Samstag, 10. Juli 2021

Une fillette d’un blond roux

Anna Karenina und Graf Wronski müssen noch etwas warten, ich stecke noch immer bei Proust fest. Das habe ich schon in Eine Liebe von Swann gesagt, aber es ist immer noch so. Weil ich beim Wegräumen all der Bücher, die ich für den Post aus dem Regal geholt hatte, sah, dass ich von Rudolf Schottländers Übersetzung nur den zweiten Band besaß. Warum nicht auch den ersten kaufen und lesen? Die wenigen Exemplare des Originals von 1926, die auf dem Markt waren, waren mir zu abgegriffen oder zu teuer. Warum nicht die preisgünstige Parkland Ausgabe kaufen? Die bekam ich bei booklooker von einer reizenden, gebildeten Dame für fünf Euro verkauft; Proust ist wirklich preisgünstig geworden, den Band Combray des Aufbau Verlags (Übersetzung: Eva Rechel-Mertens) kriegt man bei booklooker schon für 25 Cent. Davon habe ich inzwischen mehrere gekauft und an Freundinnen verschenkt. Und ihnen gesagt, dass man unbedingt Proust lesen muss. Gerade in den Zeiten von Corona.

Ich begann also, Combray in der Übersetzung von Rudolf Schottländer zu lesen, an dessen Übersetzungstil ich mich gewöhnt hatte, da ich gerade große Teile von Eine Liebe Swanns in der schönen Ausgabe von 1926, die mich vor vielen Jahren mal zwanzig Mark gekostet hatte, wiedergelesen hatte. An einer Stelle geriet ich ins Stolpern und fragte mich: steht das so bei Proust? Es war die Stelle, wo Marcel zum erstenmal die kleine Gilberte Swann sieht. Vorher hatten wir die poetische Beschreibung der Weißdornhecke, die ja für den Roman beinahe so prominent ist wie die berühmte Madeleine zum Tee. Und nun schaut ihn ein kleines rotblondes Mädchen mit blitzenden Augen herausfordernd an: 

Une fillette d’un blond roux qui avait l’air de rentrer de promenade et tenait à la main une bêche de jardinage, nous regardait, levant son visage semé de taches roses. Ses yeux noirs brillaient et comme je ne savais pas alors, ni ne l’ai appris depuis, réduire en ses éléments objectifs une impression forte, comme je n’avais pas, ainsi qu’on dit, assez «d’esprit d’observation» pour dégager la notion de leur couleur, pendant longtemps, chaque fois que je repensai à elle, le souvenir de leur éclat se présentait aussitôt à moi comme celui d’un vif azur, puisqu’elle était blonde: de sorte que, peut-être si elle n’avait pas eu des yeux aussi noirs,—ce qui frappait tant la première fois qu’on la voyait—je n’aurais pas été, comme je le fus, plus particulièrement amoureux, en elle, de ses yeux bleus.

Und dann kommt diese Stelle: Doch dann, als sie weitergingen, ohne sie gesehen zu haben, und mich überholt hatten, ließ sie ihre Blicke in ganzer Länge hinter mir herlaufen, freilich ohne besonderen Ausdruck, ohne daß es wirkte, als sähe sie mich, aber mit einer Unverwandtheit und einem verhohlenen Lächeln, das ich nach den mir beigebrachten Begriffen von guter Erziehung nur als einen Beweis kränkender Verachtung interpretieren konnte; und ihre Hand skizzierte gleichzeitig eine unanständige Gebärde, die öffentlich an einen Unbekannten gerichtet, nach dem kleinen Knigge, den ich in mir trug, nur einen Sinn haben konnte: den einer Schamlosigkeit.

Dinge wie verhohlenes Lächeln, kränkende Verachtung, unanständige Gebärde und Schamlosigkeit. Ich griff zur Suhrkamp Ausgabe, bei Eva Rechel-Mertens klang das nicht ganz so bösartig: schoß sie einen langen Blick zu mir herüber, der ganz ohne Ausdruck war und mir gar nicht zu gelten schien, aber so starr und mit einem versteckten Lächeln darin, daß ich ihn auf Grund der Vorstellungen von guter Erziehung, die man mir beigebracht hatte, nur als eine Bekundung äußerster Verachtung auffassen konnte; gleichzeitig machte sie flüchtig mit der Hand eine nicht ganz anständige Bewegung, die, wenn sie öffentlich einem Unbekannten gegenüber ausgeführt wurde, nach dem kleinen Höflichkeitskodex, den ich in mir trug, eindeutig eine ganz bewußte Ungezogenheit war.

Eine unanständige Gebärde ist etwas anderes als eine nicht ganz anständige Bewegung, und Schamlosigkeit ist etwas anderes als eine ganz bewußte Ungezogenheit. Rechel-Mertens glättet, das tut sie immer, dadurch macht sie Proust leichter lesbar für uns. Rudolf Schottländers Übersetzung ist ruppiger. Aber was war das für eine kleine schmutzige Gebärde, die die kleine Gilberte da macht? Wir müssen lange warten, bis uns der Erzähler die Sache verrät. Wir müssen bis zum Anfang des letzten Bandes Le Temps retrouvé warten, nach einigen tausend Seiten kommt der Erzähler noch einmal auf diese geste indécent zurück. In einem Gespräch mit Gilberte gesteht Marcel, daß er als Kind in Combray in sie verliebt war. Und er erfährt von Gilberte, daß sie ihn auch mochte (Moi je vous aimais. Et même deux fois je me suis jetée à votre tête. – Quand donc? – La première fois à Tansonville, vous vous promeniez avec votre famille, je rentrais, je n’avais jamais vu un aussi joli petit garçon) und ihn damals mit dieser unanständigen Geste dazu einladen wollte, an den schmutzigen Spielen der Kinder des Ortes in den Ruinen des Glockenturms von Roussainville teilzunehmen.

In dem Film Die wiedergefundene Zeit (✺Le Temps retrouvé) von Raúl Ruiz sind neben Marcello Mazzarella, der Proust spielt, Emmanuelle Béart als Gilberte und Catherine Deneuve als ihre Mutter Odette zu sehen. Der Regisseur hat die erste Begegnung von Marcel und Gilberte in seinem Film nicht vergessen. Die Béart ist sicher zu schön als Gilberte, man hat ja beim Lesen eines Roman immer andere Bilder der Frauen im Kopf als die, die uns eines Tages der Film präsentieren wird. Die Begegnung mit Gilberte (die vielleicht so ausgesehen haben mag wie die Béart, als die noch jung und noch kein Opfer des Schönheitschirurgen war) hinterläßt bei Marcel Spuren: Indessen ging ich weiter und trug nun für immer etwas mit nach Hause, was Kindern meines Alters kraft undurchbrechlicher Naturgesetze eigentlich noch unzugänglich war: eine erste Art von Liebesseligkeit in Gestalt eines rötlichen jungen Mädchens mit Sommersprossenhaut...

Die Wiederbegegnung mit Gilberte im letzten Band des Romans wird unserem Marcel das ganze schöne Bild seiner Jugend in Combray zerstören. Schmutzige Spiele in den Ruinen des Glockenturms von Roussainville gehörten nicht zu den Jugenderinnerungen, die Marcel hatte. In seiner langanhaltenden Liebe hat er nicht gemerkt, dass sich Gilberte ihm immer mehr entzieht. Er tröstet sich mit schönen Sätzen wie: Unser Glaube, daß ein Wesen an einem unbekannten Leben teilhat, in das seine Liebe uns mit hineintragen würde, ist unter allem, was die Liebe zu ihrer Entstehung braucht, das Bedeutungsvollste, dem gegenüber alles andere nur noch wenig ins Gewicht fallen kann. 

Und selbst, wenn er beschlossen hat, dass er sie nicht mehr liebt, kann er sie nicht vergessen. So können wir im vierten Band der Recherche lesen: Swann me quitta sans me serrer la main pour ne pas être obligé de faire des adieux dans cette salle où il avait trop d’amis, mais il me dit: 'Vous devriez venir voir votre amie Gilberte. Elle a réellement grandi et changé, vous ne la reconnaîtriez pas. Elle serait si heureuse!' Je n’aimais plus Gilberte. Elle était pour moi comme une morte qu’on a longtemps pleurée, puis l’oubli est venu, et, si elle ressuscitait, elle ne pourrait plus s’insérer dans une vie qui n’est plus faite pour elle. Je n’avais plus envie de la voir ni même cette envie de lui montrer que je ne tenais pas à la voir et que chaque jour, quand je l’aimais, je me promettais de lui témoigner quand je ne l’aimerais plus.

Es hat für Proust eine wirkliche Gilberte gegeben, die er als den Rausch und die Verzweiflung meiner jungen Jahre (ivresse et désespoir) bezeichnet hat. Céleste Albaret, die ihm den Haushalt und das Leben besorgt, sagt uns, er habe gesagt: j'étais fou d'elle. Es ist eine kleine Russin namens Marie de Bénardaky, die er beim Ballspiel auf den Champs-Élysées 1886 kennengelernt hatte. Dass er sie mag, dass er verrückt nach ihr ist, hat er ihr aber nie gesagt. In silence the heart raves. It utters words Meaningless, that never had A meaning heißt es so schön in Robert Penn Warrens Gedicht True Love. Proust schreibt seine Kinderliebe in seinen Roman: Da wir aber, wenn wir lieben, außerstande sind, als würdige Vorgänger des Wesens zu handeln, das wir sein werden, wenn wir nicht mehr lieben, können wir uns unmöglich den Geisteszustand einer Frau vorstellen, der wir trotz unseres Wissens, daß wir ihr gleichgültig sind, in unseren Tagträumen unaufhörlich, um uns glücklich einzulullen oder über unser Leid zu trösten, die gleichen Worte in den Mund gelegt haben, als wenn sie uns wirklich liebte.

Aber ist das alles wirkliche Liebe, oder steht es nur auf dem Papier? Liebt unser Marcel diese Gilberte Swann wirklich? Es gibt da eine andere Lesart: Als er es endlich schafft, in das Heiligtum des Hauses Swann einzudringen, wird deutlich, dass er in Gilberte eigentlich gar nicht deren Person, sondern die ganze geheimnisvolle Aura begehrt hat, die sich für ihn mit ihr verbindet: die Schönheit ihrer Mutter, das Prestige ihres Vaters,  die Gesellschaft ihres Salons einschließlich des bewunderten Bergotte. Die snobistische Komponente seiner Liebe zeigt sich denn auch darin, daß er diese jetzt von der Tochter auf die Mutter verlagert, ihr Besuche in Abwesenheit von Gilberte abstattet und mit ihr spazierengeht. In dem Maße, in dem Marcel sich an den Umgang mit Gilberte gewöhnt und das Geheimnis ihres Universums gelüftet ist, verblasst seine Liebe zu ihr.

Das steht in dem schönen Proust ABC von Ulrike Sprenger. In dem Post Spargel habe ich erwähnt, dass ich mein Exemplar verschusselt hatte. Ich habe die ganze Proust Abteilung aufgeräumt, aber ich fand das Buch nicht. Reclam hat das Buch gerade wieder neu aufgelegt, passgenau zum hundertfünfzigsten Geburtstag von Proust; da hätte ich eins bestellen können, ich bekomme bei dem Verlag Autorenrabatt. Aber ich wollte die alte Ausgabe haben, an die ich mich gewöhnt hatte. Ich suchte bei ebay und fand ein einziges preisgünstiges Exemplar, ich machte dem Händler per e-Mail ein Angebot. Wir gerieten e-mailmäßig ins Schwätzen, er sandte mir seine Telephonnummer und bat um einen Rückruf. Und mitten in der Nacht hatte ich mit einem Unbekannten, der sich in der Recherche gut auskannte, eine wunderbare Unterhaltung über Proust, Frankreich und die Katzen auf dem Père Lachaise. Mein Proust ABC bekam ich zum Discountpreis. Wenn Sie eine gepflegte Kunsthandlung und ein gutes Antiquariat suchen, dann kann ich Hans L. Merkle in Kirchheim nur empfehlen.

Ulrike Sprenger hat ihre Doktorarbeit über Proust geschrieben und ist jetzt Professorin für Romanistik. Sie hat auch ein Buch über Proust und die Frauen herausgegeben, das ich aber nicht besitze. Weil die Mitherausgeberin dieser Berichte eines Symposions der Proust Gesellschaft Barbara Vinken heißt, und die lese ich nicht. Punkt. Über die habe ich schon in den Posts Damenmode und Lederjacken kleine Bösartigkeiten verlauten lassen. Es gibt ein anderes Buch, das auch den Titel Proust und die Frauen hat, das hat allerdings als Autorin niemand anderen als Ursula Voß. Die ist keine Professorin und hat keinen Wikipedia Artikel, aber sie gehörte zu den Gründern der Marcel Proust Gesellschaft und ist die Proust Kennerin schlechthin. Sagt ihr Verlag, ich kann da nicht widersprechen. 

