Mittwoch, 12. Juni 2019

Willliam Collins


Das Proseminar von Dr Peter Nicolaisen in dem kalten Wintersemester 1965/66 hatte die Nummer 735 im Vorlesungsverzeichnis und kostete 6 Mark Unterrichtsgeld. Unter dem spröden Titel Die Lyrik der englischen Vorromantik (damals bezeichneten Titel im Vorlesungsverzeichnis noch das, was sie meinten), hetzte uns Peter Nicolaisen durch ein ganzes Jahrhundert. Von Grongar Hill nach Windsor Forest. Von Elizabeth Manwarings Italian Landscape in 18th Century England zu Marjorie Hope Nicolsons Mountain Gloom and Mountain Glory und Newton demands the Muse.

Nicolaisen jagte uns durch Philosophie, Landschaftsgartenkunst und Landschaftsmalerei– und natürlich durch die ganze englische Literatur, von Thomas Chatterton bis James Thomson. Und das alles für 6 Mark! Am Ende des Kurses dankte uns (wir waren 13) Peter Nicolaisen. Und der ansonsten so trockene und coole Nicolaisen zeigte durchaus eine gewisse Rührung, als er uns versicherte, dass wir ein solches Seminar wohl nicht wieder erleben würden. Er hatte Recht. Der Umfang des Seminars würde heute das ganze Studium eines BAMA-Studenten ausfüllen. Das Seminar hat bei mir bleibende Spuren hinterlasse, das 18. Jahrhundert kommt in diesem Blog immer wieder vor. Dieser Herr hier war auch Gegenstand des Seminars, er starb vor 260 Jahren im Alter von nur 37 Jahren. Ein kurzes Leben, Public School, Oxford, erste Publikationen. Dann die Verschwendungssucht, die Melancholie, der Wahnsinn. Das Leben von William Collins hat ein bisschen etwas von The Rake's Progress von William Hogarth.

Das Gedicht Ode to Evening ist wohl das berühmteste Werk des Dichters, es hatte einen großen Einfluß auf die Dichter der Romantik. The 'Ode to Evening' was a touchstone poem for early romantic poets and became one of the most frequently imitated odes written in the eighteenth century, heißt es auf einer seriösen Internetseite. Und Thomas Frognall Dibdin sagte über das Gedicht: If Collins live by the reputation of one, more than of another, performance, it strikes me that his Ode to Evening will be THAT on which the voice of posterity will be more uniform in praise. It is a PEARL of the most perfect tint and shape.

Ode to Evening

If aught of Oaten Stop, or Pastoral Song,
May hope, O pensive Eve, to sooth thine Ear,
Like thy own brawling Springs,
Thy Springs, and dying Gales,
O Nymph reserv'd, while now the bright-hair'd Sun
Sits in yon western Tent, whose cloudy Skirts,
With Brede ethereal wove,
O'erhang his wavy Bed:
Now Air is hush'd, save where the weak-ey'd Bat,
With short shrill Shriek flits by on leathern Wing,
Or where the Beetle winds
His small but sullen Horn,
As oft he rises 'midst the twilight Path,
Against the Pilgrim born in heedless Hum:
Now teach me, Maid compos'd,
To breathe some soften'd Strain,
Whose Numbers stealing thro' thy darkning Vale,
May not unseemly with its Stillness suit;
As musing slow, I hail
Thy genial lov'd Return!
For when thy folding Star arising shews
His paly Circlet, at his warning Lamp
The fragrant Hours, and Elves
Who slept in Buds the Day,
And many a Nymph who wreathes her Brows with Sedge,
And sheds the fresh'ning Dew, and, lovelier still,
The Pensive Pleasures sweet,
Prepare thy shadowy Car.
Then let me rove some wild and heathy Scene,
Or find some Ruin 'midst its dreary Dells,
Whose Walls more awful nod
By thy religious Gleams.
Or if chill blustering Winds, or driving Rain,
Prevent my willing Feet, be mine the Hut,
That from the Mountain's Side
Views Wilds, and swelling Floods,
And Hamlets brown, and dim-discover'd Spires,
And hears their simple Bell, and marks o'er all
Thy Dewy Fingers draw
The gradual dusky Veil.
While Spring shall pour his Show'rs, as oft he wont,
And bathe thy breathing Tresses, meekest Eve!
While Summer loves to sport
Beneath thy ling'ring Light:
While sallow Autumn fills thy Lap with Leaves,
Or Winter yelling thro' the troublous Air,
Affrights thy shrinking Train,
And rudely rends thy Robes.
So long regardful of thy quiet Rule,
Shall Fancy, Friendship, Science, smiling Peace,
Thy gentlest Influence own,
And love thy fav'rite Name!

