Samstag, 16. Dezember 2023

George Santayana


Der amerikanische Philosoph und Schriftsteller George Santayana wurde heute vor hundertsechzig Jahren in Madrid geboren. Da hatte er noch den Namen Jorge Augustín Nicolás Ruiz de Santayana. Als seine Eltern 1872 mit dem kleinen Jorge in die USA auswanderten, vereinfachten sie seinen Namen in George Santayana. Unter dem Namen wird er in Harvard und Berlin Philosophie studieren und Professor in Harvard werden. Ich dachte, ich hätte längst über ihn geschrieben. Ich habe nachgeguckt: nichts über Santayana, nichts über seinen Roman The last Puritan: A Memoir in the Form of a Novel. Ich hätte eigentlich gedacht, dass hier irgendwo etwas dazu stehen würde, denn ich habe den Roman gelesen, alle tausend Seiten. Offenbar hat das bei mir keine Spuren hinterlassen. 

The last Puritan ist ein Bildungsroman, ein Genre, das wir in Deutschland seit Goethes Wilhelm Meister immer geschätzt haben. Deshalb war der lange Roman auch gleich nach seinem Erscheinen ins Deutsche übersetzt worden. Er war natürlich auch übersetzt worden, weil Santayana damals eine Berühmtheit war. 1936 zierte sein Bild schon das Time Magazine, es ist selten, dass man Philosophen an dieser Stelle sieht. Sein Roman war in dem Jahr in den USA ein Bestseller gewesen, dessen Verkaufszahlen nur von Gone with the Wind übertroffen wurden. The Last Puritan erschien 1935 bei C.H. Beck unter dem Titel Der letzte Puritaner: Die Geschichte eines tragischen Lebens (hier im Volltext). Übersetzt war das Buch von zwei Frauen, Luise Laporte und Gertrud Grote. Luise Laporte (1900 - 1953) war freie Lektorin der Verlage C. H. Beck und Biederstein (einer Verlagstochter von Beck). Gertrud Maud Grote war die Gattin des Kunsthistorikers Ludwig Grote, beide Damen kamen aus der gebildeten bürgerlichen Schicht, aus der auch Santayana kam. Er hat das the genteel tradition genannt Der Bruder von Henry James hatte ihn zur Philosophie gebracht, und mit Henry James hat der Stil des Schriftstellers Santayana viel gemein. Man hat ihn einen Dichterphilosophen genannt, einen Meister der Aphorismen und Aperçus. Das Internet ist voll davon, aber liest man zuviele davon, dann werden die Aperçus zu Plattitüden.

1912 hatte er eine Erbschaft gemacht, das Geld kam von seiner Mutter, der einzigen Frau in seinem Leben. Er hat Amerika verlassen, um nach Europa zu ziehen, die Professur in Harvard erschien ihm nicht so wichtig. Und die genteel tradition, aus der er kam, kritisierte er nun scharf. Die deutsche Philosophie und speziell Nietzsche nahm er in Egotism in German Philosophy auseinander. Der amerikanische Puritanismus der gefühlskalten Bostoner Gesellschaft, unter dem der spanische Aristokrat litt, wird das Thema seines einzigen Romans sein. Zuerst lebte er einige Jahre in Paris, dann in Oxford, er reiste auch häufig in seine spanische Heimat zurück. Seit 1925 lebte er in Rom, dort wird er auch The Last Puritan schreiben. Mussolini und den aufkommenden italienischen Faschismus hat er begrüßt. Santayana war ebenso antisemitisch wie sein Freund Ezra Pound. Irgendwie passt das alles nicht zusammen. Sein Satz Wer die Geschichte nicht erinnert, ist verurteilt, sie neu zu durchleben, steht am Eingang des Blocks 4 im KZ Auschwitz. Irgendwie passt das auch nicht. 

Die letzten Jahre seines Lebens lebte er in dem katholischen Pflegeheim Kloster der blauen Nonnen in Rom. Dort hatte er seit 1941 ein Einzelzimmer, dort schrieb er seine dreibändige Autobiographie Persons and Places (hier im Volltext). Obgleich er sich katholisch gab, war und blieb er Atheist, einen katholischen Atheisten hat man ihn genannt: Du und ich, wir haben den ungeheuren Vorteil der katholischen Tradition. Wir sind schon mit der Klarheit auf die Welt gekommen und brauchen daher nicht nach Klarheit zu streben. Aber das gewohnte Licht unseres Alltags macht uns vielleicht blind für das, was im Dunkel vor sich geht; die Wurzeln aller Dinge liegen unter dem Erdboden. Möglicherweise lassen wir uns von dem blauen Himmel betrügen und sind törichte Astronomen, indem wir Beobachtungen bei Tageslicht anstellen wollen. Das steht am Anfang von The Last Puritan. In seinem Testament bestimmte er, dass er nicht in geweihtem Boden beerdigt werden wolle. 

