Samstag, 25. April 2015

Fickfackerei


Hilde Goldschmidt, die das Gymnasium in Elberfeld besuchte, erinnerte sich später daran, dass in ihrer Familie immer Thomas Mann gelesen wurde: Das war Tradition in der Familie. Wenn man zu einem Geburtstag eingeladen war, schenkte man ein Buch von Thomas Mann. Mein Vater sagte immer: ‚Gib Buddenbrooks.' Sie wollte Jura studieren, aber dann kam Adolf Hitler, und Hilde Goldschmidt verließ die Schule. Sie war deutsch und blond, aber sie war jüdisch. Sie lernte Stenographie (deutsch, englisch und französisch) und Schreibmaschine und heiratete einen Dr Heinz Kahn. 1937, da war sie zwanzig Jahre alt, emigriert sie nach Amerika. Und wird eines Tages die Sekretärin des Mannes, den sie zuvor mit Begeisterung gelesen hatte. Tippt seine Korrespondenz und seine Romane. Ich war ihm nah, er wirkte weit weg, hat sie einmal gesagt.

Nach der ersten Begegnung in ➱Pacific Palisades hielt sie fest: Seine schlanke Gestalt, sorgfältig, aber bei weitem nicht teuer oder vom Maß-Schneider gekleidet, das Diplomatengesicht mit den leuchtenden blauen Augen und den grauen Schläfen zu den sonst noch ganz schwarzen Haaren. Wenn sie sich da mal in Bezug auf die Anzüge nicht täuscht, die sehen mir immer nach Schneiderarbeit aus. Der Schriftsteller hält es in Bezug auf die Mode mit den Sätzen, die sich in Tonio Kröger finden: Ach, lassen Sie mich mit meinen Gewändern in Ruh, Lisaweta Iwanowna! Wünschten Sie, daß ich in einer zerrissenen Sammetjacke oder einer rotseidenen Weste umherliefe? Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein anständiger Mensch.

Hilde Kahn wird kein Teil der Familie, sie ist auf keinem Photo (auch auf diesem nicht, das Farbphoto unten zeigt Susanne Schäfer, die in dem Film Die Manns: Ein Jahrhundertroman Hilde Kahn spielt), man hält die Kahn auf Distanz. Erst am Ende der zehn Jahre, die sie für den Schriftsteller arbeitet, versteht sich Katia Mann zu der Anrede Hilde. Ansonsten bleibt sie ohne Vornamen, in den Tagebüchern ist immer nur von die Kahn die Rede. Sätze wie Nach dem Thee: Diktate an die Kahn sind typisch

Die Teesorte, die immer um halb fünf mit Ingwerkeksen serviert wird, ist natürlich Earl Grey. Thomas Mann erscheint als letzter, nach seiner Mittagsruhe von seinem im zweiten Stock gelegenen Schlafzimmer wie vom Olymp herabsteigend, erfrischt und neu belebt, umduftet von einem zarten Hauch von Veilchenwasser. Er erklärte mir einmal, daß auch Goethe den Veilchengeruch geliebt habe. Über die Nebensächlichkeiten wissen wir viel, aber der Mensch Thomas Mann bleibt ein Rätsel. Ich habe die Biographien von Peter de Mendelssohn und Klaus Harpprecht (und viele andere) gelesen, ich kenne ihn immer noch nicht. Ich weiß jetzt nicht, ob Veilchenwasser wirklich der richtige Duft für den Herrn ist. Ich würde ja eher ➱Penhaligons Blenheim Bouquet (oder das preiswerte Wellington von Trumper) nehmen.

Die jüngsten im Haushalt verehren Hilde Kahn, Thomas Mann sagt ihr eines Tages: Also, der Frido hat sich ganz in Sie verliebt, er hat gesagt: 'Die Frau hat Locken'! Der Frido wird seine Zeit in der Familie eines Tages als Hölle bezeichnen, da ist es doch schön, wenn da mal ein blonder Engel auftaucht: Es gibt für mich allerdings noch eine ganz besondere Hausgenossin, die oft am Nachmittag auftaucht. Es ist die auch aus Deutschland emigrierte Sekretärin meines Großvaters, Hilde Kahn, eine feine, attraktive junge Dame mit glänzender Gesichtshaut und stark geschminktem Rosenmund. Sie ist mein erster erotischer Schwarm. Ich fühle mich von der sich immer diskret im Hintergrund haltenden, schönen Frau früh verzaubert. 'Die Frau Kahn hat schöne Beine', bekenne ich als Sechs- oder Siebenjähriger... Thomas Mann schreibt die Kahn eines Tages in das Manuskript von Die Entstehung des Doktor Faustus als die hübsche, intelligente, treue Hilde Kahn. In der Endversion hat er dann allerdings hübsch und intelligent gestrichen. So ist der Mann nun mal, den man den Zauberer nennt. Als die Familie Mann 1953 Pacific Palisades verlässt, hat er keinen Händedruck für Hilde Kahn übrig. Er gratuliert ihr aber, als sie im Oktober 1953 heiratet, mit Meinen herzlichenGlückwunsch. Ihr alter Boss, Thomas Mann.

So gut die Zusammenarbeit mit dem Boss ist, manchmal gibt es Probleme. Zum Beispiel bei dem Manuskript zu Der Erwählte. Aber lassen wir Hilde Kahn selbst sprechen: Ich tippte das Manuskript und bin vor Lachen fast vom Stuhl gefallen. Da kommt doch die Mutter von dem Mann, der gerade Papst geworden ist, und fragt, ob denn ‚die ganze Fickfackerei‘ ihres früheren Lebens ihr verziehen werden kann. Als ich die Abschriften zurückbrachte, fragte Thomas Mann, ob es mir gefallen habe. Ich sagte, es sei ganz wunderbar, nur dies eine Wort sei etwas drastisch. Und jetzt müssen Sie sich Katia vorstellen ... Wie, was, man wagte, den Gatten zu kritisieren? Die Haare standen ihr zu Berge. Er sagte: ‚Na, um welches Wort geht es denn?“ Ich sagte: ‚Nun ja, Fickfackerei, das ist doch sehr deutlich, auf deutsch und auf englisch.‘ ‚Aha‘, sagt Mann, ‚ich sehe, was Sie meinen; nun sehen Sie, dieses Wort ist ein altes Lutherwort. ‚Ja, was will sie denn?‘ sagt darauf Katia. ‚Nun ja‘, sagt Thomas, ‚sie denkt an das Wort ficken‘ – ‚Ficken?‘ sagt Katia. ‚Habe ich noch nie gehört, was bedeutet das denn?‘ Darauf er: ‚Ficken, das bedeutet, sexuellen Verkehr zu haben.‘ – Ich wäre am liebsten in den Boden versunken. Er ging ganz nachdenklich in sein Zimmer, und was passiert? Er hat die ganze Seite neu geschrieben; es wurde: ‚die Fickfackerei meines Herzens‘, und er hat mir nämlich erklärt, Fickfackerei, das bedeutet sich etwas vormachen, sich anlügen.

Früher tauchte die Etymologie von Wörtern wie Fickfackerei (hängt mit Faxen zusammen) oder Matjes (was mit Mädchen zu tun hat) in einem Grundkurs Germanistik auf. Früher war es selbstverständlich, dass man Kluges Etymologisches Wörterbuch benutzte. Es geht viel verloren. Ich wage manchmal kaum, ein schönes Wort aus dem 18. Jahrhundert zu benutzen, weil mein Korrekturprogramm sofort in Schwulitäten kommt. Der Duden im Internet kennt Fickfackerei immerhin noch als BetrügereiUnsinn. Und für Flügels Englisch-Deutsches Wörterbuch war es 1858 eine Selbstverständlichkeit, Fickfackerei: (w)f. intrigue, trick aufzunehmen. Wenn man bei Googles Bildersuche das Wort Fickfackerei eingibt, bekommt man nur Bilder von Pornos.

