Donnerstag, 23. Oktober 2014

Gordale Scar


Es ist eins dieser Bilder, die einen umhauen. Schon durch die schiere Größe: drei Meter dreißig mal vier Meter zwanzig. Albert ➱Bierstadts monumentales ➱Bild A Storm in the Rocky Mountains ist kleiner. Das Gemälde mit dem Titel Gordale Scar wurde von James Ward (der heute vor 245 Jahren geboren wurde) für den Großgrundbesitzer Lord Ribblesdale gemalt, heute gehört das Bild der Tate Gallery. Allerdings sagt die ➱Seite der Tate: not on display, was eine Bloggerin zu dem Post ➱I hate the Tate bewegte. Vielleicht haben sie es ja als Bühnenbild an ein Theater oder eine Oper ausgeliehen. Zu einer Aufführung des Freischütz zum Beispiel. Ist besser als das Bild von Meno Mühlig, das Sie in dem Post ➱Wolfsschlucht sehen können.

Sie müssen also heute mit der Abbildung oben vorlieb nehmen. Oder ➱hier einen Video Spaziergang unternehmen. William Wordsworth hat die Kalksteinklippen bei Malham in Yorkshire (die geologisch zu dem Craven Fault System gehören) mit einem Sonett bedichtet. Als das Bild von Ward 1815 zum ersten Mal in der Royal Academy ausgestellt wurde, konnte man Wordsworths Gedicht Gordale neben dem Bild lesen:

At early dawn, or rather when the air
Glimmers with fading light and shadowy eve
Is busiest to confer and to bereave;
Then, pensive votary! let thy feet repair
To Gordale chasm, terrific as the lair
Where the young lions couch; for so, by leave
Of the propitious hour, thou mayst perceive
The local deity, with oozy hair
And mineral crown, beside his jagged urn
Recumbent: him thou mayst behold, who hides
His lineaments by day, yet there presides,
Teaching the docile waters how to turn,
Or, if need be, impediment to spurn,
And force their passage to the salt-sea tides!

Hätte John Constable, der zwei Jahre zuvor ➱Weymouth Bay gemalt hatte, so etwas wie James Wards Monstergemälde gemalt? Auf den ersten Zeichnungen und ➱Skizzen hat Wards Landschaft ja noch nichts von dem, was den Dichter Thomas Gray 1769 sagen ließ: I stayed here (not without shuddering) a quarter of an hour, and thought my trouble richly paid, for the impression will last for life. Jahre vor James Ward hat William Turner die Schlucht gemalt (oben), es ist mit 55 x 77 cm seine größte plein air Malerei. Kein Aquarell, wie man vermuten könnte, Öl auf Papier.

Wahrscheinlich hätte John Constables Bild ähnlich wie das von Turner ausgesehen, wäre er je auf die Idee gekommen, Gordale Scar zu malen. James Wards Version der Kalksteinklippen hat etwas Düsteres an sich, als sei die Kalksteinschlucht mit den Wasserfällen ein Tor zur Hölle. Das Bild erscheint wie ein Vorbote des Bildes von John Martin The Great Day of His Wrath. Das mit 1,97 x 3,03 viel kleiner ist als Wards Gemälde, aber größer wirkt, die apokalyptische Bedrohung ist in unserer Vorstellung immer größer als eine Landschaft in Yorkshire.

Woher kommt die Begeisterung für Felsen in der Malerei des 19. Jahrhunderts? Bei Caspar David Friedrichs Kreidefelsen von Rügen kann man den romantischen Enthusiasmus ja noch verstehen, aber was ist mit diesen tristen Felsen von Gustave Courbet hier? Dagegen wirkt der ➱Steinbruch bei Weimar, den Christian Rohlfs mehrfach gemalt hat (einen davon habe ich in dem Post ➱Christian Rohlfs abgebildet), schon richtig fetzig.

Bevor Rohlfs seine Felsen malte (die wohl ein Kommentar zu Courbets Felsen sind), wurden Felsen in der deutschen Malerei mit Märchen und Sagen verbunden. Wie auf ➱Moritz von Schwinds Einsiedler führt Rosse zur Tränke oder auf seinem ➱Bild vom Kaiser Max, der in der Martinswand betet. Unsere Loreley ist ja zuerst auch nur ein Schieferfelsen, bevor die Geschichte mit der Blondine dazu kommt. Lei (oder -ley) ist nicht der Nachname von Lore. Das heißt schlicht Stein, Schiefer. Ist aus dem Keltischen entlehnt und ist seit dem 14. Jahrhundert in der deutschen Sprache heimisch (lesen Sie hier doch auch die Posts ➱Loreley und ➱Meerjungfrauen + Waldnixen).

Irgendwie führt ein direkter Weg (mit einem Abstecher über die deutsche Romantik) von James Wards Gordale Scar zu Arnold Böcklins Toteninsel. Böcklin mag ich nun überhaupt nicht, das habe ich ➱hier schon gesagt. Hat aber einige tausend Leser nicht davon abgehalten, es zu lesen. Oder es erneut anzuklicken. In einer Pressemitteilung der BBC kann man lesen: Ward's 'Gordale Scar' is one of the greatest triumphs in British landscape art. Das Internet ist voll von ähnlichen Sprüchen. Ich würde die Höhepunkte der englischen Landschaftsmalerei eher bei ➱Constable und ➱Turner und den Meistern des Aquarells wie ➱Thomas Girtin oder ➱John Sell Cotman suchen, aber nicht bei James Wards Riesengemälde.

Dass es auch anders geht, hat er selbst gezeigt. Mit dieser kleinen Ölskizze, drei Jahre nach Turners erstem Besuch bei den Klippen gemalt. Aber vielleicht wollte Lord Ribblesdale etwas so Friedliches nicht haben, wahrscheinlich musste es unbedingt diese theatralische Version sein. Die Tate Gallery offeriert auf ihrer Seite eine politische Interpretation des großen Bildes: In the foreground he shows deer and cattle, including a white bull from the (originally wild) Chillingham herd, who appears to guard the cleft of Gordale Beck. Working in the last years of the Napoleonic wars, Ward aimed to depict a national landscape, primordial and unchanging, defended by ‘John Bull’ in animal form. His painting also epitomised the awe-inspiring qualities of the fashionable ‘Sublime’ landscape. 

