Montag, 18. August 2014

Eufemia


Friedrich XV., Herzog von Weißenfels, hatte seine Regierungsgeschäfte für heute erledigt, das heißt, er hatte seine schwungvolle Namensunterschrift unter ein halbes Dutzend Dokumente gesetzt und lehnte sich nun mit einem Gähnen in den bequemen Sessel vor seinem Schreibtisch zurück, das vielleicht unfürstlich, aber menschlich durchaus berechtigt war. Er durfte sich das gestatten, weil er sich allein in seinem Arbeitszimmer befand; er richtete dabei die Frage an das Schicksal, was er nun machen solle. Die durch seine Person vereinigten Herzogtümer von Weißenfels älterer und jüngerer Linie bezeichneten auf der Landkarte Deutschlands einen Flecken, den man bequem mit einem Fünfpfennigstück zudecken konnte; mithin war das »Regieren« derselben eine Arbeit, die sich im Maximalfalle über die Dauer einer Stunde pro Tag beim besten Willen nicht ausdehnen konnte. Die Residenzstadt mit ihrem imposanten Schlosse war ein kleines, verträumtes Nest, in dem das gesamte Militärkontingent des Landes in der Stärke eines ›Leib-Regimentes‹ Infanterie sein denkbar Möglichstes tat, um etwas Leben hineinzubringen. Der Hofstaat beschränkte sich auf wenige Hofchargen; die Empfänge im Schlosse waren Ereignisse, die sich unter dem Titel von zwei oder drei Hofbällen im Winter und ebensoviel Hofgartenkonzerten im Sommer in weiser Beschränkung abspielten. Man konnte also nicht behaupten, daß der Herzog und seine Gemahlin unter der Last ihrer Pflichten hätten zusammenbrechen müssen.

Friedrich XV., ein junger Mann, gähnte nochmals, daß Fafner, der Lindwurm in der Neidhöhle, ein Waisenknabe dagegen war, streckte seine langen Beine länger aus und murmelte:
     »Was tun, spricht Zeus? Hm – tja! – reiten? Wenn man nur nicht immer diesen langweiligen, steifleinenen Adjutanten mitnehmen müßte! Verdirbt einem die ganze Landschaft, der Mensch – – was? Schon gleich fünf Uhr? Na, da wird man erst mal bei Elisabethchen 'ne Tasse Tee pietschen und sich dabei mit der schönen Theo 'n bißchen raufen.«
      »Elisabethchen« aber war die reizende junge Gemahlin des Herzogs, und die »schöne Theo«, ihre Freundin, Gräfin Theodora Zimburg, die eben auf Besuch anwesend war. Wenn der Herzog mit dem Epitheton ornans »schön« eine gewisse Bewunderung ausdrückte, so darf man daraus beileibe keine falschen Schlüsse ziehen; denn er meinte das ganz im platonischen und harmlosen Freundschaftssinne. Friedrich XV. hatte seine Gemahlin aus reiner Liebe geheiratet. Er hatte sie auf einem Hoffeste in Berlin gesehen und ohne zu ahnen wer sie war, sich sofort sterblich in sie verliebt. »Die oder keine!« hatte er sich beim Anblick der anmutigen jungen Dame im Gefolge der Kaiserin gelobt, und – »sie und keine andere« wurde seine Frau.

Der Erste Weltkrieg geht zu Ende, als dieser Roman erscheint. Ich musste dieses Bild des englischen Malers Stanley Spencer aus dem Jahre 1918 mal eben hierher stellen, um den Text da oben etwas zu verfremden. Es ist der Anfang des Romans Der Amönenhof der Autorin Anna Eufemia Carolina von Adlersfeld-Ballestrem. Wenn man so etwas schreibt, dann muss man Eufemia heißen, was anderes geht nicht. Die Gräfin wurde heute vor 160 Jahren geboren, das sollte uns einen kleinen Post wert sein. Der Krieg kommt übrigens in dem Roman der Erfolgsautorin nicht vor, in dieser Art Literatur kommt er selten vor.

Und natürlich gibt es ein happy ending, das muss sein: »Bravo!« rief Reudnitz mit ehrlicher Zustimmung. »Und«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »und was kriege ich als Finderlohn für den echten Schatz und diesen durchaus nicht zu verachtenden – Krempel?« »Unbeschränkte, aus wahren Freundesherzen freudigst gebotene Gastfreundschaft im Amönenhof!« erwiderte Theo herzlich, und umarmte den alten Herrn, der sich's schmunzelnd gefallen ließ, zum zweiten Male an diesem schönen, ereignisreichen Sommermorgen, dessen strahlender Sonnenschein in dem erblindeten Silber und den funkelnden Edelsteinen des Zimburger Familienschatzes sich lange nicht so herrlich spiegelte als in den vier Augen von zwei überglücklichen Menschenkindern.

