Dienstag, 14. März 2023

Sir Maurice Micklewhite

Unter seinem richtigen Namen Maurice Micklewhite hat ihn die Queen im Jahre 2000 zum Ritter geschlagen. Das sei er seinem Vater schuldig gewesen, hat er gesagt (I was named after my father and I was knighted in his name because I love my father. I always kept my real name—I'm a very private and family-orientated person). Aber jetzt hat er offiziell seinen Namen geändert, jetzt ist er wirklich Sir Michael Caine. Er wird heute neunzig Jahre alt, da müssen wir gratulieren. Das schöne Photo hier hat Simon Emmett für das Magazin Esquire gemacht. 

Vor zehn Jahren gab es hier den langen Post Michael Caine, zwei Jahre davor mit Botschaften auch schon einen Geburtstagsgruß. Dass er für den Brexit war, steht in dem Post Zauberberg. Ich sollte noch den Post Britt Ekland erwähnen. Den mag ich sehr, weil er in meinem ersten Jahr als Blogger auf der Stelle zehntausend Klicks brachte. Die Geschichte, wie er sich seinen ersten Rolls-Royce kauft, findet sich in Luxuskutschen. Sein Silver Shadow steht im Augenblick zum Verkauf, der Auktionator hofft, dass er 150.000 Euro für das Auto bekommt. Michael Caine selbst fährt nicht mehr Auto, er geht jetzt am Stock. Seine Tochter kann ihn nicht mehr fahren, weil sie gerade den Führerschein verloren hat. Er wird sich einen Chauffeur nehmen müssen, Geld genug hat er ja.

Seine erste Autobiographie von 1992 What's It All About? ist sicher eine Leseempfehlung. Wahrscheinlich ist das Buch sogar ohne Ghostwriter geschrieben, es klingt wirklich wie Michael Caine. Von den nachfolgenden Büchern (Blowing the Bloody Doors Off: And Other Lessons in Life und The Elephant to Hollywood) kann man das nicht sagen. Man erwartet von einem Schauspieler ja auch nicht, dass er ein Schriftsteller ist. Die Autobiographie von David Niven ist sicher besser als die von Michael Caine. Und Dirk Bogarde ist wahrscheinlich der einzige englische Schauspieler, der auch als Schriftsteller ernstzunehmen ist.

Das Lieblingsgedicht von Michael Caine ist Kiplings If. Er liest das auch ✺hier vor. Das Gedicht habe ich hier natürlich auch für sie:

If you can keep your head when all about you
⁠Are losing theirs and blaming it on you;
If you can trust yourself when all men doubt you,
⁠But make allowance for their doubting too:
If you can wait and not be tired by waiting,
⁠Or being lied about, don't deal in lies,
Or being hated don't give way to hating,
⁠And yet don't look too good, nor talk too wise;

If you can dream—and not make dreams your master;
⁠If you can think—and not make thoughts your aim,
If you can meet with Triumph and Disaster
⁠And treat those two impostors just the same:
If you can bear to hear the truth you've spoken
⁠Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
⁠And stoop and build 'em up with worn-out tools;

If you can make one heap of all your winnings
⁠And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
⁠And never breathe a word about your loss:
If you can force your heart and nerve and sinew
⁠To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
⁠Except the Will which says to them: 'Hold on!'

If you can talk with crowds and keep your virtue,
⁠Or walk with Kings—nor lose the common touch,
If neither foes nor loving friends can hurt you,
⁠If all men count with you, but none too much:
If you can fill the unforgiving minute
⁠With sixty seconds' worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that's in it,
⁠And—which is more—you'll be a Man, my son!

Und ich habe hier eine deutsche Übersetzung des Gedichts. Ich mag das Gedicht nicht so sehr, Kipling kann bessere Gedichte schreiben. Vielleicht gehen Sie einmal zu dem Post Mandalay. Da gibt es das berühmte Gedicht Mandalay (das auch Frank Sinatra mal gesungen hat), und es gibt eine wunderschöne plattdeutsche Übersetzung. Nirgendwo sonst als hier.

Freitag, 10. März 2023

Aubade


Wenn man alt ist, also so richtig alt, dann sind Geburtstage ziemlich anstrengend. Vierzig E-Mails, zwölf Anrufe, einer aus den USA. Besuch am Nachmittag, Gäste am Abend. Viele Erzählungen aus dem langen Leben, Vergangenheit satt. Man braucht Tage, um sich davon zu erholen. Aber, wie Philip Larkin schreibt: Wozu gibt’s Tage?Tage sind, wo wir leben. Sie kommen, wecken uns Immer und immer wieder. Sie sind da, in ihnen glücklich zu sein. Wo sonst sollten wir leben? Sollte ich etwas schreiben? Das erste, das mir am nächsten Tag einfiel, war, dass ich immer schon einmal über das Gedicht Aubade von Philip Larkin schreiben wollte. Das hatte ich letztens wieder gelesen, als ich den Nachruf für meinen Freund Volker schrieb. Es ist in dem Band Luftfracht enthalten, den Volker mir geschenkt hatte. Wenn man es gelesen hat, geht es einem nicht aus dem Kopf. Nie wieder. Das ist bei vielen Gedichten von Larkin so. Als ich das Wort Aubade bei Google eingab, bekam ich dies hier. Eine Firma für Damenunterwäsche hat sich diesen Namen angeignet. Und man muss zwischen den Dessous lange suchen, um zu finden, dass eine Aubade ein Morgenlied ist. Ein Wort, das vom französischen aube, die Morgendämmerung, kommt. Ich lasse mal die lingerie beiseite und fange mit Larkins Gedicht an:

I work all day, and get half-drunk at night.
Waking at four to soundless dark, I stare.
In time the curtain-edges will grow light.
Till then I see what's really always there:
Unresting death, a whole day nearer now,
Making all thought impossible but how
And where and when I shall myself die.
Arid interrogation: yet the dread
Of dying, and being dead,
Flashes afresh to hold and horrify.

The mind blanks at the glare. Not in remorse
- The good not done, the love not given, time
Torn off unused - nor wretchedly because
An only life can take so long to climb
Clear of its wrong beginnings, and may never;
But at the total emptiness for ever,
The sure extinction that we travel to
And shall be lost in always. Not to be here,
Not to be anywhere,
And soon; nothing more terrible, nothing more true.

This is a special way of being afraid
No trick dispels. Religion used to try,
That vast, moth-eaten musical brocade
Created to pretend we never die,
And specious stuff that says No rational being
Can fear a thing it will not feel, not seeing
That this is what we fear - no sight, no sound,
No touch or taste or smell, nothing to think with,
Nothing to love or link with,
The anasthetic from which none come round.

