Dienstag, 15. September 2020

Battle of Britain Day


Heute ist der achtzigste Jahrestag des Battle of Britain Day. Alle geplanten Veranstaltungen und die große Flugschau müssen wegen des Covid-19 Virus leider ausfallen oder sind in den Herbst verschoben worden. Die Feiern für diesen Tag gibt es schon lange. Schon während des Krieges wurde der Battle of Britain Day als ein Tag der Danksagung gefeiert, schauen Sie einmal in die British Pathé ✺Wochenschau aus dem Jahre 1943. Vor zehn Jahren hat der ehemalige Squadron Leader Tony Iveson (der auch bei der Operation Chastise dabei war) gesagt: As far as we were concerned we saved the world.

We few, we happy few, we band of brothers steht in dem Glasfenster der Royal Air Force Chapel in der Westminster Cathedral. Das sind die Worte die Shakespeares Henry V vor der Schlacht von Azincourt am St. Crispin's Day sagt. Sie sind sicher passend für die Royal Air Force, über die Winston Churchill jetzt sagt Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few. Über England tobt die Battle of Britain, am 7. September 1940 wird zum ersten Mal London bei Tag angegriffen. Die Deutschen haben es aufgegeben, die Flugplätze an Englands Südküste anzugreifen, um Englands Luftwaffe zu vernichten. Das Unternehmen Seelöwe ist gescheitert. Für den Air Vice Marshall Keith Park markiert deshalb der 7. September das Ende der Battle of Britain, für andere ist der 15. September, der Battle of Britain Day, wichtiger.

The Few werden auch die Teilnehmer der Battle of Britain heißen, es gibt für sie auch einen Schlips. Aber während man sich einen Royal Air Force Schlips jederzeit im Laden kaufen kann, den hier kann man nicht kaufen. Er ist dunkelblau, und darauf sind in Gold die Umrisse von England und die englische Rose der Tudors. Man kann ihn bei Gieves & Hawkes kaufen, aber man muss schon nachweisen, dass man damals dabei war. Aber solche Paraphernalia interessieren damals niemanden, es geht jetzt um das Überleben Englands. Es gibt aber noch eine andere Battle of Britain. Die finden im Geheimen statt, und es ist ein Machtkampf innerhalb der Royal Air Force, der die Ausmaße einer Shakespeare Tragödie annimmt.

Die Anfänge liegen schon in der Zeit vor dem Krieg, wenn man nicht weiß, ob man leichte, schnelle Jagdflugzeuge oder große Bomber bauen soll. Die Flugzeuge, mit denen Bomber Harris Deutschland angreifen wird, sind für die Verteidigung Englands in der Luft völlig ungeeignet. Aber auch innerhalb des Fighter Command gibt es unterschiedliche Konzepte. Air Marshall Sir Hugh Dowding setzt auf das Konzept von Air Vice Marshall Keith Park, dem die 11. Fighter Group untersteht. Park lässt seine Hurricanes und Spitfires unterstützt von englischen Radar im letzten Augenblick als Abfangjäger aufsteigen. Air Chief Marshall Trafford Leigh-Mallory setzt dagegen auf ein big wing Konzept und will seine ganze Flotte die ganze Zeit in der Luft behalten (in der Praxis funktioniert dieses System natürlich nicht). Dowding und Park setzen sich durch, und sie gewinnen damit die Luftschlacht über England. Das Bild hier zeigt einen fighter pilot der RAF, man erkennt ihn daran, dass er seinen obersten Knopf offenlässt, das sind die feinen Unterschiede, wenn es an das Sterben geht.

Dowding, der in dem Film Battle of Britain von Sir Laurence Olivier (im Krieg Reserveoffizier und Pilot bei der Marine, allerdings ohne jeden Fronteinsatz) gespielt wird, hat sicherlich einen one track mind, sein Spitzname ist Stuffy. Was er für richtig hält, setzt er konsequent durch. Er macht sich dadurch in den Ministerien eine Vielzahl von Feinden, er ist kein bisschen diplomatisch. Aber er hat seit Ende der dreißiger Jahre sein Konzept (Radar, Sprechfunk und schnelle Jagdflugzeuge) durchgesetzt. Gegen die Intrigen, die jetzt gesponnen werden, ist er machtlos. Es gehört sicherlich zum Wesen des Militärs, dass es eine Vielzahl von hochrangigen Offizieren in Whitehall, im Cabinet Office, im War Office und im Air Ministry gibt, die den ganzen Krieg über ihren Schreibtisch nicht verlassen. Die haben viel Zeit für Kabalen und Intrigen.

Überhaupt keine Zeit dafür hat der Neuseeländer Keith Park, der ist die ganze Zeit mit seinem Flugzeug in der Luft. Der kennt jeden Flugplatz und jede Jagdstaffel. Er wird im Film von Trevor Howard gespielt, der mit seiner weißen Fliegerkombi richtig fesch aussieht. Der Film hält sich historisch ziemlich genau an die Wahrheit, deutet aber den Machtkampf zwischen Dowding und Leigh-Mallory nur an.

Wenn die Luftschlacht gewonnen ist, werden Dowding und Park ins Ministerium geladen und wie Angeklagte vor einem Kriegsgericht behandelt. In Anthony Powells wunderbarem Gesellschaftsbild A Dance to the Music of Time (das in zwölf Bänden die englische Gesellschaft vom Ersten Weltkriegs bis in die sechziger Jahre zeigt) gibt es eine Romanfigur namens Widmerpool. Eine charakterliche Ratte, der es aber im Krieg bis zum Brigadier bringt, der König der Intrigen im Cabinet Office. Bei allem, was ich über England im Zweiten Weltkrieg gelesen habe, fällt mir bei diesem Augenblick, in dem Dowdings Gegner triumphieren, immer nur der Name Widmerpool ein. Anthony Powell (der sich übrigens Pole ausspricht) wußte, worüber er schrieb, er hat seinen Krieg in Whitehall verbracht.

Keith Park weiß, was die Stunde geschlagen hat, als er am 17. Oktober in den Raum des Air Ministry kommt - die wollen nicht ihn und Dowding als Helden feiern, die bloody Air-Marshals (wie Lord Beaverbrook sie nennt, der für die Produktion von Flugzeugen zuständig ist) wollen Dowdings Kopf. Jahrzehnte später hat Park gesagt: To my dying day I shall feel bitter at the base intrigue which was used to remove Dowding and myself as soon as we had won the Battle of Britain. Dowding (der der ranghöchste Offizier im Raum ist) wehrt sich nicht, er kann nicht mit diesen Whitehall Intriganten umgehen. Er bekommt später einen Telephonanruf, dass er sein Büro innerhalb von 24 Stunden zu räumen habe, dem folgt noch ein Brief, in dem steht dass das Air Ministry habe no further work to offer you. Keith Park wird auf ein nebensächliches Kommando abgeschoben (wird aber später noch eine entscheidende Rolle im Luftkrieg im Mittelmeer spielen).

