Dienstag, 23. September 2014

Wolfgang Heimbach


Heute vor 390 Jahren ist Willem Pietersz. Buytewech gestorben, er gilt als der Vater der niederländischen Genremalerei. Er ist allerdings ein Maler, der mich eigentlich nicht wirklich interessiert. Aber als ich den Namen Buytewech las, fiel mir als erstes der Maler Wolfgang Heimbach ein, der auch Genrebilder gemalt hat (und der sich hier ganz klein in die Ecke eines Bildes gemalt hat). Man nennt ihn auch den Stummen aus Ovelgönne, weil er taubstumm war. Entdeckt und gefördert hatte ihn sein Landesherr, der Oldenburger Graf Anton Günther, der ihn zum Studium in die Niederlande schickte.

Als Heimbach aus den Niederlanden zurückkam, ist er auch kurze Zeit für das bremische Bürgertum tätig gewesen. Die Bremer Kunsthalle besitzt aus dieser Zeit eins seiner ersten signierten Bilder mit dem Titel Vornehme Gesellschaft (oder auch Vornehme Hochzeitsgesellschaft). Es ist sehr kleines Bild. Es ist ein Kabinettstückchen, nur 30 mal 40 Zentimeter groß. Begonnen in Ovelgönne und vollendet in Bremen, wie man der Signatur entnehmen kann. Es ist übrigens wie ➱Elsheimers Flucht nach Ägypten auf Kupfer gemalt. Es wäre mir beinahe nie aufgefallen, wenn mir mein Freund Peter nicht einmal gesagt hätte: Laß uns als erstes mal den kleinen Heimbach anschauen.

Ich habe in der Bremer Kunsthalle (die ➱hier einen langen Post hat) nie eine Führung mitgemacht, ich habe mir die Welt der Malerei mit meinen eigenen Augen erobert. Und zusammen mit Freunden wie Peter (der professioneller Kunsthistoriker geworden ist) oder Uwe (der Kunstprofessor wurde). Nur einmal verdanke ich einem der Wärter etwas, diese witzige Geschichte habe ich ➱hier schon erzählt. Mit dem Peter bin ich einmal in Köln im Wallraf Richartz Museum von den Wärtern festgenommen und zum Direktor gebracht worden, weil wir uns die Bilder zu genau angesehen haben. Na ja, die Alarmanlagen haben wir auch genau studiert.

Wir erzählen dem Direktor, dass wir kunstinteressierte Primaner auf einer Studienfahrt seien, die eine Facharbeit über Museen schrieben. Das mit der Studienfahrt (Köln,➱ Mainz, Trier) stimmt, das mit der Facharbeit auch. Allerdings schreibe ich über Christoph Thomas Schefflers ➱Fresken in Balthasar Neumanns St. Paulin in Trier. Ihr seid nur hier, um meine Wärter zu ärgern, sagt der Direktor. Geben wir zu. Wir sagen ihm aber auch, dass es uns geärgert hat, dass wir uns die Sammlung nicht angucken konnten, ohne drei Wärter auf der Pelle zu haben. Dass wir deshalb die Sache mit dem Studium der Alarmanlagen abgezogen haben. Das findet Gert von der Osten nun wieder komisch, wir werden (per Personalaufzug) wieder zurück in die an diesem Vormittag menschenleere Sammlung geleitet. Und von keinem Wärter mehr behelligt.

Der Stumme aus Overgönne war vor fünfzig Jahren ein Geheimtip. Er ist heute leider noch nicht viel besser erforscht (der Wikipedia Artikel ist auch etwas mickrig). Wenn ich es recht sehe, dann gibt es neben Gertrud Göttsches 79-seitiger Monographie aus dem Jahre 1935 nur das Buch Die Genrebilder von Wolfgang Heimbach, das Christiane Morsbach 1999 veröffentlichte (das war ursprünglich einmal eine Magisterarbeit an der Universität Mainz).

Man weiß nicht einmal genau, ob es sich bei der Bremer Vornehmen Gesellschaft wirklich um die Darstellung einer Hochzeitsgesellschaft handelt, wie gemeinhin angenommen wird. Dafür sprächen allerdings das Bett (in dem Alkoven rechts) und die Hunde als Symbol ehelicher Treue. Im Katalog der ersten bremischen Kunstausstellung im Jahre 1829 wird das Bild mit dem Titel Hochzeit eines Bremer Ratsherrn mit einer Ovelgönnerin geführt (dafür sprächen das Bremer und das Oldenburger Wappen auf dem Kamin). Das Bild ist zuerst in der Sammlung des Bremer Kaufmanns Gerhard Christian Garlichs gewesen, der sein Vermögen mit den neuesten engl. Long-Shawls und französ. Bourre de Soie-Tücher in allen gangbaren Farben gemacht hatte.

Da ich bei Farben bin, muss ich mal eben dies Bild Heimbachs abbilden (das im Schloss Rosenborg hängt), die Huldigung der dänischen Ständeversammlung an ihren König Frederik im Jahre 1660. Mit dem wahrscheinlich längsten roten Teppich in der Kunstgeschichte (der in einen rot überzogenen Thron mündet). Ganz unten links ist der Maler selbst zu sehen, so wie wir ihn ganz oben schon auf dem Detail gesehen haben. Das Westfälische Landesmuseum in Münster nennt seit 1995 das wohl einzige wirkliche ➱Selbstportrait des Malers sein eigen. Wenn mir die Farben schon eine Abschweifung wert sind, so sollte es die Mode auch sein. Wohl eine der größten ➱Privatsammlungen von Heimbach Bildern, besitzt jemand, der mit Mode sein Geld verdient. Der auch einer der größten Kunden der Firma ➱Regent ist. Es ist der Münsteraner Textilhändler Thomas Rusche, dessen Firma Sør heißt, die kennen Sie alle. Das beweist wieder einmal, dass bei den Verdienstspannen der Klamottenindustrie immer ein wenig übrig bleibt.

Obgleich Garlichs seit Bestehen des Kunstvereins dessen förderndes Mitglied war, hat er sich nicht dazu verstehen können, seine Sammlung der Kunsthalle zu schenken. Sie wurde 1832 verauktioniert, blieb aber zum großen Teil bei Bremer Sammlern. Seit dem Jahre 1908 ist das Bild nun im Besitz der Kunsthalle, aber mehr Bilder von Heimbach besitzt die Bremer Kunsthalle leider nicht. Allerdings hat das Focke Museum noch ein schönes Portrait von Christina Graevaeus aus dem Jahre 1636. Davon gibt es im Internet natürlich kein Bild, aber die junge Dame auf dem Bild trägt diese damals modische Mühlsteinkrause, so wie die Dame auf diesem Bild von Jan van Ravesteyn.