Gedichte sind nicht die Sache von Thomas Mann, aber einige hat er doch geschrieben. So das kleine Gedicht Siehst du, Kind, ich liebe dich, das im Januar 1885 in der frisch gegründeten Zeitschrift Die Gesellschaft erschien. Wir wollen mal hoffen, dass es ohne die Fickfackerei meines Herzens geschrieben wurde:

Siehst du, Kind, ich liebe dich,
da ist nichts zu machen;
wollen halt ein Weilchen noch
beide drüber lachen.

Aber einmal, unverhofft,
kommen ernste Sachen ,-
siehst du, Kind, ich liebe dich
da ist nichts zu machen!

Freitag, 24. April 2015

Min Jehann


Ich war letztens einmal wieder an meinem alten ➱Arbeitsplatz, zum zweiten Mal in sechs Jahren. Ein Kollege hatte mich zu seiner Abschiedsfeier eingeladen. Irgendwie sieht der noch viel zu jugendlich aus, um in Pension zu gehen. Als alle Geschenke und Blumensträuße verteilt, alle Reden gehalten waren, bekannte Jens Bahns, dass er sehr gerne Platt schnacke. Das wussten die meisten von uns nicht. Er las dann etwas Witziges von ➱Reimer Bull zum Thema Abschiedsreden vor. Ich erzählte ihm hinterher, er müsse unbedingt mal in meinen Blog schauen und die wunderbare plattdeutsche ➱Übersetzung von Werner Seifert von Kiplings Mandalay lesen.

Er hätte natürlich auch etwas von Klaus Groth vorlesen können, Klaus Groth geht immer. Der Dichter hat heute Geburtstag, und in meiner kleinen Variation des amerikanischen Poetry Month bietet sich da natürlich ein Klaus Groth Gedicht an. Klaus Groth war schon häufig in diesem Blog zu finden. Also zum Beispiel in den Posts ➱Klaus Groth oder ➱Albrecht Roth, aber eine Geschichte habe ich offensichtlich noch nicht erzählt. Ich war vor Jahrzehnten mit meinen Kollegen zur Geburtstagsfeier des Direktors des Seminars in eine Gaststätte eingeladen. Es gab Schweinshaxe mit Sauerkraut. An meinem Tisch saß ein älteres Ehepaar (deren dahingemurmelte Namen ich nicht verstanden hatte), das sich im Laufe des Abends etwas eigentümlich benahm.

Aus irgendeinem Grund hatte ich an dem Abend gegenüber meiner Tischnachbarin die Weserstraße in Vegesack erwähnt, als die beiden mir Gegenübersitzenden mich plötzlich geradezu inquisitorisch auszufragen begannen. Ob unser Haus gegenüber dem Haus von ➱Senator Duckwitz stände? Wem die Häuser daneben gehörten? Gab es das Hotel Bellevue noch? Wie weit es zu dem Gartenlokal Bruns in Leuchtenburg wäre? Und so ging das den ganzen Abend lang. Sie hatten irgendwoher erstaunliche Ortskenntnisse, die offensichtlich aus dem 19. Jahrhundert stammten, hatten den Ort aber anscheinend selbst nie gesehen. Sie taten sehr geheimnisvoll, sagten aber nicht, weshalb sie mich den ganzen Abend mit Fragen löcherten. 

Tage später traf ich meine Tischnachbarin wieder und erkundigte mich, ob sie zufälligerweise das Ehepaar kannte, das mich an dem Abend vom Genuß meiner Schweinshaxe abgehalten hatte. Sie kannte die beiden. Die schrieben nämlich gerade ein Buch über Doris Finke (Bild). Und auf dem Sommersitz des reichen Bremer Weinhändlers Albert Diedrich Finke, dessen Tochter Doris den Dichter aus Schleswig-Holstein geheiratet hatte, hatte Klaus Groth ja viel Zeit verbracht. Der Finkenhof, den Doris auch Kio nannte, war von unserem Haus vielleicht hundert Meter entfernt. Friedrich Engels mag es gesehen haben, als er auf der Weser notierte: Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern. Für Klaus Groth war die Zeit auf dem Finkenhof nicht so glücklich wie für seine Doris. Die reichen Bremer Verwandten haben es den armen Dichter bei jedem Aufenthalt in der Weserstraße spüren lassen, was sie von plattdeutsch dichtenden Nichtsnutzen halten. Die Tagebücher von Doris Groth, die 1985 unter dem Titel Wohin das Herz uns treibt bei Boyens veröffentlicht wurden, zeigen diese Spannungen deutlich auf.

Meine Tischnachbarin wusste zu berichten, dass das mir unbekannte Ehepaar lediglich eine alte Straßenkarte von Vegesack aus dem 19. Jahrhundert besäße und deshalb glücklich war, dass sie nun zufällig jemanden aus dem Ort (und noch dazu aus genau dieser Straße) getroffen hatten. Das hätten sie mir ja eigentlich auch sagen können, die Unterhaltung wäre wesentlich einfacher gewesen. Das Buch des Ehepaares von der Westküste fand ich Jahre später im Grabbelkasten eines Antiquariats.

Ich male normalerweise nicht in meinen Büchern herum, aber hier finden sich doch eine Vielzahl von Anstreichungen. Überall in den Anmerkungen der Verfasser steht da lapidar: nicht ermittelt. Auch den Landgasthof Bruns (hier ihm Bild), wo Doris und Klaus Groth gegessen haben, haben die Autoren nicht ermittelt; irgendwann habe ich aufgehört, die Fehler in dem Buch zu zählen. Der Schlimmste war, dass die Autoren behaupteten, dass auf dem Grundstück der Finkeschen Villa heute eine Fabrik steht. Leute, habt ihr bei der Schweinshaxe überhaupt nicht zugehört? Die Villa, die die Erben von Albert Diedrich Finke anstelle des ursprünglichen Finkenhofs im 19. Jahrhundert haben errichten lassen, stand dort bis in die achtziger Jahre. Eine Fabrik gibt es in der ganzen Straße nicht.

Über ihr Benehmen sinne ich immer noch nach. Gut, sie kamen aus dem Geburtsort von Klaus Groth, wollten sie seinem Benehmen nacheifern? So feinsinnig er war, blieb er irgendwie doch ein Bauer aus Dithmarschen, nicht selten schroff und herbe. Oder wie ein Kritiker schreibt: Klaus Groth war für den Salon nicht erzogen, wenn er auch oft ein Liebling der Salons gewesen ist. Vielleicht typisch für Groth ist eine Anekdote, die sich im Tagebuch seiner Frau im Jahre 1861 findet: Ferner machte Klaus eine Reise nach Norderney, um Großvater dort zu seinem 84sten Geburtstag zu begrüßen. Dies endete etwas unglücklich u. hinterließ deshalb eine Mißstimmung. Der König von Hannover kam auf Norderney an. Großvater wünschte, daß Klaus sich ihm vorstellen ließe. Klaus wollte es nicht u reiste Knall auf Fall ab, weil er es dort bei längerem Sein nicht hätte vermeiden können.

