der nicht diese schrecklich dicken Sohlen hat.

Das erste Mal, dass ich den Begriff Budapester Schuhe las, war in den fünfziger Jahren an dem gläsernen Schaukasten eines kleinen Ladens auf dem Kurfürstendamm (ich glaube, die Firma gibt es immer noch). ➱Hermann von Eelking hat in seinem Lexikon der Herrenmode keinen Eintrag unter Budapester, hat dafür aber einen für Fullbrogue und Flügelkappe. Dort wird ein Schuh, den man heute als Budapester bezeichnet, abgebildet, der aber nicht aus Budapest kommt. Es ist ein Modell von Rieker, die zu der Zeit wie viele deutsche Firmen noch rahmengenähte Schuhe anboten.

Es gab damals noch keinen Bedarf an Budapester oder Wiener Schuhen. Obgleich es schon zugezogene ungarische Schuhmacher wie Julius Harai gab, der 1947 in Neumünster seine kleine Manufaktur gründete. Bei dem ließ sich Max Schmeling (und später Walter Scheel) seine Schuhe machen - es gab aber auch bei Prange in Hamburg ungarische Harai Schuhe für jedermann. Für den deutschen Normalverbraucher reichten deutsche Schuhmarken wie Rieker, Mercedes oder Salamander (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Eine Marke, die geschickt mit ihren Lurchi Heften schon Kinder an die Marke band. Damals konnten Eltern auch noch mit einem Apparat sehen, ob die Kinderfüße in den Schuh passten. Diese praktischen Geräte, die Fluoroskop oder Pedoskop hießen, sind heute verboten, es waren nichts anderes als immens strahlende Röntgengeräte.

Auf diesem Reiseführer von Wien finden wir im Jahre 1927 auch die Stadt Budapest im Titel, Wien und Budapest scheinen nicht nur bei Schuhen zusammen zu gehören. Das Buch des Wiener Schriftstellers Ludwig Hirschfeld (in dem die ungarische Stadt nur im Anhang Ausflug nach Budapest auftaucht) ist in der Reihe Was nicht im Baedeker steht des Münchener Piper Verlags erschienen. Begründet worden war die erfolgreiche Buchreihe von dem Mitinhaber des Verlags Dr Robert Freund, der aus Wien kam. Deshalb durfte ein Band über Wien natürlich nicht fehlen. Robert Freund musste auf Druck der Nazis seinen Anteil am Verlag verkaufen. Er gründete in Österreich noch den Bastei Verlag, aber die letzte belletristische Verlagsneugründung lebte nur bis zu dem sogenannten Anschluss. Robert Freund (dessen von Kokoschka gemaltes Portrait 1938 von der Wiener Gestapo zerschnitten wurde) ging nach New York, wo er die Twin Prints und Twin Editions gründete.

Robert Freunds Autor für den Anti-Baedeker von Wien im Jahre 1927 ist ein klein wenig schuhverrückt. Ich zitiere einmal aus dem Buch: Das ist eine Herren- und Damenangelegenheit, denn unsere guten Damenschuster sind auch für Herren erstklassig. Wer etwas auf einen distingierten Fuß hält, trägt entweder englische oder ungarische Schuhe. Die nobelsten und anspruchvollsten Füße von Wien lassen sich von zwei echt englischen Schusternbekleiden: Coyle & Earley am Karlsplatz. Die sind so vornehm, daß sie nicht einmal eine Auslage haben, aber die Stammkunden, Aristokraten, fremde Diplomaten, Gutsbesitzer finden den englischen Schuster auch so.

Ich würde mich aber gern mit ungarischen Schuhen von Gardos oder Bencze begnügen. Die schicken Luxusschuhe der Luxusdamen, die man bei Demel oder Gerstner sieht, sind meistens Gardos- oder Bencze-Schuhe oder es sind Schuhe von Dworiansky in der Weihburggasse. Die von außen unscheinbaren Laden der gediegenen, alten Wiener Schuhmacher sind in der Inneren Stadt zwischen Bräunerstraße und Habsburgergasse zu finden: Scheer, Nagy, Urbanek, Rosenzweig und wie sie alle heißen. Sie machen die herrlichsten Schuhe zum Spazierengehen, für die Jagd, für die Reise, zum Tennis, für den Abend. Früher einmal hatte jeder elegante Wiener bei seinem Schuster fünf bis zehn Paar Schuhe in der Arbeit, die er sich nach und nach liefern ließ. Das gibt's jetzt nicht mehr. Die beiden Bilder haben natürlich etwas mit Wien zu tun; oben ist ein Bild des Wiener Malers John Quincy Adams (der ➱hier einen Post hat), dies hier ist ein Entwurf der Wiener Werkstätte aus dem Jahre 1913.

