Dienstag, 22. Juli 2014

CD Player


Ich habe mich damals lange gegen einen CD Player gesträubt, mir genügte ein guter Plattenspieler. Zuerst kosteten die Dinger ja Unsummen, danach beinahe gar nichts mehr. Das war bei den ersten Quarzuhren genauso. Als Girard-Perregaux 1970 die erste Quarzuhr mit 32,768 Hz auf den Markt brachte, kostete die Uhr tausend Mark (es gab die gleiche Uhr auch von Jaeger-LeCoultre). Die 32,768 Hz gelten bis heute in der gesamten Industrie als Standard. Die IWC und verschiedene andere Firmen hatten mit ihrem Kaliber Beta 21 (Quarzfrequenz von 8.192 Hz) auf das falsche Pferd gesetzt. Ewig halten die Dinger eh nicht, bei meiner Girard-Perregaux ist heute nur noch das Äußere echt, im Inneren tickt jetzt ein Billigquarzwerk.

Und mit dem Thema der ewigen Haltbarkeit und dem Industriestandard bin ich jetzt wieder bei dem Titel dieses Posts, dem CD Player. Mein erster war ein NAD 5440, form- und klangschön. Aber kaum war die Garantiezeit abgelaufen, bekam er alle Krankheiten, die eine solche Maschine bekommen kann. Ich habe mit einer gewissen Rührung gerade im Internet gelesen, dass es offensichtlich hunderten von Besitzern ähnlich gegangen ist. Meinen nächsten CD Player bekam ich daraufhin billiger. Aber der hat nun nach zwanzig Jahren sein elektrisches Leben ausgehaucht.

Es war ein großer Kenwood DP 7080 (das da unten auf dem Bild ist zwar nicht meiner, aber der sieht genauso aus), ich mochte ihn sehr. Ich vertraute dem Verkäufer, als ich ihn kaufte. Trotz der Sache mit dem NAD. Der Verkäufer kannte mich, er hatte an unserem Seminar studiert und hatte vier Wochen vor dem Staatsexamen alles hingeschmissen. Er wollte in seinem Leben etwas machen, was ihm Spaß macht. Ich fand das ziemlich cool. Als er mir meine Anlage installierte, kam er gerade aus Neumünster zurück, wo er einem Zahnarzt eine Anlage für 150.000 Mark verkauft hatte. Ich fragte ihn, ob man das wirklich hören könne.

Sie sind doch die letzten Monate jeden zweiten Tag bei uns im Laden gewesen, Sie wissen ganz genau, was man hören kann, sagte er. Das stimmte, ich hatte mich durch alles durchgehört, was die High End Industrie damals so bot. Hatte auch all diese Magazine für Audiofreaks gelesen. Ich glaube, dass der Unterschied zwischen HiFi und High End darin besteht, dass bei High End der Preis nach oben offen ist. Die Definition von “High-End” im Audio-Bereich ist oft eine Glaubensfrage. Und leider ebenso oft eine Preisfrage, ist im Internet zu lesen. Wie wahr! Der Zahnarzt in Neumünster hatte nicht die Ohren einer Fledermaus und konnte keine Flöhe husten oder das Gras wachsen hören. Er brauchte die teure Anlage, weil einer seiner Kollegen eine Anlage für 120.000 Mark hatte.

Ich kann zu diesem Phänomen des Keeping up with the Joneses das wunderbare Buch von ➱Stephen Potter One-Upmanship: Being Some Account of the Activities and Teachings of the Lifemanship Correspondence College of One-Upness and Games Lifemastery empfehlen. Ist über sechzig Jahre alt, aber es hat sich nichts geändert. Oh Lord, won't you Buy me a Mercedes Benz My friends all drive Porsches I must make amends. Ich weiß nicht, was das Teil hier, das stilistisch nach fünfziger Jahre Futurismus aussieht (und mich irgendwie an die Musiktruhe in ➱Tennessee Williams' Cat on a Hot Tin Roof erinnert), kosten soll. Ich weiß auch nicht, ob die junge Dame im Preis mit drin ist. Aber ich bin ganz sicher, dass Unterhaltungselektronik deshalb Unterhaltungselektronik heißt, weil man sich so gut darüber unterhalten kann.

Dieser schlichte silberfarbige CD Player kostet zum Beispiel 30.000 Euro. In einer Besprechung des Teils las ich: High-End von Dieter Burmester aus Berlin ist in erster Linie immer eine dekadente Materialschlacht. Unterarmdicke, verchromte Massivalu-Fronten sind der Renner im Rotlichtmilieu. Bescheidenere Zeitgenossen konnten Burmester bislang getrost links liegen lassen, weil sich der Materialaufwand beileibe nicht immer klanglich auszahlte. Doch ausgerechnet jetzt, wo die CD als Musikmedium in ihren letzten Zügen liegt, kommt aus Berlin ein CD-Player, der neue Maßstäbe setzt. Dieter Burmester hat mit seinen ureigenen Mitteln - Masse, noch mehr Masse und ein wenig Gewicht - und einer peniblen Konzentration auf eine störungsfreie Datenauslese, die CD tatsächlich zum Klingen gebracht. 

Sind das die Sirenenklänge, vor denen man die Ohren mit Wachs verschließen muss? Ist das die Werbelyrik, die Zahnärzte gerne lesen? Das Rotlichtmilieu im Text hat nichts mit dem zu tun mit dem, woran sie jetzt gerade denken. Nein, das bezieht sich auf die Farbe des Laserlichts. Ach, wie witzig. Die Menschen, die die Werbeschriften schreiben und jene, die die solcherart annoncierten Produkte rezensieren, sind irgendwie von einem anderen Stern. Ich hätte da noch etwas Schönes von der Firma T&A: Wir sind davon überzeugt, dass auch in fernerer Zukunft die klassische CD eine der wichtigsten Programmquellen bleiben wird. In der Tradition unserer legendären Disc-Player wurde deshalb der CD Player als reinrassiger Stereo-CD-Spieler ausgelegt. Er hat den High-End-Loader und das Laufwerk unseres High-End- SACD-Spielers 1260 R erhalten. Den Decoder haben wir auf Basis modernster Prozessoren speziell für höchstwertige CD-Wiedergabe entwickelt!... Sie können gerne ➱hier weiterlesen. Fachleute, die wirklich etwas davon verstehen, werden uns versichern, dass das meiste an diesen mit Abkürzungen und englischen Termini gespickten Texten der komplette Nonsens ist.

Gegenüber all diesen schön klingenden Formulierungen hätte ich hier eine Einzelmeinung, die es aber zu bedenken gilt: Es gibt einige wenige Leute, die von sich behaupten, daß sie ganz klar Unterschiede zwischen verschiedenen CD-Spielern hören können und sich unheimlich wichtig machen. Diese Aussage ist jedoch rein subjektiv und konnte bei den wenigen Untersuchungenn, die wissenschaftlichen Maßstäben genügen (siehe: doppelter Blindtest), nicht bestätigt werden. Es ist sehr menschlich, daß man einem teuren, massiven und schönen Gerät einen besseren Klang zutraut als einer billigen, klapprigen und häßlichen Kiste. 

Wenn man in einem A/B-Vergleich selbst weiß, welcher CD-Spieler gerade die Musik liefert, redet man sich unbewußt ganz leicht Klangunterschiede ein, wo keine sind. Wirklich schlimm wird es dann, wenn solche Leute ihre eigene Einbildung (oder im Falle von Verkäufern ihre kommerziellen Interessen) auch noch derart darstellen, als ob es Unterschiede wie zwischen Transistorradio und HiFi-Anlage gäbe, und dadurch unbedarfte Personen verunsichern oder gar zu missionieren versuchen. Wie unzutreffend diese Behauptungen sind, zeigt ein doppelter Blindtest, den vor einigen Jahren die Computerzeitschrift 'c't' durchgeführt hatte. 

Daran nahmen u.a. auch Toningenieure und Opernsänger teil. Es ging darum, die Frage zu klären, ob es hörbare Unterschiede zwischen CDs und der von eingefleischten High-End-Anhängern mitleidig belächelten und als grottenschlecht beurteilten MP3-Komprimierung gibt. Das Ergebnis war niederschmetternd: Lediglich eine Person lag in der Trefferrate soweit oberhalb des Werts, den man auch durch Würfeln statt Hören erreicht hätte, daß man den Schluß ziehen konnte, daß sie tatsächlich manchmal Unterschiede gehört hatte. Wenn schon die Masse der Testteilnehmer zwischen CD und der verlustbehafteten MP3-Komprimierung (d.h. enthält bestimmte Originalgeräusche nicht mehr und ist zudem auf 16 kHz Bandbreite begrenzt!), bei der man auch aus Ingenieurssicht geringe Klangunterschiede fast schon erwartet, keine Unterschiede feststellen konnten, wie groß können dann die Unterschiede zwischen CD-Spielern sein, die mit den immer gleichen Chipsätzen ausgerüstet sind?

So weit, so gut. Es sind mehr Fragen als Antworten. Wenn es wirklich keinen Unterschied bei den CD Playern gäbe, dann könnte man in den nächsten Laden gehen, der mit dem Spruch Ich bin doch nicht blöd wirbt, das billigste Teil kaufen und alles wäre paletti. Und doch kann man Unterschiede hören. Wie bei Klavieren. Der Kammerton a auf einem Klavier schwingt mit 440 Hertz, und trotzdem klingt kein Klavier wie das andere. Als ich vor Jahrzehnten meine Anlage kaufte, war ich nach wochenlangem Hören (ich brachte immer die selbe CD mit) in der Lage, Lautsprecher der Firmen B&W, T&A, Elac oder Dynaudio voneinander zu unterscheiden. Das ist natürlich alles subjektiv, wir alle haben andere Ohren.

Es ist ebenso subjektiv wie die Sache mit der sauteuren audiophilen Steckerleiste. Meine Freunde zitierten nach deren Kauf schon aus Shakespeares HamletO, what a noble mind is here o'erthrown! Was ich trocken mit Though this be madness, yet there is method in 't konterte. Und sie zu einem Testversuch einlud. Der sie allerdings von diesem elektrischen Voodoo überzeugte. Denn, wie es so schön heißt: Die Wiedergabe beginnt schon an der Steckdose, denn das Musiksignal ist letztlich nichts anderes als modulierte Spannung. Hifi-Komponenten sind deshalb auf möglichst saubere und konstante Spannung angewiesen, um gut klingen zu können. Das gilt besonders für Elektroleitungen in Altbauten. Das da ganz oben ist übrigens ein Lautsprecher der englischen Firma B&W, der den schönen Namen Nautilus hat. Unter Wasser funktioniert das Modell aber leider nicht.

