Donnerstag, 20. Juni 2019

Kultur (neo)


Klassik trifft Neo Classical, Weltmusik, Pop, Jazz oder Electronica. Bei NDR Kultur Neo begleiten wir Sie montags bis freitags von 22.35 Uhr bis Mitternacht mit einem grenzenlosen Musikmix durch die letzten Stunden des Tages. Vielfältig, handverlesen und kunstvoll collagiert, so beschreibt NDR Kultur Neo sein Programm. Ich wollte den Post Wiederholungen, der in den letzten Wochen sehr oft angeklickt wurde, zuerst nächtliche Geräusche nennen. Doch dann dachte ich mir, ich könnte den Titel besser für einen Post nehmen, der über all das geht, was ich nachts aus meinem DAB+ Radio höre. Bevor ich diesen kleinen wohlklingenden Engländer namens Auna Georgia hatte, kannte ich Charlotte OelschlegelPetra Rieß und ihre Kollegen noch nicht. Die sind für das handverlesen und kunstvoll collagiert zuständig. Ich kannte auch die Sängerin Charlotte Brandi nicht, die ich jetzt schon mehrfach gehört habe. Und wenn ich in dem Post le grand amour Albin de la Simones Chanson Le grand amour ça n'existait pas zitiert habe, dann kenne ich das Lied auch nur dank NDR Kultur Neo.

Meine Leser wissen, dass ich Noten lesen kann und ein Klavier besitze. Meine Leser lesen es auch gerne, wenn ich über Bach, Mozart und Schubert schreibe. Oder über Jacques Offenbach (der heute seinen 200. Geburtstag hat, da klicken Sie doch dies mal eben an). Aber neben der klassischen Musik gibt es in diesem Blog auch einiges zum Jazz, zur Popmusik und zu Country & Western. Das hat etwas damit zu tun, dass ich aus Bremen komme, das damals von den Amerikanern besetzt war. Auf der anderen Seite der Weser waren die Engländer. Beide Armeen hatten Soldatensender, AFN und BFN, das war die Musik, mit der ich aufwuchs. In Bremen hat Hans Last, der sich später James Last nannte, in amerikanischen Soldatenklubs seine Karriere begonnen. Es wird noch etwas dauern, bis Radio Bremen auch die Musik der Besatzer sendet, das wird dann die große Zeit sein von Manfred Sexauer und Uschi Nerke, die die kürzesten Miniröcke der Republik trägt.

Für den Musikunterricht der Schule existierte das, was aus England und Amerika im Radio zu hören war, überhaupt nicht. Allerdings kam für mich manches durch den Englischunterricht. Denn in den ersten Klassen des Gymnasiums hatten wir einen amerikanischen Englischlehrer, das war im Bremen der fünfziger Jahre eine kleine Sensation. Mr Manally aus Ripon (Wisconsin) war durch einen Lehreraustausch zu uns gekommen, weil zuvor einer unserer Lehrer in Amerika gewesen war. In der Parallelklasse unterrichte Mr Manally Latein. Mit amerikanischer Aussprache, die waren für den Rest des Lebens versaut. Mr Manally, der rote und grüne Socken trug (manchmal auch eine rote und eine grüne Socke), war ein willkommener Farbtupfer in der sonst so grauen Lehrerwelt. Ich werde ihn nicht vergessen, weil er uns alle Lieder beigebracht hat, die Amerika so singt.

Ungefähr um 1960 herum nahmen wir eine Auszeit von der anglo-amerikanischen Populärmusik, wir waren plötzlich alle Exis geworden, Existentialisten. Trugen schwarze Rollis und möglichst schäbige Tweedjacketts und hatten einen Band Camus unter dem Arm. Und schwärmten für Juliette Gréco. Die hatte ich 1962 in Berlin gesehen, alle Chansons von Jacques Prévert, die sie sang, konnte ich auswendig. Mit der Hinwendung zu Frankreich kam auch die Hinwendung zum Jazz. Denn französische Filme hatten häufig hervorragende Soundtracks, Fahrstuhl zum Schafott mit Miles Davis ist wohl der berühmteste. Meine Sammlung von Chansons wuchs, aber noch stärker wuchs die Sammlung von Jazzsängerinnen, das habe ich wohl schon in dem Post Ingeburg Thomsen gesagt, der x-tausend Mal angeklickt wurde.