Vor wenigen Jahren hat eine Memorial Campaign für Sir Keith Park begonnen, der der am wenigsten gefeierte Held Englands ist. Der Marshall of the Air Force (ein Rang, den man Dowding und Park vorenthalten hat) Lord Tedder hat über Park gesagt If ever any one man won the Battle of Britain, he did. I don't believe it is realized how much that one man, with his leadership, his calm judgement and his skill, did to save not only this country, but the world. Vielleicht sollte das heute, achtzig Jahre nach dem Ende der Battle of Britain, noch einmal wiederholt werden.

Sir Hugh Dowding wird noch lange leben. Er wird Bücher über Theosophie und Parapsychologie schreiben, er glaubt auch an UFOs, und die verstorbenen Piloten sind dem Spiritisten erschienen. Trotz dieser etwas spinnerten Freizeitbeschäftigung wird unter Luftwaffenoffizieren sein Ruf über die Jahre legendär. Ein halbes Jahr vor seinem Tod hat er noch die Genugtuung, dass er bei der Vorführung des Filmes Battle of Britain (er hatte zuvor die Dreharbeiten besucht) lange standing ovations von Luftwaffenoffizieren erhielt.

Dowding und Park sind auch die Helden in Len Deightons Buch Fighter, einer der seriösesten Darstellungen der Luftschlacht von England. Dass dies Buch von jemandem kam, der als Autor von Spionageromanen wie The Ipcress File berühmt geworden war, und nicht von einem Berufshistoriker, mag auf den ersten Blick erstaunen. Aber man sollte Deighton nicht unterschätzen. Der Mann, der den ersten Schreibcomputer in England besaß, kann recherchieren und Fakten sammeln. Und er hat 1970 mit seinem Roman Bomber (einer Art non-fiction novel) gezeigt, dass er eine Menge von der Royal Air Force versteht (in der er von 1946 bis 1949 selbst gedient hatte). Der berühmte englische Historiker A.J.P. Taylor hatte ihn gedrängt, dieses Buch zu schreiben, in dem Deighton die Erlebnisse von hunderten von Überlebenden der Luftschlacht verwendet hat. Über den Kiwi war hero Keith Rodney Park gibt es eine neuere Biographie von dem neuseeländischen Historiker Vincent Orange (der auch Biographien über Dowding und Tedder geschrieben hat). Kurze, aber hervorragende Lebensläufe aller Beteiligten finden sich in dem von Hew Strachan edierten Band Military Lives (Oxford University Press 2002), einer Auswahl der besten Artikel aus dem Dictionary of National Biography.

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Samstag, 12. September 2020

Winkelsucher


Auch wenn der Post heute den Maler und Photographen Ben Shahn (der am 12. September 1898 geboren wurde) zum Thema hat, fange ich mal mit einem Bild von seiner Kollegin Dorothea Lange an. Denn die große Dorothea Lange Ausstellung im MOMA läuft noch bis zum 19. September. Falls Sie es nicht in der nächsten Woche nach New York schaffen sollten, kann ich Ihnen dieses Online Archive vom Oakland Museum of California anbieten. Dies Photo von Dorothea Lange hier habe ich schon mehrfach im Blog verwendet. Weil ich schon mehrfach über die amerikanische Kunst der dreißiger Jahre geschrieben habe. Zuletzt im Februar in dem Post Simple Pleasures über die Malerin Doris Emrick Lee.

One hundred years from now my administration will be known for its art, not for its relief, hat der amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt zu Henry Morgenthau gesagt. Das ist auf den ersten Blick ein erstaunlicher Satz, aber es ist viel Wahres an dieser Aussage. Denn in der Great Depression hatte Präsident Roosevelt die Kulturförderung zu einem wichtigen Bestandteil seines Konjunkturprogramms gemacht. Noch nie waren in Amerika Schriftsteller, Maler und Photographen derart vom Staat gefördert worden. Mehr als fünftausend Künstler wurden vom  Federal Art Project finanziert. Auch Dorothea Lange und Ben Shahn, von dem dies Bild stammt, das Unemployment heißt. Man merkt dem Bild Unemployment an, dass es aus der Photographie kommt, die Bildauffassung ist die eines Photographen. Es ist natürlich ein Bild, das zu der Zeit passt, ein Viertel der Amerikaner sind am Anfang der dreißiger Jahre arbeitslos.

Viele der jetzt vom Staat Geförderten, werden noch berühmt werden: Jackson Pollock, Saul Bellow, Zora Neale Hurston und John Steinbeck. Ben Shahn ist Maler, aber er ist auch Photograph und arbeitet für Roy Stryker, der die Abteilung der Farm Security Administration leitet, die sich mit der Photographie befasst. Zu diesem Thema gibt es in diesem Blog schon einen ganz langen Post, der Dokumentarfilm heißt. Wenn Sie den lesen, wissen Sie beinahe alles über die Zeit. Es ist einer den ganz wenigen Posts, die nicht für diesen Blog geschrieben wurden, er war schon in einem Buch über den amerikanischen Dokumentarfilm veröffentlicht worden.

Diese zwei Jungens haben gerade Kohlen von einer Schlackenhalde in Nanty Glo geklaut, sie wissen vielleicht gar nicht, dass sie photographiert werden. Denn der Photograph blickt sie nicht an, er schaut in eine ganze andere Richtung. Und das hat etwas mit dem kleinen Photoapparat zu tun, den er in der Hand hält. Aber es ist egal, wie man die Kamera hält: The camera is an instrument that teaches people how to see without a camera, hat Dorthea Lange gesagt.

Ben Shahn hat einen Sucher auf seiner Leica, mit dem er sozusagen um die Ecke photographieren kann. Die Firma von Ernst Leitz bietet den Photographen seit 1929 sogenannte Winkelsucher an, die WINKO (seit 1929) oder WINTU (1932) heißen. Ben Shahn liebt seinen Winkelsucher, zu dem es hier einen interessanten Artikel gibt. Ich habe in dem Post Strassenphotographie gesagt, dass der holländische Photograph Nico Jesse schnell ein persönliches Verhältnis zu den Menschen aufbauen konnte, die er photographieren wollte. Dorothea Lange konnte das nicht, sie war sehr schüchtern, es kostete sie Überwindung, sich Menschen mit ihrer großen Kamera zu nähern, um sie abzulichten.