Manche kaufen sich ihre Anlagen ja nach dem Design. Bang & Olufsen hatten da lange die Nase vorn. Die Dänen verkauften auch Möbel, die zur ihrer Anlage passten, aber heute ist das alles mehr Design als High End. Aus mir unerfindlichen Gründen schwören manche Leute auf die Firma Bose. Die werben weltweit aggressiv, sie statten auch die Daimler Benz Limousinen der S-Klasse mit Audioanlagen aus. Dieter Bohlen soll auch eine Bose Anlage haben. Aber audiophil oder High End? Es gibt da glücklicherweise vernichtende Kritiken von Leuten, die noch hören können.

Mein Kenwood zickte schon seit Monaten herum. Ich legte eine CD ein und schaltete auf Play, er behauptete No disc. Oder spielte fünf Takte und schaltete sich ab. Manchmal gelang es mir, ihn zu überlisten. Irgendwann nicht mehr. Was tun? Ich hatte mir schon vor Wochen die Telephonnummer der Firma herausgesucht, von der meine Anlage stammte. Es gab sie glücklicherweise immer noch. Es gibt sie seit 1975, da wurde ➱Hört sich gut an in Kiel von einem Kollektiv gleichgesinnter HighFidelity Tüftler gegründet. In nächster Nachbarschaft haben sie einen Laden der Speakers Corner heißt; ich weiß nicht, ob die sich miteinander vertragen, sie handeln beide mit Geräten im höherpreisigen Segment. Sind keine Konkurrenz für Aldi, Saturn oder den Media Markt.

In der Werkstatt (so etwas haben die noch) meldete sich niemand, Sommerurlaub. Aber unter der Hauptnummer der Firma erwischte ich dann den Geschäftsführer. Wir unterhielten uns zehn Minuten und tauschten Firmennamen und Modellnummern aus. Er wusste noch, welche Qualitäten ein Kenwood DP 7080 besaß. Wir verstanden uns sofort, ich zögerte nicht lange und kaufte einen NAD. Es gab nur Terminprobleme mit der Lieferung. Aber nach zehn Minuten sagte Karl-Michael Rupsch: Warum beenden wir das Gespräch nicht jetzt und ich komme gleich bei Ihnen vorbei? Das nenne ich Service. Er kam auch eine halbe Stunde später und brachte meinen gerade telephonisch gekauften NAD C546bee mit. Das ist der Nachfolger des C545, ein Gerät, das sehr gute Besprechungen bekommen hat. Dieser soll noch besser sein, in der Welt der audiophilen Klangmaschinen ist immer alles besser. Und alle Geräte bekommen irgendwo ganz tolle Testergebnisse.

Ich habe die englische Firma New Acoustic Dimension schon vor Jahren ➱hier in den Blog geschrieben. NAD gehört heute zu einer kanadischen Gruppe, aber die Firma saß früher wirklich in England. Sie ist keine von diesen Firmen, die nur einen englischen Markennamen haben. In einem englischen HiFi Magazin las ich vor Jahren den wunderbaren Satz: the real dreck always has English names. Die Firma NAD verdankt ihren Aufstieg dem Verstärker 3020, der heute als eine Legende bezeichnet wird. Er bot vor vierzig Jahren ein spartanisch cooles Design (wofür einst die Firma Braun berühmt war) und die ausgeklügeltste HiFi Elektronik zu dem günstigsten Preis. Ich habe in den achtziger Jahren mal in einem High End Studio gesehen, dass da ein kleiner NAD 3020 (und kein Burmester) eine zig-tausend Mark Anlage steuerte. Die wussten, was sie taten.

Jetzt muss ich mich nur noch an die neue Maschine gewöhnen, sie klingt anders. Liegt es daran, dass sie einen 24-bit high-resolution Wolfson Wandler statt des Burr/Brown Wandlers hat? Sie klingt eine Spur analytischer und nicht so warm wie der Kenwood. Rezensenten von High End Elektronik verwenden an dieser Stelle das Wort analytisch sehr gerne. Analytisch ist wahrscheinlich ein Synonym für gewöhnungsbedürftig. Also nahm ich jetzt erst einmal CDs, bei denen das keine Rolle spielte. Wie zum Beispiel Pop Music. Als erstes legte ich Jennifer Warnes' Lights Of Louisianne ein, eine Aufnahme die vor zwanzig Jahren viele Händler in ihren CD Playern laufen ließen, um zu zeigen, was man alles an Geräuschen auf einer guten CD unterbringen kann (es gibt sie ➱hier bei YouTube, allerdings nicht in audiophiler Qualität).

Danach legte ich ➱Glenn Goulds Goldberg Variationen ein und horchte plötzlich auf. Ich hörte jeden Fehler der Aufnahme. War das immer so gewesen? Des Rätsels Lösung war ein Blick auf die CD Hülle: Dies war nicht die Aufnahme von 1955, sondern die Jahrzehnte später entdeckte Aufnahme, die einmal bei einer Radioaufnahme mitgeschnitten worden war (newly remastered from a Voice of America mono off-line aircheck). Ich merkte in diesem Augenblick, dass ich die CD (die mal als diskografische Sensation angepriesen wurde) überhaupt noch nie mit voller Aufmerksamkeit gehört hatte. Gekauft und bei Glenn Gould eingestellt. Das kommt davon, wenn man zu viele CDs hat. Es hatte diese Aufnahme (über die jemand im Internet schreibt: the sound is terrible– the rhythmic swishing tells me that in 1954 the CBC was still archiving on acetate transcription discs) schon einmal bei Sony gegeben. Dann war sie vom Markt verschwunden.

Wo ich schon bei Bach war, legte ich die Cellosuiten (von Maria Kliegel gespielt) in die Maschine. Da hört man allerdings einen Unterschied zu früher, es klang nicht mehr so bratschig warm. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es in diesem Blog für Bachs Cellosuiten schon einen langen ➱Post gibt? Der eigentlich mehr Leser verdient hätte, gegen die achttausend Leser von ➱Glenn Gould kommt er nicht an.

Bei Patricia Kaas' Mademoiselle ne chante que le blues (eine best of compilation von einem Vierteljahrhundert auf der Bühne) gab es keinen Unterschied. Klang gut. Aber Patricia Kaas klingt immer gut. CD ist nicht gleich CD. Pop Music und Jazz sind meistens sehr gut ausgesteuert. Und beim Jazz kann sicherlich auf Labels wie ECM (die hier schon einen Post haben) oder Chesky vertrauen. Telarc haben auch gute Sachen, der Telarc Sound ist ja weltberühmt. Die Firma war auch eine der ersten, die nicht mehr im 16 Bit Format aufnahm, sondern 20 und 24 Bit Analog-Digital-Wandler einsetzte. Die Festlegung der CD auf das 16 Bit Format hat die Industrie schon kurz nach der Einführung der CD Anfang der achtziger Jahre bereut.

Bei der Klassik gibt es natürlich auch Firmen, die immer auf einen audiophilen Sound setzten. Dabringhaus & Grimm sind für ihre Aufnahmen berühmt, haenssler ist meistens auch nicht schlecht. Ich weiß nicht, was sich Walter Legge bei der EMI gedacht hat: alle Stars unter Vertrag (inklusive seiner Gattin Elisabeth Schwarzkopf), aber grottenolmschlechte Aufnahmen. Decca dagegen, mit ihrer berühmten Decca Tree Mikrophonaufstellung - das sind Opernaufnahmen, die auch einem halben Jahrhundert noch gut klingen. Ohne dass die Firma Cedar Cambridge daran retuschieren muss. Viele Aufnahmen von Decca wurden in der Kingsway Hall gemacht, die wohl die beste Akustik von allen Londoner Konzertplätzen hat. Unglücklicherweise läuft die Piccadilly Line unter der Halle, die Decca Ingenieure haben dies als Kingsway rumble bekannte Geräusch nie wieder wegbekommen.

Als nächstes beschloss ich, den Player mit den Problemkindern zu füttern. Der Kenwood dünkte sich ja immer, etwas Besseres zu sein, der nahm nicht jede. Ich habe das schon beschrieben, als ich über ➱Bachs Cellosuiten schrieb, dass er sich weigerte, André Navarra abzuspielen. Wenn eine CD nur den kleinsten Schönheitsfehler hatte, zickte das Sensibelchen 'rum. Ich gab den NAD André Navarra, und er spielte ihn. Er spielte auch Mitsuko Uchidas Einspielung von Mozarts Klavierkonzerten, die ich schon aussortieren wollte. Ich hätte sie nicht vermisst, ich habe so viele Aufnahmen von den Klavierkonzerten und ziehe eh Friedrich Gulda, Annerose Schmidt oder Murray Perahia vor. Vor allem Murray Perahia. Das auf dem Bild ist Annerose Schmidt, wann bekommt man die schon mal zu sehen? Das Netz ist voll mit Bildern von Perahia und Pianisten, die gerade in sind, aber die DDR Künstler sind immer unterrepräsentiert. Ich habe das schon in dem Post ➱Die schöne Müllerin: Helle Stimmen am Beispiel von Siegfried Lorenz beklagt. Eine der beiden CDs von Mitsuko Uchida hatte eine Macke, an der Stelle stellte der Kenwood immer seinen Spielbetrieb ein. Der NAD spielte weiter, als sei nichts geschehen. Gut, es gab dreimal Geräusche, die weder von der Pianistin noch von ihrem Flügel stammten, aber das wars. Die Fehlerverarbeitung, die bei den verschiedenen CD Playern unterschiedlich gut ist, ist hier offensichtlich besser.

Nach den Problemkindern kamen die Raubkopien; nicht dass ich viele davon hätte, aber man bekommt ja mal so etwas geschenkt. All die vielen selbst gebrannten CDs (von hervorragender Qualität), die Round Midnight heißen, sind natürlich keine Raubkopien. Die stammen aus einer Radiosendung, die Achim Körnig mal mitternachts bei einem bayrischen Privatsender hatte. Und die er mir netterweise kopiert hat. Erstklassiger Jazz! Der dottore in giurisprudenza hat früher auch mal gelegentlich das Streiflicht für die Süddeutsche geschrieben. Jetzt ist er ➱Blogger. So enden wir alle. Die CD away for a while von Triosence, das ist definitiv eine Raubkopie. Von wem habe ich die bloß? Vielleicht sollte ich für die Gruppe ➱Triosence und die CD away for a while mal ein wenig Werbung machen? Das war ihre zweite CD - und wahrscheinlich ihr erster großer Erfolg. Ist nach zehn Jahren immer noch gut.

