Freitag, 19. Dezember 2014

Blazer


Irgendwie scheinen sie rar geworden zu sein, die Blazer. Sind ja auch nicht jedermanns Sache. Obgleich man sie natürlich tragen kann. Wenn man Charles heißt. Oder Prince Michael of Kent. Der blaue Blazer gehört heutzutage zur Standarduniform des deutschen Mannes. Sagt Herr ➱Roetzel (auf die Frage Und zu guter letzt – was sollte jeder Mann im Kleiderschrank hängen haben? von Focus Online): Einen dunkelblauen Anzug, ein oder zwei Sportsakkos, einen Marineblazer, eine graue Wollhose, viele Chinos, ein paar Polos und Rugbyhemden, einen Trench, einige V-Ausschnittpullover, ein paar hellblaue Oberhemden, ein paar Krawatten, dunkle Kniestrümpfe, zwei bis drei rahmengenähte Schuhe (braune und schwarze) und einen Smoking. Jetzt wissen wir es.

Von meinem ersten Blazer habe ich ein Bild, das verdanke ich ➱Ekke Dahle, dessen Karikaturen schon mehrfach in diesem Blog aufgetaucht sind (er ist übrigens auf diesem Photo links in dem hellbraunen Sommeranzug zu sehen). Das Photo wurde im Sommer 1962 im Hafen von Rotterdam aufgenommen, da war Ekke gerade mit dem Schiff aus Amerika angekommen. Unser Klassenkamerad Claus Jäger war auch an Bord gewesen. Der ist später noch Bürgermeister von Bremen geworden, weil er mit seiner FDP einmal 10,2 Prozent der Wählerstimmen erreichte. Davon träumt die FDP noch heute. Der Claus war aber nicht so elegant gekleidet wie Ekke und ich.

Bei Ekke war das mit der Eleganz im Jugendalter kein Wunder, sein Vater hatte das beste Herrenmodegeschäft im Ort (es wird schon in den Posts ➱Windsor und ➱Heringe erwähnt). Ich profitierte auch von Albert Dahle, weil er mir immer all die schönen Fachzeitungen wie ➱Sir und das Herrenjournal lieh. Damals gab es ja in Bezug auf Modezeitschriften überhaupt nichts. Zeitschriften wie Mann und Welt, Modischer Stil und Er: Die Zeitschrift für den Herrn blieben marginal. Wir hatten in Deutschland außer dem Herrenjournal (das wohl größtenteils dem Fachhandel vorbehalten blieb) keine Publikationen, die man mit Arnold Gingrichs Esquire (für das ➱Hemingway schrieb) oder mit den Apparel Arts vergleichen konnte. Es wurde schon als Sensation empfunden, als das Magazin Constanze mal eine vierseitige Beilage zum Thema Herrenmode offerierte.

Für die Damenmode gab es solche Zeitschriften schon. Obgleich sie in den fünfziger Jahren kaum mehr das Niveau von Die Dame erreichten. Das Journal für den verwöhnten Geschmack, in dem ➱ Gregor von Rezzori seinen ersten Roman veröffentlicht hatte, war 1943 eingestellt worden (lesen Sie mehr in dem Post ➱Modebücher). Die Modephotographie der fünfziger Jahre, zum Beispiel die von F.C. Gundlach für die Elegante Welt und Film und Frau, war häufig erstklassig. Aber wann photographierte der schon mal Männer in Anzügen? Höchstens ➱Curd Jürgens oder ➱Dieter Borsche. Nein, Herrenmode fand in den fünfziger und sechziger Jahren nicht statt. Man war ordentlich gekleidet. Wie mein Vater (rechts auf dem Bild oben) in einem sommerlichen Zweireiher, etwas anderes wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. In England zeichneten sich Jugendkulturen wie ➱Teddy Boys oder ➱Mods durch ihre Kleidung aus, wir hatten bestenfalls ein paar Halbstarke in Lederjacken. Peter Kraus war nie mein Modeideal (ich hätte ➱hier eine nette Doku zu den fifties).

Worüber läuft die modische Geschmacksbildung? Modezeitschriften gab es ja nicht. Über die Wochenschau? Gerade mal 21 Berichte in allen deutschen Wochenschauen von 1957 bis 1964, sagt Uta Schwarz in ihrem Buch Wochenschau, westdeutsche Identität und Geschlecht in den fünfziger Jahren. Wir erfahren dort auch: Herrenmode war vertreten als vom Schneiderhandwerk hergestellte bürgerliche Berufs- und Gesellschaftsmode und als Freizeit-Konfektion aus Kunstfasern für eine jüngere Generation. Und: Der Habitus-Diskurs der Modeberichte postulierte für die bürgerliche Herrenmode die Einheit von Erscheinung und Wesen, von äußerlichem Auftreten und innerlichem Befinden.

Darauf gründete sich das oben zitierte Versprechen des Schneiderhandwerks, durch entsprechende Kleidung auch eine innerliche Verfeinerung und Geschmacksentwicklung zu vollziehen und dadurch gesellschaftlich aufsteigen zu können. Wie gut, dass mein Vater so etwas nicht zu lesen brauchte. Den interessierte Mode (wie die meisten Männer) überhaupt nicht, der ließ sich alle paar Jahre von seinem Schneider einen neuen Anzug machen. Der möglichst genau so aussah wie der alte. Der Schneider hatte viel Mühe gehabt, ihn zu dem hellen zweireihigen Sommeranzug da oben auf dem Photo zu überreden.

Wenn die Wochenschauen schon nichts boten, offerierte der deutsche ➱Film der fünfziger Jahre mehr? Diese Melange aus Heimat-, Pauker- und Kriegsfilmen? So wie die Männer im deutschen Film der fünfziger Jahre aussahen, so wie Heinz Rühmann, Rudolf Prack oder Willy Birgel, wollte ich auf keinen Fall aussehen. Und wie der Mann der Diolen Werbung (In allen Situationen korrekt - das typische Motto der fünfziger Jahre) erst recht nicht. Da konnten Schauspieler wie Claus Biederstaedt, Georg Thomalla und Peter Frankenfeld für die ➱Miltenberger Kleiderwerke werben, es berührte mich nicht. Ich wusste damals schon, weshalb ich mir damals immer ➱französische oder ➱italienische Filme anschaute.

Über Herrenmode zu schreiben, ist deshalb ein Problem, weil die Herrenmode kein Problem ist. Die Bemühungen, Neuheiten zu lancieren, scheitern an der sachlichen Einstellung der Männer ihren Kleidern gegenüber. Seit der Französischen Revolution scheuen sich die Männer, im Alltag Standesunterschiede durch die Kleidung zu betonen: die Männerkleidung ist demokratisch geworden, modische Probleme sind nur dann Männersache, wenn es sich um die Kleider der Frau handelt, heißt es auf einer ➱Seite der Neuen Zürcher Zeitung aus dem Jahre 1960, die Requiem für Stutzer, Beau und Dandy betitelt ist. Und wenn man sich diese schönen Modelle der deutschen HAKA anguckt, was soll man darüber schreiben? Das war der deutsche Alltag. Ist es vielleicht noch.