Ich könnte heute natürlich Theodor Storms schönes Gedicht bringen, das er 1872 für Klaus Groth geschrieben hat:

Wenn't Abend ward,
Un still de Welt, un still dat Hart;
Wenn möd up't Knee di liggt de Hand,
Un ut din Husklock an de Wand
Du hörst den Parpendikelslag,
De nich to Woort keem över Dag;
Wenn't Schummern in de Ecken liggt,
Un buten all de Nachtswulk flüggt;
Wenn denn noch eenmal kiekt de Sünn
Mit golden Schiin to't Finster 'rin,
Un, ehr de Slap kümmt un de Nacht,
Noch eenmal Allens lävt un lacht -
Dat is so wat vör't Minschenhart,
Wenn't Abend ward.

Aber ich zitiere lieber noch einmal mein Lieblingsgedicht von Klaus Groth, ein Gedicht, das ich noch im Schlaf aufsagen kann. Und das immer wieder schön ist:

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,
Do weer de Welt so groot!
Wi seten op den Steen, Jehann,
Weest noch? bi Nawers Soot.
An'n Heben seil de stille Maan,
Wi segen, wo he leep,
Un snacken, wo de Himmel hoch
Un wo de Soot wull deep.

Weest noch, wo still dat weer, Jehann?
Dor röhr keen Blatt an'n Boom.
So is dat nu nich mehr, Jehann,
As höchstens noch in'n Droom.
Ach nee, wenn dor de Scheper sung,
Alleen in't wiede Feld:
Ni wahr, Jehann? dat weer en Ton!
De eenzige op de Welt.

Mitünner inne Schummertied
Denn ward mi so to Moot
Denn löppt mi't langs den Rügg so hitt,
As domals bi den Soot.
Denn dreih ik mi so hastig üm,
As weer ik nich alleen:
Doch allens, wat ik finn, Jehann,
Dat is - ik sta un ween.

Jetzt kann ich noch gesungene Versionen von ➱Ernst Busch, ➱Hannes Wader, ➱Ina Müller und (ganz schlimm) ➱Lale Andersen anbieten. ➱Lale Andersen, ➱Ernst Busch und ➱Hannes Wader haben hier schon einen Post, Ina Müller noch nicht. Vielleicht kommt das ja noch mal.

Donnerstag, 23. April 2015

Sklavenschiff


Wenn ➱Ralph Ellison in seinem Roman Invisible Man den Kapitän Amasa Delano mit den Worten you are saved: what has cast such a shadow upon you? zitiert, dann ist das natürlich nicht ohne eine tiefere symbolische Bedeutung. Denn hinter Herman Melvilles meisterhafter ➱Erzählung Benito Cereno steht auch die Geschichte der Amistad. Das Schiff ist dank des Filmes von Steven Spielberg ja etwas bekannter geworden, obgleich die Geschichtsvermittlung à la Hollywood immer eine zweifelhafte Sache ist. Sie sollten vielleicht hier einmal Clio at the Multiplex lesen, Simon Schamas großartige Besprechung des Films aus dem New Yorker. Über Melvilles Erzählung, die bislang nur ➱hier erwähnt wurde, schreibe ich irgendwann noch einmal. Heute geht es nicht um Amaso Delanos Bachelor's Delight oder Benito Cerenos San Dominick. Heute geht es um ein anderes Schiff. Und eine andere Zeit. Wir springen einmal in das Jahre 1781.

Captain Luke Collingwood von der Zong ist zuvor Schiffsarzt gewesen, das hier auf der Zong ist sein erstes Kommando. Er ist auch Anteilseigner des Schiffes. Und der Fracht. Die Zong war ein holländisches Schiff, das zuerst Zorgue hieß, aber dann haben die Engländer es 1781 gekapert und umgetauft. Mit dem symbolischen Namen, der einmal Sorge und Pflege bedeutete, hat es nun nichts mehr zu tun. Das Schiff hat jetzt englische Eigner. Die sitzen in Liverpool und sind im Sklavenhandel. Wie Kapitän Collingwood, der bisher als Arzt für die Auswahl der Sklaven in Afrika zuständig war. Jetzt hat er 442 schwarze Sklaven an Bord und will nach Jamaica. Die Fracht des Schiffes ist für die stolze Summe von 8.000 Pfund Sterling versichert.

Mit den nautischen Kenntnissen von Collingwood ist es nicht so weit her. Man segelt an Jamaica vorbei, die Wasservorräte werden knapp. Da beschließt Collingwood, einen Teil der noch lebenden Sklaven (62 waren inzwischen gestorben) über Bord zu werfen. Für Sklaven, die aus welchen Gründen auch immer, während der Reise über Bord gehen, muss die Versicherung bezahlen. Dreißig Pfund Sterling pro Mann. Das Zong Massaker ist nicht nur Massenmord, es ist auch Versicherungsbetrug. Es wird in England einen Prozess geben, bei dem nichts herauskommt. Luke Collingwood, der während der ganzen Reise lang krank war und sein Kommando wohl kaum noch ausübte, war in Jamaica gestorben.

In Black River in Jamaica erinnert ein kleines ➱Denkmal an die überlebenden Schwarzen, die hier auf dem Sklavenmarkt verkauft wurden. Aber noch mehr erinnert dies ➱Bild von William Turner an das Ereignis. Es hat den Titel Slavers Throwing overboard the Dead and Dying—Typhon coming on. ➱John Ruskin, der das Bild kaufte, sagte über das Werk: If I were reduced to rest Turner's immortality upon any single work, I should choose this. Turner hatte schon lange vor diesem Bild damit begonnen, ein langes Gedicht mit dem Titel The Fallacies of Hope zu schreiben, zu dem seine Bilder eine Art Illustration sein sollten. Und so gibt es auch zu dem Sklavenschiff ein Gedicht:

Aloft all hands, strike the top-masts and belay;
Yon angry setting sun and fierce-edged clouds
Declare the Typhon's coming.
Before it sweeps your decks, throw overboard
The dead and dying – ne'er heed their chains
Hope, Hope, fallacious Hope!
Where is thy market now?

John Ruskin hat zu dem Bild eine emphatische ➱Ekphrase geliefert. William Thackeray stellte dem eine etwas zynischere Bildbeschreibung entgegen, die aber die Explosion der Farben auf Turners Bild sehr gut beschreibt: The slaver throwing its cargo overboard is the most tremendous piece of colour that ever was seen; it sets the corner of the room in which it hangs into flame...  Rocks of gamboge are marked down upon the canvas; flakes of white laid on with a trowel; bladders of vermilion madly spirited here and there. Yonder is the slaver rocking in the midst of a flashing foam of white-lead. The sun glares down upon a horrible sea of emerald and purple, into which chocolate-coloured slaves are plunged, and chains that will not sink; and round these are floundering such a race of fishes as never was seen since the saeculum Pyrrhae; gasping dolphins redder than the reddest herrings; horrid spreading polypi, like huge, slimy, poached eggs, in which hapless [black slaves] plunge and disappear. Ye gods, what a ‘middle passage’!

Turners Gedichte sind von den Kritikern nicht so recht ernst genommen worden. William Thackeray (ich muss ihn noch einmal zitieren) schrieb sehr ironisch: In a word, I say that Turner is a great and awful mystery to me. I don't like to contemplate him too much, lest I should actually begin to believe in his poetry as well as his paintings, and fancy the "Fallacies of Hope" to be one of the finest poems in the world.