Auch bei dem Bild, das sie in ganz Amerika berühmt machen wird: I saw and approached the hungry and desperate mother, as if drawn by a magnet. I do not remember how I explained my presence or my camera to her, but I do remember she asked me no questions. I made five exposures, working closer and closer from the same direction. I did not ask her name or her history. She told me her age, that she was thirty-two. She said that they had been living on frozen vegetables from the surrounding fields, and birds that the children killed. She had just sold the tires from her car to buy food. There she sat in that lean-to tent with her children huddled around her, and seemed to know that my pictures might help her, and so she helped me. There was a sort of equality about it. 

Die hungrige Frau, die Lange nicht nach dem Namen fragte, hieß Florence Thompson, sie hat Jahrzehnte später über Dorothea Lange gesagt: I wish she hadn't taken my picture. I can't get a penny out of it. She didn't ask my name. She said she wouldn't sell the pictures. She said she'd send me a copy. She never did. Das ist die andere Seite des berühmtesten Bildes der FSA Photographie, das den Titel Migrant Mother hat. Ben Shahn ist einer der wenigen FSA Photographen, der eine Leica und keine große Plattenkamera wie zum Beispiel eine Graflex Speed Graphic benutzt. Eine Leica ist klein, man kann sie mit einer Hand halten, das kann Dorothea Lange mit ihrer Graflex Series D nicht. Ben Shahn, der sich mit dem berühmten Walker Evan ein Studio teilte, brachte als Photograph keinerlei technischen Vorkenntnisse mit:

Now, my knowledge of photography was terribly limited. I must tell you this because I thought I could always ask Walker to show me what to do and so on, and it was a kind of an indefinite promise that he made. One day when he was going off to the South Seas and I was helping him into his taxi, I said, “Walker, remember your promise to show me how to photograph?” He says, “Well, it’s very easy, Ben. F9 on the sunny side of the street, F4.5 on the shady side of the street. For a twentieth of a second hold your camera steady,” and that was all. This was the only lesson I ever had. Of course I realize that photography is not the technical facility as much as it is the eye, and this decision that one makes for the moment at which you are going to snap, you know.  Das Zitat stammt aus einem langen Interview, das Richard K. Doud, der für die Archives of American Art arbeitete, mit Ben Shahn führte. Doud hat in den sechziger Jahren viele der ehemaligen FSA Photographen interviewt, unter anderem auch Dorothea Lange.

Während des Interviews fragt Ben Shahn seinen Gesprächsparter: You know what that is? You know in an ordinary Leica, the lens is here. Now, I would look this way and by refraction of what they call an angle finder I would take away any self-consciousness they had. So, most of my pictures don’t have any posed quality and this was a very helpful thing in the whole quality of my work, this angle finder. Ben Shahn versichert Richard Doud, die Portraitierten hätten es nie wirklich bemerkt, dass er sie gerade photographierte. Wenn man auf diesem Bild genau hinschaut, dann kann man im Spiegel des Fensterglases über dem Mann mit dem schwarzen Hut den Photographen sehen. Er guckt die beiden Männer nicht an.

Er hat sich auch mit seiner Leica mit dem Winkelsucher gemalt. Hier auf dem Bild Self Portrait Among Churchgoers (1939) steht er mit einem braunen Jackett vor der Kirchentür, er scheint irgendetwas links außerhalb des Bildes zu photographieren. Wenn wir nicht wüssten, dass er mit seinem Winkelsucher die Kirchgänger im Visier hat, würde dieses Bild keinen Sinn machen. Die Kirche ist schon auf einem seiner Photos zu sehen, die beiden älteren Damen auch.

Diese Zeichnung hat Shahn Roy Stryker geschenkt, to Roy who made it possible for me to work uninterrupted for 3 years…steht da links unten. Die Photographie war für Ben Shahn nur ein Hilfsmittel, das ihm für seine Malerei diente, I have never taken a picture for photography’s sake, but always for my own use, hat er einmal gesagt. Er hielt die Photographie nicht für Kunst: No, it is a mind, an eye, but not an art. Er war auch als Photograph nicht bekannt geworden wie Walker Evans oder Dorothea Lange, man kannte ihn als Maler des sozialen Realismus, als Schöpfer von Wandmalereien und politischen Plakaten. Erst als das Fogg Museum 1969 zum erstenmal Teile seiner fünftausend Photographien zeigte, wurde der Photograph Ben Shahn bekannt. Seine Witwe hat der Harvard Universität alle Photographien hinterlassen.

Dieses Gemälde heißt Liberation, Ben Shan hat es 1945 gemalt, als Paris befreit wurde. Wenn Sie die Photos von Ben Shahn (und auch die anderer Photographen, die für die Roosevelt Administration gearbeitet haben) sehen wollen, dann klicken Sie diese Seite an. Ich habe dann noch den preisgekrönten PBS Dokumentarfilm Ben Shahn: Passion for Justice und einen hervorragenden Blog bei Wordpress, der sich der FSA Photographie widmet. Man kann da ein Video über Ben Shahn sehen, aber es gibt auch viel Material zu Dorothea Lange, Arthur Rothstein und Roy Stryker. Das beste Buch zum Amerika dieser Zeit, die eine Zeit voller Kunst ist, ist der vierzig Jahre alte Berliner Katalog Amerika: Traum und Depression 1920/40, den man noch zu zum Teil grotesk niedrigen Preisen antiquarisch finden kann. Ein Kauf lohnt sich unbedingt.


Lesen Sie auch: Dokumentarfilm, John Steinbeck, Gordon Parks, Margaret Bourke-White, Grant Wood, Simple Pleasures, Robert Frank

Mittwoch, 9. September 2020

Lew Tolstoi


Ich habe Tolstoi als Leser sehr spät entdeckt. Vielleicht ist das auch gut so, man versteht Krieg und Frieden im Alter besser. Und vielleicht ist es auch gut, wenn man zuerst Theodor Fontanes Roman Vor dem Sturm gelesen hat. Der Roman war es, der mich zu Tolstoi brachte. Und das ständige Drängen von Friedrich Hübner, dem Mann, der alles über die russische Literatur weiß. Ich vertraue seinen Literaturempfehlungen eigentlich immer, weil er einer der gebildetsten Menschen ist, die ich kenne. Zum ersten Mal wurde Tolstoi in diesem Blog in einem Post erwähnt, der Maciejowice heißt. Da hatte ich noch nicht den Mut, über Krieg und Frieden zu schreiben. Aber vier Wochen später habe ich mir gedacht: warum eigentlich nicht? Schließlich hatte ich ein halbes Dutzend Verfilmungen gesehen und las den Roman gerade zum zweiten Mal. Ein Jahr später schrieb ich dann über Sergei Bondartschuks geniale Verfilmung.

