Samstag, 18. Oktober 2014

Lederjacken


Der englische General John Burgoyne (den alle Gentleman Jonny nennen) wäre wahrscheinlich lieber tot umgefallen, als so etwas anzuziehen, was der amerikanische Colonel Daniel Morgan (hier ganz in weißem Leder) trägt. Selbst wenn er in ➱Saratoga mit einer ganzen englischen Armee kapitulieren muss. Da trägt man doch immer noch stilvoll die englische rote Uniform mit weißen Hosen. Und nicht das hunting shirt des amerikanischen Lederstrumpfs. Daniel Morgan, der wenig später General sein wird, hat ➱hier schon einen Post. Und über die buckskin Mode können Sie in dem Post ➱amerikanische Dandies mehr lesen. Morgan ist der einzige amerikanische Offizier, der nicht in blauer ➱Uniform erschienen ist, er ist stolz auf seine Lederkleidung.

Der Herbst steht vor der Tür, ich habe gerade meine dicke fette Lederjacke von Gimo's aus dem Schrank geholt. Da dachte ich mir, ich schreibe mal über Lederjacken. Das wird heute allerdings etwas schwierig, denn die Lederjacke ist ein Kleidungsstück, das nicht unbedingt den Zuspruch aller Herren findet. Ich lasse jetzt einmal schwarze Lederjacken mit Nieten auf dem Rücken, die auch ihren analphabetischen Trägern Hells Angels sagen, draußen vor. Auch Imitationen von Fliegerjacken aus verschiedenen Kriegen sollen hier nicht erwähnt werden. Sie kommen schon in dem Post ➱Hartmann vor.

Hollywood hat natürlich dazu beigetragen, das Kleidungsstück berühmt zu machen. Die Jacke von The Fonz Fonzarelli ist heute im Smithsonian. Was aus Marlon Brandos Schott Perfecto Jacke geworden ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass in einem Übersetzungskurs ein Mädel es hingekriegt hat, The Wild One mit Die wilde Eins zu übersetzen. Das sind so Sachen, die man nie vergisst. Wenn man eine schwere Pferdelederjacke von Schott trägt, dann ist das schön und gut. Wenn man ein echter Rocker oder ein amerikanischer Streifenpolizist ist.

Da ich bei Marlon Brando bin, sollte ich vielleicht noch eine andere Lederjacke erwähnen. Nämlich die, die er (hier mit Joanne Woodward) in dem Film Orpheus Descending trägt. Die deutsche Verleihversion des Films hatte den einprägsamen Titel Der Mann in der Schlangenhaut. Wir merken uns an dieser Stelle einfach nur, dass Lederjacken aus Schlangenhäuten, Fischhäuten und allen Tieren, für die man ein CITES Zertifikat braucht, nichts für den Mann von Welt sind. Krokodillederschuhe auch nicht. Das einzige, wofür man tote Krokos gebrauchen kann, sind Armbänder für Uhren.

Manchen Leuten wollen wir es erlauben, so etwas zu tragen. Wie diesem Herren hier, der Johnny Hallyday heißt. Der hat sein Leben lang nichts anderes getragen. In den sechziger Jahren lief er mit dem blonden Schnuckelchen Sylvie Vartan im Partnerlook in Leder rum, erstaunlicherweise hat ihre Ehe fünfzehn Jahre gehalten. Das hätte ich damals nicht geglaubt. Hier ist er bei seinem Konzert in Moskau im Jahre 2012, da ist er auch schon im Rentenalter. Aber irgendwie steht ihm das Leder. Und wir gestehen alle alten Rocksängern das Tragen von schwarzen Lederjacken zu. Selbst jemanden wie Udo Lindenberg, bei dem man allerdings nicht weiß, ob der jemals auf die Bühne gehörte. Ich weiß auch nicht so ganz, wie Wolf Biermann (der natürlich eine schwarze ➱Lederjacke hat) das gemeint hat, als er Lindenberg das Fettauge in der westdeutschen Wassersuppe nannte. Ich habe den Satz schon in dem Post ➱Ingeburg Thomsen zitiert, bringe ihn aber gerne noch einmal. Weil ich dann diesen Post erwähnen kann, der bei Googles Trefferliste ganz oben steht.

Während schwarze Lederjacken an französischen Chansonniers nichts Außergewöhnliches sind, finden wir sie in einem spezifisch französischen Filmgenre kaum. Diese beiden Herren spielen in Wenn es Nacht wird in Paris Gangster. Was tragen sie? Die Produkte der Pariser Schneiderkunst (lesen Sie mehr in dem Post ➱Lino Ventura), keine Lederjacken. Lederjacken sind Taxifahrern und Kleinkriminellen vorbehalten, der französische Gangster ist (das war schon im amerikanischen Gangsterfilm der zwanziger und dreißiger Jahre so) modebewusst. In Deutschland finden wir Leder in Gangsterkreisen auch, der schwarze Ledermantel, den ➱Gustav Gründgens in dem ➱Film M – Eine Stadt sucht einen Mörder trägt, wird hier bald Mode machen. Bei der Gestapo. Aber das lassen wir jetzt mal (wie die Lederjacke der russischen Politkommissare) lieber weg.

Die Zugehörigkeit zu bestimmten Clans, die die Schotten einst durch ihre ➱Tartans dokumentierten (ein Wort übrigens, dass die selbsternannte Modefachfrau Barbara Vinken in einem TV-Interview nicht drauf hatte, sie redete ständig von Tartar), ist modisch gesehen eine problematische Sache. In München ist es wahrscheinlich O.K., Jacken von Belstaff zu tragen. Das tut die halbe Mannschaft von Bayern München. Möchte man so aussehen? Belstaff ist ja auch schon lange keine englische Firma mehr. Wenn man diese Marke schon trägt, dann sollte es möglichst eine echte englische Belstaff Modell Black Prince aus dem Jahre 1943 sein. Das trägt dieser Herr auf dem Motorrad. Ich trage auf meinem massiven alten Damenfahrrad immer eine quietsch-orange Nylon Jacke von Allegri.

Das einzige, was in diesem Bereich akzeptabel wäre, wäre eine echte alte Jacke von Easy Rider auf der Reeperbahn. Da war ich mal mit meinem Bruder, der sich dort eine braune Easy Rider Jacke gekauft hatte. Die verkauften sich da wie geschnitten Brot. Ob sie auch das Outfit für Honor Blackman in der Rolle der Pussy Galore lieferten, weiß ich nicht so genau, Leder BHs gab es da aber schon im Laden. Auf dies Bild bin ich gestoßen, als ich Easy Rider-St Pauli-Lederjacke bei der Bildersuche eingab.

Ich gelangte so auf den Post ➱Cathy Gale, der Honor Blackman gewidmet ist (und der wird leider viel zu wenig gelesen). Damals vermuteten meine Leser wohl noch nicht, dass ich auch über Bond Girls schreiben würde. Aber wir verlassen mal diesen ganzen Bereich, in dem das Leder einen Fetischcharakter hat. Allerdings nicht ohne noch eben dieses Filmbild von Alain Delon und Marianne Faithfull zu zeigen. Ist aus einem Film von 1969, der - und darauf würden Sie jetzt nicht kommen - Nackt unter Leder heißt.

Der Easy Rider Laden (der natürlich nach dem➱ Film benannt wurde, der im gleichen Jahr wie Nackt unter Leder in die Kinos kam) gehörte einem richtigen Grafen, einem Rolf Graf von Hardenberg. Der ist vor einigen Jahren gestorben, da war auch Tim Mälzer bei der Beerdigung. Weil er jahrelang im Easy Rider gejobbt hatte. Die Lederjacke meines Bruders sah am Anfang toll aus, hat aber nicht so lange gehalten, wie Lederjacken eigentlich halten sollten. Nach ein paar Jahren konnte man die schlechte Verarbeitung und die schlechte Qualität des Leders sehen. Na ja, ein easy rider ist im amerikanischen Slang ein Nuttenpreller, das ist ja weniger bekannt.