Sir Kenneth Clark ist in seiner ➱Serie Civilisation: A Personal View gewohnt souverän und ein wenig nonchalant auf Turners Gedichte eingegangen: But participation in the sublime was almost as much of a strain as the pursuit of freedom. Nature is indifferent or, as we say, cruel. No great artist has ever observed these violent, hostile moods of nature as closely as Turner; and he was without hope - those are not my words, but the final judgement of Ruskin, who knew him and worshipped him.

Turner was a great admirer of Byron and used quotations from Byron's poems in the titles of his pictures. But Childe Harold was not pessimistic enough for him, so he wrote a fragmentary poem to provide himself with titles. He called it 'The Fallacies of Hope'. Bad poetry, good pictures. One of the most famous of them represents an actual episode in the slave trade, another of the contemporary horrors that troubled the Romantic imagination: Turner called it 'Slavers throwing overboard the dead and dying - typhoon coming on'. For the last fifty years we have not been in the least interested in the horrible story, but only in the delicate aubergine of the negro's leg and the pink fish surrounding it. But Turner meant us to take it seriously. 'Hope, hope, fallacious hope,' he wrote, 'where is thy market now?'

John Ruskin wird das Bild, über das er sich so emphathisch ausgelassen hatte, eines Tages verkaufen. My dearest Charles, I have the registered letter, and will pack the 'Slaver' forthwith. It is right that it should be in America, and I am well pleased in every way, and always - Your lovingest J. Ruskin, schreibt er an seinen Freund Charles Eliot Norton, der den Verkauf eingefädelt hatte. Der Kunstmäzen und Gründungspräsident des Metropolitan Museum John Taylor Johnston zahlt 2.100 Pfund Sterling für das Sklavenschiff.

Als er im Dezember 1876 seine Kunstsammlung versteigern lässt, kauft Miss Alice Hooper aus Boston (die auch diese Radierung besaß) den Turner. Sie war die Tochter des Politikers Samuel Hooper. Und war einmal mit Charles Sumner, einem entschiedenen Gegner der Sklaverei, verheiratet. Sie wird ihren Turner nur zwei Wochen behalten, dann schenkt sie ihn (wie so vieles andere, das sie auf der Johnston Auktion gekauft hat) dem neu gegründeten Museum of Fine Arts: I hope the Slave Ship may give as much pleasure to the public as it has borne in the few weeks I have had the pleasure of living with it, schreibt sie dem Direktor Charles Greely Loring. Es ist das erste Bild von Turner in einem amerikanischen Museum.

1792 verbot Dänemark (mit Wirkung vom 1. Januar 1803) als erste Nation den Sklavenhandel über den Atlantik (vorher hatte der ➱Graf Schimmelmann ja gut daran verdient). 1807 untersagte England den Sklavenhandel, die Royal Navy verfolgte das Schiff eines jeden Sklavenhändlers. Was dazu führte, dass noch mehr Sklaven über Bord geworfen wurden. Wenn man als Sklavenhändler ein Schiff der Royal Navy kommen sieht, dann trennt man sich lieber von seiner Fracht, ehe man aufgebracht wird und in ein englisches Gefängnis wandert. Hope, Hope, fallacious Hope! Where is thy market now?

Joseph Mallord William Turner wurde heute vor 240 Jahren geboren. Er taucht immer wieder in diesem Blog auf. Ich weiß nicht, was man empfehlen soll. Vielleicht: ➱J.M.W. Turner, ➱William Turner in Kiel und ➱Gordale Scar.

Mittwoch, 22. April 2015

Invisible Man


"You are saved," cried Captain Delano, more and more astonished and pained; "you are saved: what has cast such a shadow upon you?" (Herman Melville, Benito Cereno) 

Harry: I tell you, it is not me you are looking at, Not me you are grinning at, not me your confidential looks Incriminate, but that other person, if person, You thought I was: let your necrophily Feed upon that carcase. . . (T. S. Eliot, Family Reunion)

Prologue

I am an invisible man. No, I am not a spook like those who haunted Edgar Allan Poe; nor am I one of your Hollywood-movie ectoplasms. I am a man of substance, of flesh and bone, fiber and liquids -- and I might even be said to possess a mind. I am invisible, understand, simply because people refuse to see me. Like the bodiless heads you see sometimes in circus sideshows, it is as though I have been surrounded by mirrors of hard, distorting glass. When they approach me they see only my surroundings, themselves, or figments of their imagination -- indeed, everything and anything except me...

Mit zwei Zitaten und einem Prolog fängt Ralph Ellisons Roman Invisible Man an, ein Roman, der zu den wichtigsten Romanen des 20. Jahrhunderts gehört. Die Modern Library führt ihn auf der Liste der hundert besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts. Und der Literaturkritiker Harold Bloom nannte den Roman 1991 the only full scale works of fiction I have read by American blacks in this century that have survival possibilities at all. Mein Freund Hombre, der heute Geburtstag hat, ist schon lange vor Harold Bloom dieser Meinung gewesen, denn er hat seine Doktorarbeit über den Roman geschrieben.

In einem Interview mit dem ➱Paris Review hat Ralph Ellison, der eigentlich Musiker werden wollte, berichtet, wie er zum Schreiben kam: I didn’t give up music, but I became interested in writing through incessant reading. In 1935 I discovered Eliot’s 'The Waste Land', which moved and intrigued me but defied my powers of analysis—such as they were—and I wondered why I had never read anything of equal intensity and sensibility by an American Negro writer. Later on, in New York, I read a poem by Richard Wright, who, as luck would have it, came to town the next week. He was editing a magazine called 'New Challenge' and asked me to try a book review of Waters E. Turpin’s 'These Low Grounds'. On the basis of this review, Wright suggested that I try a short story, which I did. I tried to use my knowledge of riding freight trains. He liked the story well enough to accept it, and it got as far as the galley proofs when it was bumped from the issue because there was too much material. Just after that the magazine failed.

Mein Gedicht heute kommt denn auch von dem Mann, durch den Ralph Ellison zum Schreiben gekommen ist: Richard Wright. Es ist nicht nur ein Gedicht, es sind gleich fünf. Weil es nämlich kurze kleine - und das ist jetzt eine Überraschung - Haikus sind. Wir verbinden den Namen Richard Wright ja immer mit dem Roman Native Son, ebenso wie Invisible Man ein Klassiker des amerikanischen Romans, wir denken wenig an den Richard Wright, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich lebte. Zuerst war das nur eine Einladung gewesen, aber dann sah er - eine Erfahrung, die auch viele amerikanische Jazzmusiker machten (man denke an ➱Charlie Parker oder ➱Taverniers Film Round Midnight) - dass er in Frankreich als Schriftsteller ernst genommen wurde.

Er erkannte, dass er hier kein invisible man und kein nobody mehr war. Er kehrte nicht mehr in die USA zurück. Richard Wright wagte das Experiment, als Hauptdarsteller in der ➱Verfilmung seines eigenen Romans aufzutreten. Es gibt Schriftsteller, die auch Schauspieler sind. Curt Goetz wäre ein Beispiel. Gregor von Rezzori (der ➱hier einen Post hat) oder Franz Xaver Kroetz auch. Vielleicht sollte ich noch Joachim Meyerhoff nennen, weil mir gerade jemand die saukomische Geschichte mit Ministerpräsident Stoltenberg im Matsch vor der Schleswiger Psychiatrie erzählt hat, die sich in Alle Toten fliegen hoch: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war findet. Wenn wir auch die Liste von Schriftstellern, die auch Schauspieler sind (oder die Liste von schreibenden Schauspielern), verlängern können, beim Thema Autoren als Hauptdarsteller in der Verfilmung ihres eigenen Romans, da wird die Liste schon ganz klein.