Wir wissen, dass dies Jean-Pierre Léaud in ➱François Truffauts ➱Baisers Volées ist, aber damals sah ich genau so aus (allerdings ohne ➱Claude Jade). Mode ist ein Teil der Identitätsgewinnung, man sucht sich seine Ideale in der Filmwelt oder der in Werbeanzeigen propagierten Warenwelt. Die natürlich nicht die wahre Welt ist. Jean-Pierre Léaud war geklont, er war gekleidet wie François Truffaut. Wie die französische Bourgeoisie. Es war auch mein Stil. Es war auch der Stil der mods, aber den Begriff kannte ich damals noch nicht.
Wie Jean-Pierre Léaud war auch ich geklont, ich gehörte allerdings nicht zu den Kindern von Marx und Coca Cola. Ich habe Marx nie gelesen und auch keine Coca Cola getrunken. Ich wusste noch nicht, dass ich eigentlich genau das war, was die Engländer mod und die Franzosen minet nannten. Im Vorwort zu Dichtung und Wahrheit spricht Goethe davon, dass er sich bemühte, die innern Regungen, die äußern Einflüsse, die theoretisch und praktisch von mir betretenen Stufen der Reihe nach darzustellen. Ich bin im Augenblick bei der Darstellung der äußern Einflüsse, möchte aber noch anmerken, dass ich - obgleich mich Mode immer interessierte - nie ein fashion victim wurde. Und dass in dem modebewussten kleinen Gecken noch ein anderer steckte: ich hatte das Ziel, mit einundzwanzig einmal durch die Weltliteratur zu sein. Können wir das unter den innern Regungen rubrizieren? Ich habe das (mit leichten Abstrichen wie ➱Krieg und Frieden und ➱Vor dem Sturm) auch geschafft.

Als ich mir 1996 Farid Chenounes A History of Men's Fashion (damals schon teuer, heute unbezahlbar) kaufte, legte ich mir bei Seite 265 ein Lesezeichen hinein. Jeder dieser jungen Herren, die in Paris vor ➱Le Drugstore stehen, hätte ich sein können. All diese Outfits hatte ich damals getragen. Man könnte sie heute noch tragen. Ein Blazer ist auch dabei. Und damit komme ich langsam wieder zu meinem Thema zurück. Nein, ich habe das nicht vergessen. Aber ich liebe ➱Laurence Sternes Tristram Shandy zu sehr, als dass ich auf diese kleinen Digressionen verzichten könnte.

Die Schuhe der jungen Herren, die man in Frankreich minets nennt, sind wahrscheinlich von JM Weston. Die französische Traditionsfirma habe ich (verbunden mit einer komischen Geschichte) ➱hier schon einmal erwähnt. Der Flanellanzug mit Weste wird von der Firma ➱Renoma sein, der französische ➱Filmschauspieler Jacques Dutronc war damals das beste Aushängeschild für die Firma. Französische Filmschauspieler waren sowieso immer die beste Werbung für die Pariser Herrenmode (lesen Sie mehr zu diesem Thema in dem Post ➱Waltz into Darkness).

Obgleich Pierre Cardin (der ➱hier einen Post hat) für sich in Anspruch nahm, dass er der Papst der Pariser Herrenmode war, war das in Wirklichkeit eher Maurice Renoma. In seinem Laden mit dem Namen White House konnte man Jean-Paul Belmondo, ➱Brigitte Bardot, ➱Catherine Deneuve, Jean Seberg, Serge Gainsbourg und die Rolling Stones sehen. Und natürlich Jacques Dutronc, hier (links, leider seitenverkehrt) in einem typischen Renoma Anzug mit langem Jackett, schmaler Taille, langen Rückenschlitzen und hoch angesetzten Armlöchern. Rechts davon eine moderne Kopie, die wenig von dem Stil des Originals hat. In Paris gab es damals auch zweireihige dunkelblaue Blazer mit dem gleichen Schnitt, die flache Silberknöpfe statt der wappengeschmückten wulstigen Blazerknöpfe hatten.

Für die französischen minets war der blaue Blazer ein aus einer anderen Kultur importiertes Kleidungsstück. Für Engländer bedeutet er etwas anderes, da ist er als Teil der Schuluniform eher eine Art Anstaltskleidung. Trägt man die noch freiwillig, wenn man erwachsen ist? Tragen Strafgefangene weiterhin freiwillig Anstaltskleidung, wenn sie entlassen werden? Das war nun ein wenig bösartig, aber viele Engländer haben an ihre Schulzeit (vor allem an die auf Public Schools) keine so guten Erinnerungen. Die Mitschüler von ➱Harry Graf Kessler haben furchtbar unter dem sadistischen Schulleiter Sneyd-Kynnersley gelitten. Roald Dahl hat in Boy: Tales of Childhood auch einiges über seine Tage in Repton zu erzählen. Wir lassen den Gedanken mit Schul- und Gefängnisuniformen mal eben so stehen, und ich weise auf das Buch Blazers, Badges and Boaters: A Pictorial History of School Uniform von Alexander Davidson hin.

Uniformen, wohin man blickt, vom ➱Morning Coat in Eton bis zu den Kleidern der schrecklichen Gören von ➱St Trinian's. Und alle haben ihr Wappen (und ihren Schulschlips), und natürlich darf nur derjenige diese Sachen tragen, der auch auf dieser Schule, an dieser Universität, in diesem Club oder in diesem Regiment gewesen ist (das ist in England bei Schlipsen ja ähnlich, lesen Sie dazu doch den Post ➱Royal Flying Corps). Man sollte beim Kauf eines Blazers sehr vorsichtig sein, wenn italienische Hersteller englische Wapperl auf die Brust ihres Produkts nähen, die einem Engländer etwas bedeuten können.

In seinem Buch John Bull at Home, das 1931 in London und 1932 bei Tauchnitz in Leipzig erschien, lieferte Karl Silex eine Bestandsaufnahme der englischen Gesellschaft, die noch heute interessant ist. Und zum Blazer hat er auch etwas zu sagen: The blue blazer is a flannel jacket with brass buttons preserved as a sacred relic of schooldays. When a man's girth increases and he has to have a new blazer to serve for the rest of his life it will also be provided with brass buttons, and have his school or college crest embroidered in gold on its breast pocket, or perhaps the badge of some rowing or sporting club. Das mit dem Wort sacred sollten Ausländer ernstnehmen, denn für viele Engländer bedeutet das Festhalten an traditionellen Werten - auch an goldenen Messingknöpfen und Wappen - eine ganze Menge.

Man sollte nicht das Wappen des ➱Royal Ocean Racing Clubs tragen, wenn man mal gerade einen Opti übern Baggersee segeln kann. Man sollte auch sehr vorsichtig sein, welche Goldknöpfe man sich bei der Firma London Badge and Button für den Blazer bestellt. Honi soit qui mal y pense und Dieu et mon droit geht schon mal nicht. Im Lady Margaret Boat Club, dessen scharlachrote Jacken nach Ansicht mancher Modehistoriker für den Blazer namengebend waren (eine Abbildung ist weiter unten), ist genau geregelt, wer wie viele Knöpfe in welcher Farbe an seinem Blazer tragen darf. Da ich den Absatz mit den Dingen begann, die definitiv nicht gehen, möchte ich noch das hier ansprechen: ein Zwitter aus Blazer und Strickjacke. Abgebildet 1958 in dem Esslinger Wollheft. Bitte stricken Sie es nicht nach.

Ob ➱Lucien Febvre daran gedacht hat, als er von einer Kulturgeschichte der Knöpfe sprach, dass sich eines Tages ein amerikanischer Präsident echte ➱Goldknöpfe mit dem Siegel des amerikanischen Präsidenten auf den Blazer nähen lassen wird? Man gönnt sich ja sonst nichts. Die Knöpfe sind inzwischen versteigert worden, so wie Kennedy die goldene Rolex, die ihm Marilyn geschenkt hatte, versteigern ließ. Was man natürlich zu einem Blazer tragen kann, ist eine ➱Rolex. Stilvoller ist natürlich eine alte Segleruhr wie eine Aquastar Geneve Regate Olympic Start (die es auch in Koproduktion von ➱Tissot gab). Der Chronograph, der die Minuten vor dem Regattastart farbig anzeigt, ist auch viel seltener als eine Rolex.

In dem Official Sloane Ranger Handbook aus dem Jahre 1982 sind Ann Barr und Peter York bezüglich des Blazers sehr zurückhaltend: The blazer. Watch it. A good (old) blazer can be wonderful if you're Free Foresters 'united though untied' / Leander / a general / over 50, etc..., but a natty blazer with the wrong buttons can slip into caricature. Die Free Foresters sind ein Cricket Club (lesen Sie Jay's Bestseller Cricket, das haben schon über zehntausend Leser getan), Leander ein Ruderclub, einer der ältesten ➱Rudervereine der Welt. Und damit sind wir schon bei den Anfängen dieses Kleidungsstücks.