Eine Strophe, 52 Verse, ungereimt und das Ganze im Blankvers. Eine Ode, adressiert an den Abend (O pensive Eve), der hier feminin ist. Der Abend, die kommende Nacht, die Jahreszeiten, es ist viel Natur in der Ode. Man bezeichnet die Zeit, in der Collins schreibt, als Transitional Period, eine Übergangsepoche zwischen Neoklassizismus und Romantik. Es herrscht ein leiser Ton der Melancholie in dem Gedicht, und diese Melancholie ist typisch für die Übergangsperiode der englischen Literatur, wenn wir an Edward Young, Thomas Gray und die graveyard poetry denken. Die Erwähnung einer Ruine darf in dem Gedicht nicht fehlen, dies ist der Anfang des englischen Ruinenkults, der im Gothic Revival mündet. Die Ode to Evening, die als neoklassizistisches Gedicht daherkommt, ist der Türöffner zur Romantik.

Collins hat ein dutzend Oden geschrieben, die am 12. Dezember 1746 veröffentlicht wurden. Die meisten davon kann man vergessen. Die Kritiker interessierten sich damals auch nicht für die Oden, seine Dichterkollegen schon. Wenn ich weiter oben became one of the most frequently imitated odes written in the eighteenth century zitiert habe, so ist das nicht so einfach dahingesagt. Gehen Sie doch einmal zu dieser Seite, da finden Sie beinahe einhundert Imitationen, alle durch einen Klick auf den Bildschirm zu zaubern. Henry Kirk White (der hier einen Post hat) ist auch dabei. William Collins wird den großen Erfolg seiner Ode to Evening nicht mehr erleben, da ist er schon weit weg von der Welt.

Sonntag, 9. Juni 2019

Pfingsten


Er wollte für ein Jahr nach Berlin, es wurden fünf Jahre daraus. Er hatte die Malerei aufgegeben und wollte jetzt Theaterschriftsteller werden. Wurde er nicht. Weil er in den Berliner Jahren sein Hauptwerk Der grüne Heinrich und den Anfang von Die Leute von Seldwyla schrieb. Er schrieb auch Gedichte, die leider kaum beachtet wurden, sodass Hermann Hesse 1927 schreiben konnte: Es sind unter diesen Gedichten außerordentlich schöne, von denen man nicht begreifen kann, daß sie jahrzehntelang unbeachtet und ungedruckt daliegen konnten! Aber Kellers Lyrik ist überhaupt wenig gekannt, sie ist rauher und eigenwilliger als seine Prosa. Das konnte man neulich bei den Erstaufführungen von Lebendig begraben sehen, Othmar Schoeck hat zu diesem Gedichtzyklus eine sublime Musik geschrieben, die Mehrzahl der Zuhörer aber kannte diese herrlichen Gedichte nicht und saß ihnen verlegen und kopfschüttelnd gegenüber. Vielleicht geht es auch diesen von Fränkel ausgegrabenen Jugendgedichten so. Es wäre aber schade. Der hier erwähnte Schweizer Komponist Othmar Schoeck hat in SILVAE schon einen Post, in dem auch Bilder des Landschaftsmalers Gottfried Keller zu sehen sind.

Für den heutigen Tag habe ich ein Gedicht aus dem Jahre 1854 von Gottfried Keller herausgesucht, dass Berliner Pfingsten heißt:

Heute sah ich ein Gesicht,
Wonnevoll zu deuten:
In dem frühen Pfingstenlicht
Und beim Glockenläuten
Schritten Weiber drei einher,
Feierlich im Gange,
Wäscherinnen, fest und schwer!
Jede trug 'ne Stange.

Mädchensommerkleider drei
Flaggten von den Stangen;
Schönre Fahnen, stolz und frei,
Als je Krieger schwangen,
Blau und weiß und rot gestreift,
Wunderbar beflügelt,
Frisch gewaschen und gesteift,
Tadellos gebügelt.

Lustig blies der Wind, der Schuft,
Lenden auf und Büste,
Und von frischer Morgenluft
Blähten sich die Brüste!
Und ich sang, als ich gesehn
Ferne sie entschweben:
Auf und laßt die Fahnen wehn,
Schön ist doch das Leben!