Diesen jungen Herrn (vor der Kulisse von Kopenhagen) besitzt die National Gallery in London. Man kann im Vergleich mit Jan van Ravesteyn schon einen gewissen Qualitätsunterschied sehen. Die Kraft Heimbachs, sein Gebrechen zu meistern, hat ihm wahrscheinlich an den Höfen Europas mehr Achtung und Sympathie erworben als seine bescheidenen Werke es vermochten, steht auf einer Karteikarte, die ich vor fünfzig Jahren geschrieben habe. Postkarten von der Vornehmen Gesellschaft und Frau Christine Graväus, gen. Steding stecken neben der Karteikarte im Karteikartenkasten (ja, so etwas gab es mal, war das Rüstzeug jedes Kunstgeschichtsstudenten). Woher habe ich bloß diesen Text? Irgendwo abgeschrieben? Frühe Genialität?

Seinen Landesherrn, den Grafen Anton Günther (hier auf der rechten Seite von einem ➱Doppelportrait, das ihn mit der Gräfin Sophia Katharina zeigt) hat Heimbach auch in die (Hochzeits-) Gesellschaft hineingemalt. Er ist im Hintergrund in der Bildmitte vor dem Kamin zu sehen (einen ähnlichen Kamin kann man übrigens auf einem ➱Bild von Bartholomeus von Bassen sehen). Der Graf hat es im Dreißigjährigen Krieg diplomatisch geschickt verstanden, das Oldenburger Land aus den Kriegswirren herauszuhalten, indem er Allianzen mit Schweden und Dänemark einging. Was Wolfgang Heimbach auch nach Dänemark brachte. Am Hofe Frederiks III von Dänemark ist er von 1653 bis 1662 tätig gewesen.

Dort hat er auch Waldemar Christian, den Sohn des dänischen Königs Christian IV gemalt. Christian IV ist irgendwie mein Lieblingskönig, wahrscheinlich weil ich als Jugendlicher eine Woche in Kopenhagen war und beinahe täglich im Schloss Rosenborg war (lesen Sie ➱hier mehr). Pferde sind nicht unbedingt das Forte von Wolfgang Heimbach, ein ➱Pferde-Krüger ist er auf keinen Fall. Auch kein ➱Rembrandt oder ➱Jürgen Ovens. Er kann wirklich nicht so gut malen wie viele seiner Zeitgenossen. Aber man hat ihn an den Höfen und auf den Adelssitzen gemocht. Vielleicht war ein taubstummer Maler auch praktisch, er kann keinerlei Staatsgeheimnisse ausplaudern, die er beim Malen erfährt.

Und so malt er den König Frederik (der auch Koadjutor von Bremen war), wie ihm der Engel vor der Schlacht von Nyborg offensichtlich gerade verkündet, dass er die Schweden schlagen und die Souveränität Dänemarks bewahren wird. Heimbach arbeitet auch für den Erzherzog Leopold Wilhelm und für Ferdinando II de’ Medici. Und für den Reichsfürsten Ottavio Piccolomini, dessen Namen wir aus Schillers Wallenstein kennen. Denn da kommt sein Sohn Max vor, den es allerdings nie gegeben hat. Aber Schiller irrt sich in seinen historischen Stücken ja häufiger, weshalb wir ihm auch die unsterblichen Zeilen I freilich! Und Er ist wohl gar, Mußjö, Der lange Peter aus Itzehö? verdanken.

Der Stumme aus Ovelgönne kommt weit herum in Europa. Er ist beinahe zehn Jahre lang in Italien gewesen, wo er für Ferdinando II de’ Medici und das Adelshaus Doria-Pamphilj gearbeitet hat. In deren Sammlung ist dieses junge Mädchen mit Lampe zu finden. Das Bild habe ich in dem Blog von Frank Zumbach gefunden, der ➱Blog eines ➱Edgar Allan Poe Spezialisten, den ich unbedingt empfehlen kann. Solche Bilder wie dieses waren eine Spezialität von Heimbach. Nicht dass er die Chiaroscuro Malerei (die noch ein Jahrhundert später ➱Joseph Wright of Derby das Mittel des Helldunkels mit großem Erfolg einsetzen wird) erfunden hätte, gegen Caravaggio und Georges de la Tour ist er kein Vergleich.

Es gibt in der Sammlung Doria-Pamphilj zu dem Mädchen mit der Kerze noch ein Komplementärbild, das einen jungen Mann mit einer Lichtquelle zeigt. Diese Bilder von Heimbach scheinen bei seinen Auftraggebern sehr beliebt gewesen zu sein. Und es ist nicht immer nur eine einzige Lichtquelle zu sehen. Bei diesem auf 1640 datierten Bild Nächtliches Bankett, das sich in Wien befindet, gibt es eine Vielzahl von Lichtquellen, die das Bild erleuchten.

Heimbachs letzter Arbeitgeber ist der Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen von Münster gewesen, den er stolz zu Pferde gemalt hat. Im Hintergrund ist die Stadt Groningen zu sehen. Die hat Galen als Verbündeter von Louis XIV vergeblich einzunehmen versucht. Aber die Holländer überschwemmen mal wieder ihre Felder und Wiesen und denken überhaupt an nicht Kapitulation. Diese beiden Bilder sind nicht aus reiner Bosheit von mir hierher gestellt, sie zierten einmal eine Seite der Welt, die damals ➱titelte"Bomben-Bernd" – ein Vorbild für Tebartz-van Elst: Limburgs Bischof wurde stark durch das Bistum Münster geprägt. Dort regierte einst Christoph Bernhard von Galen, ein machtgieriger, größenwahnsinniger und verschwendungssüchtiger Kirchenfürst. Ja, diese ➱Analogie bietet sich schon an. Den Namen Bomben-Bernd (oder Bommen Bernd) hat Galen bekommen, weil er Groningen mit Mörsern beschießen ließ. Man feiert in Groningen noch an jedem 28. August den Gronings Ontzet, den Tag, an dem Bommen Bernd aufgegeben hat.