Ich habe ihr hervorragendes Buch Kleider wie Kunstwerke: Marcel Proust und die Mode schon in dem Post über die Pariser Haute Couture und in dem Post Orchideen erwähnt. Und für Proust & Gilberte habe ich ihre Bücher Proust und die Frauen und Kindheiten um Marcel Proust benutzt. Diese Dame hier, eine Prinzessin de Polignac, hat Proust natürlich gekannt. Die Kunstmäzenin, die auch einen Salon unterhält, hieß vor ihrer Heirat Winnaretta Singer. Die Prinzessin ist in die Musik verliebt wie eine Nähmaschine in den Stoff!, hat Jean Cocteau über sie gesagt. Ist nicht besonders geistvoll, das mit der Nähmaschine ist natürlich eine Anspielung auf ihre Herkunft, sie ist eine Tochter des Nähmaschinenkönigs Isaac Merritt Singer. Winnaretta Singer hat sich auf diesem Portrait selbst gemalt, als eine junge Intellektuelle mit einem Buch in der Hand. Sie wird zuerst einen Prinzen namens Louis de Scey-Montbéliard heiraten. 

Ihre Schwester Isabelle wird einen französischen Herzog heiraten und 1896 Selbstmord begehen. Hat sich aber kurz zuvor noch von Jean Béraud als Madame Récamier Replik malen lassen. Winaretta wird sich um die Kinder ihrer Schwester kümmern. Diese transatlantic marriages sind jetzt große Mode, der berühmte englische Journalist W.T. Stead (der mit der Titanic untergegangen ist) hat das als gilded prostitution bezeichnet. Die Bezeichnung hat Maureen E. Montgomery mit ihrem Buch 'Gilded Prostitution': Status, Money and Transatlantic Marriages aufgenommen. Die Töchter der amerikanischen Millonäre des Gilded Age heiraten jetzt in die europäische Aristokratie. 

Wie diese von Giovanni Boldoni gemalte Dame, über die Marcel Proust sagte: Ich sah noch nie ein Mädchen mit einer solchen Schönheit, Intelligenz, sowie Güte und Charme. Sie heißt Gladys Marie Deacon und wird Proust (der ihr Gast bei der standesamtlichen Trauung war) nach Blenheim einladen, das der Herzog von Marlborough von der Mitgift seiner ersten Frau Consuelo Vanderbilt hatte renovieren lassen. Aber Proust ist zu krank, um der Einladung zu folgen. Auf die Hochzeit mit dem Herzog hatte Gladys fünfundzwanzig Jahre warten müssen; sie war schon die Geliebte des Herzogs, als der die Vanderbilt Erbin heiratete. If I was only a little older I might catch him yet. But hélas! I am too young though mature in the arts of woman's witchcraft and what is the use of one without the other, hat sie damals gesagt. Prinzessinnen, Herzoginnen und Damen, die wir aus dem Posts Demimonde und les grandes horizontales kennen, das ist die Welt von Proust.
 
Wenn John Singer Sargent die Prinzessin de Scey-Montbéliard malt, trägt sie ein Abendkleid. Nicht von der Eleganz dieses Kleides von Worth hier, aber immerhin ein Abendkleid. Sargent wird sie nicht nur malen, er wird auch für sie Bilder von Manet kaufen. Die Prinzessin mit dem Millionenvermögen liebt Bilder von Manet. Sie wird La Lecture besitzen und den größten finanziellen Beitrag für den Ankauf von Manets Olympia beisteuern. Von dem Prinzen Louis läßt sie sich nach vier Jahren scheiden und heiratet den dreißig Jahren älteren Prinz de Polignac. Proust schreibt sie erstaunlicherweise nicht in seinen Roman hinein. Diese Dame in dem Lilienkleid von Worth schon: Ich hatte mich, in Wirklichkeit leider, dafür entschieden, die Frau zu lieben, die vielleicht die größte Zahl von verschiedenartigen Vorteilen auf sich vereinigte und in deren Augen ich deswegen nicht hoffen konnte, auch nur irgendein Ansehen zu genießen; denn sie war ebenso reich wie der Reichste, der daneben nicht auch noch adlig war, ganz zu schweigen von ihrem persönlichen Charme, durch den sie tonangebend und unter allen gewissermaßen die Königin war. Die Gräfin Greffulhe, die unerreichbar für Proust ist, wird für ihn zur Herzogin von Guermantes werden. 

Die jungen Damen mögen Gilberte oder Albertine heißen, sie mögen Kleider von Charles Worth oder Fortuny tragen, immer gilt für sie: nur gucken, nicht anfassen. Aber wie das Leben so ist, sie bleiben nicht forever young, nicht ewig jung und schön. Beim letzten Treffen mit Gilberte erkennt Marcel seine Gilberte nicht wieder, sie ist eine dicke Dame geworden: Une grosse dame me dit un bonjour pendant la courte durée duquel les pensées les plus différentes se pressèrent dans mon esprit. J’hésitai un instant à lui répondre, craignant que, ne reconnaissant pas les gens mieux que moi, elle eût cru que j’étais quelqu’un d’autre, puis son assurance me fit au contraire, de peur que ce fût quelqu’un avec qui j’avais été lié, exagérer l’amabilité de mon sourire, pendant que mes regards continuaient à chercher dans ses traits le nom que je ne trouvais pas. Tel un candidat au baccalauréat, incertain de ce qu’il doit répondre, attache ses regards sur la figure de l’examinateur et espère vainement y trouver la réponse qu’il ferait mieux de chercher dans sa propre mémoire, tel, tout en lui souriant, j’attachais mes regards sur les traits de la grosse dame. Ils me semblèrent être ceux de Mme de Forcheville, aussi mon sourire se nuança-t-il de respect, pendant que mon indécision commençait à cesser. Alors j’entendis la grosse dame me dire, une seconde plus tard : « Vous me preniez pour maman, en effet je commence à lui ressembler beaucoup. » Et je reconnus Gilberte.

Als sie noch jung und noch nicht dick war, sah sie vielleicht so aus. Auf jeden Fall auf dem Bild Gilberte Swann et des amies au Bois de Boulogne von Kees van Dongen. Das finde ich sehr witzig. Heute vor hunderfünfzig Jahren wurde Marcel Proust geboren. In der Zeit reden Barbara Vinken und Jochen Schmidt miteinander. Der Reclam Verlag und Suhrkamp machen für ihre Verlagstätigkeit Werbung im Internet. Suhrkamp kann auf die neu erschienenen frühen Erzählungen Der geheimnisvolle Briefschreiber verweisen, Reclam auf die Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer und die erheblich überarbeite Neuauflage des Proust ABC von Ulrike Sprenger. Die hat jetzt ein Vorwort von Alexander Kluge bekommen, mit dem Ulrike Sprenger bei dctp.tv zusammenarbeitet. Kluge hat da einen interessanten Gedanken:

Der Vater Marcel Prousts war ein Arzt. Er war verantwortlich für Frankreichs Abwehr der vierten und der fünften Attacke der Cholera. Eine seiner Antworten war die Quarantäne. Diese Abschottung wiederholt sich dann in den Räumen, in denen der Poet Marcel Proust, sein Sohn, lebte und arbeitete. Kork-Täfelung, schwere, schalldichte Vorhänge, Verdunkelung gegen die Werbewelt, Hysterie, die Elektrizität und Unruhe der Gegenwart: Davor schützt das abgeschottete Zimmer den Dichter. In dieser Trennung von der Aktualität gedeiht seine Einbildungskraft.
       Die Quarantäne, die wir derzeit erleben, ist nicht freiwillig gewählt. Neben der Spiegelung des Ernstes der Lage ist eine solche Quarantäne aber auch heute ein 'literarisch wirksames Instrument'. Die Abschottung begünstigt die Konzentration. Sie potenziert das Organ des Poetischen: die Introspektion. Es geht um die Neuordnung der Eindrücke, das Entstehen neuer Übersichtlichkeiten in den Labyrinthen der Erfahrung. Das ist das Thema von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für den Dichter ist die Abschottung ein Instrument der Wahrnehmung. Wie eine der Optiken im aufkommenden Zeitalter des Stereoskops, der Fotografie und des Films.
       Dem Gehäuse, in dem der Hieronymus Proust dichtet, und auch der Abgeschlossenheit, zu der wir derzeit gezwungen sind, entspricht, wie gesagt, der Cordon Sanitaire, den der Vater Marcel Prousts als Arzt entwarf. 

Proust in den Zeiten der Corona. In Essen gibt es eine Buchhandlung, die Proust Wörter+Töne heißt. Die hat auch einen Lieferservice, die bringt Ihnen Proust mit ihrem Proust-Mobil ins Haus. Die nette Dame, die mir Schottländers Übersetzung verkauft hat, hat mir gesagt, dass ihr Buchhändler in den Corona Tagen mehr Proust verkauft hätte, als je zuvor. Das hätten wir uns denken können, denn Proust hat gesagt, dass sein Buch unter den zerstreuten Geistern eine Einheit schaffen und  den verwirrten Herzen die Ruhe wiedergeben kann (il ferait aussitôt l' unité dans les esprits épars et rendrait le calme aux cours troubles).



Mittwoch, 7. Juli 2021

Les meilleurs films français

Dies ist ein kleiner Verlegenheitspost, ich schreibe an etwas Längerem, das am 10. Juli erscheinen soll, Sie ahnen schon, dass das etwas mit dem 150. Geburtstag von Marcel Proust zu tun hat. Wir bleiben aber mal eben in Frankreich. Am 7. Juli 1939 wurde in Paris Jean Renoirs Film ✺Die Spielregel aufgeführt. Da waren die Deutschen schon in Frankreich. Als der Film gedreht wurde, war noch kein Krieg, aber für Renoir war es ein Kriegsfilm. Er hat dazu gesagt: Was interessant am Film ist, vielleicht, ist sein Entstehungszeitpunkt. Es wurde zwischen München und dem Krieg gedreht, und ich machte den Film ganz beeindruckt, vollkommen eingenommen von dem Geisteszustand eines Teils der französischen Bevölkerung, eines Teils der englischen Bevölkerung, und eines Teils der Weltbevölkerung. Und ein Weg, diesen Geisteszustand zu interpretieren, hoffentlich für die ganze Welt, schien mir zu sein, nicht die Situation selbst anzusprechen, sondern eine frivole Geschichte zu erzählen. Ich suchte Inspiration bei Beaumarchais, bei Marivaux, den klassischen Autoren der Komödie. Der Film war beim Publikum ein Mißerfolg, die Franzosen waren offenbar noch nicht reif genug für diesen Klassiker. Es gab hier, genau vor sechs Jahren, schon einen langen Post, der Spielregeln heißt. Dessen Lektüre kann ich empfehlen.

Was ich auch empfehlen kann, ist die Sendung ✺Tristesse und Sehnsucht: das Kino des Marcel Carné. Gab es vorgestern bei arte, falls Sie die Doku verpasst haben, gibt es sie heute hier noch einmal. Dann haben Sie mit Renoir und Carné die Höhepunkte des französischen Films zusammen. Marcel Carné war schon häufig in diesem Blog, zuletzt in dem Post Les enfants du Paradis.

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Montag, 5. Juli 2021

Geistiges Bremen


In seinem luxuriös und geschmackvoll ausgestatteten Arbeitszimmer gesteht mir der emeritierte Bonner Ordinarius Helmut Papajewski, dass er 1930 beinahe nach Bremen gezogen wäre. Er hatte eine kleine Erbschaft gemacht, und Bremen sei ihm damals als das Zentrum des geistigen Lebens in Deutschland erschienen. Wir sind in Köln, in einem ruhigen vornehmen Vorort. Heinrich Böll wohnt um die Ecke. Hat sich furchtbar für den Bau des Hauses in dieser Gegend verschuldet, ist dann erstmal nach Irland abgehauen. Mit dem Erfolg vom Irischen Tagebuch war das Haus dann schuldenfrei. Papajewski teilt sich sein Haus mit dem emeritierten Romanistikprofessor Werner Beinhauer, der bei Leo Spitzer promoviert hat und gerade einen hohen spanischen Orden bekommen hat. Frau Beinhauer besorgt den Haushalt. Beinhauer ist ein reizender, hochgebildeter, feiner Mensch, der mir gesteht, dass er eigentlich Violinist werden wollte. Er ist auch in der Fachwelt und in Spanien berühmt, El Pais wird ihn nach seinem Tod 1983 mit einem Nachruf würdigen. Es ist 1969, draußen an den Unis tobt die Revolution. 