Haltbarkeit ist nun genau das, was der Träger von Lederjacken haben will. Lederjacken müssen lange halten. Meine erste Lederjacke kam aus einem Laden in Bremen, wo der Meister die Dinger noch selbst anfertigte. Es war eine Wildlederjacke, die einige Zeit brauchte, bis der feingeschliffene Lederstaub verschwand. Nordseewind und Dünensand auf Langeoog halfen dabei. Ich habe sie immer noch, sie ist inzwischen über fünfzig Jahre alt. Sie ist ein büschen lütt, sieht aber immer noch gut aus.

Wahrscheinlich habe ich mir deshalb die ultimative Wildlederjacke, die Valstar Valstarino, nicht bei Kelly's für neunhundert Euro gekauft, sondern für 22,80 € bei ebay ersteigert. Valstar ist eine Firma, die für ihre Qualität berühmt ist. Ich hatte mal einen Valstar Regenmantel, der hat länger gehalten als jeder Burberry. Wildlederjacken sind ein Problem, irgendwie sind sie doch eher etwas für Leute, die einen Schlips zur Lederjacke tragen. Vor allem, wenn sie von Rupp & Taureck kommen. Deutsche Hersteller von Lederjacken sind eh mit Vorsicht zu genießen. Kapraun hat einen sehr guten Ruf, was die Qualität betrifft. Aber wie sehen die Jacken aus?

Wir wollen einmal österreichische Firmen wie Frauenschuh und Handstich von der Kritik ausnehmen, die sind im Augenblick schwer angesagt. Und dann gibt es da noch die Kölner Firma Hack, die von Manufactum angespriesen wird: Aus Rindleder regionaler Herkunft wird diese von der Motorradbekleidung der 1960er Jahre beeinflußte Jacke von Hack in Köln gefertigt. Das 1 mm starke Leder kommt aus dem Taunus, wo es traditionell nur mit pflanzlichen Gerbstoffen gegerbt wird. Die Spuren eines Tierlebens (Dornenrisse, Stiche) werden durch die Faßfärbung bewußt nicht mit Farbe zugespritzt und abgedeckt. Wer schreibt da nur diese Texte? Ich vermute ja immer, dass das gescheiterte Germanistikstudenten sind, die den Taxischein nicht geschafft haben.

Eigentlich gehen für Lederjacken nur Italiener, wie Gimo's oder LaMatta. Und natürlich Franzosen. Wenn sie Seraphin (die auch Jacken und Mäntel für Hermès machen) heißen. Die von Henri und Seraphina Zaks in Paris gegründete Firma mit dem wunderbaren Werbespruch Un ange passe, Un Séraphin est éternel verdankt ihren Aufstieg diesem Herrn hier (lesen Sie ➱hier alles dazu). Ich habe die Firma schon in den Posts ➱Waltz into Darkness und ➱Endzeit erwähnt, aber sie braucht von mir keine Reklame, sie stellen das ultimative Produkt her. Nicht immer geschmackssicher (eben sehr französisch), und die Größen stimmen nie, aber die Qualität ist traumhaft. Ich besitze einen Mantel von der Firma, antikisiertes Leder und federleicht.

Überhaupt nicht federleicht sind Jacken aus Pferdeleder. Ich habe eine von Uli Knecht, ich weiß nicht, ob ich die in diesem Leben noch weich kriege. Aber so eine fette Pferdelederjacke macht schon etwas her. Am besten mit einer ganz dunklen Sonnenbrille, it's never too dark to be cool. Als Uli Knecht, der inzwischen wie ➱Thomas Rusche von der Firma Soer auch Kunst sammelt, seinen ersten Laden aufmachte, gab es bei ihm Hemden von Guy Rover und Orian und Schuhe von Alden. Und ansonsten gab es Kiton und Caruso. Und Lederjacken. Aus dem Laden ist ein kleines Imperium geworden, und wenn es mit den Marken ein wenig nach unten gegangen ist, die Lederjacken von Uli Knecht haben einen sprichwörtlich guten Ruf.

Ein anderer Deutscher, der ein kleines Imperium hat (obwohl das ständig von der Insolvenz bedroht ist), ist Hein Gericke. Was hat der Sohn eines Berliner Chirurgen nicht schon alles gemacht? Seine Läden für Motorradfahrer gibt es überall in Deutschland, der größte Motorradhändler der Welt ist er auch einmal gewesen. Auch im Geschäft mit Luxusfahrrädern hatte er einmal sein Finger. Hier hervorzuheben ist sein leider kurzlebiges Unternehmen Hein Gericke Classics in Düsseldorf. Die hatten hervorragende Lederjacken im Angebot. Und da ich bei untergegangen Firmen bin, sollte ich noch Baldessarini erwähnen. Als die Firma (die ➱hier einen langen Post hat) noch zu Hugo Boss gehörte, machte die auch sehr gute Lederjacken.

Lederjacken sind, wie gesagt, nicht für jeden etwas. Bertolt Brecht (hier auf einem Bild von Rudolf Schlichter), der sie gerne trug, wollte mit dem Kleidungsstück wohl seine Ablehnung des bürgerlichen Establishments ausdrücken. Uwe Johnson wohl auch. Für ➱Arno Schmidt war die scheußliche grüne Lederjacke (die in seinem Werk häufiger auftaucht) wahrscheinlich nur ein praktisches Kleidungsstück. Sie ist heute in einem Museum, wie so viele andere Lederjacken von Prominenten. Heinz Rudolf Kunze, der in einem Text die schönen Zeilen hat Alle hatten sie mehr Frauen als ich. Dafür habe ich mehr Lederjacken, hat gerade eine seiner Jacken einem Museum gespendet. Auch Peter Maffay - der ohne Lederjacke nicht denkbar ist - hat schon Lederjacken für einen guten Zweck gespendet. Wo die Lederjacke geblieben ist, die Udo Lindenberg dem Erich Honecker geschenkt hat, weiß ich nicht. Aber wir kennen natürlich alle die Verse aus dem Sonderzug nach Pankow:

Honey, ich glaub', Du bist doch eigentlich auch ganz locker
Ich weiß, tief in dir drin, bist Du eigentlich auch'n Rocker
Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an
Und schließt Dich ein auf'm Klo und hörst West-Radio

John Harvey sagt in seinem ➱Buch Men in Black: This is not to suggest that street black, the youth sub-culture use of black, is necessarily fascistic, hell's angelic, or street-dangerous. The black leather-jacket, as the anti-uniform of rebels without causes, is associated not only with Brando but also with James Dean, in essence, or in myth, the non-violent, non-dangerous, tragic rebel soul. Ach, wie schnell kann man heute zu einem Nachfolger des Byronic Hero mit einer tragic rebel soul werden. Einfach eine schwarze Lederjacke kaufen, und schon ist man einer dieser rebels without causes. Ich lasse diese Uniform jetzt einmal weg, mehr kann man dazu in Mick Farrens The Black Leather Jacket lesen.