Wir lassen das sublime einmal weg, weil es ➱hier schon so oft vorkam. Aber die Kriege gegen Napoleon sind natürlich etwas, was die englische Malerei dazu bringt, zu einer wirklich englischen Landschaftsmalerei zu werden. Nicht nur aus patriotischen Motiven. Es ist jetzt nichts mehr mit der Grand Tour (die ➱hier einen langen Post hat), die englischen Maler sind gezwungen, die landschaftlichen Schönheiten ihres eigenen Landes zu entdecken. Und so entdecken sie jetzt das ➱Vye Valley, den ➱Lake District, Schottland und Wales. Und Gordale Scar in Yorkshire. Das Bild von Geoffrey Scowcroft Fletcher aus dem Jahre 1994 habe ich hierher gestellt, um zu zeigen, dass die Kalksteinklippen die englischen Maler auch noch über die Romantik hinaus beschäftigt haben (das Bild von John William Inchbold lasse ich jetzt mal aus).

Es ist wohl kein Zufall, dass das Bild Gordale Scar in dem Jahr fertig wird, in dem die Engländer Napoleon bei ➱Waterloo schlagen. Da bietet sich eine politische Interpretation wohl an. Zumal Ward auch einen Auftrag von der British Institution bekommen hatte, ein Bild über Waterloo zu malen. Zwar ist seine übergroße Waterloo Allegory (zehn mal sieben Meter groß) verloren gegangen, sodass man wenig zu dem Bild (von dem es jedoch eine Vielzahl von Studien gibt) sagen kann, doch die Skizze zu dem scheußlichen Bild ist erhalten. Fünf Jahre hat er daran gearbeitet, die tausend Pfund, die er vorab bekommen hatte, waren da längst verbraucht. Auch Gordale Scar war für ihn ein schlechtes Geschäft gewesen. Vier Jahre Arbeit und dreihundert Pfund Honorar. Soviel verdient ➱Thomas Lawrence mit einem Porträt in einer Woche. Historienmalerei, so beliebt sie seit ➱Benjamin West ist, wird nicht dadurch besser, dass das Bild größer wird. John Singleton Copley ist bei The Siege of Gibraltar mit weniger Leinwand ausgekommen (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Hoya).

Dies Bild zeigt Napoleons Pferd Marengo (Wellingtons ➱Lieblingspferd Copenhagen hat Ward auch gemalt), wie es mit rollenden Augen auf das Meer starrt, dorthin, wo sein Herr verschwunden ist. Ward hat unzählige Lithographien von dem Bild verkauft. Man weiß nicht, wo das Geld geblieben ist. Als er mit einundneunzig Jahren starb, war er ein armer Mann. Vielleicht hätte man dem armen Tier mal erzählen sollen, dass Napoleon ein ganz anderes Pferd mit nach St Helena genommen hat. Das hieß Vizir, Sie können ➱hier alles darüber lesen. Und alles zu Marengo finden Sie bei der ➱Duchess of Hamilton.

Dass man in der Region von Malham in North Yorkshire touristisch immer noch etwas entdecken kann, damit wirbt diese ➱Seite. Wo man neben den Bildern von Gordale Scar auch erfährt, dass der Film A boy, a Girl and a Bike hier gedreht wurde. Mit Diana Dors, Englands Antwort auf ➱Marilyn Monroe (ich habe sogar eine ➱CD von ihr, die Swinging Dors heißt). Was die Seite malhamdale.com nicht sagt: Diana Dors hatte nur eine kleine Nebenrolle. Die Hauptrolle hatte diese junge Frau, die wir unter ganz anderen Namen kennen. Nämlich als Cathy Gale (in der Serie The Avengers) oder als Pussy Galore (in Goldfinger). Ich habe Honor Blackman schon in dem Post ➱Lederjacken erwähnt, und sie hat ➱hier einen eigenen Post. Man kann natürlich in dieser Liebesszene auch die landschaftlichen Schönheiten von Malham und Umgebung sehen.

Auf der Seite von Malham ist auch noch ein anderes Bild von Gordale Scar abgebildet, das ich viel schöner als das von James Ward finde. Nicht diese Weltuntergangsstimmung wie bei Ward. Der englische Maler John Piper hat es 1942 gemalt, es ist eigentlich ganz klein (30 x 25 inches), aber doch ganz groß. Es gibt zu dem Bild ➱hier noch ein interessantes Video. ➱Kenneth Clark, der in dem Jahr von John Betjeman beauftragt wurde, ein Buch für den Penguin Verlag über John Piper zu schreiben, hat es 1943 gleich gekauft. Er war der jüngste Direktor der National Gallery und vielleicht auch der größte Förderer der modernen englischen Malerei in dieser Zeit. Er kann sich das erlauben. Man redet in diesen Kreisen nicht über Geld, aber er ist sehr, sehr reich. Er kann es sich schon in seinem Studium erlauben, echte Bilder zu kaufen. Unsereins kaufte sich an der Museumskasse Kunstpostkarten. Vielleicht komme ich ja irgendwann noch einmal dazu, über ihn zu schreiben (bis dahin müssen Sie sich mit dem zufriedengeben, was in dem Post ➱Gainsborough steht).

James Ward konnte auch anders, wie man am Beispiel dieses schönen Aquarells sehen kann. Von diesen Aquarellen hat er noch mehrere gemalt. Der jüngere Bruder von William Ward begann seine Karriere als Kupferstecher, malte dann bäuerliche ➱Szenen im Stil seines Schwagers George Morland (der ➱hier schon einmal erwähnt wurde). Danach kamen Landschaften mit ➱Pferden, die allerdings anders aussahen, als Moritz von Schwinds Einsiedler, der die Rosse zur Tränke führt. In seinen besten Arbeiten kann man ihn schon mit ➱George Stubbs vergleichen. Pferdebilder gehen in England immer, da braucht man nur mal auf die Sammlungen von ➱Robert Vernon und John Sheepshanks zu schauen. Acht Jahre vor John Constable wurde James Ward Mitglied der Royal Academy.