Ende der fünfziger Jahre, als er schon sehr krank war, entdeckte Richard Wright die literarische Form des Haiku. Es wurde eine Art von Obsession für die letzten anderthalb Jahre seines Lebens. Er hat hat wohl mehr als 4.000 Haikus geschrieben, aus denen er 817 für das Buch Haiku: The Other World auswählte. Das Buch gibt es mittlerweile auch als Paperback, aber ich habe ➱hier auch eine Seite, die eine schöne Auswahl der Haikus von Richard Wright offeriert. Und für dieses Photo des Autors bietet sich natürlich dieses Haiku an:

My cigarette glows
Without my lips touching it, –
A steady spring breeze.


Aber nun die ersten fünf Haikus von Richard Wright aus der Sammlung Haiku: The Other World:

I am nobody:
A red sinking autumn sun
Took my name away.

I give permission
For this slow spring rain to soak
The violet beds.

With a twitching nose
A dog reads a telegram
On a wet tree trunk.

Burning autumn leaves,
I yearn to make the bonfire
Bigger and bigger.

A sleepless spring night:
Yearning for what I never had
And for what never was.

Es gibt in diesem Blog schon einen Post zum Thema ➱Haiku. Wo sich unter den Kommentaren auch ein Haiku von dem Dichter und Blogger ➱Lyriost findet, welches das hübscheste Kompliment war, das meinem Blog gemacht wurde:

Wenig Kommentar
so erkennt man Edelstein
wenn man ihn denn sieht

Der Kapitän Amasa Delano aus dem Melville Zitat ganz oben ist hier im Post ➱Bounty schon einmal aufgetaucht. Und natürlich hat ➱Ralph Ellison schon lange einen Post.

Dienstag, 21. April 2015

Teckel & Corgwn


Die Fleischersgattin ➱Else Stratmann nennt sie ja liebevoll despektierlich nur Lisbeth. Unter dem Titel ➱Lisbeth gab es hier schon einmal einen Post über die englische Königin. Dieses schöne Portrait der Königin wurde 1953 kurz nach ihrer Krönung gemalt. Die Malerin Beatrice M. Johnson war eigentlich Photographin, sie hat damals auch das Photo von Dorothy Wilding koloriert, das das bekannteste ➱Photo von der jungen Königin wurde (und auch auf die Briefmarken wanderte). Doch dieses Bild, das dem Regimental Museum of the Argyll and Sutherland Highlanders gehört, ist schon erstaunlich in seiner Frische und Natürlichkeit. Eine Frische und Natürlichkeit, die viele ➱Bilder der Königin nicht besitzen.

Es ist sicher nicht so leicht, die Königin zu malen. Diese Bild von der kleinen Emma Dorington hat einmal einen Preis in der Gruppe der zwölf- bis achtzehnjährigen Amateurmaler gewonnen. Ist auch nicht schlechter als das Gemälde von ➱Lucien Freud. Wenn es schon nicht so leicht ist, die Königin zu malen, ist es offensichtlich auch nicht so leicht, ein gutes Gedicht auf die Königin zu schreiben. Dafür ist ja normalerweise der poet laureate zuständig, der sein Honorar in Rotwein bekommt. Neuerdings auch ein klein wenig Bargeld. Das honorarium beträgt zur Zeit £5,760 per annum.

Ich bleibe mit diesem Bild noch einmal bei den Amateurmalern. Dies Bild wurde von dem Amerikaner ➱Joseph Wallace King gemalt, der im Alter von elf Jahren einen Arm verlor. Normalerweise würde die Königin wohl eher in einer Barbour Jacke oder einer ➱Steppjacke in der Natur herumlaufen (auf jeden Fall tat das ➱Helen Mirren in The Queen), aber unser amerikanischer Maler setzt sie in einem Abendkleid in die Landschaft. Es bleibt die irritierende Frage: wie ist sie mit diesem Schuhen dahin gekommen? Und wo sind die corgwn?

So sehr ich ➱John Betjeman schätze, seine Gedichte auf offizielle Anlässe gehören nicht zu seinen besten Werken - Sie können mehr dazu in dem Post ➱St Paul's Cathedral lesen. Dort findet sich auch ein kleines Gelegenheitsgedicht von Andrew Motion, adressiert an den damaligen poet laureate Ted Hughes, dessen Gedicht die Presse damals verrissen hatte. Das Gedicht hat den Titel Lines Composed by Her Majesty Queen Elizabeth In Sympathy With Her Poet Laureate:

My family are a trial to Ted Hughes:
No sooner do they marry than divorce
His burdens would be lighter if he chose
To write about a corgi or a horse.

Sie sehen hier, dass ich mich bemühe, etwas unbekanntere Portraits der Königin zu zeigen. Hier malt gerade die Nigerianerin ➱Chinwe Chukwuogo-Roy. Ted Hughes ist unter den poet laureates ein kleines Problem. Er reizte die ➱Redaktion der Satirezeitschrift Private Eye immer zu Satiren, die häufig besser waren als seine Gedichte. Der immer scharfsinnige Robert Nye (der selbst Dichter ist) schrieb nach der Veröffentlichung von Rain-charm for the Duchy: And Other Laureate Poems, in dem auch das beinahe 20-seitige Gedicht auf die Taufe von Prince Harry enthalten ist: John Betjeman’s old suit hardly fits a dour Yorkshireman with ambitions to be a sort of royal witch doctor. Only one of those Laureate effusions is included here, the one for HRH Prince Harry, which has some decent lines about salmon responding to a storm. Das muss man Hughes lassen, bei der Beschreibung von Sturm und Regen ist er richtig gut:

Thunder gripped and picked up the city.
Rain didn't so much fall as collapse
The pavements danced, like cinders in a riddle. 
What a weight of warm Atlantic water! 
The car-top hammered. The Cathedral jumped in and out 
Of a heaven that had obviously caught fire 
And couldn't be contained. 
I was thinking Of joyful sobbing 
The throb 
In the rock-face mosses of the Chains 
And of the exultant larvae in the Barle's shrunk trench, their filaments ablur 
like propellors, under the churned ceiling of light
The pavements danced, like cinders in a riddle

Die Queen hat heute Geburtstag, natürlich gratulieren wir von dieser Stelle aus. Und natürlich haben wir für den Tag auch ein Gedicht. Und was für eins. Es wurde nämlich von einer richtigen Königin geschrieben. Nicht von Margrethe von Dänemark (der wir nachträglich zum Geburtstag gratulieren), dort im Schloss in Kopenhagen dichtet nur der Ehemann. Der schreibt nämlich Gedichte über seine Dackeldame Evita, die so klingen: Ich liebe es, Dein Fell zu streicheln. Du lieber, du besonderer Hund. Einen Klaps willst du gerne haben. Stolz wie ein Papst empfängst du Schelte wie eine Gnade. Vor hundert Jahren haben die Engländer trotz ihrer angeblichen Tierliebe auf der Straße Dackel getreten, nur weil das deutsche Hunde waren (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Lodenmäntel).