Wenn die Firma T&A in ihrer Werbung schreibt Wir sind davon überzeugt, dass auch in fernerer Zukunft die klassische CD eine der wichtigsten Programmquellen bleiben wird, dann klingt das nach ein einem leisen Schwanengesang. Ist die CD am Ende? Die Zahl der verkauften CDs ist von 98,7 Millionen im Jahre 2010 auf 93 Millionen 2012 gesunken. Die Zahl von 133,7 Millionen im Jahre 2001 wird wohl nie wieder erreicht werden. Die Kiddies heute hören MP3 oder was immer, die interessiert sowieso keine audiophile Qualität. Doch High End CD Player werden immer noch gebaut. Und kleine Läden wie Hört sich gut an gibt es auch immer noch.

Die teuren Quarzuhren der ersten Generation gehen heute so genau oder ungenau wie jede Quarzuhr, die man als Werbegeschenk erhalten hat. Meine Omega Megaquartz, die erste kommerzielle Quarzuhr von Omega, geht drei Sekunden in der Woche falsch. Das ist für eine Quarzuhr nach vier Jahrzehnten ein schönes Ergebnis. Sie sieht auch nach dieser Zeit immer noch gut aus, wer kann das schon von sich sagen?

Wenn der Meister der Firma Hört sich gut an aus dem Urlaub zurück ist, wird er sich meinen alten Kenwood anschauen. Wenn er zu reparieren ist, wird er repariert. Und verschenkt, da weiß ich schon jemanden. Der NAD bleibt bei mir. Wir mögen uns schon. Aber einen dickeren Knopp für das Öffnen und Schließen der CD Lade, den hätte man ihm spendieren können. Da hat wieder einmal das Design über das Sein gesiegt.

CD Player sind für das Leben wichtig. Nichts illustriert diesen Satz so schön wie das Gedicht the cd player von Dennis Di Claudio:

the cd player skips. the cd player 
skips and we haven't the money 
to fix it. we are tired of looking
at each other and we are tired of 
the way my hair looks in the morning. 
the cd player has scars because i 
punch it. the word "defenestrate" pops 
often to mind. we are looking for the 
toothpaste and then hurl it through the door 
when we find it. we are tired. we are so 
tired. we do not want carrots for dinner 
again and we cannot watch this movie 
one more time. but it always is on reruns 
and it is better than hearing our favorite 
song mangled in loops. we 
throw shoes at the cd player out of 
frustration. i opened the window the 
other day and got as far as the 
couch with the cd player in my hands. and. and.
and. and. 

Lesen Sie auch: ➱Schneewittchensarg und ➱HiFi.

Montag, 21. Juli 2014

Manfred Sexauer


Manfred Sexauer ist gestern im Alter von 83 Jahren gestorben. Mike Leckebusch hatte dem Saarländer (der beim Saarländischen Rundfunk die Sendung Hallo Twen moderierte, die erste „Beat-Sendung“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk) 1972 die Nachfolge als Moderator des legendären Beat Clubs angeboten. Von 1972 bis 1984 hat Sexauer die Sendung Musikladen für Radio Bremen im Ersten Deutschen Fernsehen präsentiert. Er war sozusagen Deutschlands erster DJ. Der aber nicht Peter Alexander, Heino oder die ➱Caprifischer auflegte, sondern all das, was man damals in England und Amerika auch hörte. Wir in Bremen, die wir in der Nachkriegszeit aufwuchsen, fanden das nicht so weit von unserer eigenen Musikkultur entfernt.

Denn wir waren mit der Musik von AFN und BFN aufgewachsen. Aber für konservative Fernsehzuschauer war die Sendung ein ewiges Ärgernis, vor allem, wenn da auch noch nackte ➱Go Go Girls auf dem Bildschirm zu sehen waren. Die Sendung Musikladen war das Tollste, was es damals in Deutschland auf dem Gebiet der Pop Music gab. Internationale Stars drängelten sich vor dem Bremer Funkhaus (ja, auch ➱Johnny Cash war da), um hier auftreten zu dürfen. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Mike Leckebusch ist schon lange tot, aber Uschi Nerke und Gerhard Augustin (den man den Paten des Krautrock nennt), die leben noch. Rechts auf diesem Photo von Uschi Nerke und Manfred Sexauer auf diesem Photo sitzt Alexis Korner. Der ist auch schon lange tot.

Uschi Nerke, die damals in rattenscharfen hot pants oder kurzem Minirock auf dem Bildschirm erschien, ist dem ganzen Showgeschäft entkommen. Sie ist Architektin geworden. ➱Gerhard Augustin hat sich (glücklicherweise) nie aus dem Dunstkreis der Musik lösen können. Rock'n Roll I gave you all the best years of my life. Es waren nicht nur Sänger und Gruppen aus dem Ausland, die nach Bremen kamen. Es gab da auch eine Gruppe aus dem Deutschland, das für uns ein Ausland war: 1977 traten die Puhdys als erste DDR-Band im Musikladen auf. Den Musikladen gibt es nicht mehr, aber die Puhdys gibt es immer noch, doch im nächsten Jahr wollen sie in Rente gehen. Sie können ihren Auftritt von 1977 in Bremen ➱hier sehen.

Der Intendant von Radio Bremen verdient heute 242.000. Wofür? Ich betrachte mein Gehalt als Schmerzensgeld, hatte der Intendant des NDR Friedrich Wilhelm Räuker einmal verlauten lassen. Schmerzensgeld? Sollte das nicht an die Radiohörer gezahlt werden, die diesen musikalischen Einheitsbrei aus Beyoncé, Lady Gaga, Shakira und Helene Fischer ertragen müssen? Die Tage der guten Pop Music scheinen vorbei, es fehlen den Rundfunkanstalten Leute wie Mike Lekkebusch, Gerhard Augustin, Klaus Wellershaus (der ➱hier schon einmal auftauchte) und Manfred Sexauer. An gutverdienenden Intendanten haben wir keinen Mangel. Von dem, was der Intendant von Radio heute verdient, hätte man damals wahrscheinlich ein ganzes Jahr den Beat Club oder den Musikladen finanzieren können. Uschi Nerke erinnert sich: 300 Mark zahlte mir Radio Bremen pro Sendung. Spesen bekam ich keine, Benzingeld gab's nicht. Die Moderatorin (die zuvor als Karina mal Schlager geträllert hatte) nähte sich ihre scharfen Klamotten häufig selbst. Nach den Vorgaben von Mike Leckebusch: Kurz, sexy, kein Flimmermuster, nichts Blaues - und ganz irre muss es sein! Mary Quant (die ➱hier einen Post hat) mag den Minirock erfunden haben, aber in Deutschland wurde er durch Uschi populär, deren Minirock manchmal eher wie ein breiter Gürtel aussah.

Manfred Sexauer (der durch das Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt wurde, weil er Millionen für die SOS Kinderdörfer gesammelt hat) und der Musikladen werden unvergessen bleiben. Und wenn Sie jetzt noch mehr Nostalgie haben wollen, The Story of Beat-Club: 1970-1972 (der Vorläufer des Musikladens) gibt es auf 8 DVDs. Das Beste aus dem Musikladen gibt es natürlich auch auf DVD. Ich dachte, ich stelle heute mal ein Gedicht hierher, das auch mit Pop Music zu tun hat. Es ist von Adrian Henri, einem der Liverpool Poets, der für den Mersey Sound mitverantwortlich ist. Den Penguin Band hier habe ich immer noch, meiner besitzt inzwischen eine Widmung von einem der drei Dichter, die in dem Band vorgestellt wurden. Das habe ich schon in dem Post ➱Kathedralen erwähnt. Das Gedicht von Adrian Henri heißt In the Midnight Hour (wenn Sie wollen, liest es der Dichter Ihnen ➱hier vor):

When we meet
in the midnight hour
country girl
I will bring you night flowers
coloured like your eyes
in the moonlight
in the midnight
hour 


I remember

Your cold hand
held for a moment among strangers
held for a moment among dripping trees
in the midnight hour

I remember

Your eyes coloured like the autumn landscape
walking down muddy lanes
watching sheep eating yellow roses
walking in city squares in winter rain
kissing in darkened hallways
walking in empty suburban streets
saying goodnight in deserted alleyways

in the midnight hour

Andy Williams singing `We'll keep a Welcome in the
Hillsides' for us
When I meet you at the station
The Beatles singing `We Can Work it Out' with James
Ensor at the harmonium
Rita Hayworth in a nightclub singing `Arcade Mia'

I will send you armadas
of love vast argosies of flowers
in the midnight hour
country girl

when we meet
in the moonlight
midnight
hour
country girl

I will bring you

yellow
white
eyes
bright
moon
light
mid
night
flowers
in the midnight hour.


Ich habe über die Bremer Musiksendungen Beat Club und Musikladen schon etwas in dem Post geschrieben, der ➱Elkie Brooks heißt. Ich habe auch schon über ➱Ingeburg Thomsen (die einst mit ➱Sexy Hexy in Manfred Sexauers Sendung war) geschrieben. Und dann kann ich noch den Post ➱Kulturwandel zur Lektüre empfehlen.

Sonntag, 20. Juli 2014

lest we forget



Wir gedenken in Deutschland an diesem Tag des Widerstandes gegen Hitler. Und es gibt jedes Jahr einen Staatsakt in Berlin und eine Kranzniederlegung im Bendlerblock. Und jedes Jahr wird der Oberst Graf von Stauffenberg gefeiert, den ja jetzt jeder kennt, weil er von Tom Cruise gespielt wurde. Um den stillen James Graf von Moltke wird nicht ein solcher Rummel gemacht. Aber das Wissen um die Vergangenheit geht von Jahr zu Jahr verloren, und eines Tages werden nachfolgende Generationen die deutsche Geschichte nur noch in der Version von Tom Cruise oder Guido Knopp kennen. Ich bin jedes Jahr an diesem Tag ein wenig unglücklich, mir gefallen die Feiern nicht, die häufig nur verlogene Schauspiele mit schlechten Laiendarstellern sind. Und ich frage mich, wie viele Schüler jemals in Plötzensee gewesen sind? Oder wie viele den Namen Georg Elser kennen? Denn der ist irgendwie eher mein Held als Stauffenberg mit dem ganzen Gewese des George Kreises und dem heiligen Deutschland. Vielleicht war auch das geheime Deutschland gemeint, über das Stauffenbergs Mentor Stefan George gedichtet hatte:

Wer denn o wer von euch brüdern
Zweifelt o schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:
Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher Erde noch ruht -
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.

