Freitag, 29. April 2016

Diätetik


Ich fange mal mit ihm hier an, Angelo Soliman. Unter diesem Namen kennt ihn die Wiener Aristokratie. Wie er wirklich hieß, als er in die Sklaverei verschleppt wurde, weiß niemand. Jetzt ist er Hofmohr, oder sagen  wir besser: Kammerdiener beim Erbprinzen Alois von Liechtenstein. Er ist auch Freimaurer, in der selben Loge, in der auch Mozart ist. Er heiratet, obgleich ihm das verboten ist und verliert die Gunst seines Prinzen. Wird fristlos entlassen, aber nach Jahren durch den Nachfolger von Prinz Alois wieder als Erzieher der Prinzen eingestellt. Wenn er stirbt, stopft man ihn aus.

Es sind im 18. Jahrhundert viele Farbige aus allen Teilen der Erde in Europa, sie werden als Kuriosität herumgereicht. Man hat sie gerne an Höfen, schon ein Jahrhundert zuvor, wenn die Indianerprinzessin ➱Pocahontas in London ist. Viele der ➱Farbigen, die in mancher Weise die Vorläufer von Golliwog und Sarotti Mohr sind, sind nicht glücklich in der Fremde, ob das Pocahontas oder Omai sind. Manche bleiben in Europa und werden berühmt. Wie der Sklave Abraham Petrowitsch Hannibal, der dem Zaren Peter dem Großen geschenkt wurde. Er wird Generalmajor und Gouverneur von Reval. Er ist der Urgroßvater von Puschkin. Und auch Thomas-Alexandre Davy de la Pailleterie, den die Österreicher den schwarzen Teufel nennen, wird General. Sein Sohn wird sich ➱Alexandre Dumas nennen.

Viele der Farbigen eignen sich eine erstaunliche Bildung an, ➱Ignatius Sancho (den Gainsborough malte) wäre nur eins von vielen Beispielen. Phillis Wheatley hat das in ihrem berühmten Gedicht On Being Brought From Africa To America in den Zeilen Remember, Christians, Negros, black as Cain, May be refin'd, and join th' angelic train angesprochen. Der gebildete Angelo Soliman wird aus der für farbige Kammerdiener unstandesgemäßen Ehe eine Tochter haben. Die die Mutter von Ernst von Feuchtersleben ist, einem Freiherrn, Dr med und Professor. Der wurde heute vor 210 Jahren in Wien geboren. Und schrieb im Alter von elf Jahren ein Gedicht, das Dichtkunst heißt:

Sie winkt, der Musen holde Schaar,
Und bietet mir die Reize dar,
Die Dichtkunst uns gebar.
Wohlan! ich folge ihr!
Da spricht zu mir: Willkommen hier!
Der Musen-Gott von seinem Thron:
Komm her! empfange deinen Lohn,
Und sei befreit
Von deiner Last
Der Sterblichkeit,
Weil du nach mir getrachtet hast!
Unsterblich sein, das ist der Dichtkunst Lohn.

So etwas berechtigt zu schönsten Hoffnungen. Doch die Lyrik ist nicht so sehr sein Hauptgebiet, er ist ja eigentlich Arzt und Psychologe, der ein Werk mit dem schönen Titel Zur Diätetik der Seele schreibt (hier im Volltext). Ich weiß nicht, ob man das auf die Kurzformel bringen kann: In einem aufgeräumten Zimmer ist auch die Seele aufgeräumt. Das ist auch von ihm. Feuchtersleben, der mit GrillparzerSchubert, ➱Adalbert Stifter und Friedrich Hebbel bekannt ist, ist auch ein Meister des Aphorismus. Die Sache mit der aufgeräumten Seele ist mir ein wenig unheimlich, das klingt nach diesem schrecklichen Erzieher, dem Freiherrn von Risach, dem Heinrich Drendorf im ➱Nachsommer begegnet.

Ich habe mir von dem Freiherrn Feuchtersleben ein Gedicht genommen, das Liebe heißt. In dem gleich im ersten Vers Petrarca erwähnt wird. Mit dem habe ich den Monat angefangen, da kann ich ihn zum Ende noch einmal erwähnen.
     
                           1
Sonette müssen, seit Petrarca sang,
Vom holden Mithrasdienst der Liebe klingen;
Und könnte Jeder wie Petrarca singen,
Nie endete der wonnevollste Klang.

Allein, wie manches Herz, im schönen Drang,
Regt, ach, vergebens allzuzarte Schwingen;
Darf auch das Wort in jene Räume dringen,
In die ein liebendes Gemüth sich schwang?

So weih' ich denn, statt vieler, dieß Gedicht,
Mit frommer Scheu den Liebenden im Stillen,
Daß sich die laute Welt an sie erinnre;

Und doch! ich irre! sie bedürfen's nicht,
Und ich vermag's nicht bei dem reinsten Willen, -
Denn nie zum Aeußern wird das wahrhaft Innre.

                              2
Mich hat ein schreckenvoller Traum gepeinigt:
Ich sah dich zwischen eines Sarges Wänden,
Mit kreuzweis auf die Brust gelegten Händen,
Den schönen Leib, zu früh! dem Staub vereinigt.

Doch dieß Gesicht hat mein Erblühn beschleunigt;
Was keine Macht der Welt vermag zu wenden,
Ward mir zum Bild, mein Innres zu vollenden;
Ich fühle mich erschüttert und gereinigt.

Im Sturm der Nächte, in des Mittags Scheine, -
Hab' ich's vor mir, das Trauerbild im Schreine, -
Es hat mich eingeweiht zum Sohn der Schmerzen.

Mich dünkt, als ob mich nichts mehr rühren würde,
Denn jenen fürchterlichen Traum im Herzen,
Trag' ich, wie leicht! des Lebens schwerste Bürde.