Graf Galen hoch zu Roß bringt mich noch einmal auf den Grafen Anton Günter zurück. Dieses Bild ist nicht von Wolfgang Heimbach, es prangt an der Außenwand des ➱Hotels Graf Anton Günther in Oldenburg. Das Lokal spielt eine nicht unwichtige Rolle in dem Theaterstück Grünkohl für Holland von Otto Jägersberg. Einem Schriftsteller, den sogar ➱Arno Schmidt schätzte. Das Theaterstück wird in diesem Blog schon in einem Post zitiert, der den Titel ➱Kohl und Pinkel hat (und den ich unbedingt empfehlen kann). Der Apfelschimmel des Grafen Anton Günter heißt Kranich, das weiß in Oldenburg jedes Kind. Also, früher war das so, als die Welt noch daraus bestand, dass man sich Geschichten erzählte. Kranich hat auch eine Geschichte, Sie können sie ➱hier lesen.

Und diese badenden Mägdelein, die die ➱Kunstsammlungen Augsburg 1982 erworben haben, wären jetzt nicht unbedingt nötig gewesen. Sie sind nur hier, weil ich damit eine schöne Überleitung zu einem der nächsten Posts habe, der George Spencer Watson heißen wird. Ein interessanter englischer Maler, der schon in dem Post über ➱Anthony Powell erwähnt wurde.

Wenn ich über Buytewech geschrieben hätte, wäre das heute nicht so interessant wie dies hier geworden.

Montag, 22. September 2014

Rosamunde


Sie wird heute neunzig Jahre alt. Das gibt mir Gelegenheit (da es ansonsten hier heute nichts Neues gibt), einen älteren Post noch einmal abzudrucken. Was heute hier steht, war im Jahre 2010 mein Geburtstagsgruß (den ich heute noch einmal wiederhole) an eine der berühmtesten Engländerinnen der Gegenwart. Manche Leser fanden den Post etwas bösartig, aber eigentlich ist er doch ganz nett.

Join the Wrens – and free a man for the fleet, lautete der Slogan, den die englische Regierung während des Zweiten Weltkriegs ausgab, um Angehörige für den Women's Royal Naval Service zu werben. Rosamunde Scott, Tochter eines Marineoffiziers, hat ihn beherzigt. Als sie aus dem Krieg zurück war, hat sie den Major Graham Pilcher geheiratet, vier Kinder gekriegt und irgendwann zu schreiben angefangen. Heute wird sie 86, ihr Ehemann ist im letzten Jahr im Alter von 92 Jahren gestorben. Obgleich ich ihre Romane nicht mag, gratuliere ich doch ganz herzlich zum Geburtstag. Sie hat nie behauptet, dass sie große Literatur schreibt: Nennen Sie es Kitsch. Das berührt mich nicht. Ich glaube dennoch, dass ich einen guten Stil habe. Das mit dem guten Stil weiß ich nicht so genau, aber gutes Englisch schreibt sie, das ist richtig. Ich bin Experte, ich besitze einen Rosamunde Pilcher Roman. Habe ich für zwei Mark im Grabbelkasten gefunden, ich wollte endlich mal wissen, was an dem Pilcher Phänomen dran ist. Ich habe die 1.016 Seiten nicht zu Ende gelesen, weil ich in der Gegend von Seite 200 aufgehört habe. Danach habe ich nur noch kursorisch darin gelesen, hier ein Häppchen, dort eins. Reicht für den Gesamteindruck. Die Sunday Times sprach von warmth, sincerity and easy, undemanding prose. Stimmt alles. Aber wenn man etwas in der Größenordnung von tausend Seiten lesen will, dann könnte es ja auch ➱Gone with the Wind sein. Oder etwas more demanding, die Forsyte Saga.

Der Roman heißt Coming Home, er ist natürlich auch verfilmt worden, 199 Minuten lang (es gibt ihn auch vorgelesen). Aber diesmal ist die Verfilmung nicht eine dieser schrottigen ZDF Produktionen, hier hat man sich schon Mühe gegeben und gute Schauspieler geholt. Peter O'Toole, Joanna Lumley, Emily Mortimer, Susan Hamphire (ja, die hübsche Fleur aus der Forsyte Saga Verfilmung). Zwei Jahre vorher hatte die BBC mit der Verfilmung von September es dem ZDF mal gezeigt, wie man das richtig macht, wieder mit Mengen von Stars Jacqueline Bisset, Edward Fox, ➱Michael York, Mariel Hemingway etc.

Aber das ZDF hat sich von diesen englischen Filmen nicht beeinflussen lassen und haut eine Pilcher Verfilmung nach der anderen raus (natürlich haben sie Coming Home und September auch gezeigt). Ich habe September gesehen, weil ich ➱Jacqueline Bisset ganz schnuckelig finde. Nicht dass sie eine besonders gute Schauspielerin wäre, aber was wäre Truffauts La Nuit Américaine ohne sie? Dass sie auch in Richard Lesters The Knack war, haben wir alle nicht bemerkt. Dafür hat sie in Under the Volcano gezeigt, dass sie auch eine gute Schauspielerin sein kann. In September spielt sie jemanden namens Pandora Blair (was ein toller Name für Tony B-Liars Gattin wäre) und beweist, dass Frauen auch jenseits der fünfzig noch gut aussehen können.

So halbwegs qualitätvoll die BBC Inszenierung daherkommt, auch hier gibt es schlimme Schnitzer. Man guckt diese Sorte Film ja nicht wegen der Handlung oder der Kameraarbeit an. Der englische Professor ➱Malcolm Bradbury, der auch viel für das Fernsehen gearbeitet hat, hat mal in einem Vortrag gesagt, dass man sich in Bezug auf die Genauigkeit bei einer Verfilmung ja große Mühe gäbe. Aber kaum sei der Film gesendet, da rufen die Leute bei der BBC an, um zu sagen, dass es das eben im Film gezeigte Automodell im Jahre 1954 noch gar nicht gegeben hätte. Sie verstehen, was ich meine. Also es gibt in dem Film eine Szene, in der Michael York (die Inkarnation des englischen Gentleman, da kann man ja nicht viel falsch machen) geschäftlich in die Großstadt muss. Er trägt einen eleganten Anzug, hat einen dieser schweineteuren englischen Aktenkoffer (also so etwas, was Swaine, Adeney & Brigg verkaufen) und steigt in einen Land Rover.