Die zweifellos in England liegen. Seinen Namen soll der Blazer daher haben, dass anlässlich eines Inspektionsbesuchs der Fregatte HMS 'Blazer' durch Königin Viktoria im Jahre 1837 der Kapitän der Fregatte zu dieser Gelegenheit einen neuen, repräsentativeren Jackentyp für seine Mannschaft anfertigen ließ, der dann erstmals getragen wurde. Aufgrund des von Königin Viktoria geäußerten Wohlgefallens soll dieser Jackentyp schon bald von anderen Schiffen übernommen worden sein, steht im Wikipedia Artikel. Man hat allerdings keinen Beleg dafür. Wie auch? Wir verbannen die Geschichte mal getrost in den Bereich der Märchen.

Zumal es auch keine Fregatte namens HMS Blazer gegeben hat, die die gerade gekrönte Königin hätte besuchen können. Victoria mag für die Farbe ➱Schwarz in der Mode verantwortlich sein, vielleicht auch für das, was bei uns als Kieler Knabenanzug bekannt geworden ist. Sie hatte für den fünfjährigen Thronerben Albert Edward (den späteren Edward VII) im Jahre 1846 eine Matrosenuniform (also das, was in der deutschen Marine ➱Wäsche vorn hieß) anfertigen lassen (lesen Sie mehr in dem Post ➱Franz Xaver Winterhalter), und dieses Kleidungsstück verbreitete sich dann schnell in der englischen Aristokratie. Später hat Oma ihrem Enkel auch einen solchen Anzug geschenkt. Als der in Deutschland Kaiser wurde, hat er dann richtige Marineuniformen getragen.

Natürlich legt die Kombination vom Blau-Weiß der Marineuniform - wie oben auf John Singleton Copleys Bild des Midshipman ➱Augustus Brine, (der viel besser gemalt ist als Winterhalters Edward) - nahe, die Ursprünge des Blazers in der Welt von Captain ➱Hornblower zu suchen, aber die ersten Blazer in England waren keineswegs blau. Obgleich es Einflüsse der Marineuniform auf die englische Mode gibt. Seit die Royal Navy im 18. Jahrhundert neue einheitliche ➱Uniformen bekam, haben die sich immer an der englischen ➱Herrenmode orientiert. Und ihrerseits hat die sich an den Uniformen orientiert, wie es Amy Miller in ihrem Buch Dressed to Kill gezeigt hat.

Um 1865 taucht, so sagen C. Willett Cunnington und Phillis Cunnington in ihrem Handbook of English Costume in the 19th Century, ein Prototyp des blauen Blazers in größerer Zahl in der Herrenmode auf. Er wird beschrieben als: The Double-breasted 'Reefer', 'pea-jacket', 'Yachting jacket' (synonymous): A very short D-B jacket with low collar and small lapels. Cut without a back seam; short vents at the bottom of side-seams. Pockets flapped, patched or slit; often an outside pocket on the left breast and usually an inside pocket in the right. Borders bound, four pairs of buttons. Erstaunlich sind hierbei die Seitenschlitze, auch wenn es wohl nur kleine Stummelschlitze gewesen sein werden und nicht die 28 Zentimeter langen Seitenschlitze bei der Pariser Firma Renoma. Aus diesem Jackentyp wird dann irgendwann der uns bekannte zweireihige blaue Blazer werden.

Assoziationen zu den Uniformen der Royal Navy halten sich beim Blazer auch noch in den James Bond Filmen. ➱Ian Fleming hatte den Rang eines Commanders der Royal Naval Reserve, und diesen Rang hat auch seine Märchenfigur James Bond. Der trägt, wenn er von ➱Sean Connery gespielt wird, in den Filmen aber nie einen ➱Blazer. Wenn er von Roger Moore gespielt wird, dann schon, wie wir hier sehen können. Der trägt seinen Blazer wie eine Uniform. Der Geheimdienstchef M neben ihm, der ein Admiral ist, wirkt dagegen eher unmilitärisch.

Bösewichte tragen in den James Bond Filmen ganz schlimme Blazer (wie hier Richard Klier); und wenn Sie alles über die Klamotten der James Bond Filme wissen wollen, dann kann ich ein zweites Buch empfehlen, das auch Dressed to Kill heißt. Es erschien bei Flammarion (wo auch Farid Chenounes A History of Men's Fashion erschienen war) und hat den Untertitel James Bond, the Suited Hero. Es wurde zum großen Teil von ➱Brioni finanziert. Wenn Sie kein Brioni Fan sind, können Sie natürlich auch hier den Post ➱Agentenmode lesen

Die ersten Blazer im 19. Jahrhundert machen ihrem Namen Ehre, denn das Verb to blaze heißt flammend leuchten. Und diese ➱Blazer werden von Cricket-, Tennis- und Rudervereinen getragen, die Free Foresters oder Leander (mit ihrem pink Hippopotamus) heißen. Oder I Zingari mit ihren Farben schwarz-rot-gold und dem Wahlspruch out of darkness, through fire, into light. Diese Form des Blazers ist bei uns in Deutschland nicht heimisch geworden, für uns ist der Blazer identisch mit dem, was Bernhard Roetzel den Marineblazer nennt. Zu dem er in seinem Buch Der Gentleman auch ein kleines Kapitel hat (in dem er natürlich die Geschichte der HMS Blazer erzählt).

Das Oxford English Dictionary hat für den Blazer den Erstbeleg im Jahre 1880 mit einem Satz aus der Times, wo von Men in spotless flannels and club 'blazers' die Rede ist. Man beachte, dass blazer hier noch in Anführungszeichen gesetzt wird. 1885 heißt es im Durham University Journal: The latest novelty for the river... is flannels, a blazer, and spats. Und ein Leserbrief an die Daily News betont 1889: A blazer is the red flannel boating jacket worn by the Lady Margaret, St. John's College, Cambridge, Boat Club. When I was at Cambridge it meant that and nothing else. It seems from your article that a blazer now means a coloured flannel jacket, whether for cricket, tennis, boating, or seaside wear.

Jilly Cooper unternimmt in ihrem ➱Buch Class eine tour de force durch das Labyrinth der englischen Klassengesellschaft. Dafür präsentiert sie uns beispielhafte Figuren aus den einzelnen sozialen Schichten. Eine ist Harry Stow-Crat (der aristocrat ist bei dem Namen nicht weit). Wir werfen mal eben einen Blick auf seine Kleidung in der Freizeit: Pottering about at home, Harry would probably wear old corduroy (pronounced 'cord'roy') or whipcord trousers, and a tweed jacket, which he would refer to as a tweed coat, or, as it is called in Eton, a 'change coat'. He would never use the expression 'sports jacket'. He would call a blazer a boating jacket and tells [his son] Georgie he would have been thrown out of the Guards for saying 'blazer'.

In dem Buch The English Gentleman von Douglas Sutherland klingt das ganz ähnlich. Da heißt es unter der Überschrift The Sports JacketNo gentleman ever has a garment which is popularly called a sports jacket. Nor does he ever wear a blazer with a badge on the pocket. The only exception to gentlemen not wearing blazers is at Henley when they turn out in creations they have had since their rowing days and which would make a stage comedian look ridiculous. So fein können die Nuancen sein, für die englische upper class ist der Blazer, der bei den unteren Schichten beliebt ist, immer etwas Prolliges gewesen. Und bei der Erwähnung der englischen Klassengesellschaft darf dieses Photo aus dem Jahre 1937 natürlich nicht fehlen.