Passt das zur aufgeräumten Seele? Oder hat man solche Schreckensträume, wenn man Zimmer und Seele zu sehr aufräumt? Ist die Zeit der ➱Gothic Novel nicht längst vorbei? Das Gedicht ist drei Jahre vor Edgar Allan Poes The Fall of the House of Usher veröffentlicht worden. Ich weiß jetzt nicht, warum mir zur zweiten Strophe die nackte, nur mit einem Trauerschleier bekleidete, Catherine Deneuve im Schloss dieses Herzogs mit nekrophiler Neigungen einfällt. Der sich dann mit seiner Katze unter dem Sarg vergnügt. Belle de Jour hat uns alle verdorben. Oder wie Feuchtersleben sagt: Unsere Zeit ist rasch, stürmisch und leichtsinnig. Man erweiset sich selbst und dem lesenden Publikum eine ächte, geistige Wohlthat, wenn man den Blick von dem entmuthigenden Leben einer vulkanischen Gegenwart, von dem noch entmuthigenderen Schwanken einer in tausend nichtige Richtungen zerfallenen Literatur ab-, und den stillen Regionen der Naturforschung des inneren Menschen, der Betrachtung unseres Selbst zuwendet. 

Donnerstag, 28. April 2016

Eugen Roth


Mit vorwurfsvoller Miene kam der Student in mein Büro: Was Sie uns seit Jahren zitieren, das ist gar nicht von Ihnen, das ist von Eugen Roth. Ich hatte nie behauptet, dass der wunderbare Vierzeiler (von dem ich nur die ersten zwei Zeilen zu zitieren pflegte) von mir sei. Das hatte ich nie gesagt, das würde ich nicht tun. Etwas von jemand anderem als Eigenes auszugeben, das überlässt man zweifelhaften Existenzen wie diesem Herrn von und zu ➱Guttenberg und dieser ➱Frau Schavan. Oder der ➱Flinten Uschi. Ich zitierte Eugen Roths Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt immer, wenn es darum ging, wie man richtig an eine wissenschaftliche Arbeit herangehen sollte. Vom ersten Konzept bis zum Papiergewicht der DIN A4 Seite und der MLA Norm. Eugen Roths Gedicht hat übrigens noch zwei Zeilen mehr, deshalb sei es hier einmal ganz zitiert:

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt,
was einer ab vom andern schreibt -
doch trotzdem ist, ganz unbestritten,
sie immer weiter fortgeschritten.

Eugen Roth, in manchem der Nachfolger von ➱Wilhelm Busch, ist heute vor vierzig Jahren gestorben. Er war einer der wenigen Dichter, der das aut prodesse volunt aut delectare poetae der antiken Poetik verstanden hat. Millionen von Lesern, die noch nie etwas von der Forderung des Horaz an die Dichter gehört haben, haben bestätigt, das Roths Gedichte ihnen durch ihre Heiterkeit und den Hintersinn Freude gemacht haben. Das kann nicht jeder Dichter von sich sagen. Wir sollten ihn nicht als simplen Humoristen abtun, er hat durchaus etwas zu sagen. Das folgende Gedicht wurde vor fünfzig Jahren veröffentlicht, es ist immer noch aktuell:

Die Welt, bedacht auf platten Nutzen, 
sucht auch die Seelen auszuputzen. 
Das Sumpfentwässern, Wälderroden, 
schafft einwandfreien Ackerboden
und schon kann die Statistik prahlen, 
mit beispiellosen Fortschrittszahlen, 
doch langsam merkens auch die Deppen, 
die Seelen schwinden und versteppen, 
denn nirgends mehr so weit man sieht, 
gibt es ein Seelenschutzgebiet.
Kein Wald drin Traumes Vöglein sitzen, 
kein Bach drin Frohsinns Fischlein blitzen, 
kein Busch im Schmerz sich zu verkriechen, 
kein Blümlein Andacht rauszuriechen, 
nichts als ein ödes Feld mit Leuten, 
bestellt es restlos auszubeuten, 
drum wollt ihr nicht zugrunde gehen, 
laßt noch ein bißchen Wildnis stehen.

Das Bild mit den toten Bäumen von Thomas Cole habe ich schon in den Posts ➱Thomas Cole und ➱Bäume gebracht, die auch etwas mit diesem Thema zu tun haben. Und auch dazu hat Eugen Roth etwas zu sagen, er ist einfach für alles zu gebrauchen:

Zu fällen einen schönen Baum,
braucht´s eine halbe Stunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenk´es, ein Jahrhundert!

Mittwoch, 27. April 2016

Denkmäler


Eines der ganz großen ➱Gedichte von ➱Robert Lowell ist das Gedicht For the Union Dead, das das lateinische Relinquunt Omnia Servare Rem Publicam als Motto hat. Das auch das Motto der Society of Cincinnati war, einer Gesellschaft, der auch George Washington (und Robert Gould Shaws Vater) angehörte. Das Gedicht ist ziemlich lang, es handelt von dem Colonel Robert Gould Shaw, den der ➱Film Glory einem größeren Publikum bekannt gemacht hat. Es ist ein schlechter Film, es wäre mir lieber, man würde den jungen Colonel mit dem Denkmal von St Gaudens und dem Gedicht von Lowell assoziieren.

Lowells Gedicht mit der Fischbildlichkeit von der ersten bis zur letzten Strophe ist überall im Netz. Sie können es ➱hier lesen. Ich dachte mir, ich präsentiere heute mal eine deutsche Übersetzung. Ich wollte die von ➱Curt Meyer-Clason nehmen, aber die gibt es nicht im Internet. Dann fand ich auf dieser ➱Seite eine Übersetzung von einem Anonymus, die bis auf die Überschrift (Für die Unionstoten geht nun gar nicht) besser ist als die von Meyer-Clason:

Das alte Süd-Boston-Aquarium steht 
in einer Sahara aus Schnee. Zerbrochene Fenster vernagelt. 
Die bronzene Wetterfahne: ein Dorsch ohne Schuppen. 
Die luftigen Becken sind leer. 

Meine Nase kroch schon schneckengleich über das Glas; 
meine Hand kribbelte, 
wollte Blasen fangen, 
die von den Nasen schüchtern gefälliger Fische stiegen. 