And so it stays just on the edge of vision,
A small, unfocused blur, a standing chill
That slows each impulse down to indecision.
Most things may never happen: this one will,
And realisation of it rages out
In furnace-fear when we are caught without
People or drink. Courage is no good:
It means not scaring others. Being brave
Lets no one off the grave.
Death is no different whined at than withstood.

Slowly light strengthens, and the room takes shape.
It stands plain as a wardrobe, what we know,
Have always known, know that we can't escape,
Yet can't accept. One side will have to go.
Meanwhile telephones crouch, getting ready to ring
In locked-up offices, and all the uncaring
Intricate rented world begins to rouse.
The sky is white as clay, with no sun.
Work has to be done.
Postmen like doctors go from house to house

Die Übersetzung in dem Band Luftfracht erschien zuerst 1990 in der Zeitschrift Merkur, sie ist von dem Dichter Harald Hartung, der damals auch einen hervorragenden → Essay zu Larkin geschrieben hat. Es war nicht die erste Übersetzung von Larkins Gedicht. Die erschien 1978, ein Jahr nach der englischen Publikation des Gedichts, in ensemble 9: Lyrik, Prosa, Essay. Herausgegeben von Clemens Graf Podewils und Heinz Piontek im Auftrag der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Dort sind die Gedichte von Larkin von dem Anglisten Helmut Winter übersetzt. Es gibt noch eine Übersetzung von Ulrich Horstmann, die in dem Band Nachwelt: Die besten Gedichte erschienen ist. Und dann gibt es noch diese Luxusausgabe (111 nummerierte und vom Künstler signierte Exemplare) mit der Übersetzung von Richard Glabotki mit sieben Illustrationen von Max Perna, zwei Namen, die ich noch nie gehört habe. Obgleich es so viele Übersetzungen gibt, ist leider keine davon im Internet.

Das Gedicht Aubade ist eins von Larkin letzten Gedichten. Es ist, auch wenn es vom Tod handelt, für Larkin eigentlich ein positives Gedicht: Work has to be done. Postmen like doctors go from house to house. Die Unausweichbarkeit von Alter und Tod sind ein ständiges Thema bei Larkin. Wie zum Beispiel in Dockery and Son: Erst ist das Leben Langeweile, dann kommt die Angst. / Und es vergeht, ob wir es nützen oder nicht, / es hinterläßt, was unbekannt uns zugedacht, / das Alter auch und dann sein einzig Ende. Aber was wollen wir erwarten von einem Dichter, der gesagt hat: Deprivation is to me what daffodils were to Wordsworth? Und der in This be the Verse diese wunderbaren Zeilen schreibt: They mess you up, your mum and dad./ They may not mean to, but they do./ They fill you with the faults they had/ And add some extra, just for you. Das Gedicht ist gerade aus den Lehrplänen der englischen Schulen der Sekundarstufe gestrichen worden.

Larkins Werk ist überschaubar, wenige schmale Bände, insgesamt zweihundertviertig Seiten sind es in den Collected Poems. Mehr kann man wohl nicht schreiben, wenn man davon überzeugt ist, dass Deprivation is to me what daffodils were to Wordsworth. Larkin hat sein Festhalten an einer Wahrheit der Lyrik ohne Romantik einmal in einem Interview so begründet: Ich glaube, ich versuche immer, die Wahrheit zu schreiben, und würde kein Gedicht schreiben wollen, das nahelegte, daß ich ein anderer bin als der, der ich bin ... Nehmen Sie zum Beispiel Liebesgedichte. Ich würde es als falsch empfinden, ein Gedicht zu schreiben, das vor Liebe für irgend jemand überschäumt, wenn man nicht gleichzeitig die angedichtete Person heiratet und mit ihr einen Hausstand gründet. Michael Hamburger hat sein Buch über die moderne Lyrik The Truth of Poetry genannt, er zitiert Larkin natürlich, der hier von dieser truth of poetry spricht.

Larkins Kollege Seamus Heaney hat über ihn gesagt: Müßte Philip Larkin je seine Version der Göttlichen Komödie schreiben, würde er sich vermutlich nicht in einem dunklen Wald befinden, sondern in einem Eisenbahntunnel halbwegs auf einer Reise durch England. Das Gedicht Aubade war für Heaney ein Verrat an der Lyrik: The poem does not hold the lyre up in the face of the gods of the underworld; it does not make the Orphic effort to haul life back up the slope against all odds. Er sei dissatisfied and indignant gewesen, als er das Gedicht las. Wirklich? An dem Abend, als ich ein Guinness mit ihm trank, zeigte er nichts davon, und wir hatten uns über Larkin unterhalten. Vielleicht hat es ihm nicht gefallen, dass Larkin, dessen Werk voll von Nihilismus ist, der beliebteste englische Dichter war. 

Aber das Gedicht Aubade hat doch manchen verstört. Zum Beispiel den polnischen  Nobelpreisträger Czesław Miłosz, der das Gedicht Against the Poetry of Philip Larkin schrieb:

I learned to live with my despair,
And suddenly Philip Larkin’s there, 
Explaining why all life is hateful.
I don’t see why I should be grateful.
It’s hard enough to draw a breath 
Without his hectoring about nothingness.

My dear Larkin, I understand 
that death will not miss anyone. 
But this is not a decent theme 
For either an elegy or an ode.

Gegen die Poesie von Philip Larkin 

Ich habe gelernt mit meiner Verzweiflung zu leben.
Und plötzlich ist da jemand, der ungebeten
In Gedichten die Gründe für Verzweiflung aufzählt.
Soll ich dankbar sein? Ich wüßte nicht wofür.
Das Bewußtsein hat verschiedene Niveaus,
Und wer mich mit dem Tod erschreckt, stößt mich hinab auf ein tieferes.

Du trauriger Larkin, auch ich weiß vom Tod,
Der ständig allen Lebendigen droht,
Doch passend ist dieses Thema nie −
In keiner Ode und in keiner Elegie.



Sie können das Gedicht (von Larkin selbst gelesen) hier hören. Und im Blog gibt es noch die Posts Philip Larkin und Philip Larkins Rasenmäher

Dienstag, 7. März 2023

Happy Birthday


... Vielleicht schreibe ich einmal mehr zu dem Thema. Heute geht es nicht, da ist eine kleine Feier angesagt, nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus. Aber vielleicht lege ich zur Verblüffung der Gäste einmal eine ✺Townes van Zandt Platte auf. 