Die schwarze Lederjacke hat viel von ihrer Gefährlichkeit verloren. Die Welt von The Wild One und Scorpio Rising ist längst vergangen. Im Jahre 1958 schrieb die Zeit unter dem Titel LederjackenDer Bremer Wirtschaftssenator Hermann Wolters wurde letzte Woche auf dem Markt der Bonner Altstadt von drei jugendlichen Banditen niedergeschlagen und seiner Barschaft in Höhe von 800 DM beraubt. Wolters lag fast eine Stunde besinnungslos, bevor Passanten ihn fanden. Wichtiger Hinweis der Polizei: der Haupttäter trug eine Lederkombination, wie Motorradfahrer sie tragen. Also auch hier wieder: die „Lederjacken“. Die Polizeiberichte allüberall im Land sind voll von solchen gefährlichen Übergriffen jugendlicher Banditen. Ihr Radius ist durch die Motorisierung ziemlich groß. Daß sie in Rudeln auftreten, macht alles so gefährlich. Sie verteilen Anerkennung nach der „Kühnheit“ der Taten. Das ergibt den Straßenraub aus Angabe. Wir wissen, dass die Geschichte nicht wahr ist (lesen Sie ➱hier mehr dazu), der Bremer Senator war nur hackevoll aus einem Bonner Bordell auf die Straße befördert worden.

Der Artikel der Zeit suggeriert ein Übergreifen einer angeblichen amerikanischen Bewegung von der The Wild One nur die Spitze eines Eisbergs zu sein schien. Und so musste natürlich auch ein Film wie Die Halbstarken 1956 gedreht werden (in dem Horst Buchholz nicht mal eine Lederjacke trug) und die Furcht vor den Halbstarken geschürt werden. Der Soziologe Helmut Schelsky diagnostizierte in seinem Buch Die skeptische Generation 1957 hier schon so etwas wie eine nationale Hysterie: in dieses aus publizistischen Gründen aufgeblasene Schlagwort ist von der Jugendkriminalität über die Jugendverwahrlosung, von Jugendstreichen und -flegeleien bis zu dem Konsumrowdytum gelegentlicher Alkoholexzesse, von den Jazzfans und Beboptänzern bis zu den Motorradrasereien und den Krawallen und Aufläufen so ziemlich alles hineingestopft worden, was den Erwachsenen als "Notstand" oder wenigstens als unerfreulich, wenn nicht nur unverständlich an der Jugend wieder einmal auffiel.

Wenn wir nun schwarze Lederjacken, die der englische Dichter Thom Gunn ja einmal so gut fand, dass er das Gedicht Black Jacket schrieb (es gibt hier dazu auch noch ein ➱Video), beiseite lassen, was bleiben uns für andere Farben? Grün geht nicht, das haben wir an Arno Schmidt gesehen. Rot? Ich habe Anfang der sechziger Jahre mal einen Typ mit einer roten Lederjacke gesehen, der in einer Aufführung von Bizets Carmen einen Strauß roter Rosen auf die Bühne zuwarf und dann die Oper verließ (ich habe das schon ➱hier erwähnt), das war aber auch die einzige überzeugende rote Lederjacke, die ich je sah. Geht gelb? Ich weiß nicht. Schauen wir doch mal eben in Wladimir Kaminers Onkel Wanja kommt: Eine Reise durch die Nacht: „Tolle Jacke!“, sagte einer der Syrer, der direkt vor dem Imbisseingang stand, und zeigte auf meine dunkelgelbe Lederjacke. Ich nickte. „Ich habe euch Russen sofort bemerkt!“, gab der Syrer an. „Alle Russen tragen Lederjacken, Russen stehen Lederjacken gut“, setzte er philosophisch fort. „Ich komme aus Syrien, mir stehen Lederjacken überhaupt nicht. Meine Frau sagt immer: ‚Zieh die sofort aus, du bist zu groß für eine Lederjacke. Kauf dir lieber ein Sakko.‘“ 

Nein, Lederjacken müssen braun sein. Und aus Italien kommen. Ich hatte mal eine von Henry Cottons, die war wirklich toll. War keine echte Lederjacke, das Mittelteil und die Ärmel waren eine Wachsjacke. Auf den Ärmeln waren aber große Lederflecken. ➱Kelly verkaufte die damals in allen Farben, kostete über tausend Mark und war hier im Ort und auf Sylt Kult. Sie hat sehr lange gehalten (und ist auf tausend Photos), ich trauere ihr noch immer nach. Obwohl die Firma Henry Cottons gute Jacken macht, so etwas hatte sie nie wieder im Angebot. Ich habe mal einen Vertreter der Firma getroffen, ein reizender Mann, der Schüfftan sagte und mir seine Visitenkarte überreichte. Sie tragen einen berühmten Namen, sagte ich. Ja, der Golfspieler, erwiderte er. Von einem Golfspieler namens Schüfftan hatte ich noch nie gehört. Ich meinte natürlich den Filmpionier Eugen Schüfftan, der das Schüfftan Verfahren erfunden und den Filmklassiker Hafen im Nebel photographiert hat (und ➱hier schon im Blog vorkommt). Daniel Schüfftan wunderte sich, dass es jemanden gab, der  ausgerechnet diesen Verwandten kannte.

Mit der Firma Henry Cottons bin ich bei den Italienen gelandet. Heutzutage scheinen alle Qualitätsjacken (Leder und Stoff) aus Italien zu kommen. Wenn sie nicht aus Österreich kommen, neben Frauenschuh und Handstich muss natürlich Schneiders in Salzburg mit seinen Marken Schneiders, Amadeus und Habsburg genannt werden. Wir in Deutschland haben da nichts zu bieten. In den fünfziger Jahren machten Fausel (Wilhelmsdorf) und ➱Regent mal Freizeitjacken, aber die waren ziemlich spießig. Aber was italienische Firmen wie Capalbio (leider von Belstaff geschluckt), Herno, Valstar, Mabrun und Allegri (und wie sie alle heißen) herstellen, das ist schon Qualität. Von auf Leder spezialisierten Firmen wie LaMatta (hier eine Anzeige der Firma aus dem Jahre 1985) oder Gimo's ganz zu schweigen.

Und natürlich haben die renommierten italienischen Firmen meist auch qualitativ hochwertige Lederjacken im Angebot, auch wenn sie sie nicht selbst herstellen. Wenn Luciano Barbera Lederjacken anbietet, dann wird es schon Qualität sein. Ist es auch, ich habe seit Jahren eine. Ich will Ihnen lieber nicht erzählen, was ich bei ebay für eine nagelneue Luciano Barbera Jacke bezahlt habe. Aber den Kaufpreis der schwarzen gefütterten Gimo's Jacke, den will ich Ihnen nicht verschweigen. Das waren zwölf Euro achtunddreißig (plus sieben Euro Porto). Nagelneu. Ich habe ein Händchen für so etwas. Und es macht natürlich viel mehr Spaß, etwas Luxuriöses zu tragen, wofür man keine vierstellige Summe bezahlt hat. Das habe ich wohl schon in dem ➱Post preloved angedeutet. Aber für alle anderen muss ich sagen, dass eine gute Lederjacke preislich leider im vierstelligen Bereich liegt. Und die gibt man dann auch nicht wieder her. Wie die Sportfreunde Stiller sangen:

Ich schenke Dir, ich schenke Dir, schenk Dir mein ganzes Leben.
Meine Lederjacke kriegst Du nicht.
Ich schenke Dir, ich schenke Dir, schenk Dir mein ganzes Leben.
Meine Lederjacke kriegst Du nicht.


Freitag, 17. Oktober 2014

Morgen?