Das Gedicht A mon Teckel klingt natürlich im Französischen eindrucksvoller: J'aime caresser ton poil, toi mon cher chien spécial. Tu aimes les papouilles. Fier comme un pape, tu reçois les réprimandes comme une grâce. Ob Elizabeth über ihre corgwun schreibt (die auf diesem Cartoon von Carl Giles gerade über die Palastwache herfallen - was übrigens die royale dänische Dackelhündin auch getan hat), wissen wir nicht. Noch mehr Cartoons von Giles zum Thema Königin finden Sie ➱hier. Dass die Königin Bücher liest, das wissen wir inzwischen dank ➱Alan Bennetts Buch The Uncommon Reader. In dem natürlich auch corgwn vorkommen.

Das Gedicht des heutigen Tages heißt On Monsieur’s Departure, es wurde von der Königin Elizabeth I von England geschrieben

I grieve and dare not show my discontent,
I love and yet am forced to seem to hate,
I do, yet dare not say I ever meant,
I seem stark mute but inwardly do prate.
I am and not, I freeze and yet am burned,
Since from myself another self I turned.

My care is like my shadow in the sun,
Follows me flying, flies when I pursue it,
Stands and lies by me, doth what I have done.
His too familiar care doth make me rue it.
No means I find to rid him from my breast,
Till by the end of things it be supprest.

Some gentler passion slide into my mind,
For I am soft and made of melting snow;
Or be more cruel, love, and so be kind.
Let me or float or sink, be high or low.
Or let me live with some more sweet content,
Or die and so forget what love ere meant.

Montag, 20. April 2015

Elba


Irgendwie hat ihm sein kleines Reich auf Elba nicht gefallen, Fürst von Elba klingt ja auch nicht so großartig wie Kaiser von Frankreich. Bonaparte will wieder zurück nach Paris. Heute vor zweihundert Jahren erreicht er die Hauptstadt. Niemand hatte ihn aufhalten können, auch ➱Michel Ney nicht, der dem König versprochen hatte, ihm Napoleon in einem eisernen Käfig zu bringen. Historiker reden von der Herrschaft der Hundert Tage. Christian Dietrich Grabbe hat dieses Interregnum in sein Theaterstück Napoleon oder die hundert Tage (hier im ➱Volltext) hineingeschrieben.

Am Ende des kurzen Glorienscheins steht die Schlacht von Waterloo. Die kommt in diesem Blog immer wieder vor, sie könnten ➱hier schon einmal anfangen zu lesen. Ähnlich wie Napoleon ist Lord Byron ein häufiger Gast in diesem Blog. Der Bestseller unter den vielen Posts ist eindeutig ➱Lord Byrons Schuhe. Unser englischer Lord hat es nicht ausgelassen, über Napoleon zu dichten (Sie können ➱hier mehr dazu lesen). Byron fand auch das Gedicht The Field of Waterloo (hier im ➱Volltext) von seinem Dichterkollegen Sir Walter Scott gar nicht so schlecht. Andere waren nicht dieser Meinung. Auf jeden Fall der Verfasser des anonymen Vierzeilers:

On Waterloo's ensanguined plain
Full many a gallant man was slain,
But none, by sabre or by shot,
Fell half so flat as Walter Scott.

Leider müssen die Gedichte auf Napoleons Fall immer ganz lang sein, kein Dichter kann sich so kurz fassen wie Wilhelm Busch mit Eins, zwei, drei – ich zähl' herum –. Der Louis ist Napolium! Gut, ich gebe zu, dass das ein anderer ➱Napoleon ist, aber wir finden leider wenig kurze Gedichte. Auch im Deutschen nicht, da haben wir eher so etwas wie das fürchterliche Gedicht Die Rosse von Waterloo von ➱Theodor Drubisch. Wir haben auch Heines Nach Frankreich zogen zwei Grenadier', Die waren in Rußland gefangen. Das kann ich dank meines Opas auswendig, aber ich habe es schon in dem Post ➱Harry Heine abgedruckt, das gibt es jetzt nicht noch einmal.

Lord Byron verehrte (wie Heinrich Heine) Napoleon, den ich mit dem Bild von ➱Jean-Antoine Gros in seiner ganzen jugendlichen Schönheit abbilde. Als Napoleon 1814 stürzte, schrieb Byron: Out of town six days. On my return, found my poor little pagod, Napoleon, pushed off his pedestal;—the thieves are in Paris. It is his own fault. Like Milo, he would rend the oak; but it closed again, wedged his hands, and now the beasts—lion, bear, down to the dirtiest jackall—may all tear him. Und macht sich sofort daran, seine ➱Ode an Napoleon zu schreiben:

'Tis done---but yesterday a King!
And armed with Kings to strive---
And now thou art a nameless thing:
So abject---yet alive!
Is this the man of thousand thrones,
Who strewed our earth with hostile bones,
And can he thus survive?
Since he, miscalled the Morning Star,
Nor man nor fiend hath fallen so far...


Als Byron von Napoleons Marsch auf Paris hört, schreibt er: It is impossible not to be dazzled and overwhelmed by his character and career. Nothing ever so disappointed me as his abdication, and nothing could have reconciled me to him but some such revival as his recent exploit; though no one could anticipate such a complete and brilliant renovation. Und er schreibt in den Brief vom 27. März 1815 an seinen Freund Thomas Moore (der ➱hier einen Post hat) ein kleines vierzeiliges Gedicht hinein, das den Titel On Napoleon's escape from Elba hat:

Once fairly set out on his party of pleasure, 
Taking towns at his liking, and crowns at his leisure, 
From Elba to Lyons and Paris he goes, 
Making balls for the ladies, and bows to his foes.

Wenn Byron nach der Schlacht von Waterloo hört, dass Napoleon geschlagen sei, fragte er But is it true? Und sagt dann nach einer Pause: I am d----d sorry for it. Byrons Begeisterung für Napoleon (die ➱hier vorzüglich nachgezeichnet ist) ist wie eine Krankheit. Er ist nicht der einzige Nicht-Franzose, der davon befallen wird. Außer unserem Heinrich Heine ist auch Goethe ein Opfer. Der hatten nach seinem Treffen mit Napoleon geschrieben: Ich will gerne gestehen, daß mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser und zwar auf eine solche Weise zu stehen. Und er wird nach Napoleons Tod Manzonis ➱Gedicht Der fünfte Mai (es ist das beste Gedicht, was über diesen Gegenstand gemacht worden) ins Deutsche übertragen. Und wenn er das deklamiert, dann verwandelt sich der alte Herr: Er war wie in einem verklärten Zustande, dabei ganz ergriffen, das Feuer blitzte aus seinen Augen.

Wenn es nach Blücher gegangen wäre, dann hätte man Napoleon hingerichtet. Aber da war wieder die romanhafte Großmuth Wellingtons dagegen, der unserem Marschall Vorwärts schrieb: Ich wünsche daher, daß mein Freund und College die Sache so ansehen möchte, wie ich es thue; ein solcher Act würde unsere Namen mit Verbrechen befleckt der Geschichte überliefern, und die Nachwelt würde von uns sagen, daß wir nicht werth gewesen wären, Napoleon’s Sieger zu sein. Außerdem würde eine solche That nutzlos sein und kann keinen Zweck haben.

Samstag, 18. April 2015

Neo Rauch


Sportler zu malen, scheint die Maler nicht wirklich zu interessieren. Wir haben zum Ende des 19. Jahrhunderts zwar einige Bilder vom ➱Rudern, ➱Bogenschießen oder vom ➱Cricket, aber kaum welche vom Fußball. Und man muss bis zum 20. Jahrhundert warten, bis George Bellows Dempsey und Firpo malt. Interessant sind bei ➱Bellows die Körper, die ein wenig von den kunstvoll verdrehten Körpern von El Greco haben. Und auch ein wenig von der figurativen Malerei von Neo Rauch.