Ich lasse einmal Rudolf Scheer und Urbanek draußen vor und schreibe ein wenig über Nagy. Da ich nämlich gerade bei ebay ein Paar Nagy Schuhe ersteigert habe, einen eleganten dunkelbraunen Norweger. Wiener Leisten, holzgenagelt. Sie haben innen ein kleines Etikett, auf dem Friedrich Nagy Wien 1 Habsburgergasse 3 steht. Sonst nix. Keine mit dem Kugelschreiber hinein gemalte Größen oder Leistennummern wie bei Edward Green oder anderen Engländern.

Den Namen Friedrich Nagy hatte ich schon einmal gelesen. Nämlich in dem Katalog des Wien Museums Großer Auftritt: Mode der Ringstraßenzeit. Dort ist ganzseitig ein Damenstiefel abgebildet, dessen Etikett noch den kleinen Zusatz hat: Diplome d'honneur Paris 1889. Und im Textteil können wir lesen: Friedrich Nagy, einer der besten Schuhmachermeister, hatte sein Geschäft und seine Werkstatt in der Habsburgergasse 3. Sein Nachfolger ließ den kleinen Schuhsalon von einem Hoffmann-Schüler neu einrichten. Wer dieser Schüler von Josef Hoffmann war, weiß ich nicht, aber das 1912 von Carl Steinhofer gebaute Haus steht heute noch.

Als Friedrich Nagy seine große Zeit hat, ist die Wiener Schuhindustrie im Umbruch. Selbständige Schuhmacher werden immer weniger, stattdessen wächst die Zahl der Fabriken, die man damals etwas euphemistisch Groß-Schuhmacher nennt. Ein Buchtitel wie Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Österreich mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Großindustrie beschreibt die Situation sicherlich treffend. In der Publikation von 1896 findet sich auch ein Artikel Die Schuhmacherei in Wien, geschrieben von einem Dr Richard Schüller. Der Wirtschaftswissenschaftler wird einer der einflussreichsten Beamten Österreichs werden. Als die Nazis kommen, flieht er über die Götztaler Alpen nach Italien, von da nach London (wo er die Europe Study Group in Chatham House leitet) und nach New York (wo er Professor wird).
Das Haus in der Habsburgergasse hat sich natürlich in über hundert Jahren ein wenig verändert, aber die Elemente der Wiener Secession kann man an diesem späthistoristischen Wohn- und Geschäftshauses noch erkennen. Der Laden namens Gigi ist natürlich neu, der Friseur Bundy (der im ersten Stock sitzt) ist hier schon lange. Friedrich Nagy ist nicht mehr da, nur noch auf dem kleinen Etikett auf meiner Schuhsohle.

Aber Nagy hat seine Spuren hinterlassen, nicht nur in Ludwig Hirschfelds Wien Führer. Adolf Loos (der natürlich ➱hier einen Post hat) erwähnt in seinen Schriften 1897-1900 die vorzüglichen Stiefel von Friedrich Nagy, die man in den Vitrinen des Hofschneiders Szallay findet. Der große Dandy, der auch den Laden von Knize einrichtete, wusste in Bezug auf die Mode, wovon er redete, er hat auch 1898 den interessanten ➱Essay Die Fussbekleidung geschrieben. Die Schuhe von Nagy scheinen die Schriftsteller anzuziehen. So berichtet Maria Fialik in ihrem Buch Der Charismatiker: Thomas Bernhard und die Freunde von einst von einer angeblichen Tante Thomas Bernhards: Und darin hat ihn auch die »Tante« sehr unterstützt. Immer nur das Allerfeinste hat ihm Nagy-Schuhe anmessen lassen. Er hat zwei Paar Schuhe gehabt, und die waren erste Klasse. Das hat natürlich jeder gleich bemerkt. Mein Mann hat eine ganz andere Art von Ästhetik für sich selbst, die mit Geld nichts zu tun hat.

