Mittwoch, 17. Juni 2020

150 Jahre Tabac Trennt


Auf der Homepage der Kieler Firma Tabac Trennt kann man lesen: 150 Jahre Tabac Trennt – Jubiläum. Am Mittwoch, dem 17. Juni 2020, wird unser Geschäft 150 Jahre alt. Aufgrund der aktuellen Corona-Situation dürfen leider keine Feierlichkeiten stattfinden. Wir bitten um Verständnis. Das ist natürlich schade, dass es keine große Feier gibt, aber irgendwie muss das doch gefeiert werden. Ich werde mir in eine alte Parker Pfeife, die ich bei Trennt gekauft habe, heute mal zur Feier des Tages den Tabak TK 93 hineinstopfen, der das Tabakangebot im Jahre 1963 bereicherte. Den mag ich eigentlich nicht, aber ich habe immer eine Packung davon im Haus.

1970, zum hundertjährigen Bestehen, gab es bei Trennt eine Jubiläums Mixture und 1975 die Mischung Smök Mi. Das ist plattdeutsch wie der Wahlspruch der Firma, der Jeder Smöker hett sin Höker, De watt kennt swört op Trennt lautet. Seit 1928, als die erste eigene Mixtur Abu Riha auf den Markt kam, arbeitet Trennt mit der Tabakfabrik Walter Wehde in Hamburg Altona zusammen, deren Nachfolger seit 1987 die Firma Kohlhase & Kopp ist. In die Packungen kommt nur naturreiner Tabak, nicht dieses gesoßte Zeug, das die Holländer anbieten.

150 Jahre sind eine lange Zeit, das Deutsche Reich war noch nicht gegründet, den Nord Ostsee Kanal gab es noch nicht (der wurde vor 125 Jahren eingeweiht), aber Tabac Trennt war schon da. Berühmte Läden, die ungefähr zur gleichen Zeit gegründet wurden, sind verschwunden. Damit meine ich Astley's in der Jermyn Street in London und W.Ø. Larsen in der Strøget in Kopenhagen. Sind alle weg, aber Trennt ist noch da. Nur Pfeifen Huber in München ist sieben Jahre älter als das Kieler Geschäft.

Meine erste Pfeife war eine französische Butz-Choquin, die ich in meinem Heimatort bei Herrn Jakelski in der Gerhard Rohlfs Strasse kaufte. Er hatte einen kleinen Laden (rechts neben der Drogerie Tüscher), in dem es Zeitungen, Zigarren und Ziggis gab. Und Toto und Lotto. Und ein paar Pfeifen hatte er auch immer im Angebot. Sie können an diesem Photo sehen, dass das schon lange her ist. Gegen französische Pfeifen ist nichts zu sagen, die Butz-Choquin habe ich immer noch, und bei Trennt kann man Chacom Pfeifen kaufen.

Konnte man schon vor einem halben Jahrhundert. Der Firmenname Chacom wurde aus den Namen zweier miteinander verwandten Familien gebildet: Chapuis und Comoy. Ungefähr zu der Zeit, als Tabac Trennt gegründet wurde, ist Henri Comoy nach London gegangen und hat die englische Firma Comoy's gegründet. Ich habe drei Pfeifen von Chacom (davon eine schöne sandblast mit Silberring), und ich kann über die Marke nur Gutes sagen.

Ich ging in den siebziger Jahren von den Franzosen zu den Engländern über, weil ich diese leichte Anglomanie hatte, die allen Bremern und Hamburgern eigen zu sein scheint. Ich kaufte mir auf Helgoland, wo alles Englische billiger war, eine Parker. Als ich nach Kiel kam, landete ich bei Tabac Trennt; und alles, was ich an Pfeifen von Parker, Ben Wade und Savinelli besitze, kommt aus diesem Laden. Die Ascot, die wahrscheinlich von Dunhill hergestellt wurde, auch. Mit Pfeifen ist es wie mit Oberhemden, man hat eigentlich genug davon, kauft aber immer noch mal was Neues. Tabac Trennt ist in diesem Blog schon mehrfach erwähnt worden, zuerst vor zehn Jahren. Vielleicht haben Sie mich damals noch nicht gelesen, deshalb stelle ich heute noch einmal etwas ein, was ich zum einhundertundvierzigsten Geburtstag der Firma geschrieben habe:

Im Jahre 1962 trat ein junger stand-up comedian in Amerika mit der Nummer Introducing tobacco to civilisation auf, eine Nummer die schnell zu einem Klassiker wurde. Sie ist nach beinahe einem halben Jahrhundert immer noch Kult. Man kann sie hier nachlesen, oder sie sich auf ✺YouTube anschauen. Bob Newharts Fans der ersten Stunde haben das natürlich noch auf einer alten Warner Bros. Langspielplattte. Ich kenne diese Nummer mit der Entstehungsgeschichte des Tabaks seit 1965. In dem Jahr habe ich in Kiel auch Karl-Heinrich Trennt kennengelernt, keinen stand-up comedian, sondern Besitzer eines Tabakwarengeschäftes. Aber in seinem Laden, der schon damals ein kleiner Mythos war (eine Zeitung nannte ihn einmal den Kieler Hüter der Tabakkultur), haben sich Szenen von solch aberwitziger Komik abgespielt, dass man 'King' Trennt durchaus mit Bob Newharts Geschichte des Tabaks in einem Atemzug nennen kann.

Der Text des comedian Bob Newhart ist ein imaginiertes Telephongespräch zwischen dem Direktor der West Indies Company in London und Sir Walter Raleigh in Virginia. Das ja nach der virgin queen Virginia heißt, wo der Virginia Tabak herkommt. Den hatten sie damals schon, auch wenn sie vielleicht damals noch keine Telephone hatten. Damals war der Tabak noch etwas, was man mit dem Wort Genuss bezeichnete, und häufig wurde dieser Genuss geradezu zelebriert. Viktorianische Gentlemen zogen sich nach dem Essen in ein spezielles Zimmer zurück, manchmal zog man dafür ein spezielles smoking jacket an (nicht zu verwechseln mit unserem deutschen Smoking). Man wußte auch, wo und wann man rauchen durfte. Kein Gentleman wäre jemals auf die Idee gekommen, im Speisesaal eines Hotels zu rauchen. Heute muss das, was früher eine Selbstverständlichkeit war, durch Gesetze geregelt werden.

In einem der vielen Romane, die Anthony Powells großes Gesellschaftspanorama A Dance to the Music of Time bilden, bietet ein Offizier einem anderen eine Zigarette an. Aus der Schachtel. Er wird fürchterlich zurechtgewiesen. Mit dieser kleinen Geschichte illustriert der Autor, dass in England zu Beginn des Krieges ganze andere Leute Offizier werden als vorher. Vorher waren die Offiziere Gentlemen und wussten, dass man die Ziggis natürlich nur aus einem silbernen Zigarettenetui anbieten kann. In diese Welt hier passen keine Zigarettenschachteln.