Niemand redet über all die kleinen Leute, die auf ihre Art und Weise Widerstand geleistet haben, und die Opfer des Terrors geworden sind. Mir ist Stauffenberg als Held ein wenig unheimlich. Das, was ich von meiner Mutter (die ihn gekannt hat) über ihn erfahren habe, hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich ihn mag. In der TAZ vom 17.2. 2009 hat Michael Wildt geschrieben:

Aber warum Stauffenberg und nicht Elser? Auf die Kritik des britischen Historikers Richard Evans, dass sich Stauffenberg mit seiner elitär-reaktionären Weltanschauung wohl nicht zum Helden eigne, antwortete Karl Heinz Bohrer heftig, dass es darauf gar nicht ankomme, sondern Stauffenberg und seine Mitverschwörer "eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats" repräsentierten, von dem Mitglieder der heutigen Elite nur träumen könnten.

Darum also geht es! Im gegenwärtigen Diskurs um Eliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabsoffizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Tat schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der spröde, eigensinnige Elser, der unter Beweis stellt, dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den "Führer" unterstützten, als Tischler mit Volksschulabschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte. "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat" (Bertolt Brecht).

Wir können das in Deutschland offensichtlich nicht, dass wir einen größeren Zusammenhang des Widerstandes herstellen. Wir brauchen die aristokratischen Offiziere des Generalstabs auf der einen Seite (die wir dann auch feiern) und die sozialistischen oder kommunistischen Arbeiter auf der anderen Seite (die wir lieber nicht erwähnen). Vielleicht noch ein wenig Bekennende Kirche in der Mitte. Das Bürgerlied von 1848 mit den Zeilen ob wir just Collegia lesen oder aber binden Besen, das tut, das tut nichts dazu. Drum ihr Menschen, drum ihr Brüder, alle eines Bundes Glieder, was auch jeder von euch tu, das ist noch nicht bei uns angekommen.

Wenn Churchill 1946 gesagt hat In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde. Diese Menschen kämpften ohne Hilfe von innen und außen, einzig getrieben von der Unruhe des Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns unsichtbar, weil sie sich tarnen mussten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus, dann ist er in seiner Bewertung der Meinung der jungen Bundesrepublik weit voraus. Denn in den fünfziger Jahren war das Bild der Widerständler in der Bevölkerung nicht unbedingt positiv. Die Nazipropaganda von einem Verrat und einer zweiten Dolchstoßlegende wirkte noch nach. Über die Bewertung des Attentats aus der Sicht der DDR wollen wir lieber den Mantel des Schweigens decken. Aber auch bei uns hat es bis 1963 gedauert, dass die öffentlichen Gebäude beflaggt wurden.

Wir haben nach dem Krieg auch unsere juristischen Schwierigkeiten mit den Opfern. Die Mutter der jungen Widerstandskämpferin ➱Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude (mit der Helmut Schmidt einmal befreundet war), die in Plötzensee hingerichtet wurde, hat zwölf Jahre gegen das Land Niedersachsen prozessieren müssen, damit ihre Tochter juristisch rehabilitiert wurde. Erst 1999 (56 Jahre nach ihrem Tod) wurde das Todesurteil juristisch aufgehoben. Da hatte es die Witwe des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler einfacher. Sie bezog eine Kriegsopferrente und ab 1974 bis zu ihrem Tode 1997 noch einmal zusätzlich monatlich 400 Mark Schadensausgleich mit der Begründung, dass wenn ihr Mann überlebt hätte, er höherer Beamter oder gutverdienender Rechtsanwalt geworden wäre. Was kann man gegen eine solche Logik sagen?

Die antike Philosophie hat das Problem des Tyrannenmords diskutiert, und seit dem 17. Jahrhundert findet sich dieser Gedanke auch bei den Staatsrechtsphilosophen. Schon Thomas Hobbes räumt dem Volk ein gewisses Widerstandsrecht ein, wenn der Souverän sein Volk nicht mehr ausreichend schützt. Samuel Pufendorf empfiehlt dagegen in De iure naturae et gentium, auf den Tyrannenmord zu verzichten und stattdessen zu fliehen oder auszuwandern. Unser deutscher Denker mit dem kategorischen Imperativ hat das Widerstandsrecht dann im 18. Jahrhundert allerdings kategorisch abgelehnt. Aber seit dem Jahre 1968 steht es im Artikel 20 Absatz 4 in unserem Grundgesetz: Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Möge es nie dazu kommen.

Meine Heimatstadt Bremen, die gerne den Eindruck erweckt, dass man ja so hanseatisch gewesen sei und mit den Nazis nichts am Hut hatte, hat in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches Nazis und Kriegsverbrecher in ihren Reihen gehabt, aber auch gute und mutige Menschen und Widerständler aus allen politischen Gruppierungen. Aber die einen wie die anderen waren niemals in der Zeit nach dem Krieg Thema des Unterrichts an meiner Schule (an der Hermann Böse Schule vielleicht, da musste man ja zumindest wissen, weshalb die Schule so hieß). Dass wir in unserem Ort einen Kriegsverbrecher wie ➱Walter Többens hatten, hat erst Jahrzehnte nach dem Krieg der Journalist Günther Schwarberg öffentlich gemacht (Schwarberg ist auch der Mann, der das Buch über den SS Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm geschrieben hat). Und die Bremer Geschichtsschreibung hat auch lange gebraucht, um sich zu äußern. Erst im Jahre 1980 hatte die Kultusministerkonferenz empfohlen, den Widerstand auch in seinen alltäglichen Formen der Verweigerung und Nichtanpassung zu erforschen und in den Unterricht einzubringen. Dem hat sich der Bremer Senat 1981 angeschlossen und ein Projekt Widerstand und Verfolgung unter dem Nationalsozialismus in Bremen 1933-1945 finanziell gefördert. Daraus ist ein bemerkenswertes Buch entstanden: Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich: Anpassung - Widerstand - Verfolgung (Schünemann 1986). Das Buch steht im völligen Gegensatz zu dem vierten Band der Geschichte der Freien Hansestadt Bremen des selbsternannten Bremer Historikerpapstes Herbert Schwarzwälder, der letztlich nur eine Geschichte der Gauleiter schreibt. Marßolek und Ott schreiben eine Geschichte von unten, in der Tradition der französischen Historikerschule von Lucien Febvre und der Annales.

Und sie tun das mit erstaunlichen Ergebnissen, weil sie sich weniger für die Gauleiter als für die kleinen Leute interessieren. Wenn die russischen Fremdarbeiterinnen bei Borgward am Internationalen Frauentag 1944 mit rotgefärbten Kopftüchern zur Arbeit kommen, dann ist das auch ein Zeichen des Widerstandes. Und wenn der Chef der AG Weser ➱Franz Stapelfeldt (des Teufels Generaldirektor) auf der einen Seite mit den Nazis paktiert, weil das der Werft Aufträge bringt, und auf der anderen Seite kommunistische Werksangehörige persönlich aus dem KZ freikauft, dann ist das eine andere Form des Widerstands. Ich wünschte mir, dass bei Schünemann in Bremen jemand auf die Idee käme, das vergriffene Buch wieder auf den Markt zu bringen. Und es wäre als Pflichtlektüre für Geschichtslehrer vielleicht auch nicht schlecht. Nicht nur in Bremen.

Martin Walser hat in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gesagt: Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ja und nein, ich kann ihn in gewisser Weise verstehen, ich habe damals die ganze Rede gehört. Ich finde, angesichts dessen, was man mit den Mitteln des Fernsehens aufklärerisch machen könnte, das, was Guido Knopp macht, nur widerlich. Aber wir können nicht wegschauen, das tun schon genug andere.

Tho' much is taken, much abides; and tho'
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Das stand hier am 20. Juli 2010, ich war ein halbes Jahr lang Blogger. Google hatte gerade angefangen, mich zu zählen. Ich dachte, ich müsste das schreiben. Im letzten Jahr erinnerte der Post Moabiter Sonette an den 20. Juli. Derjenige aus meiner Familie, der bei den Verschwörern des Kreisauer Kreises war, ist ungeschoren davongekommen. Er war damals nur ein kleiner Oberleutnant. Er hat nie über das geredet, was er getan hatte, was er erreichen wollte. Als ich achtzehn wurde, bekam ich von ihm einen Bananenkarton voller Bücher. Alles, was der deutsche Buchmarkt zum Thema Widerstand damals hergab. Die Titel der Bücher sind inzwischen zahlreicher geworden. Und das Vergessen größer.

Freitag, 18. Juli 2014

Die schöne Müllerin: Helle Stimmen


Als ich den Post ➱Die schöne Müllerin (Prolegomena) im November 2013 schrieb, versprach ich, dass hier ein Post mit dem Titel 'Die schöne Müllerin: Helle Stimmen' folgen sollte. Allerdings merkte ich, dass ich mir eigentlich schon die leckersten Rosinen aus dem Kuchen gepickt hatte. Über ➱Fritz Wunderlich habe ich schon häufig geschrieben, ➱Hans Peter Blochwitz hatte einen Post. ➱Peter Schreier auch. Aber versprochen ist versprochen, ich hatte das Ganze nicht aufgegeben. Glücklicherweise hatte ich den Stapel mit den CDs auch so weggepackt, dass ich sie leicht wiederfinden konnte. Sogar Julius Patzaks alte ➱Aufnahme (mit Michael Raucheisen am Klavier) aus dem Jahre 1943 war dabei. Die habe ich mal für eine Mark gekauft, aber ich schwärme nicht für die Aufnahme, der Zeitgeschmack hat sich doch sehr verändert. Mit Joseph Schmidt (den Hannes Wader bewunderte) wäre das vielleicht etwas anderes, aber der hat die Schöne Müllerin nicht in ihrer Gänze gesungen. ➱Peter Anders ja leider auch nicht.

Tenöre begeistern uns ja immer wieder, doch sie scheinen eine bedrohte Spezies zu sein. Ich habe den Eindruck, dass der Müllerbursche neuerdings nur noch von einem Bariton gesungen wird. Die Statistik spricht allerdings dagegen, nach ➱Huib Spoorenbergs Aufstellung stammen 49 Prozent aller Aufnahme von Tenören. Die Stimme eines lyrischen Tenors scheint für Schuberts Schöne Müllerin wie geschaffen zu sein, eine Stimme, die noch etwas von der Jugend, der Verliebtheit und Enttäuschung spüren lässt. Nicht jeder Tenor ist dafür geeignet, Schubert zu singen. So sehr ich ➱Ferruccio Tagliavini schätze, wenn er als Herzog von Mantua sein ➱Ella mi fu rapita singt, für Schubert wäre er nicht der richtige. Und uns ist klar, dass Jussi Björling und Helge Rosvaenge wohl auch nicht in Frage kämen. Obgleich Björling durchaus Schubert singen konnte, sie können ihn ➱hier mit dem Ständchen aus Schwanengesang hören.