Irgendwie ist das alles zu schön, aber es ist natürlich auch unfreiwillig komisch. Vielleicht sogar selbstironisch. Kleine Residenzen, die auf der Landkarte Deutschlands einen Flecken, den man bequem mit einem Fünfpfennigstück zudecken konnte ausmachen, sind ja nichts Unbekanntes in der deutschen Literatur. Neun Jahre vor dem Amönenhof hatte Thomas Mann Königliche Hoheit geschrieben, für den Roman soll er sich Ludwigslust (das ➱hier einen Post hat) als Vorbild genommen haben. Am besten gefällt mir die Residenzstadt in Raabes Abu Telfan (und für Wilhelm Raabe Fans habe ich mit ➱Wilhelm Raabe und ➱Hecken natürlich schon Posts in diesem Blog).

Mit dem, was die Gräfin schreibt, ist sie nicht unbedingt originell, sie ist eine Nachfolgerin der Marlitt, die das Hofleben auch zum Thema ihrer Gartenlaube Romane machte. Und Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem hat auch Konkurrentinnen bei dieser Sorte von Schmonzetten wie die Gräfin Valeska Bethusy-Huc, Wilhelmine Heimburg oder Elisabeth Bürstenbinder. Na ja, Hedwig Courths-Mahler wollen wir nicht vergessen. Frauen schreiben für Frauen, und beschreiben eine Welt, die die meisten ihrer Leserinnen nie gesehen haben. Ein Autor der Wiener Bildungsarbeit urteilt 1929 über das Publikum dieser Romane: Das werden brave Lohnsklaven bleiben, denen mit Schund und Kitsch solcherart das Gehirn verkleistert und der bürgerlich-kapitalistische Geist eingeimpft wird. Die Ausgaben der Unternehmer für diese Büchereien werden sich reichlich bezahlt machen.

Gero von Wilpert hat in seinem Lexikon der Weltliteratur keinen Eintrag für Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, und die Datenbank von Zeno hat keine Texte von ihr. Aber das Projekt Gutenberg hat drei Texte von ihr: ➱Almönenhof, ➱Rosazimmer: Ein Venezianischer Roman und ➱Der Maskenball in der Ca' Torcelli. Man kann ihre Romane heute noch antiquarisch finden, mein Exemplar von hat mich bei Amazon Marketplace 12 Cent gekostet. Ich muss gestehen, von Zeit zu Zeit liebe ich so etwas. Ich bin mit den Romanen, die der Chefredakteur der Hör Zu Eduard Rhein unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster schrieb, aufgewachsen. Das habe ich schon in dem Post ➱Schlittschuhlaufen gestanden.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Roman und Trivialroman. Manche Romanwelten von ➱Theodor Fontane sind von der Welt der Frau von Adlersfeld-Ballestrem verschieden. Karlheinz Gärtner, der eine Dissertation mit dem Titel Theodor Fontane. Literatur als Alternative: Eine Studie zum 'poetischen Realismus' in seinem Werk geschrieben hat, hat das mit einem Satz schön auf den Punkt gebracht: Man kann Trivialromane gegen den Strich lesen, man kann sie aber auch gegen den Strich schreiben, das tat Fontane.

Eine Literatur zwischen den Romanen von Fontane und denen der Gräfin von Adlersfeld-Ballestrem hat es früher noch gegeben, sie scheint heute verloren gegangen zu sein. Ich zitiere dazu mal eben einen Absatz, der schon in dem Post ➱Familiengeschichte stand: Der Familienroman ist eine Gattung, bei der Literaturhistoriker immer zuerst an die Marlitt und Hedwig Courths-Mahler denken müssen. Doch es geht auch anders, wie uns Theodor Fontane gezeigt hat. Oder Thomas Mann, der mit den Buddenbrooks den Familienroman aus dem 19. in das 20. Jahrhundert rettete. Und da hat diese Romangattung - literaturhistorisch gesehen - in den zwanziger und dreißiger Jahren durchaus eine Blütephase. 1928 erscheint mit Swan Song der letzte Teil von ➱John Galsworthys Forsyte Saga, gleichzeitig schreibt in Frankreich ein anderer Nobelpreisträger, Roger Martin du Gard, seine Familiensaga Les Thibaults. Und in Deutschland erscheinen mit Gertrude Hamers (=Mervyn Brian Kennicott) Die Geschichte der Tilmansöhne und den Barrings ihres ostpreußischen Landmanns William von Simpson zwei gewichtige Exemplare der Spezies Familienroman. Und dann sollte ich Otto Flake nicht vergessen (zu dem es ➱hier einen Post gibt).

Unsere Gräfin hat auch eine Reihe von Detektivromanen geschrieben (➱Gedichte natürlich auch), die mit Dr. Franz Xaver Windmüller einen Helden haben, der seine Fälle im aristokratischen Milieu löst. Wo sonst. Und sie hat 1899 auch ein Benimmbuch verfasst, das eine Vielzahl von Auflagen erreichte (und aus dem auch zahlreiche andere Autoren immer wieder abgeschrieben haben). Ein Werk wie der Katechismus des guten Tons und der feinen Sitte hat Theodor Fontane natürlich nicht geschrieben, wenn er auch mit Unterm Kirschbaum eine Art Kriminalroman geschrieben hat. Zu allen Dingen des Lebens hat unsere Eufemia hier etwas zu sagen. Zum Beispiel zu Taschentüchern: 