Meine Hand zuckt zurück, ich seufze oft 
um das dunkle untere Wucherreich 
von Fisch und Reptil. Eines Morgens im März 
drückte ich mich an den neuen stachlig verzinkten 

Zaun des Boston Common. Hinter ihren Käfigstäben 
grunzten gelbe Löffelbagger-Dinosaurier 
als sie tonnenweise Gras und Matsch abfraßen 
für ihr Unterweltsparkhaus. 

Parkplatzräume luxuriös wie städtische 
Sandhalden im Herzen von Boston. 
Ein Gürtel orangener, farbiger Puritanerkürbisse 
hosenträgert das kribblige Rathaus, 

das die Grabungen erschüttert, als es Colonel Shaws 
ansichtig wird und seiner pausbäckigen Negerinfanterie 
auf St. Gaudens erschütterndem Bürgerkriegsrelief, 
das holzplankengestützt am Beben des Parkhauses hängt. 

Zwei Monate nach dem Marsch durch Boston 
das halbe Regiment tot; 
bei der Enthüllung 
konnte William Jones fast den Atem der Bronzeneger hören. 

Ihr Denkmal steckt als Gräte 
in der Kehle der Stadt. 
Sein Colonel ist so mager 
wie eine Kompaßnadel. 

Er hat eine wachsame Zaunkönigswut 
die straffe Sanftheit des Windspiels; 
er scheint vor Vergnügen zu zucken, 
an Geheimhaltung zu ersticken. 

Jetzt ist er ungebunden. Er erfreut sich der lieblichen 
seltsamen Macht, das Leben zu wählen und sterben – 
als er seine schwarzen Soldaten in den Tod führt, 
kann er den Rücken nicht beugen. 

Auf tausend Neuengland-Kleinstadtrasen 
halten altweiße Kirchen ihren Atem 
aus sparsam ernster Rebellion; fransige Flaggen 
bedecken die Gräber der Großen Armee der Republik. 

Die Steinstandbilder des abstrakten Unionssoldaten 
werden jedes Jahr schlanker und jünger – 
sie dösen wespentailliert auf Musketen 
und grübeln durch Backenbärte hindurch ... 

Shaws Vater wünschte kein Monument, 
außer dem Graben 
in den seines Sohnes Leiche geworfen 
und verloren ward mit seinen „Niggers". 

Der Graben ist näher. 
Hier gibt es kein Standbild zum letzten Krieg; 
auf der Boylston Street zeigt ein Berufsphotograph 
Hiroshima wie es über 

einem Mosler-Safe kocht, dem „Rock of Ages", 
der den Knall überstand. Der Weltraum kommt näher. 
Wenn ich vor meinem Fernseher kauere, 
steigen trockne Gesichter von schwarzen Schulkindern auf wie Ballons. 

Colonel Shaw 
reitet auf seiner Kuppel, 
erwartet 
sehnlich die Rast. 

Das Aquarium ist fort. Überall 
schnüffeln RiesenWagen heckflossig vorwärts wie Fische; 
eine grimmige Untertänigkeit 
gleitet auf Schmierfett vorbei. 

Die Bilder oben zeigen einen Gipsabdruck des Bostoner Denkmals für Robert Gould Shaw und einmal das Denkmal direkt von vorn photographiert. Auch wenn Lowells Gedicht von Bauarbeiten handelt, man denkt in Boston nicht daran, das Denkmal, das Augustus Saint Gaudens schuf, abzureißen. Woanders in Amerika köchelt man ein Süppchen mit dem Gedanken, die Helden des Bürgerkriegs einfach wegzuräumen. Lowells Satz Their monument sticks like a fishbone in the city’s throat hat zur Zeit für New Orleans eine große Bedeutung.

Hier auf dem Bild oben sehen wir den Lamborghini Huracan von David Mahler. Auf dem Bild darunter sehen wir auch Mahlers Lamborghini. Nachdem erboste Bürger aus New Orleans getestet haben, ob so ein Zippo Feuerzeug wirklich so gut ist, wie die Werbung verspricht. David Mahler ist Bauunternehmer, er hatte den Auftrag, die Statuen von General Beauregard, General Robert E. Lee und Jefferson Davis vom Lee Circle in der Mitte der Stadt zu entfernen. Hatten die Politiker beschlossen. Weil das alle Sklavenhalter waren. Einst waren sie die Helden des Südens.

Der Bürgermeister von New Orleans Mitch Landrieu hat gesagt: We, the people of New Orleans, have the power and we have the right to correct these historical wrongs. Wenn das so weitergeht in den USA mit dem Abbau von Denkmälern von Sklavenhaltern, dann haben die Abbruchunternehmer viel zu tun. Dann sind eines Tages auch George Washington und Thomas Jefferson dran. Aber vorerst ist die ganze Sache mit den Denkmälern vom Lee Circle in New Orleans erst einmal bei den Gerichten.

In Richmond (Virginia) gibt es eine Monument Avenue, da reiten ➱Robert E. Lee (Bild), Stonewall Jackson und J.E.B Stuart noch stolz auf dem Pferd. Noch. Nach dem Bürgerkrieg konnte man gar nicht genug Statuen für die toten Helden des Bürgerkriegs aufstellen. William Faulkners Großvater organisierte ein ➱Ritterturnier, um das Geld für ein Soldatendenkmal zusammen zu bekommen. The stone statues of the abstract Union Soldier grow slimmer and younger each year -- wasp-waisted, they doze over muskets and muse through their sideburns, heißt es bei Lowell. Es ist der Steinfraß, der die steinernen Soldaten schlanker macht. Robert E. Lee kann er nichts anhaben, der ist aus Bronze.

Wir können seinen Gesichtszügen nicht entnehmen, was er davon hält, dass da ein neuer Held auf der Monument Avenue aufgestellt worden ist. Der ist schwarz und kommt aus Richmond, es ist der Tennisspieler Arthur Ashe. Einhundertsechs Jahre nach Robert Lee hat er auch einen Platz auf der Avenue gefunden. Warum auch nicht, 1929 hatte man den Ozeanographen Matthew Fontaine Maury hier aufgestellt, der hatte auch nichts mit dem Bürgerkrieg zu tun.