Ich weiß nicht mehr, wann die blauen Jacken mit den Goldknöpfen, die ihre Verwandtschaft mit pea coat (oder reefer) und Colani nicht leugnen können, en masse bei uns auftauchten, aber es muss so um 1960 gewesen sein. In dem Lexikon der Herrenmode von Hermann-Marten von Eelking, das 1960 erschien, wird der Blazer noch in der Form definiert, die Lord Hawke beim Cricket (oben) trägt. Nicht in der blauen Marineversion, die sich dann vor allem in Norddeutschland breit machte und selten da zu finden ist, wo man einen Janker (der hat ➱hier einen Post) trägt. Auf diesem Photo aus der Carnaby Street trägt bei der Präsentation des Minirocks (lesen Sie doch dazu den Post ➱Mary Quant) nur einer der jungen Männer einen dunklen Blazer.

Dieser Herr trägt den zweireihigen Blazer überzeugender, als das den meisten Deutschen gelang. Dass er die obersten Knöpfe seines Hemds offenlässt, darüber wollen wir hinwegsehen. Wir sind in Rom, da heißt es: when in Rome, do as the Romans do. In Deutschland entwickeln sich Varianten dieses Kleidungsstückes, die seinen Untergang beschleunigen. Die erste war der braune Blazer mit Goldknöpfen. Von dem gab es noch eine angeblich edlere Variante, nämlich eine Version in gelbbraunem Kaschmir. Und dann kam das Schlimmste: der bordeauxfarbene Blazer, gerne kombiniert mit dunkelgrünen Hosen. Der Rest ist Schweigen.

Mein Flanellblazer, den ich auf dem Photo in Rotterdam trage (man beachte den runden Kragen des Hemdes), war blau-grau gestreift, er hatte dicke blaue Streifen, die sich mit dünneren grauen Streifen abwechselten. Solch einen Blazer hatte damals niemand. Meine Oma hat mir einen Rückenschlitz hinein geschneidert, damals waren Jacketts mit Seiten- oder Rückenschlitz kaum zu bekommen. In meinem Leben und in meinem Kleiderschrank haben allerdings Blazer keine große Rolle gespielt. Wenn solch ein Kleidungsstück bei einer Einladung gewünscht ist - also zum Beispiel bei einer Formulierung wie leichter Bieranzug - dann nehme ich ein schlichtes dunkelblaues ungefüttertes Jackett von Caruso. Noch mit dem alten Stiesing Label. Passt zu Jeans, Chino oder Flanellhose. Ist natürlich einreihig, ich finde diese Zweireiher engen einen ein. Und nur Prince Charles kann es sich erlauben, seinen Blazer offen zu tragen.

Vor einem Jahr habe ich mir einen zweireihigen dunkelblauen Blazer gekauft. Nicht dass ich ihn gebraucht hätte. Aber da war dieses verlockende Angebot bei ebay: Dunkelblau, Corneliani, linea sartoria, Super 100. Sofortkauf: 15 €. War ein nagelneues Teil. Toll. Allerdings sehe ich damit aus wie Graf Koks. Oder wie dieser Herr hier. Ich warte jetzt noch, bis ich einen Bugatti 57 SC Atlantic für 15 € finde, dann wird der Blazer getragen.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Hans Henny Jahn


Hier hat er gewohnt, als er aus seinem freiwilligen Exil in Bornholm wieder nach Hamburg zurückkehrte. Es ist das um 1800 gebaute Kavalierhaus, das zu dem Landhaus gehört, das sich Jean Cesar Godeffroy von ➱Christian Frederik Hansen (der auch die Palmaille gebaut hat) hat bauen lassen. Heute ist das eine Schickeria Gaststätte namens Witthüs, wo man auch ein candlelight dinner (Hamburger haben es ja gerne englisch) buchen kann. An der Hauswand gibt es eine Relieftafel von Heinrich Hegemann, rechts vom Eingang. Links hängt die Speisekarte. Ein Findling im Park erinnert daran, dass Hans Henny Jahn (der heute vor 120 Jahren geboren wurde) von 1950 bis zu seinem Tode hier gewohnt hat. Und dort von neugierigen Hamburgern bestaunt wurde, wie man bei Ute Harbusch und Gregor Wittkop in Kurzer Aufenthalt: Streifzüge durch literarische Orte lesen kann: Für die Hamburger war Jahnn ein Thema - das bedeutete aber nicht, daß man seine Bücher kaufte und las. Attraktiver war da schon ein neugieriger Blick durch die Fenster seiner Wohnung. Mitunter muß sich Jahnn im Hirschpark gefühlt haben wie ein lebendiges Ausstellungsstück, ein Fossil aus der großen Zeit des Expressionismus.

Irgendwie scheint das mit dem Erinnerungsvermögen der Hamburger nicht so weit her zu sein. Jahnn wohnte da nicht erst seit 1950, er hatte da schon vorher gewohnt. Er hatte von der Gemeinde Altona (wo Max Brauer, den er gut kannte, Oberbürgermeister war) 1931 eine kleine Wohnung in dem reetgedeckten Kavalierhaus bekommen. Mir selbst geht es nun schlechter und schlechter. Noch wohne ich im Hirschpark. Auf wie lange, das steht in der Zeitung. Diesmal wörtlich zu nehmen, denn sobald eine Parteizeitung richtiger Prägung gegen mich hetzen wird, ist es mit meiner Ruhe hier zuende, schreibt er im März 1933. Als er Deutschland verließ und nach Bornholm zog (Ich weiß nicht, welche Sehnsucht es ist. Vielleicht die, hier ungestört verharren zu dürfen), hatte er seine Schwiegermutter dort wohnen lassen. 1937 wurde ihm gekündigt (und seine Schwiegermutter musste aus der Wohnung), das war erst einmal das Ende seiner Hamburger Zeit.

In seinem dänischen Exil kam für ihn nur etwa Abgelegenes in Frage: Die Kunst ist verschwunden. Die Menschheit ist von einer Flut überspült. Und Dänemark ist ein toter Eierkuchen. Man kann in diesem Land auf dem Lande leben, nicht in der Stadt. Sein Bauernhof ➱Bondegaard sieht beinahe aus wie der von ➱Oluf Høst. Deshalb stelle ich noch einmal ein Bild von dem dänischen Maler hierher. Die beiden haben in der gleichen Ecke Bornholms gewohnt, aber ich glaube nicht, dass sie sich gekannt haben.

Auf Bornholm hat er auch den größten Teil seines Hauptwerkes Fluß ohne Ufer geschrieben: In diesen bewegten und angstvollen Jahren habe ich mein mehrere tausend Seiten umfassendes Werk 'Fluß ohne Ufer' schreiben können (...) Wenn ich auch keine besondere Form des Dankes dafür gefunden habe, daß ich in Dänemark zu den Überlebenden der Katastrophe zählen kann, die ich mit soviel Nachdruck vorausgesagt habe, so wird die ausgebreitete Landschaftsschilderung in meinem Werk davon zeugen, wie sehr ich meine engere Wahlheimat Bornholm geliebt habe.

Es ist ein seltsames Buch, aber die Sprache zieht einen in den Bann: Das Schiff fuhr mit dunklen bauchigen Segeln über den Abgründen, die mit Wasser ausgefüllt sind. Die Luft war ungewöhnlich lange nur voll leichter Wirbel gewesen. Der neue Tag, wie um den Triumph des weißen Lichtes zu überhöhen, war klar und kalt, ganz ausgeleuchtet mit dem Schimmer der silbrigen Helligkeit. Die Gegenstände an Deck erschienen allesamt hart, unförmig, gar nicht der geringen Bewegung von Wasser und Wind angemessen. Noch vor Abend strichen warme Schwaden um das Schiff. Unbegreiflich schnell mischte sich die fahle Kälte mit dem lauen Dunst. Nebelmauern rückten heran. Wolken, kaum wahrgenommen, fielen schon aus der Höhe herab und umdampften das Schiff. Masten und Segel wuchsen riesenhaft. Vor kurzem noch war der Horizont das Maß aller Dinge gewesen. Jetzt war das Sichtbare verengt. Das Gebilde aus Menschenhand schwebte im Nebelmeer, war von der Erde abgestürzt.