Auf dieses Bild (The deer stealer) war er sehr stolz. Er hat es für seinen Mäzen Theophilus Levett gemalt, fünfhundert Pfund Sterling war der vereinbarte Preis. Als er das Bild 1823 in der Royal Academy ausstellte, war es eine Sensation für das Publikum. Interessenten boten ihm tausend Pfund für das Bild, aber er hat es an Levett verkauft. Hat den Preise allerdings um hundert Pfund angehoben. Heute besitzt es die Tate Gallery, die es aber wie Gordale Scar im Magazin verwahrt. Viktorianische Maler scheinen heute nicht mehr so en vogue zu sein. Das hätte den Herren Vernon und Sheepshanks nicht gefallen, deren Sammlungen der Grundstock für die National Gallery und das ➱Victoria & Albert Museum waren.

Das Bild von Gordon Scar erwies sich unglücklicherweise als zu groß für die Wände des Landsitzes des ersten Lord Ribblesdale. Er schenkte es dem British Museum. Wo es zusammengerollt wurde und in einem Keller verschwand. Bei einem Hochwasser der Themse wurde es beschädigt und eines Tages wieder entdeckt. Das berichtet auf jeden Fall Wards Urenkel Sir Leslie Ward in seinen Memoiren. Dass die Ribblesdales auch später noch Kunstwerke in Auftrag geben, beweist das Bild des vierten ➱Lord Ribblesdale von John Singer Sargent. Es ist ein Bild, das den englischen ➱Dandy auf seinem Höhepunkt zeigt, voller arroganter Eleganz. Vergleichbar mit Munchs ➱Bild von Harry Graf Kessler oder Anders Zorns ➱Bild des schwedischen Königs.

Ob er jemals Gordale Scar gesehen hat, weiß ich nicht. Sein Vater hatte Grundbesitz und Landsitz 1851 verkauft und war mit der Familie nach Fontainebleau gezogen, wo Thomas Lister, der vierte Baron Ribblesdale, auch geboren wurde. Das Gemälde hat er der National Gallery geschenkt: Presented by Lord Ribblesdale in memory of Lady Ribblesdale and his sons, Captain the Hon. Thomas Lister and Lieutenant the Hon. Charles Lister, 1916. Die Seite der National Gallery sagt: not on display. Manchmal frage ich mich, was englische Museen überhaupt noch zeigen.

Lesen Sie auch: ➱Kreidefelsen und ➱Klippen.

Dienstag, 21. Oktober 2014

François Truffaut


Hier ist der französische Filmregisseur François Truffaut bei den Dreharbeiten von La nuit américaine. Links ist sein alter ego, der Schauspieler Jean-Pierre Léaud, den wir aus dem Antoine Doinel Zyklus kennen. Die schöne Frau in der Mitte ist natürlich Jacqueline Bisset. Leaud ist jetzt (wie Jacqueline Bisset) auch schon siebzig, nur Truffaut lebt leider nicht mehr. Er ist heute vor dreißig Jahren gestorben.

In einem Brief an Annette Insdorf (die viel über ihn geschrieben hat) schreibt er im Januar 1984: Was gibt es noch zu erzählen? Ich gehe wieder regelmäßig ins Kino. Gefallen haben mir Fellinis Film über das Schiff  [E la nave vaund dann noch 'Zelig', nicht nur, weil er in Schwarzweiß ist. Er gibt auch noch der Hoffnung Ausdruck, dass es in dem Jahr ein Wiedersehen gibt. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Die Aufführung seines Films Vivement Dimanche mit Fanny Ardant (die ihm gerade ein enfant de l'amour geschenkt hat) hat er aber noch erlebt.

Die Briefe Truffauts, Briefe eines Jungen, der heftig darunter litt, nicht schreiben zu können, wie Godard in seinem Vorwort sagt, sind 1990 von Robert Fischer herausgegeben und übersetzt worden. Man merkt auf jeder der über siebenhundert Seiten, dass er etwas davon versteht. Ich war mal bei einem dreitägigen Truffaut Seminar, Freitagnachmittag bis Sonntagmittag. Außer Mittags- und Kaffeepause keine Pausen. Keine Diskussion. Der Referent überschüttete uns mit seinem Wissen und hunderten von Filmbeispielen. Die Filme von Truffaut kannte ich, aber der halbe Tag über den ➱Einfluss von Jean Renoir war sehr interessant.

Ich habe leider den Namen des Referenten vergessen, aber ich vermute mal, dass das Robert Fischer war. Fischer hat auch die Filmkritiken Truffauts unter dem Titel Die Filme meines Lebens herausgegeben. Weiterhin hat er das lange Interview La leçon de cinema de François Truffaut, das der Regisseur mit José-Maria Berzosa, Jean Collet und Jérome Prieur geführt hat, übersetzt und ediert. Es ist 1991 unter dem Titel Monsieur Truffaut, wie haben Sie das gemacht? bei der Kölner vgs Verlagsgesellschaft erschienen. Der Titel lehnt sich natürlich an das berühmte Interview-Buch Mr Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? an (das Robert Fischer auch herausgegeben hat). Das Photos zeigt Truffaut mit Bernadette Lafont bei den Dreharbeiten von Ein schönes Mädchen wie ich (Une belle fille comme moi) im Jahre 1972.

Den Namen Bernadette Lafont kannte ich damals schon seit Jahren, weil ich sie in dem unheimlich spannenden Kriminalfilm von Costra-Gavras, Mord im Fahrpreis inbegriffen (Compartiment tueurs), mit ➱Yves Montand gesehen hatte (➱hier in mehreren Teilen bei YouTube). War eine Verfilmung des Romans von Sébastien Japrisot. Der war damals bei Rowohlt in der von ➱Richard K. Flesch herausgegebenen Krimireihe auch vertreten. Die Frau neben Truffaut auf diesem Bild ist natürlich nicht Bernadette Lafont, das ist seine Freundin Jeanne Moreau, die durch Jules et Jim weltberühmt wurde. Wo sie auch singt. Sie hat ihm auch den Film Das Geheimnis der falschen Braut (La sirène du Mississipi / Waltz into Darkness) finanziert. Den Film, von dem ➱Brigitte Bardot später behauptete, Truffaut habe ihr die Rolle versprochen, die die Deneuve bekommen hatte.