Heutzutage würde man einen gebildeten Menschen, der sich keines Taschentuches bedient, für gesellschaftlich unmöglich erklären. Was das Taschentuch selbst anbelangt, so sei es von Mittelgröße; ein Herr wähle es von feinem Leinen oder Batistleinen mit weiß gezeichnetem Monogramm in der einen Ecke; den Damen allein bleibe es überlassen, feine Batisttücher mit Spitzen oder Stickereien verziert zur Gesellschaftstoilette zu tragen. Mit breiten, bunten Rändern, Hufeisen, Pferdeköpfen und anderen monströsen Dingen bedruckte Taschentücher sind unfein und geschmacklos. Es würde die Gräfin wahrscheinlich beruhigen, wenn ich gestehe, dass ich immer ein weißes Taschentuch eingesteckt habe. Wenn ich ausgehe, sind es zwei. Es könnte ja sein, dass man blonde Frauen nach Hause begleitet, die ihre schwarzen high-heels zu groß gekauft haben. Passiert selten, aber passiert. Ich habe die Geschichte schon hier erzählt.

Die linke der beiden Damen, die auf dem Bild (im zweiten Absatz) von Peder Severin Kröyer lustwandeln, ist Anna Ancher, von der auch die Bilder im Text sind. Mit allen diesen Frauen, die sich von uns abwenden. Die dänische Malerin wurde auch an einem 18. August geboren, sie ist fünf Jahre jünger als die schlesische Gräfin. Ihr Leben hätte aber nicht für einen Roman unserer Eufemia getaugt. Das Leben ihrer Freundin Marie Kröyer, die neben ihr in der heure bleue am Strand von Skagen spazierengeht, das hätte schon für einen solchen Roman getaugt. Man kann es mittlerweile als Film sehen, Bille August hat es als Balladen om Marie Krøyer verfilmt. Wenn Sie Dänisch, Schwedisch oder Norwegisch können, sind Sie fein heraus. Für alle anderen bleiben die englischen Untertitel. Man kann aber auch den Ton abschalten - es sind wunderbare Bilder. Mit einer Schauspielerin (Birgitte Hjort Sørensen), die schon beinahe die schöne Marie Krøyer ist.


Lesen Sie auch: ➱Skagen, ➱Nordlichter

Sonntag, 17. August 2014

Aurora


Da steht sie nun, die Herrin der Heerscharen, auf dem Flugplatz Hohn, als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte. Vom Photographen sorgfältig inszeniert. Das mit den Rosenfingern ist aus dem neunten Gesang der Odyssee in der Übersetzung von ➱Johann Heinrich Voß. Etwas stereotyp gebraucht Homer dieses rhododaktylos Ēōs, jetzt hat Aurora ihr Fett weg. Jetzt ist sie für ewig rosenfingrig. So wie Hera kuhäugig und Athena eulenäugig ist. Wenn man ein plakatives Epitheton hat, dann hält das ewig.

Irgendwie erinnert mich die Aurora von der Leyen an den alten ➱Werbespot, wo ein Model zu verschiedenen Tageszeiten wohlonduliert aus dem Flieger klettert. Und die Haare immer liegen: Hamburg, 8.30 Uhr, wieder mal Regen. Perfekter Halt fürs Haar - Drei Wetter Taft. Zwischenstopp München, es ist ziemlich windig. Perfekter Sitz - Drei Wetter Taft. Weiterflug nach Rom, die Sonne brennt. Perfekter Schutz - Drei Wetter Taft. Also kann die Bildunterschrift hier nur lauten: Hohn. Sieben Uhr. Dämmernde Frühe mit Rosenfingern. Perfekter Sitz. 

Ob allerdings die lächerliche Pose der Ministerin so lange wie die Frisur hält, das wage ich zu bezweifeln. Aber wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt. Ihre Top Gun Inszenierung hat schon den ➱Spott der Welt hervorgerufen, das will viel heißen. Da ist mir Fragonards Aurora lieber als die Uschi im Jeansjäckchen. Wahrscheinlich will sie ➱George Bush übertreffen, der als Tom Cruise Imitator auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln aus dem Jet kletterte. Wie ➱Hans Albers so schön sang: Piloten ist nichts verboten.

Was man von Leni Riefenstahl lernen konnte, das haben unsere Politiker inzwischen begriffen. Und so verkleiden sie sich mit ➱Panzerkombi, Fliegerkombi oder ➱Gummistiefeln. Und wir warten auf den Tag, da Horst Seehofer als Ludwig II auftritt. Neben solch einem Kostüm hat sich schon schon mal probehalber ➱photographieren lassen.

So ein Photo wie das im Morgengrauen von Hohn (das ist ein schöner Titel, merke ich gerade: Das Morgengrauen von Hohn. Das steckt das Grauen mit drin), das macht man nicht mit dem Handy. Das will sorgfältig ausgeleuchtet sein. Morgendämmerung und Abenddämmerung sind schwer auf den Film zu bannen. Erinnern Sie sich noch an Local Hero? Wie Chris Menges da das rote Telephonhäuschen ins Bild gesetzt hat. Oder wie er die Straßen von Glasgow am frühen Morgen für Comfort and Joy photographiert hat. Unvergesslich.

