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Donnerstag, 23. Juli 2026

die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens

Was unseren Klassenlehrer damals dazu bewog, mit uns von Mainz aus einen Ausflug nach Germersheim zu machen, weiß ich bis heute nicht. Es waren Semesterferien, die Hörsäle der Hochschule in der ehemaligen Seyssel Kaserne waren leer. Es gab viel Grün um die Bauten, und es war landschaftlich schön. Aber warum waren wir hier? Heute weiß ich, dass in Germersheim die größte Ausbildungsstätte weltweit für Dolmetscher und Übersetzer ist. Begründet 1947 als Staatliche Dolmetscherhochschule für die französischen Besatzer, die kein Deutsch sprachen. Und die Beamten des Landes, die kein Französisch konnten. Wurde 1949 als Auslands- und Dolmetscherinstitut in die Johannes Gutenberg Universität Mainz eingegliedert und ist heute der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK).

Auch wenn ich vor über sechzig Jahren davon nichts wusste, in meinem Berufsleben wusste ich wohl, was in Germersheim passierte. Studenten, die davon träumten, Übersetzer zu werden, empfahl ich den Wechsel des Studienorts. Sie waren in Germersheim besser aufgehoben als bei uns. Übersetzer und Übersetzungen haben in diesem Blog einen großen Platz. Wenn Sie den Post Übersetzer anklicken, der von dem Übersetzer Curt Meyer-Clason handelt, finden Sie da eine Vielzahl von Links (es sind beinahe hundert), die zu Posts führen, in denen von Übersetzungen die Rede ist. Und diese Posts werden auch gelesen, der Post Anna Karenina: Übersetzungen ist über fünftausendmal gelesen worden. 

Ich schreibe das hier heute mit dieser Uhr am Arm. Es ist eine Tissot T12 aus dem Jahre 1970 mit einem Armband der Firma Gay Frères. Die Firma ist der bedeutendste Hersteller von qualitativ hochwertigen Uhrarmbändern gewesen, Patek-Philippe, die IWC und Zenith kauften dort ihre Bänder. Und das originale Band der Eterna KonTiki kam auch von Gay Frères. Mit der Uhr auf diesem Photo wollte Tissot betonen, dass diese T12 etwas ganz Besonderes war, und deshalb spendierte man ihr ein Band von Gay Frères. Diese Armbänder sind für Sammler teuer geworden, das Armband dieser Uhr kostet bei ebay schon 300 Euro. Ohne Uhr. Alles, was ebay anbietet, muss neuerdings übersetzt werden. Überall arbeitet im Hintergrund die KI mit ihren hanebüchenen Computerübersetzungen. Ich habe schon in den  Posts wie Gartenkarre und pfanni denglish (und man könnte auch den Post Bräutigam dazu nehmen) auf die fürchterlichen Ergebnisse von Computerübersetzungen bei ebay hingewiesen. Und deshalb ist diese Tissot T12 (die mal 120 Meter wasserdicht war) heute hier. Weil die ebay Computerübersetzung das Gay Frères mit schwule Brüder übersetzt. Und deshalb brauchen wir Germersheim, weil dort richtige Übersetzer ausgebildet werden, die niemals solchen Quatsch produzieren würden.

Wenn Sie nicht wissen, was das UeLEX hier bedeutet, dann kann es dafür schnell eine Aufklärung geben. Das Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX ist ein frei zugängliches, kontinuierlich wachsendes interdisziplinäres Online-Referenzwerk, das seit 2015 existiert und seit 2022 in konzeptionell und technisch überarbeiteter Form zur Verfügung steht, sagt das Online Lexikon über sich selbst.

Lexika zur Literatur, zur Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft gibt es genug. Aber ein Lexikon der Übersetzer hat es noch nie gegeben. Das Photo zeigt die beiden Herausgeber des Germersheimer Übersetzerlexikons, Aleksey Tashinskiy (links) und   Andreas F. Kelletat, mit ihrer Mitarbeiterin Julija Boguna. Die hat den Artikel zu Casimir Ulrich Boehlendorff geschrieben, der hier im Blog schon in den Posts Boehlendorff und nur einmal im Netz vorkommt. Der Artikel zu dem Freund Hölderlins ist allerdings noch ein Rumpfartikel.

Aber es gibt auch sehr lange und ausführliche Artikel, in denen all das steht, was man bisher im Netz nicht finden konnte. Zum Beispiel der Artikel über die Proust Übersetzerin Eva Rechel-Mertens von Anja van de Pol-Tegge. Die Frau, die À la recherche du temps perdu für Suhrkamp in fünf Jahren für fünfhundert Mark im Monat übersetzte, ist in meinem Blog immer wieder erwähnt worden, am detailliertesten wohl in dem Post Eine Liebe von Swann. Seit ich einen Computer besitze, habe ich versucht, ein Bild der Übersetzerin im Internet zu finden, es gab keins. Erst das UeLEX präsentiert uns ein Photo.

Es gibt inzwischen noch ein zweites Photo im Netz. Das findet sich in dem ganz hervorragenden Artikel Die Hohe Schule der Eva Rechel-Mertens von  der Übersetzerin Petra Bös, die auch in Germersheim studiert hat. Erstaunlicherweise taucht in ihrem Artikel der Name Nora Bruegmann nicht auf, bei Anja van de Pol-Tegge im UeLEX schon. Denn diesen Namen kann man nicht auslassen, weil Nora Bruegmann 2015 ihre Dissertation mit dem Titel Auf der Suche nach Welt: Eva Rechel-Mertens’ Proust-Übersetzung im Suhrkamp Verlag (1953-2002) an der Vanderbilt University vorgelegt hat. Die Doktorarbeit ist im Internet als Volltext zugänglich.

Rudolf Schottlaender, der erste →Übersetzer Prousts, der 1926 Der Weg zu Swann in zwei Bänden veröffentlichte, hat im UeLEX bisher nur einen Rumpfartikel. Das wird sich sicherlich noch ändern. Seine Übersetzung ist damals von Ernst Robert Curtius, dem Doktorvater von Rechel-Mertens, in beleidigender Form verrissen worden. Jahre später hat Schottlaender, inzwischen Ordinarius für Klassische Philologie, über dessen Antigone Übersetzung kein Kritiker ein böses Wort sagte, über Curtius geschrieben: Es fällt mir nicht ein, an der Lebensleistung Ernst Robert Curtius', insbesondere an seinem Verdienst um Proust, zu mäkeln. Nur daß eben auch er gelegentlich zum bösartigen Fachidioten werden konnte, scheint mir durch sein Vorgehen gegen meine Proust-Übersetzung erwiesen.