Im Gymasium zeigte unser Schüler Film-Club, der natürlich nur pädagogisch wertvolle Filme zur Aufführung brachte (manchmal aber auch gute wie Tod eines Radfahrers), den Film Sie küßten und sie schlugen ihn. Mit einer Einleitung vom Direx. ➱Bardems Tod eines Radfahrers der ➱hier schon erwähnt wird, hat mich schwer beeindruckt, weil da tolle Trenchcoats und ➱Lucia Bose drin vorkamen. Sie küßten und sie schlugen ihn, der der erste Teil der Antoine Doinel Saga war (aber das wusste damals noch keiner von uns), hat mich damals nicht so beeindruckt. Kamen zu wenig schöne Frauen drin vor. Wir waren in dem Alter, wo man Filme nicht wegen der pädagogischen Probleme oder der Filmkunst guckte, sondern der schönen Frauen wegen. Dass dies die Basis des französischen Kinos ist, hat Truffaut auch gewusst, schließlich ist er es gewesen, der gesagt hat: Le cinéma c'est l'art de faire de jolies choses à de jolies femmes. Die schöne Frau auf diesem Photo ist Claire Maurier, die in Sie küßten und sie schlugen ihn die Mutter von Antoine Doinel spielte.

Ich habe beinahe alle Filme von Truffaut auf DVD, im Filmregal stehen Bücher und Drehbücher zu seinen Filmen nebeneinander. Sein Kino hat mich einen großen Teil meines Lebens begleitet. Dies ist kein Photo von der Beerdigung von Truffaut, das ist ein Filmphoto aus Der Mann, der die Frauen liebte (L’homme qui aimait les femmes), ein Titel, den man auch auf den Regisseur beziehen könnte. Es sind viele Frauen zu seiner Beerdigung gekommen, ➱Catherine Deneuve auch. Truffaut hasste Beerdigungen, im Februar 1971 schrieb er an Tanya Lopert zum Tod ihres Vaters (der Truffauts Filmgesellschaft La société des Films du Carrosse auch in den USA bekannt gemacht hatte):

Il y a beaucoup, beaucoup trop de morts autour de moi, que j'ai aimés, et j'ai pris la décision, après la disparition de Françoise Dorléac, de ne plus assister à aucun enterrement, ce qui, vous le pensez bien, n' empêche pas la tristesse d être là, de tout obscurcir pendant un temps et de ne jamais estomper complètement, même avec les années, car on ne vit pas seulement avec les vivants, mais aussi avec tous ceux qui ont compté dans notre vie.

Auf dem Schwarzweiß Photo oben sitzt Françoise Dorléac neben Truffaut. Ganz eng. Truffaut braucht schöne Frauen in seiner Nähe. Wir auch. Und deshalb lieben wir ihn. Der Film von morgen erscheint mir noch persönlicher als ein Roman, individuell und autobiographisch wie ein Tagebuch ... Der Film von morgen wird eine Liebeserklärung sein, hat er 1957 gesagt. Er dreht gerade seinen ersten Film, zwei Drehbücher von kleinen Filmen hat er schon geschrieben. Aber da ist noch nichts, was darauf hindeutet, was er im nächsten Vierteljahrhundert drehen wird. Aber den Satz Der Film von morgen wird eine Liebeserklärung sein, den wird er wahr machen.

Er wäre gerne Romanschriftsteller geworden, aber er wusste, dass seine Begabung dafür nicht reichte. Die Romane, die er uns jetzt erzählt, sind seine Filme: Ich gebe mir Mühe, ganz unterschiedliche Filme zu machen. Ich habe Angst, immer das gleiche zu erzählen. Aber ich weiß nur zu gut, daß im Grunde immer wieder das gleiche herauskommt. Denn wahrscheinlich arbeitet man in seinem ganzen Leben doch nur mit sehr wenigen Elementen, sehr wenigen Einfällen. Es ist doch so: Romanciers zum Beispiel haben nur ein paar Jahre großer Kreativität zur Verfügung. In den ersten Romanen ist eine starke Kraft spürbar,und im allgemeinen schreiben sie auch nicht mehr als fünf oder sechs Romane. Jedenfalls ist das in Frankreich so. Na, ja. Er hat ➱Theodor Fontane nicht gekannt. Hätte er den ➱Roman Effi Briest verfilmen können?

Das Schwarzweiß Photo im Absatz oben zeigt Truffaut im ➱Smoking an der Seite von Marie-France Pisier. Mit siebzehn war sie in Truffauts Antoine und Colette (hier ein Filmbild). Da hat sie Truffaut so verzaubert, dass er gleich seine Frau verlassen hat. Aber es hat nicht lange gehalten mit den beiden. Das ist bei Truffaut immer so. Zwanzig Jahre später ist sie Clawdia Chauchat, die ➱Hans Castorp im Zauberberg den Kopf verdreht. Und noch einmal Jahrzehnte später konnten wir sie als Madame Verdurin in ➱Raúl RuizLe Temps retrouvé sehen. 

Aber hier sehen wir sie in Liebe auf der Flucht (L'amour en fuite), dem letzten Teil des filmischen Lebensromans des romancier manqué François Truffaut (sie hatte in L'amour en fuit auch eine kleine Nebenrolle gehabt). Sie liest im Schlafwagen der SNCF ein Buch, das wir leider nicht lesen können: Antoine Doinels autobiographischen Roman Les salades de l'amour. Das ist wieder so ein typisches Truffaut Zitat. Denn in La nuit américaine sagt der Regisseur Ferrand (Truffaut) über das komplizierte Liebesleben (das sich von Truffauts eigenem Liebesleben wenig unterscheidet) seines Hauptdarstellers Adolphe (Jean-Pierre Léaud): C' est ça, d'ailleurs un jour je tournerai un film qui s'appellera 'Les salades de l' Amour'. Der größte Teil des Drehbuches von L'amour en fuite wurde übrigens von Marie-France Pisier geschrieben. In den salades de l' Amour von Truffaut kennt sie sich bestens aus.