Der Himmel in ➱Eric Rohmers Das grüne Leuchten ist auch nicht schlecht. Der Film ist übrigens eine moderne Version von Jules Vernes Roman Le Rayon Vert. Der handelt von einer jungen Frau, die nicht heiraten möchte, bevor sie nicht das grüne Leuchten gesehen hat. Das kein Maler auf seine Palette bekommen kann. Ein Grün, das die Natur nirgendwo sonst mehr hervorgebracht hat, weder in der Farbenvielfalt der Pflanzen noch in der Farbe der klarsten Meere! Gibt es ein Grün im Paradies, dann kann es kein anderes als dieses Grün sein, das wahre Grün der Hoffnung.

Auf Homers Beschreibung der Morgenröte war ich schon gestern zufällig gekommen, als ich in den Post ➱Elvis has left the building einen Link zu Terrence Malick einfügte. Ich klickte den alten Post an und stellte fest, dass darin einige Bilder verloren gegangen waren. Also neue rein. Und dann fiel mir ein, dass es da mal einen Film über Malick gegeben hatte, der Rosy Fingered Dawn hieß. Ich suchte ihn im Netz, und da war er plötzlich: Rosy Fingered Dawn: A Film On Terrence Malick (klicken Sie ➱hier).

Der Titel ist gut gewählt für die Filme von Malick, seine Bilder leben von diesem Licht. Das Bild oben ist aus Badlands, dieses Bild aus The Thin Red Line. Der Film handelt vom Krieg, von der Schlacht um die Insel Guadalcanal. Wir sind im August 1942, dieses Schiff bringt amerikanische Truppen auf die Insel. Man greift immer in der Morgenstunde an, das ist ein ehernes Gesetz des Krieges. Auch Kriege fangen in der Morgenstunde an, damit jemand sagen kann: Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!

Aurora erscheint des Morgens aus der Dunkelheit, deckt mit Rosenfingern den Schleier der Nacht auf, leuchtet eine Weile und verschwindet wieder vor dem Glanze des Tages, heißt es 1816 in C. Bielhubers Unterhaltungen aus der Mythologie, oder Götterlehre der Griechen und Römer. In der griechischen Mythologie treffen Aurora und Mars nie zusammen. Im Krieg schon. Und für die Inszenierung der Verteidigungsministerin, die früh aufgestanden ist, um das Nato Motto Vigilia pretium libertatis zu demonstrieren, da treffen Aurora und Mars auch zusammen. Aber es war ja alles friedlich, obgleich die Ministerin so kriegerisch dasteht. Weshalb eigentlich?

Samstag, 16. August 2014

Elvis has left the building


Harmony Jones wurde während eines Elvis Konzerts geboren. Als sie noch klein war, da hat sie Elvis getroffen. Nun fährt sie mit einem pinkfarbenen Cadillac durch Amerika und vertickt für eine Firma namens Pink Lady Lippenstifte und Make-Up. Die Pink Lady Lippenstifte benutzt sie selbst nicht, sie ist gegen das Zeug allergisch. In allen schwierigen Situationen ihres Lebens redet sie mit Elvis. Durch eine Vielzahl von Umständen, die hier nicht genauer beschrieben werden sollen, verlieren alle Elvis Imitatoren in ihrer Umgebung ihr Leben. Das sind böse, böse Zufälle.

Es hat schon vor diesem ➱Film road movies gegeben, in denen Killer mit dem Auto durch Amerika fuhren (ich denke da zum Beispiel an ➱Terrence Malicks Badlands), aber keiner dieser Filme war eine Komödie. Die natürlich gut ausgeht. Allerdings nicht für die Elvis Imitatoren auf dem Dach des Hotels (Denise Richards eingeschlossen). Mehr kann ich von dem Film Elvis has left the building von Joel Zwick (der mit My Big Fat Greek Wedding berühmt wurde) nicht verraten, Sie müssen ihn sich schon selbst ansehen. Die DVD kostet bei Amazon Marketplace so gut wie nichts.

Es ist viel Musik von Elvis in dem Film, einmal singt Kim Basinger You Were Always On My Mind, was sie sehr gut macht. Ist leider nicht bei You Tube zu hören, aber Sie könnten sich ihr Honeysuckle Rose ➱hier einmal anhören. So federleicht und pink diese schwarze Komödie daher kommt, ist sie doch ziemlich böse. Der Film handelt auch von der gnadenlosen Vermarktung weiblicher Schönheit, vom American Dream of Success und von der Kommerzialisierung des Mythos von Elvis Presley. No one could have predicted the ubiquity, the playfulness, the perversity, the terror, and the fun of this, of Elvis Presley's second life, hat Greil Marcus gesagt.

Elvis Aaron Presley ist heute vor 47 Jahren gestorben. Ich kann zwar nicht sagen ➱You were always on my mind, aber ich habe doch einige Platten von ihm. Und ich habe das Buch Dead Elvis: A Chronicle of a Cultural Obsession von Greil Marcus, sicher eins der besten Bücher, das über den King geschrieben wurde (es erschien in Deutschland 1993 unter dem Titel Dead Elvis : Meister, Mythos, Monster bei Rogner & Bernhard). Was ich leider nicht besitze, ist ein Mitschnitt von dem Film Der Tag, an dem Elvis nach Bremerhaven kam, den die ARD 1979 sendete. Zu seinem 25. Todestag haben sie den nochmal gesendet, warum bringen sie den nicht mal auf DVD heraus?