Die Sitten bezüglich des Umgangs mit dem Tabak verfallen. König Friedrich I konnte noch in Meinung, dass der Gebrauch des Tabaks gegen alle böse Luft gut sei genüsslich im Tabakscollegium smöken, aber die Zeiten des kultivierten gesellschaftlichen Rauchens scheinen dahin (obgleich es in Bremen noch heute ein Tabakskollegium gibt und bei der Bremer Schaffermahlzeit selbstverständlich auch am Ende der Mahlzeit eine weiße Tonpfeife auf dem Tisch liegt). Überall Rauchverbot. In Luxushotels gibt es jetzt cigar lounges, aber da hocken meist nur reiche Schnösel, die an teuren Cohibas nuckeln und so tun, als ob sie etwas davon verstünden.

In diesen Zeiten, in denen Raucher zu einer verfemten, gejagten Spezies geworden sind, gibt es aber doch noch kleine Reservate, wohin sie sich zum Trost zurückziehen können. Also, mal davon abgesehen, dass sie von ihren Gastgebern auf den Balkon geschickt werden. Eins davon ist die Firma Th. Trennt in Kiel, die in diesen Tagen 140 Jahre alt wird. Und immer noch im Familienbesitz, das kriegen in unserer schnelllebigen Zeit nicht so viele Firmen hin.

Als die Firma 1870 begründet wird, beliefert sie vor allem Marineoffiziere mit Zigarren und macht sich wegen ihrer hervorragenden Qualitäten rasch einen Namen. Und den hat sie noch heute. Die Trennt Tabake wie TK 93Abu Riba und Smök mi versendet die Firma an Kunden in aller Welt. Wer in Kiel studierte, kaufte Tabak bei Trennt. Und wenn man nach dem Studium fortzog, dann bestellte man den Tabak eben per Post. Zigaretten kauften nur Ortsfremde bei Trennt, denn Karl-Heinrich Trennt hasste die billigen Zigarettentabake. Zerbröselte schon mal vor den Augen des Kunden die Zigaretten und fragte Und sowas wollen Sie rauchen? 

Wollte man in dem kleinen Laden in der Brunswik eine Pfeife kaufen, so bekam man nicht das, was man gerne haben wollte. Man bekam das, was Trennt fand, dass es richtig für einen sei. In den meisten Fällen eine rote englische Masta. Ich habe mich trickreich dagegen gewehrt und ihm erzählt, ich sei gar kein Pfeifenraucher, ich würde die Pfeife für einen Freund kaufen, und der hätte sich so etwas wie das da hinten gewünscht. Ich bekam, was ich wollte, aber der alte Trennt ist mir natürlich auf die Schliche gekommen. Er war ein Original, über das in Kiel tausend Geschichten kursierten, die wahrscheinlich alle wahr sind. Am besten wird er vielleicht durch einen Beschwerdebrief eines amerikanischen Professors aus Evanston (Illinois) an die Firma Trennt charakterisiert:

Ich hatte unlängst die Intention, mich in Ihrem Fachgeschäft bei einem Tabakeinkauf beraten zu lassen wurde jedoch durch die außergewöhnlich rüpelhafte Verhaltensweise eines Ihrer Angestellten - um einen solchen handelt es sich vermutlich - gewissermaßen 'abgeschreckt'. Ich zitiere: 'So einen Mist, den Sie rauchen, verkaufe ich nicht, das ist synthetisch, das ist Gift etc.etc.' Ich muß gestehen, daß mir bis jetzt noch auf keiner meiner jährlichen Europa-Reisen ein derartig flegelhaftes Benehmen entgegengebracht wurde und möchte somit insistieren, daß Sie Ihrerseits diesen Rüpel in dem für Handlungsgehilfen gebührenden Verhalten unterweisen!

Es ist dem geneigten Leser längst klar, dass der rüpelhafte Handlungsgehilfe niemand anderes als der Firmenchef Karl-Heinrich Trennt war (er ist der untere in der Portraitsammlung, der so nett lacht). Denn so war er, so haben wir Pfeifenraucher in Kiel ihn damals alle gekannt. Als er 1982 starb, trauerten in Kiel auch viele, die früher unter seiner rüpelhaften Verhaltensweise gelitten hatten. Das Geschäft in der Möllingstraße, das heute von seinem Sohn Jochen Gunnar Trennt geleitet wird, ist etwas luxuriöser als der kleine Laden in der Brunswick, in dem ich vor 45 Jahren die Kieler Legende Trennt kennenlernte.

Aber der Laden ist irgendwie völlig normal geblieben. Ist wahrscheinlich das beste Tabakgeschäft zwischen Hamburg und Kopenhagen, aber hat nix von Schickimicki an sich. Nichts von dieser Yuppie Klientele, die man in Hamburg oder München beobachten kann. Zigaretten werden dem Kunden jetzt auch nicht mehr aus dem Mund gerissen und auf dem Ladentisch zerbröselt. Zigaretten kann man bei Trennt auch kaufen, aber die sind Bückware, wie es vorgestern in den Kieler Nachrichten hieß.

Am 17. Juni 1870 hat Theodor Heinrich Trennt in der Brunswiker Straße in Kiel seine Cigarrenhandlung mit Fabrikation aufgemacht, am 17. Juni 2010 begrüsst Jochen Gunnar Trennt seine Kunden mit einem Glas Sekt in der Möllingstraße. Ich habe mir für das Schreiben dieses Textes eine alte Pfeife gestopft, die Gunnar Trennt mir mal vor dreißig Jahren verkauft hat. Und die mal dort ein neues Mundstück bekommen hat, denn einen Reparaturdienst für Pfeifen, den gibt es auch immer noch. Allerdings kommt in meine Pfeife keiner der Trennt Tabake, die mag ich nämlich nicht, de gustibus non est disputandum. Und als letztes sollen hier noch zwei Sätze stehen, die jeder Trennt Kunde kennt: Tabak trennt, aber Pfeiferauchen verbindet. Und für die Liebhaber des Plattdeutschen: Jeder Smöker hett sin Höker, De watt kennt swört op Trennt.

Meine herzlichen Glückwünsche zum Jubiläum gehen heute an Jochen Gunnar Trennt, der ein oder andere Kunde wird sich bestimmt in der Möllingstraße zum Gratulieren einfinden.

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Sonntag, 14. Juni 2020

irgendwann muss Schluss sein


Manchmal kommen Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengehörten. Ich habe in den letzten Wochen schon mehrfach gesagt, dass ich beim Aufräumen bin was Briefe und CDs betrifft. Ich habe auch mittlerweile einen Meter CDs aussortiert, die mein Hinterhofhöker für null und nichts bekommt, wenn er den Laden endlich wieder aufmacht. Ist ja noch viel zu im Ort. Ich hatte die Aufräumaktionen gerade auf Bücher ausgeweitet, als mir dieses Buch nach Jahren wieder begegnete: Lyndon Johnson and the American Dream. Und just an diesem Tag des Wiederfindens erzählt der jetzige amerikanische Präsident, dass er mehr für die schwarzen Amerikaner getan habe als jeder andere amerikanische Präsident, Abraham Lincoln inklusive. This may well be the president's most audacious claim ever, hat Professor Michael K. Fauntroy in der The New York Times gesagt. Not only has he not done more than anybody else, he's done close to the least.