So weit so gut. Der Fehler ist: alles ist neu, nagelneuer Anzug, nagelneuer Aktenkoffer, nagelneuer und ganz sauberer Land Rover. Wenn man so, oder so ähnlich wohnt, dann hat man nix Neues! Kein Gentleman würde einen Anzug tragen, dem man das NEU auf hundert Meter ansieht. Das bedeutet, dass wir unsere Arbeit nicht richtig gemacht haben, würden die Savile Row Schneider sagen. Und kein englischer Gentleman würde einen neuen Aktenkoffer in die Hand nehmen. Der rote Koffer, den der jeweilige englische Schatzkanzler bei der Präsentation des Budgets in die Kamera hält, stammt aus dem Jahre 1860. Damals hatte Gladstone ihn für diese Zwecke anfertigen lassen. Und wieso steht ein sauber glänzender Land Rover vor dem Landhaus? Da muss doch die untere Hälfte voller Lehm sein. Das sind schlimme handwerkliche Fehler, die in der Serie Der Doktor und das liebe Vieh nie vorkommen.

Wenn solche Schnitzer in den englischen Produktionen vielleicht marginal sind, in den deutschen Produktionen sind sie die Regel. Hier bastelt man sich ein synthetisches England zusammen, das Cornwall sein soll (aber meistens woanders gedreht wurde). Die Engländer sind natürlich alle aus deutschen Serien bekannt, und sie tragen abscheuliche Dinge, die bestimmt kein Engländer trägt. Oder sagen wir das etwas genauer: kein Engländer aus dieser spezifischen Gesellschaftsschicht. Denn eine bestimmte Sorte Kleidung ist in England wie ein bestimmter Akzent immer noch an eine bestimmte soziale Gruppe gebunden (zu der die meisten deutschen Darsteller auch nicht gerade gehören).

Peter O'Toole, Edward Fox und Michael York könnten den schlimmsten Unsinn anziehen, den man sich in Mainz ausdenken mag, sie würden immer noch einen englischen Landadligen abgeben. Aber den meisten deutschen Darstellern, die in diesen Pilcher Filmen brillieren, gelingt das nun mal nicht. Die echt englischen Outfits wären zur Unterstützung ihrer schauspielerischen Leistungen ebenso wichtig wie die richtige Umgebung. Warum plündern die, wenn es offensichtlich nicht für Rudolf Beaufays in Hamburg reicht, nicht mal zu Beginn der Dreharbeiten einen Oxfam ➱Secondhand Laden?

Nun könnte man sagen, dass diese kleinen Nuancierungen in der Welt der upper middle class völlig nebensächlich sind, aber das ist nicht wahr. Der englische Roman lebt davon, Rosamunde Pilcher ganz besonders. Denn dies ist ja keine working class literature. Dies ist genteel literature für diejenigen, die dahin kommen möchten, wo Pilchers Figuren schon sind: auf den großen Landsitz in Cornwall. Rosamunde Pilcher ist in dem Land der romance nicht allein, sie hat in England massenhaft Konkurrenz, von der guten alten Barbara Cartland bis zu Jilly Cooper. Diese Sorte Literatur macht die Hälfte des englischen Buchmarkts aus.

Wenn man nun glaubt, dass ganz Cornwall Pilcher Country ist, fest im Besitz von Rosamunde, wird man sich getäuscht sehen. Es gibt in England noch eine Autorin, die in Deutschland nicht so bekannt geworden ist, die aber schöne Romane geschrieben hat, die auch in Cornwall spielen. Vor Jahren habe ich im Grabbelkasten eines Antiquariats für eine Mark Mary Wesleys Buch A Sensible Life gefunden. Ich las die ersten Seiten und war hingerissen, hier war eine Frau, die schreiben konnte. Sie war 78 Jahre alt, als sie diesen Roman schrieb. Jane Austen plus Sex, hat die englische Presse ihre Romane klassifiziert. Fand sie nicht so witzig, aber Sex spielt bei ihr schon eine Rolle. Auch in ihrem Leben, nicht nur im Roman. Die upper middle class spielt bei ihr auch eine Rolle, wird aber bei ihr schärfer gezeichnet. Ist kein Gegenstand der heimlichen Verehrung, eher der Ironie.

Rosamunde Pilchers Romane haben hundertausende von Touristen nach Cornwall gelockt, dafür ist sie mit dem British Tourism Award ausgezeichnet worden. Der ZDF Programmdirektor Claus Beling auch. Pilcher hat vor zehn Jahren aufgehört zu schreiben, aber dafür schreibt beim ZDF eine Frau namens Christiane Sadlo weiter. Die die gleiche Formel dann auch noch mal unter dem Namen Inga Lindström vermarktet. Dann spielt das in Schweden, ist aber sonst das gleiche. Die Darsteller meistens auch.

Muss man Rosamund Pilcher lesen? All normal people need both, classics and trash, hat George Bernard Shaw einmal gesagt. Meine kursorische Lektüre von Coming Home hat keine bleibenden Schäden hinterlassen. War auch nicht so schreiend komisch, wie die Lektüre von Kathleen Woodiwiss' Ashes in the Wind (ein Gone with the Wind Derivat). Eine Zeitschrift namens Woman and Home hat Coming Home als A great featherbed of a novel, all the right ingredients bezeichnet. Wahrscheinlich ist das so. Wenn Sie aber nun aus der Bettenabteilung in das richtige Leben wechseln wollen, dann empfehle ich das Buch Class von ➱Jilly Cooper, in dem man ALLES über die englische Gesellschaft erfährt.


Samstag, 20. September 2014

Anna Waser


Heute vor dreihundert Jahren starb die Schweizer Malerin Anna Waser. Sie war ein Wunderkind dessen Kunst angeblich von Queen Anne und Zar Peter geschätzt wurde. Hofmalerin des Grafen Wilhelm Moritz von Solms-Braunfels ist sie auch gewesen, ganz Europa stand ihr offen. Sie war nicht die erste Malerin in der Welt der Kunst, Frauen haben sich längst einen Platz in der Malerei erobert. Anna Waser war die erste Malerin der Schweiz, das feiern die Schweizer, denn viel Kunst haben sie nicht. Dieses Selbstbildnis hat sie hat Zwölfjährige gemalt, der Mann auf der Leinwand soll der in Winterthur als ➱Fächermaler bekannte Johannes Sulzer sein, der neben dem viel berühmteren Joseph Werner einer ihrer Lehrer war.

Aber wie es mit den Wunderkindern so ist, das Leben verläuft meistens nicht so, wie die Umwelt es erwartet. Die Geschichte des Wunderkinds ➱Christian Heineken steht hier schon im Blog, Wolfgang Amadeus Mozart wird nur fünfunddreißig. Anna Waser auch. Das Bild oben ist das einzige, das von ihren Schöpfungen erhalten ist. Es soll noch fünfundzwanzig Zeichnungen geben, aber mehr ist da nicht. ➱Mozart hat uns glücklicherweise mehr hinterlassen. Die Schweizer Künstlerin Ruth Greter, die über Die Künstlerin und ihr Werk in der deutschsprachigen Kunstgeschichtsschreibung promoviert hat, hat einen ➱Lexikonartikel geschrieben, der die gesicherten Fakten über das Leben und Werk der Anna Waser enthält. Viel mehr als hier steht findet sich nicht, der Rest ist freie Phantasie. Doch Anna Waser ist nicht vergessen, das verdankt sie der Maria Waser. Die Literaturwissenschaftlerin hat 1913 die Geschichte der Anna Waser aufgeschrieben.