Ich gebe gerne zu, dass ich nicht alle drei Bände gelesen habe, ich habe nur Das Holzschiff gelesen, aus dem auch das obige Zitat stammt. Meine Hans Henny Jahnn Phase war kurz. Ich hatte damals schon nicht richtig zugehört, als unser Diakon Klaus Nebelung bei unserer Radwanderung rund um Bornholm in der Nähe von Hasle sagte, dass hier der Schriftsteller Hans Henny Jahnn gewohnt habe. Ich hatte nur diese hübsche kleine blonde Dänin im Kopf, mit der ich in Dueodde in den Dünen gelegen hatte. Ob ich sie auf der Fähre nach Kopenhagen wiedertreffen würde? Ich war siebzehn. Aber Sätze wie: Das Meer prägt die Insel. Es ist die zweite Landschaft. Es liegt tief unter den Hügeln. Alle Straßen, die zur Küste führen, münden in den unbeschreiblichen Anblick, dass eine blaue, graue, spiegelnde oder stumpfe, verhangene oder windgepeitschte Wasserfläche sich wie in einem ungeheuren Tal sich unter einem ausbreitet, die hätte ich auch noch zusammengekriegt.

Jahnn hatte nach dem Krieg die Wohnung im Kavalierhaus wieder bekommen, dafür hat Max Brauer gesorgt. Einen Wunsch konnte ihm Brauer nicht erfüllen, Jahnn hätte auch gerne die Godeffroysche Villa bekommen. Seine Einkünfte als Schriftsteller waren gering (Fluß ohne Ufer war erst kurz nach dem Krieg veröffentlicht), sodass er immer wieder zu seiner Tätigkeit als Orgelbauer zurückkehrte. 1947 schreibt er an den Archivrat des Altonaer Stadtarchivs Paul Theodor Hoffmann: Dies Haus nun ist für meine Zwecke als Orgelbetreuer und Orgelbauer geradezu wie geschaffen. Es enthält neben anderen Räumlichkeiten 2 saalartige Räume, die in der jetzigen Form für reine Wohnzwecke kaum verwendet werden können, weil sie sowohl zu hoch als auch zu groß sind. Aber die Stadt kann über die Villa nicht verfügen, die Engländer hatten sie sich nach dem Kriege als Offizierskasino gesichert. Sie nutzen sie zwar nicht mehr, doch die Verhandlungen ziehen sich hin. Am Ende wird Dr Erich Thienhaus die Villa für sein Tonstudio bekommen. Heute ist da eine Ballettschule in dem Haus des Südseekönigs Godeffroy, sic transit gloria mundi.

Auch der Hamburger Kultursenator Hans-Harder Biermann-Ratjen kann für Jahnn nichts erreichen. Die Bremer sind dem Hamburger Biermann-Ratjen immer zu Dank verpflichtet, denn ohne ihn wäre der schöne Briefroman Sommer in Lesmona nie erschienen (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Biermann-Ratjen hat auch dafür gesorgt, dass Jahnn 1956 den Hamburger Lessing Preis bekam, für den er sich bei dem Kultussenator mit den Worten bedankte: Mit diesem Preis, der den Namen des Mannes trägt, dessen Lauterkeit ganz ohne Makel ist, fühle ich mich in meine Vaterstadt wieder ganz eingeordnet, zugehörig. Und was hin und wieder an Bitterkeit war, verdünnt sich zum Belanglosen. Die Bitterkeit war da, was man in Sätzen wie erkennt: Ehrfurcht vor dem Gewesenen, vor den Denkmalen der eigenen Geschichte besitzt diese Stadt kaum. Das ist ein Grundfehler. Sie ist, im Gegensatz zu Lübeck, arm an erschaubarer Vergangenheit. Was alles an hundertjähriger Erinnerung vor dem Dammtor der Sucht nach einem »Ausstellungsgelände« zum Opfer gefallen ist, ermißt nur der, der Jahr nach Jahr, ein paar Jahrzehnte lang, durch die Gräberreihen schlendern konnte. Das Verhältnis Jahnns zu seiner Vaterstadt ist immer schwierig gewesen, wie Uwe Schweikert in seinem lesenswerten ➱Vortrag ausgeführt hat.

Gräberreihen, Särge. Schon das todgeweihte Holzschiff trägt eine geheimnisvolle Fracht von Särgen. Seine Grabanlage auf dem Nienstedtener Friedhof hatte Jahnn sorgfältig geplant. Der wachsversiegelte, mit Metall ausgekleidete Sarg aus überdickem Holz, war von ihm nach der Satzung der von ihm gegründeten Künstler- und Glaubensgemeinschaft Ugrino konstruiert und zu seinen Lebzeiten gebaut worden. Ein klein wenig pervers ist das schon. Das letzte Wort zu toten Dichtern wird immer Gottfried Benn haben, der in Kann keine Trauer sein dichtete:

In jenem kleinen Bett, fast Kinderbett, starb die Droste
(zu sehn in ihrem Museum in Meersburg),
auf diesem Sofa Hölderlin im Turm bei einem Schreiner,
Rilke, George wohl in Schweizer Hospitalbetten,
in Weimar lagen die großen schwarzen Augen
Nietzsches auf einem weißen Kissen
bis zum letzten Blick—
alles Gerümpel jetzt oder gar nicht mehr vorhanden,
unbestimmbar, wesenlos
im schmerzlos-ewigen Zerfall.


Im vorletzten Jahr hatte ➱Harald Eschenburg mich an einem schönen Sommerabend zum Abendessen eingeladen. Hans Fander (der hier eine ➱Seite mit wunderbaren Geschichten hat) und der Literaturwissenschaftler Jörg W. Joost waren auch dabei. Ich weiß nicht, wie es kam, aber nach dem Essen wurde über Pariser Friedhöfe geredet. Herr Joost war ein großer Frankreichliebhaber, Hans Fander sowieso, der hatte einen französischen Pass, seit er als junger Mann in der Fremdenlegion gewesen war. War in ➱Dien Bien Phu gewesen und hatte Tschiang Kai Schek gesehen. Irgendwann brachte Hans Fander den wunderbaren Satz heraus: In meinem Alter googelt man schon schon mal Friedhöfe. Joost war davon so begeistert, dass er sich den Satz sofort aufschrieb. Hans Fander, der sich schon einen Platz auf dem Père Lachaise gesichert hat, ist heute in den Achtzigern und glücklicherweise noch quicklebendig. Jörg Joost war leider wenige Monate nach dem schönen Sommerabend tot. In seiner Todesanzeige las ich das Gedicht Der Rauch von Bert Brecht:

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.


Für jemanden, der ein Buch über Brecht geschrieben hatte, passte das. Eine Geschichte hatte Jörg Joost an dem Abend nicht zum Besten gegeben: er war bei der Beerdigung von Hans Henny Jahnn dabei. Mein Freund ➱Friedhard Radam, der einmal einen Tag lang bei Jahnn zu Gast sein durfte, hatte mir mal erzählt, dass Joost zum engeren Kreis von Jahnn gehört habe. Und da habe ich Jörg Joost einfach danach gefragt, als ich ihn das nächste Mal traf. Als Literaturwissenschaftler ist man ja immer neugierig.