Das habe ich vor zehn Jahren in dem Post Townes van Zandt geschrieben. Dass der Sänger am 7. März Geburtstag hat, kann ich mir leicht merken, weil das auch mein Geburtstag ist. Wie das dann bei mir aussieht, das wissen Sie, wenn Sie den Post Geburtstagsfeier gelesen haben. In diesem Jahr habe ich auch alkoholfreien Rotwein für die Gäste, die noch Auto fahren müssen. Der Wein kommt von dem Weingut Carl Jung; ich weiß nicht, wie er schmeckt, aber ich habe den genommen, weil der Dr Carl Jung vor über hundert Jahren ein Verfahren entwickelt hat, um den Alkohol aus dem Wein zu bekommen.

Meine Freunde werden heute sicher Geschenke mitibringen, die Post hat schon Päckchen und Pakete gebracht. Aber ich möchte meinen Lesern heute auch etwas schenken. In dem Post Print on Demand hatte ich gesagt, dass ich einen kleinen Roman geschrieben und ohne fremde Hilfe daraus dieses Buch gemacht hatte. In dem Post ce n'est jamais fini habe ich das erste Kapitel davon veröffentlicht. Warum sollen Sie nicht einmal diesen ganzen autobiographischen Liebesroman lesen? 

Der kleine Roman heißt jetzt nicht mehr Souvenirs et Regrets, er hat jetzt den Namen → Que reste-t-il de nos amours, variatio delectat Und wenn Sie den Titel anklicken, sind Sie schon mittendrin im Liebeswirrwarr. Der erste Romantitel war eine Gedichtszeile von Jacques Prévert, der zweite Titel ist eine Gedichtszeile von Charles Trenet, es ist viel Frankreich in dem Text. Wenn Sie beim Lesen das Gefühl haben, Sie kennen das alles schon, dann betrügt Sie ihr Gefühl nicht. Beinahe alles stand hier in den letzten zwölf Jahren schon mal im Blog. Ein Photo von der Romanfigur spendiere ich Ihnen auch. Das habe ich 1961 von ihr in Kopenhagen gemacht. Das Auto gehört ihr natürlich nicht, aber sie sieht gut damit aus.

Diese schöne Frau kommt nicht in dem kleinen Roman vor, aber ich muss sie unbedingt erwähnen, weil sie auch heute Geburtstag hat. Sie ist schon häufiger in dem Blog erwähnt worden, das erstemal im Jahre 2010 in dem Post London. Da lebt sie nämlich, da wollte sie unbedingt hin. Mit Zitaten wie nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus hat sie keine Schwierigkeiten, denn sie hat Klassische Philologie studiert und hat einen Doktortitel. Von Zeit zu Zeit schaut sie in meinen Blog. Als ich ihr vor Jahren die Geschichte Sommerurlaub vorbeischickte, schrieb sie mir, dass die ihr gut gefallen hätte, ich sollte mal daran denken, den Beruf zu wechseln und Schriftsteller werden. Für einen Berufswechsel bin ich zu alt, ein richtiger Schriftsteller wird sowieso nicht mehr aus mir, ich bin nun mal ein dilettierender romancier manqué.


Sonntag, 5. März 2023

Gesamtkunstwerk


Als wir jung waren, waren wir genial. Das glaubten wir wenigstens. Wenn man jung ist, muss man auch an die Genialität glauben. Wir hatten James Joyce und Ezra Pound gelesen und waren noch nicht ganz durch Prousts A la recherche du temps perdu hindurch. Bis zum Abitur war es noch etwas hin. Ich hatte damals, als wir genial waren, die Idee eine Abendveranstaltung mit Jazz und Lyrik zu organisieren. Die Gedichte sollte mein Freund Peter schreiben, ich schrieb das Drehbuch für das Gesamtkunstwerk. Die Mitglieder für die Combo hatte ich auch schon mehr oder weniger angeheuert. Ich hätte gerne ein Saxophon dabei gehabt, aber ich fand niemanden an der Schule, der Saxophon spielte. Viele spielten Klavier, manche Cello, aber niemand Saxophon. Leute, die mit einem Fingerhut auf dem Waschbrett schrubbten und davon träumten, in eine Skiffle Group zu kommen, gab es genug. Aber ich wollte Jazz. Also so etwas, was Dave Brubeck spielte.

Manches geht im Leben allerdings schief. Eben dieser Plan, an einem Abend Lyrik und Jazz zu präsentieren, zum Beispiel. Lizzie hatte ich schon an der Hand, er war ein hervorragender Jazzpianist. Dass er ein guter Pianist war, fand unser Musiklehrer, der berühmte Ernst Meißner überhaupt nicht, aber der war mir egal. Im nächsten Jahr würden wir Hanns Eckerle als Musiklehrer haben, das war ein wirklich guter Lehrer. Und er hatte nichts gegen Jazz.

Eine schöne Frau zum Vorlesen der Gedichte hatte ich auch schon, ich hatte immer gute Beziehungen zu schönen Frauen. Aber Peter kam mit dem Eröffnungsgedicht nicht über, das nach meinem Plan Morning in Copenhagen heißen sollte. Er gestand mir dann, dass er noch nie in Kopenhagen gewesen sei. Ob er über London schreiben könnte? Oder Paris? Er war häufig in Paris. Es wäre mir egal gewesen. Die schöne Vorleserin wollte aber unbedingt Kopenhagen haben, nichts anderes. Sie hatte schöne Erinnerungen an die Stadt. Und sie war noch nie in Paris gewesen. Ich machte noch einen Versuch, ich bot ihr an, dass sie auch singen dürfte, sie hatte eine schöne Sopranstimme. Aber sie wollte nicht, sie wollte lieber im Chor Bach singen. Vielleicht war sie auch nur im Chor, um einen Mann zu finden, denn der Meißner Chor galt als ein Eheanbahnungsinstitut. 

Das war das Ende der Geschichte. Abende mit Jazz und Lyrik waren Jahre später die große Sache, wir hätten mit bei den ersten sein können. Peter Rühmkorf, Michael Naura und Wolfgang Schlüter waren noch nicht aufgetreten. Peters Gedicht Birth of the Morning (ohne Kopenhagen) liegt bei mir immer noch in der Schreibtischschublade. Und nicht nur das. Die Gundula hat mir gerade aus Peters Unterlagen meinen Entwurf des Drehbuchs für den Abend geschickt. Getippt auf großen DIN A3 Bögen, alles kleingeschrieben. Tat man damals, wenn man genial war. Nun liegt das vor mir auf dem Schreibtisch. Tippe ich das jetzt ab? Ich glaube, ich lasse es, wie es ist.