Schubert hat Die schöne Müllerin für die Tenorstimme komponiert (was angeblich auch Schuberts eigene Stimmlage gewesen ist). Der Pianist Irwin Gage (der mit Francisco Araiza den ➱Zyklus aufnahm) hat gesagt: Ginge es nach mir, sollte die 'Schöne Müllerin' nur von Tenören gesungen werden, weil die Klavierbegleitung eh schon sehr tief notiert ist.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass die ersten Aufführungen nicht von Tenören, sondern von Baritonen stammten. Namen wie Johann Theodor Mosewius, Carl von Schönstein, Johann Michael Vogl und Julius Stockhausen werden da immer wieder von Musikhistorikern genannt. Und auch für mich war (also bevor ich die erste Platte von Wunderlich bekam) die erste Aufnahme die von ➱Dietrich Fischer-Dieskau (hören Sie ➱hier einmal hinein). Natürlich die mit Gerald (Am I too loud?) Moore am Klavier. Es ist eine Aufnahme, die man heute immer noch als Referenzaufnahme empfehlen kann. Und vielleicht sollte ich auch die Aufnahme von Siegfried Lorenz (mit Norman Shetler) erwähnen, die ich sehr schön ausgeglichen finde. Hätte Lorenz nicht in der DDR gelebt, wäre er sicher berühmter geworden, das ist leider das Schicksal vieler deutscher ➱Künstler gewesen.

Ich möchte in diesem Post die Aufnahmen der Schönen Müllerin von deutschen Tenören betrachten, die Ausländer werde ich in einem anderen Post namens 'Fremde Zungen' betrachten. Damit meine ich Aufnahmen von Aksel Schiötz, Peter Pears, ➱Gérard Souzay oder Ian Bostridge. Und den Russen Georgy Vinogradov sollte man nicht vergessen, der um 1951 eine ganz erstaunliche Schöne Müllerin (in russischer Sprache) gesungen hat. Hören Sie doch ➱hier einmal hinein, eine wunderbare Stimme mit viel russischer Seele. Macht einen beinahe süchtig. Glücklicherweise kann man auf YouTube noch viel mehr Schubert von Vinogradov hören.

Noch eine weitere Gruppe möchte ich von der Betrachtung ausschließen - obgleich der Titel 'Helle Stimmen' sie vielleicht assoziiert: counter tenors und Frauenstimmen. Ich weiß, dass Brigitte Fassbaender und Christa Ludwig Schubert gesungen haben, aber irgendwie passen die Damen nicht so recht für die Rolle des verliebten Müllerburschen, der die Frau mit dem leichten losen kleinen Flattersinn anbetet. Andere Lieder von Schubert sind für Frauenstimmen sicherlich ideal (die ➱Hyperion Aufnahme der Schubert Lieder bietet da viele Stimmen an). Hören Sie doch einmal Julia Kleiter mit dem ➱Hirt auf dem Felsen. Ich habe von dem Lied eine ➱Aufnahme mit Barbara Hendricks (mit Radu Lupu am Klavier), die nur wegen der schönen Klarinette von Sabine Meyer zu ertragen ist. Doch gegen Christa Ludwigs ➱Im Abendrot ist natürlich nichts zu sagen.

Aber zurück zu den Tenören. Die ersten Plätze - wenn es überhaupt eine Rangliste geben kann - würden bei mir Fritz Wunderlich (sowohl die alte Aufnahme mit Kurt Heinz Stolze) als auch die neuere mit Hubert Giesen (➱hier gibt es eine informative Seite dazu) einnehmen. Bevor Sie jetzt Geld ausgeben, können Sie sich die Aufnahme mit Kurt Heinz Stolze ➱hier anhören. Das Fono Forum schrieb damals zu der Aufnahme: Hier verströmt sich voller Naivität ein großes Talent. Das war durchaus positiv gemeint, und in der Tat strahlt diese Aufnahme, die für die Mitglieder des Europäischen Phonoclubs und nicht für den freien Verkauf bestimmt war, eine große Unbekümmertheit aus.

Und natürlich kommt Werner Krenn (den es leider nicht auf CD gibt) mit auf die ersten Plätze der imaginären Rangliste. Selbstverständlich auch Hans Peter Blochwitz, den es - und das ist eine kleine Sensation - neuerdings wieder auf CD gibt. Auf jeden Fall bietet Amazon die CD als Importware für 33,99 € an. Sie können ➱hier einmal hinein hören, um einen Eindruck zu bekommen. In der allgemeinen Konsensbildung zu der besten, schönsten, gelungensten Aufnahme der Schönen Müllerin vermisse ich den Namen des Schweizers Ernst Haefliger. Er ist jemand, den ich sehr gerne höre. Ich hätte ➱hier mal eben ein Beispiel aus der Aufnahme der Deutschen Grammophon mit Jacqueline Bonneau (die auch viel Schubert mit Gérard Souzay aufgenommen hat).

Aus der gleichen Zeit wie Blochwitz' Schöne Müllerin stammt die Aufnahme von Christoph Prégardien mit Adreas Staier am Hammerflügel, eine Aufnahme, gegen die nichts Böses zu sagen ist. Sie erhielt 1993 den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Prégardien hat viel Schubert gesungen - und ich habe auch zahlreiche CDs von ihm. Er hat auch Lieder aus Die Schöne Müllerin mit Gitarrenbegleitung gesungen, hören Sie ihn doch ➱hier zusammen mit Tilman Hoppstock. Für den Müllerburschen, der da Meine Laute hab' ich gehängt an die Wand singt, scheint die Gitarre das geeignete Instrument zu sein.
 
Die Gitarre war das Lieblingsinstrument des Biedermeier. Schubert soll selbst eine Gitarre aus der Werkstatt Johann Georg Stauffers besessen haben, für dessen Erfindung einer Bogenguitarre er die Sonate für Arpeggione und Klavier in a-Moll (D 821) schrieb. Auf diesem Bild der fröhlichen Gesellschaft vor dem Schloss Atzenbrugg könnte Schubert rechts von seinem Freund Josef von Gahy sitzen. Gahy ist zwar eigentlich Pianist, aber hier spielt er Gitarre. In einer Wiener Zeitung aus dem Jahre 1824 wurde der Zyklus der Schönen Müllerin mit dem Zusatz annonciert: In Kurzem folgen diese Lieder mit Guitarre-Begleitung. Von daher scheint es durchaus gerechtfertigt, die Lieder zur Gitarrenbegleitung zu singen. Peter Schreier  hat das 1980 zur Gitarre von Konrad Ragossnig getan (hören Sie ➱hier einmal hinein), von ➱Hannes Wader wollen wir gar nicht erst reden.

Eine der erfreulichsten Neuerscheinungen ist die 1999 aufgenommene Schöne Müllerin von Werner Güra, über die das englische Magazin Gramophone schrieb: The tenor Werner Güra is also outstanding for hypersensitive response to verbal inflexion dissolved into so liquid a line. Und ein Amazon Rezensent namens sagittarius urteilte: Lyrische Tenöre stehen im Schatten der heldischen, die zur Begeisterung der Massen ihr hohes C schmettern. Liedgesang erfordert aber lyrische Begabungen. Die Lieder sind so zart, melancholisch, dass ein Forte-Singen sie zerstört. Die letzten Lieder der schönen Müllerin, der Gang in den Selbstmord, erfordern höchste Begrenzung des Stimmvolumens, die Fähigkeit, die Bruststimme durch Kopfstimme ganz weich zu formen. 

Sänger, die zu viel Oper singen und sich überwiegend meist im Bereich an mindestens mezzo-forte aufhalten, haben zumeist ein recht farbloses piano - das ist dann einfach ein vermindertes forte. Nicht so Werner Güra. Er hat eine originär lyrische Stimme, mischt viel Oberstimme ein, kann so die Worte ganz behutsam formen. Es mag sein, dass Güra den Lied-Zyklus nicht so sehr interpretiert, aber seine Stimme geniessen ist doch auch etwas. So wie Protschka und Blochwitz ist auch Güra einer der seltenen Tenöre, die - wie Fischer-Dieskau als Bariton - die Fähigkeit zu veritablen piano-Gesang besitzen. Allein durch die letztlich schlichte, aber perfekte Wiedergabe von Text und Tönen kann man sich von dieser Musik sehr berühren lassen. Das kann man so stehen lassen. Erstaunlicherweise mäkelt sagittarius hier nicht an Wunderlich herum, was er sonst gerne tut. Aber man ist ja dankbar, bei Amazon mal eine Rezension von solcher Qualität zu lesen.

Und da ich gerade dabei bin, zitiere ich diesen Rezensenten noch einmal, diesmal zu der Schönen Müllerin von Josef Protschka aus dem Jahre 1987: Die 'Schöne Müllerin' ist ein echter Tenorzyklus. Natürlich haben auch großartige Baritone diesen Zyklus gesungen, aber wenn man Tenorversionen hört, denkt man, ja, so soll es klingen. Fritz Wunderlich beherrscht das Tenorsegment ziemlich eindeutig. Dahinter treten Sänger wie Josef Protschka zurück. Zu Unrecht. Protschka hatte Stimmfarben, die Wunderlich nie zur Verfügung standen. Es ist ja nicht nur das traurige Ende eines unglücklich liebenden Müllerburschen, sondern - vielleicht im Gegensatz zur 'Winterreise' - eine zarte Trauer. Die Lieder 18, 19, 20 müssen mit äußerster Innigkeit gesungen werden. 

Ein Piano, das ganz viel Oberstimme mit hineinmischt. Das konnte Protschka wunderbar realisieren. Deswegen war diese Aufnahme bei ihrem Erscheinen auch hochgelobt. Heute ist er als Sänger fast vergessen. Leider. Immerhin ist diese Aufnahme - im Gegensatz zum Pendant Blochwitz - nicht gestrichen. Allerdings gibt er dem Sänger trotz der schönen Rezension nur vier von fünf Sternen. Mehr würde ich auch nicht geben. Ich war beim ersten Hören geneigt, schon nach dem ersten Lied abzuschalten. Protschka will da wohl eine Dynamik hineinbringen, aber es holpert und poltert nur. Doch bei Wohin? war alles vergeben und vergessen. Die Aufnahme hat große Momente, ist aber insgesamt etwas unausgewogen, eher die Aufnahme eines Opernsängers als die eines Sängers von Liedern.