Sie können das ➱hier im Volltext lesen. Sie können es auch lassen, es ist grauenhaft. Hat sich aber verkauft wie geschnitten Brot. Es ist erstaunlich: hier ist eine gebildete Frau, die einen Schriftsteller wie Robert Walser gefördert hat (der einer meiner Lieblingsschriftsteller ist und ➱hier natürlich schon einen Post hat), und die haut da eine Schmonzette raus, die Frau Courths-Mahler alt aussehen lässt. Die von mir etwas bespöttelte ➱Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem wirkt schon wie high-brow Literatur gegen diese Lebensgeschichte der kleinen Schweizer Malerin. Ich zitiere aus dem Roman einmal ein kleines Gedicht:

Wann ich einst tot bin,
Deckt Staub mich Armen,
Führt dich wohl zu mir hin
Ein still‘ Erbarmen?

Sieh, wie der Mond so weiß
Über mein Grab geht,
Denk, wie verlangend heiß
Um dich mein Herz steht.

Daß ich im kalten Grab
Nach dir mich sehne —
Dringt wohl zu mir herab
Leis eine Träne?

Bringt wo ein weicher Wind
Den Duft von Rosen,
Fühlst du im Nacken lind
Ein heimlich‘ Kosen?

Spürt dann dein Seidenhaar
Zitternde Küsse,
Weiß, daß es immerdar
Mir gehören müsse...

Und weil ich tot bin,
Im Grab gefangen,
Zieht dich wohl zu mir hin
Ein heiß Verlangen?

Mehr geht nicht. Wenn Sie seriöse Informationen haben wollen, dann lesen Sie auf keinen Fall ➱Daniele Muscionico, das ist genau so schlimm. In einem Nachruf auf Maria Waser (Bild) heißt es: Daß diese hingebungsvolle und opferbereite Güte ganz ihr Wesen durchdrang und als Cantus firmus ihr innerstes Streben begleiten mußte, wissen alle, die sich in ihren Büchern auskennen. Hier dominiert ihr Menschliches und ließ sich nicht zurückdrängen, noch läßt es sich verkennen. Am innigsten, will es mir scheinen, habe es sich mit der künstlerischen Gestalt eines ihrer Bücher in dem frühen historischen Romane verschmolzen, in dem die Dichterin die Figur jener Anna Waser aus dem Stamme ihres Gatten beschwor, von der sie sich selber wohl im Tiefsten angesprochen fühlte. Und sie vollbrachte das Wunder: in einem historischen Romane mit allen seinen Schranken das vollkommen lebendige und unmittelbar nachfühlbare Wesen einer Frau von tiefster Innerlichkeit zu gestalten. Sie war ihr nahe, dieser Anna Waser, der der Verzicht zum Gesetz ihres Lebens wurde und die demütig entsagen lernte, um für die andern da zu sein. Müssen die Schweizer immer übertreiben?

Dieses Frontispiz zu Johann Jakob Scheuchzers Ouresiphoítes helveticus, sive Itinera per Helvetiæ alpinas regiones ist von der Künstlerin gezeichnet. Wenn man so will, ist das ein Werk, das den ➱Alpentourismus begründet. Scheuchzer hatte es der Royal Society gewidmet. Berühmtheiten wie Isaac Newton und ➱Sir Hans Sloane hatten Illustrationen geliefert. Das Werk ist dem deutschen Wikipedia Artikel keine große Erwähnung wert, dem englischen schon. Die Schweiz hat den Naturwissenschaftler Scheuchzer nicht so gemocht, in England, wo man ihn in die Royal Society aufnahm, war er ein berühmter Mann.

Vielleicht hätte Anna Waser auch nach England gehen sollen, ➱Johann Heinrich Füssli (dessen Vater die kleine Malerin Anna Waser aus Zürich in seine ➱Geschichte und Abbildung der besten Maler in der Schweiz aufnahm) hat das getan. Auch der Schweizer Historiker Johannes von Müller (dessen homoerotischer Briefwechsel gerade das Feuilleton beschäftigt) zog es vor, nicht in der Schweiz zu bleiben. Und wir denken heute schon gar nicht mehr daran, dass ➱Angelika Kauffmann auch in der Schweiz geboren wurde. Dies Selbstportrait zeigt sie hin- und hergerissen zwischen Musik und Malerei. Anna Waser wird nur hin- und hergerissen zwischen der Malerei und ihren Tochterpflichten gegenüber der Familie.

Eng! Eng! So eng, sollen die letzten Worte der Anna Waser gewesen sein. Die geistige Enge der Schweiz wird nicht nur heute beklagt. Da ist es vielleicht besser, das Land zu verlassen. Viele tun das unfreiwillig. Sie werden als Reisläufer verkauft und können dann nicht mehr das ➱Alphorn hören. Oder sie müssen Napoleon dienen und singen das ➱Beresinalied. Und wie sagt ➱Harry Lime in The Third Man so schön: Don't be so gloomy. After all it's not that awful. Like the fella says, in Italy for 30 years under the Borgias they had warfare, terror, murder, and bloodshed, but they produced Michelangelo, Leonardo da Vinci, and the Renaissance. In Switzerland they had brotherly love - they had 500 years of democracy and peace, and what did that produce? The cuckoo clock. So long Holly.

Die Teufelsbrücke, die auf der Zeichnung von Anna Waser zu sehen ist, sieht da irgendwie ein bisschen mickrig aus. Wir mögen es ja lieber, wenn sie so aussieht, wie auf dem Bild von ➱Carl Blechen. Hitler auch, er hatte das Bild für 380.000 Reichsmark gekauft. Ich nehme mal an, dass es nicht sein eigenes Geld war.