Die beiden deutschen Philologen Curtius und Schottlaender konnten unterschiedlicher nicht sein. Curtius tritt 1938 in die NSDAP ein, schreibt aber schon 1932 in seinem Buch Deutscher Geist in Gefahr die schlimmen Sätze: Aber die Schuld trifft nicht nur Deutsche und Deutschstämmige allein, sie trifft ebenso sehr unsere Juden, von denen leider gesagt werden muß, daß sie zum überwiegenden Teile und in maßgebender Betätigung der Skepsis und der Destruktion zugeschworen sind. Diese Juden sind von der Idee des Judentums selbst abgefallene Juden... Sie sind aber auch nicht bereit, sich dem Christentum, dem Humanismus oder dem Deutschtum zu öffnen und es aufzunehmen. Es bleibt ihnen also nur die Negation in ihren zwei Formen: Destruktion und Zynismus. Dagegen müssen wir uns wehren, weil Destruktion in einer so zerklüfteten Nation wie der deutschen zehnfach gefährlich ist. Der Jude Schottlaender überlebt das Dritte Reich nur, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet ist und es ein Gesetz über privilegierte Mischehen gibt.

Der Mediävist Curtius schreibt 1948 das große Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter und will damit vergessen lassen, was vorher war. Ähnlich reagiert sein NSDAP Parteigenosse Hugo Friedrich, der gleichzeitig sein magnum opus Montaigne veröffentlicht (dazu mehr in dem Post Montaigne en allemand). Aber Hugo Friedrich musste sich 1946 auch von dem zur Emigration gezwungenen Leo Spitzer sagen lassen: Sie können nicht ernsthaft glauben, daß die Zusammenarbeit mit Baal die Substanz des Menschen nicht anfresse. Das Leiden, das eine fortwährende Selbstreinigung mit sich hätte bringen müssen, wäre ja so stark gewesen, daß Sie hätten den Verstand verlieren müssen. Das ist es ja gerade, was uns Emigranten so unverständlich ist! Wie die Menschen in Deutschland nicht den Verstand verloren haben ... Besonders kann ich mir Übung der Geisteswissenschaften nicht vorstellen, wenn die Grundlagen des menschlichen Geistes nicht mehr bestehen. 

Die deutschen Proust Übersetzer haben sehr unterschiedliche Biographien. Schottlaender promovierte 1923 in Heidelberg mit einer Arbeit über die Nikomachische Ethik des Aristoteles. Er war noch nie in Frankreich gewesen, hatte aber einen guten Französischlehrer gehabt: Trotz Franzosenhaß wurde Französisch nach alter Tradition in unserer Schule früh und ausgiebig gelehrt. Eva Rechel-Mertens hatte Romanistik studiert, sie war fünfundfünfzig, als sie bei Suhrkamp eingestellt wurde. Da konnte sie auf eine Übersetzertätigkeit zurückblicken, die bis in die zwanziger Jahre zurückreichte. Und vielleicht hatte ihr Doktorvater sie damals schon in Gedanken als Übersetzerin der Recherche auserkoren und wandte sich deshalb voller Hass gegen den Konkurrenten Schottlaender.

Michael Kleeberg war vierzig, als er Prousts Combray übersetzte (nach Werbung des Verlags der einzig wahre Proust). Da hatte er schon viele Texte aus dem Französischen und Englischen übersetzt, ein halbes Dutzend Romane geschrieben und zwölf Jahre in Frankreich gelebt. Bernd-Jürgen Fischer war siebzig, als der erste Band seiner Übersetzung bei Reclam erschien. Er war dreizehn Jahre Dozent in der Germanistik, bevor er freier Autor wurde. Michael Kleeberg ist der einzige der Proust Übersetzer, der keinen Doktortitel hat. Vielleicht lieben ihn die Kritiker deshalb nicht.

Was über die deutschen Proust Übersetzer hier in Kurzform steht, kann man bei Nathalie Mälzer in ihrem Buch Proust oder ähnlich: Proust Übersetzen in Deutschland genauer lesen. Oder in dem zweiteiligen Forschungsbericht Proust übersetzen (I) und Proust übersetzen (Teil II) von Dietrich Leder im Netz. Der Nachlass von Eva Rechel-Mertens, den Petra Bös in ihrem Artikel bespricht, befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Ich war achtzehn, als ich Proust zu lesen begann. Ein Jahr später war ich schon beim vierten Band. Das können Sie meiner Leseliste entnehmen, die in dem Post perlegi abgedruckt ist. Mein Proust war damals natürlich der Proust von Eva Rechel-Mertens. Das reichte mir fürs Leben; ich fand es überflüssig, dass der Suhrkamp Verlag andere (wie zum Beispiel Luzius Keller) zur Überarbeitung des Textes heranzog, um das dann als die großes Ereignis zu feiern. Manche Kritiker fanden das eher eine Verschlimmbesserung. Rudolf Schottlaenders Der Weg zu Swann habe ich mit Gewinn gelesen. Man kann die Erstausgabe antiquarisch noch preiswert bekommen, aber es gibt inzwischen auch einen noch preiswerteren Nachdruck. Eine Lesefreude ist das nach hundert Jahren noch immer.


Donnerstag, 28. Dezember 2023

Sportuhren


Diese junge Dame treibt Sport, das ist die große Sache in den dreißiger Jahren. Sie trägt keine Uhr. Weshalb sollte sie eine tragen? Die Uhrenindustrie hätte das gerne, denn die hat gerade die Sportuhr für die modernen Sportler erfunden. Heute sind diese Sportuhren abscheulich groß, man kann mit ihnen den Mount Everest besteigen und in den Marianengraben tauchen. Sie halten alles aus. Als die ersten Sportuhren in den dreißiger Jahren auftauchten, waren Armbanduhren klein und knuffig. Hatten einen Durchmesser und 30 bis 32 Millimeter, vielleicht mal 33 Millimeter. Die Zeit konnte man dennoch gut ablesen, da sie klar gegliederte Zifferblätter hatten. Diese Armbanduhren waren an den Handgelenken sportlicher Menschen zu finden. Sagt uns die Werbung.