Wenn mich heute so viele Leser lesen wie in den letzten vierundzwanzig Stunden, dann ist morgen die halbe Million voll. Als ich am 11.11.2013 in die Uni fuhr, um mir den Vortrag von Peter Freese anzuhören (lesen Sie mehr in dem Post ➱Rudolf Sühnel), hatte ich gerade eine Million erreicht. Nun sind es nach einem knappen Jahr schon 500.000 mehr. Ich habe das damals mit dem Post ➱Millionär gefeiert. Und natürlich mit einem schottischen ➱Whisky. Ich würde mich gerne so sehen, wie der Maler Peder Severin Krøyer den Maler und Dichter Holger Drachmann gemalt hat: in der Würde des Alters in der Herbstsonne auf einer Parkbank sitzend. Aber ich sitze barfuß am Computer, mit einer zerschlissenen Chino und einem alten Sweatshirt. Immerhin trage ich ein italienisches Luxushemd. Wenn ich aus dem Haus gehe, dann ändert sich das natürlich. Je älter man wird, desto mehr empfiehlt es sich, darauf zu achten, wie man auf andere wirkt.

Mehr Jubiläumsposts: ➱halbe Million, ➱Zahlenspielereien und ➱Jubiläum. Mehr von Peder Severin Krøyer in den Posts ➱Skagen und ➱Nordlichter. Und mehr von Jay: morgen.


Mittwoch, 15. Oktober 2014

Inspector Gently


Die Kathedrale von Durham ist eine der ältesten Kirchen Englands. Sie hat immer wieder Bewunderung hervorgerufen. Der amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne, der dank seiner Freundschaft zu dem Präsidenten Franklin Pierce die Stellung eines amerikanischen Konsuls in Liverpool bekommen hatte, schrieb über die Kathedrale: I paused upon the bridge, and admired and wondered at the beauty and glory of this scene...it was grand, venerable, and sweet, all at once; I never saw so lovely and magnificent a scene, nor, being content with this, do I care to see a better. Solch einen schönen Posten als Konsul hätte ➱Herman Melville auch gerne gehabt, aber alles, was er eines Tages bekommen wird, ist die schlecht bezahlte Stelle eines Zollinspekteurs im New Yorker Hafen.

Melville hat auf seiner Europareise Hawthorne besucht, aber die beiden Freunde hatten sich nicht mehr viel zu sagen. Obwohl Hawthorne in sein Tagebuch schreibt: we soon found ourselves on pretty much our former terms of sociability and confidence, hat dies Treffen nichts mehr von dem glühenden Enthusiasmus, der ihre Freundschaft auszeichnete, als Melville Moby-Dick schrieb. Melville reist ohne großes Gepäck, nur mit the least little bit of a bundle, which . . . contained a night- shirt and a tooth-brush, aber er gibt in Liverpool zur Erleichterung Hawthornes einige Hemden in die Wäscherei. In ➱Liverpool war Melville schon in seiner Jugend gewesen, er hat die Stadt in seinen Roman Redburn hineingeschrieben.

Die Kathedrale von Durham hat Melville nicht gesehen. Er war mit Hawthorne in Chester, aber die Kathedrale rief bei ihm keine große Begeisterung hervor. Die Kathedrale von Durham tauchte vor vier Wochen (ZDF 14. Sep. 2014 ➱hier ganz zu sehen) unerwartet in einem englischen Krimi auf. Der hatte den Titel Todfreunde und hieß im Original Gently in the Cathedral. Irgendwie erinnerte mich diese Folge der Inspector Gently Reihe an den Film Gunfight at the O.K. Corral, weil sie mit einem wüsten Geballer in der Kathedrale endete.

Sind Kathedralen dafür da? Sind nicht schon die Hunde, die sich auf den Bildern des Holländers Emanuel de Witte in der Kirche tummeln (das war in der holländischen Malerei ein beliebtes Motiv), eine Entweihung des Kirchenraums? Was muss noch alles in Kirchen geschehen? Als der englische König Henry sagte: Will no one rid me of this turbulent priest?, war das genug für einige seiner Ritter, um den ehemaligen Lord Chancellor ➱Thomas Becket in der Kathedrale von Canterbury zu erschlagen. Murder in the Cathedral ist kein Titel eines Krimis, das ist der Titel eines Theaterstücks von T.S. Eliot.

Die Reihe Inspector George Gently (im Deutschen bekommt Gently noch den Zusatz Der Unbestechliche) wurde von der BBC nach den Romanen von Alan Hunter (der 46 Inspector Gently Romane geschrieben hatte) produziert. Es ist eine Serie, die im Norden Englands in den 1960er Jahren spielt. Als ich das vor Jahren in der Ankündigung in einer Rundfunkzeitschrift las, interessierte ich mich für die Serie.

Denn der Norden Englands war in dieser Zeit schon einmal Gegenstand des englischen Films (und der englischen Literatur, wenn wir an die Angry Young Men denken), wir verdanken der Region eine wunderbare filmische Tristesse in Schwarzweiß: Room at the TopSaturday Night and Sunday MorningThe Loneliness of the Long Distance Runner, Poor Cow und Kes. Also all dem, was heute unter dem Begriff ➱British New Wave läuft. Für den Film Poor Cow von Ken Loach hatte man die ➱B-Seite von Donovans Jennifer Juniper ein wenig geändert. Da hieß es nicht mehr I dwell in the north in the green country, sondern I dwell in the town in the grey country. Es hätte auch nicht geschadet, wenn sich die Macher der Serie einmal den Film Get Carter angeschaut hätten. Natürlich die Version von 1971 mit Michael Caine, die mit dem Mann mit sechs ➱Fingern.

Mit all diesen Bildern als Vorlage hätte aus der Serie ein optisches Fest der sechziger Jahre Nostalgie werden können. Aber ein solches Bild wie das hier von Laurence Harvey in Room at the Top kriegt die ganze Serie nicht zustande. Room at the Top, ist übrigens bisher (leider) einer der wenigen Filme aus dieser Zeit, der bereits in diesem ➱Blog vorkommt. Na gut, über ➱John Schlesinger, ➱Swinging London, Richard ➱Lesters The Knack und ➱Joseph Losey habe ich auch schon geschrieben.

Man hat für unseren Inspektor einen schönen alten Rover aufgetrieben (dem man ansieht, dass er ein gepflegtes Sammlerstück ist), aber das allein reicht noch nicht für ein stimmiges Zeitkolorit. Autofreunde könnten natürlich ➱hier mal eben Cars, spaces and places in British police drama von Jonathan Bignell lesen (mit vielen Beispielen). Jemand wie ➱Alan Parker, der eine Epoche perfekt filmisch rekonstruieren konnte, wäre der richtige Mann für das Ganze gewesen.

Die Serie lebt vollständig von ihrem Hauptdarsteller (Martin Shaw). Gut, dass tun Krimiserien meistens, aber gute Krimiserien haben neben dem sidekick des Helden noch eine Vielzahl von lebendigen Nebenfiguren. Der Inspektor ➱Richard Poole auf der fiktiven Karibikinsel Saint Marie war in Death in Paradise als great detective in der Nachfolge von ➱Sherlock Holmes ja nur deshalb erträglich, weil er von diesen wunderbaren Nebenfiguren umgeben war. Als er den viel zu frühen Filmtod starb (weil er lieber bei Frau und Kind in London und nicht das halbe Jahr in der Karibik sein wollte), hatte er mit Kris Marshall als DI Humphrey Goodman zwar einen Nachfolger, aber die Serie war schon mit ihm gestorben. Weil die Nebenfiguren nicht mehr lebten, die durften nur noch die stumme Jule geben.

Mit den Nebenfiguren sieht es in Inspector Gently etwas dürftig aus, diese Serie ist für einen Einzelgänger geplant: George is an old-time copper. He fought with General Montgomery in the Second World War; he's a very tough, seasoned fighter. He knows about hardship and has seen tough times, and that's a bonus. I think he carries a lot of baggage around, what with the grief of the murder of his wife as well. He faces the seemingly impossible task of trying to change a corrupt police force – a one-man mission. So sah der Hauptdarsteller in einem Interview seine Rolle.