Mittwoch, 17. September 2014

Tänzer


So fängt der Film an, den Channel 4 im Jahre 1997 sendete. Wahrscheinlich muss eine Verfilmung des Romans A Dance to the Music of Time heute mit nackten Frauen anfangen. Um den Zuschauer bei Laune zu halten, denn die Verfilmung ist vierhundert Minuten lang. Powells roman fleuve ist auch sehr lang. Er besteht aus zwölf Bänden, es ist einer der längsten Romane der englischen Literatur. Ich nehme an, dass der Roman einen Artikel in Kindlers Literatur Lexikon hat (ich habe nicht nachgeschaut), den hätte ich nicht schreiben mögen. Ich habe schon über die Artikel geflucht, zu denen man mich vor vielen Jahren überredet hat.

Ich habe mich lange davor gedrückt, Anthony Powells Roman zu lesen. ➱Galsworthys Forsyte Saga ist ein Klacks dagegen. ➱Marcel Prousts Recherche (viel länger als Powells Dance) habe ich inzwischen zum dritten Mal gelesen. Vor ➱Tolstois Krieg und Frieden habe ich mich auch lange gedrückt, aber mein Kollege ➱Friedrich Hübner hat mich in seiner sanften Art über die Jahre dazu bekommen. Bei A Dance to the Music of Time war es ein anderer Kollege, der mich - ähnlich wie Cato mit seinem ceterum censeo durch jahrelange Wiederholung - dazu bekam, den Roman zu lesen. Oder vielleicht war es auch der blaue Grabbelkasten vor dem ➱Antiquariat, wo mir an einem schönen Spätsommertag dieser Flamingo Paperback von The Military Philosophers in die Hände fiel. Ich fing schon auf der Straße an zu lesen, konnte gar nicht mehr damit aufhören. Bis mir einfiel, dass es vielleicht praktischer sei, das Buch zu bezahlen (es kostete damals drei Mark) und es zu Hause in einem bequemen Sessel zu lesen. Mit einer Tasse Tee dazu.

In meinem Exemplar fand ich eine kleine Bleistiftnotiz, ich schreibe normalerweise nichts in Bücher. Es ist auch nur eine Seitenzahl: p. 172 ff. Warum hatte ich das notiert? Ich schlug Seite 172 auf, da war mir nach Jahrzehnten sofort alles klar: "Just spell out the name of that place we stopped over last night, Major Jenkins," said Cobb.
"C-A-B-O-U-R-G, Sir."
As I uttered the last letter, scales fell from my eyes. Everything was transformed. It all came back-like the tea-soaked madeleine itself — in a torrent of memory ... Cabourg ... We had just driven out of Cabourg ... out of Proust's Balbec. Only a few minutes before, I had been standing on the esplanade along which, wearing her polo cap and accompanied by the little band of girls he had supposed the mistresses of professional bicyclists, Albertine had strolled into Marcel's life. Through the high windows of the Grand Hotel's dining room — conveying for those without the sensation of staring into an aquarium — was to be seen Saint-Loup, at the same table Bloch, mendaciously claiming acquaintance with the Swanns. A little further along the promenade was the Casino, its walls still displaying tattered play-bills, just like the one Charlus, wearing his black straw hat, had pretended to examine, after an attempt at long range to assess the Narrator's physical attractions and possibilities. Here Elstir had painted; Prince Odoacer played golf. Where was the little railway line that had carried them all to the Verdurins' villa? Perhaps it ran in another direction to that we were taking; more probably it was no more
. Das war es, ich hatte Proust in Powell gefunden, das hatte mich damals zu einem Powell Fan gemacht.

Dieser Herr heißt Kenneth Widmerpool, er spielt im Roman eine große Rolle, er ist schon oben auf dem Buchumschlag von The Military Philosophers zu sehen. Die ➱Buchumschläge wurden von Mark Boxer gestaltet, der als Marc ein bekannter Cartoonist war. Das Konterfei von ➱Prince Charles, auf dem berühmten Teebecher, den man so schön an den großen Ohren halten kann, ist auch von ihm. Widmerpool ist ein Banause, den niemand mag, ein karrieregeiles Ekelstück. Er ist eine der wunderbarsten, bescheuertsten Gestalten im englischen Roman des 20. Jahrhunderts.

Wir haben beim Lesen immer das Gefühl, dass wir ihn kennen. Natürlich hat es Versuche gegeben, die zwölf Bände als einen Schlüsselroman zu sehen und allen Romanfiguren reale ➱Vorlagen zuzuweisen, aber wir als Leser statten die Figuren bei der Lektüre immer mit eigenen Beigaben aus, die vielleicht nicht so im Roman stehen. Während wir lesen, sind sie unsere Familie. Und alle glücklichen Familien gleichen einander. Während wir lesen, schreiben wir den Roman um. Es ist schließlich unsere Romanlektüre, nicht die eines Literaturwissenschaftlers. Das weiß auch Powell, der über die Bilder sagt, mit denen seine Gattin einen Bildband illustriert hat:

I have always been interested in the consumer end of the Arts, what the reader inevitably adds to the information given by the writer; the way the individual who looks at a picture digests and amplifies what the painter has set down on canvas. In the case of the novelist, readers have often made clear how far they have strayed from my original intention in interpreting the words I have written; not necessarily in an uncreative manner. Steht das Bild von George Spencer Watson (oben) mit dem Titel Four Loves I found, a Woman, a Child, a Horse and a Hound für England? Oder steht es nur für ein England der upper class? Das Bild von Watson, das von Muriel Minter hier und das Bild Tagg's Island von Sir Alfred Munnings unten stammen alle aus der gleichen Zeit, aus der Zeit, in der Powells Zyklus beginnt.

Romanverfilmungen vereinfachen. Das müssen sie tun. ➱Tolstois Krieg und Frieden ist x-mal verfilmt worden, aber keine Verfilmung überzeugt so, wie die von Bondartschuk (lesen Sie ➱hier mehr). Visconti sind schöne Romanverfilmungen gelungen, und über Die wiedergefundene Zeit von ➱Raúl Ruiz kann man diskutieren. Joseph Losey hatte Proust verfilmen wollen (Visconti wollte das auch einmal), Pinter hatte schon das Drehbuch geschrieben, doch es ist nicht dazu gekommen.

Joseph Losey ist (mit Pinters Hilfe) mit The Go-Between eine wirklich schöne Verfilmung eines Romans geglückt (lesen Sie ➱hier alles dazu). Hartleys The Go-Between ist ein Roman, den man mit Proust verglichen hat, der Roman fordert dazu heraus. Der natürlich - und hier liegt ein Problem der Literaturverfilmung - viel kürzer war als Tolstois Krieg und Frieden, Prousts À la recherche du temps perdu und Powells A Dance to the Music of Time. Dass man ihn als den englischen Proust bezeichnet hat, das hat Powell immer zurückgewiesen. Er sagte im Jahre 1990 über sein Werk: I look at 'Dance' now, and think . . . what an extraordinary chap I must have been to have written all this stuff.