Eigentlich wollte ich heute nichts schreiben, ich wollte nur die Links zu den wichtigsten Truffaut Posts in diesem Blog hierher stellen. Und vielleicht einige Verse dazu tun. Wie den ➱Text des Chansons Baisers Volées. Oder so etwas wie den ➱Song Truffaut von ➱Angelika Express. Aber es ist, wie es ist. Kaum hatte ich das erste Photo, hatte ich auch den ersten Absatz geschrieben. Warum jetzt aufhören? Draußen regnete es. Ich nahm das als Wink des Schicksals. Und begann zu schreiben. Und ein Photo von Truffaut mit ➱Lederjacke von den Dreharbeiten von Tisch und Bett (Domicile conjugal) habe ich natürlich auch anzubieten.

Lesen Sie auch: ➱Fanny Ardant, ➱Waltz into Darkness, ➱Jean Desailly, ➱Jacqueline Bisset, ➱Henri Langlois ➱Ray Bradbury. Den schönen Film François Truffaut, une autobiographie von Anne Andreu kann man ➱hier sehen.

Samstag, 18. Oktober 2014

Lederjacken


Der englische General John Burgoyne (den alle Gentleman Jonny nennen) wäre wahrscheinlich lieber tot umgefallen, als so etwas anzuziehen, was der amerikanische Colonel Daniel Morgan (hier ganz in weißem Leder) trägt. Selbst wenn er in ➱Saratoga mit einer ganzen englischen Armee kapitulieren muss. Da trägt man doch immer noch stilvoll die englische rote Uniform mit weißen Hosen. Und nicht das hunting shirt des amerikanischen Lederstrumpfs. Daniel Morgan, der wenig später General sein wird, hat ➱hier schon einen Post. Und über die buckskin Mode können Sie in dem Post ➱amerikanische Dandies mehr lesen. Morgan ist der einzige amerikanische Offizier, der nicht in blauer ➱Uniform erschienen ist, er ist stolz auf seine Lederkleidung.

Der Herbst steht vor der Tür, ich habe gerade meine dicke fette Lederjacke von Gimo's aus dem Schrank geholt. Da dachte ich mir, ich schreibe mal über Lederjacken. Das wird heute allerdings etwas schwierig, denn die Lederjacke ist ein Kleidungsstück, das nicht unbedingt den Zuspruch aller Herren findet. Ich lasse jetzt einmal schwarze Lederjacken mit Nieten auf dem Rücken, die auch ihren analphabetischen Trägern Hells Angels sagen, draußen vor. Auch Imitationen von Fliegerjacken aus verschiedenen Kriegen sollen hier nicht erwähnt werden. Sie kommen schon in dem Post ➱Hartmann vor.

Hollywood hat natürlich dazu beigetragen, das Kleidungsstück berühmt zu machen. Die Jacke von The Fonz Fonzarelli ist heute im Smithsonian. Was aus Marlon Brandos Schott Perfecto Jacke geworden ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass in einem Übersetzungskurs ein Mädel es hingekriegt hat, The Wild One mit Die wilde Eins zu übersetzen. Das sind so Sachen, die man nie vergisst. Wenn man eine schwere Pferdelederjacke von Schott trägt, dann ist das schön und gut. Wenn man ein echter Rocker oder ein amerikanischer Streifenpolizist ist.

Da ich bei Marlon Brando bin, sollte ich vielleicht noch eine andere Lederjacke erwähnen. Nämlich die, die er (hier mit Joanne Woodward) in dem Film Orpheus Descending trägt. Die deutsche Verleihversion des Films hatte den einprägsamen Titel Der Mann in der Schlangenhaut. Wir merken uns an dieser Stelle einfach nur, dass Lederjacken aus Schlangenhäuten, Fischhäuten und allen Tieren, für die man ein CITES Zertifikat braucht, nichts für den Mann von Welt sind. Krokodillederschuhe auch nicht. Das einzige, wofür man tote Krokos gebrauchen kann, sind Armbänder für Uhren.

Manchen Leuten wollen wir es erlauben, so etwas zu tragen. Wie diesem Herren hier, der Johnny Hallyday heißt. Der hat sein Leben lang nichts anderes getragen. In den sechziger Jahren lief er mit dem blonden Schnuckelchen Sylvie Vartan im Partnerlook in Leder rum, erstaunlicherweise hat ihre Ehe fünfzehn Jahre gehalten. Das hätte ich damals nicht geglaubt. Hier ist er bei seinem Konzert in Moskau im Jahre 2012, da ist er auch schon im Rentenalter. Aber irgendwie steht ihm das Leder. Und wir gestehen alle alten Rocksängern das Tragen von schwarzen Lederjacken zu. Selbst jemanden wie Udo Lindenberg, bei dem man allerdings nicht weiß, ob der jemals auf die Bühne gehörte. Ich weiß auch nicht so ganz, wie Wolf Biermann (der natürlich eine schwarze ➱Lederjacke hat) das gemeint hat, als er Lindenberg das Fettauge in der westdeutschen Wassersuppe nannte. Ich habe den Satz schon in dem Post ➱Ingeburg Thomsen zitiert, bringe ihn aber gerne noch einmal. Weil ich dann diesen Post erwähnen kann, der bei Googles Trefferliste ganz oben steht.