Detective Sergeant John Bacchus (gespielt von Lee Ingleby) ist der Mann neben Gently. Während Gently holzschnittartig gradlinig ist, ist Bacchus ein klein wenig schräg. Er trägt seltsame Klamotten. Hat man so etwas wirklich in den 1960er Jahren in England getragen? Sind das die Reste, die man in den Sechzigern in der ➱Carnaby Street nicht mehr verkaufen konnte? In einem Interview sagte Martin Shaw über das Verhältnis Gentlys zu seinem Detective Sergeant: I think his impulse is to be a teacher right from the beginning. Having lost his wife early on and never having had children, I think he has sort of twin impulses with John Bacchus of wanting to train another policeman but also to have a son. I think Bacchus fulfills both roles. With the end of series five where we’re both shot. At the end of it, it’s not sure we’re going to survive.

Und da, am Ende von dem Staffelfinale liegen Gently und Bacchus tot (?) oder schwerverletzt auf dem Boden der Kathedrale von Durham. Das ist das Ende des Rachefeldzuges des unbestechlichen Gently, den man zu Unrecht aller schlimmen Verfehlungen wie Mord und Unterschlagung verdächtigt hatte - das ein Drehbuchautor dieses abgegriffene Motiv hervorholt, grenzt allerdings schon an literarische Leichenfledderei. Die alten Feinde aus Gentlys Zeit bei Scotland Yard hatten sich wieder gemeldet. Wegen dieser Leute war Gently aus dem Sündenpfuhl London weggegangen, in den Norden Englands. Skandale in Scotland Yard hat es nach dem Krieg genügend gegeben, vielleicht ist der Detective Sergeant Harry Challenor kein Einzelfall.

Gespielt werden die Bösewichte von Schauspielern, die wir schon aus englischen Krimiserien kennen. Da ist der Detective Chief Superintendent Trevor Staham, gespielt von Nigel Lindsay. Der war schon mit einem niedrigeren Rang ein Bösewicht in dem Film aus der Barnaby Reihe Painted in Blood (Der Tod malt mit). Das ist der Barnaby, den ich immer wieder abspielen kann. Sie können ihn ➱hier sehen. Am Ende von Gently in the Cathedral ist er tot, ebenso wie der ganz böse Bösewicht Donald McGhee. Den kennen wir eigentlich als Inspector Lewis (für den gibt es ➱hier natürlich einen Post), jetzt ist er ein Bösewicht. Es ist eine verkehrte Welt.

Es hat sich bei amerikanischen Serien eingebürgert, ein Staffelfinale mit einer Überdosis von Mord und Totschlag enden zu lassen. Und mit einem cliffhanger, wir wissen nicht, wie es weitergeht. Weshalb der cliffhanger so heißt, das wissen wir, lesen Sie doch einmal den Post ➱Klippen. Klagen über den Verfall des Genres nicht nichts Neues. Schon im Jahre 1924 beklagte R. Austin Freeman in seinem ➱Artikel The Art of the Detective Story: A widely prevailing error is that a detective story needs to be highly sensational. It tends to be confused with the mere crime story, in which the incidents — tragic, horrible, even repulsive - form the actual theme, and the quality aimed at is horror--crude and pungent sensationalism. Here the writer's object is to make the reader's flesh creep; and since that reader has probably, by a course of similar reading, acquired a somewhat extreme degree of obtuseness, the violence of the means has to be progressively increased in proportion to the insensitiveness of the subject. The sportsman in the juvenile verse sings:

I shoot the hippopotamus with bullets made of platinum
Because if I use leaden ones his hide is sure to flatten 'em:

and that, in effect, is the position of the purveyor of gross sensationalism. His purpose is, at all costs, to penetrate his reader's mental epidermis, to the density of which he must needs adjust the weight and velocity of his literary projectile.


Der Zweizeiler von Hilaire Belloc scheint zur Maxime der Drehbuchautoren geworden zu sein. Das ist in Deutschland nicht anders. Der erste Tatort hieß Taxi nach Leipzig (es gibt ➱hier einen langen Post dazu), irgendwann gab es das Usambaraveilchen, das sagenhafte Einschaltquaoten erreichte. Obgleich Gustl Bayrhammer, der den Hauptkommissar Veigl spielte, mal gesagt hatte: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr.

Die Angst vor der abgemähten Wiese scheint die Redaktionen zu beherrschen, und deshalb gibt es keine biederen Kommissare mehr und keine qualitativ guten Literaturverfilmungen wie die Trimmel Filme nach den Romanen von Friedhelm Werremeier. Deshalb haben wir jetzt Til Schweiger als Kommissar Nick Tschiller. Und neunzehn Leichen im Tatort Kopfgeld. Man bekommt das Gefühl, dass es im deutschen Fernsehen nur noch den Schmunzelkrimi und schlechte Imitationen des Texas Chainsaw Massacre gibt.

In einem Essay mit dem ➱Titel Raffles and Miss Blandish aus dem Jahre 1944 (der bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren hat), schrieb George Orwell: There exists in America an enormous literature of more or less the same stamp as 'No Orchids'. Quite apart from books, there is the huge array of ‘pulp magazines’, graded so as to cater for different kinds of fantasy, but nearly all having much the same mental atmosphere. A few of them go in for straight pornography, but the great majority are quite plainly aimed at sadists and masochists. Es sind Sätze, die ich immer wieder zitieren könnte.

Orwell trifft, wie die Autoren des Golden Age of the Detective Novel, noch einen Unterschied zwischen der detective novel und der crime story. Was in dem einen Genre erlaubt sein mag, gilt nicht unbedingt für das andere. Die Genretheorie der französischen Filmkritiker erreichte in der Nachkriegszeit (ebenso wie die auteur Theorie) geistige Höhenflüge, aber die Genres waren längst nicht mehr klar definiert, generic crossovers wurden immer häufiger. Das ganze ➱Fantasy Genre wimmelt von solchen Filmen. ➱Englische Krimiserien sollten englische Krimiserien sein, wir kennen die Zutaten. Wir lieben sie wegen eben dieser Zutaten.

Wir lieben sie, weil sie keine französischen ➱Gangsterfilme oder amerikanische Horrorfilme wie From Dusk till Dawn sind. Ich zitiere diesen Film, weil er den Genremix schön verdeutlicht. Weil er ein Gangsterfilm, ein Roadmovie, ein Vampir-Horrorfilm und ein Splatterfilm ist. Wenn Inspector Barnaby einmal einen kleinen Ausflug in den Wilden Westen macht (➱hier ganz zu sehen), dann mag man das ganz witzig finden, aber es ist nicht die Regel in der Serie. Wenn aber nun eine an sich biedere englische Serie wie Inspector George Gently Anleihen bei Ein Mann sieht Rot und Gunfight at the O.K. Corral macht, dann verstößt sie gegen alle ungeschriebenen Regeln des Genres. Denn jedes Genre hat seine eigenen Zuschauer (oder Leser), wer Splatterfilme liebt, wird sich nicht mit Inspector Lewis anfreunden.

Folgt man Raymond Chandler, dann ist Dashiell Hammett daran schuld, dass wir uns von dem englischen Idyll abgewendet haben: Hammett took murder out of the Venetian vase and dropped it into the alley; it doesn’t have to stay there forever, but it was a good idea to begin by getting as far as possible from Emily Post’s idea of how a well-bred debutante gnaws a chicken wing. He wrote at first (and almost to the end) for people with a sharp, aggressive attitude to life. They were not afraid of the seamy side of things; they lived there. Violence did not dismay them; it was right down their street. Aber so sehr wir ➱Chandler und ➱Hammett schätzen mögen, die meisten ihrer Nachfolger produzieren ja nur den gleichen Schrott wie Mickey Spillane. Da sind uns doch ➱Mayhem Parva, ➱Oxford und Midsomer lieber.