Das weiß Papajewski auch, er war letztes Jahr in Paris, mittendrin im Mai 1968. Hat damals eine kleine Picassographik (signiert) gekauft, von dem Honorar, das ihm Roger Asselineau noch schuldig war. Papajewski hat sich gerade bereit erklärt, seinen Ruhestand gegen eine Lehrstuhlvertretung in Kiel zu tauschen. Seine Bedingung war ein gebildeter Assistent, möglichst Kunsthistoriker, der ihn mit seinem Auto überall herumfahren kann. Das bin nun ich, mit Sondergenehmigung des Kultusministers (ich habe noch kein Examen), weil es offensichtlich im ganzen Englischen Seminar in Kiel keine gebildeten Kunsthistoriker mit Führerschein gibt. Unsere erste Fahrt führt uns mit seinem schon betagten milchkaffeefarbenen Käfer nach Bonn an seine alte Wirkungsstätte, er zeigt mir die Uni, showing off, grüßt leutselig Kollegen. Das da eben war Alewyn, sagt er zu mir. Ich sage ihm, dass ich Alewyns Buch über das Barocktheater gelesen hätte. Sie müssen nicht alles glauben, was er schreibt, sagt Papajewski. Er ist kein guter Lateiner und außerdem fährt er einen grünen DKW. Das ist offensichtlich das Schlimmste, was man in der Welt der Professoren tun kann, einen grünen DKW fahren.

Aber einem Bremer damit zu kommen, dass seine Heimatstadt ein Weimar des Nordens ist, das verblüfft mich schon. Ich ahne schon, worauf er hinaus will: Rudolf Alexander Schröder, Rilke, Kippenberg, Heymel, Marga Berck und Die Goldene Wolke, Worpswede und so weiter, dieses intellektuelle Idyll der Bremer Kulturpostkarte. Es läuft, wie ich es gefürchtet habe, darauf hinaus. Ich kann mit der Nennung von Namen und Werken mithalten. Aber außer Marga Berck und ihrem Ehemann Gustav Pauli, dem Bremer Kunsthallendirektor, interessiert mich die ganze Rudolf Alexander Schröder Clique überhaupt nicht. Das wird meinem Freund Peter in Hamburg wehtun, der mich schon mehrmals gefragt hat, warum ich nicht über RA Schröder schreibe.

Papajewski ist ein gebildeter Mann mit Stil, der großbürgerlich lebt. Er trägt Schneideranzüge, bezieht seinen Rotwein von Reidemeister & Ulrichs in Bremen und seine Marmelade von Fortnum & Mason in London. Er hat einen Leserausweis für den reading room des British Museum, da wo Karl Marx sein Kapital geschrieben hat. Er ist in den dreißiger Jahren lange in London gewesen, hat jahrelang für die Anglia den Brief aus London geschrieben. Ist während des Krieges in Italien eine Woche von der Truppe ausgebüchst, um Mario Praz in seinem Palazzo zu besuchen. Das imponiert mir wirklich, weil ich Praz (der im übrigen auch ein Kunsthistoriker von Rang ist) für den größten aller Anglisten halte. Papajewski konnte sich das erlauben, weil kein richtiger Soldat war, er war im Oberkommando der Wehrmacht für die Dolmetscherausbildung zuständig. Seinem von den Nazis amtsenthobenen Professor Theodor Spira hat er als unbezahlter Assistent die Treue gehalten. In seinen Schriften findet sich keine Spur des nationalsozialistischen Geistes. Es ist vielleicht passend, dass der auswärtige Gutachter bei seiner Habilitation, Johannes Hoops, ein Bremer ist. 

Papajewski und ich sind beide Produkte des Bürgertums, aber wir leben in Paralleluniversien. Sein London in diesen Jahren ist ein anderes als mein Swinging London, und Rudolf Alexander Schröder ist definitiv nicht meine Welt. Papajewski hätte wohl auch Probleme mit Otto Proksch. Er ist definitiv kein Arno Schmidt Leser. Wir werden uns sehr schnell fetzen. Assistenten sind für Ordinarien in dieser Zeit ja das Äquivalent von Haussklaven auf Südstaatenplantagen in der Antebellum Epoche. Nicht ich, ein steifer Bremer mit dem sturen westfälischen Kopp von Opa. Wir raufen uns aber auch schnell zusammen, jemanden wie mich hat Papajewski noch nie erlebt, ich nötige ihm einen gewissen Respekt ab. Wenn er mir eine Vergilpassage zum Übersetzen gibt (wo sind wir hier eigentlich? er will mich natürlich testen) nölt er, dass er schon mal bessere Hexameter gehört habe. Woraufhin ich beim Verlassen seines Büros den Anfang der Äneis aufsage, mit blütenrein akzentuierten Hexametern. Sowas nötigt ihm dann wieder Respekt ab. Wir werden für ein Jahr trotz unterschiedlicher politischer und kultureller Meinungen in diesen revolutionären Wirren ein gutes Team sein. Und uns noch in allen kommenden Jahren respektieren.

Und da bin ich wieder bei Rudolf Alexander Schröder und dem geistigen Bremen. Auf allen Photos trägt er einen sehr dunklen Westenanzug, ein weißes Hemd und einen silbernen Schlips. Bei Leuten wie ihm müßte das jetzt wohl Krawatte heißen. Er sieht immer aus wie ein deutscher T.S. Eliot, wie der ist er auch immer Christ. Das trägt Schröder beinahe ebenso laut vor sich her wie Manfred Hausmann, der immer durchgeistigter wird und der jetzt nicht mehr Nazi, sondern Laienprediger ist. Es ist chic in der Bremer Gesellschaft, zu seinen Weihnachtspredigten nach Farge zu fahren. War ich auch einmal, aber dann höre ich doch lieber den wunderbar polternden Pastor Hemmelgarn in Grohn. T.S. Eliot hat noch eine andere Seite, er kann witzig sein, wie man seinem Katzenbuch oder seinen Essays über die Kultur, Notes towards a definition of culture (1948), entnehmen kann. Dort definiert er die englische Kultur nicht als eine Hochkultur für Träger von schwarzen Anzügen und silbernen Schlipsen:

Es gehören dazu alle charakteristischen Betätigungen und Interessen eines Volkes: das Derby, die Henley Regatta, Cowes, der zwölfte August, eine Schlussrunde im Pokalwettkampf, die Hunderennen, der Groschen-Glücksautomat, das Wurfpfeilspiel, Wensleydale-Käse, Kohl, im ganzen gekocht und dann in Scheiben geschnitten, Rote Rüben in Essig, gotische Kirchen aus dem neunzehnten Jahrhundert und die Musik von Elgar. Und dann müssen wir mit dem seltsamen Gedanken Ernst machen, dass das, was ein Teil unserer Kultur ist, auch ein Teil unserer gelebten Religion ist.

Solche Sätze sind für die Gralshüter des geistigen Bremens sicherlich Ketzerei. Für die beginnt Bremer Kultur mit dem Gymnasium Illustre und geht dann über Otto Gildemeister bis zu RA Schröder. Dass Betty Gleim mit ihren pädagogischen Schriften und dem Bremer Kochbuch (1808) zur Kultur gehört, werden sie nicht glauben. Dass eines Tages jemand einen Doktortitel für eine Dissertation über die Kohl- und Pinkelfahrten bekommen wird, werden sie nie verstehen. T.S. Eliot hätte es verstanden.

Der Bremer Bürgermeister Johann Smidt, für viele der bedeutendste Bremer im 19. Jahrhundert, ist noch am Gymnasium Illustre gewesen, einer Institution, die es seit 1528 gibt. Zuerst eine Lateinschule, bekommt sie 1610 den Status einer städtischen Hochschule, allerdings ohne das Recht, akademische Grade verleihen zu dürfen. Der berühmte Baron Georges de Cuvier, dessen Name in goldenen Lettern am Eiffelturm steht, wird als Generalinspecteur des Bildungswesens 1811 den Vorschlag machen, diese Hochschule als Basis einer Universität zu nehmen. Es kommt nicht dazu, auf eine Uni wird Bremen noch 150 Jahre warten müssen. Das Gymnasium Illustre existiert nur noch auf dem Papier und wird dann zur Keimzelle des Alten Gymnasiums. 

Die Schüler dieser Bildungsanstalt, an die wir unsere hervorragende Kunstlehrerin Waltraud Otto verloren, werden sich in meiner Schulzeit allen anderen Gymnasiasten Bremens überlegen fühlen. Ohne jede Berechtigung. Der einzige Beitrag zur Kultur des Alten Gymnasiums wird Peter Zadeks Film Ich bin ein Elefant, Madame sein. Der Direktor des Bremer Staatsarchivs Friedrich Prüser wird in einem kleinen Büchlein, Das Bremer Gymnasium Illustre, die vergangene Bildung feiern. Nun hat ja jede Stadt, die etwas auf sich hält, eine Lateinschule mit Tradition, aber eine Schule wird es für eine kurze Zeit in Bremen geben, die es so nirgendwo gibt. Betty Gleim wird 1806 eine Lehranstalt für Mädchen gründen. Betty Gleim ist die Nichte des Dichters der Aufklärung Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Sie ist von Rousseau beeinflusst, na ja, vielleicht nicht von dessen Idee, die unehelichen Kinder im Findelhaus abzugeben. Sie wird eine Verehrerin Pestalozzis sein und wird dessen pädagogische Ideen auf die Erziehung des weiblichen Geschlechts (so der Titel ihres Hauptwerks) übertragen. Den Männern gefallen, ist zu wenig, wird ihre Devise sein, aber ihre Schule wird keine zehn Jahre überdauern, Bildung für Frauen ist für die Bremer in der Franzosenzeit kein Thema. Obgleich der Bremer Senat gerade die Amtstracht und die Perücken für Senatoren abgeschafft hat, so fortschrittlich ist er denn doch nicht. Ihr Bremer Kochbuch werden die Bremer dagegen lieben, es wird im 19. Jahrhundert dreizehn Auflagen erfahren. 

Doch Betty Gleim bleibt nicht ohne Echo, August Kippenberg wird ihre reformerischen Gedanken aufnehmen und eine Höhere Töchterschule und ein Lehrerinnenseminar gründen. Seine Söhne Anton und August zählen mit ihm zur vorzeigbaren Bremer Kulturelite, der eine durch die Gründung des Insel Verlags, der andere durch sein Wirken für das Kippenberg Gymnasium, das es immer noch gibt. Und vielleicht ist Tami Oelfken mit ihrem seltsamen Roman Maddo Clüver auch eine Seelenverwandte von Betty Gleim. 

Der Landwirt Hermann Allmers aus Rechtenfleth, der nebenbei Vogt und Deichgraf ist, hat keine Schule und keine Hochschule besucht. Sein Reichtum ermöglicht ihm private Studien und weite Reisen, Römische Schlendertage wird zum meistgelesenen Reisebuch des 19. Jahrhunderts. Er hat einen großen Freundeskreis, seine Korrespondenz umfasst mehr als 11.000 Briefe, der Allmershof wird im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einem kulturellen Zentrum Norddeutschlands. Ich lasse Allmers an dieser Stelle weg, Sie könnten natürlich jetzt mal eben den Post Marschendichter vom 2. Mai lesen. Wir können Allmers sicher irgendwo oben bei der deutschen Literatur einsortieren. Vielleicht nicht ganz oben, aber doch in Augenhöhe. Wie auch Otto Gildemeister, und den vielleicht noch höher.

Der stammt aus einer Senatorenfamilie, schreibt jahrelang wunderbare Leitartikel für die neugründete Weser-Zeitung und wird auch mehrfach Bürgermeister von Bremen sein. Das würde für Bremer ausreichen, um auf ewig in der Heimatstadt angesehen zu sein. Der berühmte Ludwig Bamberger urteilt in einer kleinen Laudatio zu Gildemeisters siebzigstem Geburtstag in der Nation 1893 über ihn: Lebte und schriebe Gildemeister in Frankreich, so wäre er ohne Zweifel Mitglied der Akademie... Wäre Gildemeister in England geboren, so säße er wohl im Parlament und wäre mehrmals Minister gewesen. Wahrscheinlich hat sich Gildemeister über diesen Artikel mehr gefreut als über das Gelegenheitsgedicht, das ihm Arthur Fitger per Telegramm sendet. Er beantwortet es mit einem ebensolchen Gedicht, auch per Telegramm. Was er an Fitger gefunden hat, wird mir ewig schleierhaft bleiben. 