Ich würde das Wochenendseminar über Marshall McLuhan im Winter 1968 auf dem Koppelsberg gar nicht erwähnen (und auch nicht, dass ich selbstverständlich den Professor beim Tischtennis geschlagen habe), hätte es da nicht einen Gastreferenten namens Klaus Wellershaus vom NDR gegeben. Der war gerade ein Jahr in San Francisco gewesen und brachte nun alles an Popmusik aus Amerika mit, was hier noch völlig unbekannt war. Wir schleppten Kisten voller Langspielplatten aus seinem alten VW Käfer ins Tagungszentrum. Allein die LP von Velvet Underground (und Nico) mit dem Warhol Bananen Cover wäre heute ein Vermögen wert! Am Vormittag stand Theodor Adorno auf dem Programm, am Nachmittag Klaus Wellershaus.

Und Wellershaus war an diesem Wochenende zehn Adornos wert. Jemanden wie Klaus Wellershaus, der für die Popmusik etwas war, was Rolf Dieter Brinkmann für die Vermittung der amerikanischen Lyrik war, hat es beim Norddeutschen Rundfunk nicht wieder gegeben. Falls Ihnen der Name Klaus Wellershaus nichts sagt, sollten Sie unbedingt den schönen Artikel von Heinz Rudolf Kunze aus dem Jahre 2002 lesen. Wenn es heute so etwas wie NDR Kultur Neo gibt, dann hat Wellershaus, der Cello und Dirigieren studiert hatte, mit Sendungen wie Nachtclub, Soultrain (mit Ruth Rockenschaub), Off Beat und Radio Globo das Fundament dazu gelegt. Der Nachfolger von Wellershaus beim NDR war Peter Urban, der an der Hamburger Uni eine Dissertation über die Rockmusik geschrieben hatte, die in leicht veränderter Form bei Fischer als Rollende Worte: Die Poesie des Rock erschien. Er moderiert seit Jahrzehnten den ESC, aber ein Klaus Wellershaus ist er nicht.

Wir sind noch in den Sixties, Unruhen auf den Straßen und an den Universitäten. Vieles an Musik kommt jetzt nicht aus Motown oder Nashville, sondern aus England. Es ist die Zeit der Christine Keeler und des Swinging London. Und der englische Dichter Philip Larkin (der auch den Jazz liebt) schreibt:

Sexual intercourse began
In nineteen sixty-three
(which was rather late for me) -
Between the end of the "Chatterley" ban
And the Beatles' first LP. 


Man muss sich jetzt entscheiden, ist man für die Beatles oder die Stones? Ist man für Folk oder Jazz? Oder lieber Country & Western? Es sind auch musikalisch unruhige Zeiten. Wenn man Die Zukunft der Schönheit von F.C. Delius liest, kann man ein schönes Bild der Zeit bekommen.

Jetzt kommen die Siebziger, in dieser Phase von sex, drugs and rock'n roll wird es ein klein wenig unübersichtlich. In Brighton kloppen sich am jedem Wochenende die Mods mit den Rockern, und die Engländer zeigen uns, dass man den Begriff Jugendkultur eigentlich nur im Plural gebrauchen kann. Man braucht jetzt Wegführer durch die Popmusik. Glücklicherweise habe ich Studenten, die das Gras wachsen hören und mir sagen, was ich unbedingt hören müsse. Wenn ich etwas über Jazz wissen will, rufe ich Jimmy in Berlin an.

Und mein Freund Ollie Gray, der PJ Harvey entdeckt hat (und im Independent über sie schreibt), veröffentlicht seine Autobiographie Volume: A Cautionary Tale of Rock and Roll Obsession. Über die ein Rezensent schrieb: Have you ever been to a gig? Have you ever been obsessed with music? This is Oliver Gray's memoir of 30 years spent dabbling on the periphery of the music business. It involves 300 pages of disasters, near misses, humiliations, and the (very) occasional triumph. Ein kleiner Triumph ist, dass Ollies Buch inzwischen in der fünften Auflage ist.

Wenn wir uns angesichts der Massen von Rock und Pop in den Siebzigern gar nicht mehr orientieren können, dann haben wir glücklicherweise immer noch Robert Christgaus Record Guide. Aber Autoritäten wie Robert Christgau und Klaus Wellershaus sind rar geworden. Ich nehme jetzt das, was mir mein DAB+ Radio anbietet. Freitag und Sonnabend immer die Till Brönner Show, Montag bis Freitag NDR Kultur Neo. Über dessen Programm der Moderator Hendrik Haubold sagt: Wir konstruieren im Grunde ein musikalisches Gebäude, von Klassik bis hin zu neuen musikalischen Trends. Diese Elemente verweben wir zu einer Einheit, die einem so noch nicht begegnet ist. Wir haben Hörer, die sagen, dass unsere Sendung ihr Bedürfnis nach etwas Neuem, nach Vielfalt befriedigt.