Braucht Amerika Denkmale? Ambrose Bierce hat in seinem Devil's Dictionary ganz entschiedene Ansichten: Monument, n. A structure intended to commemorate something which either needs no commemoration or cannot be commemorated. Vielleicht ist das größte Denkmal des Bürgerkriegs der Nationalfriedhof von Arlington. Auch da ist Marse Robert, dem Präsident Lincoln einmal das Kommando der Armee des Nordens angeboten hatte, noch gegenwärtig. Selbst wenn es kein Denkmal für ihn gibt. Aber das Grün hier, das war alles mal seins. Seine Villa Arlington House hat man stehen lassen, auch eine Art von Denkmal. Lowells Satz Their monument sticks like a fishbone in the city’s throat gilt nicht nur für Boston, der gilt für all die Denkmale des Bürgerkriegs. Sie stehen da für die Erinnerung an die Geschichte. Die kann man nicht durch einen Bauunternehmer wegräumen lassen. Auch wenn er einen Lamborghini hat.

Dienstag, 26. April 2016

Tanzseuche


Heute vor 680 Jahren hat Petrarca den Mont Ventoux erklommen, könnte man prima drüber schreiben. Allein, den ausführlichen Post ➱Mont Ventoux, den gibt es in diesem Blog schon. Das hier auf dem Bild von Rob Ijbema ist der Mont Ventoux. Die vielen kleinen Farbflecken, die sich den Berg hinauf ringeln, sind keine Nachfolger von Petrarca. Das ist die Tour de France im Jahre 2013. Ich selbst habe mit Bergen aller Art nicht so viel im Sinn. Wenn Sie den Post ➱Nick Drake lesen, wissen Sie mehr darüber. Wenn auch die Alpen nicht so mein Ding sind, gibt es in diesem Blog erstaunlich viele Posts zu dem Thema, ich liste unten mal einige auf. Natürlich gibt es genügend Gedichte über die Alpen. Auch sehr lange. Wie jenes Gedicht, über das der Verfasser im Vorwort schreibt:

Dieses Gedicht ist dasjenige, das mir am schwersten geworden ist. Es war die Frucht der großen Alpen-Reise, die ich An. 1728 mit dem jetzigen Herrn Canonico und Professor Geßner in Zürich getan hatte. Die starken Vorwürfe lagen mir lebhaft im Gedächtnis. Aber ich wählte eine beschwerliche Art von Gedichten, die mir die Arbeit unnötig vergrößerte. Die zehenzeilichten Strophen, die ich brauchte, zwangen mich, so viele besondere Gemälde zu machen, als ihrer selber waren, und allemal einen ganzen Vorwurf mit zehen Linien zu schließen. Die Gewohnheit neuerer Zeiten, daß die Stärke der Gedanken in der Strophe allemal gegen das Ende steigen muß, machte mir die Ausführung noch schwerer. ich wandte die Nebenstunden vieler Monate zu diesen wenigen Reimen an, und da alles fertig war, gefiel mir sehr vieles nicht. Man sieht auch ohne mein Warnen noch viele Spuren des Lohensteinischen Geschmacks darin. Sie können Albert von Hallers Gedicht ➱hier lesen, vielleicht reicht es auch, wenn Sie den Post ➱Albrecht von Haller lesen.

Mein Alpengedicht kommt heute von Ludwig Uhland, weil der an einem 26. April Geburtstag hat. Sein Gedicht Des Sängers Fluch stand früher in jedem Lesebuch, heute wohl nicht mehr. Ich präsentiere sein Gedicht Der Graf von Greiers:

Der junge Graf von Greiers, er steht vor seinem Haus,
Er sieht am schönen Morgen weit ins Gebirg hinaus,
Er sieht die Felsenhörner verklärt im goldnen Strahl
Und dämmernd mitten inne das grünste Alpenthal:

»O Alpe, grüne Alpe, wie zieht's nach dir mich hin!
Beglückt, die dich befahren, Berghirt und Sennerin!
Oft sah ich sonst hinüber, empfand nicht Leid noch Lust;
Doch heute dringt ein Sehnen mir in die tiefste Brust.«

Und nah und näher klingen Schalmeien an sein Ohr,
Die Hirtinnen und Hirten, sie ziehn zur Burg empor,
Und auf des Schlosses Rasen hebt an der Ringeltanz,
Die weißen Ärmel schimmern, bunt flattern Band und Kranz.

Der Sennerinnen jüngste, schlank wie ein Maienreis,
Erfaßt die Hand des Grafen, da muß er in den Kreis;
Es schlinget ihn der Reigen in seine Wirbel ein:
»Hei, junger Graf von Greiers, gefangen mußt du sein!«

Sie raffen ihn von hinnen mit Sprung und Reigenlied,
Sie tanzen durch die Dörfer, wo Glied sich reiht an Glied,
Sie tanzen über Matten, sie tanzen durch den Wald,
Bis fernhin auf den Alpen der helle Klang verhallt.

Schon steigt der zweite Morgen, der dritte wird schon klar.
Wo bleibt der Graf von Greiers? ist er verschollen gar?
Und wieder sinkt zum Abend der schwülen Sonne Lauf;
Da donnert's im Gebirge, da ziehn die Wetter auf.

Geborsten ist die Wolke, der Bach zum Strom geschwellt,
Und als mit jähem Strahle der Blitz die Nacht erhellt,
Da zeigt sich in den Strudeln ein Mann, der wogt und ringt,
Bis er den Ast ergriffen und sich ans Ufer schwingt:

»Da bin ich, weggerissen aus eurer Berge Schoß;
Im Tanzen und im Schwingen ergriff mich Sturmgetos;
Ihr alle seid geborgen in Hütt' und Felsenspalt,
Nur mich hat fortgeschwemmet des Wolkenbruchs Gewalt.