Bondartschuks Verfilmung kann ich Ihnen heute hier in voller Länge anbieten. Und ich habe noch mehr an bewegten Bildern, nämlich einen Film über die letzten Tage von Lew Tolstoi, in dem Christopher Plummer den Schriftsteller spielt. In Bondatschuks Verfilmung von Waterloo war er noch Wellington, jetzt ist er Tolstoi, Helen Mirren spielte voller Verve seine Ehefrau. Es war sicher passend, Dame Helen für die Rolle von Sofja Tolstaja zu nehmen, kommen ihre Vorfahren doch aus der russischen Aristokratie.

Der Film mit Mirren und Plummer heißt The Last Station (der deutsche Verleihtitel ist Ein russischer Sommer), Fritz Göttler hat es in seiner Rezension in der Süddeutschen nicht unbedingt gefallen. Aber immerhin waren Mirren und Plummer 2010 für den Oscar nominiert worden. Da ich bei Verfilmungen bin, habe ich noch etwas Schönes für die Augen. Wie oft der Roman Anna Karenina verfilmt worden ist, weiß ich wirklich nicht. Wir kennen natürlich alle den Film mit Greta Garbo oder Vivien Leigh (es gab auch mal eine Fernsehversion mit Jacqueline Bisset und einen Film mit Keira Knightley). Ich kann Ihnen heute die neueste russische Verfilmung aus dem Jahre 2017 mit der russischen Schönheit Elizaveta Boyarskaya als Anna Karenina (hier im Bild) anbieten.

Der Film ist nicht synchronisiert, Sie werden wahrscheinlich nichts verstehen, aber das macht nichts. Es sind wunderbar plüschige Bilder, zwei Stunden und zwölf Minuten lang. Hollywood Made in Russia. Der Regisseur Karen Schachnasarow, der glaubt, dass sein Film unbedingt für den Oscar nominiert werden müsse, ist nebenbei Präsident von Mosfilm. Er ist ein Fan von Staatspräsident Putin und hat öffentlich die Annexion der Krim gelobt, dort hat er auch einen großen Teil der Außenaufnahmen des neuen Films gedreht. Es ist erstaunlich, was man mit Tolstoi alles machen kann.

Bei der Vielzahl der Anna Karenina Verfilmungen ist die russische ✺Verfllmung von 1967 mit der bildschönen Tatjana Samoilowa (die zehn Jahre zuvor mit Wenn die Kraniche ziehen berühmt geworden war) leider ein wenig untergegangen. Der Film von Alexander Sarchi sollte 1968 in Cannes, wo man die Samoilowa als die die russische Audrey Hepburn bezeichnete, gezeigt werden, aber das Festival fiel wegen der Maiunruhen aus. Dies ist ein Farbfilm in zurückhaltenden Farben, der manchmal lieber ein Schwarzweißfilm sein möchte. In seiner Kameraführung, der Schnitttechnik und der Montage ist er die modernste Verfllmung des Romans. Aber das Publikum will wohl keine avantgardistische Kunst sehen, sondern lieber Keira Knightley Kitsch oder den Film von dem Putin Kumpel. Das ist sehr schade.

Der Film The Last Station hatte einen amerikanischen Regisseur und wurde zum größten Teil in Deutschland gedeht. Er basiert auf einem Roman von Jay Parini. Den Roman habe ich zwar nicht gelesen, aber ich weiß, wer Jay Parini ist. Ich habe ihn in dem Post kein Melville am 1. August zitiert, und ich habe sein Buch über Melville (The Passages of H.M.) und seine Biographien über John Steinbeck und Gore Vidal gelesen. Parini ist ein Meister der Biographie, und wahrscheinlich ist sein Roman The Last Station viel besser als der Film. Auf jeden Fall war der Roman vor dreißig Jahren ein Bestseller. Und Millionen von Lesern haben auf diese Weise Lew Tolstoi kennengelernt, vielleicht nicht die schlechteste Art und Weise, um sich Tolstoi zu nähern. Der Titel des Romans hat natürlich etwas mit der Eisenbahnstation zu tun, in der Tolstoi vor hundertzehn Jahren starb (lesen Sie mehr dazu in dem Tolstoi Post la belle inconnue).

Der erste Absatz des heutigen Posts stand hier schon am 9. September 2013 in dem Post Tolstoi, das war der 185. Geburtstag des russischen Grafen. Ich komme jetzt an seinem Geburtstag noch einmal auf ihn, weil er mir ständig wiederbegegnet ist, als ich über Isaak Lewitan schrieb. Ich hätte ihn erwähnen können, weil ich bei der Recherche auf diese interessante Seite gestoßen war. Es fiel mir vor zehn Jahren verhältnismäßig leicht, über Krieg und Frieden zu schreiben, weil ich den Roman damals zum ersten Mal gelesen hatte. Und ihn gleich ein zweites Mal in einer anderen Übersetzung las. Und ich bin gerade dabei, Teile des Romans noch einmal zu lesen. Was ich vor zehn Jahren noch nicht wusste, war die Tatsache, dass der Post über Krieg und Frieden beinahe zehntausend Leser gefunden hatte. Ich habe erst Jahre später gemerkt, dass ich viele dieser Leser wohl dem Wikipedia Artikel zu Krieg und Frieden verdanke, in dem es einen Link zu meinem Blog gibt.

Schon zu Lebzeiten Tolstois (hier ein Portrait seines Freundes Ilja Repin) sind seine Werke ins Deusche übersetzt worden. Einer der ersten Übersetzer war Raphael Loewenfeld. Sein 1901 erschienenes Buch Leo N. Tolstoi: Sein Leben, seine Werke, seine Weltanschauung können Sie hier lesen. 2010, hundert Jahre nach Tolstois Tod, kam die vielgelobte Neuübersetzung von Krieg und Frieden von Barbara Conrad auf den Markt, 2009 war eine neue Übersetzung von Anna Karenina von Rosemarie Tietze erschienen. Und Barbara Conrad übersetzte den Roman Auferstehung neu (Hanser 29016). Conrads Übersetzung von Krieg und Frieden kostet bei Hanser leider immer noch 58 Euro.