Irgendwann muss Schluss mit all den Lügen sein, das geht nicht so weiter. Der amerikanische Traum ist unter Trump längst zum amerikanischen Alptraum geworden. Die Nation, die Lyndon B. Johnson mit seinem Great Society Reformprogramm einen wollte, ist tiefer zerstritten als je zuvor. Ich nehme einmal den heutigen Flag Day zum Anlass den Post Bilder: Geschichte noch einmal hier einzustellen. Der ist zwar drei Jahre alt, ist aber irgendwie immer noch aktuell. Und es ist ein Post, der von der Statistik her, zu den Top Ten der letzten zehn Jahre gehört:

Wird dieses Bild demnächst im Weißen Haus hängen? Es ist uns allen klar, dass das Bild eine Fälschung ist. Da ist jemand beigegangen und hat auf das Portrait eines Generals aus der napoleonischen Zeit den Kopf von Donald Trump gesetzt. Photoshop macht's möglich. Ich vermute, dass sich der Fälscher ein Bild von George Dawe, dem Hofmaler des russischen Zaren genommen und den Kopf von Goldilocks draufgesetzt hat. George Dawe kommt schon in dem Post Thomas Lawrences Blücher vor. Sie könnten hier nach einer Vorlage für den Photoshop General suchen. Ich habe das Bild aus diesem nicht uninteressanten Blog gemopst, ich finde es zu schön. Vor allem diese doppelte und dreifache Ironie: ein amerikanischer Präsident, der nie beim Militär war, in einer russischen Uniform. Und ein gefälschtes Bild, das einen echten Fälscher darstellt.

Im Weißen Haus werden jetzt Bilder umgehängt werden. Wahrscheinlich werden Trumps Innenarchitekten es nach dem Vorbild von Trump Tower im goldenen Bordellstil umgestalten. Dieses Bild der kleinen Ruby Bridges (The problem we all live with), das gegenüber vom Obamas Office hängt, wird da auch wohl verschwinden. Das Bild ist von Norman Rockwell, Amerikas beliebtestem Maler des 20. Jahrhunderts. Der hat hier schon einen Post, aber da er heute Geburtstag hat, dachte ich mir, ich schreibe noch ein wenig über ihn.

Über ihn und amerikanische Präsidenten, denn er hat viele von ihnen portraitiert. Ich habe mir überlegt, ob ich nicht mal den ganzen Monat Februar über amerikanische Präsidenten schreiben soll. Ich weiß allerdings nicht, was dann passiert. Im Monat Januar hatte ich, sagt die Google Statistik, beinahe 100.000 Leser. Würden mich auch so viele lesen, wenn ich nur über amerikanische Präsidenten schreibe? Es gibt da ja ein paar interessante Leute. Und interessante Bilder. Diesen Dwight D. Eisenhower von Norman Rockwell muss man einfach mögen.

Im Jahre 1964 malt Norman Rockwell zwei Präsidentschaftskandidaten, Barry Goldwater (dem über tausend amerikanische Psychiater Paranoia, Narzissmus und eine schwere Persönlichkeitsstörung per Ferndiagnose attestiert hatten) und Lyndon B. Johnson. Rockwell mag den Senator Goldwater, der ein Gegner des Civil Rights Act ist, überhaupt nicht: I didn’t vote for him, but he was a very cooperative model. Und so entsteht dieses Bild, das den Mann, den seine Gegner mit Hitler vergleichen, ganz charmant aussehen lässt.

In der gleichen Woche hat Rockwell einen Termin mit dem Präsidenten Lyndon B. Johnson, dem Mann, der zwei Wochen zuvor den Civil Rights Act  unterzeichnet hat. Sodass die kleine Ruby Bridges auf dem Bild da oben zu einer weißen Schule gehen konnte, zehn Jahre nachdem Earl Warren das Urteil im Fall Brown vs. Board of Education verkündet hat. Der Präsident hat schlechte Laune, zwanzig Minuten will er dem Maler zugestehen, auf keinen Fall eine Stunde. Get cracking, sagt er, er hält Rockwell für einen billigen Schnellmaler. Rockwell versucht die Stimmung aufzulockern, aber nichts hilft. Da sagt er: Mr. President I have just done Barry Goldwater’s portrait and he gave me a wonderful grin. I wish you would do the same. Und da bekommt Johnson wirklich ein kleines Lächeln ins Gesicht, like he was competing for the Miss America title, wie Rockwell später sagt. Das Bild erscheint als Titelbild von Look im Oktober 1964, zwei Wochen vor der Wahl.

Die Lyndon B. Johnson gewinnt. Er hätte sie auch ohne Norman Rockwells Bild für Look gewonnen, das ist uns klar. Rockwell arbeitete zuvor für die Saturday Evening Post, aber die wollte keine politischen Aussagen auf dem Titelblatt. Solange er die typische glückliche amerikanische Familie malte, mochte man ihn. Doch das Bild von der kleinen Ruby Bridges mit Polizeischutz, Murder in Mississippi oder dies hier (New Kids in the Neighbourhood), das wollte man in der Vorstandsetage der Saturday Evening Post nicht. Ein halbes Jahrhundert hatte Rockwell für das Magazin gearbeitet, hatte es groß gemacht, jetzt geht er zu Look. Die drucken The problem we all live with.

Ruby Bridges (hier begleitet von US Marshals), die heute im Vorstand des Norman Rockwell Museums ist, hatte Präsident Obama dazu gebracht, das Bild von Rockwell als Leihgabe in das Weiße Haus zu nehmen: I was about 18 or 19 years old the first time that I actually saw it. It confirmed what I had been thinking all along –  this was very important and you did this, and it should be talked about… At that point in time that’s what the country was going through, and here was a man who had been doing lots of work – painting family images –  all of the sudden decided this is what I am going to do… it’s wrong and I’m going to say that it’s wrong.

Es ist viel Hass in diesem Bild. Diese jungen Damen sind weiße Schülerinnen, die ihren Hass auf das kleine schwarze Mädchen in die Welt hinausbrüllen. Die William Frantz Elementary School war leer, als Ruby ankam, die Eltern hatten die Kinder zu Hause behalten. Auch die ganze Straße war leer, da war nur dieser weiße Mob. Wenn sie nicht diesen Haß in den Gesichtern hätten, könnten sie hübsche amerikanische Teenager der Mittelschicht sein. Die Lehrer weigern sich, das kleine Mädchen zu unterrichten. Nur die Lehrerin Barbara Henry schließt sich diesem Protest nicht an, sie wird die Lehrerin von Ruby Bridges: I had never seen a white teacher before, but Mrs. Henry was the nicest teacher I ever had. She tried very hard to keep my mind off what was going on outside. But I couldn't forget that there were no other kids.