»Leb' wohl, du grüne Alpe mit deiner frohen Schar!
Lebt wohl, drei sel'ge Tage, da ich ein Hirte war!
O, nicht bin ich geboren zu solchem Paradies,
Aus dem mit Blitzesflamme des Himmels Zorn mich wies.

»Du frische Alpenrose, rühr' nimmer meine Hand!
Ich fühl's, die kalte Woge, sie löscht nicht diesen Brand.
Du zauberischer Reigen, lock' nimmer mich hinaus!
Nimm mich in deine Mauern, du ödes Grafenhaus!«

Die Grafen von Greiers hat es wirklich gegeben, die hat Uhland nicht erfunden, so wie Goethe seinen König von Thule erfunden hat. Uhland hat sich eine Sage zum Vorbild genommen, in der der Graf von Greiers (der da wohnt, wo der Greyerzer Käse herkommt) mit einer Gruppe von Tanzwütigen in die Alpen tanzt: Die Sage erzählt nun: an einem Sonnabende hätten auf der Schloßwiese zu Greiers sieben Personen, worunter die schöne Sennerin Marguita, einen solchen Ringeltanz begonnen, in welchen auch der Graf Rudolph gezogen sei. Es wird viel getanzt im 14. Jahrhundert, die Historiker sprechen da von einer Tanzseuche oder einer Tanzepidemie.

Vielleicht tanzt unser Graf aber auch vor Verzweiflung, die Grafschaft steht vor dem Bankrott. Graf Michael, der letzte Besitzer des Schlosses von Greyerz (Bild) wird 1554 den Städten Bern und Freiburg, die seinen aufwendigen Lebensstil finanziert hatten, sein Schloss und die Grafschaft überlassen müssen. Das Historische Lexikon der Schweiz hat zum Thema Tänze einen interessanten ➱Artikel, vielleicht sollte man bei der Tanzseuche auch einmal an die andere ➱Schweizerkrankheit denken, die in dem Post ➱Kuhreigen beschrieben wird.

Ludwig Uhland (Bild) ist nicht nur Dichter, er ist auch ein reputierlicher Literaturwissenschaftler. Die Geschichte mit dem Grafen von Greiers taucht in seiner Abhandlung Über alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder (➱hier im Volltext) wieder auf: Eines Sonntagabends, sagt die Überlieferung, fingen auf der Schloßwiese zu Greyers sieben Personen einen Ringeltanz an, die Coraula, wie sowohl der Rundtanz selbst als das Reigenlied hieß, einen Tanz, der erst am Dienstag morgens auf dem großen Marktplatze zu Sanen aufhörte, nachdem sich siebenhundert Jünglinge und Mädchen, Männer und Weiber für und für hatten einreihen lassen, daß das Ganze aussah wie ein Schneckenring; vom untern zum obern Greyerserlande hatte der gute Graf Rudolf mitgetanzt und mitgesungen, wenn er müde war, ließ er sich bei seiner Geliebten, der schönen Sennerin Marguita, durch einen seiner Knappen oder Junker vertreten, stieg zu Pferd und ritt dem im hüpfenden Kreise fortrollenden fröhlichen Zuge nach, bis er sich wieder selbst unter die Tanzenden mengte und seine Marguita herzte.

Wir können aus dem Ganzen lernen, dass wir uns als Alpentouristen niemals von jungen Sennerinnen schlank wie ein Maienreis zum Tanz verführen lassen sollen. Und dass wir für den Alpentanz gerüstet sein sollen, wenn das Wetter schlechter wird. Ich könnte da diese Wetterschutz Jacke der Firma Ed Meier empfehlen, die innen rot-orange ist und einen silbernen reflektierenden Silberstreifen hat. Wenn man die verkehrt herum anzieht, sieht einen die Bergwacht überall, wenn mit jähem Strahle der Blitz die Nacht erhellt.

Noch mehr Alpen hier: Ästhetik, 18th century: Grand Tour, Grand Hotel, Albrecht von Haller, Adalbert Stifter, Kuhreigen, Lodenmäntel, Horace Walpole, Albert Bierstadt

Montag, 25. April 2016

Am Erker


So sieht sie aus, die Literaturzeitschrift Am Erker Heft 35, mit einer gelborangenen Bauchbinde, die uns versichert, dass man 1998 den Hermann Hesse Preis für deutschsprachige Zeitschriften bekommen hatte. Normalerweise lasse ich diese Literaturzeitschriften ja liegen, ich habe sie Jahrzehnte lang gekauft, gelesen, sogar für manche geschrieben - ich will das nicht mehr. Meistens enthalten sie nur zwei, drei gute Sachen. Und liegen dann nur herum. Es sei denn, es ist eine Sondernummer wie die Nummer 199 von Die Horen, die ➱Albert Vigoleis Thelen gewidmet ist. Die gibt man natürlich nicht aus der Hand.

Dies ist der Band 54, erschienen zum 30-jährigen Jubiläum der Zeitschrift. Als man im Im Dezember 1977 anfing, kriegte man mal gerade ein 28-seitiges DIN-A5-Heftchen hin, jetzt ist es schon eine respektable Zeitschrift. Der Herausgeber heißt übrigens Fiktiver Alltag und ist ein Verein zur Förderung von Literatur. Am Erker Nummer 35 ist ein Themenheft, das der Musik gewidmet ist. 1998 kostete es zwölf Mark, jetzt kostete es bei meinem Hinterhofhöker einen Euro. Ich blätterte in dem Heft. Und fand Katja Setzers Geschichte Der Klavierunterricht. Die mit den Sätzen beginnt:

Mittwochs, immer pünktlich um sechs Uhr, kam der Klavierlehrer ins Haus. Pünktlich um Viertel vor sechs forderte meine Mutter mich auf, etwas Nettes anzuziehen. Wenn man elf Jahre alt ist, heißt das in etwa die Lieblingslatzhose mit dem Nilpferdchen auf der rechten Pobacke gegen ein Hängerkleidchen ohne Nilpferdflicken, dafür aber mit dunklem Karomuster, und eine weiße Bluse, die am Hals kratzt, einzutauschen. Ich habe nie widersprochen, nicht weil ich meiner Mutter nie widersprach, sondern weil pünktlich Viertel vor sechs bereits die Angst einsetzte... Es ist eine kurze Geschichte. Eine böse Geschichte. Die mit den Sätzen endet: Aber irgendwie gingen die Stunden immer zu Ende. Bis zu jenem Mittwoch, als meine Mutter mit dem Kaffee in dem Moment in die Stunde platzte, als Herr Bechtel wieder einmal meine Haltung korrigierte.