Man kann den Roman natürlich viel preiswerter bekommen, die alten Übersetzungen von Hermann Röhl (dessen Übersetzung aus dem Jahre 1915 bei Zeno zu lesen ist), Erich Boehme (1924), Werner Bergengruen (1953) oder Marianne Kegel (1956) sind noch auf dem Markt. Marianne Kegels Übersetzung kam 2002 durch Patmos Verlagsgruppe wieder auf den Markt, neu mit Literaturhinweisen, einem 20-seitigen Nachwort und Anmerkungen von Barbara Conrad versehen. Wenn man dieses Buch preiswert findet, scheint es mir ein idealer Text zu sein. In England erschien 2010 Tolstoy: A Russian Life von Rosamund Bartlett, 2014 erschien in der Reihe der Oxford Classics ihre Übersetzung von Anna Karenina. Und bei Suhrkamp gbt es immer noch Isaiah Berlins berühmten Essay Der Igel und der Fuchs (dazu habe ich hier eine Zusammenfassung).

Beinahe fünfzig Jahre war in der Reihe der rororo monographien der Band
Lev Tolstoj in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten von Janko Lavrin (in der Übersetzung von Rolf-Dietrich Keil) lieferbar gewesen, 2010 kam ein neuer Band in der Reihe von Ursula Keller und Natalja Sharandak (die auch Eine Ehe in Briefen: Lew Tolstoj, Sofja Tolstaja übersetzt und herausgeben hatten). Die beiden Autorinnen haben auch bei Suhrkamp das Buch Iwan Turgenjew und Pauline Viardot: Eine außergewöhnliche Liebe veröffentlicht. Ich habe das schon in dem Post Ernst Rowohlt gesagt, dass ich von den Bänden dieser Reihe beinahe zwei Regalmeter besitze, und dass ich Kurt Kusenberg (der auch Jacques Prévert übersetzt hat) ewig für diese Reihe dankbar bin. Vor zwei Jahren hat der C.H. Beck Verlag das Buch Für alle Tage: Ein Lebensbuch mit gesammelten Lebensweisheiten Tolstois auf den Markt gebracht (hier eine Leseprobe). Kostet soviel wie Krieg und Frieden. Wenn man 58 Euro für Tolstoi ausgibt, sollte man Krieg und Frieden kaufen, gesammelte Lebensweisheiten enthält der Roman auch genug. Man muss nur anfangen, den Roman zu lesen. Aufhören kann man dann sowieso nicht mehr.

Noch mehr Tolstoi finden Sie in den Posts: Tolstoi, Anna Karenina: Übersetzungen, la belle inconnue, der Oberrock, Krieg und Frieden, Bondartschuk, russischer Adel, Anna Karenina: Translations, Kutusow

Samstag, 5. September 2020

Chesapeake Bay


Am 16. August 1780 hatte die Armee von Lord Cornwallis bei Camden die amerikanischen Truppen geschlagen, das haben Sie schon in dem Post miles gloriosus gelesen. Es ist für Cornwallis noch nicht die letzte Schlacht, die er im Süden der heutigen USA schlagen muss. Die Schlacht bei Guildford Courthouse hatte ein überwältigender Sieg sein sollen, war aber letztlich ein Pyrrhussieg. We fight, get beat, rise, and fight again, wird der amerikanische General Nathanael Greene schreiben. There are few Generals that have run oftener, or more lustily than I have done... But I have taken care not to run too far and commonly have run as fast forward as backward, to convince our enemy that we were like a crab, that could run either way. Und dann ist da noch die Schlacht von Cowpens (die hier schon einen Post hat), eine militärische Katastrophe für die Engländer. Und es wird noch schlimmer kommen.

Denn wenn diese beiden Herren in Yorktown ihre Befehle zum Angriff geben, geht es für die Engländer zuende. Seit dem Sommer 1780 sind Franzosen in Amerika, das ist die sogenannte Expédition Particulière unter dem Comte de Rochambeau (der hier schon einen Post hat), 450 Offiziere und 5.300 Soldaten. Rochambeau und George Washington verstehen sich vorzüglich, obgleich Washington kein Französisch spricht (dafür ist aber sein Latein gut). Der Comte de Rochambeau kann kein Englisch, aber man hat ihm in Paris zwei Übersetzer mitgegeben.

Wenn die Übersetzer nicht weiterwissen, haben Rochambeau (Bild) und Washington noch Generäle an ihrer Seite, die mehrsprachig sind. Washington vertraut auf den Marquis de Lafayette, Rochambeau auf den Marquis de Chastellux. Der ist nicht nur ein General, der fliessend Englisch spricht, er ist auch noch Schriftsteller und Mitglied der Académie Française. Die Herren Generäle diskutieren den Winter von 1780-81 über Taktik und Strategie. Soll man New York angreifen (was Washington gerne möchte) oder mit dem vereinigten Heer nach Virginia ziehen? Rochambeau ist dafür, Cornwallis in Yorktown anzugreifen, aber er will erst die Meinung von Admiral de Grasse hören, der mit einer Flotte von sechsundzwanzig Linienschiffen vor Saint-Domingue liegt. Der Comte de Grasse plädiert für Yorktown, in der Chesapeake Bay kann eine Flotte besser navigieren als im Hafen von New York. Er verspricht auch, einige tausend Soldaten mitzubringen.

Washington und Rochambeau machen sich im Juni 1781 mit ihren Truppen auf den tausend Kilometer langen Weg von Newport, Rhode Island (wo später das berühmte Jazz Festival sein wird), zur Chesapeake Bay. Das ist heute die sogenannte Washington–Rochambeau Revolutionary Route. In der Mitte des Weges muss sich Washington Geld von Rochambeau leihen, er kann seine Soldaten nicht mehr bezahlen. Der Marsch wird vierzehn Wochen dauern. Am Ende hat Washington die Gelegenheit, zum ersten Mal seit 1775 wieder einmal seinen Landsitz Mount Vernon zu sehen. Der Comte François Joseph Paul de Grasse hält sein Wort und segelt los. Er wählt allerdings nicht die übliche Route, um die Engländer zu irritieren. Der englische Admiral George Rodney glaubt, dass ein Teil der französischen Flotte jetzt nach Europa zurückkehren würde, weil die Saison der gefürchteten Hurrikane naht. Er selbst segelt nach England zurück und lässt den Rear Admiral Sir Samuel Hood mit einer Flotte von nur 11 Linienschiffen zurück.

In Newport liegt noch eine zweite kleine französische Flotte, befehligt von dem Comte de Barras. Der wollte eigentlich eine kleine Expedition gegen Neufundland beginnen, aber Rochambau überredet ihn, stattdessen Soldaten, Verpflegung und Munition in den Süden zu transportieren. Er macht es, aber er macht es ungern, de Grasse ist der Dienstältere, der hat das Sagen und hat eine viel größere Flotte als er. Ende August verlässt Admiral Barras mit acht Linienschiffen, vier Fregatten und 18 kleineren Transportschiffen den Hafen von Newport. Was sich Rochambeau und Washington im Mai 1781 in einer mehrtägigen Konferenz im Haus von Joseph Webb in Wethersfield ausgedacht haben, ist ein genialer, aber etwas irrwitziger strategischer Plan. Eine amerikanisch-französische Armee auf einem Marsch von tausend Kilometern, bei dem Flüsse und Meerengen überwunden werden müssen. Zwei französische Flotten, die ständig der Royal Navy ausweichen müssen - alles kann schiefgehen.