Ich könnte hier noch lange weiter schreiben, aber es muss auch mal einen kurzen Post geben. Ich mache mal mit einem ➱Gedicht von Elvis ein Ende, es heißt Ode to a Robin:

As I wake this morning
when all sweet things are born
A robin perched on my windowsill 
to greet the coming dawn
He sang his sweet song so sweetly and paused
for a moments lull
I gently raised the window 
and crushed his fucking skull.

Lesen Sie auch: ➱Elvis,  ➱Cybill Shepherd

Donnerstag, 14. August 2014

Franco Costa


Der italienische Maler Franco Costa wird heute achtzig, da muss man gratulieren. Aus irgendwelchen Gründen ist er 1988 mal nach Kiel gelangt, seitdem sind seine bunten ➱Bilder im Sommer aus der Kieler Woche nicht mehr wegzudenken. Ich kenne Leute, die haben so etwas an der Wand hängen, mir persönlich ist das alles ein wenig zu bunt. So bunt ist Kiel nicht. Aber ich will nichts Böses gegen den Mann sagen, er tut viele gute Werke mit seinem Geld.

Viele Maler tun keine guten Werke, die scheffeln nur Geld. Und kaufen sich dann einen Rolls Royce. Wie ➱Bernard Buffet (oder Joseph Beuys und ➱Markus Lüpertz), der das Elend malte und damit gut verdiente. Und dann malte er auch noch den Rolls und machte damit noch mehr Geld. Franco Costa hat sich keinen Rolls gekauft, seine Mutter hat ihm einen alten Rolls (Baujahr 1937) zur Hochzeit geschenkt, aber ich weiß nicht, ob er den noch fährt. In Kiel gibt es wenige Rolls Royces, die zur Verschönerung des Straßenbildes beitragen könnten. Die Stadt sollte meinem Freund Keith, der seinen Bentley immer unerlaubt in der Dänischen Straße parkt, mal lieber keine Tickets verpassen, sondern ihm Geld dafür geben, dass er die Stadt verschönert.

Kiel ist nun mal nicht schön, und es wird leider nicht schöner. Nur auf den Bildern von Franco Costa ist alles schön. Man hat das alte Karstadt Haus abgerissen, das einst eine der ersten Filialgründungen von Rudolf Karstadt war. Nur das in Lübeck war noch älter, da hatten damals ➱Thomas Mann und Heinrich Mann zu den Kunden der ersten Stunde gezählt. Anstelle dieses Hauses hat man neben die Nikolaikirche ein Gebäude gesetzt, das man nur als städtebauliches Verbrechen bezeichnen kann. Die Firma Saturn haust da drin, und man hat dem Haus den Namen Nordlicht gegeben. Dieses Nordlicht hat aber nichts mit dem zauberhaften kleinen Film von Bill Forsyth zu tun, in dem die aurora borealis eine Rolle spielt.

Als damals Kieler Bürger monierten, dass der hässliche Steinklotz viel zu nahe an die Nikolaikirche heranreiche, antwortete das Landesdenkmalamt, im Mittelalter hätte man die Häuser auch bis an die Kirche gebaut. Ja, klar, bis zum großen ➱Brand von London. Wer verzapft solchen Schwachsinn? Juristen? Oder kriegen die alle die Fernseher von Saturn umsonst? In diesem Augenblicken wird einem klar, dass das KI des Kieler Autokennzeichens Keine Intelligenz bedeutet.

Denn Intelligenz und Weitsicht ist hier bei der Stadtplanung nicht gefragt. Hier genügt ein Jurastudium oder ein Parteibuch. Oder viel Geld. Es gab einmal ein Spiel mit dem Namen provopoli, das im Untertitel Wem gehört die Stadt? hieß. Das wurde aber auf Antrag der bayerischen Regierung vom Markt genommen. Es war ein Vierteljahrhundert lang verboten, weil es angeblich jugendgefährdend war, dabei zeigte es nur pädagogisch die Mechanismen von Politik und Kapital auf. Dieses Bild der vor zwei Jahren gestorbenen Kieler Malerin Gretel Riemann aus dem Jahre 1993 hat den Titel Vor dem Abriß.

Was das Bild zeigt, und wo hier das Plakat prangt, da war einmal der alte Sophienhof, ein Häuserkomplex der Gründerzeit. Wurde im Zuge der Umstrukturierung der Kieler Innenstadt zu einer autogerechten Stadtabgerissen und wich einem seelenlosen Einkaufszentrum. Ich habe damals an einer ➱Demonstration der Kunsthistoriker gegen den Abriss teilgenommen. Wurde sehr höflich von der Polizei weggetragen, man hatte denen wohl gesagt, dass das alles Akademiker seien, da kam der Gummiknüppel nicht zum Einsatz. Bei den ➱Besetzern vom Sophienhof schon.

Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspielt von der Eile der anderen, es ist ein Bad in der Brandung, schrieb Franz Hessel, der als Flaneur die Maxime hatte: Man muß sich selbst vergessen, um glücklich spazieren zu gehen. Die Holstenstraße, die einmal Deutschlands erste Fußgängerzone war (so wie auf dem Bild von Willy Lucas hat sie um 1917 ausgesehen), war ja für das Flanieren gedacht.