Was Abraham Lincoln begonnen hatte, das hat Lyndon B. Johnson mit seinem Great Society Programm zu Ende gebracht: der farbigen Bevölkerung Amerikas Freiheit und Gleichheit zu geben. Der Satz der Declaration of Independence that all men are created equal war wahr geworden. Die Antrittsreden von Abraham Lincoln und Lyndon B. Johnson sind allerdings bedeutungslos gegen die Rede von Trump gewesen. Sagt Donald Trump. Auf den auch alles zutrifft, was die Psychiater an Barry Goldwater diagnostizierten. Und auf den auch der Titel des Bildes von Norman Rockwell zutrifft: The problem we all live with.

Donald Trump ist schon mehrfach vor dem Lincolm Memorial aufgetreten, das ist schon ein wenig pathologisch. Mark Twain hat einmal gesagt: The difference between the right word and the almost right word is really a large matter — it’s the difference between lightning and a lightning bug. Und zu dieser theatralischen Inszenierung Trumps kann man nur sagen, dass es einen kleinen  Unterschied zwischen Größe und Größenwahn gibt. Ciceros rhetorische Frage Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? ist in Amerika jeden Tag wieder aktuell.

Wenn wir an Lyndon B. Johnson denken, fällt uns zuerst der Vietnamkrieg ein. Das haben wir nicht vergessen. Und wir haben auch Tom Paxton Lied nicht vergessen:

Lyndon Johnson told the nation
Have no fear of escalation
I am trying everyone to please
Though it isn't really war
We're sending fifty thousand more
To help save Vietnam from the Vietnamese.


Aber es gibt einen anderen Johnson, den Johnson, der hier Armenviertel besucht. Der den Voting Rights Act, den Civil Rights Act und (eine Woche nach der Ermordung von Martin Luther King) den Fair Housing Act durchsetzt. Alles Teilstücke des Great Society Reformprogramms. Und nun kommt Trump daher und twittert: My Admin has done more for the Black Community than any President since Abraham Lincoln. 

Doris Kearns Goodwin (hier mit dem Blümchenkleid neben Lyndon B. Johnson) kannte den Mann, über den sie ihre Biographie schrieb. Das Buch, das ich gerade wiederfand, ist die zweite Auflage von 1991 mit einem neuen Vorwort. Das Buch hatte 1977 großes Aufsehen erregt und war sofort ein Bestseller geworden. Die Autorin wurde noch Harvard Professorin und bekam für ihr Buch über die Roosevelts einen Pulitzerpreis. Wenn Donald Trump etwas über die Leistungen des Präsidenten Johnson wissen wollte, dann sollte er dieses Buch lesen. Aber da haben wir ein Problem, er liest keine Bücher. Er habe mehr Bücher geschrieben als gelesen, hat er einmal Journalisten gesagt. Das wird stimmen, er hat kein Buch selbst geschrieben, die sind alle von Ghostwritern geschrieben.

Er kann wahrscheinlich nicht einmal richtig lesen, viele seiner (inzwischen gefeuerten) Mitarbeiter haben gesagt, dass er ein funktionaler Analphabet ist. Sprachwissenschaftler versichern uns, dass er den Wortschatz eines neunjährigen Kindes hat. Er liebt Wörter, die nicht mehr als zwei Silben haben. Als er bei einer Veranstaltung des Kongresses im Jahre 2017 zusammen mit Senatoren und ehemaligen Präsidenten eine Seite aus der Declaration of Independence vorlesen sollte, hatte der Mann, der sich in biblischer Sprache als der Auserwählte (I am the chosen one) bezeichnet hat, große Schwierigkeiten: It’s very hard to get through that whole thing without a stumble. It’s like a different language, right?

Noch einmal das Bild The problem we all live with, das Problem geht nicht weg. Ob da das N-Wort an der Wand steht oder nicht. George Washington, der erste amerikanische Präsident, ist kein Intellektueller wie Thomas Jefferson gewesen. John Adams hat über ihn gesagt: That Washington is not a scholar is certain. That he is too illiterate, unlearned, unread for his station is equally beyond dispute. Wir lassen das mal so stehen, Washington ist nicht Adams und nicht Jefferson. Aber so dumm wie Trump ist der erste Präsident nie gewesen, sein Französisch war zwar schwach, aber er war ein guter Lateiner, auch wenn er Senecas Morals by Way of Abstract auf Englisch liest.

Washington hat das Amt des Präsidenten nicht gewollt, Trump, der nicht weiß, wer Seneca ist, wollte es unbedingt. Doch Trump kann reden und twittern wie er will, niemand wird ihm je glauben. Alles was er kann, ist herumpöbeln und politische Gegner beleidigen und angreifen. Das hat er von Roy Cohn gelernt, der in der dunkelsten Stunde Amerikas der Henkersknecht von Senator McCarthy war. Cohn war der Rechtsanwalt und Berater des jungen Trump (der Link führt zu dem Dokumentarfilm Where's my Roy Cohn). Das sind Freunde, auf die man stolz sein kann.

Wir können nur hoffen, dass Abraham Lincoln mit dem Satz recht hat: You can fool all the people some of the time, and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time.

Freitag, 12. Juni 2020

Rheinromantik


Am 12. Juni 1816 fuhr als erstes Dampfschiff die englische Defiance den Rhein bis nach Köln herauf. Heute gegen Mittag erblickten wir hier auf unserm schönen Rheinstrome ein wundervolles Schauspiel. Ein ziemlich großes Schiff, ohne Mast, Segel und Ruder, kam mit ungemeiner Schnelle den Rhein herauf gefahren. Die Ufer des Rheines und die hier vor Anker liegenden Schiffe waren in einem Augenblicke von der herbeiströmenden Volksmenge bedeckt. Das die allgemeine Neugierde reizende Schiff war ein von London nach Frankfurt reisendes, englisches Dampfboot, schrieb die Kölnische Zeitung. Bis Frankfurt ist die Defiance nicht gekommen, es gab technische Probleme.

Ein Jahrzehnt später gibt es einen regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Mainz und Köln. Die Schiffe sind voll mit englischen Touristen, denn in England hat Thomas Cook die Pauschalreise erfunden. Im Jahr 1843 sind eine Million Engländer auf dem Rhein gewesen. Sie reisen gern, die Briten, zuerst im 18. Jahrhundert mit ihrer Grand Tour, die der Oberklasse vorbehalten war, jetzt kommen alle anderen, der Massentourismus ist erfunden. Und so dichtet Goethe im Faust II:

Sind Briten hier - sie reisen sonst so viel,
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen,
das wäre hier für sie ein würdig Ziel....