Als erstes geht etwas für die Engländer schief. Der Admiral Hood (hier auf dem 1784 gemalten Portrait von James Northcote) taucht am 25. August 1781 vor der Chesapeake Bay auf. Aber da sind keine Franzosen. Kein einziges Schiff. Er segelt mit seinen elf Schiffen nach New York zurück. Dabei hätte er auf den französischen Admiral de Barras treffen können, aber das Schicksal will das glücklicherweise nicht. Horatio Nelson hat Hood the greatest sea officer I ever knew, great in all situations which an admiral can be placed in genannt. Doch die Historikerin Barbara Tuchman sieht dieses Lob kritisch: Nelson was habitually overkind to his officers, and in this case rated Hood more highly than he deserved; his tribute cannot apply to situations in America in which Hood, on a number of occasions, was not only not great but something less than adequate.

In New York begegnet Hood seinem Kollegen Admiral Thomas Graves (hier von Gainsborough gemalt). Der hat zwar nur fünf Schiffe, ist aber sein Vorgesetzter, weil er gerade zum Kommandeur der North America and West Indies Station eingesetzt worden ist. Er wird diese Stellung nur wenige Monate lang innehaben. Die letzten Wochen hatte Graves erfolglos damit verbracht, irgendwo auf dem Atlantik den Konvoi von Colonel John Laurens zu finden, der Nachschub für die Amerikaner aus Frankreich bringt. Die patriotschen Taten von John Laurens und seinem Vater Henry Laurens werden hier schon erwähnt. Graves kann den frisch geadelten Baron Hood nicht ausstehen. I know no-one whatsoever that I should have wished in preference to my old friend Sir Samuel Hood, schreibt er an die Admiralität. Aber im Kreis seiner Offiziere sagt er: They might as well have sent me an old applewoman.

Die englischen Admiräle Graves und Hood haben nicht lange Zeit, um Konversation zu machen oder ihre Schiffe seetüchtig zu machen, denn am 30. August erreicht Admiral de Grasse die Chesapeake Bay. Die Truppen, die er anlandet und alles, was er mitbringt, hat der französische Edelmann aus der eigenen Tasche bezahlt. Es ist nur gerecht, dass de Grasse zusammen mit Rochambeau und Washington auf dieser amerikanischen Briefmarke als Sieger von Yorktown abgebildet ist. Auch wenn er nie einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte. George Washington wird ihm später einen Dankesbrief schreiben, in dem der Satz steht: You were the arbitrator of the war.

Denn genau das ist der Comte de Grasse. Sein Sieg in der Seeschlacht vom 5. September 1781 entscheidet den Revolutionskrieg. Hätten die Engländer einen Horatio Nelson gehabt, wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen, aber sie haben nur Hood (der something less than adequate ist) und Graves. Über den hat der englische Marinehistoriker Michael Lewis gesagt: he had lost no engagement, no ships, none was lost on either side. He had merely lost America. Nach der Seeschlacht vom 5. September, die nur zweieinhalb Stunden dauert, belauern sich die englische und die französische Flotte noch zwei Tage lang, treiben hinunter bis Cap Hatteras. Dann segelt Graves mit seiner Flotte, die zum großen Teil aus schwimmendem Kleinholz besteht, nach New York zurück. Er wird die Schuld auf sich nehmen, obgleich jeder weiß, dass Hood der große Versager war. Der französische Admiral de Barras ist mittlerweile mit seiner Flotte in der Chesapeake Bay gelandet und hat die Kanonen ausgeladen, die Washington und Rochambeau für die Belagerung von Yorktown so dringend brauchen.

Der englische Historiker Thomas Babington Macaulay hatte seinen Kollegen empfohlen, so zu schreiben wie Sir Walter Scott. Damit betonte er das Erzählerische, das ein Historiker besitzen sollte. Neuerdings heißt das Schlagwort dafür narrative history. Wenn irgendjemand das beherrscht, dann ist es die amerikanische Historikerin Barbara Tuchmann gewesen: Tuchman writes narrative history in the great tradition ... A persuasive book, which brings us entertaining pictures, scenes and characters, schrieb die Chicago Tribune in ihrer Rezension zu The First Salute (Der erste Salut). Man ist als Leser zuerst ein wenig all at sea, wie der Engländer sagt. Ein wenig ratlos. Was haben die Schiffe, Flotten und Admiräle mit Amerikas Revolutionskrieg zu tun? Aber dann wird es uns klar: der Unabhängigskeitskrieg wird nicht durch die Überquerung des Delaware, nicht durch den Sieg von Saratoga oder die Schlacht von Cowpens gewonnen. Er wird durch die Seeschlacht vor der Chesaspeake Bay gewonnen. Um nichts anderes geht es. The Battle of Chesapeake Bay was one of the decisive battles of the world. Before it, the creation of the United States of America was possible; after it, it was certain, schreibt Michael Lewis The History of the British Navy.

Cornwallis ist jetzt in Yorktown abgeschnitten, am 19. Oktober muss er sich ergeben. Die amerikanische Militärkapelle spielt The World Turned Upside Down.

Donnerstag, 3. September 2020

la first lady del jazz italiano


Vor dem Plattenladen stand ein hölzerner Tapeziertisch, der Besitzer des Ladens hatte einige Kartons voller Platten da draufgestellt. Sonderangebote, die meisten Platten sollten eine Mark kosten. Die Langspielplatte, die ich in der Hand hielt, kostete fünf Mark, sie hieß Sounds of Love. War von einer Sängerin namens Tiziana Ghiglioni. Den Namen hatte ich noch nie gehört, aber zwei Namen auf der Platte sagten mir etwas: Kenny Drew und Niels-Henning Ørsted Pedersen. Die hatte ich mal vor Jahren in Kopenhagen gehört. Ich nahm die Platte und ging in den Laden.