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingstfest.

Samstag, 8. Juni 2019

Ich bin nicht sentimental


Der Satz ist nicht von mir. Ich bin sentimental. Wenn Sie diesen Blog regelmäßig lesen, wissen Sie das. Spätestens seit Sie den Post Wiederholungen gelesen haben. Nein, dieses Ich bin nicht sentimental, hat Fritz Overbeck auf die Frage geantwortet, ob er nicht manchmal Lust verspüre, nach Worpswede zurückzukehren. Er hatte sich eine Villa am Ortsrand von Vegesack gekauft, mit großem Garten, den er hier gemalt hat. Fast ist es mir unheimlich, und fast demütig muß ich denken, womit ich denn das alles verdient habe, schrieb er nach dem Umzug.

Er war der Sohn eines Direktors des Norddeutschen Lloyds, war auf dem Alten Gymnasium in Bremen gewesen und hatte danach in Düsseldorf studiert. Otto Modersohn hatte ihn nach Worpswede gelockt, aber seine Wohnung in Bremen hatte Overbeck erst einmal behalten. Nach dem Umzug nach Vegesack hatte  er 1908 an Modersohn geschrieben: Wir Worpsweder haben in den letzten Jahren, abgesehen von deiner Frau, im Grunde doch nichts hervorgebracht, das uns stolz machen könnte - nimm mir das nicht übel - und und ich halte nichts für verfehlter und schädlicher, als als vorurteilsvoll seine Augen gegenüber den Leistungen anderer zu verschließen.

Overbeck hat seine Villa und seinen Garten nicht lange genießen können, heute vor 110 Jahren ist er gestorben, er war noch keine vierzig Jahre alt. Als Sterbeort wird Bröcken bei Vegesack angegeben, das suggeriert, dass es einen Ort mit dem Namen Bröcken gegeben hätte. Hat es nie, das ist nur eine Flurbezeichnung: Es muß noch etwas gesagt werden zu der in der Literatur und auch in dieser Darstellung verwendeten Ortsbezeichnung „Brocken bei Vegesack". „Auf dem Brocken" hieß es damals. „Brocken", „Krümpel" oder „Rahland", das waren die Namen von kleinen Erhebungen beiderseits des Schönebecker Auetals, die damals von heckenumsäumten Äckern und Waldstücken überzogen waren, heißt es 1989 im Jahrbuch der Wittheit zu Bremen.

Heute heißt dort in Schönebeck noch eine ganz kleine Straße Bröcken. Die Straße Auf dem Krümpel gibt es auf der anderen Seite der Schönebecker Aue auch. Wir nannten allerdings die riesige Wiese daneben auch den Krümpel. Wenn die im Winter überflutet und mit Eis bedeckt war, war es eine wunderbare Fläche zum Schlittschuhlaufen. Overbecks Frau Hermine, die auch Malerin war, hat von dem Haus (das sie hier gemalt hat) in den ersten Jahren wenig gehabt, da sie lange wegen ihrer Tuberkulose in Davos war. Overbeck hat sie dort besucht und viele Schneebilder gemalt. Eins davon besitze ich, dieser pappige Schnee ist furchtbar langweilig.

Mein Opa hatte Overbeck gekannt, meine Mutter kannte Overbecks Tochter, die für uns nur das Fräulein Overbeck war. Sie hockte einsam und verarmt in der Villa, auf die ihr Vater so stolz gewesen war. Bei mir an den Wänden hängen zwei Overbecks, der eine ist das Schneebild, der andere eine Dünenlandschaft, die Overbeck 1904 auf Sylt gemalt hat. Die ist auch furchtbar langweilig. Mein Bruder hat auch zwei Overbecks, einen Torfkahn auf der Wümme und eine Sylter Düne. Das Bild mit dem Torfkahn habe ich auch, ist aber eine Fälschung, liebevoll von meiner Mutter kopiert. Im Kopieren von Worpswedern war sie gut. Worpsweder sind leicht zu kopieren. Wenn man sich die Bilder anschaut, die zur selben Zeit in der Malerkolonie in Skagen gemalt werden, dann wird man Overbecks Satz Wir Worpsweder haben in den letzten Jahren, abgesehen von deiner Frau, im Grunde doch nichts hervorgebracht, das uns stolz machen könnte zustimmen.