Ja. Was soll man da noch sagen? Oh, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in ‘t! sagt Miranda in The Tempest. Manchmal ist mir das Programm zu sophisticated, zu häufig höre ich ein Instrument, das Oud heißt. Und es gibt zuviel Tastengeplätscher von Einaudi. Wenn es nach mir ginge, kann ich auch eine halbe Nacht Melody Gardot hören. Wenn dazwischen Carla Bruni mal Moon River singt, ist das für mich O.K.

Sonntag, 16. Juni 2019

le grand amour


Ich schenkte ihm einen kleinen Single Malt ein. Ich wusste, er hätte lieber ein Glas Rotwein gehabt, aber Rotwein ist bei mir selten im Haus. Er bewunderte das hübsche kleine Schnapsglas, wusste aber nicht mehr, dass er mir vor Jahrzehnten ein halbes Dutzend von diesen Gläsern geschenkt hatte. Sein Leben war ein Leben in der Öffentlichkeit gewesen, in Talkshows, vor Kameras, im Flieger. Da vergisst man schon einmal das Geschenk von einem Sechserpack stilvoller skandinavischer Stamperl. Er war jetzt im Ruhestand wie ich, aber das Unternehmen, für das er tätig gewesen war, hatte ihm noch einen schönen Job als Aufsichtsrat, Frühstücksdirektor oder so etwas Ähnlichem zugeschoben. Mit Dienstwagen. Wir hatten über Gott und die Welt geredet, als er plötzlich sagte: Ich muss Dir etwas sagen.

Wenn Sätze so anfangen, dann liegt eine gewisse Gefahr in der Luft, ich zündete mir eine Pfeife an, damit ist man erst einmal beschäftigt. Er hatte früher auch Pfeife geraucht, war in jedem Fernsehinterview mit einer Pfeife zu sehen gewesen. Aber nach dem Herzinfarkt rauchte er nicht mehr. Ich hatte ihn damals im Krankenhaus besucht. Wir hatten gerade begonnen, uns zu unterhalten, als das Telephon klingelte. Ich nahm den Hörer ab, weil er nicht ans Telephon herankam. Es war der Ministerpräsident. Ich reichte ihm das Telephon und ging erst einmal aus dem Zimmer. Politik ist nicht meine Sache. Er hatte sich von dem Infarkt schnell erholt. Die Ärzte rieten ihm zu Sport, aber er hatte sein ganzes Leben keinen Sport getrieben. Er hielt es mit dem no sports von Churchill.

Ich stopfte den bröseligen gelben Virginia Tabak in die Pfeife zurück und wartete auf das, was nach dem Ich muss Dir etwas sagen kommen würde. Der nächste Satz war: Kannst Du Dich noch an Rieke erinnern? Rieke? Das war mal seine Freundin gewesen, das wusste ich noch, aber das war mehr als ein halbes Jahrhundert her. Mein Gedächtnis produzierte ein verwaschenes Bild, ich hatte die beiden mal auf der Straße photographiert. Sie hielt ein Fahrrad an der Hand. Schlank, sehr norddeutsch, krisselige blonde Haare, mehr gab die Erinnerung nicht her. Und dann sagte er: Ich habe mein ganzes Leben lang nur Rieke geliebt. Mehr kam nicht. Die Romantisierung von amourösen Abenteuern war nicht seine Sache. Wenn ich so etwas gesagt hätte, dann hätte ich eine Geschichte drangehängt: vom nächtlichen Telephonieren, vom Knutschen im Windfang, vom Nichtloslassenkönnen. Aber jetzt gab es nur dieses Ich habe mein ganzes Leben lang nur Rieke geliebt. Keine Erwähnung seiner Ehefrauen und der Frauen, mit denen er lange zusammengelebt hatte. Nur Rieke, le grand amour. Ich schüttete noch etwas Whisky in die Gläser.