Aber was ist aus der 1953 eingeführten Fußgängerzone geworden? Auf diesem Photo reicht sie erst bis zur Holstenbrücke, ihr unterer Teil wurde erst 1957 fußläufig (wie es im Behördendeutsch so schön  heißt) gemacht. Die vielen inhabergeführten Geschäfte sind verschwunden, Kettenläden überall; die Buchhandlungen sind von Hugendubel et.al. plattgemacht worden. Die Holstenstraße mündet jetzt im Sophienhof, und diese mall scheint das einzige wahre städtische Erlebnis für die Menschen zu bieten. Anstelle des Flaneurs haben wir jetzt ein neues Wesen: die mall rat.

Als Susanne Gaschke noch bei der ➱Zeit war, hat sie gesagt, dass der beste Weg zu Verschönerung Kiels sei, Teile der Innenstadt zu sprengen: Deutschland ist das Land der kleineren Großstädte, der Städte wie Kiel eben. Wenn man Kiel versteht, kann man Deutschland nicht missverstehen. Ziele für Kiel: Wiedereröffnung des Flughafens. Ansiedlung eines Sternerestaurants und einer seriösen Fischbrötchenbude. Sprengung von Teilen der Innenstadt. Als sie Oberbürgermeisterin wurde, hat sie da Teile der Innenstadt gesprengt? Nein, sie hat diesem millionenschweren Augenarzt, der sein Geld mit Immobiliendeals gemacht hat (und nebenbei noch Schnulzen singt), Steuerschulden in Millionenhöhe erlassen (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Meine liebste Ansicht von Kiel ist dieses Bild von Johann Heinrich Hintze, das ich schon in dem Post ➱Turner in Kiel abgebildet habe. Und in dem Post über ➱Eduard Gaertner. Hintze ist kein Kieler gewesen, er war ein Kollege des großen Berliner Malers Eduard Gaertner. Vielleicht bekommt er irgendwann auch mal einen eigenen Post. Ich mag es, wie das Wasser und der Himmel gemalt sind. Kiel ist in weiter Ferne.

Am schönsten ist Kiel, wenn man nichts davon sieht, wie auf diesem Bild von Bärbel Knees. Die kenne ich zwar nicht persönlich, aber ich weiß, dass sie Ihnen ein Bild von Kiel malt, wenn Sie das bei ihr bestellen. Gehen Sie doch einmal auf ihre ➱Seite. Aber von dem gnädig alle Bausünden zudeckenden weißen Schnee mal abgesehen, ist Kiel natürlich am schönsten aus der Ferne.

Und im 19. Jahrhundert. Also zum Beispiel auf diesem Bild von Wolperding. Der Maler heißt wirklich so, das hat nichts mit dem Fabelwesen zu tun, das bekanntlich sehr scheu ist und nur in Mondnächten von schönen jungen Frauen gesehen werden kann. Dieser Wolperding kommt aus Kiel und hat an der Kopenhagener Akademie studiert. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hat er sich durch Schleswig-Holstein gemalt.

Wenn man bei irgendeinem Antikhöker eine schleswig-holsteinische Landschaft sieht, bekommt man zugeflüstert: Es könnte sogar ein Wolperding sein. Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört? Die Ansicht von Kiel (oben) hat der Herr Fielmann, der inzwischen - weil man ja nichts dazu bezahlt - sowohl Axel Springers Gut Schierensee als auch das Plöner Schloss besitzt, dem Warleberger Hof geschenkt. Er brauchte nicht viel dazu zu bezahlen, es hat nicht viel gekostet.

Im ➱Warleberger Hof hat es vor Monaten auch mal eine Ausstellung von Stadtansichten aus drei Jahrhunderten gegeben. Dieses Bild der Holstenstraße ist noch einmal von dem Maler Willy Lucas. Das Straßenbild im unteren Absatz ist von dem Hamburger Maler Ernst Eitner, den man irgendwann einmal als Monet des Nordens rühmte. Ich habe das schon in dem Post über ➱Arthur Illies erwähnt. Eitner war häufig in Kiel zu Gast bei seinem Förderer, dem Amateurmaler und Kunstsammler Dr. Paul Wassily. Der mitten in der Stadt wohnte, wo er auch seine Praxis hatte. Die Großmutter meiner Schwägerin, die eine der ersten Ärztinnen in Schleswig-Holstein war, ist Assistentin bei Wassily gewesen und hat mir einmal von ihm und dem Künstlerleben im Hause erzählt.

Die Malerfreunde von Wassily haben es einfach, sie malen die Ansicht der Straße aus dem Fenster des Hauses Kehdenstraße 6 (einst erbaut vom Feldmarschall Graf Rantzau), wo Wassily wohnte. Ernst Eitners Strassenbild ist ein klein wenig impressionistischer als das Bild von Lucas. Wir sind im Jahre 1916, mit der Beflaggung feiert man die Rückkehr von U Deutschland von seiner ersten Atlantikfahrt. Achtzehn Jahre später, am Tag der Machtergreifung hat Eitner den gleichen Blick noch einmal gemalt, diesmal sind Hakenkreuze auf den Flaggen.