In den Anzeigen der Uhrenfirmen der dreißiger Jahre werden immer stärker Armbanduhren mit Sportlern verbunden. Auch wenn es bei dieser Omega Werbung nicht so ganz klar wird, weshalb ein Skiläufer eine Uhr braucht. Die Armbanduhrenwerbung richtet sich natürlich auch gegen die Taschenuhren. Sportler tragen keine Taschenuhren, obgleich eines Tages Uhrenfirmen Uhren für Golfer herausbringen werden, die man am Gürtel tragen kann. In der Mitte der dreißiger Jahre werden zum ersten Mal mehr Armbanduhren als Taschenuhren verkauft. 1934 werden bei der größten deutschen Uhrenfabrik Junghans täglich 1.500 Taschenuhren und 2.000 Armbanduhren fabriziert. Der Siegeszug des Zeitmessers am Handgelenk hatte begonnen. Und der fällt zusammen mit dem Siegeszug von allen Sportarten.

Nicht für alle Menschen. Mein Opa, der sein Leben lang im wilhelminischen Zeitalter blieb, hat nie eine Armbanduhr besessen. Er trieb auch keinen Sport. Opa trug noch in den fünfziger Jahren seine silberne Eterna Taschenuhr, die er am Anfang des Jahrhunderts gekauft hatte. Für die Gartenarbeit auf unserem Land hatte er noch eine billige blecherne Taschenuhr, die er beim Arbeiten an den Ast eines Obstbaums hängte. Die großen amerikanischen Uhrenhersteller gaben den Kampf Taschenuhr gegen Armbanduhr noch nicht verloren. Sie brachten jetzt kleinere, flachere Taschenuhren auf den Markt. Das sind die Uhren, die in Deutschland auf Flohmärkten als Frackuhren gehandelt werden. Ich habe solch eine Uhr von der Firma Hamilton, aber diese Qualität wird man heute nicht wiederfinden. 

Der sportliche Mensch ist ein Ideal der zwanziger und dreißiger Jahre als Begriffe wie Körperertüchtigung und Freikörperkultur die Runde machen. Als es Sportmode gibt und sogar die Herrenunterwäsche dank der Jockey Y-Fronts sportlich wird. Robert Vollmöller wird in den dreißiger Jahren eine Lizenz der amerikanischen Firma Jantzen erwerben und über die Tochterfirma Vollma Wirkwaren die amerikanischen Jockey Y-Front U-Hosen nach Deutschland bringen. 

Sport und Mode werden jetzt miteinander verbunden, damals als Suzanne Lenglen sportlich und modisch die Tennisturniere beherrschte. Und René Lacoste sich ein Krokodil auf das Tennishemd sticken lässt. Als Frauen Hosen trugen und Golf spielten. Wie Jordan Baker in Fitzgeralds Great Gatsby. Als Luis Trenker und andere Bergfexe auf die höchsten Berge klettern. Auf den Punkt gebracht finden wir das Thema Sport und Mode in dieser Anzeige aus den dreißiger Jahren, wo es heißt: Die leuchtenden Farben und ganz bestimmt den kurzen Rock wie die kurzen Haare, das alles verdankt die Frau dem Sport Muss sie nicht dankbar sein?

Neben den klassischen Sportarten gibt es jetzt auch etwas wie Motorsport, als Mercedes nicht nur die Autos für Adolf Hitler, sondern auch die Silberpfeile baut. So schön der Gedanke des orandum est, ut sit mens sana in corpore sano ist, aus der Körperertüchtigung wird schnell die Wehrertüchtigung. Und aus der Sportuhr der dreißiger Jahre wird die Militäruhr des Zweiten Weltkriegs werden. Auch der Motorsport wird jetzt zur Frauensache.

Schon 1905 hatte der britisch-deutsche Maler Sir Hubert von Herkomer etwas zum Thema Auto und Frau zu sagen. Herkomer war nicht nur Künstler, er war auch ein Wegbereiter des Motorsports in Deutschland. Für die Herkomer Konkurrenz (die man nach neunzig Jahren wiederbelebte) hatte der Maler den silbernen Pokal selbst gestaltet. Und er hat dieses schön-schreckliche Bild gemalt, das Die Zukunft heißt. Steht so auf der Bauchbinde, die über die nackte junge Dame drapiert ist. Wer diesen Wagen mit der nackten Kühlerfigur lenkt, wissen wir nicht. Das Bild von Herkomer wanderte als Photogravur auf die Speisekarte der ersten Herkomer Konkurrenz (die erste Tourenwagen Rallye der Welt) im August 1905. Für die The Motor Union of Great Britain and Northern Ireland wurde 1908 auch noch eine Silbermedaille mit der nackten und blinden Zukunft geprägt.

Und dann ist da noch Emil Jellinek, der die Daimler Autos nach seiner elfjährigen Tochter Mercédès benannt hat. Die rotgekleidete Autosportlerin aus dem Jahre 1926 auf dem Plakat da oben stammt von Edward Alfred Cucuel, der seine Plakate mit Offelsmeyer oder Cucuel Offelsmeyer zu signieren pflegte. Die Frau in dem roten Rennanzug hat es wirklich gegeben, es war Ernes Merck, die erste Deutsche, die in den zwanziger Jahren Autorennen fuhr. Und die schon berühmt war, bevor Rudolf Caracciola, Hans Stuck, Bernd Rosemeyer und Tazio Nuvolari das wurden. An dieser Stelle muss ich mal eben auf den schönen Roman Silberpfeile von Walter Kappacher hinweisen, über den ich ja immer noch mal schreiben will.

Und das hier ist ein deutsches Ideal, ein Auto. das ihr allein gehört. Virginia Woolf wünschte sich in dieser Zeit a room of my own, diese junge Dame hat a car of my own. Um so etwas in dieser Zeit sagen zu können, muss man schon zu den besseren Schichten gehören, das sagt uns diese Opel Anzeige, die Er gehört ihr allein betitelt ist: Die Sportdame ist nicht mehr abhängig von ihrem großen Wagen. Spielend erledigt sie nun die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen und findet doch Zeit täglich ihre Partie Golf zu spielen, dann, wenn es ihr passt. Dies alles verdankt sie ihrem wendigen, schönen Wagen, der ihr allein gehört. Wir nehmen mal an, dass die Golferin, die neben dem Opel Laubfrosch noch einen großen Wagen besitzt, auch die richtige Armbanduhr für das Golfen besitzt.