Aber der Fußball ist in der Malerei unterrepräsentiert, da ist man schon für ein solches Bild dankbar. So müssen Torwarte bei einer Robinsonade aussehen. Die Robinsonade ist nach John William "Jack" Robinson benannt, dem ersten Torwart, der im Fluge alle Torecken erreichte. Vorher stellte man die Dicken ins Tor, die kaum laufen konnten. Torwarte waren meine Helden, als ich noch ➱Straßenfußballer war, und es gibt in den Posts ➱Goalies, ➱Bert Trautmann, ➱Hannover 96 und ➱Albert Camus eine Menge über Torwarte zu lesen.

Das Bild oben, das über drei Meter breit ist, ist natürlich von Alexander Deineka, es kam hier im Blog schon einmal vor, weil der Meister der sozialistischen Realismus ➱hier einen Post hat. In dem Post werden leider (ebenso wie in den Posts ➱Sir John Henry von Schroder und ➱Albert Pinkham Ryder) auch etwas abfällige Bemerkungen über Neo Rauch gemacht. Der feiert heute seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag, da will ich nichts Böses über ihn sagen. Nur, dass Alexander Deineka viel besser ist als er. Dieser Torwart von Victor Ivanov aus den fünfziger Jahren, zeigt, dass die Verherrlichung der Welt des Sports aus den dreißiger Jahren, die wir überall bei Deineka finden, für die sowjetische Malerei immer noch ein Thema ist.

Im Katalog der Hamburger Kunsthalle zu der Ausstellung Müde Helden, die Ferdinand Hodler, Alexander Deineka und Neo Rauch gewidmet war, äußert sich Neo Rauch (der hier sein Wespenstich Trauma verarbeitet - oder die Kritiker abwehrt) zu seinen potentiellen Vorbildern: Ich stoße in diesem Fächer, der hier vor mir aufgeschlagen wird, auf eine ganze Reihe von Arbeiten, die ich nie zuvor gesehen habe, und bin bass erstaunt, dass manches von all dem mir bislang unbekannt Gewesenen in meiner Arbeit eine Art Widerschein darstellt. Das klingt jetzt ein wenig so, als ob der Freiherr von und zu ➱Guttenberg über seine Doktorarbeit redet.

Neo Rauch drückt sich immer sehr gewunden aus. Auf die Frage Hat El Greco für Sie schon lange eine besondere Rolle gespielt? sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen: Nein, eigentlich nicht. Er stand immer im zweiten Glied der mich beeinflussenden Malerpersönlichkeiten, vielleicht sogar eher im dritten. Aber das ändert sich ja. Die Reihenfolge der Einflusslinien verschiebt sich, mäandernd mitunter, und je nachdem wie nahe ich mich selbst an die Persönlichkeit, an das Werk heranbewege, zeigt sich dann, ob die Anziehungskraft ungebrochen ist oder ob sie sich gar völlig unerwartet kraftvoll entfaltet. Und so ist es mir jetzt mit El Greco gegangen. 

Das Köstlichste dazu sind allerdings die Leserkommentare. Wie zum Beispiel: Das bedeutungsschwangere Geschwätz eines Geniekapitalisten. Groß und wichtig baut er aus zusammengeklauten Ikonographien die Fallen für die Kunsthistoriker, die in diesem Brei aus Geschmacksverstärkern immer das zu finden glauben, was über ihr Wissen und ihre Erfahrung hinauszugehen scheint, ihre Teilhabe an dem vermeintlich Großen durch reinen Glauben, der sich als Bewunderung, ausgedrückt als gebildete Kennerschaft, Bahn schafft. Der Kaiser ist ja nackt!

Die großformatigen Bilder von Neo Rauch sind sicherlich leicht zu kopieren (man kann, wie das ein gewisser Christian Holtmann tut, sogar Neo Rauch kopieren). Ein Wolfgang Beltracchi könnte bestimmt ein halbes Dutzend Rauchs in der Woche malen, wenn er wollte. Einen echten falschen ➱Odd Nerdrum zu malen, ist schon etwas schwieriger. Dies hier ist kein Neo Rauch, ist aber auch keine Fälschung. Es ist ein Bild von Rosa Loy, die die Ehefrau von Neo Rauch ist.

Dies Bild von Neo Rauch aus der Kieler Kunsthalle begegnet mir immer wieder, weil die Kunsthalle es auf ihre länglichen Eintrittskarten gedruckt hat, die man prima als Lesezeichen nehmen kann. Ich habe eine ganze Menge davon. Und so taucht es immer wieder an ganz unvermuteten Stellen in Büchern auf. Auf der Seite der Museen Nord findet man eine Interpretation (mit vielen Fragezeichen im Text) von einer Marta Wrage, die auch ständig Führungen in der Kunsthalle anbietet. So etwas vermeide ich. Solche Interpretationen auch. Ich vermeide auch Neo Rauch, obgleich er als Lesezeichen ganz nützlich ist. Leider haben die kein Bild von Alexander Deineka in der Kunsthalle.

Also dies zum Beispiel. Das hätte ich viel lieber auf den Eintrittskarten als das Bild von dem Mann im Moor von Neo Rauch. Der Mann ist ein Produkt der Postmoderne, an dem sich die Geister scheiden. Werner Spies hat vor fünf Jahren lobhudelnde Dinge über ihn gesagt, aber sein Ruf ist nach dem letzten Kunstfälscherskandal arg beschädigt. Ich habe schon vor Jahren die Bücher des Meisters des Kunstgeschwafels in die zweite Reihe gestellt. Da hatte ich gerade seine Laudatio auf Anselm Kiefer zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Jahre 2008 im Fernsehen gesehen.

Es geht bei dieser ganzen farbigen Bemalung von sehr großen Leinwänden auch um viel Geld. Für die Summen, die man für einen Neo Rauch auf den Tisch legen muss, kann man schon schöne englische Landschaften aus dem 18. Jahrhundert bekommen. Das wäre mir lieber. Und ich begnüge mich auch gerne mit dem, was ich auf Flohmärkten und bei meinem geliebten Hinterhofhöker finde. Wie diese kolorierte Zeichnung einer jungen rothaarigen Dame in grünem Kleid. ➱Damenmode der frühen fünfziger Jahre, Ballerinas an den Füßen wie ➱Audrey Hepburn. Der Zeichner könnte für eine Illustrierte gearbeitet haben. Es ist nicht Hildegarde van Gülick, aber doch mit professionellem Strich gezeichnet. Ich habe Glas und Rahmen grob gesäubert und bin damit zu Frau Petrich bei mir um die Ecke. Anja Petrich (Bild) hat ein Geschäft, das Bild und Rahmen heißt, und sie ist eine Meisterin im Rahmen von Bildern. Der Rahmen wird neu verleimt, und meine rothaarige Schönheit aus den fifties bekommt ein neues Passepartout. Und ist dann viel schöner als jeder Neo Rauch. Und billiger.