Freitag, 3. März 2023

der glückliche Bülow


Am 3. März 1814 kapituliert die französische Stadt Soissons am zweiten Tag ihrer Belagerung. Die Kapitulation von Soissons ist der wirklich entscheidende Moment des Feldzuges. Das Glück verließ Napoleon an diesem Tage, wird der Marschall Marmont 1832 in seinen Memoiren schreiben. Sieger des Tages ist das preußische Armeekorps unter General Friedrich Wilhelm Bülow von Dennewitz, den man auch den glücklichen Bülow nannte. Er ist heute beinahe vergessen. Bülow ist wahrscheinlich der einzige preußische General der Befreiungskriege, der nie eine Schlacht verloren hat. In Laon ist er wenige Tage später auch wieder dabei, diese Schlacht hat hier schon einen Post. Wilhelm ist der am wenigsten befähigte von uns Brüdern, aber der klügste Offizier in der ganzen preußischen Armee, hat sein jüngerer Bruder Dietrich von Bülow über ihn gesagt. 

Diesen Namen, der allezeit glückliche Bülow, haben ihm die Berliner gegeben, weil er 1813 in dem Gefecht von Luckau, der Schlacht von Großbeeren und der Schlacht von Dennewitz die Franzosen unter den Marschällen Oudinot und Ney besiegte und verhinderte, dass Napoleon in Berlin einmarschieren konnte. Nach der Schlacht von Dennewitz hat der preußische König dem Freihern von Bülow das Eichenlaub zum Pour le Mérite Orden und das Großkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen. Bülow ist einer von fünf Trägern des neugeschaffenn Ordens. In der Völkerschlacht von Leipzig spielt Bülow auch eine wichtige Rolle, aber nur, weil er den Befehlen von Bernadotte nicht gehorcht. Das hatte er schon in Großbeeren nicht getan, als Bernadotte Berlin den Franzosen übergeben wollte. Bülow hatte immer Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten. Auch mit Blücher, aber mit dem kommt er irgendwie zurecht. Bernadotte und Gneisenau konnte er nicht ausstehen, er gehorchte ihren Befehlen nie. Aber seinem König war er ergeben, und Friedrich Wilhelm III wusste, was er an dem Querkopf hatte. Er wird ihm alle Orden verleihen, die Preußen hat und ihn zum Grafen von Dennewitz ernennen.

Bülow erobert in Paris den Montmartre und bringt Blücher mit der Bemerkung, es habe keinen Sinn, den Hass der Franzosen herauszufordern, von dem Plan ab, den Pont d’Iena in die Luft zu sprengen. Bülows erklärter Feind war Napoleon, nicht die Franzosen. Er sorgt auch dafür, dass seine Soldaten die Besiegten respektvoll behandeln. In einem Tagesbefehl droht er jedem Plünderer die unverzügliche standrechtliche Erschießung an. Blücher hatte nichts dagegen, seine Soldaten plündern und brandschatzen zu lassen. Als er 1814 zum ersten Mal London sieht, äußert er den Satz, dass dies eine schöne Stadt zum Plündern wäre. Er hat diese dunklen Seiten: seine Spielsucht am Kartentisch, seine Bereitschaft, Soldaten plündern zu lassen, seine vielen (psychosomatischen) Krankheiten, seine psychotischen Schübe (um deretwillen er die ganze Schlacht von Laon verpasst hat). Bülow hat nichts davon. 

Er besitzt diese preußischen Werte, von denen wir immer reden. Im Gegensatz zu Blücher sitzt er nicht betrunken am Spieltisch, er bewegt sich in den Berliner Salons, wo man Tee trinkt und geistvolle Gespräche führt. Er wird auch der Gouverneur (das heißt der Hauslehrer) des Prinzen Louis Ferdinand, und er schreibt Kirchenmusik: Namentlich beschäftigten ihn Geschichte und Kriegswissenschaften, weniger die fremden Sprachen, wenngleich ihm die französische seit seiner Kindheit sehr geläufig war. Mit besonderer Vorliebe trieb er Musik und fand in dem Kammermusikus Fasch, dem Gründer der Berliner Singakademie, einen gründlichen Lehrer. Er blies die Flöte und war ein guter Klavierspieler, leistete aber auch als Komponist ernster Musik Bedeutendes; unter seinen Tonwerken sollen eine Messe, eine Motette und die Kompositionen des 51 und 100. Psalms sich besonders auszeichen, schreibt Adolf von Bülow im Bülowschen Familienbuch.          
In Ligny war er zu spät auf dem Schlachtfeld, die Befehle des Oberkommandos hatten ihn zu spät erreicht. Wenn es überhaupt Befehle waren, man befiehlt dem Mann, der zum Jähzorn neigt, nicht gerne. Man stellt anheim: Das Hauptquartier Ew. Exzellenz dürfte sich wohl am zweckmäßigsten in Hannut befinden. Aber er ist nicht in Hannut, er ist in Lüttich. Er will seinem Korps auch einen Tag Ruhe geben, den haben sie verdient. Der verspätete Marsch nach Ligny hat etwas Kriegsentscheidendes: Gneisenau kann nach der verlorenen Schlacht von Ligny nicht nach Osten ausweichen, weil da Bülow aufmarschiert, er muss nach Norden gehen. Richtung Wavre und Waterloo. Und Bülow wird mit ausgeruhten Truppen als erster in Waterloo sein.

Hier in Plancenoit wird er die Schlacht entscheiden. Napoleon schickt Truppen über Truppen in das kleine Dorf, das zum Wendepunkt der Schlacht wird. Napoleon weiß, dass er, wenn er Plancenoit verliert, den Feind im Rücken hat. Das ist das Ende der Schlacht. Das erkennt auch Wellington an, der in einer Depesche schreiben wird: I should not do justice to my own feelings, or to Marshal Blücher and the Prussian army, if I did not attribute the successful result of this arduous day to the cordial and timely assistance I received from them. The operation of General Bülow upon the enemy’s flank was a most decisive one; and, even if I had not found myself in a situation to make the attack which produced the final result, it would have forced the enemy to retire if his attacks should have failed, and would have prevented him from taking advantage of them if they should unfortunately have succeeded. Wir heben aus diesem Text einmal die Worte a most decisive one hervor, Wellington tut sich schwer anzuerkennen, dass er ohne die Preußen die Schlacht verloren hätte. Das Dictionary of Military Biography bezeichnet Bülow als Blücher's ablest lieutenant.