Wenig später sieht es in der Stadt so aus wie auf dem Bild von Hans Rickers. Das Haus von Wassily fiel 1941 den Fliegerbomben zum Opfer. Sein neues Haus am Schlossgarten wenig später. Auch Hans Rickers war mehrfach in Kiel ausgebombt, sein Studio in der Feldstraße ging verloren. Mit einer gewissen Besessenheit hat er das zerstörte Kiel immer wieder gemalt. Der Oberbürgermeister Andreas Gayck, dem Kiel in der Phase des Wiederaufbaus viel verdankt, hat viele dieser Aquarelle für die Stadt angekauft.

Damit man diese Zeit nicht vergisst. Aber man hat sie schnell vergessen. Irgendwann kam die Stunde der Immobilienspekulanten und von Stadtbauräten, die so lächerliche Figuren waren, dass man sie besser nicht erwähnt. Ein ➱Karl Friedrich Schinkel hätte hier keine Chance. Und was hat man hier alles nicht für Pläne, ein zweites Einkaufszentrum wie der Sophienhof ist neben dem Rathaus im Gespräch. Die Straßenbahn möchte man auch wieder haben. Und dann will man aus der Innenstadt noch ein kleines Venedig machen und kleine ➱Grachten bauen. Auf den Bildern der Planer sieht die schöne neue Welt immer ganz toll aus. In der Wirklichkeit ist alles anders.

1968 sah Kiel auf dem Gemälde von Rickers so aus. Menschenleer. Die Kunsthistorikerin Irmgard Schlepps hat in einem Aufsatz über Rickers geschrieben er sucht die gebaute Stadt, ihr Gefüge, wohl einer konkreten Stadt, aber nicht deren topographisches Abbild, eher vielleicht die seltene Stunde, in der ihre geheime Schönheit sichtbar wird. Die geheime Schönheit? Wo ist sie in Kiel?

Ein klein wenig von einem poetischen Augenblick einer heure bleue hat das Bild dieses unbekannten Malers (der mit A.S. signiert) erfasst. Oder liegt das daran, dass uns das Bild irgendwie an ➱Edward Hopper erinnert? Das Bild zeigt die Holtenauer Straße bei Nacht in den fünfziger Jahren, als es die Straßenbahn noch gab. Während meines Studiums hatte ich eine Monatskarte, es gab kein besseres Fortbewegungsmittel in Kiel. Aber die Planer mussten die Bahn ja unbedingt 1985 abschaffen. In meiner Heimatstadt Bremen hat man das trotz der ➱BVG Unruhen 1968 nie getan. In Kiel trauert man heute der Straßenbahn nach. Und während die Innenstadt langsam vor sich hinstarb, blühte die Holtenauer Straße auf; wenn man will, kann man hier sogar ein wenig flanieren.

Oder ist dies hier vielleicht der Ort, wo die geheime Schönheit sichtbar wird? Barlachs Geistkämpfer steht in der Dunkelheit einsam und verloren vor der Nikolaikirche. Im Hintergrund, wo einst Karstadt war, leuchtet das Nordlicht. Ja, das ist das potthässliche Bauwerk, in dem die Firma Saturn zu Hause ist. Ist nachts auch nicht schöner. Übrigens ist es ein Gebäude, bei dem man keine Toiletten eingeplant hat. Da macht das Ich bin doch nicht blöd der Firma Media Markt (zu der Saturn gehört) schon einen Sinn. In den Zwischenraum zwischen Kirche und Nordlicht wollte ein durchgeknallter Stadtbaurat einmal einen schmalen Hochhausturm mit einem Café im obersten Stockwerk bauen. Mit Seilbahn zu dem Karstadt Gebäude.

Grund und Boden in der Stadt sind im Besitz weniger Leute, zu denen auch unser säumiger Steuerzahler gehört. Diese Leute haben die Lektionen des provopoli Spieles begriffen. Nicht unbedingt das Grundgesetz, wo es heißt: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Man gibt die Pläne für neue Einkaufszentren noch nicht auf, obgleich ganze Hochhäuser und viele Läden leerstehen. Im Gegensatz zum Monopoly will niemand die Schlossstraße haben. All die kleinen Läden, die da mal waren, sind pleite.

Selbst in der hübschesten Straße Kiels ist manchmal kein Leben mehr. Jahrelange Bauarbeiten haben in der Dänischen Straße die Kunden vertrieben. Kaum sind die Bauarbeiten beendet, da riegelt man die Straße durch Straßenbauarbeiten weiträumig ab. Keith kann mit seiner Bentley Corniche nicht mehr in die Straße fahren, vor ➱Kelly's parken und so zur Verschönerung der Stadt beitragen. Als es noch die Straßenbahn gab, da lebte die Straße noch. Irgendwie habe ich den Verdacht, dass der ➱NSU da vorne rechts auf dem alten Bild meiner ist.