Die Verfilmung von A Dance to the Music of Time hat Widmerpool zum Zentrum des Filmes gemacht, und ihm dadurch eine Rolle zugewiesen, die ihm im Roman nicht zukommt. Der Schauspieler Simon Russell Beale gewann für seine Darstellung des Kenneth Widmerpool das uneingeschränkte Lob der Kritiker und den Preis als bester Schauspieler der British Academy Television Awards im Jahre 1998. Widmerpool in das Zentrum des Films zu rücken, ist eine bewusste Entscheidung der Drehbuchautoren gewesen, die beide Profis waren: Hugh Whitemore und Anthony Powell (der ja selbst schon als Drehbuchautor gearbeitet hatte). Der Film, der sonst vielleicht Gefahr liefe, zu einer Nummernrevue der englischen Gesellschaft zwischen 1914 und 1971 zu verkommen, bekommt dadurch eine gewisse Geschlossenheit.

Die zweite zentrale Figur  ist natürlich der Erzähler Nicholas Jenkins (in der Verfilmung von James Purefoy gespielt). Die Literaturwissenschaft würde ihn als I as witness (im Gegensatz zu I as protagonist) klassifizieren, er ist ein am Rande stehender Beobachter. Ähnlich wie ➱Nick Carraway in The Great Gatsby. Die Figur des Nick Jenkins enthält natürlich auch viel von Anthony Powell, der sich übrigen Po-ell aussprach (sein Bruder war ein Powell wie alle anderen Powells), enthält Powells Witz und seine Ironie.

Powell can offer many of the rewards of comic creation we find in a Dickens or a Jane Austen, coupled with the ultimate gift of such creations— the fascination of romance as well as the immediacy of humor. . . . Such an art transforms quotidian experience... The author as God can only create his own universe, and we can be grateful that Anthony Powell has done so, sagt John Bayley (der Ehemann von Iris Murdoch) in seiner Rezension von Powells Memoiren. Die erschienen unter den Titeln Infants of the Spring, Messengers of the Day, Faces in My Time und The Strangers All Are Gone zwischen 1976 und 1982. Ich gebe zu Powells unnachahmlichen Stil einmal ein Häppchen Text (aus dem Roman A Buyer's Market):

I was waiting while they looked for my hat, when Widmerpool himself appeared from the back regions of the house ... 'Which way do you go?' he asked.
'Piccadilly.'
'Are you taxi-ing?'
'I thought I might walk.'
'It sounds as if you lived in a rather expensive area,' said Widmerpool, assuming that judicial air which I remembered from France.
'Shepherd's Market. Quite cheap, but rather noisy.'
'A flat?'
'Rooms - just beside an all-night garage and opposite a block of flats inhabited almost exclusively by tarts.'
'How convenient,' said Widmerpool; rather insincerely, I suspected.
'One of them threw a lamp out of her window the other night.'

Ich hoffe, ich habe Sie jetzt auf den Geschmack gebracht, sich die DVD zu kaufen. Es gibt sie leider nur auf Englisch, es gibt auch keine Untertitel. Aber man bekommt in 415 Minuten ein halbes Jahrhundert englischer Sozialgeschichte auf zwei DVDs serviert. Das ist viel besser als Brideshead Revisited und Downton Abbey zusammen. Für Liebhaber vergangener Herrenmode ist es auch noch eine wunderbare Ausstattungsrevue, so etwas können die Engländer, das muss man ihnen lassen. Und es kann nicht verwundern, dass eine Dissertation mit dem schönen Titel The Image of the English Gentleman in Twentieth-Century Literature: Englishness and Nostalgia einen Schwerpunkt auf das Werk von Anthony Powell legt. Es wird auch nicht verwundern, dass die Verfasserin Christine Berberich im Vorstand der Powell Society ist.

Seinen Titel hat der Roman natürlich nach dem gleichnamigen Bild von Nicolas Poussin, das in der Wallace Gallery in London hängt:
At a fairly early stage … I found myself in the Wallace Collection, standing in front of Nicolas Poussin’s picture given the title 'A Dance to the Music of Time'. An almost hypnotic spell seems cast by this masterpiece on the beholder. I knew all at once that Poussin had expressed at least one important aspect of what the novel must be. 

The precise allegory which Poussin’s composition adumbrates is disputed. I have accepted the view that the dancing figures … are the Seasons … Phoebus drives his horses across the heavens; Time plucks the strings of his lyre. There is no doubt a case … that the dancers are not easily identifiable as Spring, Summer, Autumn, Winter. They seem no less ambiguous as Pleasure, Riches, Poverty, Work, or perhaps Fame. In relation to my own mood, the latter interpretations would be equally applicable … The one certain thing is that the four main figures depicted are dancing to Time’s tune.

Das Zitat findet sich in Anthony Powells Autobiographie To Keep the Ball Rolling. Die natürlich sehr lesenswert ist, ich habe die aus den vier Einzelbänden gekürzte Ausgabe (Chicago University Press) von 2001, die immerhin noch 456 Seiten hat. Und diese Biographie von Michael Barber hier, die kaufen Sie bitte nicht, furchtbar langweilig. Ein paar gute Literaturempfehlungen habe ich natürlich auch. Das erste ist Hilary Spurlings Buch Invitation To the Dance: A Handbook to Anthony Powell's A Dance to the Music of Time. Die Engländer haben ja diese Sorte der handbooks perfektioniert, angefangen mit dem berühmten Oxford Companion to English Literature, zu dem wir in Deutschland nicht Vergleichbares haben.

Dieses Buch ist auch unbedingt zum empfehlen. The Album of "Dance to the Music of Time" wurde herausgegeben von ➱Lady Violet Powell. Die Tochter von Lord Longford, die selbst als Verfasserin von Biographien einen Namen hatte, war die Gattin von Anthony Powell. Es war eine Ehe, die fünfundsechzig Jahre gehalten hat. Das Buch hat ein Vorwort von Anthony Powell und eine Einleitung von John Bayley. Und es hat ganz, ganz viele Bilder (das Bild von Muriel Minter oben ist auch darin). Man kann das Buch antiquarisch noch finden, sogar manchmal sehr preisgünstig.