Der Händler sagte gerade zu einer jungen Frau, dass er die Platte, die sie kaufen wollte, auch noch als Japanpressung statt dieser billigen Pressung aus Spanien hätte. Sei etwas teurer, aber viel besser. Kommt aber drauf an, was für 'nen Plattenspieler Du hast, sagte er. Sie verzichtete auf die Japanpressung, ich weiß auch nicht, ob man das wirklich hört. Ich hatte damals einen alten Elac Plattenspieler, noch nicht dieses Luxusteil, das ich heute habe. Ich legte Sounds of Love auf den Ladentisch und bereitete mich darauf vor, auch geduzt zu werden. Aber das ließ der Händler dann doch. Die hab' ich seit einem Jahr liegen, sagte er, will niemand haben. Ist ihre zweite Platte, die erste Platte gab es wohl nur in Italien. Ist eine Spitzenbesetzung, ich glaube die Frau wird noch mal berühmt. 

Sie ist noch berühmt geworden, auf jeden Fall in Italien. So viele Jazzsängerinnen gab es da um 1980 ja nicht. Joachim-Ernst Berend zählte sie in seinem Jazzbuch mit ihren italienischen Kolleginnen Maria Pia De Vito und Francesca Simone zu den wichtigsten europäischen Jazzsängerinnen. Ghiglionis erste LP hieß Lonely Woman (1981), Sie könnten hier einmal in den Titel 'Round about Midnight hineinhören. Auf dem Cover der Platte steht unter ihrem Namen Jazz Singer, das musste man für das Publikum offenbar dazu schreiben. Auf dem Cover von Sounds of Love steht nur noch ganz groß ihr Name. Als die junge Sängerin hörte, wen der Produzent als Musiker für ihre zweite Platte für die Aufnahmen in Mailand verpflichtet hatte, hatte sie ziemliche Angst bekommen. Denn Kenny Drew, Niels-Henning Ørsted Pedersen und Barry Altschul waren weltbekannte Leute.

Das war eine neue Welt, in die sie da hineinsschwebte. Von nun an brauchte niemand mehr Jazz Singer als Erklärung unter ihen Namen zu schreiben. Arrigo Polillo, dessen Urteile in der Jazzszene etwas zählten, hatte Lonely Woman in den Himmel gehoben. Und da war sie nun. Für dieses Album hier mit dem schönen himmelblauen Cover (das vielleicht ihre beste CD ist) ist sie 1991 zu der Firma zurückgekehrt, die Sounds of Love produziert hatte, hier wird sie von Mal Waldron begleitet. Der hatte einst Billie Holiday am Klavier begleitet, und der Dichter Frank O'Hara hat ihn in sein Gedicht The Day Lady Died hineingeschrieben.

Die Platte Sounds of Love gefiel mir damals sehr, ich habe sie mir inzwischen als CD nachgekauft, die klingt aber nicht so gut wie die LP. Es fehlen die Kratzer, an die man sich in den Jahren gewöhnt hat. Ich begann, nach anderen Platten von der Italienerin Ausschau zu halten. Das war noch vor den Tagen des Internets, wo man mit einem Klick alles finden kann. Das waren noch die Zeiten, wo die Händler an schönen Sommertagen Kartons mit preisreduzierten Platten vor den Laden stellten. Diese schönen Zeiten gibt es nicht mehr, egal, ob man geduzt wurde oder nicht. Dieses unverlangte Du in Plattenläden hatte ja etwas mit einer musikalischen Sympathie zu tun, das war nicht so schlimm wie bei dem prolligen Horst Lichter.

Tiziana Ghiglioni Platten und LPs kann man heute immer noch finden. Vieles nicht, aber manches ist beinahe vollständig bei YouTube. Zum Beispiel die Lieder des Liedermachers Luigi Tenco, da hat YouTube eine ganze Seite für Tiziana Ghiglioni canta Luigi Tenco. Tiziana Ghiglioni ist schwer einzuordnen, sie war von Platte zu Platte anders. Sie wechselte nicht nur den Stil, sie wechselte auch die Label. War bei Splasc(h) unter Vertrag, wechselte dann zu Philology, und dann wieder zurück zu Splasc(h). Man muss dazu sagen, dass diese beiden italienischen Jazz Label erst seit den 1980er Jahren im Geschäft sind. Sie sind mit Tiziana Ghiglioni gewachsen und die Sängerin mit ihnen.

Sie war zum Jazz gekommen, nachdem sie ein Konzert mit Archie Shepp gehört hatte. Danach ging sie in den Workshop des Pianisten und Komponisten Giorgio Gaslini. Der behielt sie gleich für seine Big Band als Sängerin. Sie hat noch Gesangsstunden bei der Opernsängerin Gabriella Ravazzi genommen, die auch schon mit Gaslini zusammengearbeitet hatte, von da an war sie eine gesuchte Jazzsängerin, die irgendwann auch ihr eigenes Sextett hatte.

In diesem Blog ist Tiziana Ghiglioni schon einmal aufgetaucht, in dem Post Que reste-t-il de nos amours kann man ihre Version des Chansons von Charles Trenet hören. Unheimlich schnell in gutem Französisch gesungen, eine Minute schneller als die Version von Chrissie Hynde aus dem letzten Jahr. Der Titel findet sich auf der CD Spellbound, alle Aufnahmen von dem Album Spellbound, bei dem sie einen großen Teil der Songs selbst geschrieben hat, kann man sich hier bei YouTube anhören.

Cover und Liner Notes von Spellbound sind von York von Prittwitz, einem Mann, der sich große Verdienste dabei erworben hat, den italienischen Jazz nach Deutschland zu bringen. Tiziana Ghiglioni hat viel bewirkt in der italienischen Jazzszene. Sie hätte bei Songs wie Embraceable You und all dem, das das Great American Songbook hergibt, stehen bleiben können, aber sie wollte immer wieder etwas Neues machen. Deshalb war das Konzert von Archie Shepp, der damals für Avantgarde und Free Jazz stand, für sie so entscheidend gewesen. Der Herausgeber der Zeitschrift Musica Jazz Pino Candini hat sie die First Lady des italienischen Jazz genannt, das hat sie unbedingt verdient.