Wenn Sie hinter dem Haltung korrigierte etwas Schlimmes vermuten, dann haben Sie recht. Sie müssen sich das Heft 35 schon kaufen, der Text ist nicht im Internet. Über die Autorin Katja Setzer aus Hamburg ist auch so gut wie nichts im Internet. Sie hat 1999 in Hattingen einen Literaturpreis gewonnen, das ist alles. Eine hervorragend geschriebene Geschichte wie Der Klavierunterricht hätte das Sprungbrett für eine Karriere sein können, aber was ist? Das Schwimmbecken der Nachwuchsliteratur scheint verwaist, Katja Setzer klettert offenbar nicht ein zweites Mal auf den Sprungturm. Dabei hatte sie die Badeordnung doch gelesen:

Ihr, die ihr schreiben wollt, vor allen Dingen,
wählt einen Stoff, dem ihr gewachsen seid
und wäget wohl vorher, was eure Schultern
vermögen oder nicht, eh' ihr die Last
zu tragen übernehmt. Wer seinen Stoff
so wählte, dem wird’s an Gedanken
und Klarheit nie, auch nie an Ordnung fehlen;
und unter manchem Vorteil, der durch Ordnung
gewonnen wird, ist sicher keiner von
den kleinsten: daß man immer wisse, was
zu sagen ist, doch vieles, was sich auch
noch sagen ließe, jetzt zurückbehalte,
und für den Platz, wo man's bedarf, verspare.



Junge Schriftsteller sollten eine Seite im Internet haben, damit sie bekannt werden. Ihre Kollegin Viktoria Lösche, die auch in dem Band 35 ist, macht das richtig, die hat eine ➱Seite. Zum Thema Klavierunterricht hätte ich ja das Gedicht nehmen können, das in dem Post ➱C.K. Stead steht (warum liest eigentlich niemand diesen Post über einen der wichtigsten Dichter Neuseelands?), aber das ist schon Vergangenheit. Das ist das Blöde bei Blogs, nur das Neueste steht vorne, nicht das Wichtigste oder das Schönste. Ach, ich zitiere die Strophen mit dem Klavier von C.K. Stead noch einmal:

'Third finger! Third finger!'
That was the voice
from two rooms away.
I'd used second finger
or fourth.

That's how it was
having your teacher in the house
while you practised.

Not that the note was wrong,
just the finger.
How could she tell?

I was her worst pupil,
her biggest disappointment -
perfect pitch
and some failure of hand and eye.

Never mind, Mum,
you trained my ears.

They're listening still.

Und aus dem Heft Am Erker Nummer 35 wähle ich mir das Gedicht von Viktoria Lösche Musik für Obertonstimme, zwei Saxophone und Percussionsinstrumente, das ist ein schöner Titel:

es ist samt der uns hüllt
mit den farben des nachthimmels
über den dächern

es ist das rollen des aufgehenden
gongs ein sanftes gewitter
blitzschnell die zunge am ohr

während es klopft tropft
rennt und rinnt reden
die schnabelmenschen sich

in die nähe der Stille
ein trigespräch im gehen im regen
es handelt von dir und dir

und es ist samt der uns hüllt
mit den farben des nachthimmels
über den dächern

Sonntag, 24. April 2016

Hirschsprung


Kann ich Ihnen schon wieder einen Hirsch zumuten? Hatte ich ja am Monatsanfang in dem Post ➱Zähmung. In der elisabethanischen Lyrik sind Hirsche und Rehe ja heimisch. Als ich anfing zu studieren, lernte ich einen älteren Studenten kennen, der über die elisabethanische Hirschjagdmetapher promovierte. Er war im vierzigsten Semester. Ich beschloss, in meinem Studium um dieses Thema einen Bogen zu machen. Aber der Hirsch heute hat nichts mit Petrarca zu tun, der ist auf dem Etikett einer kalifornischen Weinmarke, die Stag's Leap heißt. Keine billige Plörre wie Valpolicella oder was die Nolibrüder auf der Straße trinken. Nein, dies ist etwas Erlesenes, da kostet die Bouteille schon mal einen Hunni.

Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass ich eigentlich keinen Wein trinke. Den trinken bei mir nur die Gäste. Letztens, als der Rotwein alle war, bin ich zu Tiemann, wohin sonst? Ich hatte zwar noch eine Flasche Robert Vollmöller, die mir Herr Vollmöller (dem ich den kleinen ➱Moby Dick verdanke) geschenkt hat, aber der wird nicht angerührt. Ich wurde bei Tiemann gut beraten, fand aber nicht so recht, was ich suchte. Dann sah ich Frau Tiemann (zweite von rechts) und fragte sie, ob sie sich noch daran erinnern könne, welchen Rotwein ➱Hans Fander mir vor Jahren geschenkt hatte. Der trinkt und verschenkt immer den hier, sagte sie und hatte ratzfatz eine Flasche in der Hand. So soll es sein.

Das heutige Gedicht ist von der renommierten amerikanischen Dichterin Sharon Olds. Es heißt Stag’s Leap, hat nichts mit elisabethanischen Hirschjagdmetaphern zu tun, aber viel mit dem Lieblingsrotwein von Sharon Olds Ehemann. Das Gedicht war titelgebend für einen Gedichtband, der 2013 erschien. Sharon Olds gewann damit den Pulitzer Prize for Poetry und den T. S. Eliot Prize. Die Frau, die eine Einladung von Barbara Bush ins Weiße Haus mit einem offenen Brief ablehnte, war die erste Amerikanerin, die diesen Preis erhielt, sie dichtet in einer anderen Liga als Carol Ann Duffy. Als die Gedichte erschienen, hatte die Dichterin sie lange in der Schublade liegen gehabt, die meisten waren 1997 geschrieben worden.