Den Autoren des Golden Age of the Detective Novel wäre ein Tatort wie Kopfgeld oder ein Film wie Gently in the Cathedral wohl nie eingefallen. Dass man eines Tages von Kirchenkrimis reden würde, wohl auch nicht. Da hat G.K. Chesterton mit seinem Father Brown etwas zu verantworten. Wie war nun die Reaktion der englischen Zuschauer auf diesen Krimi? Die in religiösen Kreisen nicht unbekannte Avril Newey sagte: My first reaction was shock. It seems so out of place. I am aware of the huge amounts of money needed to keep our churches and cathedrals in good order, but this was so against everything that the cathedral would stand for. Und andere Stimmen äußerten: Nonetheless, as a practising Christian, I considered the violent nature of these scenes at the cathedral completely inappropriate and unethical in what is recognised, even by non-believers, as a sacred place.

Die Reaktion der Kirche war etwas seltsam. Man habe sich vorher mit dem Bischof von Durham beraten. Die Kirchenjuristen machen sich schon lange ihre Gedanken. Man habe bei den Beratungen auch an T.S. Eliots Theaterstück Murder in the Cathedral gedacht. Warum eigentlich? Will jemand uns weismachen, dass Murder in the Cathedral und Gently in the Cathedral vergleichbar sind? Vielleicht hat man das Unbar the doors! aus Eliots Stück falsch verstanden:

Unbar the doors! Throw open the doors!
I will not have the house of prayer, the church of Christ,
The sanctuary, turned into a fortress.
The Church shall protect her own, in her own way, not
As oak and stone; stone and oak decay,
Give no stay, but the Church shall endure.
The church shall be open, even to our enemies. Open the door!

Die Diözese war der Ansicht, man könne das Ganze auch als morality play sehen, bei dem das Gute gegen das Böse siege: Bad things sometimes happen in sacred places. A cathedral should be a place where issues of justice and morality can be explored both through formal worship and through culture and the performing arts. Natürlich wusste man auch, dass die Erlaubnis zu den Dreharbeiten viel Geld in die Kirchenkasse gespült hatte. In ➱Gloucester hatte man bei den Dreharbeiten von Harry Potter and the Sorcerers’ Stone, wogegen viele Gläubige protestiert hatten, ja auch gut verdient.

Der ➱Guardian erinnerte daran, dass viel schlimmere Dinge in der Kathedrale von Durham geschehen seien: Durham cathedral's own history includes a terrible episode at the end of the English Civil War when 3000 Scottish prisoners were locked in the building by Cromwellian troops and given such insufficient food, drink and warmth that an estimated 1700 died. The remainder did little better, being shipped as slaves to the American colonies. There is surely a BBC TV drama in that.

Durham is one of the great experiences of Europe to the eyes of those who appreciate architecture, and to the minds of those who understand architecture. The group of Cathedral, Castle, and Monastery on the rock can only be compared to Avignon and Prague, hat ➱Sir Nikolaus Pevsner geschrieben. Was hätte er nur zu dem Krimi Gently in the Cathedral gesagt? Bestimmt nicht Television drama of the quality of George Gently is contemporary drama at its best. Als Gently in the Cathedral gesendet wurde, haben das 4.3 Millionen Engländer gesehen. Die BBC gab zu den kritischen Stimmen keinen Kommentar ab. Die Quote heiligt die Mittel.


Die Bilder der Kathedrale von Durham sind von ➱Thomas Girtin, ➱William Turner, einem unbekannten Künstler des 19. Jahrhunderts, Arthur Fripp, George Fennel Robson, George Fennel Robson und William R. Robinson.

Samstag, 11. Oktober 2014

Bach: Partitas


Normalerweise lässt es mich ja kalt, wenn ein Künstler in aller Munde ist. Also zum Beispiel dieser Lang Lang. Von dem habe ich keine einzige CD. Ich habe ihn vor Wochen auf Arte (oder war es 3sat?) gesehen, wie er zwei Mozart Sonaten hingerichtet hat. Diesen kleinen Chi Ho Han aus Korea, der beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD den zweiten Preis (und den Publikumspreis) gewonnen hat, den fand ich allerdings gut. Sie können ihn ➱hier sehen und hören. Mal sehen, was aus ihm wird. Ich schreibe heute einmal über Bachs Partitas BWV 825-830. Weil ich mir zum ersten Mal seit Jahren gerade eine CD gekauft habe, die zur Zeit wohl jeder kauft. Nämlich ➱Igor Levits Aufnahme von Bachs Partitas.

Bachs erster Biograph, Johann Nikolaus Forkel, schrieb über die sechs Partiten: Dieses Werk machte zu seiner Zeit in der musikalischen Welt großes Aufsehen. Man hatte noch nie so vortreffliche Clavierkompositionen gesehen und gehört. Wer einige Stücke daraus recht gut vortragen lernte, konnte sein Glück in der Welt damit machen; und noch in unserm Zeitalter wird sich ein junger Künstler Ehre damit erwerben können, so glänzend, wohlklingend, ausdrucksvoll und immer neu sind sie. Das ist ein Urteil, das auch zweihundert Jahre später noch Bestand hat.

Sind diese Clavir-Übungen wirklich für Klavierschüler geschrieben worden? Für Bachs Gattin waren sie zu schwer, und Luise Adelgunde Victorie Kulmus (die Johann Christoph Gottsched heiraten wird) schreibt an ihren Verlobten: Die überschickten Stücke zum Clavier von Bach ... sind ebenso schwer als sie schön sind. Wenn ich sie zehnmal gespielet habe, scheine ich mir immer noch eine Anfängerin darinnen. Der Musikwissenschaftler Alfred Einstein hat in einem Essay gesagt: Diese Partiten sind die Krone ihrer Gattung! (...) Wenn er die ,Partiten‘ der Welt vorlegte, so muß er damit etwas beabsichtigt haben. Und zwar mehr als den Beweis musikalischer, handwerklicher Vollkommenheit. Die Musikwissenschaftler sind sich allerdings noch nicht darüber einig, ob diese sechs Klavierstücke als ein ➱Zyklus mit einem erkennbaren Ordnungsprinzip anzusehen sind.

Die sechs Partitas, das Opus Nummer Eins von Bach, sind nicht für das moderne Klavier geschrieben worden. Weil es das zu Bachs Zeiten noch nicht gab. Was es allerdings schon zu seinen Lebzeiten gab, war der Hammerflügel des berühmten Orgelbauers Gottfried Silbermann. An dessen ersten Modellen übte Bach schwere Kritik, aber ein Jahrzehnt später war er bereit, diesem Flügel die völlige Gutheißung zuzugestehen. Doch als er 1731 seine Clavir-Übung schreibt, war das verbesserte Modell von Silbermann aus dem Jahre 1747 noch in weiter Ferne. Dieses CD Cover zeigt die kanadische Cembalistin Mireille Lagacé, die die Partitas 2003 bei dem Label ATMA Classique herausgebracht hat. Da hat sie sie auf einem Nachbau eines Cembalos des flämischen Instrumentenbauers Andreas Ruckers von Keith Hill gespielt. Wir wollen mal hoffen, dass das besser klingt als die Aufnahme für Calliope von 1979, die bei ➱YouTube zu hören ist.

Puristen werden die Partitas wohl am liebsten auf einem Cembalo gespielt hören. Oder solche Pianisten loben, die in ihr Spiel viel von dem Cembaloklang mit hinein genommen haben. So betonte das BBC Music Magazine in einer Besprechung von Angela Hewitt: Hewitt's Bach is founded on taking from the harpsichordists what suits her purposes while revelling in the expressive, sometimes Romantic possibilities of the piano. She is so in command of the music, not just technically but intellectually. Da ich gerade bei Angela Hewitt bin, möchte ich doch unbedingt die Sunday Times zitieren, die den schönen Satz gebracht hat: Seeing a close-up of Angela Hewitt's hands is like watching the purring engine of a Rolls-Royce in motion. Geht's noch?