Schon als Pennäler übersetzt Gildemeister Literatur aus dem Griechischen und Lateinischen. Und das ist mir richtig unheimlich: ich habe mit achtzehn versucht, Walt Whitmans Leaves of Grass zu übersetzen (das kleine grüne Klebeschildchen von Otto & Sohn ist immer noch im Buch), habe aber nach zwanzig Seiten aufgegeben. Gildemeister wird in Berlin bei Ranke, Lachmann und Jacob Grimm studieren, ist ebenso wie Fontane Mitglied im Tunnel über der Spree. Seine Freunde bewegen ihn, sich von der literarischen Produktion abzuwenden und sich dem Übersetzen zu widmen. Und das wird er tun: zwölf Dramen von Shakespeare sowie alle Sonette, sechs Bände Lord Byron, Dantes Divina Commedia und Ariosts Orlando Furioso. Letzteres bietet sich in einer Stadt, die den Roland als Wahrzeichen hat, natürlich an. Allein dieses übersetzerische Werk sollte einem Ehrfurcht abnötigen. 

Und dann sind da noch neben seinen Briefen die Essays, über die der Autor 1860 sagt: Das Genre des Essays steht und fällt mit einer gewissen formellen Vollendung. Otto Gildemeister, der manchmal unter dem Pseudonym ‚Giotto’ schreibt, beherrscht diese formelle Vollendung, die sich an den Engländern geschult hat. Die Essays sind keine Sprachspielereien, obgleich der Autor an Witz und Ironie einiges zu bieten hat, sie haben eine moralische Komponente. Der liberale Gildemeister, der auch als Politiker eher an der Seite der Linken zu finden ist, hat nichts von dem retrospektiven patriotischen Ingrimm der Bismarckzeit. In einer Rezension zu einer Napoleon Biographie im Jahre 1893 schreibt er: Wir haben in unserer Geschichte keinen Napoleon, aber an Beispielen unkritischer Heroenverehrung fehlt es auch bei uns zulande nicht. Der Satz hat noch heute seine Gültigkeit. Den gefährlichsten Text dieser Zeit, Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher, mit seiner völkischen Innerlichkeit erledigt er im Vorbeigehen, wenn er Gustav Wustmanns Allerhand Sprachdummheiten bespricht: Nicht Rembrandt, sondern Dr. Gustav Wustmann heißt der Erzieher der Deutschen. Dieser Stadtbibliothekar und Archivdirektor in Leipzig hat unter dem Titel 'Allerhand Sprachdummheiten' ein Büchlein ausgehen lassen, dessen Wert sich zu dem Pseudo-Rembrandt, obwohl es wie dieser nur zwei Mark kostet, ungefähr so verhält wie der Nutzen eines Leuchtturm zu dem eines Feuerwerks.

Obgleich er mit Wustmann, wie er in vielen Artikeln zeigen wird, in der Kritik an der Gegenwartssprache (und darin ist Wustmann ein Vorläufer von Eduard Engel und Ludwig Reiners) übereinstimmt, lässt er dem Verfasser dessen antijüdische Haltung niemals durchgehen. Gegen das schlechte Deutsch, das Wustmann in der Sprache der jüdischen Journalisten festmacht, schützt weder Taufwasser noch germanische Abstammung. Und er wird weiter sagen, dass nämlich wenige Juden gut, die meisten schlecht schreiben und dass es bei den Christen sich ebenso verhält. In Bremen wird der Bürgermeister Smidt, angeblich der bedeutendste Bremer, verhindern, dass Juden das Bürgerrecht bekommen. In Bremen ist man stolz darauf, dass man keinen jüdischen Abgeordneten zur Frankfurter Nationalversammlung delegiert hat. Hamburg hat das getan. Gildemeister wird für Toleranz und Gleichstellung eintreten. Aber wir wissen, dass seine Haltung sich nicht durchsetzen wird. Rembrandt als Erzieher wird mehr als achtzig Auflagen erleben. Die schöne Ausgabe der Essays von Gildemeister, die Rütten & Loening 1991 unter dem Titel Allerhand Nörgeleien herausgebracht haben, wird zurzeit im modernen Antiquariat verramscht.

Wir haben im 19. Jahrhundert noch einen bedeutenden Dichter in Bremen, von dem allerdings niemand weiß. Das wird nicht verwundern, er ist kein Bremer, nicht mal ein Deutscher. Er ist ein Schwede, der seine Heimat verlassen hat, weil er eines Giftmordanschlags verdächtigt wurde. Er geht nach Amerika, aber aus seinem amerikanischen Traum wird nichts. Er lebt in bitterer Armut, kratzt mal gerade das Geld für eine Schiffpassage nach Bremen zusammen. Dort wird er noch ein Jahr bis zu seinem Tode unter dem angenommenen Namen Professor C. Westermann leben. Sein wirklicher Name ist Carl Jonas Love Almqvist, er gilt als einer der Begründer der modernen schwedischen Literatur. Sein Roman Die Woche mit Sara aus dem Jahre 1839 ist immer noch aufregend neu.

Eine fünfundsechzigjährige Dame, ihr Mann ist gerade gestorben, zwei ihrer Kinder haben in dem letzten Jahrzehnt Selbstmord begangen, findet in einem Koffer ein Bündel Briefe, beinahe ein halbes Jahrhundert alt. Es sind die Briefe an ihre beste Freundin, die bald darauf gestorben ist. Und Briefe an ihre erste große Liebe, den Mann, den sie nicht heiraten darf. Nach langem Zögern wird sie die Briefe, redigiert von einem Freund ihres Mannes für eine Publikation vorbereiten. Ihr letzter Sohn fällt im Kriege. Als das Buch erscheint, ist sie fünfundsiebzig. Das Buch wird ein Bestseller. Courths-Mahler? Rosamunde Pilcher? Nein, es ist das wirkliche Leben der Magdalena Melchers, einer Bremer Kaufmannstochter, die ihren englischen Cousin Percy Rösing nicht heiraten darf. Sie wird den Sohn des Bremer Bürgermeisters Dr Alfred Pauli, den Kunsthallendirektor Gustav Pauli, heiraten. Ihre große Liebe wird in Amerika Selbstmord begehen. Hätte Theodor Fontane dieses Leben gekannt, er hätte es ohne Zögern in einen Roman geschrieben, so wie er es schon mit Effi Briest und Graf Petöfy getan hat. Uns bleibt der Briefroman Sommer in Lesmona. 1951 unter dem Pseudonym Marga Berck bei Christians in Hamburger erschienen, ediert von dem Hamburger Senator Hans Harder Biermann-Ratjen (den die Nazis 1936 als Vorstand des Kunstvereins abgesetzt hatten). Kurz darauf wird der Roman bei Rowohlt als Taschenbuch erscheinen. Marga Berck hat ihrem Roman ein Gedicht von Lamartine vorangestellt:

Le livre de la vie est le livre suprême
Qu’on ne peut ni relire, ni fermer à son choix.
La fatal feuillet se tourne de lui-même
Et le passage adoré ne se lit pas deux foix.


Ein Gedicht, das seine Sentenzenhaftigkeit angesichts der wahren Geschichte verliert. Wenig später wird die Autorin einen weiteren Band Jugenderinnerungen, Die goldene Wolke: Eine verklungene Bremer Melodie, folgen lassen. Mit diesem Buch erinnert sie an eine Vereinigung junger Bremer Kaufleute, Juristen und Schriftsteller, die um die Jahrhundertwende das geistige Niveau der Gesellschaft heben wollten.

Und damit sind wir wieder bei Helmut Papajewskis Bremen-Bild, denn das Wirken der Goldenen Wolke ist ja um 1930 noch Gegenwart, keine Vergangenheit. Rudolf Alexander Schröder (für Marga Berck damals noch Rudi), sein Cousin Alfred von Heymel und Gustav Pauli bilden die Kernzelle, ständige Gäste werden Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt, Eberhard von Bodenhausen und Harry Graf Kessler sein. Dies ist das Bremer Äquivalent zu den Souls, der Gruppe um Duff Cooper und Lady Diana Manners oder der späteren Brideshead Generation. Und sicherlich ein höherer Beitrag zur Kultur als Arthur Fitger. Den erwähnt man in diesen Kreisen überhaupt nicht mehr, man hat sich eher den Worpswedern zugewandt. Ein halbes Jahrhundert nach der Gründung der Gruppe wird sich ein kleiner Rest von Überlebenden im Bremer Essighaus treffen, Rudi Schröder wird die Festrede in Form eines Gedichts halten.

Mein Opa hat sich auch einem Worpsweder zugewandt, obgleich er nicht zur Welt der goldenen Wolke gehört. Aber der Maler Fritz Overbeck ist von Worpswede nach Vegesack gezogen. Ich bin doch nicht sentimental, hat er lakonisch gesagt, als man ihn fragte, ob er Worpswede nicht vermisse. Na ja, es ist nicht ganz Vegesack. Etwas außerhalb, Bröcken heißt die Straße heute nach dem kleinen Hügel, auf dem Overbecks Villa Sechslinden steht (die Straßen daneben heißen neuerdings Overbeckstraße und Overbecks Garten). Overbeck kauft die Villa 1905, nicht zuletzt wegen der schönen Lage mit großem Garten und kleinem Wäldchen. 

Sein Sohn Fritz Theodor wird sie in seinen Büchern Eine Kindheit in Worpswede und Kattenhorns Pferd: Fabeleien um das alte Worpswede (zwei Bestseller in Bremen) beschreiben. Opa und Overbeck gehen jetzt manchmal sonntags zusammen spazieren, der junge Lehrer und der Maler. Ich vermute mal, dass die beiden sich in Opas Loge Schlaraffia kennengelernt haben. Meine Mutter wird in den fünfziger Jahren noch jede Woche mit einem großen Topf Eintopf bei Overbecks Tochter (für meine Mutter immer das Fräulein Overbeck) vorbeifahren, die wohnt einsam in dem großen Haus, in dem ihr Vater gestorben ist, umgeben von hunderten von Bildern ihres Vaters (und ihrer Mutter Hermine, die auch eine begabte Malerin war), die nicht zuende gemalt worden sind. Die Farbe bröckelt ab. Worpsweder sind für den Kunstmarkt in dieser Zeit kein Thema. 

Sommer in Lesmona ist in den fünziger Jahren Pflichtlektüre in Bremen, man kann immer noch auf den Spuren der Hauptfiguren durch St Magnus wandern, die Villen und Gärten an der Lesum sind größtenteils erhalten. Aber bevor wir in Nostalgie mit dieser bittersüssen love story der jeunesse dorée ersaufen, sollten wir auf einen anderen Briefroman blicken. 1982 schickt mir meine Freundin Heidi, die auch aus dem Bremer Großbürgertum mit Haus in Sankt Magnus kommt aber gerade ihre kommunistische Phase hat, einen Paperback aus dem Pahl-Rugenstein Verlag. Wenn irgendein Verlag 1982 links ist, dann ist es Pahl-Rugenstein. Es trägt Heidis handschriftliche Widmung dem Bremer ein wichtiges Sachbuch. Es sind die Briefe des Bremer Maurers Robert Pöhland an seine Ehefrau Anna, von 1915 bis zum Tode Robert Pöhlands 1916 in Courcelles. Beide sind überzeugte Sozialdemokraten und sind aktiv in der Gewerkschaftsbewegung. Dort kämpft Anna Pöhland an der Seite von Fräulein Helene Schweida, die wenig später Wilhelm Kaisen heiraten wird. Die Pöhlands im Krieg, so der Titel des Buches, steht bei mir im Regal neben Sommer in Lesmona. Eigentlich war es ein Zufall, dass ich das Buch da hingestellt habe, aber jetzt erscheint es mir schon symbolisch für Bremen zu sein.