Noch mehr Jazz in diesen Posts: the best is yet to come, Mehr Jazz?, Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Play Bach, Birdland, Charlie Parker spielt La Paloma, Michel Legrand, Candy Dulfer, Rickie Lee Jones, Mundharmonika, Nick Drake, Gulda, Rosemary Clooney, Sun Ra, Dexter Gordon, Don Byas, Richard Twardzik, Lena Horne, The Lady is a TrampMonica Zetterlund, Cantate, Aimez-vous Brahms?, Folksongs, Teddy Boys, Mein Dänemark, Sempé, Marshall McLuhan, Arnold Duckwitz, Nico, Lou Reed, Madeleine Peyroux, Die Harmonie der Welt, Jean-Louis Trintignant, Birdland, P.J. Kavanagh, Improvisationen, Saturn, Nachtfahrt, Lush Life, Fehlkäufe, Frankieboy, Jugendkultur, Paul Kuhn, Hyperlink, Ingeburg Thomsen, Kultur (neo), Chris Barber, Lonnie Donegan, Zickenjazz, Philip Larkin, exis, Melody, 'round midnight, Mademoiselle chante le bluesAnn-MargretAmazing GraceNina van Pallandt

Sonntag, 30. August 2020

russische Himmel


Der russische Maler Isaak Iljitsch Lewitan, der heute vor 160 Jahren geboren wurde, hatte dieses Bild 1894 an den Sammler Pawel Tretjakow geschickt. In einem Brief vom 18. Mai 1894 schrieb der Maler, dass er glücklich sei, dass das Bild heil in Moskau angekommen sei. Er sei in einer Art Ekstase, weil das Bild all das enthalte, was in seiner Seele sei. Ein riesiger Himmel, ein großer See, eine kleine Kapelle, ein kleiner Friedhof. Über der ewigen Ruhe heißt das Bild; dass es in dieser unendlichen Weite auch Spuren des Menschen gibt, darauf deutet nur das winzige Licht in einem Kirchenfenster hin. Kunstkritiker haben das Bild als ein Symbol der russischen Seele interpretiert, Lewitan sah es als seine Autobiographie.

Den Himmel malen, das können die russischen Realisten am Ende des 19. Jahrhunderts. Als sich Lewitan im September 1873 an der Moskauer Akademie immatrikuliert, ist der Maler Fjodor Wassiljew gerade gestorben. Über den hatte sein Malerkollege Nikolai Ge gesagt: Er hat den Himmel für uns entdeckt. Vielleicht hat er auch vom Nachthimmel statt vom Himmel gesprochen, denn den malt Wassiljew wie kein anderer. Sie können seine Bilder in dem Post Russen sehen. Wassiljew ist ein Stadtmaler, Lewitan will die russische Landschaft einfangen.

Kann denn etwas tragischer sein, als die unendliche Schönheit der Welt zu fühlen, das verborgene Geheimnis zu spüren und, im Bewusstsein seiner Ohnmacht, nicht imstande zu sein, diese großen Empfindungen auszudrücken? schreibt Lewitan 1887 an seinen Freund Anton Tschechow. Der gleichaltrige Tschechow hätte gerne dieses Bild von dem Dorf im Winter besessen: Oh, wenn ich nur Geld gehabt hätte, hätte ich Levitans 'Dorf' gekauft - Grautöne, elend, verloren, hässlich, aber mit einem unaussprechlichen Charme, dem man sich nicht entziehen kann: ich könnte es anschauen und anschauen... Aber er hatte nicht das Geld dafür. Tretjakow kauft alles von Lewitan, deshalb hat das Tretjakow Museum heute auch eine der größten Sammlungen des Malers, den man auch den Dichter der russischen Landschaft genannt hat. Aber Tschechow hat ein Bild von Lewitan besessen, der hatte ihm die erste Studie des Istra Flusses geschenkt, den er mehrfach gemalt hat.

Wo kann man Lewitan mit seinen Seelenlandschaften malerisch einordnen? Sein Zeitgenosse Alexandre Benois, Maler und Kunstschriftsteller, hat gesagt: Levitan was not a Barbizon painter, nor a Dutch artist and not an Impressionist. Levitan was a Russian artist, but his Russianness does not lie in him having painted Russian motifs out of some sort of patriotic principles but in the fact that he understood the obscure charm of Russian nature, its secret meaning. Er hat das natürlich auf Russisch gesagt, ich habe das Zitat aus einem Buch über den großen Maler Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski, der hier schon erwähnt wird. Manche Kritiker haben auch, in Analogie zu der Malerei des amerikanischen Luminismus, von einem russischen Luminismus gesprochen.

In seinem Buch The Russian School of Painting (1916) schrieb Benois über Lewitan: He brought to a summation that which Vasiliev, Savrasov and Polenov had foretold. Levitan discovered the peculiar charm of Russian landscape 'moods'; he found a distinctive style to Russian landscape art which would have been distinguished illustrations to the poetry of Pushkin, Koltzov, Gogol, Turgenyev and Tyutchev. He rendered the inexplicable charm of our humble poverty, the shoreless breadth of our virginal expanses, the festal sadness of the Russian autumn, and the enigmatic call of the Russian spring. There are no human beings in his paintings, but they are permeated with a deep emotion which floods the human heart…

Lewitan hatte einen deutschen Bewunderer, nämlich Rainer Maria Rilke, der um die Jahrhundertwende seine russische Seele entdeckte: In diesem Augenblick, da ich Ihnen schreibe, gleicht die Landschaft ganz den Bildern von Lewitan; der breite Fluß glänzt silbergrau, die niedrigen Ufer sind von einem sanften Grün, hier und da liegen Dörfer; kleine Кirchen leuchten weiß... schreibt er während einer Wolgafahrt. Er hatte Bilder des Malers in einer Ausstellung gesehen, und er hatte Leonid Pasternak (der ihn auch gemalt hat) gefragt, ob der einen Besuch bei Lewitan arrangieren könnte. Doch dazu kam es nicht mehr, der schwer herzkranke Maler verstarb wenige Monate nach Rilkes Brief an Pasternak. Dieses Aquarell eines Sonneuntergangs am Wandrand ist eines seiner letzten Werke.

Ein grauer Himmel, eine eher trostlose Landschaft. Keine leuchtenden Farben, keine Menschen. Weshalb malt der Dichter der russischen Landschaft ein solches Bild? Die Antwort liegt im Bildtitel: Vladimirka. Das ist die Straße, die von Moskau nach Sibirien führt. Die Straße, die die Verurteilten und Verbannten gehen. Bei der systematischen Vertreibung der Juden aus Moskau mussten zigtausende russische Juden diese Straße nehmen, Lewitan hätte dabei sein können.

Isaak Lewitan soll tausend Bilder gemalt haben, etwa die Hälfte seines Werkes findet sich hier bei WikiArt. Die Bilder sind da, aber was ist aus der Landschaft geworden? Den Birkenhain auf diesem Bild von 1889 (das sich schon in dem Post Birken findet) gibt es nicht mehr. Er wurde 2012 der abgeholzt, weil der Ministerpräsident Medwedjew dort eine Villa bauen ließ. Und auch die kleine Kirche am Udomlja See, die wir auf dem Bild Über der ewigen Ruhe sehen, gibt es nicht mehr. Den See beherrschen heute die riesigen Kühltürme des Kernkraftwerk Kalinin.