Ich habe in dem Post ➱Wanda Landowska gestanden, dass ich meine Schwierigkeiten mit dem Cembalo habe (das hier auf dem Photo ist vielleicht Bachs Cembalo gewesen). Und deshalb will ich hier nichts empfehlen (obwohl ich Aufnahmen von Bach auf dem Cembalo besitze). Die Freunde von ➱Trevor Pinnock, ➱Ton Koopman, Karl Richter und Gustav Leonhardt werden schon wissen, was sie hören wollen. Eleonore Bühler-Kestler möchte ich noch erwähnen, weil die Entstehung ihrer Doppel CD mit den Partitas eine erstaunliche Sache ist: die Cembalistin war beinahe achtzig Jahre alt, als sie ihre erste CD aufnahm.

Es war für sie die Rettung in einer Lebenskrise: Nach einer sehr, sehr schweren familiären Zeit, in der meine Tochter und mein Mann gestorben sind, einer Zeit, in der ich keinen Lebenssinn mehr gespürt habe, bin ich wieder ans Cembalo und habe die Partiten gefunden. Es war diese Beschäftigung, die mich aus Tiefs herausgeholt hat. Es war hart, aber die einzige Möglichkeit zu überleben. Und so hat sie die Partiten eingespielt, mit der ganzen Weisheit und Leichtigkeit des Alters. Das Cembalo, das sie spielt, hatte ihre Tochter einmal bei dem Lindauer Cembalobauer Gerhard Ranftl gebaut. Es ist ein Instrument mit einem sehr schönen Klang. Eleonore Bühler-Kestler hatte lange gezögert, den Maler Gerhard Richter zu fragen, ob sie eins seiner abstrakten Bach Bilder als Cover der CD verwenden dürfe. Dann hat sie ihm doch geschrieben. Sie durfte, der Maler verlangte als Gegenleistung lediglich zwei CDs. Inzwischen hat Eleonore Bühler-Kestler drei Bach CDs herausgebracht (Partitas, Goldberg Variationen, Toccatas). Wie gut, dass Gerhard Richter in seinem Bach Zyklus mehrere Bilder gemalt hatte, so hat jede CD ein Bild von Richter bekommen. Und Richter hat natürlich jede CD von Eleonore Bühler-Kestler.

Irgendwie scheinen die sechs Partiten, denen Bach den Titel gab: Clavir-Übung / bestehend in / Præludien, Allemanden, Couranten, Sarabanden, Giguen, / Menuetten, und anderen Galanterien ; / Denen Liebhabern zur Gemüths Ergoetzung verfertiget / von / Johann Sebastian Bach, bei den Konzertpianisten nicht besonders beliebt zu sein. Oder sie sind bei den Plattenfirmen nicht beliebt, ich weiß es nicht. Aber wenn ein Konzern wie Sony jetzt Igor Levit vermarktet, dann muss ja etwas daraus werden. Lesen Sie doch einmal die Rezensionen des Spiegel oder die von Klassik Heute. Sie können auch in dies ➱Video hineinschauen. Ich will nichts Böses gegen diese CD sagen, sie ist wirklich sehr schön. Man kann sie tagelang hören. Habe ich schon getan.

Aber - Sie ahnen, dass jetzt ein aber kommt - es hat schon andere Aufnahmen gegeben. Die ebenso schön sind. Und nicht so aggressiv vermarktet werden. Die Forderung Bachs an seine Schüler, am allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu erlangen, und darneben einen starken Vorschmack von der Composition zu überkommen, erfüllen die meisten Pianisten. Ich dachte mir, ich schreibe einmal über das, was so auf dem Markt ist. Vor allem über das, was bei mir im Regal ist. Da durfte der neue ➱CD Player mal Sonderschichten einlegen.

Über diesen englischen Pianisten hier schrieb ➱Gramophone nach seinem Tod vor einem Jahr: Bernard Roberts, who has died aged 80, was not a glamorous pianist but he had a large and devoted following precisely because he was not. Was wäre aus dem Mann geworden, wenn er von Beginn seiner Karriere an aggressiv von Sony vermarktet worden wäre? So ist bei dem englischen Label Nimbus Records gelandet, das seit kurzem in Deutschland von Naxos vertrieben wird. Vielleicht wird er dadurch in Deutschland ja ein wenig bekannter. Im Internet schreibt ein gewisser Donald Satz über die Partitas von Roberts: What holds Roberts back from true excellence is that he does not reach the soul of Bach's music; I don't get the sense that Roberts makes any attempt to get there either. He has no interest in any intense levels of emotion in the music; this results in a limited emotional breadth to the performances. Artists such as Tureck and Rubsam go the extra mile and attempt to find Bach's core. Actually, Rubsam and Roberts are like night and day when compared to one another. 

Ich halte das für vollständigen Unsinn. Was soll das heißen: he does not reach the soul of Bach's music? Wer kann das von sich behaupten? Das klingt furchtbar deutsch, aber dieser Donald Satz, der Immobilienberater in der US Army war, ist Amerikaner. Es ist allerdings schön, dass mal einer weiß, was the soul of Bach's music ist. Ich höre mich seit Wochen durch die Aufnahmen von Bachs Clavir-Übung, die ich besitze, und mir gefällt die Aufnahme von Roberts sehr sehr gut. Mir gefallen allerdings auch die drei CDs bei Naxos von ➱Wolfgang Rübsam (der neuerdings in Amerika einen Friseursalon besitzt), die beweisen, dass man nicht unbedingt zu einem Hochpreislabel greifen muss. Es gibt hier mit der Partita No 1 ein Pröbchen. Bei Naxos hat es immer gute Pianisten gegeben, der Ungar Jenő Jandó (sozusagen der Hauspianist von Naxos) ist nur ein Beispiel. Natürlich spielt Rosalyn Tureck einen wunderbaren Bach, das steht außer Frage. Ich habe sie schon ➱mehrfach erwähnt, zu einem eigenen Post hat es leider hier noch nicht gereicht. Vielleicht kommt der noch mal. Aber ich lasse sie heute, ebenso wie ➱Glenn Gould und ➱András Schiff, draußen vor, ich möchte heute einmal die vielleicht weniger bekannten Pianisten vorstellen.

Zum Beispiel den New Yorker Richard Goode, der in Deutschland nicht so bekannt geworden ist. Vielleicht liegt das daran, dass er bei dem Label Nonesuch und nicht wie sein New Yorker Kollege Murray Perahia bei Sony ist. Ich habe Goode (wie seinen Lehrer Mieczysław Horszowski) schon einmal in dem Post ➱Mozarts Klaviersonaten erwähnt, und ich halte sehr viel von ihm. Für  den Classical Good CD&DVD Guide der englischen Zeitung Gramophone (2006) waren die Aufnahmen von Goode die Aufnahmen schlechthin. Und dem will ich mich gerne anschliessen. Hören Sie ➱hier doch einmal Richard Goode zu (zu dem weißen Cummerbund unter seinem ➱Frack sage ich jetzt nichts).