In gewisser Weise ist das Jahr ihr annus mirabilis, obgleich es eher das Gegenteil zu sein schien: ihre Ehemann hatte sie nach 32 Jahren verlassen. Sie schreibt hunderte von Gedichten, ihre Art, die Krise zu bewältigen. I was never good at being angry, hat sie gesagt. Sie findet wunderbare Bilder dafür my job is to eat the whole car of my anger, part by part, some parts ground down to steel-dust. Sie können das hier im Kontext lesen:

When my husband left, there was pain I did not
feel, which those who lose the one
who loves them feel.  I was not driven
against the grate of a mortal life, but
just the slowly shut gate
of preference. At times, I envied them—
what I saw as the honorable suffering
of one who is thrown against that iron
grille.  I think he had come, in private, to
feel he was dying, with me, and if
he had what it took to rip his way out, with his
teeth, then he could be born.  And so he went
into another world—this
world, where I do not see or hear him—
and my job is to eat the whole car
of my anger, part by part, some parts
ground down to steel-dust.  I like best
the cloth seats, blue-silver, first
car we bought together, long since
marked with the scrubbed stains—drool,
tears, ice-cream, no come, but only
the month's blood of release, and the letting
go of the broken waters.


Von den hunderten von Gedichten aus dem Jahre 1997 werden neunundvierzig in den Band Stag's Leap wandern. Sogar die Vogue, die nicht unbedingt eine Literaturzeitschrift ist, war von dem Gedichtband begeistert und nannte Olds our foremost poet of the self in all its seasons (über das Photo Shooting bei dem Magazin hat Olds ein ➱Gedicht geschrieben). Ein foremost poet of the self ist sie sicherlich. Man kann das confessional poetry nennen und Vergleiche mit ➱Robert Lowell (den sie erst ➱spät in ihrem Leben gelesen hat) ziehen. Sie hat auch eine Tendenz zu dem total recall, der ➱Joan Didion auszeichnet; würde Didion Gedichte schreiben, dann wäre sie Sharon Olds. Die Juroren, die ihr den Pulitzer Preis und den T.S. Eliot Preis zugesprochen haben, lagen nicht daneben. Stag's Leap mit seinen 89 Seiten ist ein erstaunliches Buch. Und hier gibt es jetzt daraus das Titelgedicht:

Stag’s Leap

Then the drawing on the label of our favorite red wine 
looks like my husband, casting himself off a 
cliff in his fervor to get free of me. 
His fur is rough and cozy, his face
placid, tranced, ruminant, 
the bough of each furculum reaches back 
to his haunches, each tine of it grows straight up 
and branches, like a model of his brain, archaic, 
unwieldy. He bears its bony tray 
level as he soars from the precipice edge, 
dreamy. When anyone escapes, my heart 
leaps up. Even when it’s I who am escaped from, 
I am half on the side of the leaver. It's so quiet, 
and empty, when he's left. I feel like a landscape, 
a ground without a figure. Sauve 
qui peut—let those who can save themselves 
save themselves. Once I saw a drypoint of someone 
tiny being crucified 
on a fallow deer’s antlers. I feel like his victim, 
and he seems my victim, I worry that the outstretched 
legs on the hart are bent the wrong way as he 
throws himself off. Oh my mate. I was vain of his 
faithfulness, as if it was 
a compliment, rather than a state 
of partial sleep. And when I wrote about him, did he 
feel he had to walk around 
carrying my books on his head like a stack of 
posture volumes, or the rack of horns 
hung where a hunter washes the venison 
down with the sauvignon? Oh leap, 
leap! Careful of the rocks! Does the old 
vow have to wish him happiness 
in his new life, even sexual
joy? I fear so, at first, when I still 
can’t tell us apart. Below his shaggy 
belly, in the distance, lie the even dots 
of a vineyard, its vines not blasted, its roots 
clean, its bottles growing at the ends of their 
blowpipes as dark, green, wavering groans.

Samstag, 23. April 2016

Shakspeare


Man hat vor Jahren den König Richard gefunden. In Leicester, unter einem Parkplatz. Seit man ihn gefunden hat, gewinnt Leicester City ein Spiel nach dem anderen, das ist eine erstaunliche Geschichte. Der wirkliche Richard III war sicher ein anderer als Shakespeares Richard, der da auf die Bühne humpelt und uns erzählt wie hässlich er ist (lesen Sie mehr im Post ➱Rosenkrieg). William Shakespeare ist als Geschichtsquelle nicht sehr zuverlässig. Schlag' nach bei Shakespeare bedeutet nicht, dass man Shakespeare wie ein Lexikon benutzen kann. Es ist ein Song von Cole Porter:

Läßt Sie dich nicht ans goldblonde Feenhaar, 
dann komm' wütend an wie König Lehar. 
Rezitierst du Herrn Shakespeare's Sonette, 
zieht sie zärtlich dich zur Lagerstätte,
zeigst du Schwermut wie Herzog Orsino, 
wird die Liebe so schön wie im Kino!

Schlag' nach bei Shakespeare und die Frau'n sind hin!
Jawoll, sie sind alle hin!
Bestimmt, sie sind alle hin!

Der 23. April ist nach dem julianischen Kalender der Todestag von William Shakespeare, in diesem Jahr jährt er sich zum vierhundertsten Mal. Mir war schon am Anfang des Monats klar, als ich ➱April, April schrieb, dass ich diesem Tag nicht entkommen könnte. Aber ich fasse mich kurz. Und verweise darauf, dass ich ja schon häufig den Autor aus Stratford behandelt habe. Wobei der Post ➱Shakespeare ein wenig irreführend ist, der handelt nämlich von einem Maler gleichen Namens. Falls Ihnen dies hier heute nicht gefällt, dann lesen Sie einfach einen der Posts, die da unten aufgelistet sind. Ich kann für den Anfang ➱Wolle empfehlen, der ist sehr witzig.