Die Formel, dass Kiel - wie wahrscheinlich so viele andere Städte - nur aus der Ferne und aus ferner Zeit erträglich ist - scheint zu funktionieren. Auf dem Bild von Adolf Lohse, der diese Ansicht von Ellerbek auf Kiel mehrfach gemalt hat, ist die Welt noch heil. Und die Ostsee wahrscheinlich noch sauber. Ich könnte Sie jetzt noch mit vielerlei Literatur traktieren, um zu zeigen, dass ich Alexander Mitscherlichs Die Unwirtlichkeit unserer Städte und Jane Jacobs The Death and Life of Great American Cities gelesen habe. Und alles lese, was Dieter Bartetzko schreibt. Will ich aber nicht.

Um zu zeigen, dass die städtebauliche Tristesse ubiquitär ist, möchte ich stattdessen mal eben einen Blick auf Neviges werfen. Sie kennen den Ort nicht? Lesen Sie etwa den Blog ➱42553 Neviges nicht? Das sollten Sie unbedingt tun, der Blogger hat nämlich den Grimme Online Award für seinen Blog bekommen. Wenn Sie die architektonischen Schönheiten von Neviges kennenlernen wollen, dann sollten Sie einmal diese ➱Seite anklicken. Ich habe gerade eine Mail von dem Blogger bekommen, in der er mir versichert, dass er meinen Blog täglich liest, manchmal ganze Nächte lang. Ich finde seinen Blog, der ein wenig vom Geist von ➱Albert Vigoleis Thelen hat, auch ganz wunderbar.

Der Pfeil auf dem Marineehrenmal von Laboe auf dem Bild von Antje Marczinowski (die Schülerin von Hans Rickers wurde ➱hier schon einmal erwähnt) zeigt nach Norden, weg von Kiel. Die Malerin hat dazu gesagt: Nicht das Gigantische als Merkmal zieht mich dabei an. Es ist das Erleben, daß manchen Monumenten so sichtbar und fühlbar eingeschrieben ist, an welche Grenzen sich die Menschen mit ihren Bau- und Denkwerken heranbegeben, teilweise ahnungslos heran-'machen'. Unwiderruflich hinterläßt unsere Gesellschaft Monumente als Folge ihres Wissens über ihre Machbarkeit. Das Ding selbst und seine über die Funktion hinausreichende Bedeutung bleiben ihr fremd... Unter dem hohen, hohlen Monument, von den Menschen zur Erinnerung an Tote, an Getötete gebaut, breitet sich die uralte Materie aus, umrändert und durchzogen von den potentiellen Zerstörkörpern der menschlichen Gesellschaft.

Wir müssen immer bedenken, dass dies nicht nur - wie auf  den Bildern von Hans Rickers - eine zerstörte Stadt ist, sondern dass dies auch eine Stadt ist, von der die Zerstörung in zwei Kriegen ausging. Und auf den Bau von ➱U-Booten ist man heute immer noch stolz. Seit man hier im 19. Jahrhundert mit dem Brandtaucher das erste deutsche U-Boot gebaut hat, ist der Bau dieser Boote bei ➱Howaldt beheimatet.

Die Stadt Kiel hat zur Verschönerung der Stadt und zur Orientierung für die Touristen eine blaue Linie vom Bahnhof bis zu den Skandinavien Fähren pinseln lassen. Wahrscheinlich hat man sich das Blaue Band in Vegesack zum Vorbild genommen. Das sollte sogar blau leuchten. Funktioniert aber nie. Sie sollten sich dieses ➱Video unbedingt einmal ansehen, das mit der Frage endet: Wie bekloppt muss man eigentlich sein, um so etwas zu beschließen?

Die Kieler blaue Linie ist nach wenigen Monaten völlig abgewetzt. Aus dem Rathaus verlautete, man arbeite mit Hochdruck an einer finalen Lösung. Das klingt gefährlich, ist die lingua tertii imperii immer noch im Amtsdeutsch vorhanden? Wahrscheinlich wird das Ganze wieder so ein Schildbürgerstreich wie die Aussichtsplattform am Nord Ostsee Kanal. Dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen, aber dies ➱Video sollten Sie sich unbedingt ansehen. Dies Bild von Gretel Riemann fand der kleine Carlo in der Ausstellung ganz toll, so ein gelbes DHL Auto hat er auch. Carlo ist sechs. Die unheimliche  Stimmung - der menschenleere Berliner Platz, der ein wenig an Magritte erinnert - ist ihm entgangen. Die architektonische Schönheit des Woolworth Gebäudes auch.

Was können wir nun tun, um den Symptomen der Broken Windows Theory entgegen zu wirken? Shakespeare bietet eine Lösung an, die immer passt: The first thing we do, let's kill all the lawyers. Davon abgesehen müssen wir die Schönheit wieder zurück in die Stadt bringen. Eine Bentley Corniche in British Racing Green wäre ein Anfang. Was bleibet aber, stiften die Dichter:

Kiel, im Schmuck' der grünen Borden,
Saatenreich und waldumsäumt,
Schöne Stadt in Deutschlands Norden,
Wo der Ostsee Woge schäumt,
Du in deiner vollen Schöne,
Deiner stolzen Flotte Pracht,
Stadt der frohen Musensöhne,
Dieser Gruß sei dir gebracht!

Und dann pflastern wir die ganze Stadt voll mit Bildern von Franco Costa.