Der Bremer Carl Seemann war einmal der berühmteste deutsche Pianist der Nachkriegszeit. Doch dann kamen die Russen wie Gilels, Horowitz und Svjatoslav Richter auf den deutschen Plattenmarkt. Und Italiener wie Arturo Benedetti Michelangeli. Glenn Gould nicht zu vergessen. Da geriet Seemann allmählich ins Abseits. Ich habe mir seine Aufnahme der Partitas, die 1965 im Sendesaal von Radio Bremen aufgenommen wurde, sofort gekauft, als sie im Jahre 2000 auf den Markt kam. Dazu kann ich aber nichts mehr sagen, ich mochte sie damals nicht und habe sie sofort verschenkt. Natürlich an einen Bremer. Vielleicht war ich noch nicht reif genug für Karl Seemann. Ich habe allerdings zwei CDs von ihm, beide von der Deutsche Grammophon. Die eine heißt Carl Seemann plays Bach, die andere Das Vermächtnis. Die leitete 1999 eine Art Renaissance des beinahe vergessenen Pianisten ein, von dem es kaum noch Aufnahmen auf dem Markt gab. Den vier CDs von Das Vermächtnis liegt ein Booklet bei, in dem Joachim Kaiser wieder diese schönen abgehobenen Dinge sagt, die wir von ihm gewohnt sind. Es ist ja manchmal nicht auszuhalten. Wollte er es wieder gutmachen, dass er Seemann in seinem Buch Große Pianisten in unserer Zeit überhaupt nicht erwähnt hatte?

David Fraye ist ebenso wie Igor Levit gerade angesagt, er spielt, wie der ➱Spiegel weiß, den aufregendsten Bach seit Jahrzehnten. Man vergleicht ihn gerne mit Glenn Gould, er selbst sieht sich eher in der Nachfolge von Wilhelm Kempff. Das ist eigentlich sehr schön, meine Jugend bestand aus ➱Wilhelm Kempff (und Wilhelm Backhaus). Bevor Glenn Gould und ➱Van Cliburn kamen. Lassen wir David Fraye noch ein wenig reifen. Er hat ja auch erst zwei Partitas veröffentlicht. Die aber kaum wirklich aufregend sind. Da ich gerade beim Aufräumen in der Bach Abteilung war, habe ich mal eben Kempffs Aufnahme des Wohltemperierten Klaviers aufgelegt, das war wirklich aufregend. Niemand spielt das Präludium wie er. Aber dies ➱Video mit David Fray sollte man sich schon ansehen.

Eigentlich wollte ich ja die Welt von Sony vermeiden, aber an Murray Perahia kommen wir nun nicht vorbei. Ebenso wie Richard Goode hat er bei Mieczysław Horszowski studiert. Zu Bach ist er sehr spät gekommen, da war er schon für seine Aufnahmen von Mozart und Beethoven berühmt. Eine Entzündung seines Daumens warf ihn für Jahre aus der Bahn. Und jetzt geht es ihm wie Eleonore Bühler-Kestler: Bach spendet ihm Trost. Die heute in Paris lebende chinesische Pianistin Zhu Xiao-Mei hat die fünf Jahre im Arbeitslager nur dank Bach überlebt (sie hat darüber in ihrem Buch Von Mao zu Bach geschrieben). Uns kann Bach auch jederzeit Trost spenden. Wir können ja immer Jesu bleibet meine Freude von ➱Myra Hess oder ➱Dinu Lipatti auflegen. Als Perahia wieder gesundet, nimmt er die Goldberg Variationen auf, eine Aufnahme, die für Gramophone das Mass aller Dinge ist. 2009 und 2010 folgen die Partitas. Und die sind unbedingt eine Kaufempfehlung. Hören Sie sich hier doch einmal die Partita Nummer Sechs an.

Was ich heute über die Partitas schreibe, die zur Gemüths Ergoetzung verfertiget wurden, kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Es gibt noch mehr Aufnahmen auf dem Markt. Manche habe ich (wie Alexis Weissenberg), mag aber nicht über sie schreiben. Manche habe ich nicht, weiß auch nicht, ob ich sie wirklich brauche. Das betrifft die Kanadierin ➱Angela Hewitt (von der ich die Goldberg Variationen habe) oder Zhu ➱Xiao-Mei (von der besitze ich die Goldberg Variationen und das Wohltemperierte Klavier). Ähnlich ist es mit Maria Tipo (die für Bachs Goldberg Variationen den Diapason d’Or erhielt), von der habe ich viel, aber keine Partitas. Man kann sie aber ➱hier hören. Was mich noch interessieren würde, wäre Jeremy Denk, dessen hervorragende Goldberg Variationen ich bereits ➱hier erwähnt habe, aber ich glaube, ich habe schon Aufnahmen genug.

Manches bleibt ein Traum, weil der Pianist die Partitas nicht vollständig gespielt hat. Da findet sich eine Partita quasi als Zugabe und man fragt sich, warum der Pianist nicht auch alle anderen gespielt hat. Also zum Beispiel ➱Grigori Sokolow, der bei der Kunst der Fuge (naïve1982) noch die Partita No. 2 dazu gab. Oder Jeffrey Kahane, der auf einer CD von Nonesuch die Nummer 4 sehr schön gespielt hat. Die ultimative Aufnahme wäre vielleicht die von Dinu Lipatti gewesen, der bei seinem letzten Konzert die Partita No. 1 spielte (hier in Teil ➱A und ➱B zu hören). Falls er es gewollt hatte, alle sechs Partitas aufzunehmen, blieb ihm keine Zeit. Drei Monate nach dem Konzert war er tot.

Ich hatte von der jungen Pianistin Irma Issakadze das preiswerteste Angebot bei Amazon Marketplace gewählt. Das kam aus Amerika, und so kam die CD mit der Aufnahme der Partitas von Irma Issakadze (Oehms Classics 2011) erst an, als dieser Post längst geschrieben war. Wenn man früher, als Bücher noch richtig gedruckt wurden, etwas hinzufügen wollte, wurde der Setzer richtig böse. Vor allem, wenn das noch Bleisatz war. Aber jetzt kann ich hinzufügen, was ich will. Kostnix. Über die georgische Pianistin schrieb der deutsche Komponist Franz Hummel anlässlich ihrer Aufnahme der Goldberg VariationenÜber vierzig Jahre warten wir nun schon auf eine, Gould entthronende Aufnahme und da taucht plötzlich eine junge Frau auf, die alles, was sie spielt, einem so selbstkritischen Exerzitium unterwirft, als sei sie die wahre Gouldesse, doch sie ist das Gegenteil: ihre pianistischen Fähigkeiten sind zwar Gould adäquat, ihr Klangsinn aber ist differenzierter, reicher entwickelt und weniger sektiererisch. Deshalb hört man aus ihren Händen den alten, immer neuen Bach mit einer Wärme, wenn das Metier die Metapher erlaubte, würde ich sagen Herzlichkeit, ja einer Verwegenheit kontemplativer Hingabe und einem virtuosen Wetterleuchten, dass man sich dreimal die Augen reibt. Einmal, weil man nicht glauben kann, was man soeben hört und den Namen Irma Issakadze neugierig nochmals lesen muss, ein zweites Mal, weil man eine verstohlene Träne abwischt, und ein drittes Mal, weil man unverhofft Glenn Goulds zweiter Beerdigung beiwohnt. Ich verwette meinen Ruf als Musiker, dass Irma Issakadzes CD in Zukunft der Maßstab für alle Goldberg-Spieler sein wird, es sei denn, die Menschheit ist wirklich so unmusikalisch geworden wie ich manchmal befürchte.

Das will eine Menge heißen. Wenn Hummel und Oswald Beaujean nach den Goldberg Variationen auch die ➱Partitas loben, kann ich nicht zurückstehen. Beaujeans Satz Nach den "Goldberg Variationen" sind auch diese Bach-Partiten ein Ereignis kann ich nur ganz dick unterstreichen. Man entdeckt bei ihrem Spiel Dinge, die man noch nie gehört hat. Das ist einfach wunderbar.