Der preußische König schenkt dem General Bülow von Dennewitz ein Schloss, aber viel hat der nicht davon. Er zieht sich auf der Jagd eine Erkältung zu, an der er sterben wird. Wenn man ihn auch heute beinahe vergessen hat, damals vergisst man ihn nicht. Der König beauftragt Christian Daniel Rauch, eine Statue zu schaffen. Und Hugo von Hasenkamp schreibt das Buch General Graf Bülow von Dennewitz in den Feldzügen von 1813 und 1814; und August Varnhagen von Ense, der Ehemann von Rahel, verfasst eine Biographie des Feldherrn. 

Der eindruckvolle Marmorsockel von Bülows Standbild war von Karl Friedrich Schinkel entworfen worden (dies ist die Nordseite). Das Denkmal stand zusammen mit dem Denkmal von Scharnhorst vor der Neuen Wache. Von 1822 bis zum Jahre 1951, da ließ Ulbricht die Helden des Freiheitskriegs wegräumen (lesen Sie hier mehr dazu). Die Neue Wache war ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus geworden, da passten preußische Generäle schlecht ins Bild. Nach dem Mauerfall wurden Bülow und Scharnhorst wieder aufgestellt, allerdings auf der anderen Straßenseite. Es sind auch nicht mehr die Originale, da der Marmor aus dem Jahre 1822 ein wenig unter den Autoabgasen gelitten hat.

Dieser junge Oberleutnant mit dem Eisernen Kreuz ist auch ein Freiherr von Bülow. Als man ihn Jahre nach dem Krieg fragte, ob er ein guter Soldat gewesen sei, antwortete er: Nicht gut genug, sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende. Sie kennen diesen Vicco von Bülow unter einem anderen Namen, da nennt er sich Loriot.

Sonntag, 26. Februar 2023

Falkland


Sie werden Anthony Cary nicht kennen. Aber der schottische Adelige hat noch einen anderen Namen, und den kennen wir alle. Er ist nämlich der vierte Viscount Falkland. Ein Titel, der für seinen Vorfahren Sir Henry Cary (hier auf dem Bild eines unbekannten Malers) im Jahre 1620 geschaffen wurde. Das schöne Bild hängt in Hardwick Hall, ein Schloss, das, wie alle Touristen wissen, immer den Zusatz more glass than wall bekommt. Die Viscounts Falkland haben ihren Namen nach dem Falkland Palace, der einmal der Sitz des schottischen Königs James II war. Unser Anthony Cary hat reich geheiratet und kauft sich den Posten eines Treasurer of the Navy für fünfzehntausend Pfund Sterling. Er wird dann noch Commissioner of the Admiralty und First Lord of the Admiralty werden. Der Sekretär der Admiralität Samuel Pepys hat keine gute Meinung von ihm. 1793 wandert unser Viscount für drei Tage in den Tower, man wirft im Unterschlagung vor. Kurz danach stirbt er mit achtunddreißig Jahren an den Pocken.

Ich brauche aus der Vergangenheit noch einen weithin unbekannten Namen, und das ist der Kapitän John Strong. Der ist im Januar 1690 der erste Engländer auf einer unbekannten Insel, deren Anwohner er so beschreibt: The inhabitants were exceedingly numerous. The pengwins gave us the first reception ... mustered in infinit numbers they seemed to salute us with graceful bows ... expressing their curiosity and good breeding. Nichts als Penguine auf der Insel. Unser Kapitän gibt der Meeresenge zwischen den beiden Inseln zur Ehre seines Vorgesetzten, des First Lord of the Admiralty, (dem auch ein Anteil an Strongs Kaperschiff gehört) den Namen Falklandsund. Und irgendwann nennt man deshalb die Inseln Falklandinseln: Their present English name was, probably, given them (1689) by Strong, whose journal, yet unprinted, may be found in the Museum. This name was adopted by Halley, and has, from that time, I believe, been received into our maps, sagt Dr Samuel Johnson 1770 in seinen Thoughts on the late Transactions Respecting the Falkland Islands.

Die Argentinier haben andere Namen für die Inseln. Französische Robbenjäger benannten die Inseln im 18. Jahrhundert nach der Hafenstadt St Malo Les Isles Malouines, woraus die Spanier die Malvinas machten. Über die Jahrhunderte haben Spanien, Frankreich, Argentinien und England immer wieder Ansprüche auf die Inseln gestellt; aber 1833, als Kapitän John James Onslow die Ansprüche des Empire geltend gemacht hat, war das Siedlungsprojekt von Luis Elias Vernet aus Hamburg gescheitert. Danach ist die Insel kontinuierlich von Briten besiedelt worden. Heute sind die Bewohner zu 94 Prozent britisch oder haben britische Vorfahren. 

1982 beschloss Maggie Thatcher, dass man mit einem Krieg klären müsste, wem die Pinguine und die Schafe auf den Falklandinseln gehörten. Sie schickte eine Task Force, zu der auch dieser junge Marineleutnant gehörte. Er wurde ein Kriegsheld, hat aber heute einen schlechten Ruf. Die Engländer haben in dem Krieg, der nie offiziell erklärt wurde, auch eine kleine Flotte verloren. Wie so etwas aussieht, wussten die Deutschen, die 1914 hier eine ganze Flotte unter Admiral Graf Spee verloren. Die Engländer verloren auch vierundzwanzig Hubschrauber, aber unser Hubschrauberpilot Prince Andrew blieb unverletzt. 

Die Engländer waren froh, dass sie die Portugiesen auf ihrer Seite hatten hatten. Seit Portugal und England 1386 im Schloss Windsor den Vertrag von Windsor schlossen, gibt es eine Allianz (Aliança Luso-Britânica) zwischen den Ländern. Es ist die älteste politische Allianz der Welt, eine Allianz, die nie gebrochen wurde. Und auf diese Allianz konnte sich Portugal (das auch mal eine Engländerin als Königin hatte) verlassen, als Napoleon vor der Tür stand und das Königshaus nach Brasilien floh. Und jetzt im Falkland Krieg hatte Portugal natürlich die Azoren als Basis zur Verfügung gestellt, damit die Limeys ihre Flugzeuge auftanken konnten. Sonst wären die nicht bis zu den Schafsinseln gekommen.

Der Dichter Jorge Luis Borges hat über den Krieg gesagt: The Falklands thing was a fight between two bald men over a comb. Und er hat die kleine Geschichte Juan Lopez and John Ward geschrieben, die manche Litraturwissenschaftler als ein ✺Gedicht bezeichnen:

They lived in a strange age.
The planet had been partitioned into different countries, each armed with loyalties, cherished memories, and an unquestionably heroic past; with laws, grievances, and their own peculiar mythologies; with bronze busts of great men, anniversaries, demagogues, and symbols. This division, the labor of cartographers, was good for starting wars.
Lopez was born in the city by the motionless river; Ward, in the outskirts of the city once walked by Father Brown. He had studied Spanish in order to read Don Quixote.
The other professed a love of Conrad, who had been revealed to him in a classroom on Viamonte Avenue.
They might have been friends, but they only saw each other once, face-to-face, somewhere down in those too-famous islands, and each of them was Cain, each Abel.
They were buried together, decayed in the snow. These events took place in an age we cannot understand.