Und ist der kleine österreichische Dandy, der den monologisierenden Schmäh zur Kunstform erhob und den shabby chic perfektionierte, richtig dankbar? Lobt er Nagy Schuhe über den grünen Klee? Kann man nicht sagen, wenn in seinem Roman Beton die Rede von Nagy Schuhen ist, dann hat das einen negativen Beiklang. So sagt der Erzähler Rudolf über seine Schwester: Immer kreuzt sie mit irgendwelchen Gecken auf, die nur von Nagy geschusterte und auch noch, wie wir sagen, ge-eiselte Schuhe anhaben und allein dadurch schon einen unnatürlichen Gang haben. In ➱Bremen hat der damals mittellose Bernhard durch den Bremer Literaturpreis zum ersten Mal richtiges Geld bekommen, hat er jemals was Nettes über Bremen gesagt? Von dem Geld hat er sich als erstes in Wien bei Don Gil einen sauteuren Anzug gekauft. So ist er nun mal.

Das Wort ge-eiselte ist vielleicht erklärungsbedürftig. Ich zitiere dazu einmal den Wiener Schuhmacher F. Michael MachoWissen Sie, wenn man 1965 auf der Kärntner Straße oder am Graben gegangen ist und es hat geklappert, dann wusste man, es ist ein moderner Schuh, der qualitativ sehr hochwertig ist. 20 Jahre später hat man das Klappern zwar immer noch gehört, aber wenn man sich den Schuh, von dem das Geräusch gekommen ist, genauer angeschaut hat, konnten das plötzlich auch dünne Schlüpfer sein. Die Leute haben einfach angefangen, sich von Mr. Minute ein kleines Eiserl um zehn Schilling auf die Schuhsohle schlagen zu lassen, um den Eindruck eines teureren Schuhs zu erwecken. Das hat halt dann auch 14 Tage lang geklappert. Aber früher war das Eisen ein Qualitätskriterium, das nur die Nagy Schuhe oder artverwandte Modelle hatten.

Dazu passend wäre folgendes Zitat: Ich kann mir keine italienischen Schalen mehr leisten, keine Maßhemden, keine doppelt besohlten, geeiselten Schuhe, ich bin ein echter Niemand geworden! Und dazu diese vielen gemeinen Gesichter! Diese ganzen Bluthochdruckvisagen! das läßt Camillo Schaefer in Wittgensteins Größenwahn: Begegnungen mit Paul Wittgenstein seinen Paul Wittgenstein sagen. Das 96-seitige Buch ist vergriffen. Mehr über Paul Wittgenstein kann man in Thomas Bernhards Wittgensteins Neffe: Eine Freundschaft erfahren. Ich hatte mal eine schwere Thomas Bernhard Phase, aber ich bin darüber hinweggekommen. Wenn ich heute einen Literaturtip zu dem österreichischen Autor abgeben sollte, so wäre der sehr kurz: Heldenplatz, Der Untergeher und Alte Meister. Und vielleicht noch Immanuel Kant (➱hier) und das köstliche kleine Stück Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen (➱hier in einer Variante mit Harald Schmidt in der Hauptrolle).

Eine ähnliche, leicht abwertende Passage über Nagy Schuhe wie bei Bernhard fand ich in der österreichischen Zeitschrift Wort in der Zeit im Jahre 1964: Einen hübschen Fuß hat die Person! Und Schuhe von Nagy. Die sieht mir nicht nach Schuhen von Nagy aus! Na, solche Leute kriegen oft auch etwas geschenkt. Sie sieht aber auch nicht nach Männern aus, die Schuhe von Nagy schenken. Es geht doch nichts über den österreichischen Schmäh. Dies Plakat ist von dem Wiener Ernst Deutsch, der im amerikanischen Exil den Namen Ernest Dryden angenommen hat.