Während schwarze Lederjacken an französischen Chansonniers nichts Außergewöhnliches sind, finden wir sie in einem spezifisch französischen Filmgenre kaum. Diese beiden Herren spielen in Wenn es Nacht wird in Paris Gangster. Was tragen sie? Die Produkte der Pariser Schneiderkunst (lesen Sie mehr in dem Post ➱Lino Ventura), keine Lederjacken. Lederjacken sind Taxifahrern und Kleinkriminellen vorbehalten, der französische Gangster ist (das war schon im amerikanischen Gangsterfilm der zwanziger und dreißiger Jahre so) modebewusst. In Deutschland finden wir Leder in Gangsterkreisen auch, der schwarze Ledermantel, den ➱Gustav Gründgens in dem ➱Film M – Eine Stadt sucht einen Mörder trägt, wird hier bald Mode machen. Bei der Gestapo. Aber das lassen wir jetzt mal (wie die Lederjacke der russischen Politkommissare) lieber weg.

Die Zugehörigkeit zu bestimmten Clans, die die Schotten einst durch ihre ➱Tartans dokumentierten (ein Wort übrigens, dass die selbsternannte Modefachfrau Barbara Vinken in einem TV-Interview nicht drauf hatte, sie redete ständig von Tartar), ist modisch gesehen eine problematische Sache. In München ist es wahrscheinlich O.K., Jacken von Belstaff zu tragen. Das tut die halbe Mannschaft von Bayern München. Möchte man so aussehen? Belstaff ist ja auch schon lange keine englische Firma mehr. Wenn man diese Marke schon trägt, dann sollte es möglichst eine echte englische Belstaff Modell Black Prince aus dem Jahre 1943 sein. Das trägt dieser Herr auf dem Motorrad. Ich trage auf meinem massiven alten Damenfahrrad immer eine quietsch-orange Nylon Jacke von Allegri.

Das einzige, was in diesem Bereich akzeptabel wäre, wäre eine echte alte Jacke von Easy Rider auf der Reeperbahn. Da war ich mal mit meinem Bruder, der sich dort eine braune Easy Rider Jacke gekauft hatte. Die verkauften sich da wie geschnitten Brot. Ob sie auch das Outfit für Honor Blackman in der Rolle der Pussy Galore lieferten, weiß ich nicht so genau, Leder BHs gab es da aber schon im Laden. Auf dies Bild bin ich gestoßen, als ich Easy Rider-St Pauli-Lederjacke bei der Bildersuche eingab.

Ich gelangte so auf den Post ➱Cathy Gale, der Honor Blackman gewidmet ist (und der wird leider viel zu wenig gelesen). Damals vermuteten meine Leser wohl noch nicht, dass ich auch über Bond Girls schreiben würde. Aber wir verlassen mal diesen ganzen Bereich, in dem das Leder einen Fetischcharakter hat. Allerdings nicht ohne noch eben dieses Filmbild von Alain Delon und Marianne Faithfull zu zeigen. Ist aus einem Film von 1969, der - und darauf würden Sie jetzt nicht kommen - Nackt unter Leder heißt.

Der Easy Rider Laden (der natürlich nach dem➱ Film benannt wurde, der im gleichen Jahr wie Nackt unter Leder in die Kinos kam) gehörte einem richtigen Grafen, einem Rolf Graf von Hardenberg. Der ist vor einigen Jahren gestorben, da war auch Tim Mälzer bei der Beerdigung. Weil er jahrelang im Easy Rider gejobbt hatte. Die Lederjacke meines Bruders sah am Anfang toll aus, hat aber nicht so lange gehalten, wie Lederjacken eigentlich halten sollten. Nach ein paar Jahren konnte man die schlechte Verarbeitung und die schlechte Qualität des Leders sehen. Na ja, ein easy rider ist im amerikanischen Slang ein Nuttenpreller, das ist ja weniger bekannt.

Haltbarkeit ist nun genau das, was der Träger von Lederjacken haben will. Lederjacken müssen lange halten. Meine erste Lederjacke kam aus einem Laden in Bremen, wo der Meister die Dinger noch selbst anfertigte. Es war eine Wildlederjacke, die einige Zeit brauchte, bis der feingeschliffene Lederstaub verschwand. Nordseewind und Dünensand auf Langeoog halfen dabei. Ich habe sie immer noch, sie ist inzwischen über fünfzig Jahre alt. Sie ist ein büschen lütt, sieht aber immer noch gut aus.

Wahrscheinlich habe ich mir deshalb die ultimative Wildlederjacke, die Valstar Valstarino, nicht bei Kelly's für neunhundert Euro gekauft, sondern für 22,80 € bei ebay ersteigert. Valstar ist eine Firma, die für ihre Qualität berühmt ist. Ich hatte mal einen Valstar Regenmantel, der hat länger gehalten als jeder Burberry. Wildlederjacken sind ein Problem, irgendwie sind sie doch eher etwas für Leute, die einen Schlips zur Lederjacke tragen. Vor allem, wenn sie von Rupp & Taureck kommen. Deutsche Hersteller von Lederjacken sind eh mit Vorsicht zu genießen. Kapraun hat einen sehr guten Ruf, was die Qualität betrifft. Aber wie sehen die Jacken aus?

Wir wollen einmal österreichische Firmen wie Frauenschuh und Handstich von der Kritik ausnehmen, die sind im Augenblick schwer angesagt. Und dann gibt es da noch die Kölner Firma Hack, die von Manufactum angespriesen wird: Aus Rindleder regionaler Herkunft wird diese von der Motorradbekleidung der 1960er Jahre beeinflußte Jacke von Hack in Köln gefertigt. Das 1 mm starke Leder kommt aus dem Taunus, wo es traditionell nur mit pflanzlichen Gerbstoffen gegerbt wird. Die Spuren eines Tierlebens (Dornenrisse, Stiche) werden durch die Faßfärbung bewußt nicht mit Farbe zugespritzt und abgedeckt. Wer schreibt da nur diese Texte? Ich vermute ja immer, dass das gescheiterte Germanistikstudenten sind, die den Taxischein nicht geschafft haben.