Er ist wenige Monate nach dieser Unterhaltung plötzlich gestorben. Ich kondolierte seiner Ehefrau, der einzigen Frau in seinem Leben, die ich nicht ausstehen konnte, das hatte er gewusst. Aber dann rief ich Rieke an. Ich musste dieses Ich habe mein ganzes Leben lang nur Rieke geliebt loswerden. Wusste sie davon, von der heimlichen Liebe, von der niemand was weiß? Sie lebte in Süddeutschland und war seit Jahrzehnten glücklich verheiratet. Die Liebeserklärung war für sie keine Überraschung, sie wusste es, ihr ganzes Leben lang. Wie lebt man damit? Ich sagte ihr, dass wir schottischen Whisky aus kleinen Gläsern getrunken hätten. Die Gläser sind von Harjes, sagte sie, die habe ich damals ausgesucht. Die Welt ist klein.

Es sind nur noch fünf Gläser, eins ist einem Gast einmal auf den Terrazzoboden der Küche gefallen. Nichts hält ewig. Außer der Liebe. Le grand amour ça n'existait pas, singt Albin de la Simone. Was verstehen die Franzosen schon davon?

Freitag, 14. Juni 2019

Jeremiaden


O Jugend unsrer Zeit, du bist dahin!
Die Kraft zahllosen Volks, sie ist vergeudet,
Nicht einer von der Meng' sich unterscheidet,
Und nichtsbedeutend all' vorüberziehn.

Dichtet hier Frau Kramp-Karrenbauer, weil sie böse ist, dass es diesen Blogger Rezo gibt, dessen YouTube Video ein Schlag ins Gesicht für Menschen, die sich für dieses Land engagieren ist? Nein, der Text ist älter, beinahe zweihundert Jahre alt. Und er ist auch nicht der erste Text über die nichtsnutzige Jugend. So können wir ca. 3.000 vor Christi auf einer Tontafel der Sumerer lesen: Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte. Oder ein Keilschrifttext der Chaldäer tausend Jahre später: Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe. Wenn Ihnen das noch nicht genug an Beispielen ist, dann klicken Sie doch einmal dies hier an.

Das Internet ist für uns alle Neuland, hat Angela Merkel im Jahre 2013 gesagt. Und sie fuhr fort: und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung natürlich, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen. Wenn man nicht ganz so global denkt, kann man natürlich auch sagen, dass ein Blogger bei YouTube mit einem Video die CDU an den Rand des Abgrunds bringen kann. Wir waren Herr über die Bilder, wir haben die Nachrichten selbst produziert. In diese Richtung wird es weitergehen, das ist moderne politische Kommunikation. Das ist jetzt nicht Jonathan Pryce in dem James Bond Film Tomorrow Never Dies, das ist nicht aus George Orwells 1984, das ist Frau Kramp-Karrenbauer. Politiker sagen in diesen Tagen seltsame Sachen. Müssen wir an die Worte von Josef Goebbels erinnern: Und den Rundfunk werden wir in den Dienst unserer Idee stellen. Und keine andere Idee soll hier zu Worte kommen?

Wir haben mit wehleidigen Klagen über die Jugend begonnen und landen in diesen Tagen schnell bei einem Blogger mit blau gefärbten Haaren, der sich Rezo nennt. Über dessen Wutrede gegen die CDU sagte Frau Kramp-Karrenbauer: Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab. War das witzig. Fragezeichen. Aber der Rezo darf das sagen. Der Böhmermann auch. Und auch Frau Kramp-Karrenbauer darf in das nächste Fettnäpfchen treten. Denn: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Dieses O Jugend unsrer Zeit, du bist dahin! ist die erste Zeile eines Gedichts, das Franz Schubert am 21. September 1824 an seinen Freund Franz von Schober sendet. Er ist nicht recht glücklich, denn er schreibt in seinem Brief: Nun sitz ich allein hier im tiefen Ungarlande, in das ich mich leider zum zweiten Male locken liess, ohne auch nur einen Menschen zu haben, mit dem ich ein gescheidtes Wort reden könnte. Ich habe seit der Zeit, dass du weg bist, beinahe keine Lieder componirt, aber mich in einigen Instrumental-Sachen versucht. Was mit meinen Opern geschehen wird, weiss der Himmel! Ungeachtet ich nun seit fünf Monaten gesund bin, so ist meine Heiterkeit doch oft getrübt durch Deine und Kuppels Abwesenheit, und verlebe manchmal sehr elende Tage; in einer dieser trüben Stunden, wo ich besonders das Thatenlose unbedeutende Leben, welches unsere Zeit bezeichnet, sehr schmerzlich fühlte, entwischte mir folgendes Gedicht, welches ich nur darum mitteile, weil ich weiß, daß Du selbst meine Schwächen mit Liebe und Schonung rügst.