Es ist eine andere Welt als die der Millionärskinder aus der bremischen High Society, aber vielleicht ist diese Welt wichtiger als der Schwanengesang einer elitären Kultur. Nachdem Gottfried Benn Gustav Paulis Lebenserinnerungen aus sieben Jahrzehnten gelesen hat, wird er in einem Brief an seinen Bremer Freund und Mäzen Friedrich Wilhelm Oelze urteilen: Seltsame Welt, - das Ganze! Und er fügt hinzu: Es muss eine sehr verbindende, Ketten schmiedende Welt gewesen sein, die kaum jemanden losliess, der sich nicht mit sehr elementaren Kräften von ihr trennte. Was wäre Benn ohne den Bremer Großhandelskaufmann Oelze geworden? Ihr Briefwechsel geht über ein Vierteljahrhundert vom Anfang der dreißiger Jahre bis zu Benns Tod. Lassen wir die Geschenke und die Geldzuwendungen einmal außer acht, mit denen die Synthese aus Oxford und Athen ihren Schützling unterstützt, in dieser Zeit ist Oelze der einzige, mit dem Benn auf Augenhöhe kommunizieren kann. Und der wird nebenbei auch noch Rudolf Borchardt unterstützen, der ist ja beinahe schon Bremer, auch wenn er in der Toskana lebt. Er ist befreundet mit Schröder, Mitbegründer der Bremer Presse und hat die Tochter eines Miglieds der Goldenen Wolke geheiratet. Wenn wir diese Bremer Millionäre nicht hätten, die nebenbei die Kultur finanzieren, was hätten wir dann?

Uns fehlen die Juden, sagt eine Romanfigur in Josef Kasteins Melchior: Ein hanseatischer Kaufmannsroman: 'Bremen ist eine Stadt, die noch wächst.' 'Lass dir gesagt sein, Vater sie wächst nicht. Nicht mehr. Sie kann Geld und Ware, vielleicht auch Kultur stapeln und diese und jene Industrie bekommen. Das ist alles. Der Teig ist fertig geknetet. Aber er geht nicht auf. Es fehlt die Hefe dafür.' 'Was meinst du mit Hefe?' 'Die Juden meine ich.' 'Gott soll uns bewahren!' rief Albert Krämer entsetzt. 'Amen,' fügte der Sohn trocken hinzu. 'Warum ist Hamburg größer geworden als Bremen? Nicht nur, weil es näher am Meer liegt.'

Bei den Krämers, die Arbeiter und Sozialdemokraten sind, prallen die Generationen aufeinander, bei den Melchiors in der Contrescarpe auch. Die Melchiors sind kaum verhüllt die Kaufmannsfamilie Melchers (die auch in der Contrescarpe wohnt), aus der die Autorin von Sommer in Lesmona stammt. Der Roman Melchior: Ein hanseatischer Kaufmannsroman zeigt das upstairs, downstairs von Bremen. Es ist ein bremisches Sittenbild, aber eines, das nicht nur von der Welt der Villen lebt. Es ist kein großer Roman, er reicht als Literatur nicht an die Buddenbrooks heran, aber als Ideenroman bietet er einiges. Wenn der Roman 1927 in Bremen erscheint, wird Dr Julius Katzenstein (so der Geburtsname des Schriftstellers) seine Anwaltskanzlei schließen und nach Ascona ziehen, der Anteil der jüdischen Bürger macht da gerade 0.4% der Bremer Bevölkerung aus. Er wird ein unstetes Leben führen, 1935 nach Palästina übersiedeln, aber dort auch nicht glücklich werden. Er wird bedeutende zionistische Bücher schreiben, die bei dem Bremer Ernst Rowohlt und später bei Löwit in Wien erscheinen, bis beide Verlage geschlossen werden. 1942 wird in Haifa sein letztes deutschsprachiges Werk, Eine palästinensische Novelle erscheinen, im gleichen Jahr stirbt seine Mutter im KZ Theresienstadt. Siebzig Jahre nach der Erstpublikation wird der Johann Heinrich Döll Verlag in Bremen den Roman Melchior wieder auflegen.

Der Roman taucht im Literaturverzeichnis eines Buches mit dem Titel Bremen im Spiegel der Literatur von Johann-Günther König unter der Rubrik Heimatromane von literaturhistorisch zumeist geringer Relevanz, die nicht berücksichtigt wurden auf. Dagegen ist Wilhelm Buschs Fipps der Affe dem Verfasser ein ganzes Kapitel wert. Dieses Kompilationswerk wendet sich journalistisch parlierend an einen an Bremen interessierten Leser und serviert kleine Literaturhäppchen. So weit, so nett. Aber mit einem anspruchsvollen wissenschaftlichen Apparat versucht der Verfasser, der kein Literaturwissenschaftler ist (er schreibt ansonsten Bücher über alle Themen, von Irish Pubs bis zur Wirtschaftskriminalität), dieser Blütenlese den Schein der Wissenschaftlichkeit zu geben. Und da wird es eben peinlich. Zumal Leute wie Allmers oder Gildemeister bei ihm nicht mal erwähnt werden. Gerd-Peter Eigners Roman Brandig kennt er auch nicht.

Und erst recht nicht den Lehrer Dr Konrad Weichberger, der auch lange vor ihm die erste Anthologie von Erwähnungen Bremens in der Literatur (Das Bremer Gastbett 1908 bei Leuwer) herausgebracht hatte. Und der mit seiner leider viel zu kurzlebigen Literaturzeitschrift Die Welle in den zwanziger Jahren die deutsche Literatur bereichert hat. Wenn es nicht 1990 bei einem Bremer Verlag namens Der Stint den Versuch einer Gesamtausgabe und eine Biographie von Jan Osmers gegeben hätte, wäre er wohl völlig vergessen. Na, nicht ganz. Ein kurzes Gedicht hat dank Kurt Tucholskys Lob die Zeiten überdauert, auf jeden Fall die erste Strophe: Laß Du doch das Klavier in Ruhe Das hat Dir nichts getan Nimm lieber Deine Gummischuhe Und bringe mich zur Bahn. Es ist natürlich wieder einmal der Grabbelkasten vom Antiquariat Eschenburg gewesen, in dem ich Die Welle gefunden habe, die ich inzwischen schon (einschließlich der Werbung) beinahe auswendig kann. 

Ich habe meine Schwierigkeiten, den ordinierten Laienprediger Manfred Hausmann im Anschluß an Josef Kastein zu erwähnen, aber sie schreiben zur gleichen Zeit. Hausmann hat ja in meiner Jugend in Bremen seine Anhänger, wir alle sind mit Lampioon: Abenteuer eines Wanderers und Abel mit der Mundharmonika großgeworden. Der Besitzer des besten Kieler Antiquariats, Harald Eschenburg, hält offensichtlich nicht so viel von Hausmann, er zeichnet die Erstausgaben von Abel mit der Mundharmonika immer mit einer Mark aus. Kaufe ich immer, verschenke ich an Bremer mit dem Zusatz Erstausgabe. Wenn man mit den Eltern auf dem Sonntagsspaziergang in Rönnebeck spazieren geht, muß man immer ganze leise sein, wenn man an seinem Haus vorbeikommt, da wohnen zwei Dichter nebeneinander, Alma Rogge und Manfred Hausmann, und die dichten, die darf man nicht stören. Es ist erstaunlich, dass jemand, der sich immer wieder den Nazis angedient hat und während des zweiten Weltkriegs für eine Vielzahl von Naziorganen geschrieben hat, sich plötzlich 1945 zum Zentrum der Inneren Emigration erklärt. In der Olympia-Zeitung von 1936 hatte er noch über den schwarzen amerikanischen Olympiasieger im Hochsprung geschrieben: Wissen und Ahnen. Leben aus dem Kopf und Leben aus dem Blut... Die Vollendung des Wissenden, der Allwissende, ist der Gott. Und die Vollendung des Ahnenden, das Instinktwesen, ist das Tier. Klingt auch ein bisschen wie Ernst Jünger. Gott gibt es nur für Weiße, nicht für schwarze Tiere. Nach dem Krieg wird Hausmann als erstes den Emigranten Thomas Mann attackieren und Lügen über ihn verbreiten. Aber man darf ja nichts gegen Hausmann sagen, weil der schon einen Heiligenschein trägt (obgleich das mit dem schwarzen Tier eigentlich nicht so ganz in das Menschenbild der evangelischen Kirche passen kann). 

Er wird als Jurymitglied verhindern, dass Günter Grass für die Blechtrommel den Bremer Literaturpreis bekommt. Immer wieder tritt die Erzählung in jene verbotene Sphäre ein, wo sich Ekel und Sexualität, Tod und Blasphemie begegnen, hieß es in der Begründung der Ablehnung. Mit dem Argument kann man viele Bücher verbieten, Ekel und Sexualität, Tod und Blasphemie finden sich auch in der Bibel. Ich habe Hausmann, den ich zweimal erlebt habe, instinktiv nie gemocht. Ich bin auch nie damit glücklich gewesen, dass das Bürgertum der Adenauerzeit ihn und Schröder zu den Lordsiegelbewahrern der Bremer Kultur erhoben hat. Und immer, wenn ich Zweifel habe, dass ich ungerecht gegenüber diesem Mann bin, greife ich zu einem unscheinbaren Pappbändchen. Es heißt Museum-Heute und ist 1948 bei Trüjen in Bremen (dem Verlag von Trude Wehe) erschienen, die erste Publikation der Kunsthalle nach dem Krieg. Darin ist eine Interpretation des Rembrandtbildes vom Apostel Paulus von Manfred Hausmann. Und wenn man die gelesen hat, dann ist einem richtig schlecht. Egal, ob man Kunstgeschichte studiert hat oder nicht. Das Bild ist ein Geschenk vom Pariser Bankier John Harjes aus dem Jahre 1911. Es ist kein Rembrandt, es ist von Jan Lievens. Aber zu der Zeit, als Günter Busch Direktor war, blieb diese falsche Zuschreibung unter dem Bild. Irgendwie hat Busch kein glückliches Händchen mit seinen Rembrandts.

Ein Bremen-Roman läuft in den fünfziger Jahren völlig an den Bremern vorbei, wahrscheinlich, weil sie den als eine Art Netzbeschmuzung empfunden haben. Es ist Rudolf Lorenzens Alles andere als ein Held, 1959 bei Ullstein erschienen und dann 1982 für die Taschenbuchausgabe 1982 vom Autor überarbeitet. Sebastian Haffner war sich 1965 nicht sicher, ob Alles andere als ein Held nicht der beste Roman irgendeines heute lebenden deutschschreibenden Autors ist, Petra Kipphoff fühlt sich in der Zeit an Thomas Mann erinnert, die internationale Presse feiert den Autor. 1961 erscheint in London eine englische Ausgabe, kurz darauf eine in den USA. Und in Bremen verkündet die Bremer Nachrichten ihren Ekel gegen die miserable, undiskutierbare Lebensschilderung eines Jammerkerls, der um sich die Namen bremischer Tradition versammelt, ohne dass je von hanseatischer Würde die Rede ist.

Allenthalben Ekel, die Sprache der Rezensenten klingt ein wenig wie aus einer anderen Zeit. Was in Bremen leider nicht so sehr verwundert. Wenn ein Drehbuchautor von Nazipropagandafilmen Chefredakteur des Weser Kurier wird und der leitende Kulturbeamte Bremens Dr Eberhard Lutze heißt. Die größte Leistung dieses Kunsthistorikers war es, den Veit Stoß Altar in Krakau (da wo er überall die Verpolung und Verjudung zu beklagen hat) abzubauen und in den geplanten Staatsdom der Stadt der Reichsparteitage zu überführen. Der Spiegel holt 1968, als Lutze den Vertrag von Kurt Hübner nicht verlängern will, noch einmal die ganze Nazivergangenheit von Lutze heraus, aber das interessiert in Bremen nicht. Dieser Mann, der in seiner Entnazifizierungsakte als an sich schwacher Charakter, der sich der Macht anschließt, um Geltung zu bekommen beschrieben wurde, bestimmt zwanzig Jahre lang die offizielle Bremer Kultur. Alle Parteien mögen diesen Opportunisten. Und die Bremer tun so, als sei er der reinkarnierte Friedrich Althoff. Erst Ende 1969 wird man ein wenig nachdenklich. Da hat man Lutze gerade zum Vorstandsvorsitzenden der von Günter Busch initiierten Gerhard Marcks Stiftung gemacht. Der Bildhauer, von den Nazis mit dem Stempel Entartete Kunst versehen, erhebt Einspruch. Wie kann einer, der den Nazis als Kunsthistoriker willig gedient hat, solch ein Amt bekommen? Wie kann er es annehmen? Darüber sich jetzt zu unterhalten, das geht zu weit, lässt er den Spiegel wissen. Am 16. Dezember 1969 tritt er von seinem Amt als Vorsitzender der Gerhard Marcks Gesellschaft zurück. Auf seiner Stelle als Leitender Regierungsdirektor bleibt er bis zur Pensionierung.