Anthony Powell braucht das Bild von Poussin nicht nur für den Titel seines Romans, er schreibt es auch in den Anfang hinein, wenn er Straßenbauarbeiter an einem kalten Wintertag beschreibt, die sich um ein Feuer scharen: For some reason, the sight of snow descending on fire always makes me think of the ancient world – legionaries in sheepskin warming themselves at a brazier: mountain altars where offerings glow between wintry pillars; centaurs with torches cantering beside a frozen sea – scattered, unco-ordinated shapes from a fabulous past, infinitely removed from life; and yet bringing with them memories of things real and imagined. These classical projections, and something in the physical attitudes of the men themselves as they turned from the fire, suddenly suggested Poussin’s scene in which the Seasons, hand in hand and facing outward, tread in rhythm to the notes of the lyre that the winged and naked greybeard plays. The image of Time brought thoughts of mortality: of human beings, facing outwards like the Seasons, moving hand in hand in intricate measure: stepping slowly, methodically, sometimes a trifle awkwardly, in evolutions that take recognisable shape: or breaking into seemingly meaningless gyrations, while partners disappear only to reappear again, once more giving pattern to the spectacle: unable to control the melody, unable, perhaps, to control the steps of the dance.

Das ist, zugegeben, vielleicht ein wenig weit hergeholt. Ich weiß jetzt nicht, weshalb ich dabei immer an das Bild Pennsylvania Station Excavation von ➱George Bellows denken muss. Wahrscheinlich deshalb, weil ich immer noch über den schreiben will. Und natürlich wegen der Kombination von Schnee und Feuer. Die sich, darauf haben Literaturwissenschaftler hingewiesen, bei Powell schon in seinem zweiten Roman Venusberg findet. Dort heißt es am Ende: On one of the quays three drunken night-watchmen were dancing hand in hand around a fire. Vielleicht ist dieser Satz der Auslöser für A Dance to the Music of Time gewesen. Bilder werden im Text des Romans häufig vorkommen, ich habe ➱hier eine Seite, die eine schöne Einführung dazu gibt. Ein Claude Lorrain kommt auch in A Question of Upbringing vor, wir bewegen uns gesellschaftlich in einer Welt, wo Leute so etwas an der Wand haben.

Ein Roman in zwölf gar nicht mal so langen ➱Bänden, geschrieben in einem Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren (John Galsworthy hatte nur fünfzehn Jahre gebracht, um seine Forsyte Saga zu schreiben), die Frage ist, wo soll man anfangen zu lesen? Ich fing, wie gesagt mit The Military Philosophers an, die anderen Bände las ich - je nachdem, was mir meine englischen Buchhändler lieferten (oder was ich im Antiquariat fand) - über einen langen Zeitraum. Und doch fühlte ich mich auch nach monatelanger Abstinenz von der Welt Anthony Powells gleich wieder zu Hause, wenn ich einen neuen Band in die Finger bekam.

Einen, den ich im Antiquariat fand, habe ich sogar auf Deutsch gelesen. Das war Lady Molly’s Menagerie, 1961 bei Cotta erschienen, übersetzt von Katharina Focke, die noch Bundesministerin werden würde. Im Spiegel gab es dazu nur eine etwas gehässige Rezension. Einige ➱Romane (Eine Frage der Erziehung, Tendenz steigend und Die neuen Herren) erschienen in den achtziger Jahren beim Münchener Ehrenwirth Verlag. Der Übersetzer war Dr. Heinz Feldmann, der Powell mehrfach besucht hatte, bevor er sich an die Übersetzung wagte. Etwas zu optimistisch kündigte Feldmann im Nachwort die zügige Lieferung des gesamten Dutzends an. Es gab drei Bände, und das war's. Ich sollte noch erwähnen, dass in den sechziger Jahren schon die Deutsche Verlags Anstalt (bei der das Ganze Tanz zur Zeitmusik hieß) gescheitert war. Zur deutschen Rezeption von Powell lohnt es sich unbedingt, diesen schönen ➱Aufsatz von Michael Maar zu lesen.

A Dance to the Music of Time beschreibt den langsamen Untergang einer Gesellschaftsschicht, der Powell selbst angehörte. Romane, die den Untergang einer Oberklasse beschreiben, sind immer schön zu lesen, heißen ihre Autoren nun Powell, Proust oder Faulkner. Faulkner machte sich Pläne für seine Romane, die Struktur von A Fable schrieb er an die Wand seines kleinen Büros (seine Frau ließ das später überstreichen). Powell macht keine solchen Pläne, er hat alles im Kopf. Wenn er einen neuen Roman begann, las er alles noch einmal, was er bisher geschrieben hatte: I always used to reread the whole thing before starting a new volume. It was tortuously boring.

Als Cyril Connolly zu seinem siebzigsten Geburtstag einlädt (wie es sich für einen englischen Exzentriker gehört, war der Ort der Veranstaltung etwas ausgefallen, es war der Londoner Zoo), musste er sich Gedanken wegen der Sitzordnung machen. Über John Betjeman heißt es, he doesn't like new faces, aber Anthony Powell konnte Connolly überall hinsetzen, jeder war grist to his mill. Er ist der Beobachter, er macht sich keine Notizen. Er funktioniert wahrscheinlich ein wenig so, wie die ersten Sätzen von Christopher Isherwoods Goodbye to BerlinI am a camera with its shutter open, quite passive, recording, not thinking. Recording the man shaving at the window opposite and the woman in the kimono washing her hair. Some day, all this will have to be developed, carefully printed, fixed.

Wenn Powell seinen Zyklus beendet, beginnt ein Literaturprofessor aus Oxford, der Powell in vielem ähnlich ist (vor allem stilistisch), einen Romanzyklus über seine Universität zu schreiben. Der Autor heißt John Innes Mackintosh Stewart. Er hat aber noch einen zweiten Namen, den er nur für etwas völlig Unprofessorales verwendet. Als Michael Innes schreibt er nämlich Krimis. Sie werden nicht überrascht sein, dass es in diesem Blog schon einen langen Post über ➱Michael Innes gibt. Sein Romanzyklus, der den Namen A Staircase in Surrey hat, besteht aus fünf Romanen: The Gaudy (1974), Young Patullo (1975), Memorial Service (1976), The Madonna of the Astrolabe (1977) und Full Term (1978). Ich erwähne das hier nur für den Fall, dass Sie schon alle Romane von Powell gelesen haben. Denn wie hatte Michael Maar am Ende seines Aufsatzes über Powell gesagt? Wahrscheinlich sollte ich das jetzt mal fett drucken: Und spätestens jetzt muß eine Warnung ausgesprochen werden: Wer diesen letzten Band zuschlägt, ist lange Zeit für andere Literatur verdorben.