Das Gedicht, das Julian Prégardien auf seiner Schubert CD rezitiert, heißt Klage an das Volk, es war eins der letzten Gedichte von Schubert:

O Jugend unsrer Zeit, du bist dahin!
Die Kraft zahllosen Volks, sie ist vergeudet,
Nicht einer von der Meng' sich unterscheidet,
Und nichtsbedeutend all' vorüberziehn.

Zu großer Schmerz, der mächtig mich verzehrt
Und nur als letztes jener Kraft mir bleibet,
Denn tatlos mich auch diese Zeit zerstäubet,
Die jedem Großes zu vollbringen wehrt.

Im siechen Alter schleicht das Volk einher,
Die Taten seiner Jugend wähnt es Träume,
Ja spottet töricht jener goldnen Reime,
Nichtsachtend ihren kräft'gen Inhalt mehr.

Nur dir, o heil'ge Kunst, ist's noch gegönnt,
Im Bild die Zeit der Kraft und Tat zu schildern
Um weniges den großen Schmerz zu mildern,
Der nimmer mit dem Schicksal sie versöhnt.

Das Gedicht ist Schubert nicht nur in einer melancholischen Laune entwischt. Schubert ist unglücklich im restaurativen Österreich des Fürsten Metternich. Er hatte mitansehen müssen, wie sein Freund Johann Senn (dessen Schwanengesang er vertonen wird) verhaftet wurde. Und die Zusammenkünfte seines Freundeskreises werden argwöhnisch von der Polizei beobachtet. Das haben Frieder Reininghaus mit Schubert und das Wirtshaus: Musik unter Metternich und Michael Kohlhäufl in Poetisches Vaterland. Dichtung und politisches Denken im Freundeskreis Franz Schuberts genau untersucht. Von dem Franzl Schubert in einem Film wie Das Dreimäderlhaus müssen wir wohl Abstand nehmen.

Die Rettung aus der Tristesse ist für Schubert die Kunst. Das ist ein schöner Gedanke. Aber gibt es bei uns Kunst, die den großen Schmerz mildern kann? Da wird in einer Sphäre, in der wir uns noch nicht so gut auskennen, gepostet und getwittert, aber haben wir irgendwo so etwas wie Kunst? Im Zweifelsfall hätten wir immer noch das Lied, das Schuberts Freund Franz von Schober gedichtet hat:

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb' entzunden,
Hast mich in eine beßre Welt entrückt!

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf' entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir
Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür!


Sie können in der Müllkippe des Internets, das in in gewisser Weise noch nicht durchschrittenes Terrain ist, wie Frau Merkel sagte, das Lied von Schubert hören. Auch so etwas gibt es da. Ich biete Ihnen heute die Versionen von Hannes Wader und Fritz Wunderlich an, Sie können wählen. Ich finde aber auch die schräge Version von Josephine Foster ganz charmant.

Mittwoch, 12. Juni 2019

Willliam Collins


Das Proseminar von Dr Peter Nicolaisen in dem kalten Wintersemester 1965/66 hatte die Nummer 735 im Vorlesungsverzeichnis und kostete 6 Mark Unterrichtsgeld. Unter dem spröden Titel Die Lyrik der englischen Vorromantik (damals bezeichneten Titel im Vorlesungsverzeichnis noch das, was sie meinten), hetzte uns Peter Nicolaisen durch ein ganzes Jahrhundert. Von Grongar Hill nach Windsor Forest. Von Elizabeth Manwarings Italian Landscape in 18th Century England zu Marjorie Hope Nicolsons Mountain Gloom and Mountain Glory und Newton demands the Muse.

Nicolaisen jagte uns durch Philosophie, Landschaftsgartenkunst und Landschaftsmalerei– und natürlich durch die ganze englische Literatur, von Thomas Chatterton bis James Thomson. Und das alles für 6 Mark! Am Ende des Kurses dankte uns (wir waren 13) Peter Nicolaisen. Und der ansonsten so trockene und coole Nicolaisen zeigte durchaus eine gewisse Rührung, als er uns versicherte, dass wir ein solches Seminar wohl nicht wieder erleben würden. Er hatte Recht. Der Umfang des Seminars würde heute das ganze Studium eines BAMA-Studenten ausfüllen. Das Seminar hat bei mir bleibende Spuren hinterlasse, das 18. Jahrhundert kommt in diesem Blog immer wieder vor. Dieser Herr hier war auch Gegenstand des Seminars, er starb vor 260 Jahren im Alter von nur 37 Jahren. Ein kurzes Leben, Public School, Oxford, erste Publikationen. Dann die Verschwendungssucht, die Melancholie, der Wahnsinn. Das Leben von William Collins hat ein bisschen etwas von The Rake's Progress von William Hogarth.