Die Entwicklung zur Armbanduhr hatte die deutsche Vorzeigefirma A. Lange & Söhne in Glashütte völlig verschlafen. Sie hatte den Wandel der Zeiten nicht erkannt, sie glaubte immer noch, dass man ihre goldenen Taschenuhren ad infinitum kaufen würde. Was in der Weltwirtschaftskrise immer schwieriger wurde. Wenn die Armbanduhr dann kommt, dann beziehen sie die Werke von der schweizer Firma Altus. Gut, sie bearbeiten die Werke noch ein wenig, damit die ihrem Standard entsprechen. Und sie schreiben natürlich ihren Firmennamen drauf. Erst 1945 bringen sie ihr erstes eigenes Armbanduhrenwerk auf den Markt. 

Gleichzeitig kommt ein anderes Armbanduhrenwerk auf den Markt, das auch aus Glashütte kommt, aber jetzt in einem Ort namens Ganderkesee gebaut wird. Es ist das Kaliber Kurtz 25, das erste deutsche Armbanduhrenwerk mit Breguetspirale. Wenn Sie alles darüber wissen wollen, dann sollten sie einmal den Post Kurtz lesen. Das Uhrwerk findet sich in Arctos Elite Uhren oder in Uhren, die Glashütter Tradition heißen. Die erste Serie hatte noch keine Stoßsicherung, die mit der Stoßsicherung kann man vielleicht auch für Sportuhren gebrauchen.

Man findet kaum Bilder aus den dreißiger Jahren, auf denen Athleten mit Armbanduhren zu sehen sind. Wozu auch? Ein batsman beim Cricket müsste bescheuert sein, eine Armbanduhr zu tragen. Obgleich die Werbung der Uhrenfirmen in den dreißiger Jahre suggeriert, dass man die Uhren für alle möglichen Aktivitäten tragen kann. Auch im Wasser. Ich besitze solch eine rechteckige Cyma wie auf diesem Bild, ich käme aber nicht auf die Idee, die unter Wasser zu halten. Und damit wären wir schon bei der ersten Forderung an eine Sportuhr: sie sollte wasserdicht sein. Nicht nur widerstandsfähig gegen den Schweiß des Sportlers. Die weiteren Forderungen sind, dass die Uhr gegen Stöße und den gefürchteten Bruch der Unruhwelle geschützt sind. Und antimagnetisch und temperaturunempfindlich sind.

Die erste Sportuhr, die diesen Namen verdient hat, kommt 1928 von der amerikanischen Firma Wittnauer. Sie ist 28 mm groß, man sollte wohl eher sagen 28 mm klein. Laut der Werbung ist die Uhr, die den Namen Allproof trägt, wasserdicht, stoßgesichert und nicht-magnetisch. Die Uhr hat einen Schraubboden aus Stahl, der hier als contracid bezeichnet wird. Edelstahl ist nicht gleich Edelstahl, ein künstliches Hüftgelenk hat eine andere Legierung als ein Brückenpfeiler. Hier ist man in den dreißiger Jahren am Tüfteln mit den Legierungen, was durch die Vielzahl der Aufschriften auf dem Gehäuseboden zum Ausdruck kommt: contracid, acier inoxydable, Chrom-Vanadium Stahl, Krupp Stahl, Edelstahl. 

Die Wittnauer Allproof hat eine dicke Krone, unter der eine Dichtung sitzt, das macht sie wasserdicht. Über dem einfachen 7-steinigen Werk ist ein kleiner Weicheisendeckel, der verhindert, dass das Uhrwerk magnetisch aufgeladen wird. Zur Zeit der Straßenbahnen damals noch ein Problem für Uhrenträger. Die Wittnauer sieht der schweizer Revue Sport, die 33 mm groß ist, sehr ähnlich. Und die Firma Revue Thommen, die hier ihre Uhren mit Sportlern bewirbt, ist auch der Hersteller dieser Uhr. Die Firma ist unter Reinhard Straumann die Kaderschmiede der modernen Armbanduhr. Ihr verdanken wir die Glucydurunruhe, die Nivaroxspirale, und auch das Raumnutzwerk der Urofa kommt eigentlich von Revue Thommen.

Die von Wittnauer importierte Uhr hat in Amerika ihre eigene Geschichte. Weil Amelia Earhart ihrer Wittnauer-Longines vertraute. Und weil Jimmie Mattern mit einer Wittnauer Allproof um die Welt geflogen ist. Er hat 1933 über die ✺Wittnauer Allproof nette Dinge gesagt: It gives me great pleasure to advise you that my Wittnauer All-Proof Watch was my only constant companion on my ’round the world solo flight, and it survived all hardships. It is a crashproof timepiece par excellence. After my ’plane crashed and I had to wade and swim in some of the rivers it proved absolutely waterproof. It kept up a true performance when I was lost to civilization for many days. It was a sensation with the Eskimos…who considered it something super-natural. It personifies mechanical perfection heretofore unknown to me, and when I reached New York it was correct to the minute. I banged it all around. It was dropped on concrete a number of times – still it keeps ticking away. 

I should not have believed that such a watch could be built, but my experience has shown me that too much cannot be said about this wonderful All-Proof timepiece which I recommend for hard usage. Wenn Neil Armstrong den Mond betritt, trägt er eine Omega Speedmaster, das wissen wir. Aber vorher hat er immer seine Wittnauer Allproof dabei gehabt. Wir wissen, dass er sie bei der Gemini 8 Mission getragen hat. Das hier ist Armstrongs Arm im Raumanzug, die kleine Wittnauer Allproof kann man erkennen. Er hätte sie eigentlich auch auf den Mond mitnehmen können. Die Uhr hätte das bestimmt ausgehalten.

Sportuhren sehen heute so aus, da hat sich seit der kleinen Wittnauer viel geändert. Ich weiß nicht, ob diese mit Elektronik vollgestopften Plastikmonster neunzig Jahre halten. Aber die kleine Wittnauer Allproof, die ich habe, die ist neunzig Jahre alt. Und geht immer noch.  Ich habe sie von einem Freund geschenkt bekommen, der sie auf einer Auktion ersteigerte. Im Katalog sah sie größer aus. Als er sie bekam, war er enttäuscht. Ich nicht, ich habe ihr sogar ein braunes Krokoband spendiert. Und diesen ganzen Post mit ihr geschrieben. Ob sie noch wasserdicht ist, werde ich unter der Dusche nicht testen.