Elfriede Jelinek liebt dagegen in Das über Lager (in Ablagerungen) ihre alten Nagy Schuhe, schwarze / Halbschuhe in Rauhleder und mit einer weißen Korkschuhsohle / und weißer Ziernaht, wo die Sohle aufs Rauhleder trifft. Und die österreichische Schriftstellerin Dorothea Zeemann  schreibt über die erste Begenung mit Heimito von Doderer (dessen Geliebte sie später wird): Die Art, wie der Maßanzug sitzt, lässt auf eine, wie man so sagt, starke Individualität schließen. Ich bin offenen Auges bei vollem Bewusstsein in den falschen verliebt: In zwei Hände, breite Schultern, Füße, die in uralten, aber sündteuren ungarischen Maßschuhen stecken (…) Ich sehe nur die Schuhe, handgearbeitet von Nagy. An dieser Stelle möchte ich mich bei dem Leser bedanken, der mich in einem Kommentar zu ➱Silvae: Wälder: Lesen auf Heimito von Doderer hinwies. Es war mir ein Anlass, mir endlich die Strudlhofstiege zu kaufen. Dies Photo von Roman Vishniac aus einem jüdischen Stadtteil in Wien1936 soll uns zeigen, dass es natürlich eine andere Welt der Schuhe jenseits der Luxusprodukte gibt. Und vielleicht passen ➱Schnitzlers Sätze aus Eine Jugend in Wien ganz schön dazu: Der Snob in mir erwacht und entwickelt sich aufs lächerlichste... Vollkommen wurde dieser Snobismus geheilt durch die Snobs, die ich im Laufe der Zeit kennenlernte.

Ich beende meine kleine Blütenlese mal eben mit dem, was die Wochenpresse über Bruno Kreisky schrieb: Legendär sind seine Vorliebe für die genagelten Nagy-Schuhe vom besten Leisten und seine Präferenz für Hantak-Anzüge. War das etwa der „Mann der Bewegung", von dem der Witz ausging, er wähle jeweils die Maßanzüge zu seiner Krawatte.

Vielleicht sollte man einmal eine ➱Literaturgeschichte des Schuhs schreiben, Jung' und Alte, groß und klein, Gräßliches Gelichter! Niemand will ein Schuster sein, Jedermann ein Dichter. Ich würde mit Sir Tom Stoppard anfangen, der als Tomáš Straussler in Zlín in der Tschechoslowakei (das war auch einmal Österreich-Ungarn) geboren wurde. Wo sein Vater Werksarzt in der Schuhfabrik Baťa war. Und Schuhe finden sich immer wieder in seinem Werk, schon in ➱Arcadia habe ich zahlreiche Zitate gefunden.

Den eleganten Damenstiefel, der in Großer Auftritt: Mode der Ringstraßenzeit abgebildet ist, hat Friedrich Nagy bestimmt selbst gemacht. Wer meinen Nagy Schuh gemacht hat, weiß ich nicht. Es scheint in Wien noch einen Andreas Nagy zu geben, und ein Tony Nagy ist gerade in Rente gegangen. Dessen Welt waren allerdings Laufschuhe und keine holzgenagelten, geeiselten Kalbslederschuhe. In den zwanziger Jahren wird in Wien ein Béla Nagy (der auch Schuhmacher des Zaren Boris von Bulgarien war) berühmt: In Vienna, in the Singerstrasse, there was Bela Nagy, known for his most elegant and chiseled toe, and wooden nailing. I have it on the generous authority of my very knowledgeable Viennese client, Dr.R.R., who patronized him until Nagy retired in the late 1960s, that Nagy’s clientele was taken over by the still thriving Georg Materna. Drei Generationen von Materna haben für den Kommerzialrat Nagy gearbeitet, heute gehört die Firma ihnen, heißt aber Materna.

Ich gebe das letzte Wort einmal dem großen Wiener Dandy Adolf Loos: Nach den englischen schustern machen gewiß unsere schuhmacher die besten schuhe der welt. Man wird zwar in den verschiedenen europäischen hauptstädten hervorragende schuster aufzählen können, aber der gleichmäßige, tüchtige durchschnitt erhebt die österreicher, was die fußbekleidung angeht, über jedes andere volk. Dem kann man hinzufügen, dass der berühmteste Schumacher Londons in den dreißiger Jahren auch keinen sehr englischen Namen trägt, die Familie von Nikolaus Tuczek kam irgendwann auch aus dem k.u.k. Österreich in die englische Metropole. Die Firma von Nikolaus Tuczek gehört heute John Lobb, einst Bootmaker of the Colony of New South Wales. Aber das ist eine andere Geschichte.


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