Von der Beerdigung Jahnns haben wir eine Beschreibung von seinem Freund Erich Nossack: Vom 1.-5.12. mit M. in Hamburg wegen der Beisetzung von Jahnn. Hielt die Grabrede, wie wir es uns vor Jahren versprochen hatten. Anstrengende Tage, viele Menschen. Meistens mit Italiaander zusammen. Er ist der einzige sachliche Kopf in Hamburg unter den Literaten. Bewundernswert sein Einsatz um der Sache willen, ohne daß er etwas davon hat.
     Sah Jahnn aufgebahrt in seinem Musikzimmer, in dem wir oft zusammen gegessen haben. Wie klein er mir vorkam, und sehr kindlich. Sein dicker Kopf lag auf einem alten Samtkissen, das M. den Jahnns vor vielen Jahren für den Hund gestiftet hatte. Wie das alles ins Bild paßt.
     Ich war ganz kalt, ganz nüchtern, höchstens ein wenig geniert, aber das war schon zu seinen Lebzeiten so. Bin ich ausgebrannt? Gespräch mit Ellinor, sie leicht alkoholisiert. In der Kapelle spielte sein Pflegesohn Sweelinck. Der kastenartige Sarg, wie in "Fluß ohne Ufer". Die jungen Leute, die ihn trugen, mußten dreimal absetzen, so schwer war [er], wohl wegen der Zinkeinlagen. Wer war es noch, der mir sagte, Bleisarg bedeute Angst vor dem Tode? War es Huchel oder Weisenborn?
     Las 1924 in meiner Hungerzeit zuerst etwas von Jahnn, "Richard III.", den Justus Ritter mir geliehen hatte. Lernte Jahnn zuerst 1927 auf einem Atelierfest kennen, auch Ringelnatz war da.
..... Ging zwei Stunden ganz allein und langsam durch die Innenstadt, eine Wohltat. Auf der Mönckebergstraße memorierte ich die Grabrede.
..... Italiaander und ich hatten bis zuletzt, bis der Sarg in die Gruft hinabgelassen war, Angst, daß irgendein ganz unvorhersehbarer, lächerlicher Zwischenfall eintreten könnte, wie das bei Jahnn immer passierte.


Jörg Joost hat mir gesagt, dass es noch eine Schilderung der Beerdigung gäbe, die viel treffender sei. Die fände man bei Peter Rühmkorf, allerdings würde er dort leider nicht erwähnt. Habe ich auch gleich bei Rühmkorff gefunden: Wir nachgeborenen Leidtragenden mußten alle drei Schritt lang ins Knie gehen, Huchel im unfreiwilligen Gleichtakt mit Nossack und ich neben Yngve Trede, und die Berufsträger kommandierten im Chor ,Uuunnnd allzamrn aaaabl — Uuuund aufl', und der ganze Friedhof mit seinen ernsthaften Lebensbäumen und Ligusterhecken schudderte vom unterdrückten Lachen.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Ärmelfutter


Ich habe letztens ein altes Tweedjackett zum Schneider gebracht, das Ärmelfutter war hin. Weiß nicht, wie das kommen konnte. Zwar wird das Ärmelfutter immer sehr strapaziert, aber normalerweise gibt es nicht schon nach dreißig Jahren auf. Ich liebe dieses Jackett, also übergab ich es dem netten Schneider Herrn ➱Yesilyurt, der ein Meister seines Fachs ist. Und Herr Yesilyurt, dem auch die führenden Herrenausstatter des Ortes ihre Änderungen anvertrauen, hat mir ein neues gestreiftes Ärmelfutter eingenäht. Streifen musste sein, das Muster konnte ich mir aussuchen. Was mich auf den Gedanken brachte, einmal über Ärmelfutter zu schreiben.

Gut. es gibt wichtigere Dinge, und wir sollten all diese Kleinigkeiten wie Ärmelknöpfe und Ärmelfutter nicht zu ernst nehmen. Man kann sie natürlich sehr ernst nehmen. Claude Lévi-Strauss hat einmal über ein Gespräch mit dem Historiker ➱Lucien Febvre geschrieben: Je me souviens d'une conversation vieille de plus de trente ans avec Lucien Febvre ... [Febvre] souhaitait que les historiens se penchent sur des problèmes comme celui de l' origine et de la distribution du bouton...

Eine Sozialgeschichte der Knöpfe und der Kleidung, das wäre eine schöne Sache, aber bisher ist noch niemand dem Traum Lucien Febvre wirklich nahegekommen. Farid Chenounes A History of Men's Fashion war ja der richtige Anfang, aber leider ist bisher nichts Ähnliches geschrieben worden. Und leider ist Chenounes ➱Modegeschichte auch schon so gut wie vom Markt verschwunden. Futter und Ärmelfutter eines Jacketts sind vielleicht die unwichtigsten Dinge in der Herrenmode (wobei unwichtige Dinge in diesem Blog natürlich gut aufgehoben sind), man sieht sie normalerweise nicht. Man sollte sie auch nicht sehen. Außer man besitzt ein solches Etro Jackett wie das da oben, dann muss man das schon zeigen. Die Reformmode der Herren aus dem Jahre 1937 hier, die müsste man allerdings nicht unbedingt zeigen.

Das Ärmelfutter sollte verborgen bleiben. Wie die lingerie der Damen. Die sieht man allerdings manchmal, aber dem Ärmelfutter kann man im Gegensatz zur lingerie keinerlei erotische Qualitäten zuschreiben. Männer zeigen ihre Unterwäsche nicht, es sei denn, außer sie sind John Major und stecken ihr Oberhemd in die ➱Unterhose. Dann lacht ganz England über sie. Nein, wir sind Viktorianer, wir zeigen keine Unterwäsche und kein Ärmelfutter. Es sei denn, wir heißen Jean Cocteau und tragen unsere Anzüge so wie auf diesem Photo. Dann kann es schon mal passieren, dass man das Ärmelfutter sieht. Aber wer will schon so herumlaufen?

Wir können auf diesem Photo sehen, dass der Ärmel dieses Sakkos ein gestreiftes Futter hat. Dass man den Ärmel auch noch aufknöpfen kann (lesen Sie mehr in dem Post ➱Ärmelknöpfe), können wir natürlich auch sehen. Die Knöpfe sind mit einem Kreuzstich angenäht, daran erkennt man den Schneider (außer bei Regent, die, seit sie mal von Van Laack übernommen wurden, ein Knopfloch mit drei Löchern haben), Das mit dem Kreuzstich scheint allerdings Geschmacksache zu sein, viele Italiener des Luxusgenres verwenden ihn nicht. Also bei Brioni, Caruso oder Kiton zum Beispiel finden wir den Kreuzstich selten. Das Ärmelfutter ist hier gestreift, Bengal stripes nennen die Engländer das. Der Anzug scheint mir von ➱Davies & Son zu kommen, die genau diesen Streifen schon sehr lange verwenden.

Wenn Knöpfe nicht mit einem Kreuzstich angenäht werden, sieht dann (wie an diesem Kiton Jackett) so aus. Die Knöpfe berühren sich hier, man nennt das kissing buttons, das ist neuerdings chic, braucht aber nicht zu sein. Ein Qualitätsmerkmal ist es auch nicht, es zeigt nur, dass die Knöpfe nicht mit der Maschine angenäht wurden. Zwischen dem untersten Knopf und dem Ärmelende ist bei diesem Jackett relativ viel Platz. Die Schneider der Savile Row plazieren den Knopf viel weiter am Ärmelende. Doch die Herrenkonfektion möchte da heute mehr Platz haben, damit man noch Änderungen vornehmen kann. An einem bespoke Jackett gibt es keine Änderungen der Ärmellänge, also wandert der Knopf weiter nach unten. Klicken Sie doch einmal dieses ➱Beispiel an.

Hier noch einmal ein Jackettärmel eines maßgeschneiderten Jacketts. Achten Sie bitte einmal auf die Knopflöcher! So sieht ein von Hand genähtes ➱Knopfloch von hinten aus. Keins ist wie das andere. Die Knopflochmaschine kann Knopflöcher nähen, die auf beiden Seiten eine perfekte Seidenraupe haben (klicken Sie mal auf dieses ➱Beispiel). In der Mitte der 1930er Jahre schaffte eine Maschine fünfzehn Knopflöcher in der Zeit, in der ein ➱Schneider ein Knopfloch nähte. So steht es 1937 in Männerkleidung unter den Augen des Fachmannes, herausgegeben von der Fachgruppe Textil Einzelhandel. In der Savile Row braucht man heute (je nach Anzahl der Knöpfe) zwischen vier und acht Stunden für einen Anzug.