Eigentlich gehen für Lederjacken nur Italiener, wie Gimo's oder LaMatta. Und natürlich Franzosen. Wenn sie Seraphin (die auch Jacken und Mäntel für Hermès machen) heißen. Die von Henri und Seraphina Zaks in Paris gegründete Firma mit dem wunderbaren Werbespruch Un ange passe, Un Séraphin est éternel verdankt ihren Aufstieg diesem Herrn hier (lesen Sie ➱hier alles dazu). Ich habe die Firma schon in den Posts ➱Waltz into Darkness und ➱Endzeit erwähnt, aber sie braucht von mir keine Reklame, sie stellen das ultimative Produkt her. Nicht immer geschmackssicher (eben sehr französisch), und die Größen stimmen nie, aber die Qualität ist traumhaft. Ich besitze einen Mantel von der Firma, antikisiertes Leder und federleicht.

Überhaupt nicht federleicht sind Jacken aus Pferdeleder. Ich habe eine von Uli Knecht, ich weiß nicht, ob ich die in diesem Leben noch weich kriege. Aber so eine fette Pferdelederjacke macht schon etwas her. Am besten mit einer ganz dunklen Sonnenbrille, it's never too dark to be cool. Als Uli Knecht, der inzwischen wie ➱Thomas Rusche von der Firma Soer auch Kunst sammelt, seinen ersten Laden aufmachte, gab es bei ihm Hemden von Guy Rover und Orian und Schuhe von Alden. Und ansonsten gab es Kiton und Caruso. Und Lederjacken. Aus dem Laden ist ein kleines Imperium geworden, und wenn es mit den Marken ein wenig nach unten gegangen ist, die Lederjacken von Uli Knecht haben einen sprichwörtlich guten Ruf.

Ein anderer Deutscher, der ein kleines Imperium hat (obwohl das ständig von der Insolvenz bedroht ist), ist Hein Gericke. Was hat der Sohn eines Berliner Chirurgen nicht schon alles gemacht? Seine Läden für Motorradfahrer gibt es überall in Deutschland, der größte Motorradhändler der Welt ist er auch einmal gewesen. Auch im Geschäft mit Luxusfahrrädern hatte er einmal sein Finger. Hier hervorzuheben ist sein leider kurzlebiges Unternehmen Hein Gericke Classics in Düsseldorf. Die hatten hervorragende Lederjacken im Angebot. Und da ich bei untergegangen Firmen bin, sollte ich noch Baldessarini erwähnen. Als die Firma (die ➱hier einen langen Post hat) noch zu Hugo Boss gehörte, machte die auch sehr gute Lederjacken.

Lederjacken sind, wie gesagt, nicht für jeden etwas. Bertolt Brecht (hier auf einem Bild von Rudolf Schlichter), der sie gerne trug, wollte mit dem Kleidungsstück wohl seine Ablehnung des bürgerlichen Establishments ausdrücken. Uwe Johnson wohl auch. Für ➱Arno Schmidt war die scheußliche grüne Lederjacke (die in seinem Werk häufiger auftaucht) wahrscheinlich nur ein praktisches Kleidungsstück. Sie ist heute in einem Museum, wie so viele andere Lederjacken von Prominenten. Heinz Rudolf Kunze, der in einem Text die schönen Zeilen hat Alle hatten sie mehr Frauen als ich. Dafür habe ich mehr Lederjacken, hat gerade eine seiner Jacken einem Museum gespendet. Auch Peter Maffay - der ohne Lederjacke nicht denkbar ist - hat schon Lederjacken für einen guten Zweck gespendet. Wo die Lederjacke geblieben ist, die Udo Lindenberg dem Erich Honecker geschenkt hat, weiß ich nicht. Aber wir kennen natürlich alle die Verse aus dem Sonderzug nach Pankow:

Honey, ich glaub', Du bist doch eigentlich auch ganz locker
Ich weiß, tief in dir drin, bist Du eigentlich auch'n Rocker
Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an
Und schließt Dich ein auf'm Klo und hörst West-Radio

John Harvey sagt in seinem ➱Buch Men in Black: This is not to suggest that street black, the youth sub-culture use of black, is necessarily fascistic, hell's angelic, or street-dangerous. The black leather-jacket, as the anti-uniform of rebels without causes, is associated not only with Brando but also with James Dean, in essence, or in myth, the non-violent, non-dangerous, tragic rebel soul. Ach, wie schnell kann man heute zu einem Nachfolger des Byronic Hero mit einer tragic rebel soul werden. Einfach eine schwarze Lederjacke kaufen, und schon ist man einer dieser rebels without causes. Ich lasse diese Uniform jetzt einmal weg, mehr kann man dazu in Mick Farrens The Black Leather Jacket lesen.

Die schwarze Lederjacke hat viel von ihrer Gefährlichkeit verloren. Die Welt von The Wild One und Scorpio Rising ist längst vergangen. Im Jahre 1958 schrieb die Zeit unter dem Titel LederjackenDer Bremer Wirtschaftssenator Hermann Wolters wurde letzte Woche auf dem Markt der Bonner Altstadt von drei jugendlichen Banditen niedergeschlagen und seiner Barschaft in Höhe von 800 DM beraubt. Wolters lag fast eine Stunde besinnungslos, bevor Passanten ihn fanden. Wichtiger Hinweis der Polizei: der Haupttäter trug eine Lederkombination, wie Motorradfahrer sie tragen. Also auch hier wieder: die „Lederjacken“. Die Polizeiberichte allüberall im Land sind voll von solchen gefährlichen Übergriffen jugendlicher Banditen. Ihr Radius ist durch die Motorisierung ziemlich groß. Daß sie in Rudeln auftreten, macht alles so gefährlich. Sie verteilen Anerkennung nach der „Kühnheit“ der Taten. Das ergibt den Straßenraub aus Angabe. Wir wissen, dass die Geschichte nicht wahr ist (lesen Sie ➱hier mehr dazu), der Bremer Senator war nur hackevoll aus einem Bonner Bordell auf die Straße befördert worden.