In dem Post Thatcher, den ich schrieb, als die whiskysaufende Eiserne Lady beerdigt wurde, habe ich ein Gedicht von P.J. Kavanagh zitiert, das Falklands, 1982 heißt. Es scheint nichts mit dem Krieg zu tun zu haben, es ist ein sehr stilles Gedicht. Kavanagh weiß, wie ein Krieg aussieht, der junge Leutnant Kavanagh war im Koreakrieg und wurde damals verwundet. Ich war 1982 in Tirol, wo der Falkland Krieg, der jenseits der schneebedeckten Berge, weit am anderen Ende der Welt, gerade begonnen hatte, niemanden interessierte. Dass der Harti Weirather aus Reutte Skiweltmeister geworden war, das interessierte hier jeden. Wenn der Krieg weit genug weg ist, berührt er uns nicht, wie Goethe im Faust schreibt: 

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen 
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, 
Wenn hinten, weit, in der Türkei, 
Die Völker aufeinander schlagen. 
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus 
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; 
Dann kehrt man abends froh nach Haus. 

Während die englische Sensationspresse sich mit Schlagzeilen überschlug, wurden auch andere Stimmen zitiert, die von coolness und indifference sprachen: It is wonderful with what coolness and indifference the greater part of mankind see war commenced. Those that hear of it at a distance, or read of it in books, but have never presented its evils to their minds, consider it as little more than a splendid game. Allerdings war dieses Zitat schon über zweihundert Jahre alt. Dr Johnson hatte 1770 diese Formulierung gebraucht, als er über den Falklandkonflikt ziwschen Spanien und England schrieb. Das, was 1982 geschah, war kein splendid game. Der blutige Krieg sicherte Thatcher die Macht. Und die ✺Dire Straits sangen: We're fools to make war On our brothers in arms. Der Krieg hat die Engländer Milliarden gekostet, es kostet sie heute noch Millionen, um ihre Militärmacht auf den Inseln aufrechtzuhalten. Die Namensgeber der Inseln, die Viscounts Falkland, gibt es heute immer noch, sie waren allerdings nie auf den Inseln, die ihren Namen tragen.

Dienstag, 21. Februar 2023

Vermeers 'Malkunst'

Es war das Schöne an den holländischen Museen in den fünfziger und frühen sechziger Jahren, dass sie noch nicht so voll waren (der Massentourismus hatte noch nicht eingesetzt). Und die Bilder waren noch nicht so exzessiv gereinigt, mit fiesem fetten Firnis überzogen oder hinter Glas. Als ich Rembrandts Nachtwache zum ersten Mal sah, konnte man noch ganz nah an die Leinwand heran. Vor wenigen Jahren lag die noch eingebuddelt in den Dünen von Heemskerk, erzählte der Museumsführer. Ich hörte in den fünfziger Jahren vor der Nachtwache einmal einen elegant gekleideten Herrn zu seinem Begleiter sagen: Das ist mir hier zu voll, lass uns nach Den Haag fahren und ins Mauritshuis gehen. Dabei waren da nur ein Dutzend Leute in dem Saal. Ich fand die Bemerkung damals sehr cool. Heute ist die Massenbetrachtung angesagt, die junge Frau auf dem Gemälde wirkt hilflos und verloren in der Menschenmenge. Die Vermeer Ausstellung im Rijksmuseum ist ausverkauft. 450 000 datierte Tickets wurden in den ersten drei Tagen verkauft, 200.000 davon waren lange vorbestellt.

Jan Vermeer wurde in Delft geboren, er ist auch in Delft gestorben. Seine berühmte Ansicht von Delft kennt jeder, man kann sie als Postkarte und als Plakat kaufen. Dies hier ist nicht Vermeers Bild, das Proust so begeisterte. Dies ist das Bild seines Kollegen Egbert van der Poel, der Delft nach dem Delfter Donnerschlag, der Explsion der Pulvermühle, malte. Damals war die halbe Stadt zerstört. Aber sechs Jahre später ist beinahe alles wieder aufgebaut, das können wir auf Vermeers Bild sehen. Das Mauritshuis kam vor drei Jahren auf die Idee, dass man jetzt ganz allein zehn Minuten lang das Bild betrachten kann. Das kann man in Amsterdam nicht, wohin man das Bild gerade ausgeliehen hat. Das von Jacob van Campen gebaute Mauritshuis besitzt die Ansicht von Delft und Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Und sie haben diesen wunderbaren Distelfink von Carel Fabritius.

Carel Fabritius, einer der bedeutendsten Maler, den Holland je gehabt hat, starb bei der Explosion der Pulvermühle. Kurz vor seinem Tod hat er auch eine Ansicht von Delft gemalt, die ganz erstaunlich ist. Die Perspektive des Bildes mit dem Instrumentenhändler links im Vordergrund erinnert an Aufnahmen mit einem Weitwinkelobjektiv oder einem fisheye Objektiv. Man weiß, dass die Holländer damals Meister im Linsenschleifen gewesen sind. Manche, wie Spinoza, sind nebenbei noch Philosoph. Kunsthistoriker vermuten, dass viele holländische Veduten- und Landschaftsmaler im 17. Jahrhundert die camera obscura verwendet haben. Jan Vermeer wohl auch.

Jan Vermeer ist einer der bekanntesten und beliebtesten holländischen Maler, und dennoch wissen wir ziemlich wenig über ihn. Man ist sich nicht einmal sicher, wie viele Bilder er gemalt hat. Er hat sie selten signiert und nur einmal mit einem Datum versehen. Sind es zweiunddreißig?, Fünfunddreißig?, Siebenunddreißig? Achtundzwanzig Bilder werden jetzt in Amsterdam gezeigt, die größte Vermeer Show aller Zeiten. Vor einigen Jahren hat ein Amerikaner namens Benjamin Binstock in seinem Buch Vermeer's Family Secrets die These aufgestellt, dass ein großer Teil seines Werkes von seiner Tochter gemalt sei. Wenn dem so ist, dann konnte sie besser malen als der Vermeer Fälscher Han van Meegeren, der sogar Hermann Göring einen gefälschten Vermeer andrehte. Immer wieder hat die stille Kunst Vermeers Dichter und Schriftsteller herausgefordert: Proust, der ihn in Die Suche nach der verlorenen Zeit hineinschrieb, ist vielleicht der berühmteste. John Updike hat in einem Gedicht Vermeer mit Edward Hopper verglichen. Zu diesem Bild eines unbekannten Mädchens mit einem Perlenohrring, das 1881 in einer Auktion für zwei Gulden verkauft wurde, gibt es inzwischen sogar einen ✺Film, dessen Handlung aber nicht mit dem wirklichen Leben Vermeers verwechselt werden sollte.