Die Relationen, die für die Konfektion von 1937 galten, werden sich verändert haben. Die Maschinen sind schneller geworden, und ein Schneider hat heute nicht mehr die Routine im Nähen eines Knopflochs. In den dreißiger Jahren verdienten Uhrmacher ihr Geld mit dem Drehen einer Unruhwelle, die sehr schnell zu brechen pflegte. Dann kam (von den Uhrmachern bekämpft) die Stoßsicherung und niemand drehte mehr Unruhwellen. Kann heute kaum noch einer. Knopflöcher kann auch kaum noch jemand. Dafür haben heute selbst die feinsten Schneider ihre Lohnsklaven, die nichts anderes machen. Die meistens nicht aus dem Land sind, in dem Jackett oder Anzug genäht werden. Und die meistens nicht den Lohn bekommen, der allgemein gebräuchlich ist.

Tom Wolfe erzählt in The Pump House Gang die wunderbare Geschichte Bob & Spike über Robert Scull, der sich bei einem nicht genannten vornehmen Londoner Schneider ein rotes Sportjackett machen lassen will (auf solche Ideen können ja nur Amerikaner kommen): So he walks into this place, amid all the linenfold paneling and engraved glass with all the "by appointment" crests, HRH King George, The Prince of Wales, etc., and a man about 55 in a nailhead worsted suit with a step-collared vest comes up and Scull announces that Harry Lawton and Murray Leonard recommended him and he wants ... a sport jacket made of the material they make riding pinks out of.
     "I beg your pardon, sir?" says the man, turning his mouth down and putting a cataractic dimness into his eyes as if he hopes to God he didn't hear correctly. 

Wir können uns die Szene jetzt lebhaft vorstellen. Und das pink stellen wir uns so vor wie bei diesem Teil von Davies & Son aus den dreißiger Jahren. A week or so later Scull comes back in for the first fitting, and they bring out the riding pink, with the body of the coat cut and basted up and one arm basted on, the usual first fitting, and they put it on him--and Scull notices a funny thing. Everything has stopped in the shop. There, in the dimness of the woodwork and the bolt racks, the other men are looking up toward him, and in the back, from behind curtains, around door edges, from behind tiers of cloth, are all these eyes, staring.
     Scull motions back toward all the eyes and asks his man, Nostrils, "Hey, what are they doing?"
     Nostrils leans forward and says, very softly and very sincerely, "They're rooting for you, sir."
     Enjoy! Enjoy!
Scull is so pleased with this, he goes back and starts shaking hands with everybody in the place, right down to the Cypriot seamstresses who made buttonholes and can't speak any English.

Tom Wolfe ist ein genauer Beobachter, dem kein Detail entgeht. Und deshalb läßt er die Cypriot seamstresses who made buttonholes and can't speak any English nicht aus. Sie können auf der Amazon.com Seite von Tom Wolfes Buch The Purple Decades: A Reader einen längeren Ausschnitt aus der Geschichte von Bob Scull und seiner Ehefrau Ethel (Spike) lesen, über die Wolfe sagt: Bob and Spike are the folk heroes of every social climber who ever hit New York. Das hier ist ein Sakko von ➱Caraceni mit einem gestreiften Ärmelfutter. Wenn Sie jetzt sagen: so ein Knopfloch hätte meine Oma auch hinbekommen, kann man nur sagen: diese Seite vielleicht. Aber eben nicht die andere Seite, die wir nicht sehen können.

Wenn Sie schon dabei sind, Tom Wolfe zu lesen - und wenn Sie zufälligerweise Ärmelknopf Fetischist wie Tom Wolfe sind - könnten Sie zu dem Thema noch mehr von ihm in The Secret Vice lesen (klicken Sie ➱hier). Tom Wolfes kleine Geschichte über Robert Scull und seinem Ausflug in die Savile Row endet übrigens mit den schönen Sätzen: Afterwards Bob Scull tells me, "It's funny. The English treat their tailors like they were clergymen. Yeah. And their clergymen like they were tailors." Das Photo zeigt einen Blick in die Werkstatt von Henry Poole in den vierziger Jahren, da sitzen die Schneider (alles Männer) noch auf dem Tisch.

Gestreifte Ärmelfutter sind ein Ausweis sartorialer Tradition, hört man neuerdings immer wieder. Wenn irgendein Wort einer Inflation unterworfen ist, dann ist das sartorial. Gestreifte Ärmelfutter aus Satin tauchen in England zu Ende des 19. Jahrhunderts auf, einige Londoner Schneider werden solche Streifen zu ihrem Markenzeichen machen.

Weshalb das Futter gestreift (und nicht einfarbig oder kariert ist) ist, dafür gibt es keine überzeugenden Erklärungen. Zeitlich gesehen taucht das gestreifte Ärmelfutter zeitgleich mit den sogenannten regatta stripes auf, die um 1870 Hemden und ➱Blazer zieren. Die Arrow Anzeige von J.C. Leyendecker (der ➱hier einen Post hat) oben ist zwar ein paar Jahrzehnte zu spät für das Phänomen, illustriert es aber sehr schön. Auf diesem Bild näht ein Schneider von Henry Poole ein Hosenfutter ein, das Ärmelfutter ist das gleiche. Und da wir bei Henry Poole sind, auf ➱dieser Seite können Sie das Innenleben eines Henry Poole Jacketts betrachten.

Wenn einzelne Schneider in der Savile Row und Umgebung (wie zum Beispiel in der Conduit Street oder der Cork Street) im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein farbiges, gestreiftes Ärmelfutter als eine Art Signatur verwenden, dann muss man natürlich bedenken, dass es noch keine Etiketten gibt. So etwas wie auf dem Bild hier wäre um 1870 undenkbar. Die ersten Etiketten, die Namen und Adresse des Schneiders tragen, sind ganz klein. Und in der Innentasche des Jacketts. Allerdings findet sich in dieser Zeit auch manchmal schon der Name des Schneiders auf dem Aufhänger des Jacketts.

Also dort, wo zum Beispiel bei Caruso Made in Italy steht. Und mit der Erwähnung dieses Markenzeichens bin ich gerade in einem Minenfeld gelandet. Denn Vieles, was als Made in Italy klassifiziert wird, kommt von den Chinesen. Und damit meine ich nicht, dass Onward Kashiyama
reihenweise italienische Firmen aufkauft oder dass der neue Chef von Caruso, Umberto Angeloni, jetzt auch chinesische Etiketten mit dem Namen SheJi-Sorgere in Caruso Sakkos einnäht. Nein, damit ist eine Entwicklung gemeint, die in Schlagzeilen wie Chinese Take Over Italy's Garment Workshops As Demand Soars For 'Made In Italy' Label oder Chinese Remake the ‘Made in Italy’ Fashion Label ihren Ausdruck findet. Dies hier ist ein Ralph Lauren Sakko. Nicht der übliche Schund von Ralph Lifshitz, sondern die feine, teure ➱Purple Line. Natürlich Made in Italy, diesmal mit einem Cantarelli Etikett.

Caruso in Parma verwendet seit Jahrzehnten das gleiche Futter mit einem gelben Streifen (das Diniz und Cruz geschickt imitieren), Cantarelli, Isaia und Kiton haben einen ähnlichen gelben Streifen. Aber viele Hersteller des Luxussegments (wie Belvest und Brioni) verwenden einfarbige Stoffe. In dem ersten Photo ganz oben auf der Seite ist das staffierte Ärmelfutter flach gegen den Ärmel genäht und gebügelt, auf diesem Photo und bei dem Jackett von Caraceni hat es mehr Platz. Das sind offensichtliche verschiedene Schulen der alta sartoria. Bei meinem Jackett von Heinz Josef Radermacher (natürlich secondhand gekauft) ist das Futter kunstvoll eingefältelt, es hat noch Platz für jede Bewegung.