Für den Maler Fritz Overbeck gab es vor Jahren schon den Post Fritz Overbeck. Und in dem Post Worpswede steht auch einiges über ihn. Sie könnten auch noch lesen: Heinrich VogelerAnna FeldhusenOtto UbbelohdeNiedersachsenstein und Fritz Mackensen. Dann wissen Sie alles über Worpswede.

Freitag, 7. Juni 2019

Der Sommer


Der Sommer

Im Tale rinnt der Bach, die Berg an hoher Seite,
Sie grünen weit umher an dieses Tales Breite,
Und Bäume mit dem Laube stehn gebreitet,
Daß fast verborgen dort der Bach hinunter gleitet.

So glänzt darob des schönen Sommers Sonne,
Daß fast zu eilen scheint des hellen Tages Wonne,
Der Abend mit der Frische kommt zu Ende,
Und trachtet, wie er das dem Menschen noch vollende.

Mit Untertänigkeit
Scardanelli.

d. 24 Mai 1758.

Er hat es wieder mit Scardanelli unterzeichnet, das ist sein anderes Ich. Wir wissen, dass er in Wirklichkeit Friedrich Hölderlin heißt und am 7. Juni 1843 in Tübingen gestorben ist, Grund genug für ein kleines Scardanelli Gedicht am heutigen Tag. Der Name Scardanelli wird schon in meinem ersten Post als Blogger zitiert. Und Hölderlin ist immer wieder ein Thema gewesen. Lesen Sie auch: Hölderlin, Holterling, Michael Hamburger, Dichterfreund, Isaac von Sinclair, Herbstgedicht,

Mittwoch, 5. Juni 2019

Nacht und Träume


Keine Sorge, ich verkaufe den Post Wiederholungen, der mittlerweile ein Bestseller ist, nicht noch einmal unter einem anderen Titel. Der Post über das nächtliche Telephonieren sollte ursprünglich nächtliche Geräusche heißen. Doch dann dachte ich mir, dass sei ein viel besserer Titel für einen anderen Post, der über das nächtliche Programmangebot der Sender des DAB+ Radios gehen soll. An diesem Post wird noch geschrieben, erst einmal kommen die Nacht und die Träume. Es ist ein von Franz Schubert vertontes Gedicht von Matthäus von Collin, das man früher einmal irrtümlich Friedrich Schiller zugeschrieben hat:

Nacht und Träume

Heil’ge Nacht, du sinkest nieder;
Nieder wallen auch die Träume,
Wie dein Mondlicht durch die Räume,
Durch der Menschen stille Brust.
Die belauschen sie mit Lust;
Rufen, wenn der Tag erwacht:
Kehre wieder, heil’ge Nacht!
Holde Träume, kehret wieder!

Der Text des Liedes von Schubert weicht von dem Original von Collin ab (Sie können auf dieser hervorragenden Seite alles dazu lesen), aber so etwas dürfen Komponisten sicher tun. Nacht und Träume ist von vielen gesungen worden, Sängern und Sängerinnen. Es soll langsam gesungen werden, das ist nicht so leicht. Viele Sänger, vor allem, wenn sie von der Oper kommen, tun zu viel in das Lied hinein. Als der Österreicher Ilker Arcayürek bei dem BBC Singer of the World in Cardiff ins Finale kam, sang er das Lied noch wie ein Opernsänger. Aber inzwischen ist er von der Oper zum Liedgesang gekommen (lesen Sie hier mehr im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung) und hat die Winterreise gesungen. Da klingt er ganz anders. Er gibt von ihm seit 2017 auch eine interessante CD von Schubert Liedern unter dem Titel Der Einsame.

Schon etwas länger im kommerziellen Sängerwettstreit als der in der Türkei geborene Wiener Ilker Arcayürek ist Julian Prégardien. Den habe ich vor kurzem bei NDR Kultur mit einem langen Interview kennengelernt. Von seinem Vater Christoph Prégardien besitze ich zwei CDs, den Sohn kannte ich nicht. Aber ich lerne durch die Kulturprogramme meines kleinen DAB+ Radios ständig etwas dazu. Zum Beispiel, dass es seit 2015 eine ganz erstaunliche CD von Julian Prégardien gibt, wo er Schuberts Lieder nicht mit einer Klavierbegleitung singt, sondern Flöte, Baryton und Gitarre ihn begleiten (Sie können in dem Link einen Ausschnitt der Aufnahme anklicken).