Der Glatzkopf rechts scheint das Mädchen mit dem Perlenohring küssen zu wollen. In Wirklichkeit klebt er am Glas des Bildes fest, er ist ein sogenannter Klimaaktivist. Sein Kollege hatte ihm eine Dose mit einer roten Flüssigkeit über den Kopf geschüttet. Sie werden festgenommen und zu einer Haftstrafe von zwei Monaten verurteilt. Warum nicht zu zwei Jahren? Das Gemälde wurde bei dieser Aktion glücklicherweise nicht beschädigt.

'Der Maler in seinem Atelier' in Wien. Wie gern hätte ich dieses Bild gesehen! Das ist wie Athen: Mein ganzes Leben habe ich davon geträumt, dorthin zu gehen, schwärmte Auguste Renoir über dieses allegorische Bild Vermeers. Das Bild ist etwas komplexer als Eduard Daeges Bild von der Entstehung der Malerei. Wenn Sie alles darüber wissen wollen, kann ich nur den kleinen Band Jan Vermeer Die Malkunst: Aspekte eines Berufsbilds von Hermann Ulrich Asemissen empfehlen. Erschienen in der Fischer Reihe Kunststück, die ganz vorzüglich ist. 1961 erschien bei DuMont Kurt Badts 'Modell und Maler' von Jan Vermeer: Probleme der Interpretation; eine Streitschrift gegen Hans Sedlmayr. Es ist vielleicht weniger ein Buch über die kunsthistorische Interpretation von Vermeer als eine Auseinandersetzung eines jüdischen Migranten mit einem NSDAP Mitglied. Badts Buch über John Constables Wolken verkaufte sich kaum. Das Geschwafel in Hans Sedlmayrs Verlust der Mitte war in der Adenauer-Republik ein Bestseller.

Das Bild hatte sich bis zum Tode Vermeers in seinem Besitz befunden. Wie viele Bilder anderer Maler, mit denen Vermeer ziemlich erfolglos zu handeln versuchte. Man weiß nicht, ob er es als Schaustück behalten hat, oder ob er es nicht verkaufen konnte. Das Bild wird in einer Auflistung seiner Frau Catharina Bolnes als een stuck schilderie ... waerin wert uytgeheelt de Schilderkonst bezeichnet. Die behauptet zwar, dass ihr das Bild nicht gehöre, weil sie es an die Schwiegermutter des Malers Maria Thins verkauft habe, aber auf solche Schutzbehauptungen lässt sich der Nachlassverwalter und Freund Vermeers, der berühmte Antoni van Leuwenhoeck, nicht ein. Der Vermeer wird verkauft. Er ist auch bald kein Vermeer mehr, weil den niemand mehr kennt - und weil niemand Geld für einen Vermeer bezahlt. Das Bild wird zu einem Pieter de Hooch umfrisiert. Bekommt auch eine schöne neue Signatur. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird es als Vermeer erkannt und anerkannt. Zwanzig Jahre nachdem der Direktor der Berliner Galerie Gustav Friedrich von Waagen das Bild als echten Vermeer identifiziert hatte, wird übrigens das Bild von dem Mädchen mit dem Perlenohrring bei einer Auktion in Holland für zwei Gulden verkauft. Vermeer hat noch keine Konjunktur.
Der Maler (vielleicht ist es sogar Vermeer selbst, die Forschung ist sich da nicht einig) malt ein Modell, das eine Muse darstellen soll. Es soll Klio sein, die Muse der Heldendichtung und der Geschichtsschreibung, wir können das aus den Attributen folgern, mit denen das Modell kostümiert wurde: eine Trompete, ein Buch (ein konventionelles Symbol der Weisheit, auf dem in manchen Abbildungen noch Thukydides steht) und ein Lorbeerkranz. Mit dem Lorbeerkranz fängt der Maler an, wenn wir ihm über die Schulter schauen. Das Immergrün symbolisiert das Fortbestehen der Kunst. Was bleibet aber, stiften die Dichter, heißt es bei Hölderlin. Und natürlich ist Klio auch für die Dichtung verantwortlich, aber die Maler (meistens Männer, selten Frauen) stiften auch Bleibendes, vita brevis, ars longa.

Als Waagen - gleichzeitig mit Théophile Thoré - 1860 das Bild identifiziert, ist es das Prunkstück der Sammlung des böhmischen Grafen Johann Rudolf Chernin von und zu Chudenitz (1757-1845), der kurz vor seinem Tod in seinem Wiener Palast eine eindrucksvolle Gemäldegalerie eingerichtet hatte. Die sogar, wenn auch in begrenztem Maße, der Öffentlichkeit zugänglich war. Czernin hatte den angeblichen de Hooch 1813 aus der Sammlung des Baron Gottfried van Swieten (ja, das ist der Förderer von Mozart, Haydn und Beethoven) gekauft, es kann sein, dass das Bild schon zuvor dessen Vater Gerard gehört hatte. Bezahlt hatte Czernin damals fünfzig Gulden. Nach dem Tod des ehemaligen Außenministers Ottokar Graf Czernin (1857–1932) gehen die Erben an das Zerstückeln der Sammlung.

Die beiden Haupterben Eugen Czernin (1892–1955) und sein Neffe Jaromir Czernin (1908–1966) einigen sich 1933 bei der Verteilung der Latifundien in der Tschechoslowakei und in Österreich und bei der Aufteilung des Kunstbesitzes. Der Vermeer wird mittlerweile auf eine Million Schilling geschätzt, der gesamte Rest der Sammlung (hervorragende Bilder von Tizian und Dürer eingeschlossen) auf nicht einmal ein Viertel dieser Summe. Jaromir Czernin erbt vier Fünftel des Vermeers, er möchte ihn sofort verkaufen. Angeblich hat er ein Angebot von einer Million Golddollar von Andrew W. Mellon. Wenn da nur dieses Ausfuhrverbot für Kunstwerke nicht wäre, dass es seit 1923 gibt! Aber als Kurt Schuschnigg durch seine zweite Ehe sein Schwager wird, hat Czernin die Hoffnung, dass der das Ausfuhrverbot kippen könnte. Doch kurze Zeit später marschieren die Nazis ein, und Schusschnigg ist Gefangener der Gestapo. 