Lesen Sie auch: Armbänder, Militäruhren

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Taucheruhren


Ich komme nach dem Post Superuhr noch einmal auf das Thema Taucheruhren zurück. Mein Uhrmacher hatte mir vor zwanzig Jahren eine schöne dunkelblaue gefälschte Rolex Submariner geschenkt. Und später noch ein Edelstahlband, das von einer sehr teuren Rolexfälschung stammte. Mein Bruder, dem meine Eltern zum Examen eine Rolex schenkten, sagte mir, dass mein Band besser sei als das Band seiner Rolex. Er hatte jetzt in vierzig Jahren schon das dritte Band an seiner Uhr. Vor Jahrzehnten haben sich Rolexbesitzer Edelstahlbänder der Firma Tissot gekauft, weil die besser waren als das Original. Aber jetzt, wo Rolex die Firma Gay Frères gekauft hat, hat das Elend der Rolex Armbänder vielleicht ein Ende. Leider ist meine Rolex (Nachtauslage) jetzt ein bisschen kaputt. Nicht reparierbar. Obgleich ich sie selten benutzte, sie fehlt mir irgendwie. Hat jetzt eine Funktion als Briefbeschwerer bekommen. 

Wenn ich Geld für eine Taucheruhr ausgeben wollte, dann würde ich mir bei ebay diese Zenith kaufen. Der amerikanische Händler wollte sie mir schon ein paar hundert Dollar billiger lassen nachdem ich die Uhr auf meiner Beobachtungsliste plaziert hatte. Ich finde die Uhr scharf, weil die so ganz anders aussieht als die ubiquitäre Rolex Submariner und all deren Kopien. Es gibt ja auch einige Verbindungen zwischen der Firma Zenith und der Firma Rolex, schließlich hat Zenith jahrzehntelang die Chronographenwerke (das sogenannte El Primero) für die Rolex Daytona geliefert.

Wenn man bei ebay einen Gegenstand auf seine Beobachtungsliste setzt, dann bekommt der Händler einen Ping und weiß, dass da ein  möglicher Interessent ist. Diese 43 mm große grüne Scheußlichkeit hatte ich auf meiner Beobachtungsliste. Ich wollte die auf keinen Fall kaufen, ich verglich die Uhr nur mit dieser Rolex Submariner, die auch grün ist und den Spitznamen Hulk hat. Scheint ein begehrtes Modell zu sein, die Preise klettern. Bei dieser Uhr hier fielen die Preise. Der Händler bot mir die Uhr, die wahrscheinlich aus China kommt, für 15 Euro an (Porto 2,75). 

Ich konnte dem nicht widerstehen, auch wenn ich noch nie einen Hulk Film gesehen habe und das grüne Wesen selbst in meinem Post Fantasy nicht erwähnt wird. Aber die Quarzuhr, die es auch in Blau gibt, wiegt nix und liegt gut auf dem Handgelenk. Ich mag sie inzwischen. Sie hat ein Hardlex Glas, kein Saphir Glas, aber das ist bei vielen Seikos ähnlich. Sie ist aus Edelstahl, nicht unbedingt dem Edelstahl, den die Firma IWC verwendet. Das Band ist gestiftet, nicht geschraubt. Der Barni, der mir ein paar Glieder herausgenommen hat, hat die Firma verflucht. Auf dem Stahlboden steht, dass die Uhr ein japanisches Quarzwerk besitzt und 3 ATM wasserdicht ist. Was will man für fünfzehn Euro mehr haben? Wie die Chinesen das zu diesem Preis hinkriegen, weiß ich nicht. 

Für die deutsche Amazon Seite wurde der amerikanische Text mit dem universalen Übersetzungsprogramm bearbeitet, das immer perfekten Unisinn produziert. Und das heißt dann so: DAXY Luxus-Uhr ist ein neues Ankunft für Männer. Modischer Einfachheits-Stil, exquisites Quarzwerk, macht Sie charmanter. Patentierte Quarztechnologie, schützende Mineralglasscheibe, Gehäuse aus Legierung. Gute Wahl für Feiertagsgeschenke, Thanksgiving, Weihnachtsgeschenke, Abschlussgeschenke, Vatertagsgeschenke, Geburtstagsgeschenke.Hergestellt mit Tiny Equipment Composing Technologie von DAXY Uhrenherstellung. Wasserfeste Struktur (nicht geeignet zum Schwimmen, Tauchen, Duschen usw.) Präzise Bewegung mit dem neuesten Durchbruch Armbanduhr mit goldenem Herren-Luxusgehäuse, geeignet für den täglichen Gebrauch. Speziell entworfenes Metallgehäuse mit hochwertiger Uhr. Spezielles Zifferblatt-Design zeigt Ihren modischen Blickwinkel.

Mitte der fünfziger Jahre waren die ersten wasserdichten Taucheruhren mit einer beweglichen Lünette auf den Markt gekommen: Blancpain Fifty Fathoms (1953), die Rolex Submariner (1954) und die Zodac Sea Wolf ein Jahr später. Am Ende der 1950er Jahre gab es einen ganz neuen Typ der Taucheruhren, die man daran erkannte, dass sie zwei Kronen besaßen. Die untere Krone war zum Aufziehen und für die Zeigerstellung; die obere Krone bewegte die Taucherlünette, die unter dem Uhrglas war. Nach einem Patent der Firma Ervin Piquerez S.A. (EPSA) hießen sie Super Compressor, beinahe jede schweizer Firma hatte die im Angebot. 

Renommierte Firmen wie Jaeger-LeCoultre und Longines, aber auch kleine, unbekannte Firmen verwendeten das Gehäuse von Piquerez. Die Uhren waren 35 mm groß, waren noch nicht so absurd groß wie heutige Taucheruhren. Man konnte sie in der Stadt hervorragend zur Berechnung der Parkzeit verwenden, ob man wirklich mit ihnen tauchen konnte, das weiß ich nicht. Meine Uhr ist von der Firma Hema, hat ein ETA Automatikwerk mit 25 Steinen und läuft seit Jahrzehnten ohne Probleme. Die Hema Watch Co. wurde von der Desco von Schulthess Gruppe gekauft und hieß später Maurice Lacroix. Die stellen natürlich auch Taucheruhren her, sogar solche mit zwei Kronen.

Neben den Super Compressor Qualitätsuhren gab es einen riesigen Markt von Billiguhren, die vorgaben, Taucheruhren zu sein. Manche hießen Meister Anker, die konnte man bei Karstadt und Quelle kaufen. Sie kamen aus Ruhla und hatten meistens das Kaliber UMF 24 in der Uhr. Von diesem sehr einfachen Werk hat man in Ruhla 130 Millionen Stück gebaut. Das sicherte der DDR ein klein wenig Devisen. Die nach der Wende zerschlagene VEB Ruhla ist inzwischen wiederbelebt worden, sie hat jetzt NVA Kommando Minentaucher Uhren im Programm. Ein bisschen pervers ist das schon.