Das gilt auch für den Deutsch-Kanadier Michael Schade, dessen Live Aufnahme in Grafenegg von der österreichischen Presse bejubelt wurde: .. ein Konzerterlebnis der Sonderklasse ... Wort und Ton bilden eine Einheit, die man in dieser Qualität sonst nicht zu hören bekommt. Mit feinstem Anschlag und toller Phrasierung stellen sich die beiden in den Dienst des Werkes (Kurier) oder So viel anrührende Gestaltungskunst ließ niemanden im Auditorium kalt. Die Aufnahme ist sicherlich schön. Zu schön. Ich weiß jetzt nicht, weshalb ich mich an das Dreimäderlhaus mit ➱Karlheinz Böhm erinnert fühlte. Ob sich Buchbinder daran erinnerte, dass er als junger Mann zusammen mit Werner Krenn einst eine viel schönere Aufnahme geliefert hatte? Ich war noch ein Teenager, der Tenor hieß Werner Krenn. Wir interpretierten Schuberts Liederzyklus 'Die schöne Müllerin' - eine traurige Liebesgeschichte. Meine eigene Liebesgeschichte war und ist bis heute Gott sei Dank eine glückliche, hat er in seinen autobiographischen Aufzeichnungen geschrieben.

Meine Kaufempfehlungen kann ich heute ganz kurz machen, sie heißen Fritz Wunderlich, Hans Peter Blochwitz und Werner Güra. Ich werde hier irgendwann mit dem Post 'Die schöne Müllerin: Fremde Zungen' weitermachen. Ich hoffe, dass da nicht wieder ein Jahr vergeht.

Donnerstag, 17. Juli 2014

finis ludorum


Ich wollte zu dem ganzen Spektakel nichts mehr sagen, welches unsere Millionäre in den Trikots mit den Aufdrucken von Daimler-Benz und Adidas um 300.000 Euro reicher gemacht hat (wofür 'ne alte Frau bekanntlich lange für stricken muss). Aber mein Freund ➱Ekke, der zu diesem Blog schon viele schöne Cartoons beigesteuert hat, schickte mir gestern etwas zu, das muss hier einfach stehen:











Dienstag, 15. Juli 2014

18th century: Fashion


Es tut sich viel in der Mode in diesem Jahrhundert, sowohl in der Damen- wie der Herrenmode. Viele dieser Veränderungen gehen von England aus. Was auch daran liegt, dass sich die Engländer im 18. Jahrhundert ein Weltreich erobern, und die ➱Industrial Revolution eine Erfindung der Engländer ist. Der erste Ballen Wolle aus Australien kommt zwar erst 1807, aber von da an sind auch Australien und Neuseeland aus der Welt der Wolle nicht mehr wegzudenken. Die Wolle ist seit Jahrhunderten wichtig für England, warum säße der englische ➱Lord Chancellor sonst auf dem wool sack? 

Auf diesem Bild aus dem 18. Jahrhundert sehen wir schottische Frauen beim Walken von Wolle; beinahe alles, was man bisher mit den Händen (oder Füßen) gemacht hat, wird im 18. Jahrhundert mechanisiert werden. Als die Römer nach England kamen, gab es da schon eine florierende Wollindustrie Die Römer schwärmten von englischen Wollstoffen, die so fein wie ein Spinnennetz seien. Der birrus Britannicus, ein kurzer Wollmantel, wird bei den Römern chic. Irgendwie scheinen die wolligen Rohstofflieferanten in England mit der Zeit überhand zu nehmen. Der Reverend Thomas Bastard beklagt 1598 (ironischerweise auf dem Höhepunkt der Schäferlyrik) in einem Epigramm:

Sheep have eat up our meadows and our downs, 
Our corn, our wood, whole villages and towns: 
Yea, they have eat up many wealthy men, 
Besides widowes and orphane children; 
Besides our statutes and our Iron Lawes, 
Which they have swallowed down into their mawes : 
Till now I thought the proverbe did but jest, 
Which said a black sheep was a biting beast.

Die Wolle wird im 18. Jahrhundert bei den Röcken der Herren peu à peu die Seide verdrängen. Am Ende des Jahrhunderts wird ➱George III auch bei offiziellen Empfängen broadcloth statt Samt oder Seide tragen. Und er hat nichts dagegen, wenn sein Premierminister Pitt im braunen Wollanzug in den Palast kommt. Als George Washington sein Amt als erster amerikanischer Präsident antritt, wird er einen Anzug aus amerikanischer Wolle tragen, keinen Rock aus Samt oder Seide. Sie könnten jetzt hier den langen Post ➱George Washington (sartorial) lesen.

Der wichtigste Import aus dem immer größer werdenden Empire ist die Baumwolle aus Indien, die die heimischen Marktstrukturen verändert. Manchester wird zum wichtigsten industriellen Zentrum der Welt, die Baumwolle wird beinahe zu einer Religion. Auf jeden Fall in den Worten des alten Dubslav von Stechlin in Fontanes ➱Roman: Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber, und die vornehmen Leute obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen Christus und meinen Kattun. Fontane kannte das England, über das er schrieb. Ein Deutscher, der lange in Manchester gelebt hat, wird Die Lage der arbeitenden Klasse in England schreiben.

Aus Indien kommt nicht nur die Baumwolle, von dort kommt auch Kaschmir nach England. Zumeist in der Form von ➱Shawls. Im schottischen Paisley (aber auch in Norwich, lesen Sie ➱hier alles dazu) entsteht jetzt ein Zentrum für die Produktion von Cashmere Shawls. Die nicht aus Kaschmir, sondern aus Wolle sind, aber das typische Muster haben, das wir bis heute als Paisley kennen. Dieses Bild von John Singleton Copley zeigt die Gattin von General Gage (die ➱hier schon einmal erwähnt wurde) mit einem hochmodischen Paisley Kopfschmuck. Der wahrscheinlich aus Indien und nicht aus Schottland stammt. Nach Meinung der englischen Professorin Eileen Ribeiro ist dies vielleicht ein Kopfschmuck aus der Türkei, der gerne bei Londoner Kostümfesten getragen wurde.

Die Herrenmode Englands findet in Europa Beachtung, weil die ➱reisenden Engländer ihre Mode auch in andere Länder tragen. Die Engländer schauen allerdings schon darauf, was in Paris getragen wird, und Pariser Seidenwesten für den Herrn sind ein beliebter Schmuggelartikel der englischen Gentlemen. Dies Bild von Gainsborough zeigt natürlich keinen englischen Zollspürhund beim Erschnüffeln einer französischen Weste, es zeigt Lord George Vernon im dreiteiligen Anzug, dem justacorps, den die englische Mode seit Charles II kennt.

Eigentlich brauchte man gar keine Westen aus Frankreich zu schmuggeln. Die Seidenweberei in Spitalsfield, die am Ende des 17. Jahrhunderts von französischen Hugenotten begründet wurde, hat im 18. Jahrhundert einen Höhepunkt. Und die Qualität der englischen Seide ist so gut, dass sie  für die Italiener begehrenswert ist (die dann natürlich englische Seide schmuggeln). Seit den 1730er Jahren sind noch irische Leinenweber nach Spitalsfield gekommen, die den Hugenotten Konkurrenz machten. Die erwächst dem traditionellen Handwerk der Seidenweber auch durch die aus Indien importierten billigen Baumwollstoffe. Das Weltreich, das England sich jetzt erobert ist - wenn man so will - auch der Beginn der Globalisierung. Die Auseinandersetzungen zwischen Hugenotten und Iren werden zu erbitterten Arbeitskämpfen führen, deren Höhepunkt 1769 die Spitalfield Riots sind. Da hängt man einen Hugenotten und einen Iren auf, dann ist erst einmal Ruhe.

Der Engländer des 18. Jahrhunderts gibt sich auf dem Land ein wenig nachlässig, man passt sich dem Stil der gentry an. Zum einen ist es praktisch, zum anderen möchte man die modisch überdrehten französischen Froschfresser ja nicht imitieren. Das überlässt man anderen. Zum Beispiel der neuen, reich gewordenen bürgerlichen Schicht. Und natürlich dem schönen Geschlecht. Im Jahre 1730 notiert ein portugiesischer Kaufmann namens Don Manuel Gonzales über die Kleidung der englischen Herren: for raiment, the common wear amongst the men is plain cloth and drugget, without any thing of costly ornament. Und César de Saussure schreibt in seinen Letters from London (als Briefe über London 1792 in Hamburg erschienen), dass die englischen Gentlemen keinen Goldschmuck (und keine Zierdegen) trügen. Das auf dem Bild ist übrigens der siebte Lord Vernon, im Jahre 1854 von dem Amerikaner Julian Russell Story gemalt. Ähnlichkeiten in der Kleidung der beiden Lords sind nicht rein zufällig.

Der französische Abbé Jean-Bernard Le Blanc (Bild), der 1737 von einem englischen Adligen eingeladen wurde, hat uns in einer Vielzahl von ➱Briefen ein Sittenbild der englischen Gesellschaft geliefert. Zuerst in Frankreich erschienen, gab es das Buch 1747 auch in englischer Übersetzung. Letters on the English and French nations : containing curious and useful observations on their constitutions natural and political : nervous and humorous descriptions of the virtues, vices, ridicules and foibles of the inhabitants : critical remarks on their writers : together with moral reflections interspersed throughout the work war eine Art Bestseller des 18. Jahrhunderts. Und was sagt er über das dressing down der Engländer? Es gefällt ihm nicht: masters dress like their valets; duchesses copy their chamber-maids.

Selbstverständlich gibt es Gelegenheiten, bei denen die Engländer ganz anders auftreten. So schreibt der amerikanische Botschafter Richard Rush zu Anfang des 19. Jahrhunderts über einen Empfang bei der Königin Charlotte: If the scene in the hall was picturesque, the one upstairs transcended it. The doors of the rooms were all open. You saw in them a thousand ladies richly dressed. All the colours of nature were mingling their rays together. It was the first occasion of laying by mourning for the Princess Charlotte; so that it was like the bursting out of spring. No lady was without her plume. The whole was a waving field of feathers. Some were blue, like the sky; some tinged with red; here you saw violet and yellow; there, shades of green. But the most were like tufts of snow. The diamonds encircling them, caught the sun through the windows, and threw dazzling beams around. Then the hoops! I cannot describe these. They should be seen. To see one is nothing. But to see a thousand — and their thousand wearers! I afterwards sat in the ambassadors' box at a coronation. That sight faded before this.

Noch verfügt die Gesellschaft für das Theater des Lebens über verschiedene Rollenrepertoires - heute ist das, wie Richard Sennett in The Fall of Public Man beklagt, kaum noch so. Man kleidet sich im eigenen Haus anders als für den Ball bei der Königin. Und man kleidet sich für den Morgenritt oder die Jagd anders als für die Stadt, anders als für den Beruf oder für ein Diner in feiner Gesellschaft. Für all das hat man ein Kostüm, ebenso wie man für all diese Gelegenheiten ein Repertoire der Umgangsformen besitzt. Das Wort negligé bedeutet im 18. Jahrhundert etwas anderes als es heute bedeutet. Es hat noch nichts mit der Reizwäsche zu tun, es ist lediglich etwas, was wir heute als dressing down bezeichnen.