Ich bin nicht der einzige, der an dem großen Künstler mit den großen Bildern herumkrittelt (schauen Sie doch einmal in diesen ➱Blog), der inzwischen zu den Großverdiener des Kunstbetriebs zählt und so viel verdient wie Bundesligaspieler. Oder Trainer. Neo Rauch ist inzwischen in der Champions League der Millionäre angekommen, da wo Gerhard Richter, Damien Hirst (das ist der mit den Kühen in Formalin, er wurde schon in dem Post ➱Louis Vuitton erwähnt) und Anselm Kiefer sind. Es lohnt vielleicht nicht, Bilder von Neo Rauch als Spekulationsobjekt zu kaufen. Diese Sorte Kunst ist eine gefährliche Sache. Also zum Beispiel Jack Vettriano, der ja auch so ähnliche Bilder malt. Sein Singing Butler, den wir alle als ➱Postkarte haben, wurde vor Jahren für 744.000 Pfund Sterling verkauft. Heute sind die Jack Vettriano Preise im Keller.

Doch noch ist Rauch gut im Geschäft (obgleich es schon Warnzeichen gibt, bei Frölich und Kaufmann wird der Brüsseler Neo Rauch Katalog schon für 9,95 verramscht). Wäre es nicht langsam Zeit für einen ➱Rolls Royce? Bernard Buffet, der auch so figurativ wie Neo Rauch malte, hatte auch einen. Dem Meister der Leipziger Schule scheint diese Frage schon häufiger gestellt worden zu sein: Ich kann Ihnen versichern: Hier in Leipzig haut keiner auf die Kacke. Hier jedenfalls fährt keiner Rolls-Royce. Es gibt eben Autos, die nicht nach Leipzig passen, und das nicht nur der Schlaglöcher wegen. Die Leute, die ich kenne und schätze, die sind enorm fleißig und haben keine Zeit, extravaganten Neigungen nachzugehen. Wenn man so viel verdient wie Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Lionel Messi und Wayne Rooney, dann können einem die Kritiker mit ihren Dackelbissen eh egal sein. Manche aus dem Kunstgeschäft haben die Zeichen der Zeit erkannt. Der bekannte Berliner Galerist Ben Kaufmann hat seine Galerie geschlossen, um eine Ausbildung zum professionellen Fußballtrainer zu machen.

Wenn der Schüler des Vorzeigemalers der DDR Bernhard Heisig (der mit Rauchs Bildern nichts anfangen konnte) sagt: Ich sehe mich Anwürfen und Dackelbissen ausgesetzt, dann sollte er bedenken, dass das Beschimpfen von Künstlern nichts Neues ist. Am besten sind darin andere Kollegen, wie zum Beispiel Joseph Beuys: Und ich habe etwas bei den Müllabfuhrleuten gesehen, was ich bei den Scheißkünstlern vermisse, denn die Künstler sind zum großen Teil opportunistisch, sie sind Arschlöcher, das muss ich jetzt auch mal sagen. Die Künstler sind die reaktionärste Klasse. Eigentlich gibt es ja keine Klasse mehr, aber die Künstler sind so reaktionär, dass sie schon fast wieder eine neue Klasse bilden. Ich habe das Zitat aus dem wunderbaren Band Künstler beschimpfen Künstler, der 1997 im Heimatort von Neo Rauch erschienen ist.

Fußballspieler sind, wie schon gesagt, leider selten ein Gegenstand der Kunst, da muss man für Alexander Deinekas bildliche Verherrlichung von Sportlern in den dreißiger Jahren schon dankbar sein. Fußballspieler scheinen auch keine Kunst zu kaufen, obgleich sie sich leicht einen Neo Rauch leisten könnten. Fußballspieler kaufen sich eher einen Jaguar E Type wie ➱Georgie Best oder einen Aston Martin wie Marco Reuss. Mirko Slomka, vor einem Jahr noch Trainer beim HSV, hätte sein Geld vielleicht besser in einen Neo Rauch oder solch einen hübschen Fußballspieler von Renée Sintenis angelegt, statt es diesem Maschmeyer zu geben.

Das bringt mich wieder zurück zum Anfang, zum Fußball, zu Torwarten, die heute nicht mehr Theodor heißen. Aber auch ganz schön verdienen können. Dieses Bild ist nicht von Neo Rauch, Victor Ivanov oder Alexander Deineka, das ist von dem Engländer ➱Cecil Beaton. Der wahrscheinlich noch berühmt ist, wenn man Neo Rauch vergessen hat.

Viele Fußballspieler werden ebenso vergessen wie viele Maler. Aber an manche wird man sicher immer noch erinnern. Ich habe Pico Schütz (auf dem Photo rechts neben ➱Uwe Seeler), der vor wenigen Tagen starb, noch spielen sehen. Er gehört zu den Spielern von ➱Werder Bremen, die man wie ➱Dragomir Ilic, Horst Höttges oder Sense Ackerschott nie vergisst.

In Österreich hat man ➱Mathias Sindelar aus dem Wiener Arbeiterstadtteil Favoriten, den Kapitän des legendären Wunderteams, nicht vergessen. Hier ist das österreichische Nationalteam von Paul Meissner gemalt, das Bild von 1948 zeigt die Mannschaft und ihren Trainer Hugo Meisl beim Einlauf in das Stamford Bridge Stadion im Jahre 1932. In der Pause lagen die Österreicher mit 0:2 zurück, danach hat Meisl (korrekt mit Anzug, Mantel, Hut und Spazierstock) seine Spieler mit den Worten Spüts euer Spüü! zurück auf den Rasen geschickt. Die Engländer gewannen das Freundschaftsspiel mit 4:3, und die Times feierte Sindelar als einen der besten Spieler der Welt.

Wenn die Maler die Fußballhelden schon nicht malen, die Dichter besingen sie, wie man dem Post ➱Fußballpoesie entnehmen kann. Der österreichische Friedrich Torberg hat Mathias Sindelar mit dem Gedicht Auf den Tod eines Fußballspielers ein kleines Denkmal gesetzt:

Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Mathias Sindelar.
Er stand auf grünem Plan inmitten,
weil er ein Mittelstürmer war.

Er spielte Fußball, und er wußte
vom Leben außerdem nicht viel.
Er lebte, weil er leben mußte,
vom Fußballspiel fürs Fußballspiel.

Er spielte Fußball wie kein zweiter,
er stak voll Witz und Phantasie.
Er spielte lässig, leicht und heiter.
Er spielte stets. Er kämpfte nie.

Er warf den blonden Schopf zur Seite,
ließ seinen Herrgott gütig sein,
und stürmte durch die grüne Weite
und manchmal bis ins Tor hinein.

Es jubelte die Hohe Warte,
der Prater und das Stadion,
wenn er den Gegner lächelnd narrte
und zog ihm flinken Laufs davon –

bis eines Tags ein andrer Gegner
ihm jählings in die Quere trat,
ein fremd und furchtbar überlegner,
vor dem’s nicht Regel gab noch Rat.

Von einem einzigen, harten Tritte
fand sich der Spieler Sindelar
verstoßen aus des Planes Mitte,
weil das die neue Ordnung war.

Ein Weilchen stand er noch daneben,
bevor er abging und nachhaus.
Im Fußballspiel, ganz wie im Leben,
war’s mit der Wiener Schule aus.

Er war gewohnt zu kombinieren,
und kombinierte manchen Tag.
Sein Überblick ließ ihn erspüren,
daß seine Chance im Gashahn lag.

Das Tor, durch das er dann geschritten,
lag stumm und dunkel ganz und gar.
Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Mathias Sindelar.

Morgen ist ein Schicksalstag für Uwe Seelers alten Verein. Wird es dem neuen Trainer Bruno Labbadia gelingen, eine Mannschaft aufzustellen, die Werder Bremen schlägt? Oder wird der HSV in der nächsten Saison mit Holstein Kiel in einer Liga sein?