Das Gedicht Ode to Evening ist wohl das berühmteste Werk des Dichters, es hatte einen großen Einfluß auf die Dichter der Romantik. The 'Ode to Evening' was a touchstone poem for early romantic poets and became one of the most frequently imitated odes written in the eighteenth century, heißt es auf einer seriösen Internetseite. Und Thomas Frognall Dibdin sagte über das Gedicht: If Collins live by the reputation of one, more than of another, performance, it strikes me that his Ode to Evening will be THAT on which the voice of posterity will be more uniform in praise. It is a PEARL of the most perfect tint and shape.

Ode to Evening

If aught of Oaten Stop, or Pastoral Song,
May hope, O pensive Eve, to sooth thine Ear,
Like thy own brawling Springs,
Thy Springs, and dying Gales,
O Nymph reserv'd, while now the bright-hair'd Sun
Sits in yon western Tent, whose cloudy Skirts,
With Brede ethereal wove,
O'erhang his wavy Bed:
Now Air is hush'd, save where the weak-ey'd Bat,
With short shrill Shriek flits by on leathern Wing,
Or where the Beetle winds
His small but sullen Horn,
As oft he rises 'midst the twilight Path,
Against the Pilgrim born in heedless Hum:
Now teach me, Maid compos'd,
To breathe some soften'd Strain,
Whose Numbers stealing thro' thy darkning Vale,
May not unseemly with its Stillness suit;
As musing slow, I hail
Thy genial lov'd Return!
For when thy folding Star arising shews
His paly Circlet, at his warning Lamp
The fragrant Hours, and Elves
Who slept in Buds the Day,
And many a Nymph who wreathes her Brows with Sedge,
And sheds the fresh'ning Dew, and, lovelier still,
The Pensive Pleasures sweet,
Prepare thy shadowy Car.
Then let me rove some wild and heathy Scene,
Or find some Ruin 'midst its dreary Dells,
Whose Walls more awful nod
By thy religious Gleams.
Or if chill blustering Winds, or driving Rain,
Prevent my willing Feet, be mine the Hut,
That from the Mountain's Side
Views Wilds, and swelling Floods,
And Hamlets brown, and dim-discover'd Spires,
And hears their simple Bell, and marks o'er all
Thy Dewy Fingers draw
The gradual dusky Veil.
While Spring shall pour his Show'rs, as oft he wont,
And bathe thy breathing Tresses, meekest Eve!
While Summer loves to sport
Beneath thy ling'ring Light:
While sallow Autumn fills thy Lap with Leaves,
Or Winter yelling thro' the troublous Air,
Affrights thy shrinking Train,
And rudely rends thy Robes.
So long regardful of thy quiet Rule,
Shall Fancy, Friendship, Science, smiling Peace,
Thy gentlest Influence own,
And love thy fav'rite Name!

Eine Strophe, 52 Verse, ungereimt und das Ganze im Blankvers. Eine Ode, adressiert an den Abend (O pensive Eve), der hier feminin ist. Der Abend, die kommende Nacht, die Jahreszeiten, es ist viel Natur in der Ode. Man bezeichnet die Zeit, in der Collins schreibt, als Transitional Period, eine Übergangsepoche zwischen Neoklassizismus und Romantik. Es herrscht ein leiser Ton der Melancholie in dem Gedicht, und diese Melancholie ist typisch für die Übergangsperiode der englischen Literatur, wenn wir an Edward Young, Thomas Gray und die graveyard poetry denken. Die Erwähnung einer Ruine darf in dem Gedicht nicht fehlen, dies ist der Anfang des englischen Ruinenkults, der im Gothic Revival mündet. Die Ode to Evening, die als neoklassizistisches Gedicht daherkommt, ist der Türöffner zur Romantik.