Wir werden in Volksschule und Gymnasium zur Demokratie erzogen, diese politische Bildung unserer Schulen ist erstklassig, unser Gymnasium wird überdurchschnittlich viele Politiker aller Parteien produzieren (auf manche bin ich nicht stolz). Man bringt uns in der Schule bei, dass sich die jahrhundertealten hanseatischen Werte auch gegen das Dritte Reich behauptet hätten, aber das ist vielleicht ein wenig blauäugig. Was wäre aus der Stadt geworden, wenn wir jemanden wie Friedrich Althoff gehabt hätten? Mein Feld ist die Welt, hat ein Hamburger gesagt, kein Bremer. Das Wort vom Rom des Nordens ist seit 1060 nicht mehr gebraucht worden. Von Otto Gildemeisters schönem Spruch am Schütting buten und binnen, wagen und winnen, gilt nur noch das binnen, die Bremer sind zu selbstgefälligen Pfahlbauern geworden. Albert Krämers Sohn in Kasteins Roman Melchior hat mit seiner Analyse Recht. Wenn es nach Opa ginge, dann liegt die ganze kulturelle Misere in Willy Dehnkamp begründet, der 1951 Kultussenator wird und das für fünfzehn lange Jahre bleibt. Wenn es ein bête noir für Opa gibt, dann ist das der Nietenklopper Dehnkamp vom Vulkan, es ist die Verachtung des konservativen Bildungsbürgertums gegenüber dem sozialdemokratischen Arbeiter. Da kommen noch die Reste der zwanziger Jahre bei Opa durch, wo der Lehrer und Stahlhelmführer sonntags zur Machtdemonstration mit seinen Frontsoldaten durch Bremer Arbeiterviertel marschiert ist. Um zu zeigen, wem die Straße gehört. Das ist in der Phase, bevor der Stahlhelm jede Macht verliert. Und die SA Leute in den Bremer Kneipen singen Und kommt der Stahlhelm ins Lokal, tritt ihn ins Arschloch noch einmal. Dass die Gestapo Dehnkamp für Jahre ins Gefängnis gebracht hat, kümmert Opa nicht sonderlich. 

Willy Dehnkamp ist sicherlich eine ehrliche Haut, und er wäre in einem anderen Ressort als dem der Kultur vielleicht auch erfolgreich gewesen. Oder glücklich. Er ist ja gutwillig, zum Beispiel in Fragen der Schulreform, er scheitert am Parteiengezänk, beziehungsweise dem Gezänk seiner eigenen Partei. Denn wenn irgendeine Partei gut darin ist, ihre eigenen Leute zu demontieren, dann ist es die Partei, die irgendwo das Wort Solidarität in ihrem Programm hatte. Er wird den Eklat bei der Verleihung des Bremer Literaturpreises an Ernst Jünger mit einer freundlichen Rede zu entschärfen versuchen, aber der arrogante Geistesmensch geht nicht auf den Arbeiter ein. Obgleich er in den dreißiger Jahren über den Arbeiter an sich philosophiert hat. Dehnkamp wird zu einer Spottfigur, selbst für die eigene Partei. Und nicht einmal der große Wilhelm Kaisen wird sich in seinem Spott zurückhalten: Ischa to’n Lachen, dass een, de sin Lewen lang Nieten auffen Vulkan gekloppt hat, sich nu aafspeelt as’n Geheimroot.

Das plattdeutsche Bonmot mit dem Nietenklopper wird zwar umgehend aus der Senatspressestelle dementiert, aber es ist schon rum in Bremen. Geht schnell, Bremen ist klein. Bevor er seine Amtsgeschäfte als Bremer Bürgermeister an Dehnkamp übergibt, sagt Kaisen seinem Senat: Nun spitzt mal schön eure Bleistifte! Dehnkamp hat immer schön gespitzte Bleistifte, der Länge nach geordnet, auf seinem Schreibtisch. Das ist wichtig für einen Kultursenator. Er ist eine tragische Figur. Die Tragik für Bremen ist, dass Dehnkamps Schwäche die Stärke des Leitenden Regierungsdirektors Dr Lutze wird. Ich habe einmal in den Kammerspielen in der Böttcherstraße hinter dem Ehepaar Dehnkamp gesessen, als dort Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? gegeben wurde. In der Pause sagte Frau Dehnkamp zu ihrem Mann: Ischa bis jetzt nich viel Sinn inn. Eigentlich ist das schon wieder rührend.

Wenn die Bremer Stil gehabt hätten, dann hätten sie Rudolf Lorenzen den Bremer Literaturpreis verliehen. Robert Mohnwinkel, der sicher auch autobiographische 'Held' des Romans, ist ein wenig ein Schlemihl, der sich durch die Zeiten hindurchmogelt. Der wie der Abbé Sièyes, als man ihn fragt, wie er den terreur überlebt habe, sagen kann: J’ai survécu. Der Roman besticht durch die realistische Beschreibung des Lebens in Bremen von 1933 bis in den Anfang der fünfziger Jahre, vielleicht ist es zu realistisch. Den Bremer Literaturpreis bekommt er nicht, den soll Günter Grass bekommen. Aber er bekommt ihn nicht. Bremen hat seinen ersten Literaturskandal. Na ja, vielleicht seinen zweiten, die Verleihung des Preises an Ernst Jünger, der zu Preisverleihung demonstrativ seinen Pour le Mérite Orden trug, war auch schon etwas skandalös. Geistiges Bremen? Zyniker sagen, dass wir eine Buchhandlung namens Geist haben. Aber wenn wir einmal in einem offiziellen Senatsbericht die Nutzungszahlen der Zentralbibliothek (in Relation zu vergleichbaren Großstädten) anschauen, dann sollten wir lieber nicht mehr davon reden. 

Dennoch gibt es den Geist, es gibt seit 1924 die Wittheit zu Bremen, meine Eltern sind da Mitglieder. Deren Vortragende sprechen auch häufig als Gäste in unserer Aula. So komme ich in den Genuß des Vortrags des Anglistikprofessors Arno Esch, der als Kernstelle von Hamlet den Satz there’s a special providence in the fall of a sparrow ansieht. Ein Gedanke, den ich ihm sofort klaue (ich bin neunzehn, da tut man sowas) und in der Zukunft als meine eigene Hamlet Interpretation verkaufe. Es gibt die Wittheit immer noch und immer noch Mäzene und eine Vielzahl kleinerer Vereine, die sich im Stillen dem Kulturschaffen widmen. Dass wir einen verdienstvollen Mann wie Alfred Faust gehabt haben, weiß heute kaum jemand mehr. Die von ihm 1960 herausgegebene Bestandsaufnahme Geistiges Bremen zeigt eine erstaunliche kulturelle Breite, aber beinahe alles in diesem Band ist Vergangenheit.

Einen Autor haben wir in Bremen aber doch noch, der in das Regal mit der wirklichen Literatur gehört, obgleich sein Gesamtwerk so schmal ist, dass es in einen Rowohltband passt und er ausserhalb Bremens kaum gelesen wird. Es hat nicht so viel genützt, dass sich Hesse, Andersch und Koeppen für Friedo Lampe eingesetzt haben und uns versichert haben, dass Am Rande der Nacht und Septembergewitter große Literatur sind. Es ist eine große Tragik, dass dieser stille Mann, dessen erstes Buch von den Nazis verboten wurde, in den letzten Kriegstagen von den Russen für einen SS-Mann gehalten und erschossen wird. Aber es gibt das Gesamtwerk heute noch – sogar das schwer erhältliche Ratten und Schwäne von 1949 ist wieder aufgelegt - auch dank der Bemühungen des Wallstein Verlages, die auch Rudolf Lorenzen verlegten (meinen Post über Lorenzen 2013 hat der Autor noch mit Gefallen gelesen).

Wenn wir keine Literatur haben, so haben wir doch einen Bremer Literaturpreis, der zum 75. Geburtstag des Bremer Geistesriesen Rudolf Alexander Schröder ins Leben gerufen wurde. Der brachte damals 5.000 Mark. Heute lobt das ärmste Land der Bundesrepublik mit 20.000 Euro die höchste Summe von allen deutschen Literaturpreisen aus. Bis auf den ersten Preisträger, Heinrich Schmidt-Barrien, haben die alle nichts mit Bremen zu tun. Bremen prämiert den jungen Thomas Bernhard, der am Anfang seiner Karriere vor dem existentiellen Aus steht. Fünf Minuten vor Beginn seiner Dankesrede weiß er noch nicht, was er sagen soll. Dann wird er um den Satz Mit der Klarheit nimmt die Kälte zu die kürzeste aller Dankesreden halten. Und ewig schlecht über Bremen reden. Dankbarkeit? Nicht bei Thomas Bernhard. Von dem Geld hat er sich als erstes in Wien bei Don Gil einen sauteuren Anzug gekauft.

Da hätte man lieber rückwirkend Heinrich Albert Oppermann den Preis verleihen sollen, für die schöne und dramatische Schilderung des Eisgangs auf der Weser bei Hoya in seinem Roman Hundert Jahre. Meine Empfehlung an die Bremer Kommission wäre, den Preis in Otto Gildemeister Preis umzubenennen. Und nur zu verleihen, wenn der Preisträger das intellektuelle Niveau von Otto Gildemeister erreicht. Damit könnte Bremen viel Geld sparen. Man macht sich heute in Bremen Gedanken, ob der Preis wirklich noch den Namen von Rudolf Alexander Schröder tragen muss. Gut, das Kampflied der Nazis, in dem sich Zeilen wie Die Zeit ist reif und reif die Saat. Ihr deutschen Schnitter, auf zur Mahd: Der Führer hat gerufen finden, hat er schon 1914 geschrieben, aber der Mann, der auch den inneren Widerstand erfand, stand den Nationalsozialisten doch näher, als man damals glauben wollte.

1875 brachte Julius Graefe die Anthologie Bremer Dichter des neunzehnten Jahrhunderts heraus, die mit Gedichten von Hermann Allmers begann (Gedichte von Julius Graefe sind da auch drin). Hundert Jahre später erschien Bremer Autoren: Texte und Biographien von Detlef Michelers und Helmut Hornig, das ich für zwei Mark im Antiquariat fand. Von den achtundzwanzig Autoren kenne ich nur Gerd-Peter Eigner und Heinrich Hannover. Der ist in dem Band, weil er Kinderbücher und plattdeutsche Geschichten schreibt. Alle andere kenne ich nicht. Muß ich die kennen? Ich glaube, ich lese erst einmal Anna Karenina zuende, ich bin schon ziemlich weit. Aber ich brauche mich nicht zu beeilen, wie es ausgeht, weiß ich schon.


Die fett gesetzten Links verweisen auf Posts, in denen noch mehr zu diesem Thema steht,

Freitag, 2. Juli 2021

Satyrspiel


Die Zahl von fünf Millionen Lesern war für mich keine echte Überraschung, ich sah sie jeden Tag unten auf der Seite kommen, wo Readers since July 2010 steht. Aber es war doch ein Einschnitt. Ich hatte mir überlegt, ob ich jetzt aufhören und etwas ganz anderes machen sollte: Ich stehe hoch und kann und muß noch höher steigen; ich fühle mir Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht; und steh ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich stehn. Das sagt bei Goethe der Graf Egmond, ich habe das schon in dem Post ⇾Egmond aan Zee zitiert. Aber mit dem Grafen Lamoral von Egmond geht es nicht gut aus, auch wenn er Ritter vom Goldenen Vlies ist. Ich verzichte mal auf das Zitat. Je höher man steht, desto höher ist die Fallhöhe, das sagt uns die Dramentheorie. Das Gedicht am Dienstag, das musste an dem Tag sein, jetzt brauche ich etwas ganz anderes für den Neuanfang. Für die Plus 5 Millionen Zeit. 

Ich nehme mal etwas ganz Altes. Ich habe in meinen unveröffentlichten ⇾Bremensien ein kleines Kapitel gefunden, das mit 1968 zu tun hat, es heißt Satyrspiel. Es folgt auf ein langes Kapitel über die Bremer Straßenbahnunruhen, das hier vor elf Jahren unter dem Titel ⇾Heinrich Hannover schon veröffentlicht wurde. Heinrich Hannover hat das damals gelesen, weil ihm die ⇾Gudrun das Manuskript nach Worpswede gebracht hatte. Auch in dem Kapitel ⇾Benno Ohnesorg steckt viel Autobiographisches. Wie die Geschichte, dass ich den Bremer Polizeipräsidenten von Bock und Polach mit dem blauen Opel Admiral meines Vaters zu unserem Bataillonsball kutschiert habe. Das ist der Mann, der drei Jahre später bei den Unruhen die Devise Draufhauen, draufhauen, nachsetzen ausgibt. Die Reputation des ehemaligen Waffen-SS Offiziers war in Bremen schon vor 1968 schwer angeschlagen. Er wusste nicht, dass er nur zum Bataillonsball eingeladen wurde, weil er so schöne Töchter hatte.