Der Artikel der Zeit suggeriert ein Übergreifen einer angeblichen amerikanischen Bewegung von der The Wild One nur die Spitze eines Eisbergs zu sein schien. Und so musste natürlich auch ein Film wie Die Halbstarken 1956 gedreht werden (in dem Horst Buchholz nicht mal eine Lederjacke trug) und die Furcht vor den Halbstarken geschürt werden. Der Soziologe Helmut Schelsky diagnostizierte in seinem Buch Die skeptische Generation 1957 hier schon so etwas wie eine nationale Hysterie: in dieses aus publizistischen Gründen aufgeblasene Schlagwort ist von der Jugendkriminalität über die Jugendverwahrlosung, von Jugendstreichen und -flegeleien bis zu dem Konsumrowdytum gelegentlicher Alkoholexzesse, von den Jazzfans und Beboptänzern bis zu den Motorradrasereien und den Krawallen und Aufläufen so ziemlich alles hineingestopft worden, was den Erwachsenen als "Notstand" oder wenigstens als unerfreulich, wenn nicht nur unverständlich an der Jugend wieder einmal auffiel.

Wenn wir nun schwarze Lederjacken, die der englische Dichter Thom Gunn ja einmal so gut fand, dass er das Gedicht Black Jacket schrieb (es gibt hier dazu auch noch ein ➱Video), beiseite lassen, was bleiben uns für andere Farben? Grün geht nicht, das haben wir an Arno Schmidt gesehen. Rot? Ich habe Anfang der sechziger Jahre mal einen Typ mit einer roten Lederjacke gesehen, der in einer Aufführung von Bizets Carmen einen Strauß roter Rosen auf die Bühne zuwarf und dann die Oper verließ (ich habe das schon ➱hier erwähnt), das war aber auch die einzige überzeugende rote Lederjacke, die ich je sah. Geht gelb? Ich weiß nicht. Schauen wir doch mal eben in Wladimir Kaminers Onkel Wanja kommt: Eine Reise durch die Nacht: „Tolle Jacke!“, sagte einer der Syrer, der direkt vor dem Imbisseingang stand, und zeigte auf meine dunkelgelbe Lederjacke. Ich nickte. „Ich habe euch Russen sofort bemerkt!“, gab der Syrer an. „Alle Russen tragen Lederjacken, Russen stehen Lederjacken gut“, setzte er philosophisch fort. „Ich komme aus Syrien, mir stehen Lederjacken überhaupt nicht. Meine Frau sagt immer: ‚Zieh die sofort aus, du bist zu groß für eine Lederjacke. Kauf dir lieber ein Sakko.‘“ 

Nein, Lederjacken müssen braun sein. Und aus Italien kommen. Ich hatte mal eine von Henry Cottons, die war wirklich toll. War keine echte Lederjacke, das Mittelteil und die Ärmel waren eine Wachsjacke. Auf den Ärmeln waren aber große Lederflecken. ➱Kelly verkaufte die damals in allen Farben, kostete über tausend Mark und war hier im Ort und auf Sylt Kult. Sie hat sehr lange gehalten (und ist auf tausend Photos), ich trauere ihr noch immer nach. Obwohl die Firma Henry Cottons gute Jacken macht, so etwas hatte sie nie wieder im Angebot. Ich habe mal einen Vertreter der Firma getroffen, ein reizender Mann, der Schüfftan sagte und mir seine Visitenkarte überreichte. Sie tragen einen berühmten Namen, sagte ich. Ja, der Golfspieler, erwiderte er. Von einem Golfspieler namens Schüfftan hatte ich noch nie gehört. Ich meinte natürlich den Filmpionier Eugen Schüfftan, der das Schüfftan Verfahren erfunden und den Filmklassiker Hafen im Nebel photographiert hat (und ➱hier schon im Blog vorkommt). Daniel Schüfftan wunderte sich, dass es jemanden gab, der  ausgerechnet diesen Verwandten kannte.

Mit der Firma Henry Cottons bin ich bei den Italienen gelandet. Heutzutage scheinen alle Qualitätsjacken (Leder und Stoff) aus Italien zu kommen. Wenn sie nicht aus Österreich kommen, neben Frauenschuh und Handstich muss natürlich Schneiders in Salzburg mit seinen Marken Schneiders, Amadeus und Habsburg genannt werden. Wir in Deutschland haben da nichts zu bieten. In den fünfziger Jahren machten Fausel (Wilhelmsdorf) und ➱Regent mal Freizeitjacken, aber die waren ziemlich spießig. Aber was italienische Firmen wie Capalbio (leider von Belstaff geschluckt), Herno, Valstar, Mabrun und Allegri (und wie sie alle heißen) herstellen, das ist schon Qualität. Von auf Leder spezialisierten Firmen wie LaMatta (hier eine Anzeige der Firma aus dem Jahre 1985) oder Gimo's ganz zu schweigen.

Und natürlich haben die renommierten italienischen Firmen meist auch qualitativ hochwertige Lederjacken im Angebot, auch wenn sie sie nicht selbst herstellen. Wenn Luciano Barbera Lederjacken anbietet, dann wird es schon Qualität sein. Ist es auch, ich habe seit Jahren eine. Ich will Ihnen lieber nicht erzählen, was ich bei ebay für eine nagelneue Luciano Barbera Jacke bezahlt habe. Aber den Kaufpreis der schwarzen gefütterten Gimo's Jacke, den will ich Ihnen nicht verschweigen. Das waren zwölf Euro achtunddreißig (plus sieben Euro Porto). Nagelneu. Ich habe ein Händchen für so etwas. Und es macht natürlich viel mehr Spaß, etwas Luxuriöses zu tragen, wofür man keine vierstellige Summe bezahlt hat. Das habe ich wohl schon in dem ➱Post preloved angedeutet. Aber für alle anderen muss ich sagen, dass eine gute Lederjacke preislich leider im vierstelligen Bereich liegt. Und die gibt man dann auch nicht wieder her. Wie die Sportfreunde Stiller sangen:

Ich schenke Dir, ich schenke Dir, schenk Dir mein ganzes Leben.
Meine Lederjacke kriegst Du nicht.
Ich schenke Dir, ich schenke Dir, schenk Dir mein ganzes Leben.
Meine Lederjacke kriegst Du nicht.