Und dann gab es noch Mengen von Taucheruhren, in denen ganz billige Stiftankerwerke waren. Man erkannte sie daran, dass sie auf dem Gehäuseboden einen Taucher mit Schwimmflossen und Taucherbrille im Wasser zeigten. Das war nun das Billigste vom Billigen, auch qualitativ. Diese Cimier Taucheruhr sieht auf den ersten Blick ganz nett aus, aber wehe man öffnet sie und schaut sich das Werk an. Sie können das schrottige Werk hier sehen. Die Firma Cimier wirbt heute mit Sprüchen wie A passion for the tradition of the finest craftsmanship since 1924. Es wird nirgendwo so viel gelogen wie in der Welt der Uhren.

Der englischen Firma Smiths ging es in den sechziger Jahren finanziell nicht gut. Sie besaß zwar noch den W10 Auftrag für die Fliegeruhren der Royal Air Force, aber der war am Auslaufen. Da brachte Smiths 1968 eine solide 38 mm große Taucheruhr auf den Markt (waterproof tested 20 atmospheres) weil sie sich einen Auftrag der Royal Navy erhofften. Doch daraus wurde nichts, und so war die Smiths Astral CM4501 Diver, die Journalisten liebevoll die englische Rolex getauft hatten, die letzte englische Armbanduhr mit einem englischen Manufakturwerk.
 
Die Uhr kostete damals 15 Pfund Sterling, heute muss man schon vierstellige Summen für diese Uhr auf den Tisch legen. Ich habe meine vor dreißig Jahren für 85 Mark gekauft; und bis auf die immer etwas neben der Zeit liegende Datumsschaltung, will ich nichts Böses über diese Uhr sagen. Weshalb Taucheruhren eine Datumsanzeige brauchen, weiß ich nicht. Die Smiths sieht wirklich ein wenig wie eine alte Rolex aus. Vor allem mit dem schwarzen Horween Pferdelederband, das ich ihr spendiert habe. Auf dieser alten Anzeige wird die Uhr als skindiver's watch bezeichnet, und das gilt für all die Uhren, die bisher erwähnt wurden. Und die wir so global als Taucheruhren bezeichnen. Sie sind fürs Schnorcheln gut, sind nichts für Berufstaucher, die in der Tiefsee arbeiten. 

1961 gründete der Ingenieur Henri Germain Delauze ein Unternehmen, das Compagnie Maritime d'Expertises, abgekürzt COMEX, hieß. Er suchte schnell die Zusammenarbeit mit der Firma Rolex, und die baute ihm Uhren, die wirklich für das kommerzielle Tiefseetauchen geeignet waren. Die bekamen dann den Namen Comex auf das Zifferblatt, und wenn eine wirklich die Arbeit unter Wasser überlebt hat, dann kostet sie wie diese hier 172.000 Euro. Dafür kann man sich auch einen gebrauchten Rolls Royce kaufen. Oder das Geld an Ärzte ohne Grenzen überweisen. Die meisten Rolex Comex Uhren, die angeboten werden, sind wahrscheinlich Uhren mit einem gefälschten Zifferblatt.

Auch Omega arbeitete mit der Comex zusammen. Ihre Seamaster Professional 600 hatte den Spitznamen Ploprof (was von Plongeur Professionel abgeleitet wurde). Die Uhr war doppelt so teuer wie eine Rolex Submariner, schlug aber sämtliche Rekorde, die man mit einer professionellen Taucheruhr erreichen konnte. Bei einer simulierten Tauchtiefe von 1.370 Metern verformte sich das Gehäuse ein wenig, die Uhr funktionierte aber noch. Die Ploprof war mit einer Größe von 55 mm für den täglichen Gebrauch ein wenig unpraktisch, deshalb brachte Omega wenig später noch eine Baby Ploprof in der Größe von 38 mm auf den Markt.

Das Uhrenmagazin watchtime versichert uns: Heute werden Taucheruhren längst nicht mehr nur zum Tauchen getragen. Ihr sportlicher Look begeistert auch Menschen, die sich an Land wohler fühlen als unter Wasser. Eine Taucheruhr ist heute mitunter modisches Statement, beliebtes Sammlerobjekt unter Uhrenfans oder einfach nur ein cooles Accessoire. Das sind so die Sprüche, die ich liebe. Ähnlich werben Uhrenfirmen: Das Modell X besticht durch seine Exklusivität. Das massive Design zeigt den sportlichen Anspruch des Trägers. Ob das auch für diese potthässliche ZentRa Safari aus den siebziger Jahren gelten kann?

Die ZentRa Safari wird man schon wieder mögen, weil sie ebenso wie die Zenith da ganz oben ein wenig anders ist als der wasserdichte Einheitsbrei der Taucheruhren. Beinahe alle noch existierenden schweizer Firmen haben so etwas mit schwarzem Zifferblatt und Lünette im Programm. Viele Firmen holen historische Modelle wieder aus der Schublade, weil man ein bisschen Nostalgie immer gut verkaufen kann. Die Eterna Super KonTiki hat es als Neuauflage gegeben, die Doxa 300 Sub auch. Und bei Blancpain, die zwischenzeitlich immer mal pleite waren, gibt es bestimmt jedes Jahr wieder eine Neuauflage der Fifty Fathoms. Der. Geist,. den. es. zu. bewahren. gilt steht da auf der Firmenseite.

Noch mehr an Taucheruhren, als die schweizer Firmen anbieten können, kommen aus China. Sie haben Namen wie Parnis, Pagani Design, San Martin, Bliger, Corgeut, Bersigar oder Steeldive. Manchmal bezeichnen auch unterschiedliche Namen dasselbe Produkt. Und dann ist da ja noch die große Modding Szene, die Seikos umbaut. Diese schöne Seiko Marine Master ist nicht von Seiko, mit einer echten Seiko Prospex hat das nichts zu tun. Von Seiko ist nur das Uhrwerk. Der Rest ist custom made wie der Kunde es haben will. Anderes Zifferblatt, andere Lünette, andere Zeiger: anything goes. Seiko selbst ist erst seit 1965 mit der 62MAS im Taucheruhrengeschäft, aber eine alte Taucheruhr von Seiko, die mindestens 2.500 Euro kostet, wird niemand modfizieren wollen.