Und der lyrische Tenor Julian Prégardien singt auch Nacht und Träume in unübertrefflicher Weise. Leider nur bei YouTube und noch nicht auf CD. Ich werde hier irgendwann mit dem Post 'Die schöne Müllerin: Fremde Zungen' weitermachen. Ich hoffe, dass da nicht wieder ein Jahr vergeht, habe ich in dem Post Die schöne Müllerin: Helle Stimmen vor Jahren geschrieben. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich das immer noch nicht wahrgemacht habe, aber vielleicht ist dieser Schubert Post eine kleine Entschädigung.

Und zum Schluss habe ich Nacht und Träume noch einmal. Diesmal von Samuel Beckett, der 1982 ein Fernsehspiel mit dem Titel Nacht und Träume geschrieben hat. Schuberts Lied kommt auch drin vor. Das Ganze ist ein bisschen obskur, braucht man nicht gesehen zu haben. Hören Sie lieber noch einmal Julian Prégardien.

Sonntag, 2. Juni 2019

Familienbild


Wenn Maler ihre Familie malen, gehen sie häufig mit Liebe und Herzblut an die Sache. Das hat der französische Maler Albert Besnard, der heute vor 170 Jahren in Paris geboren wurde, sicher auch getan. Es ist keine normale Familie, die er da portraitiert: bis auf das Kleinkind auf dem Arm der Mutter haben alle im Raum mit Kunst zu tun. Besnard, der sich neben die Tür der Villa in Talloires im Département Haute-Savoie gemalt hat, kam aus einer Künstlerfamilie. Seine Schwiegermutter Mme Vital-Dubray neben ihm war die Gattin des Bildhauers Gabriel-Vital Dubray, und seine Frau Charlotte Besnard war Bildhauerin. Alle drei Kinder im Vordergrund, Germaine, Philippe und Robert, werden Künstler werden.

Das Bild der Familie Besnard aus dem Jahre 1890 befindet sich im Musée d'Orsay, aus dem auch die Abbildung im obigen Absatz stammt. Bei dieser Abbildung, die sich bei Wikipedia findet, hat jemand wohl zu tief in den digitalen Farbtopf gegriffen, aber man kann dadurch die Struktur und den räumlichen Aufbau des Bildes schön erkennen. Von den Bildern Besnards, die an der Wand hängen, ist nichts mehr zu erkennen. Durch die Verandetür, ein kleines Bild im Bild, erhalten wir einen Ausblick auf die Landschaft.

Besnard hätte auch Landschaftsmaler werden können, er ist ein Maler, der alles kann und jede Technik beherrscht, ob es Radierungen, Aquarelle oder Ölgemälde waren. Die Kritiker liebten ihn: Among contemporary French artists, there is no more brilliant and vivid figure than that of Albert Besnard. He is a painter of life and light, a magician of color, a man who, as one critic puts it, "has seen in the paroxysm of a moment the truth revealed by his contact with the infinite.

Besnard war 1880 mit seiner Familie nach London gegangen und hatte dort die Bilder von Joshua Reynolds und Thomas Gainsborough genau studiert, was ihn zu einem gesuchten Portraitmaler der Belle Epoque werden ließ. Er ist auch schon so berühmt, dass er in der Royal Academy ausstellen darf. Besnard war mit John Singer Sargent befreundet, der die Familie Besnard mit dem kleinen Robert vor seiner Geburtstagstorte einmal gemalt hat. Das intime Bild, das Albert Besnard von seiner Familie gemalt hat, entsteht im selben Jahr, in dem Vindent van Gogh stirbt. Haben die beiden Maler etwas gemein?

Besnard hat ein liebende Familie, bekommt private und öffentliche Aufträge, Preise und Auszeichnungen. Vincent van Gogh hat nichts davon. Es mag ihm im Malerhimmel ein Trost sein, dass sich heute alle an ihn erinnern und kaum jemand Albert Besnard kennt. Doch der Maler des mainstream der Belle Epoque hat van Gogh gekannt, er macht mit seinem Bruder Vincent Geschäfte. Der hat ihm einmal zweihundert Franc geliehen, hätte er vielleicht besser seinem Bruder gegeben. Manchmal ist Besnard gar nicht so weit von van Gogh entfernt, das van Gogh Museum besitzt diese Serie von Radierungen.