Ein Jahr nach der Fahrt der Defiance wird man auf der Weser auch ein Dampfschiff haben. Das ist aber kein englisches Schiff, sondern ein deutsches Schiff, das auf der Langeschen Werft in Vegesack gebaut worden ist. Fährt stolz mit der Bremer Speckflagge. Zugegeben: die Maschine hat man bei Boulton & Watt in England gekauft, aber alles andere ist Made in Germany. Das Schiff wird Weser heißen, aber es verursacht keinen Massentourismus. An der Weser gibt es nun mal keine mittelalterlichen Schlösser, keine Loreley und keinen Drachenfels. Es gibt eine Rheinromantik (lesen Sie dazu mehr im Goethezeitportal), aber es gibt keine Weserromantik, keine Dichter besingen den Fluß, keine Maler malen ihn. William Turner malt den Rhein, nicht die Weser. Es gibt zwar ein Gedicht auf die Weser von Franz von Dingelstedt:

Hier hab' ich so manches liebe Mal
Mit meiner Laute gesessen,
Hinunterblickend ins weite Tal,
Mein selbst und der Welt vergessen.
Und um mich klang es so froh und so hehr,
Und über mir tagt es so helle
Und unten brauste das ferne Wehr
Und der Weser blitzende Welle. 

Aber das kann sich kaum mit dem messen, was Lord Byron über den Drachenfels geschrieben hat. Oder Heinrich Heine über die Lorelely. Und wenn die bösen Deutschen in Casablanca ein Lied singen, dann singen sie natürlich über den Rhein:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!


Ich selbst kann dem Rhein wenig abgewinnen. Ich habe ihn zum erstenmal gesehen, als wir eine Tante in Neuwied besuchten, die eine kleine Villa am Rhein besaß. Es war nicht leicht, Neuwied mit unserem neuen Opel Olympia zu erreichen, weil an diesem Tag das Petersberger Abkommen unterzeichnet wurde, und wir in Massen von englischen und amerikanischen Panzern feststeckten, die die Gegend absicherten.

Was die Flußfahrt auf dem Rhein betrifft, kann ich touristisch mitreden. Unsere Schule spendierte uns ein Jahr vor dem Abitur eine mehrwöchige Studienreise nach Köln, Mainz und Trier, und natürlich stand eine Fahrt mit dem Rheindampfer von Köln nach Mainz auf dem Programm. Wir teilten uns das Schiff mit zwei Busladungen älterer Amerikanerinnen. Alle in sommerlichen Blümchenkleidern. Mit Strohhüten. Als der Kapitän über Lautsprecher verkündete, dass wir gleich die Lorelei passieren würden und dazu eine schauerlich krächzende Version von Ich weiß nicht, was soll es bedeuten auflegte, schesten zwei Busladungen amerikanischer Ommas nach Backbord. Ich hatte damals Angst, die Loreley würde wieder ihre Opfer einfordern. Die Rheinromantik ist lange zuende, Allen Ginsberg hat das in seinem Gedicht Ruhr-Gebiet schon vor Jahren gesagt:

Too much industry
No fish in the Rhine
Lorelei poisoned
Too much embarrassment

Die englische Defiance war nicht das erste Dampfschiff in Deutschland, das muss der historischen Genauigkeit wegen angemerkt werden. Das erste kleine Dampfschiff war das von dem Franzosen Denis Papin, mit dem er am Sonnabend, dem 24. September 1707 auf der Fulda von Kassel nach Münden (heute Hannoversch-Münden) gefahren war. Er wollte am nächsten Tag auf der Weser bis Bremen weiterfahren, aber in der Nacht haben ihm die Mitglieder der Mündener Schiffergilde das Boot zerkloppt. Sie kannten zwar Rilkes Satz Alles Erworbne bedroht die Maschine noch nicht, aber dass dieser kleine Schaufelraddampfer schlecht für ihr Geschäft war, das hatten sie schon gemerkt. Der geniale Erfinder Denis Papin, der auch den Schnellkochtopf erfunden und ein U-Boot gebaut hat, ist heute so gut wie vergessen. Der letzte Brief von Dr Papin aus dem Jahr 1712 an den Sekretär der Royal Society schließt mit den Worten: Ich bin in einer traurigen Lage, selbst wenn ich das Beste leiste, ziehe ich mir nur Feindschaft zu. Doch sei wie ihm wolle, ich fürchte nichts, denn ich vertraue auf Gott, der allmächtig ist.


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Mittwoch, 10. Juni 2020

Catalina


Twenty-six miles across the sea 
Santa Catalina is a-waitin' for me 
Santa Catalina, the island of romance 
Romance, romance, romance 
Water all around it everywhere 
Tropical trees and the salty air 
But for me the thing that's a-waitin' there 
Romance

Das sangen die Four Preps 1958, mit so etwas kam man damals schon in die Charts. Die Felseninsel, die hier besungen wird, ist in Wirklichkeit nicht unbedingt einladend für eine Romanze. Aber sie war einmal die Partyinsel der Hollywood Stars. John Wayne liebte die Insel, seit er in den dreißiger Jahren dort in einem YMCA Feriencamp gewesen war. Später, als er sich diese Yacht leisten konnte, war er Dauergast auf der Insel, die sich der Kaugummihersteller William Wrigley mal gekauft hatte. Dessen Ziel war gewesen: Catalina was developed to put within reach of the rank and file of the United States—the people to whom I owe my prosperity—a playground where they can enjoy themselves to the utmost, at such a reasonable figure of expense that all can participate. Auf dieser Insel hat man In the Wake of Bounty gedreht, das war die Version mit Errol Flynn; Ronald Reagan hatte hier sein erstes Casting, das ihm eine Filmrolle einbrachte. Hier ist überall Hollywood.

Schon zur Zeit des Stummfilms sind Kamerateams hier: During the 16 years of silent-film production, many notable directors and actors frequented the Island and produced several classic films, such as Treasure Island (1918), Male & Female (1919), Ten Commandments (1923), Ben Hur (1925), Old Ironsides (1926) and The Black Pirate (1926). D.W. Griffith was one of the first directors to film on the Island. His feature Man’s Genesis was filmed on Catalina Island in 1912. Many of the large studios followed Griffith’s lead and began utilizing the Island as the backdrop of their films. Universal, Lasky Film Corporation, Paramount, Fox, Metro-Goldwyn, and United Artists were among the many production companies. Das steht auf dieser sehr informativen Seite. Man hat nie aufgehört, hier Filme zu drehen. Vor allem vor der Küste entstanden Filme wie Amistad (1997), The Hunt for Red October (1990) und Terrence Malicks The Thin Red Line (1998).

Hier am Strand von Catalina ist Natalie Wood (die hier einen Post hat) noch sicher, auf dem Wasser vor Catalina nicht mehr. Wenig später ist sie tot, ertrunken bei einem Bootsunfall vor Catalina. Oder ermordet, man weiß es bis heute nicht. Sie konnte nicht schwimmen und hatte Angst vor dem Wasser, warum sollte sie vom Boot aus schwimmen gehen? Peter Bogdanovich hat 2004 den Film The Mystery of Natalie Wood gedreht. Wir behalten sie als das Schnuckelchen in dem John Ford Film The Searchers im Gedächtnis.