Für den heutigen Tag habe ich mir etwas anderes vorgenommen, ich möchte ein Buch vorstellen, das als ein kleiner Coup des Verlages Signathur rechtzeitig zur Shakespeare Feier erschienen ist: die Übersetzungen der Sonette durch die Kunsthistorikerin, Schriftstellerin und Übersetzerin Erna Grautoff. Ich zitiere dazu einmal die Appenzeller Zeitung: Pünktlich zu des Dichters 400. Todestag ist eine beinahe vergessene Übersetzung von 42 Sonetten erschienen – vergessen, weil niemand mehr von der Schriftstellerin Erna Grautoff (1888 bis 1949) spricht, und vergessen, weil sie die Sonette in «Herrscher über Traum und Leben» versteckt hatte. In ihrem Roman, 1940 bei Rowohlt erschienen, vertrat Erna Grautoff die Annahme, die Werke Shakespeares seien nicht von dem Mann aus Stratford verfasst worden, sondern von Francis Bacon. Mit der These war sie nicht allein, immer wieder ist die Autorschaft Shakespeares angezweifelt worden. Jürgen Gutsch, Herausgeber des Bandes mit den 42 von Grautoff übertragenen Sonetten, lächelt darüber – und hebt hervor, dass sie «eine ungemein fachmännische Lyrikübersetzerin mit Erfahrung und einem professionellen Gewissen fremden Texten gegenüber» ist. Sie hatte dies Jahrzehnte davor mit einer Anthologie moderner französischer Lyrik bewiesen.

Der Roman Herrscher über Traum und Leben von Erna Grautoff ist 591 Seiten lang. Es ist ein biographischer Roman über Shakespeare, in dem wieder einmal die Frage aufgeworfen wird, ob Shakespeare (der hier Shakspeare geschrieben wird) Shakespeare war. Eine Frage, die nie beantwortet wurde, die auch ein wenig akademisch ist. Denn die meisten Zuschreibungen sind das akademische Äquivalent zu Verschwörungstheorien, wir lassen das mal weg. Nachdem Shakespeare=Francis Bacon auf S. 581 gestorben ist, ist der Roman noch nicht zu Ende. Die Autorin gibt dem Leser noch eine sechseinhalbseitige Bibliographie der Literatur zur Shakespearezeit.

Wenn ein Historiker schreibt: I am profoundly suspicious of almost all bibliographies. Nothing is easier than to hire someone to visit the British Museum & make a most impressive list of authorities, which will persuade the non-suspecting that the author is a monument of erudition & laboriousness und auf eine Bibliographie verzichtet, dann schmunzeln wir über diese kleine Frechheit. Ein Buch über Napoleons Marschälle verlangt nach einer Bibliographie, ➱A.G. Macdonnell lässt sie weg. Ein Romanautor braucht kein Literaturverzeichnis am Ende des Romans, Erna Grautoff hat eins. Und nicht nur das. Sie offeriert 1940 zum Preis von einer Reichsmark eine Broschüre, in der alles steht, weshalb die Autorin glaubt, dass Francis Bacon William Shakespeare ist. Außerdem sind ihr Sonette in meiner Übersetzung beigegeben, welche die im Roman ergänzen und verstärken, heißt es da noch.

Jürgen Gutsch, der schon in dem Post zu ➱Michael Drayton erwähnt wird, hat nun die 42 Sonette, die Erna Grautoff ins Deutsche übertragen hat, aus dem Roman Herrscher über Traum und Leben und dem 48 DIN A4 Seiten starken Begleitheft (von dem es in öffentlichen Bibliotheken nur noch zwei Exemplare gibt) gelöst und sie in dem kleinen Band der Edition Signathur versammelt. Die Forty-two sonnets von Shakespeare in der Übertragung von Erna Grautoff sind etwas ganz Besonderes - aber halt weitab vom Mainstream des üblichen Interesses an Shakespeare. Der Bucheinband gefällt mir ganz außerordentlich gut; Jürgen Gutsch hat das Motiv im großen Sammelband von Otto Grautoff gefunden, schrieb mir der Verlagschef Bruno Oetterli Hohlenbaum. Ja, bei diesem kleinen Band passt alles, auch wenn es weitab vom Mainstream des üblichen Interesses an Shakespeare ist. Also mache ich mal ein klein wenig Werbung, die kleinen Verlage können so etwas gebrauchen.

Und ich habe als Gedicht des Tages auch eine Übersetzung von Erna Grautoff. Ich habe das Sonett 18 genommen, das kennen wir alle:

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
Holdseliger und milder noch bist du.
Um liebe Maienknospen Winde streichen
Und schnell neigt Sommer sich dem Ende zu.
Oft brennt des Himmels Auge allzu glühend
Und seine Goldhaut scheint gedämpfter nur,
Was schon erblüht, oft scheint es minder blühend
Durch Zufall oder wechselnde Natur.
Doch niemals soll dein ew'ger Sommer matten,
Was du so schon besitzt, das bleibt auch dein,
Nie prahle Tod, du gingst in seinem Schatten,
In ew'gen Licht ziehst du in Zeiten ein.
     So lang als Menschen atmen, Augen sehn,
     Wird dies und du, die darin lebt, bestehn.


Noch mehr Shakespeare hier: William Shakespeare, Petrarca, Laura, Blankvers, Black Prince, Sir Philip Sidney, Michael Drayton, Landleben, April, April, Ludwig Tieck, Macbeth, Plebejer, Rosenkrieg, Wolle, Gisela von Stoltzenberg, Charles Macklin, Well, I've had a happy life, Flimm ist schlimm, Better than Shakespeare, Et tu, Brute?August von Platen, Battle of Britain, Joseph Haydn, William S. Hart, Heiligabend, Gore Vidal, Theater, Dublin, Endzeit, Sir Pelham Grenville Wodehouse, P. G. Wodehouse, Borges, John Peel, bêtes noires, Dorothy Malone, Trevor Howard, Angelika Kauffmann, Spielregeln