Es gibt auch in Deutschland kleine Firmen, die für den Bruchteil des Preises einer Rolex Submariner qualitativ akzeptable Uhren anbieten, die mehr als hundert Meter wasserdicht sind. Und Made in Germany auf die Uhr schreiben können. Da wären neben der Firma Sinn Spezialuhren zum Beispiel Steinhart und Marcello C. Die Firma des Architekten Günter Steinhart liefert mit der Ocean One für 500 Euro eine Taucheruhr; die Nettuno 3 von Marcello C kostet das Doppelte. Die Eichmüller Uhren für 49 Euro lassen wir mal weg, weil die alle aus China kommen. Die Firma Marcello C von Marcell Kainz hat ihren Sitz in Würselen, da wo Martin Schulz mal Bürgermeister war. Die Firma ist seit dreißig Jahren im Geschäft, und ihre Kunden scheinen sehr zufrieden zu sein. Das Signet auf ihrer Nettuno 3 ist eine zarte Welle, aus der der Dreizack Neptuns hervorragt. 

Als ich das Signet vor Jahren zum erstenmal sah, gefiel mir diese Uhr. Ich beobachtete bei ebay über die Jahre die Preise. Die Nettuno kostet neu tausend Euro, gebrauchte Uhren werden bei ebay zu Preisen zwischen dreihundert und fünfhundert Euro gehandelt. Nix für mich. Aber als ich letztens eine für hundertsiebzig (oder Preisvorschlag) sah, schlug ich zu. Habe die Uhr jetzt am Arm. Die Uhr ist zehn Jahre alt, aber in einem sehr, sehr gepflegten Zustand. Der Verkäufer hatte bei seiner Beschreibung nicht übertrieben. In der Uhr tickt ein ETA 2824-2 in der Qualität élaboré, in den neueren Modellen ist ein Selitta SW 200. Das ist ein erstklassiger ETA Klon, die ETA liefert das 2824-2 nur noch an Firmen der Swatch Gruppe (es ist übrigens auch in allen Taucheruhren der Rolex Zweitmarke Tudor). Die Uhr geht nach zehn Jahren noch chronometergenau. An der Qualität der Nettuno 3 gibt es nichts zu bemängeln. Am Preis auch nicht, vor allem weil mich die Uhr nur 155 Euro gekostet hat.

Die Bundeswehr kennt keine Dienstuhren, aber die Firma Sinn versichert uns, dass die Kampfschwimmer in Eckernförde ihre Uhren tragen. Die haben in Eckernförde schon alles ausprobiert, sie hatten Uhren von Rolex, Blancpain und Doxa im Test. Das hat mir jemand erzählt, der sich da auskannte. Bevor sie zu Sinn wechselten, hatten sie Uhren der IWC Porsche Design 2000. Der  Besitzer der Firma Sinn war vorher in einer Führungsposition bei der IWC gewesen. Es ist für die Werbung einer Uhrenfirma immer gut, wenn man auf eine militärische Verwendung hinweisen kann. Ich habe meine ganze Dienstzeit als Soldat mit meiner Konfirmations Junghans bestritten, ich habe nie einen Soldaten mit einer Taucheruhr gesehen. Heute ist das wahrscheinlich anders. 

Wenn man bei Google Taucheruhr eingibt, bekommt man zweieinhalb Millionen Ergebisse. Tausende solcher Uhren mit dem massiven Design, das den sportlichen Anspruch des Trägers zeigt, liegen bei ebay herum. Warten darauf, dass sie von richtigen Männern gekauft werden. Am Anfang des Filmes Dr No trägt James Bond, wenn er Sylvia Trench kennenlernt, eine goldene Gruen Precision. Eine Uhr für einen Gentleman, ganz besonders zum Dinner Jacket. Aber bei den Dreharbeiten in der Karibik fand der Produzent Cubby Broccoli, dass die goldene Gruen am Arm von Sean Connery etwas mickrig aussah. Und er lieh dem Hauptdarsteller seine Rolex Submariner. Seitdem tragen richtige Männer Taucheruhren. Auch wenn sie Nichtschwimmer sind.

Die Rolex blieb in den James Bond Filmen ein wiederkehrendes Element, bis sie von einer Omega abgelöst wurde. Wenn Bond in Casino Royale (2006) gefragt wird, ob er eine Rolex träge, ist seine Antwort: Omega. Diese Omega aus dem Film war einem Sammler bei der Auktion von Antiquorum 215.000 Schweizer Franken wert. War noch originaler Dreck von den Dreharbeiten dran. Sieht aus wie rote Erde auf dem Truppenübungsplatz Sennelager. Warum kauft jemand so etwas?

Aber es gibt ein Leben ohne diese Dinger. Nach einer Woche Uhrentest (ohne Dusch- und Badewannentest) habe ich die Nettuno beiseitegelegt. Sie geht zwar hervorragend, aber sie ist mir zu schwer und zu unhandlich. Sie stört mich beim Tippen. Und sie schabt die Manschetten der italienischen Oberhemden ab. Sie liegt jetzt neben der alten blauen Rolex. Wenn ich ein wenig Schwere im Leben brauche, kommt sie wieder an den Arm..

Donnerstag, 30. März 2023

Himalaya


Nein, ich war noch nicht im Himalaya. Ich habe nur einen hübschen Titel gesucht, weil ich über die Certina DS schreiben wollte, die ich am Arm trage. Es ist eine knuffige Uhr. Das DS steht nicht für Déesse wie bei Citroën (lesen Sie mehr in dem Post Göttin), das DS steht für Doppelte Sicherheit oder double security. Man wollte bei dieser Sportuhr das Uhrwerk vom Gehäuse entkoppeln, um es vor Schlägen zu schützen. Normalerweise wird bei Uhren das Uhrwerk auf das Zifferblatt geschraubt und das Ganze in das Gehäuse eingesetzt. Jeder Stoß auf das Gehäuse überträgt sich auf das Werk, dass wollte der Ingenieur Philipp Kurth verhindern. Er wählte dafür einen dicken Weichkunststoffring, der das Werk sozusagen schwimmend im Gehäuse hielt.

Zuerst waren diese Ringe schwarz, wie auf diesem Bild, später waren sie quietschegelb. Meine Certina DS hat noch nicht das, was das Erfolgsmodell Certina DS immer wieder auf dem Gehäuseboden zeigte: das Symbol einer Schildkröte. Das Gehäuse der Certina DS wurde von der Firma Huguenin Freres hergestellt, meins hat noch keine Patentnummer, sondern den eingravierten Zusatz Swiss Patent Pending. Im Archiv von Ranfft Uhren kann man genau solch ein Exemplar sehen.