Auf dem Land kann man den englischen Gentleman kaum von seinen Gutsverwalter und Wildhütern unterscheiden. Der frock, den die gentry ab 1730 von den Landbewohnern übernimmt (und der sich von dem damals vorherrschen Anzug dadurch unterscheidet, dass er einen Kragen und ein Revers hat) wird kürzer. Die lange Weste wird verdrängt durch den kürzeren gemusterten Newmarket waistcoat. Die karierten Tattersall Westen, die man in englischen Filmen sehen kann, sind die modernen Vertreter dieser Weste. Auf dem Bild Thomas Nuthall with a Dog and Gun von Sir Nathaniel Dance-Holland (oben) sehen wir einen upper class Gentleman bei der liebsten Freizeitbeschäftigung der Engländer. Seine Kleidung ist ziemlich unspektakulär und sicher praktisch. Zwischen dem Bild Sir Nathaniel Dance-Hollands und diesem Werbephoto liegen Jahrhunderte, aber der Stil bleibt der gleiche.

Der country gentleman wird zu einem modischen Ideal des 18. Jahrhunderts. Und das ist er vielleicht noch heute. Die weltweit verkaufte ➱Englishness ist ja weniger die Kleidung der Londoner City als ein tradiertes Ideal, das aus dem Moderepertoire der TV Verfilmung von James Herriots All Creatures Great and Small zu stammen scheint. Also das, was die Firma Ladage & Oelke den Hamburgern als typisch englisch verkauft. Und was man ein paar Straßen weiter bei ➱Rudolf Beaufays etwas echter bekommen kann.

Natürlich kann man auf dem Land eine Spur eleganter sein, wie uns der eigentlich viel zu feine Sir Benjamin Truman auf dem Bild von ➱Gainsborough zeigt. Aber selbst die weißen Seidenstrümpfe und die gelbe Weste wären für einen modebewußten Franzosen zu wenig an Mode. Wenn George III König wird, werden ihn satirische Journalisten Farmer George nennen. Und seine Untertanen werden diesen royalen Farmer kaum von einem anderen Großgrundbesitzer unterscheiden können. Wenn man im 18. Jahrhundert in Richmond deutsche Schweine und neuseeländische Schafe züchtet, läuft man nicht in Samt und Rüschenjabot herum.

George III hat Benjamin Truman zum Ritter geschlagen. Nicht, weil das Bier dieses Bierbrauers so gut war. Sondern weil Truman dem König George II Geld fürs Kriegführen geliehen hat. In jeder anderen Nation hätte sich ein Bierbrauer wahrscheinlich stolz vor seiner Bierbrauerei malen lassen, in England lässt er sich als country gentleman malen. Auch wenn er als nouveau riche die Rolle noch nicht so richtig beherrscht und zu elegant fürs Land ist. Truman ist typisch für eine neue Schicht, die ihren Reichtum nicht wie der Adel durch Erbschaft erwirbt. Die sich aber ansonsten verhält wie der Adel (neben seinem Haus in Spitalsfield hat Truman noch einen Landsitz in Hertingfordbury in Hertfordshire) und sich auch wie der Adel malen lässt.

Diese drei Herren auf Reynolds größtem conversation peace (für das er achtzig guineas bekam) verkörpern das alte Geld. Der junge Henry Fane in der Bildmitte wird zahlreiche politische Ämter innehaben, aber seine Zeitgenossen beschreiben ihn als very idle and careless and spending much time in the country. Links von ihm sitzt Inigo Jones, ein Nachfahre des ➱Architekten, rechts von Fane steht sein Schwager Charles Blair. Der besitzt eine Zuckerplantage auf Jamaica und hat viele ➱Sklaven. Vielleicht ist es doch moralischer, sein Geld als Bierbrauer zu verdienen. Charles Blairs ist übrigens der Ur-Ur-Großvater eines gewissen Eric Blair, der als George Orwell berühmt wird.

Je weiter das Jahrhundert fortschreitet, desto modischer scheint die Kleidung auf dem Land zu werden. Auf jeden Fall auf der Leinwand der Maler. Die ersten Zeichen des Dandyismus, Englands Antwort auf die französischen Incroyables, machen sich auch beim Fliegenfischen bemerkbar. Sein Bildnis des Lieutenant-Colonel Bryce McMurdo zeigt einen Mann in schlichtem Sportdreß‚ der sich ohne Pathos und Selbstgefälligkeit präsentiert, sagt ein gewisser Gottfried Lindemann in seinem Buch Kunst, Künstler, Kunstwerke: Malerei über das Bild von Sir Henry Raeburn. Schlichter Sportdress? Der Colonel mit seinem frock und seinen gelben Nanking Hosen könnte in jedem Londoner Salon Beau Brummell Konkurrenz machen (die modischen gelben Nanking Hosen wurden zum letzten Mal in diesem Blog ➱hier erwähnt).

Ein klein wenig revolutionär (hier haben die Sanculotten offensichtlich in der Mode gesiegt) ist die Tatsache, das unser Colonel keine Kniehosen trägt (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Beinkleider). Das schöne Portrait von Raeburn sollte uns aber zugleich eine Warnung sein: wir wissen nicht, ob er beim Fliegenfischen wirklich so gekleidet war. Die Alltagswirklichkeit dringt selten in die Portraits des 18. Jahrhunderts ein. Die Pantalons von Colonel Bryce McMurdo sind sicher auf dem Land ungewöhnlich, viel eher wird man die gelben Reithosen finden, die hier (wieder ein Bild von Raeburn) Captain John Cunningham, der dreizehnte Laird of Craigends, trägt. Man beachte seinen kurzen, praktischen frock.

Ich weiß auch nicht, ob man im 18. Jahrhundert wirklich in solcher Kleidung ➱Cricket gespielt hat. Auf dem Bild von Benjamin West, das The Cricketers heißt (manchmal auch Ralph Izard and His Friends), hat auf jeden Fall einer der Herren einen Cricketschläger in der Hand. Wir sind im Jahre 1764 und die ➱Elite der Kolonien tummelt sich in London. Und die Gentlemen des Südens, die nicht in London sind, haben auf jeden Fall dort ihren Schneider. Wie zum Beispiel George Washington, der seinen Londoner Schneidern zwar genaue Anweisungen über den Stil des bestellten Kleidungsstückes gibt, ihn aber über seine Körpermaße im Unklaren lässt.

Es ist ja nicht so, dass die Engländer nicht elegant könnten. So schreibt John Macky am Anfang des Jahrhunderts in seinem Buch A Journey Through EnglandThe dress of the English is like the French, but not so gaudy; they generally go plain, but in, the best cloths and stuffs, and wear the best linen of any nation in the world; not but they wear embroideries and lace on their clothes on solemn days, but they do not make it their daily wear as the French do. John Macky ist Schotte, für ihn sind die Engländer Ausländer. Und er beobachtet sie genau, und obwohl er von Beruf Spion ist, können wir seinen Beobachtungen vielleicht trauen.

Wenn es auch schlicht ist, es muss das Beste sein. Schließlich hat man Geschmack, der Begriff taste wird jetzt auch auf die Mode angewandt. Obgleich das Sir Joshua Reynolds nicht so ganz behagt: I have mentioned taste in dress, which is certainly one of the lowest subjects to which this word is applied. (Lesen Sie ➱hier den letzten seiner Seven Discourses on Art). Die kleinen, unauffälligen Dinge werden jetzt wichtig, aber es wird noch zweihundert Jahre dauern, bis Stephen Bayley Taste: The Secret Meaning of Things schreibt.

Sir Joshua Reynolds hatte für die Maler die Losung von der grand manner ausgegeben, nicht alle englischen Maler werden ihm bei dieser gesuchten Großartigkeit folgen. Dies Bild von Augustus John Hervey, dem dritten Earl of Bristol, steht (wie auch Gainsboroughs Bild von John Plampin oben) in einem Gegensatz zu Reynolds Portrait von ➱Lord Heathfield in Gibraltar oder Raeburns ➱Portrait von Sir John Sinclair of Ulbster in der Uniform eines Colonels der Rothesay and Caithness Fencibles. Die beiden Herren sind in heldenhafter Pose gemalt, der an einen Anker gelehnten Commodore der Royal Navy strahlt dagegen eine gewisse Nonchalance aus. Thomas Gainsborough hat es nicht so mit dem Heldenhaften, er macht aus einem formellen Portrait ein eher informelles.

Wenn man adlig ist und gerade vor der Beförderung zum Admiral steht, dann kann man auch lässig dastehen und sich an den Erfolg in der Seeschlacht von Havanna erinnern. Zumal, wenn die aktive Zeit als ➱Seeoffizier vorbei ist, von nun an ist der Lord, den man wegen seines Liebeslebens auch den englischen Casanova nennt, nur noch nominell in der Navy. Wenn man (noch) nicht adlig ist, aber auf dem Weg nach oben ist, dann steht man ebenso inszeniert lässig da. Wie hier der junge ➱Nelson auf dem Portrait von John Francis Rigaud. Als der Maler das Portrait begann, war Nelson noch Lieutenant, als Nelson von der San Juan Expedition zurückkehrt, ist er Captain. Rigaud muss noch Goldbordüren an die Uniform und den Hut malen. Eigentlich war es kein Grund, die Aktion mit einem Gemälde zu feiern, die ganze Unternehmung war ein Desaster.

Zum Admiral wird es auch Captain Edward Vernon noch bringen. Er ist ein entfernter Verwandter des Admirals Vernon, dem die Welt den Grog verdankt und nach dem Washingtons Landsitz Mount Vernon heißt. Wenn sich die Herren in ihren schönen neuen Uniformen malen lassen, dann liegt das auch daran, dass es jetzt schöne neue Uniformen gibt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Royal Navy gibt es jetzt eine einheitliche Marineuniform. Die auch die zivile Herrenmode beeinflusst. Und anders herum.

Mehr dazu kann man dem hervorragenden Buch Dressed to Kill: British Naval Uniforms, Masculinity and Contemporary Fashions 1748-1857 von Amy Miller entnehmen. Captain Vernons Uniform auf dem Bild von Francis Hayman lässt einen höheren Dienstgrad vermuten als den, den ➱John Plampin auf dem Bild von Gainsborough oben hat. Wenn man so ordinär breitbeinig dasitzt (wenn selbst der Hund im Vordergrund seinen Herrn kritisch betrachtet), dann macht man keine Karriere in der Royal Navy. Macht er auch nicht, aber sein Sohn Robert Plampin, der wird noch Admiral. Zu seinen Pflichten wird es eines Tages gehören, auf Napoleon in St Helena aufzupassen.