Collins hat ein dutzend Oden geschrieben, die am 12. Dezember 1746 veröffentlicht wurden. Die meisten davon kann man vergessen. Die Kritiker interessierten sich damals auch nicht für die Oden, seine Dichterkollegen schon. Wenn ich weiter oben became one of the most frequently imitated odes written in the eighteenth century zitiert habe, so ist das nicht so einfach dahingesagt. Gehen Sie doch einmal zu dieser Seite, da finden Sie beinahe einhundert Imitationen, alle durch einen Klick auf den Bildschirm zu zaubern. Henry Kirk White (der hier einen Post hat) ist auch dabei. William Collins wird den großen Erfolg seiner Ode to Evening nicht mehr erleben, da ist er schon weit weg von der Welt.

Sonntag, 9. Juni 2019

Pfingsten


Er wollte für ein Jahr nach Berlin, es wurden fünf Jahre daraus. Er hatte die Malerei aufgegeben und wollte jetzt Theaterschriftsteller werden. Wurde er nicht. Weil er in den Berliner Jahren sein Hauptwerk Der grüne Heinrich und den Anfang von Die Leute von Seldwyla schrieb. Er schrieb auch Gedichte, die leider kaum beachtet wurden, sodass Hermann Hesse 1927 schreiben konnte: Es sind unter diesen Gedichten außerordentlich schöne, von denen man nicht begreifen kann, daß sie jahrzehntelang unbeachtet und ungedruckt daliegen konnten! Aber Kellers Lyrik ist überhaupt wenig gekannt, sie ist rauher und eigenwilliger als seine Prosa. Das konnte man neulich bei den Erstaufführungen von Lebendig begraben sehen, Othmar Schoeck hat zu diesem Gedichtzyklus eine sublime Musik geschrieben, die Mehrzahl der Zuhörer aber kannte diese herrlichen Gedichte nicht und saß ihnen verlegen und kopfschüttelnd gegenüber. Vielleicht geht es auch diesen von Fränkel ausgegrabenen Jugendgedichten so. Es wäre aber schade. Der hier erwähnte Schweizer Komponist Othmar Schoeck hat in SILVAE schon einen Post, in dem auch Bilder des Landschaftsmalers Gottfried Keller zu sehen sind.

Für den heutigen Tag habe ich ein Gedicht aus dem Jahre 1854 von Gottfried Keller herausgesucht, dass Berliner Pfingsten heißt:

Heute sah ich ein Gesicht,
Wonnevoll zu deuten:
In dem frühen Pfingstenlicht
Und beim Glockenläuten
Schritten Weiber drei einher,
Feierlich im Gange,
Wäscherinnen, fest und schwer!
Jede trug 'ne Stange.

Mädchensommerkleider drei
Flaggten von den Stangen;
Schönre Fahnen, stolz und frei,
Als je Krieger schwangen,
Blau und weiß und rot gestreift,
Wunderbar beflügelt,
Frisch gewaschen und gesteift,
Tadellos gebügelt.

Lustig blies der Wind, der Schuft,
Lenden auf und Büste,
Und von frischer Morgenluft
Blähten sich die Brüste!
Und ich sang, als ich gesehn
Ferne sie entschweben:
Auf und laßt die Fahnen wehn,
Schön ist doch das Leben!

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingstfest.

Samstag, 8. Juni 2019

Ich bin nicht sentimental


Der Satz ist nicht von mir. Ich bin sentimental. Wenn Sie diesen Blog regelmäßig lesen, wissen Sie das. Spätestens seit Sie den Post Wiederholungen gelesen haben. Nein, dieses Ich bin nicht sentimental, hat Fritz Overbeck auf die Frage geantwortet, ob er nicht manchmal Lust verspüre, nach Worpswede zurückzukehren. Er hatte sich eine Villa am Ortsrand von Vegesack gekauft, mit großem Garten, den er hier gemalt hat. Fast ist es mir unheimlich, und fast demütig muß ich denken, womit ich denn das alles verdient habe, schrieb er nach dem Umzug.

Er war der Sohn eines Direktors des Norddeutschen Lloyds, war auf dem Alten Gymnasium in Bremen gewesen und hatte danach in Düsseldorf studiert. Otto Modersohn hatte ihn nach Worpswede gelockt, aber seine Wohnung in Bremen hatte Overbeck erst einmal behalten. Nach dem Umzug nach Vegesack hatte  er 1908 an Modersohn geschrieben: Wir Worpsweder haben in den letzten Jahren, abgesehen von deiner Frau, im Grunde doch nichts hervorgebracht, das uns stolz machen könnte - nimm mir das nicht übel - und und ich halte nichts für verfehlter und schädlicher, als als vorurteilsvoll seine Augen gegenüber den Leistungen anderer zu verschließen.