Voll gefüttert werden Jacketts erst zu Ende des 19. Jahrhundert (Uniformen haben lange kein Ärmelfutter), davor herrscht eine Halbfütterung vor. Die hält sich in Amerika (vor allem in den Südstaaten) noch lange bis ins 20. Jahrhundert. Sie wird in Textillexika auch als amerikanische Fütterung bezeichnet (es gibt auch eine französische Fütterung: dann ist das Futter aus dem Oberstoff). Die Halbfütterung erfordert vom Schneider mehr Arbeit, weil alle Nähte sorgfältig vernäht werden müssen. Curiously, it is actually more expensive to make a suit without a lining than one with a lining. In an unlined jacket, all the inside seams must be perfectly finished, wie Alan Flusser in Clothes and the Man sagt. Ein Futter verdeckt ja vieles.

Alexander McQueen hat als junger Schneiderlehrling bei ➱Anderson & Sheppard unter das Futter eines Jacketts von Prince Charles schweinische ➱Sprüche wie I am a cunt gestickt. Die Halbfütterung für Ärmel und Schulterpartie finden wir heute noch bei italienischen Herstellern bei Jacketts der Sommermode, und die Sakkos von Boglioli aus gewaschenen Stoffen haben meistens auch nur eine französische Fütterung. Und da ich ja beim Futter bin: ich weiß nicht, ob man in der Savile Row inzwischen auf den Gedanken gekommen ist, dass man Hosen auch füttern kann. Früher hielten die das ja für einen Spleen von verweichlichten Europäern jenseits des Ärmelkanals.

Das Futter der Ärmel ist zuerst aus Leinen mit Glanzappretur, später aus alpaca. Wobei man jetzt nicht an das berühmte wuschelige Baby Alpaca des berühmten italienischen Webers Ferla denken soll. Wenn in diesem alpaca Futter überhaupt Wolle drin ist, dann ist es nur ein ganz dünner Faden, der mit Baumwolle oder Seide versponnen wird. Das Wort alpaca kann (so der große Webster) allerdings im 19. Jahrhundert auch lediglich eine Baumwollfütterung meinen. Auch Leinen/Seide Mischungen werden gerne für das Ärmelfutter verwendet. Reine Seide findet sich, das versichern uns Modehistoriker, im 19. Jahrhundert sehr selten für das Futter. Stattdessen kommen langsam Stoffe auf, die ihr Entstehen nicht mehr dem Schaf, der Kaschmir Ziege, dem Apaka Kamel oder der Seidenraupe, sondern vielen kleinen Kunststoffmolekülen verdanken.

Der Engländer Joseph Wilson Swan erfindet nicht nur die Glühlampe, er erfindet auch die Kunstseide. 1894 lassen sich der Chemiker Charles Frederick Cross und seine Mitarbeiter Edward John Bevan und Clayton Beadle einen Stoff patentieren, den sie Viscose nennen. Wenige Jahre später beginnt man in Elberfeld in der Fabrik von Johann Peter Bemberg damit, das Streckspinnverfahren für Kupferseide zu entwickeln. Die natürlich Bemberg heißen wird. Heute noch. Auf dem Etikett mancher italienischer Hersteller findet sich das Wort Cupro anstelle des Bemberg, aber das ist letztlich das gleiche.

Die von Bemberg hergestellte Kupferkunstseide hatte erhebliche Vorteile gegenüber der Viskosekunstseide der Konkurrenz. Vor allem bei der Strumpfherstellung. Sie hat einen Glanz, der der Naturseide glich und war leicht zu färben. Das berühmteste Plakat für Bemberg war nicht das von ➱René Gruau im oberen Absatz, sondern dies aus den zwanziger Jahren. Da versichert uns die junge Marlene Dietrich mit schelmischem Augenaufschlag: Ich trage nur Bemberg-Strümpfe. Und für die Katzenliebhaber hat der Katzenhasser Jay noch ein zweites Plakat von Marlene Dietrich.

Die englische Konkurrenz schlief natürlich nicht, die Firma Courtaulds wird die Erfindung von Charles Frederick Cross zur Produktionsreife bringen und 1905 die ersten Viscose Stoffe auf den Markt bringen. Es wird jetzt auf dem Kunstseidenmarkt viel erfunden, werfen Sie doch mal einen Blick auf diese ➱Übersicht. In Deutschland werden auch Max Fremery und Johann Urban eine Kunstseide erfinden, diese Kupferseide wurde zunächst als Glühfäden in ihrer Glühlampenfabrikation verwendet (dafür war Joseph Wilson Swans Erfindung auch gedacht gewesen).

Fremery und Urban hatten den ersten Produktionsbetrieb in Oberbruch gegründet, verlegten den Firmensitz aber schon bald nach Elberfeld. Ihre Vereinigte Glanzstoff Fabriken AG wird eines Tages Teil der Bemberg AG werden, aber zuvor hatte von noch von dem Fürsten Guido Henckel von Donnersmarck (dem reichsten Deutschen des 19. Jahrhunderts) die Kunstseiden- und Acetatwerke bei Stettin und seine Viskosepatente gekauft. Elberfeld, das man im 19. Jahrhundert auch das deutsche Manchester nennt, war seit eh und je eine Hochburg der Textilindustrie.

Jetzt wird Elberfeld mit Bemberg und den Vereinigte Glanzstoff Fabriken (die eines Tages als Nachfolger die Enka GmbH haben) zur Chemiemetropole Deutschlands. Auch die Firma Bayer (hier ein Blick, die auf die industrielle Tristesse an der Wupper), die das Patent auf Heroin hatte, war in Elberfeld gegründet worden. So sauber diese Fabrik von Acetat Kunstseide aussieht, es täuscht natürlich darüber hinweg, dass das all diese Viskosen und Kunstseiden in der Herstellung reines Gift für die Umwelt sind. Und bei Bambus, das vor Jahren als ökologisch einwandfreies Produkt offeriert wurde, ist das nicht anders. Die ganze Werbung war ein einzigartiger Betrug, lesen Sie dazu mehr auf dieser interessanten ➱Seite.

Man sollte das Ärmelfutter ja eigentlich nicht sehen - und man sollte die Knöpfe am Ärmel auch geschlossen lassen. Diese neue Mode von auffälligen Ärmelfuttern und farbig abgesetzen Knopflöchern ist auch ein klein wenig ordinär. Aber wir verbergen ja auch nicht mehr unsere Unterwäsche, unter den krawattenlosen Oberhemden lugen neuerdings selbst bei Politikern T-Shirts hervor, definitely disgusting. Auf einem Kongress beobachtete ich einmal, wie sich bei einem älteren Herren einer sartorial benachteiligten Gruppe (sprich ➱Professoren) der linke Ärmel des Jacketts gelöst hatte und immer weiter den Arm herunter wanderte. Zentimeter um Zentimeter des Oberhemds und des Ärmelfutters (definitiv nicht Kiton oder Caruso) wurde sichtbar. Kaum jemand hörte dem Festredner zu (was man auf Kongressen sowieso selten tut), der halbe Saal beobachtete faszininiert diesen unfreiwilligen Striptease. In der Pause schleppte eine Sekretärin den Herrn aus dem Saal, verfrachtete ihn in das nächstliegende Büro und löste die Kleidungsprobleme. Mit einem Tacker.

Das gleiche passiert ja John Cleese in Clockwise (wie man hier sehen kann), aber das hier im Audimax war kein Kino, das war live. So etwa soll uns natürlich nicht passieren. Was wir auf dem Photo im oberen Absatz sehen, ist übrigens ein Ärmelfutter eines Anzuges von Huntsman (wenn Sie das ganze Innenleben eines Huntsman Anzuges sehen wollen, dann klicken Sie hier), offensichtlich mag man da breite Streifen. Wir lassen uns von der Frage gestreiftes Ärmelfutter oder nicht? und von Begriffen wie Viscose, Taft, Poingette, Rayon und Polyester nicht verwirren. Wir sagen einfach mit Marlene Dietrich: Ich trage nur Bemberg.


Lesen Sie auch: ➱Maßkonfektion und ➱preloved. Die heute im Text erwähnten Firmen ➱Brioni, ➱Caraceni, ➱Caruso und ➱Regent haben in diesem Blog auch schon Posts.