Freitag, 31. Mai 2019

Reste


Man schreibt etwas und hat noch etwas übrig, was nicht in den Post passt. Soll man das wegwerfen? Oder es in einen neuen Post schreiben? Mache ich jetzt, es ist eine Art von Resteverwertung. Es sind zwei Themen, das erste sind englische Sportwagen und französische Filmschauspielerinnen, das andere ist Rudyard Kipling und das Automobil.

Ich fange mal eben mit dem Thema Frauen und Automobile an, das ich in dem Post die Zukunft: nackt und blind vorstellte. Diese junge Dame hier kennt sich mit dem neuen Auto noch nicht so aus, es ist ein englischer Sportwagen, er hat das Lenkrad auf der rechten Seite. Wir sind im Jahre 1967, als dieses Photo von Catherine Deneuve in ihrem Morgan Drophead Coupé gemacht wurde. Wenige Jahre zuvor konnten wir die Deneuve in Polanskis Film Repulsion (Ekel) in einem weißen englischen Sportwagen sehen. Und in dem Absatz oben sitzt sie neben ihrem Ehemann David Bailey in einem offenen Rolls.

Zwar hat Citroen ein Auto namens Göttin (Déesse) auf den Markt gebracht, aber die Göttinnen der Leinwand fahren lieber englische Autos. Schriftstellerinnen, deren Romane sofort verfilmt werden, wie Françoise Sagan, auch. Sie hat einen Jaguar XK120 Roadster. Mein Freund Keith, der Automobile sammelt, besitzt einen Morgan 4/4, der mal Brigitte Bardot gehört hat. Ich habe ihn nie gefragt, wie das ist, wenn man sich da hinsetzt, wo einmal der Po von Brigitte war.

Ich könnte jetzt noch viel mehr über französische Filmstars und Automobile schreiben, müsste dann aber auch erwähnen, dass Françoise Dorleac bei einem schrecklichen Autounfall gestorben ist. Hier sitzt sie noch mit ihrer Schwester Catherine Deneuve auf einem englischen MG, da ist die Welt noch heil. Wenig später verbrennt sie in einem geliehenen Renault R10 auf dem Weg nach Nizza. Vierzig Jahre zuvor war hier Isadora Duncan gestorben, auch bei einem Autounfall.

Rudyard Kipling war schon häufiger in diesem Blog (The White Man's Burden, Rudyard Kipling, Somewhere East of Suez), vor allem gab es diese wunderbare plattdeutsche Übersetzung von Mandalay. Und nicht zu vergessen die Anspielung auf Kipling in dem Gedicht von Ralf Thenior. Ich kam auf Kipling, weil ich ein Gedicht über Autos und Frauen suchte. Und fand zu meinem Erstaunen Rudyard Kiplings Gedicht To a Lady, Persuading Her to a Car. Ich hatte den Autor des Dschungelbuchs nie mit Automobilen in Verbindung gebracht, aber er liebte es, in seinem Rolls Royce (Das einzige Auto, das ich mir leisten kann, weil es nie liegenbleibt) gefahren zu werden. Die Autofahrt war für ihn immer wieder one renewed and unreasoned orgy of delight. 

1911 hatte er den ersten Rolls gekauft, drei weitere sollten folgen. Und er hatte begonnen, Gedichte über Automobile zu schreiben. Die Serie The Muse Among the Motors reichte von 1904 bis 1929. Es waren literarische Pastiches, bei denen Kipling im Stil anderer Dichter schrieb. Sie finden alles dazu auf dieser Seite der Kipling Society. To a Lady, Persuading Her to a Car ist nicht für die Werbung für den Kauf eines Automobils geeignet. Es ist wieder ein Pastiche, eine Imitation des Stiles von Shakespeares Zeitgenossen Ben Jonson. In dem auch schon vor dem tödlichen Autounfall (Our fierce and uncontrouled descent) gewarnt wird:

Love's fiery chariot, Delia, take
Which Vulcan wrought for Venus' sake.
Wings shall not waft thee, but a flame
Hot as my heart--as nobly tame:
Lit by a spark, less bright, more wise
Than linked lightnings of thine eyes!
Seated and ready to be drawn
Come not in muslins, lace or lawn,
But, for thy thrice imperial worth,
Take all the sables of the North,
With frozen diamonds belted on,
To face extreme Euroclydon!
Thus in our thund'ring toy we'll prove
Which is more blind, the Law or Love;
And may the jealous Gods prevent
Our fierce and uncontrouled descent!