Nun kommt Hermann Göring, ein bekannter Kunstfreund ins Spiel, auf diesem Bild sichert gerade ein amerikanischer Soldat Görings Sammlung. Der Reichsjägermeister hatte 1939 dem Hamburger Unternehmer Philipp Reemtsma die Genehmigung erteilt, das Bild von dem österreichischen Grafen Jaromir Czernin zu kaufen und hatte telegraphisch das Ausfuhrverbot für das Kunstwerk aufgehoben. Göring und Reemtsma kannten sich gut, sie waren ständig geschäftlich miteinander verbandelt. Nach dem Krieg wurde  Reemtsma wegen Bestechung und Anstiftung zur Rechtsbeugung der Prozess gemacht, mehr als sieben Millionen Reichsmark soll er an seinen Fliegerkameraden Göring gezahlt haben. Aus dem Verkauf des Bildes an Reemtsma ist nichts geworden, Hitlers Reichskanzlei meldete Vorbehalte an. Glücklicherweise meldet sich just in diesem Moment, in dem die Verkaufsverhandlungen mit Philipp Reemtsma gescheitert sind, ein uneigennütziger österreichischer Landsmann, der bereit ist, mehr als anderthalb Millionen Reichsmark für das Bild zu bezahlen. Und auch noch die Steuern in Höhe von 500.000 Mark zu tragen.

Sie ahnen schon, wer dieser österreichische Kunstfreund ist. Ich bitte, meinen aufrichtigsten Dank entgegennehmen zu wollen. Mit dem Wunsche, das Bild möge Ihnen, mein Führer, stets Freude bereiten, schrieb Graf Czernin 1940 an den neuen Besitzer. Na ja, so lange währt die Freude von dem gescheiterten Kunstmaler an dem Bild von der Malkunst nicht, das die Nummer 1096 in der Führersammlung hatte. Im Herbst 1945 stellt Graf Czernin seinen ersten Antrag auf Restitution, er sei zu dem Verkauf zu einem viel zu niedrigen Preis gezwungen worden. Im Januar 1946 wird dieser Antrag zurückgewiesen, auch zwei weitere Versuche von Czernin, das Bild zurückzubekommen (oder mehr Geld zu bekommen), scheitern. 2009 werden seine Erben noch einmal einen Versuch machen, sich als Opfer des Nationalsozialismus darzustellen, aber es wird - trotz eines international großen Echos - nichts bringen. Das Bild bleibt im Besitz Österreichs. Seit 1952 ist es im Kunsthistorischen Museum in Wien ausgestellt. Eugen Czernin hat wahrscheinlich völlig unspektakulär das bessere Geschäft gemacht, er hat Anfang der fünfziger Jahre den geerbten Dürer, den Tizian und einen anonymen holländischen Meister an die Sammlung Samuel H. Kress verkauft.

Die junge Dame im Hintergrund von Vermeers Bild lächelt seit Jahrhunderten stillvergnügt vor sich hin (nun gut: auf diesen beiden postmodernen Werken von Sophie Matisse und Gerhard Gutruf lächelt sie nicht, weil sie gar nicht im Bild ist). Der Trubel, der durch die Betrachter vor dem Bild ist, stört sie nicht. Was würde Vermeer zu diesen Bildern einer ✺Wiener Ausstellung sagen? Wahrscheinlich ist es in Amsterdam noch voller. Die Landkarte von Holland hinten an der Wand ist inzwischen veraltet. Für die Invasion Hollands konnte Hitler sie nicht gebrauchen. Beeinflusst es unsere Sicht des Bildes, wenn wir daran denken, dass es einmal Adolf Hitler gehört hat? Warum wollte er unbedingt dies Bild haben? Für kein Kunstwerk hat der verhinderte Kunstmaler Hitler mehr gezahlt, als für diesen Vermeer. Wo immer das Geld herkam. Den nächsten Vermeer in seiner Sammlung, De astronoom, hat er nicht bezahlt, den hat er in Paris einfach klauen lassen. Aber der Baron de Rothschild, dem er gehörte, hat ihn nach dem Krieg zurückerhalten. Viele enteignete Besitzer von Kunstwerken haben nicht dieses Glück.

Wahrscheinlich spielen künstlerische Erwägungen bei dem Banausen Hitler keine Rolle; es ging ihm nur den finanziellen Wert des Bildes von der Malkunst, denn wie schon Martin Borman wusste: An sich hat dieses beste Bild des Vermeer einen internationalen Wert, der weit über den bewilligten Preis hinausgeht. Es geht wie bei vielen Kunstverkäufen um Geld, nicht um den Kunstgenuss.. Kriege kommen und vergehen, was bleibt, sind einzig die Werke der Kultur. Daher meine Liebe zur Kunst, Musik und Architektur! dieser Satz ist von Hitler, der davon träumte, als großer Kunstsammler in die Geschichte einzugehen. Hier sichern amerikanische Soldaten der MFAA 1945 Hitlers Bild in einem Bergwerksstollen im österreichischen Altaussee. 

Im Rijksmuseum von Amsterdam ist keine Maskenpflicht, wir denken nicht mehr an Corona. Aber die Epidemie wurde der Dresdner Vermeer Ausstellung vor zwei Jahren zum Verhängnis. Hier eröffnet Angela Merkel mit dem holländischen Ministerpräsidenten mit monatelanger Verschiebung noch die Ausstellung, wenig später war das Museum zu. Den Katalog Johannes Vermeer: Vom Innehalten, den mir die Astrid geschenkt hat, kann man antiquarisch noch preiswert finden. Aber die Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hat das Beste aus der Situation gemacht und digitale Angebote und einen ganz großartigen ⥤Webleporello ins Netz gestellt. In Dresden ging es nicht um alle Bilder Vermeers, es ging nur um ein Bild: Das frischrestaurierte Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster wurde hier in Beziehung zu neun anderen Werken Vermeers (und fünfzig Werken der holländischen Genremalerei des Goldenen Zeitalters) gesetzt. Es war die bisher größte Vermeer Ausstellung in Deutschland. Aber leider lange ohne Zuschauer. 

Sie, lieber Leser, fahren nicht nach Amsterdam, weil Sie keine Karte bekommen haben. Sie arbeiten sich jetzt durch den Dresdner Webleporello. Und wenn der ganze Rummel im Amsterdam vorbei ist, dann fragen Sie mal im Mauritshuis an, ob es noch die zehn Minuten Einsamkeit für die Ansicht von Delft gibt.

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