Die englischen Gentlemen, die sich im 18. Jahrhundert malen lassen, lassen sich gerne auf dem Höhepunkt ihrer Karriere malen. Ob in Uniform oder Zivil, das Studio des Malers hat Fachleute, die auf alle modischen Detailfragen vorbereitet sind. Von den Knöpfen bis zu den Goldborten. In den meisten Fällen malt der Maler die elegante Kleidung nicht selbst, das tun die spezialisierten Assistenten. Solche Gehilfen haben im 18. Jahrhunderts beinahe alle englischen Maler: für die Kleidung, für den Hintergrund, selbst für die Pferde, die manche der Portraitierten mitbringen. Der Herr auf diesem Bild wollte keine Verschönerung durch den Maler, er wollte so sein, wie er wirklich war. Und sein Freund William Hogarth hat den Captain Thomas Coram mit seinem greatcoat (auch surtout genannt) dann genau so gemalt.

Mit unordentlich zugeknöpfter Weste (die Knöpfe der Weste von Sir Benjamin Truman sind auch nicht alle zugeknöpft) und verrutschten Hosen, das königliche Siegel für die Charter des von ihm gegründeten Waisenhauses fest in der Hand. Er hat sein Vermögen mit Schiffen und der Seefahrt gemacht, jetzt tut er gute Werke. Auch wenn er in der Pose eines Herrschers gemalt ist, er wirkt eher wie ein guter Kumpel. Dieses Bild hat nichts mit Reynolds grand manner zu tun, dieser Mann ist einfach normal. Hogarth (der kein Honorar für sein Bild nahm) war stolz auf das Bild: The portrait which I painted with most pleasure and in which I particularly wished to excel, was that of Captain Coram for the Foundling Hospital; and if I am so wretched an artist as my enemies assert, it is somewhat strange that this, which was one of the first I painted the size of life, should stand the test of twenty years' competition, and be generally thought the best portrait in the place, notwithstanding the first painters in the kingdom exerted all their talents to vie with it.

Das 18. Jahrhundert bringt nicht nur eine neue Mode für die neue englische Gesellschaft, es bringt auch die ersten Modezeitschriften. Und es bringt Philosophen wie Christian Garve, die über die Mode schreiben. Und es fehlt natürlich nicht an Benimmbüchern. Die hat es über die Jahrhunderte immer gegeben, auf jeden Fall seit die Menschheit Wildschweine nicht mehr so aß wie Obelix. Aber war eins dieser Bücher so erfolgreich wie die gesammelten ➱Briefe, die Lord Chesterfield (Bild) seinem Sohn schreibt? Nicht für alle Zeitgenossen waren die Belehrungen von der Bedeutung, wie sie heute manchmal eingeschätzt wurden. ➱Samuel Johnson sagte über sie, they teach the morals of a whore, and the manners of a dancing-master. Aber ich möchte dennoch einen Absatz daraus zitieren:

Your dress (as insignificant a thing as dress is in itself) is now become an object worthy of some attention; for, I confess, I cannot help forming some opinion of a man's sense and character from his dress; and I believe most people do as well as myself. Any affectation whatsoever in dress implies, in my mind, a flaw in the understanding. Most of our young fellows here display some character or other by their dress; some affect the tremendous, and wear a great and fiercely cocked hat, an enormous sword, a short waistcoat and a black cravat; these I should be almost tempted to swear the peace against, in my own defense, if I were not convinced that they are but meek asses in lions' skins. Others go in brown frocks, leather breeches, great oaken cudgels in their hands, their hats uncocked, and their hair unpowdered; and imitate grooms, stage-coachmen, and country bumpkins so well in their outsides, that I do not make the least doubt of their resembling them equally in their insides. 

A man of sense carefully avoids any particular character in his dress; he is accurately clean for his own sake; but all the rest is for other people's. He dresses as well, and in the same manner, as the people of sense and fashion of the place where he is. If he dresses better, as he thinks, that is, more than they, he is a fop; if he dresses worse, he is unpardonably negligent. But, of the two, I would rather have a young fellow too much than too little dressed; the excess on that side will wear off, with a little age and reflection; but if he is negligent at twenty, he will be a sloven at forty, and stink at fifty years old. 

Dress yourself fine, where others are fine; and plain where others are plain; but take care always that your clothes are well made, and fit you, for otherwise they will give you a very awkward air. When you are once well dressed for the day think no more of it afterward; and, without any stiffness for fear of discomposing that dress, let all your motions be as easy and natural as if you had no clothes on at all. So much for dress, which I maintain to be a thing of consequence in the polite world.  Ich nehme an, dass die Schneider der Savile Row diesen Text auswendig aufsagen können. Diese drei Gentlemen wurden von Hugh Douglas Hamilton, von Henry Walton und von Gainsborough gemalt.

Die Mode des ausgehenden Jahrhunderts und der Zeit des Regency hat die Modehistoriker mehr interessiert als die Jahrzehnte zuvor. Was an dem Auftreten eines neuen Wesens liegt (das man zum Teil auch durch die ➱Grand Tour eingeschleppt hat): There is indeed a kind of animal, neither male nor female, a thing of the neuter gender, lately started up amongst us. It is called Macaroni. It talks without meaning, it smiles without pleasantry, it eats without appetite, it rides without exercise, it wenches without passion. Schon 1764 ätzt Horace Walpole über den Macaroni Club: The Maccaroni Club (which is composed of all the travelled young men who wear long curls and spying-glasses), und neun Jahre später wird er ausrufen: What is England now? – A sink of Indian wealth, filled by nabobs and emptied by Maccaronis! A senate sold and despised! A country overrun by horse-races! A gaming, robbing, wrangling, railing nation without principles, genius, character or allies.

Die englischen Macaronis (die natürlich noch lange nicht so schlimm sind wie ihre Pariser Verwandten, die Incroyables heißen) mutieren dann irgendwann in den englischen ➱Dandy. Eine Sozialfigur, die es auch in den amerikanischen Kolonien zu geben scheint (lesen Sie dazu ➱Amerikanische Dandies). Über die Figur des Dandy ist viel geschrieben worden, natürlich auch von jenen Dandies, die selbst Schriftsteller waren. Wie Barbey d'Aurevilly, Baudelaire oder Edward Bulwer-Lytton. Häufig ist das besser zu lesen, als was von Akademikern oder Feuilletonisten über den Dandy verfasst wird. Zumal sich die Akademiker auch nicht einigen können, welche Fakultät sich mit den Dandies beschäftigen soll. Man kann das in der Romanistik ansiedeln, dann wäre Professor Hans Hinterhäuser einer der ersten gewesen, der sich mit dem Thema beschäftigt hat. Man kann von der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft herkommen wie Hiltrud Gnüg mit ihrem Buch Kult der Kälte, einem leider sprachlich nicht ansprechenden und sachlich fehlerhaftem Werk. Oder man kann das Thema von der jetzt neu etablierten Kulturwissenschaft her angehen - wenn man es nicht dem Feuilleton oder ➱Karl Lagerfeld überlassen will.

Und von der Kulturwissenschaft kommt Günter Erbe, und sein Buch Dandys - Virtuosen der Lebenskunst: Eine Geschichte des mondänen Lebens ist seit langer Zeit das Seriöseste, was über die Dandies geschrieben worden ist. Es beginnt mit Beau Brummell (obgleich man sich hier vielleicht ein erstes Kapitel über die ersten Regungen des Dandyismus im ausgehenden 18. Jahrundert gewünscht hätte) und endet mit der Zeit von Marcel Proust. Führt dann aber noch das Thema mit einem Ausblick auf den Dandy im Zeitalter der Massenkultur weiter. Das Buch besitzt eine vorzügliche Bibliographie - da haben die Möchtegern Dandy-Theoretiker noch viel zu tun, bis sie sich da durch gearbeitet haben. Und zu allerletzt: dies Buch ist nicht nur seriöse Kulturwissenschaft, es ist auch gut zu lesen! Da sagen wir doch chapeau! und ziehen unseren seidenen Zylinder. Und stellen ihn so auf dem Boden ab, wie Marcel Proust das in A la recherche du temps perdu beschreibt.

Die Bilderwelt des 18. Jahrhunderts offeriert uns die swagger portraits der Reichen und Schönen und die in Lumpen gehüllten Außenseiter in Hogarth' ➱Gin Lane. Aber es gibt etwas dazwischen. Dies Detail aus George Morelands Bild A Windy Day (das ganze Bild gab es hier zu sehen) verwendet John Styles in seinem Buch The Dress of the People: Everyday Fashion in Eighteenth-Century England, das 2007 bei der Yale UP erschien. Styles hat lange für das Victoria & Albert Museum gearbeitet, er versteht etwas davon, worüber er schreibt. Ich sage das, weil in den letzten Jahren mehrere Bücher zur englischen Herrenmode des 18. Jahrhunderts erschienen sind, deren Verfasser keine Ahnung von Mode und Kostümkunde haben. Aber dafür von poststrukturalistischer Theorie. Zu dem vorzüglichen Buch von John Styles habe ich ➱hier eine längere Buchbesprechung.

Der junge Doktor C. Willett Cunnington war Stabsarzt im Ersten Weltkrieg, als er aus dem Krieg zurückkam, heiratete er die Ärztin Phillis Webb. Gemeinsam betrieben sie ihre Praxis in Finchley, und gemeinsam begannen sie, Kleidung zu sammeln. Die sie in einer Scheune im Garten horteten. Der Hang zum Sammeln könnte daran liegen, dass Dr Cunnington aus einer Familie von Archäologen stammte. 1935 erschien mit Feminine Attitudes das erste Buch des Sammlers, danach hörte es mit dem Schreiben nicht mehr auf.

Seine Frau Phillis brachte etwas dann mehr Wissenschaftlichkeit in die gemeinsamen Schriften, von ihm stammte der Humor, den die Leser an den Büchern so schätzten. 1947 verkauften die Cunningtons ihre Sammlung an die Stadt Manchester, sie ist heute die Basis der Gallery of Costume in der Platt Hall, einem schönen Landsitz im ➱Georgian Style. Das Handbook of English Costume in the Eighteenth Century der beiden ist natürlich das Standardwerk für das 18. Jahrhundert. Leider bleibt dieses vom Markt verschwundene Buch so gut wie unerschwinglich, es wird Sie nicht trösten, dass ich für mein Exemplar zehn Euro bezahlt habe.

Sie vermissen die Damenmode? Vielleicht kommt die noch eines Tages. Bis dahin benutzen Sie doch diese schöne interaktive ➱Seite des Victoria & Albert Museums.