Diese junge Dame am Strand von Catalina wird nicht ertrinken. Sie ist hier siebzehn und hat gerade einen Matrosen der Handelsmarine geheiratet, um ihren Stiefeltern zu entkommen. Das Schiff ihres Mannes liegt im Hafen von Catalina, also ist sie ihm auf die Insel gefolgt. Wo sie mit ihrer leichten Strandbekleidung von einem Photographen entdeckt wird. Sie lässt sich scheiden (die Scheidungspapiere werden ihm auf sein Schiff nachgeliefert) und ändert ihren Namen von Norma Jean Baker in Marilyn Monroe. Im Jahre 2011 hat man auf der Insel eine kleine Ausstellung mit dem Titel Before She Was Marilyn über ihre sechs Monate auf Catalina gemacht.

Wenn ich heute über eine von Möwen, Pelikanen und Kormoranen vollgeschissene Felseninsel schreibe, dann hat das seinen Grund. Das MacOS Sierra Programm, das ich seit der letzten Woche hatte, war mir nicht genug, ich wollte nach den Sternen greifen und installierte (kostenfrei) MacOS Catalina auf meinem Computer. Hybris. Ich wollte, ich hätte das nicht getan. Mir fällt dazu nur ein, was der Vater von Robinson Crusoe (der wie ich aus Bremen kommt) seinem Sohn auf den Lebensweg mitgibt: He told me it was men of desperate fortunes on one hand, or of aspiring, superior fortunes on the other, who went abroad upon adventures, to rise by enterprise, and make themselves famous in undertakings of a nature out of the common road; that these things were all either too far above me or too far below me; that mine was the middle state, or what might be called the upper station of low life, which he had found, by long experience, was the best state in the world, the most suited to human happiness, not exposed to the miseries and hardships, the labour and sufferings of the mechanic part of mankind, and not embarrassed with the pride, luxury, ambition, and envy of the upper part of mankind. He told me I might judge of the happiness of this state by this one thing—viz. that this was the state of life which all other people envied; that kings have frequently lamented the miserable consequence of being born to great things, and wished they had been placed in the middle of the two extremes, between the mean and the great; that the wise man gave his testimony to this, as the standard of felicity, when he prayed to have neither poverty nor riches.

Diesen middle state of life sollten wir mal im Gedächtnis behalten. Die Firma Apple auch. Das Internet ist voller Klagen von unglücklichen Catalina Benutzern. Was da alles auf Catalina läuft, braucht kein Mensch wirklich. Ich habe beinahe alle Apps, die Sie da auf dem Bild sehen, aus dem Dock entfernt. Und als erstes Siri gelöscht. Nach drei Tagen fängt der Computer langsam an, das zu tun, was er soll. Er kann jetzt schon einfache Befehle wie Ruhezustand und Ausschalten befolgen. Wenn das in einer Woche nicht besser ist, dann heißt das Bye, Bye Catalina und dann fliegt das Programm wieder raus.

Sonntag, 7. Juni 2020

die Jungfer Lotte


Am 7. Juni 1843 ist der dreiundsiebzigjährige Dichter Friedrich Hölderlin in Tübingen gestorben. Charlotte Zimmer, die Lotte oder Lottle genannt wurde, war dabei. Nach dem Tod Hölderlins schreibt sie an seinen Halbruder Karl GokHochzuverehrender Herr Hofrath Ich nehme mir die Ehre Ihnen die sehr traurige Botschaft zu ertheilen von dem sanften Hinscheiden Ihres geliebten Herrn Bruders, seit einige Tage hatte Er einen Chartharr und wir bemerkten eine besondere Schwäche an Ihn wo ich dann zu Profeßor Gmelin ging u Er eine Arznei bekam spielte diesen Abend noch und aß in unserem Zimmer zu Nacht, nun ging er ins Bett, mußte aber wieder aufstehen und sagte zu mir, er könne vor Bangigkeit nicht im Bett bleiben, nun sprach ich ihm doch zu und ging nicht von der Seite. Er nahm kurz einige Minuten noch Arznei es wurde ihm aber immer banger ein Haußherr war auch bey Ihm u ein anderer Herr welcher Ihm gewacht hätte mit mir nun verschied Er aber so sanft ohne noch einen besondern Todeskampf zu bekommen meine Mutter war auch bey Ihm, an das Sterben dachte freilich kein Mensch von uns. Die Bestürzung ist nun so groß, daß mirs übers Weinen hinaus ist, und dennoch dem lieben Vater im Himmel tausendmal danken muß, daß Er kein Lager hatte, und unter tausend Menschen wenige so sanft sterben, wie Ihr geliebter Herr Bruder starb.

Die Lotte hatte ihn die letzten Jahre gepflegt. Als sie 1813 geboren wurde, war der kranke Dichter schon seit sechs Jahren in der Pflege ihrer Eltern. Der Schreinermeister Ernst Zimmer und seine Familie sind nicht reich, Hölderlin ist nicht arm. Da ist das Erbe von den Eltern Hölderlins und eine kleine Rente vom würtembergischen Hof. Verwaltet wird das von Hölderlins Vormund, dem Oberamtspfleger Israel Gottfried Burk, dem die Zimmers alles auf Heller und Pfenning abrechnen müssen. Er verreißt auch viel am Bettgewand, weil Er so unruhig schlaft, schreiben die Zimmer, das Bettgewand muss zum Beweis an den Vormund geschickt werden. Alles muss abgerechnet und belegt werden, ob es neue Hemden, Hosenträger oder ein Viertele Wein sind. Israel Gottfried Burk macht mit dem Vermögen von Hölderlin gute Geldgeschäfte, indem er den Nürtinger Bauern Darlehen zu fünf Prozent gewährt. Die letzte Ausgabe vor den Beerdigungskosten sind 24 Kreuzer  für den Schwamm, mit dem Hölderlins Leiche gewaschen wurde.

Mittags liest Er gewöhnlich in seinem Hyperion, u. Abends läuft er im Haus oder Gärtle spazieren, hat Lotte Zimmer im Sommer 1840 geschrieben. Gibt es irgendetwas zwischen dem Mädchen und Hölderlin? Wir wissen es nicht. Er träumt immer noch von seiner Diotima, wenn er wieder einmal nach Frankfurt zu seiner Diotima will, nimmt ihm Lottes Vater die Stiefel weg. Da bleibt ihm nur das Gärtle und der Hyperion: Wenn euer Garten so voll Blumen ist, warum erfreut ihr Othem mich nicht auch? – Wenn ihr so voll der Gottheit seid, so reicht sie mir zu trinken. An Festen darbt ja niemand, auch der Ärmste nicht. Aber Einer nur hat seine Feste unter euch; das ist der Tod. Not und Angst und Nacht sind eure Herren. Die sondern euch, die treiben euch mit Schlägen an einander. Den Hunger nennt ihr Liebe, und wo ihr nichts mehr seht, da wohnen eure Götter. Götter und Liebe? O die Poeten haben recht, es ist nichts so klein und wenig, woran man sich nicht begeistern könnte. So dacht ich. Wie das alles in mich kam, begreif ich noch nicht. Versteht er das noch, was er da geschrieben hat?