Von 1968 habe ich, offen gesagt, die Schnauze voll. Nicht von den alten Erfahrungen, die auch meine Studentenjahre gewürzt haben und nun, ein halbes Leben zurückliegen. Was das Thema 68 so degoutant macht, ist seine mediale Zubereitung zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig Jahre später. Bei fast allem, was man dazu lesen, sehen, hören kann, stellt sich alsbald ein Gefühl des Widerspruchs ein, das vereinfacht in drei Wörtern ausgedrückt werden könnte: Nicht schon wieder! oder, protest-literarisch gesagt: Alles war anders! Das ist nicht von mir, das ist von Friedrich Christian Delius (der ⇾hier einen Post hat), aber er hat ja so recht. Das, was wir mit 1968 bezeichnen, hatte viele Facetten. Das waren die Straßenbahnunruhen in Bremen im Januar, das waren die ⇾Unruhen in Paris im Mai. Und dann die Unruhen an den deutschen Universitäten. Die vielleicht im Herbst 1967 angefangen hatten, als zwei Studenten bei der Rektoratsübergabe ein Banner mit der Aufschrift Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren durch das Audimax trugen. 1968 wurde ich zum Oberleutnant der Reserve ernannt, aber ich beschloss, dass ich mit der Bundeswehr nichts mehr zu tun haben wollte. 1968 begann auch die Liebesgeschichte mit dieser Frau, die schon häufig in diesem Blog war, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Ich beginne mal mit dem Satyrspiel, alles, was da steht ist wahr, in manchen Fällen wurden die Namen ein klein wenig geändert. Den Text habe ich vor zwölf Jahren geschrieben, ich lasse ihn so, wie er ist:

Jeden Abend sitzt der Chef der Inneren Medizin der Universitätsklinik an meinem Bett. Er ist ein reizender älterer Herr. Er redet mit mir nicht über meinen Gesundheitszustand, er redet darüber, wie er 1968 erlebt hat. Ich bin offensichtlich der erste, mit dem er beinahe zwanzig Jahre danach reden kann. Der Patient bekommt die Funktion eines Beichtvaters, eines Psychiaters. Zuerst bin ich irritiert, dann amüsiert. Aber ich höre ihm zu, ich nehme an, ein Psychiater würde das gleiche tun. Von Zeit zu Zeit mache ich das, was der Engländer so nett als humming noises bezeichnet. Ich bekomme in dieser Woche seine Version von 1968. Irgendwann wird er sagen: Wir haben das ja immer alles als blutigen Ernst genommen. Wir haben nicht gemerkt, dass das alles zur Hälfte nur Spaß war. Ulk, Quatsch. War es sicherlich, wobei man natürlich auch Satire und Verspottung des Gegners als Waffen eines Konflikts sehen kann. 

Meine erste große Demonstration wird mich mit zweieinhalbtausend anderen Studenten zum Kultusministerium führen. Es ist ein schweinekalter Januartag. Ich friere in meinen dunkelgrünen englischen Clarks Desert Boots, obgleich ich dicke Skisocken angezogen habe. Das erinnert mich an die Nachkriegszeit und das ⇾Weserstadion. Ich habe im Weserstadion immer im Winter gefroren, als ich klein war. Der Kultusminister zeigt sich nicht. Wir werden Wir sind eine kleine radikale Minderheit skandieren. Wir sind die Hälfte der Universität, die Uni Kiel ist damals noch klein. Der Kultusminister ist eine Woche später nicht mehr Kultusminister. Auf dem Weg zum Landeshaus, der völlig friedlich verläuft, gibt es einen kleinen Zwischenfall. Das Transparent, das wir mitführen, verstößt offenbar gegen geltende Gesetze. Ich versuche, in die Buchhandlung Wolff in der Brunswick zu kommen, das Besitzerehepaar wirft sich verzweifelt gegen die Tür: Sie können alles von uns haben, bitte zerstören Sie unseren Laden nicht! Ich habe nicht den geringsten Wunsch, den Laden zu zerstören, ich möchte nur Klebeband haben. Ich bezahle das auch. Ich bekomme mein Klebeband, das Ehepaar Wolff will kein Geld dafür. Sie verriegeln hinter mir die Tür und lassen die Jalousien herunter. 

Wir überkleben die von der Polizei monierte Stelle des Transparents. Das Plakat zeigte den Namen des amtierenden Kultusministers, einen schwarzen Hut, eine braune Aktentasche und drei stilisierte blaue Wellenlinien. Für Nichteingeweihte rätselhaft. Aber irgendjemand in der Polizeispitze hatte das Bilderrätsel lösen können und drohte nun mit dem Abbruch der Veranstaltung. Jedem von uns war die Botschaft dieses Plakats klar: ein Vorgänger des ⇾Kultusministers hatte in der Mittagpause seinen schwarzen Hut und seine Aktentasche an das Fördeufer gelegt und war ins Wasser gesprungen. Selbstmord. Das Plakat war eine Botschaft an Herrn von Heydebreck, dass ihm Ähnliches geschehen könne. Die Auseinandersetzung findet noch nicht mit Knüppeln und Gegengewalt statt, sondern eher auf dem Niveau der Emblembücher.

⇾Kurt Denzer hat 1965 einen Film gedreht, der Floret Academia heißt und der eine respektlose kleine Wochenschau der Feiern zum dreihundertjährigen Jubiläum der Universität bietet. Schwarzweiß, schnelle Schnitte. Professoren im Talar, Dekane und Rektor mit Amtsketten. Lübke mit silbernem Schlips, passend zu seinen Haaren. Floret Academia ist der zweite Film des Jungfilmers. Kurt studiert Latein und Germanistik, promoviert über die Filmdramaturgie des Dritten Reiches, wird Studienrat. Kurt ist ein Produkt der Studentischen Arbeitsgemeinschaften, Abteilung Film, er wird später deren Leiter. Danach bekommt er ein eigenes kleines Filminstitut. Er leitet das Festival des archäologischen Dokumentarfilms. Ich habe zahlreiche Filme von ihm gesehen, aber dieses Floret Academia gefällt mir am Besten. Der Film ist frech, aber er ist kein Propagandaprodukt, er hat durchaus Kunstcharakter. 

Das Beunruhigende sind noch Jahrzehnte danach die Gesichter der Würdenträger. Viele kenne ich noch. Manche sind Ehrenmänner, viele sind Nazis gewesen. Viele haben Schmisse im Gesicht. Der Ministerpräsident, der die Jubelfeiern der Universität eröffnet, heißt ⇾Helmut Lemke. 32 Jahre zuvor hatte das NSDAP-Mitglied Lemke als Bürgermeister von Eckernförde in SA-Uniform gesagt, dass alle, jeder an seiner Stelle, die Hammerschläge des Dritten Reiches auszuführen hätten. Er wird im ersten Monat seines neuen Amtes Sozialdemokraten und Kommunisten verhaften lassen, viele von denen werden von den Nazis umgebracht werden. Der Anteil ehemaliger Nationalsozalisten im Kabinett Lemke wird 66 Prozent betragen. So jemanden braucht man als Ministerpräsidenten, dagegen darf man nicht demonstrieren. Ihr müsst nur diesen Typen nur ins Gesicht sehen, hat der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz in Berlin gesagt, er hat offensichtlich nicht Helmut Lemke damit gemeint. Der Satz könnte auch der Titel von Kurts Film sein. Der Photograph Michael Ruetz wird ihn zum Titel seines Photobuches über die APO in Berlin 1966 bis 1969 nehmen.

Jay, kann ich mal rechts von Dir gehen? fragt Doro, wir marschieren die Beselerallee entlang, wieder einmal zum Kultusministerium. Natürlich kannst Du das. Aber warum? Wir wechseln die Seiten. Da drüben wohnen meine Eltern, sagt Doro, die brauchen mich jetzt nicht unbedingt zu sehen. Ihre Eltern stehen der CDU nahe, wie man so schön sagt, ihre Mutter war Sekretärin bei Konrad Adenauer. Die Tochter ist die Revolutionärin unseres Seminars. Sie wird den Professor X mehrfach vor das Verwaltungsgericht in Schleswig zerren. Sie macht aber Examen bei ihm, mit der Note sehr gut. In diesen Dingen ist X, der weit rechtsaußen steht, erstaunlicherweise nicht nachtragend. Auch das DKP-Mitglied Claus, mit dem er sich immer zofft, bekommt eine Eins im Examen. Doros ältere Schwester studiert auch an der Uni, sie schreibt Gedichte, die in der Sammlung von studentischer Lyrik, ⇾Makrelen für Kalliope (mit einem Vorwort von ⇾Karl Otto Conrady), veröffentlicht werden. Ihre zwei Gedichte sind die schwächsten in dem Band. Niemand kann ahnen, dass sie eines Tages den Posten von Helmut Lemke bekommt. Wir haben im Seminar eine familiäre Atmosphäre, die Revolutionäre werden als aufmüpfige Kinder betrachtet, aber eben doch zur Familie gehörend. Bei der Examensfeier umarmt der stockbesoffene Claus den Professor und lallt: Du bist mir von allen mein liebster Professor.

Das Klima in anderen Instituten ist völlig anders. Bei uns scheint in dieser Zeit noch etwas vom britischen common sense durch. Nur einmal in all den Jahren holt ein Professor die Polizei. Und die rückt gleich wieder ab, weil da gar nichts war. Außer dem verletztem Stolz eines Ordinarius. Bei uns werden die Studenten nicht auf Anweisung eines Professors im Hörsaal photographiert (das Rektorat hat dafür extra aus Steuergeldern Photoapparate für alle Ordinarien angeschafft) wie bei den ⇾Romanisten, wo ein rechtsradikaler Rotweinsäufer Direktor des Seminars ist. Die Studenten schäumen ihm sein Institut mit Feuerlöschern aus, alles schön weiß. Hätte der Verpackungskünstler Christo seine Freude dran gehabt. Obgleich ich die DKP für völlig schwachsinnig halte, gehe ich zu einer Demo für Claus, der wegen seiner Parteimitgliedschaft keine Stelle als Lehrer erhalten wird. Ich bin da mit Schlips und Kragen, sehr englisch, mit einem Bowler auf dem Kopf. Am Demonstrationsziel Gewerkschaftshaus angekommen, treffe ich Claus, der mich zur Seite in einen Hauseingang reißt: Jay, bist Du verrückt, hierher zu kommen? Da oben sind die Kameras vom Staatsschutz. Du bist doch Beamter. Das versaut Dir Deine Karriere. Ich trete aus dem Hauseingang, grüße höflich mit abgenommenem Bowler zu den Kameras auf dem Dach und sage: Claus, ich demonstriere hier für Dich. Ich bin Deinetwegen hier. Ich nehme ein Grundrecht wahr. 

Diese Episode mag beleuchten, welche Solidarität wir Kriegsjahrgänge untereinander haben, auch wenn wir politisch unterschiedlicher Meinung sind: égalité, fraternité. Die einzigen, für die wir keinerlei Solidarität empfinden, sind die Rechtsradikalen, die jetzt auch überall unter den Studenten auftauchen. Wir haben auch so eine Gruppe, die die Anglistik vor der roten Flut retten will. In der Bremer Talkshow III nach 9 wird die Moderatorin Marianne Koch von dem konservativen Journalisten Matthias Walden gefragt, wie sie es finden würde, dass ihre Kinder eines Tages von diesen Chaoten unterrichtet würden. Die Antwort kommt knapp und lapidar: Was soll daran schlimm sein? Sie werden jetzt von alten Nazis unterrichtet. Mein Doktorvater, der gerade das Kapitel über John le Carrés Small Town in Germany im Manuskript meiner Doktorarbeit gelesen hat, ist der Meinung, dass der Engländer in seinem Roman in Bezug auf die Darstellung der neuen rechten Gefahr in Deutschland übertreibt. 