Auf einer Seite für Certina Sammler kann man lesen: Trotz der klassischen Formgebung mit den Bombay-Bandanstößen war die Uhr also sehr robust. Sie hielt Stöße bis zu sechs Metern aus und war bis zu 200 Metern wasserdicht. Die ersten Exemplare, die 1959 auf den Markt kamen, hatten Dauphine-Zeiger, einen glatten Gehäuseboden, noch ohne das Schildkrötenlogo .... Ganz frühe Exemplare hatten noch einen Hinweis auf die Patentanmeldung anstelle der Patentnummer auf der Innenseite des Bodens eingeprägt. Dieses Patent (346825) bezog sich auf die elastische Halterung des Werks und wurde am 8. Mai 1958 vom Gehäusehersteller Huguenin Frères aus Le Locle angemeldet. Das mit den Bombay Bandanstößen ist völliger Quatsch, aber es hat sich eingebürgert. Eigentlich sollte bmbé da stehen, denn die Bandanstöße waren (wie bei vielen Sportuhren) bombiert.

Im Jahre 1888 hatten die Brüder Adolf und Alfred Kurth in Grenchen das Unternehmen Kurth Frères gegründet, damals hatten sie drei Angestellte, die in einem Anbau neben ihrem Elternhaus arbeiteten. 1972 hatte die Firma neunhundert Mitarbeiter und stellte 600.000 Uhren im Jahr her. Damals ging es der Firma noch gut, da hatten sie einen Großautrag der schwedischen Firma Volvo, die zum fünfzjährigen Bestehen jedem iher Mitarbeiter weltweit eine Certina Blue Ribbon mit dunkelblauem Zifferblatt schenkte. Die Certina DS war der große Erfolg der Firma Certina gewesen, von 1959 bis 1968 wurden 300.000 Uhren verkauft. Jetzt war die Blue Ribbon das Topmodell. Und Certina brachte, und das ist ein wenig freaky, die Certina Biostar auf den Markt, die dem Träger angeblich seine Biorhythmen anzeigte.

Der Name Certina, vom lateinischen certus (sicher) abgeleitet, kam erst zum 50jährigen Jubiläum 1938 auf die Zifferblätter der Uhren. Davor hatten die den Namen Grana auf dem Zifferblatt, häufig mit dem Zusatz Kurth Frères. Dieses Grana leitete sich von einer latinisierten Form des Ortsnamens Grenchen ab, einen Fussballclub FC Grana hatte die Fabrik auch. Die Brüder Kurth hatten auch schon 1906 eine eigene Krankenversicherung für ihre Mitarbeiter, das gab es nicht überall in der Schweizer Uhrenwelt. Und man sollte noch erwähnten, dass die Firma Kurth Frères eine Manufaktur war, sie bauten ihre eigenen Uhrwerke (ab 1951 auch eigene Automatikwerke). Das hat eine Firma wie Rolex das ganze 20. Jahrhundert nicht geschafft, sie wurden erst eine Manufaktur, als sie ihren Werklieferanten Aegler aufkauften. 

Hier ist der Gehäuseboden mit der Schildkröte, den meine Certina aus dem Jahre 1959 nicht hatte. Die Schildkröte sollte ein Symbol für die Widerstandfähigkeit der Uhr sein. Und widerstandsfähig waren diese wasserdichten Uhren wirklich. Man hat sie zu Werbezwecken aus einem Helikopter abgeworfen und in einen Eishockey Puck, den der Natonalspieler Rolle Stoltz mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h ins Tor befördert. Die ganze schwedische Eishockey Nationalmannschaft erhielt dann auch eine Certina DS. Es war auch werbewirksam, dass Certina die Mitglieder des Schweizer Teams unter Leitung von Max Eiselin mit den DS Uhren ausgestattet hatten; die Bergsteiger haben nämlich 1960 den Dhaulagiri (8167m) bezwungen. Meine Uhr war bei der Expedition dabei, allerdings nicht auf dem Gipfel, sondern in einer Kiste für Ersatzteile. Das hat mir der nette ältere Herr erzählt, der mir die Uhr verkauft hat. Er hatte sogar ein Photo von sich und den anderen Bersteigern. Ich glaube ihm das mal, und deshalb heißt der Post heute Himalaya

Wenn man sich 1960 eine Certina DS mit Edelstahlband gekauft hatte, dann ist das Band heute mehr wert als die Uhr. Es stammt von der Firma Gay Frères, die die besten Bänder in der Schweiz machten (lesen Sie mehr in Armbänder). Händler verlangen heute für dieses Band achthundert Euro. Die Edelstahlarmbänder von Gay Frères waren auch an den Sportuhren Zenith Defy, IWC Yacht Club, Tissot PR 516 GL und EternaMatic KonTiki. Die mit Ausnahme der KonTiki alle ein abgefedertes Werk hatten, das gab es nicht nur bei Certina. In Deutschland hatten Zentra mit dem Modell Zentra Schwebering und Junghans mit der Trilastic auch Systeme zur Abfederung des Werkes, aber diese Uhren gab es nie mit einem Gay Frères Armaband.

Eine Uhr fehlt mir in meiner Certina Sammlung, und das ist die Certina Labora aus den vierziger Jahren, die die Firma mit Pour l'Homme Actif und Die Uhr des Werktätigen bewarb. Die Werbebilder zeigten Menschen im Arbeitsalltag, für eins der Plakate bediente man sich bei Ferdinand Hodlers Bild Holzfäller. In gewisser Weise war die Labora ein Vorläufer der Certina DS. Die kostete 1960 etwa 220 Mark, eine Junghans konnte man für die Hälfte bekommen. Aber die hielt nicht solange wie eine Certina. In der großen Uhrenkrise der Schweiz ging die Certina unter wie viele andere Firmen, sie ist heute Teil der Swatch Group. Sie sind auch nicht mehr in Grenchen in der Bahnhofstraße zu Hause, sie sitzen jetzt in Le Locle. Seit dem Jahr 2013 gibt es wieder Modelle mit einer Schildkröte auf dem Gehäuseboden. Aber das ist nicht mehr dasselbe. Heute sehen alle Uhren gleich aus. Und überall ist ein ETA Werk aus Grenchen drin. In den Rolex Tudors auch.