Der Schreinermeister Ernst Zimmer hatte in seiner Jugend den Hyperion gelesen, er bewunderte den Dichter, und bevor Hölderlin in seine Obhut kam, hatte er ihn in der Psychiatrie besucht. Wenn er ihm auch die Stiefel wegnimmt und ihm mal eine scheuert, wenn Hölderlin zu sehr tobt, der kranke Dichter weiß, dass er bei ihm gut aufgehoben ist. Er darf auch auf dem Klavier spielen, dass Zimmer für seinen Sohn gekauft hat. Wenn er Besuch hat, improvisiert er gerne phantastische Melodien: Während des Spielens sieht der Wahnsinnige oft bei einer rührenden oder kunstvoller ausgeführten Stelle mit seinen schwimmenden blicken die Gäste lange an u. fährt dann wieder in den gewöhnlichen, oft etwas krampfhaften Bewegungen unbekümmert um die Anwesenden fort. Schreibt Christoph Theodor Schwab (der Sohn von Gustav Schwab), der Hölderlin dazu gebracht hat, wieder Gedichte zu schreiben. Er wird auch die Grabrede auf den Dichter halten.

Für Ernst Zimmer hatte Hölderlin auch Gedichte geschrieben, wie dieses, das den Titel An Zimmern hat:

Von einem Menschen sag ich, wenn der ist gut
Und weise, was bedarf er? Ist irgend eins,
Das einer Seele gnüget? ist ein Halm, ist
Eine gereifteste Reb' auf Erden

Gewachsen, die ihn nähre? Der Sinn ist des
Also. Ein Freund ist oft die Geliebte, viel
Die Kunst. O Teurer, dir sag ich die Wahrheit.
Dädalus Geist und des Walds ist deiner.

Für Lotte, die er manchmal die heiligste Jungfer Lotte nennt, hat er keine Gedichte geschrieben. Aber sie ist nicht vergessen. Die Hölderlin Forschung kennt sie aus den Pflegschaftsakten. In den 1990er Jahren hat man Akten entdeckt, die man bisher nicht kannte. Das Ganze ist gesammelt in Gregor Wittkops Hölderlin. Der Pflegsohn. Texte und Dokumente 1806 - 1843; und Gregor Wittkop hat 1997 zusammen Angelika Overath bei der Friedenauer Presse ein kleines Bändchen mit dem Titel Von der Realität des Lebens: Hir das Blatt herausgebracht, in dem Lotte Zimmer zu Wort kommt.

In Tübingen gibt es seit 2006 ein Lotte Zimmer Haus für Menschen mit psychischen Erkrankungen, und seit 2011 ein Lotte Denkmal. Das Karl Corino in seinem Artikel Warum weder Hölderlin noch Lotte Zimmer dieses Denkmal verdienen ganz fürchterlich findet: 'Für Lotte' ist in das Denkmal zu ehren sollendem Gedenken eingeritzt. Aber solche drei Meter hohen Denkmale sind oft, wie Robert Musil sagt, von 'ganz ausgesuchter Bosheit'. Da man den zu verewigenden Menschen 'im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie gleichsam mit einem Gedenkstein um den Hals ins Meer des Vergessens'. Man kann wenig dazu sagen, die Abbildungen im Netz geben kaum etwas her.

Vielleicht wäre das beste Denkmal für Lotte ein hölzener Tisch. Im Mai 1859 notiert der Theologiestudent Ernst Friedrich Wyneken, der zur Miete in dem Zimmer wohnt, in dem Hölderlin lebte, in seinem Tübinger Tagebuch: Um 7 1/4 Uhr erzählte mir Jungfer Loddle, daß ich ja den Tisch vor meinem Sopha solle in Ehren halten da habe der Dichter Hölderlin mit d. Hand geschlagen, wenn er Streit gehabt - mit seinen Gedanken! Sei gest. 1843 und habe in ihrem Hause gewohnt. Und wenn sie fortziehen müsse - sie nähme den Tisch mit! Sie wird das Hölderlinstischle mitnehmen, wenn sie fortzieht, sie kann das Haus der Eltern nicht halten. Wenn sie beinahe mittellos 1879 in Tübingen stirbt, hat sie den Tisch immer noch. Er ist immer noch im Familienbesitz.


Noch mehr Hölderlin in diesem Blog: Poetry MonthFriedrich Hölderlin, Sonnenbräune, Hölderlin, Holterling, Michael Hamburger, Dichterfreund, Isaac von Sinclair, Herbstgedicht, Der Sommer, Vergil

Freitag, 5. Juni 2020

update


Zack, war das Internet weg, einfach so. Ich tippte auf alle möglichen Tasten, bekam aber nur die Nachricht, dass es keine Verbindung zum Internet gäbe. Ich nahm das Telephon in die Hand, und eine weibliche Stimme sagte mir, dass ich nicht telephonieren könne. Ich solle meine Kabel überprüfen etc. Kennt man schon. Hört man heute bei Vodafone seltener, kam früher alle paar Wochen mal vor. Man überprüft alle Kabel, nimmt die Easybox (oder FritzBox, oder wie die Dinger heißen) vom Netz, und nach ein paar Minuten versucht man das Ganze noch mal. Sie kennen das sicher. Ich ging auf die Systemeinstellung Netzwerk und erfuhr, dass ich jetzt mit dem Netz verbunden sei, ich müsse aber meinen Computer neu starten.

Und dieses Neustart erforderlich liest man nicht gerne. Ich wusste, das wird wieder fürchterlich, ich kenne das schon. War früher kein Problem, aber bei neueren MacModellen ist es ein Problem. Da schreibt jemand im Internet: Habe die Installation von 10.9.1 über die Softwareaktualisierung des Mac App Store aus dem laufenden Betrieb heraus gestartet. Aktualisiert wurden Apple Remote Desktop und 10.9.1. Download lief, dann fuhr er in den Installationsmodus runter und jetzt bleibt seit mehr als zehn Minuten das kleine Fenster mit dem Balken beim Status "Weniger als eine Minute" stehen. Irgendwelche Hinweise zu der Verfahrensweise in so einem Fall? Ich hatte das noch nie und bin da etwas unerfahren, was jetzt zu tun ist. Ausschalten eher nicht, oder? Warten? Wie lange? Kann ich ihn ggf. in den Ruhezustand versetzen und in den Apple Store tragen? Oder kann ich noch irgendetwas anderes tun?

Abwarten, nur abwarten. In die Küche gehen und Tee kochen. Man kann zu dem selben Problem im Internet lesen: Another similar apparently stuck issue can also happen during the installation reboot, with the Mac being frozen on the startup screen, with the familiar Apple logo  appearing on a white or black background with a progress bar not moving. This is another situation where waiting is the best idea. And yes, it can take a while. Mir gefällt dieses And yes, it can take a while. Henry David Thoreau hat gesagt: But lo! Men have become the tools of their tools. Er hat ja so recht.