Overbeck hat seine Villa und seinen Garten nicht lange genießen können, heute vor 110 Jahren ist er gestorben, er war noch keine vierzig Jahre alt. Als Sterbeort wird Bröcken bei Vegesack angegeben, das suggeriert, dass es einen Ort mit dem Namen Bröcken gegeben hätte. Hat es nie, das ist nur eine Flurbezeichnung: Es muß noch etwas gesagt werden zu der in der Literatur und auch in dieser Darstellung verwendeten Ortsbezeichnung „Brocken bei Vegesack". „Auf dem Brocken" hieß es damals. „Brocken", „Krümpel" oder „Rahland", das waren die Namen von kleinen Erhebungen beiderseits des Schönebecker Auetals, die damals von heckenumsäumten Äckern und Waldstücken überzogen waren, heißt es 1989 im Jahrbuch der Wittheit zu Bremen.

Heute heißt dort in Schönebeck noch eine ganz kleine Straße Bröcken. Die Straße Auf dem Krümpel gibt es auf der anderen Seite der Schönebecker Aue auch. Wir nannten allerdings die riesige Wiese daneben auch den Krümpel. Wenn die im Winter überflutet und mit Eis bedeckt war, war es eine wunderbare Fläche zum Schlittschuhlaufen. Overbecks Frau Hermine, die auch Malerin war, hat von dem Haus (das sie hier gemalt hat) in den ersten Jahren wenig gehabt, da sie lange wegen ihrer Tuberkulose in Davos war. Overbeck hat sie dort besucht und viele Schneebilder gemalt. Eins davon besitze ich, dieser pappige Schnee ist furchtbar langweilig.

Mein Opa hatte Overbeck gekannt, meine Mutter kannte Overbecks Tochter, die für uns nur das Fräulein Overbeck war. Sie hockte einsam und verarmt in der Villa, auf die ihr Vater so stolz gewesen war. Bei mir an den Wänden hängen zwei Overbecks, der eine ist das Schneebild, der andere eine Dünenlandschaft, die Overbeck 1904 auf Sylt gemalt hat. Die ist auch furchtbar langweilig. Mein Bruder hat auch zwei Overbecks, einen Torfkahn auf der Wümme und eine Sylter Düne. Das Bild mit dem Torfkahn habe ich auch, ist aber eine Fälschung, liebevoll von meiner Mutter kopiert. Im Kopieren von Worpswedern war sie gut. Worpsweder sind leicht zu kopieren. Wenn man sich die Bilder anschaut, die zur selben Zeit in der Malerkolonie in Skagen gemalt werden, dann wird man Overbecks Satz Wir Worpsweder haben in den letzten Jahren, abgesehen von deiner Frau, im Grunde doch nichts hervorgebracht, das uns stolz machen könnte zustimmen.

Für den Maler Fritz Overbeck gab es vor Jahren schon den Post Fritz Overbeck. Und in dem Post Worpswede steht auch einiges über ihn. Sie könnten auch noch lesen: Heinrich VogelerAnna FeldhusenOtto UbbelohdeNiedersachsenstein und Fritz Mackensen. Dann wissen Sie alles über Worpswede.

Freitag, 7. Juni 2019

Der Sommer


Der Sommer

Im Tale rinnt der Bach, die Berg an hoher Seite,
Sie grünen weit umher an dieses Tales Breite,
Und Bäume mit dem Laube stehn gebreitet,
Daß fast verborgen dort der Bach hinunter gleitet.

So glänzt darob des schönen Sommers Sonne,
Daß fast zu eilen scheint des hellen Tages Wonne,
Der Abend mit der Frische kommt zu Ende,
Und trachtet, wie er das dem Menschen noch vollende.

Mit Untertänigkeit
Scardanelli.

d. 24 Mai 1758.

Er hat es wieder mit Scardanelli unterzeichnet, das ist sein anderes Ich. Wir wissen, dass er in Wirklichkeit Friedrich Hölderlin heißt und am 7. Juni 1843 in Tübingen gestorben ist, Grund genug für ein kleines Scardanelli Gedicht am heutigen Tag. Der Name Scardanelli wird schon in meinem ersten Post als Blogger zitiert. Und Hölderlin ist immer wieder ein Thema gewesen. Lesen Sie auch: Hölderlin, Holterling, Michael Hamburger, Dichterfreund, Isaac von Sinclair, Herbstgedicht,