Als ich ihm aufliste, in wie vielen der Länderparlamenten die ⇾NPD inzwischen vertreten ist (angefangen mit meiner Heimatstadt Bremen), schaut er mich betroffen an. Er hat das nicht gewusst. Die Ordinarien gucken alle wie die Kaninchen auf die Schlange, die rote Gefahr und marxistische Splittergruppen heißt. Sie blicken nicht mehr auf die Wirklichkeit außerhalb des nun umkämpften Elfenbeinturms. In der ersten Phase der so genannten Revolution hat die Universität noch von allen respektierte Professoren als Rektoren. Wolf Herre züchtet zu Forschungszwecken seltsame Tiere, kreuzt Pudel mit Wölfen, man kann die in Mondscheinnächten hören, wenn wir Hilfskräfte noch das schreiben, was der Professor am nächsten Tag im Hörsaal vorträgt. Da setzt sich bei seinen PuWos doch der Wolf durch, und der heult eben beim Mondschein. Wolf Herre soll in der CDU sein, aber als Rektor wird er sich öffentlich gegen den Kultusminister stellen und dessen Karriereende beschleunigen. 

Der Medizinprofessor Ludwig Weisbecker (dessen Sohn eines Tages bei der RAF landet und von der Polizei erschossen wird) wird (ähnlich wie der Domprediger Günter Abramzik in der Bremer Revolution) vermittelnd und zuhörend von Institut zu Institut gehen. Ludwig Weisbecker hat im KZ gesessen, er kann sich, trotz völlig ungerechtfertigter Angriffe auf seine Person, nicht zu der Position der Hardliner verstehen. Er ist für Jahrzehnte der letzte Rektor, der weiß, wo die einzelnen Institute der weit über Kiel verstreuten Uni sind. Aber der rechtschaffene Mann, der sich ehrlich bemüht, einen geraden Weg zu sehen, wird nach einer Veranstaltung niedergeschlagen, erleidet einen Kreislaufschock. Der Konflikt erhält eine neue Dimension. Es ist jetzt viel fremdes Pack an der Uni, von irgendwoher zugereist, um die Heilsbotschaft des Kommunismus zu verbreiten. 

Weisbecker hat nicht nur Ärger mit den Studenten, schlimmer sind seine Kollegen. In seiner Abschiedsrede wird er sagen: Nicht achten kann ich diejenigen, die bei anderen ihre Unzufriedenheit mit meiner Amtsführung äußern, es aber nicht wagen, mir das auch zu sagen. Verachten kann ich nur diejenigen – es sind nicht nur Kollegen des Lehrkörpers –, die den hochschulpolitischen Dissens in die private Sphäre übertragen und genußvoll eine Reihe kleiner niederträchtiger Lügen über meine Familie erfinden beziehungsweise weiterverbreiten. Der Mann, der sich bei seinem Amtsantritt in einem Interview auf die Seite der Studenten gestellt hat, ist mit seiner Idee vom Überleiten von Emotionen auf einfache, durchschaubare evolutive Konzeptionen gescheitert.

Wenig später wird sich das Rektorat im Hochhaus wie in einem Führerbunker verschanzen, kein Kontakt mit der Realität mehr. Danach werden keine liberalen Persönlichkeiten mehr Rektoren sein, sondern nur noch Opportunisten und Erfüllungsgehilfen. Der Höhepunkt ist ein kleiner (in jeder Bedeutung des Wortes) Juraprofessor. Der lässt selbst einen völlig harmlosen Menschen wie unseren amerikanischen Lektor Richard bespitzeln, weil ihm irgendjemand erzählt hat, dieser nette Kalifornier wäre links. Der kleine Rektor bekommt eines Tages im Fahrstuhl des Hochhauses einen Mensaeintopf mit zwei Henkeln auf den Kopf gesetzt und wird damit photographiert. Ein schönes Bild. Meinem Freund Hombre, der zu Demos nur noch mit Zahnbürste geht, weil er immer festgenommen wird (er ist der sanfteste Mensch, den ich kenne), droht ein durchgeknallter Ärchäologieprofessor an, dass er ihn aus dem öffentlichen Dienst entfernen lassen wird. Nur weil Hombre bei einer Party ein paar linke Sprüche losgelassen hat. Wohin sind wir gekommen? Wir machen die gleiche Erfahrung, die die 1848er auch gemacht hatten. Die Reaktion schlägt zurück.

Kiel ist nicht Frankfurt oder Berlin. Hier wird nicht mit Adorno oder Habermas diskutiert oder ein neues Modell der bürgerlichen Gesellschaft nach Hobbes, Rousseau, Locke oder Hegel entworfen. Wir sind Norddeutsche, die ruhige Vernünftigkeit ist hier zuhause, sagt man. Wenn es hier einen Kampf gibt, dann ist es ein Kampf für bessere Studienbedingungen, gegen das feudalistische System der Ordinarienuniversität, gegen die alten Nazis, die überall im Establishment sind (der Untersuchungsbericht des Landtages aus dem Jahre 2016 spricht da eine deutliche Sprache), in der Politik wie in der Universität. Dafür braucht man keine Ideologie, keine marxistisch-leninistische Philosophie. Die Maximen für moralisches Handeln kann man der Nikomachischen Ethik entnehmen. Der große ⇾Alexandre Kojève hatte den Berliner SDS Mitgliedern, die den französischen Philosophen fragten, was sie lesen sollten, gesagt: Lernt Griechisch und lest die Klassiker der griechischen Philosophie. Ist ein etwas größeres Programm als die Lektüre der kleinen roten Mao Bibel. 

Es ist sowieso erstaunlich, welche Klatschenkallis jetzt alle als Philosophiestudenten eingeschrieben sind. Leute mit dieser Intelligenzstufe tauchen Jahre später in dem Film Ein Fisch namens Wanda wieder auf und werden dann von Kevin Kline gespielt. Sie tun so, als verständen sie, was sie läsen. Bis sie von Jamie Lee Curtis belehrt werden, dass ⇾Aristoteles kein Belgier war. Kants Kategorischer Imperativ hilft einem nicht bei Grün über den Zebrastreifen, höhnt diese neue Sorte von Philosophen und kommt sich dabei besonders witzig vor. Die Werte gehen verloren. Pierre Bourdieu berichtet in La Distinction, dass die französische Bourgeoisie an den Untergang des Abendlandes glaubt, als die ersten Gymnasiallehrer keinen Schlips mehr im Unterricht tragen. Die erste Generation des studentischen Protestes geht noch mit Schlips und Kragen zu einer Demonstration, ich ebenso wie Hermann Rademann in Bremen (der mit einem Burberry bekleidet den Bremer Senat in die Knie zwingt), ein äußerliches Zeichen der bürgerlichen Zugehörigkeit. 

Der Unterschied zwischen dem privaten Bürger und dem öffentlichen Bürger (der immer mehr verloren geht, wie Richard Sennett in The Fall of Public Man gezeigt hat) ist uns noch bewusst. Wir sind in der Volksschule und auf dem Gymnasium unter dem Druck der Amerikaner zu einem idealen Demokratieverständnis erzogen worden, wie es das in Deutschland vorher so noch nie gegeben hat. Auch nicht in Weimar. Bei der Bundeswehr wird dank des Konzepts der Inneren Führung und der Ächtung aller falschen militärischen Tradition dieses Idealkonzept fortgesetzt, aber auch da setzt jetzt ein konservativer ⇾Backlash ein. Und in dem Augenblick, als wir den idealdemokratischen Kindergarten mit dem antiken Tugendkatalog im Gepäck verlassen, da sind wir die Bösen, weil wir rigide auf diesen abendländischen Werten bestehen, von denen die Politiker nur faseln? Es ist ein Wesensmerkmal des pikarischen Romans, dass der Held wie zum Beispiel Simplicius Simplicissimus durch die Welt irrt und sie nicht versteht. Aber irgendwann gibt es diesen pikaresken Weltschock, plötzlich erkennt der tumbe Tor die Welt in all ihrer Bösartigkeit. Unser pikaresker Weltschock ist jetzt.

Ich kaufe eines Tages im ⇾Antiquariat Eschenburg ein dickes Konvolut der Kieler Blätter, der Universitätszeitschrift aus der Zeit der Nazis. Die Hälfte der Beiträger, die hier wortreich ihrem Führer huldigen, kenne ich noch. Die lehren alle noch an dieser Universität. Der Theologe Martin Redeker (NSDAP Mitglied seit dem 1. Mai 1933), der 1939 aus der Universitätskirche gepredigt hatte: Was im Weltjudentum und im Materialismus an satanischer Kraft der Zersetzung sich zusammenballt, sehen wir allzu deutlich, ist jetzt auch noch Landtagsabgeordneter. Er wäre gerne Kultusminister geworden. Er wird in einer Vorlesung, von den Studenten verbal attackiert, mit hochrotem Kopf brüllen, dass seine Vorlesungen auf dem neuesten Stand der theologischen Forschung sind. Dabei fegt er mit einer theatralischen, ungeschickten Armbewegung den ganzen Manuskriptstapel vom Katheder. Studenten in der ersten Reihe sammeln die Blätter wieder ein und legen sie auf den Tisch neben dem Pult. Nicht alle. Ein Blatt hängt photokopiert eine Stunde später überall in der Uni aus. Es zeigt, dass die Vorlesung, die auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand ist, auf Papier geschrieben wurde, das auf der Rückseite Adler und Hakenkreuz trägt. Quod erat demonstrandum.

Es gibt willkommene Abwechslungen von den schweren Fragen, wie der ideale Staat richtig zu organisieren sei, die schon seit Plato die Philosophen nicht hat eins werden lassen. Die politisierten Studenten des SDS und der ML-Gruppen, die jetzt zum Teil ihre Arbeit in den Basisgruppen als Vollzeitjob haben, finden Entspannung im Kino. Bei Western und Eddie Constantine (Nachtvorstellung im Regina) ist der ganze sozialistische und kommunistische Asta zum Mitschießen dabei. Ein jährlich wiederkehrender Höhepunkt ist die Eröffnung der Kieler Woche durch den Bundespräsidenten ⇾Heinrich Lübke. Die Zeitschrift Pardon hat unter dem Titel Redet für Deutschland eine Langspielplatte herausgebracht, auf der die schönsten Beispiele seiner rhetorischen Kunst versammelt sind. Der Titel ist (wenn auch heute als CD) nach über vierzig Jahren immer noch erhältlich. Manches von dem, was heute noch Millionen erfreut, ist in Kiel auf dem Rathausmarkt gesagt worden. Seine letzte Rede wird er nicht vom Rathaus herab, sondern vom Balkon des Landeshauses halten. Diesmal sind beinahe nur Studenten als Zuhörer dieser Kultveranstaltung gekommen. Er ist seinen Zuhörern hier näher, allerdings ist er auch den Kommentaren näher. Wenn Sie weiterhin so ungezogen sind, erzähle ich Ihnen nichts mehr von der Kwiiin, droht er uns an. Erzählt dann glücklicherweise doch noch von der Queen. Ist besser als Else Stratmanns Geschichten von Lisbeth Jahre später.

Aber 1968 ist nicht 1968 zuende. Die Paranoia geht weiter. 1977 diskutiert der Bremer Senat über eine Lehrerin, die im Unterricht das Gedicht Die Anfrage von Erich Fried aus der Gedichtsammlung So kam ich unter die Deutschen behandelt hat. Es ist mir immer noch nicht klar, was Literaturbehandlung im Unterricht den Bremer Senat angeht, aber so sind die Zeiten. Der Abgeordnete ⇾Bernd Neumann, Vorsitzender der Bremer CDU, wird sich in seinem Hass auf den jüdischen Exilanten in London zu der Forderung nach einer neuen Bücherverbrennung hinreißen lassen: Ja, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen ganz eindeutig sagen! Er nimmt diese Bemerkung auch nicht zurück. Er versucht sogar noch zu erreichen, dass die Lehrerin disziplinarisch gemaßregelt wird. Als er im Jahre 2005 Staatsminister für Kultur wird und ihn Journalisten mit dieser Geschichte konfrontieren, ist die Bemerkung von damals für ihn aus dem Zusammenhang gerissen. Wie gut, dass keiner der Journalisten die Geschichte von der ⇾Helgolandfahrt kennt. Ich habe die ganze Diskussion von damals, Zeitungsausschnitte, Flugblätter und offene Briefe, gesammelt und aufbewahrt, weil mir das so ungeheuerlich erschien. Ich glaube, ich werfe das mal jetzt weg.

In meinem Tagebuch von 1968 findet sich keine Erwähnung von irgendwelchen politischen Ereignisssen. Da stehen die Bücher drin, die ich gelesen habe, die Filme, die ich gesehen habe, die Musik, die ich hörte, die Frauen, mit denen ich flirtete. Ich habe kein Telephon, keinen Fernseher. Es gab ein anderes Leben.