Ich war wieder im Internet, aber aus irgendeinem Grund konnte der Browser Safari viele Seiten nicht erreichen. Ich probierte es mit Chrome, kam auf viele Seiten, aber auch nicht auf alle. Ich versuchte es mit Opera. Bekam die Nachricht: Es ist nicht möglich die sichere Transaktion abzuschließen. Die von Ihnen aufgerufene Adresse http://www.uni-kiel.de/ ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte überprüfen Sie die korrekte Schreibweise der Webadresse (URL) und versuchen Sie dann die Seite neu zu laden. Die Uni Kiel war mit allen anderen Browsern zu erreichen, ich glaube Opera ist das letzte. Aber vielleicht haben die auch recht, und die Uni ist keine sichere Adresse, im letzten Jahr waren da mehr als 30.000 Computer von einer Cyber Attacke betroffen.

Ich geduldete mich bis zum Dienstag und rief die Firma an, die mir den Mac verkauft hatte. Dem Herrn Kraus war das Ganze etwas rätselhaft, aber er konnte mit dem teamviewer in meinen Computer gucken. Ich sehe hier, dass Sie MacOS Sierra nicht installiert haben, sagte er. Wollte ich nicht, man hatte mir damals gesagt, dass man mit Sierra auch Siri bekommt, und dass Siri eine Pest sei. Aber der nette Herr Kraus sagte mir, er würde mir jetzt statt El Capitan MacOS Sierra installieren. Dann hätte ich auch das neueste Version von Safari, und dann gäbe es keine Probleme mehr.

Das könne allerdings etwas dauern, die dreißig Minuten, die jetzt angezeigt würden, stimmten nie. Ich sollte jetzt nur noch das tun, was der Computer mir sagte. Dahin sind wir gekommen, men have become the tools of their tools. Ich zündete mir erst einmal eine Pfeife an, und begann, die Briefe zuende zu schreiben, die ich am Vortag hatte liegenlassen. Nach zwei Stunden war das Ganze inklusive zweier neuer Updates fertig. Dass der Satz Weniger als eine Minute bei Apple nichts bedeutet, das wusste ich ja schon. Alles funktioniert wieder. Siri war auch schon da und fragte, was sie für mich tun könne. Ich sagte so etwas Ähnliches wie Piss off! Ich glaube, jetzt ist sie böse.

Während ich das gestern schrieb, lief im Fernsehen ein Tatort mit dem Titel Echolot, in dem das Mordopfer digital weiterlebt. Das digitale Zombie wurde von Adina Vetter dargestellt, die hier schon in dem Post weglaufende Frauen vorkommt. Nicht digital sieht sie besser aus. Dieselbe Geschichte, die uns in Echolot verkauft wird, gab es auch schon als Stuttgarter Tatort. Dahin wird es kommen, alles nur noch digital und auf Handy.

Das Verb update in der Bedeutung von to bring up to date ist seit hundert Jahren in der englischen Sprache, vorher brauchte man es nicht. Heute braucht man updates für alles. Nur für uns selbst gibt es keine neuen updates.

Mittwoch, 3. Juni 2020

flüsternde Geigen


Der Schriftseller Arno Schmidt ist am 3. Juni 1979 im Alter von fünfundsechzig Jahren gestorben. Die letzten zwei Jahre seines Lebens konnte er sorgenfrei leben, da hatte ihm Jan Philipp Reemtsma 350.000 DM in die Heide gebracht, das ist die Summe, die ein Nobelpreisträger für Literatur erhält. Ich habe die letzten Tage, wie ich es in Mozart? ankündigte, viel Mozart gehört. So einmal durch das volle Programm der Klaviersonaten. Und als ich las, dass heute der Todestag von Arno Schmidt ist, fragte ich mich, ob der Solipsist in der Heide Mozart geliebt hat. Oder jemals in der Oper war. Hatte er überhaupt einen Plattenspieler? Arno Schmidt und die klassische Musik, das wäre doch mal ein interessantes Thema. Gibt das etwas her?

Mit achtzehn Jahren, als er seine ersten Gedichte schrieb, wollte Arno Schmidt mit seinem Schulkameraden Heinz Jerofsky eine Oper nach E. Th. A. Hoffmanns Die Bergwerke zu Falun schreiben, daraus ist aber nichts geworden. Am Ende von Brand's Haide heißt es: ich trug sie hin und her in beiden Händen; trat vor die Türe und trocknete mich im fahrenden Wind: Also: Weine nicht, Liu! Und dieses Weine nicht, Liu! können wir in Puccinis Turandot wiederfinden. Ein wenig Musik scheint in dem Werk von Schmidt doch zu sein. Aber es ist noch viel, viel mehr. Ein Forscher namens Roland Burmeister hat auf 795 Seiten Die Musikstellen bei Arno Schmidt zusammengetragen. Die meisten Fundstellen beziehen sich da auf Zettel's Traum, in dem sogar Gilbert Becauds Nathalie und die Filmmusik zu Ein Mann und eine Frau erwähnt werden. Das Buch von Burmeister scheint kein Bestseller zu sein, man kann es antiquarisch preiswert bekommen. Kommt man dem Schriftsteller Arno Schmidt näher, wenn man alle Schlager kennt, die er in Zettels Traum hineinschreibt? Aber Mozart wird über 120 mal erwähnt (Wagner ebenso oft), ist mir beim Lesen von Arno Schmidt nie aufgefallen.

Arno Schmidt hat gesagt, dass er von Musik wenig verstehe: wobei ich gern & von vornherein zugebe, daß ich von Musik & Religion wenig verstehe: weil mich das opernhafte Element in beiden abstößt. Über ein Cello Konzert von Penderecki schreibt er: NEE ! ! !; also sowas hör ich mir für Geld nich mehr an: wie von ei'm verrückt gewordnen Techniker, für verrückt gewordne Techniker geschriebm. Ich bin wahrlich großgeherzt id Künstn; aber die Schranke könnt' ich nicht mehr überspringn. Das hat aber moderne Komponisten nicht davon abgehalten, Musik für Arno Schmidt zu schreiben. Maurizio Kagels Konzert Für Arno Schmidt kann ich nicht unbedingt empfehlen, aber die CD Halt's Maul und mach was: Ein Konzert für Arno Schmidt, die finde ich sehr witzig.

Ich habe heute am Todestag von Arno Schmidt ein kleines Gedicht von ihm, in dem auch Musik vorkommt:

Trunkner im Dunkel

Da eine Geige flüstert um Mitternacht,
hat mich mein Rausch in mondhelle Gassen gebracht;
leicht tönt mein Schritt in der Nacht.

Lampiges Fenster weht auf, Stimmen und Wolkenzug;
Brunnengeliebte am Markt spendet aus steinernem Krug.
Herbstliches Wasser trank ich in stummem Zug.

Wind im Gehölz, Wanderwind striegelt mein Haar;
Kammer in der Du schläfst, füllt er dir wunderbar,
Mond auf den Kissen küßt dich schon manches Jahr.

Da alle Wolken reisen um Mitternacht,
habe auch ich den Weg zu deinem Fenster gemacht:
flüstert mein Lied in der Nacht …..


Noch mehr Arno Schmidt in diesem Blog: Arno (Otto) SchmidtArno Schmidt, Dümmer=Sex, Arno Schmidts Wohnwagen