1946 hatte der Dichter Robert Lowell dem Philosophen seinen zweiten Gedichtband Lord Weary’s Castle zugesandt, daraus wurde eine Brieffreundschaft für die nächsten sechs Jahre. Als Santayana im Alter von neunundachtzig Jahren starb, schrieb Lowell ein Gedicht über ihn:

For George Santayana (1863-1952)

In the heydays of ‘forty-five,
bus-loads of souvenir-deranged
G.I.’s and officer-professors of philosophy
came crashing through your cell, 
puzzled to find you still alive,
free-thinking Catholic infidel,
stray spirit, who’d found 
the Church too good to be believed.
Later I used to dawdle
past Circus and Mithraic Temple
to Santo Stefano grown paper-thin
like you from waiting. . . .
There at the monastery hospital,
you wished those geese-girl sisters wouldn’t bother
their heads and yours by praying for your soul:
“There is no God and Mary is His Mother.”

Lying outside the consecrated ground
forever now, you smile
like Ser Brunetto running for the green
cloth at Verona – not like one 
who loses, but like one who had won . . .
as if your long pursuit of Socrates’
demon, man-slaying Alcibiades,
the demon of philosophy, at last had changed
those fleeting virgins into friendly laurel trees
at Santo Stefano Rotondo, when you died
near ninety,
still unbelieving, unconfessed and unreceived,
true to your boyish shyness of the Bride.
Old trooper, I see your child’s red crayon pass,
bleeding deletions on the galleys you hold
under your throbbing magnifying glass,
that worn arena, where the whirling sand
and broken-hearted lions lick your hand 
refined by bile as yellow as a lump of gold. 

Man hatte Santanyana nach seinem Tod schnell vergessen, aber seit Jahren holt man ihn wieder aus der Versenkung heraus. Vor zehn Jahren gab es auf der Seite vom Deutschlandfunk einen sehr guten Artikel über ihn. Alles, was man von ihm lesen sollte, wenn man ihn denn lesen will, steht auf den 647 Seiten des Buches The Essential Santayana: Selected Writings, das Martin A. Coleman 2009 bei der Indiana University Press herausgegeben hat. Und George Santayana war bisher nicht in diesem Blog, weil ich ihn nicht mag.


Dienstag, 12. Dezember 2023

die Beecheys

Dies Bild einer Dame, die ihr Baby im Arm hält, wurde um 1800 gemalt. Wenn Sie das Bild mit Musik sehen wollen, dann klicken Sie dieses Video an. Ist Kitsch, aber nett. Der Maler Sir William Beechey hat das Bild mit viel Liebe gemalt, denn dies ist seine Gattin Anne Phyllis Beechey. Sie ist selbst Malerin, Miniaturmalerin. Sie ist die zweite Frau des Malers, der als zweiter Maler nach Sir Joshua Reynolds vom König geadelt wird. Die beiden werden sechzehn Kinder haben. Zählen wir die fünf Kinder dazu, die Beechey aus erster Ehe mitbrachte, dann wird er wohl der Maler mit den meisten Kindern in der Geschichte der Malerei sein. Drei seiner Söhne werden Maler werden. Diese Beecheys sind eine erstaunliche Familie.

Der interessanteste von den drei Malern ist vielleicht sein Sohn Richard Brydges Beechey. Der war von ihm als Maler ausgebildet worden, ergriff aber einen ganz anderen Beruf, er wurde Marineoffizier. Malte aber offenbar in jeder freien Minute. 1832 stellte er seine ersten Bilder in der Royal Academy aus. Bis 1877 war er da jedes Jahr mit neuen Bildern zu sehen. Seine große malerische Karriere kam, als er die Navy verließ. 1857 wurde der Captain Beechey mit halber Besoldung vom aktiven Dienst freigestellt, wurde aber im Ruhestand immer weiter befördert. 1875 wurde er Rear-Admiral, 1879 Vice-Admiral und dann noch 1885 zum Admiral. Offensichtlich fördert die Royal Navy die Marinemalerei. Dieses 1883 gemalte Bild hat den Titel First Come, First Served. Es zeigt zwei Lotsenboote bei einem Wettrennen zu einem Teeclipper. Dass es Lotsenboote sind, können wir daran erkennen, dass sie ein P (für Pilot) im Segel haben.  

Richard Brydges Beechey war nicht der einzige Admiral von Williams Beecheys Söhnen. Das hier ist der Admiral Frederick William Beechey, gemalt von seinem Bruder George Duncan Beechey. Der Maler war ein Patenkind von König George III, was uns zeigt, wie sehr der König William Beechey, den Hofmaler seiner Frau Charlotte, schätzte. George Duncan Beechey wird in den 1830er Jahren nach Indien gehen und dort der Hofmaler von Muhammad Ali Shah, des letzten Nabobs von Avadh werden. 

George Duncan Beechey war kein besonders guter Maler, das Bild seines Bruders gehört wohl zu seinen besten Werken. Die Personen auf seinen Portraits wirken hölzern und ungelenk. Er hat nicht das Flair seines Vaters, der solch schöne Bilder wie dieses malt. Sir William malt das ganze Königshaus und die halbe englische Aristokratie. Alle Premierminister, den Duke of Wellington auch. Er fördert auch seine Schüler. Und er ist einer der ersten, der das Talent eines jungen Mannes namens John Constable entdeckt. Den wird er immer fördern.  

Beechey wird in seiner langen Karriere noch Hofmaler von George IV werden, den er 1798 als jungen Prince of Wales gemalt hatte. Das war sein Aufnahmebild für die Royal Academy. Mit dreiundachtzig Jahren verkauft Beechey seine Malutensilien und gibt das Malen auf. Wenn sich Sir William auch in der vornehmsten Gesellschaft bewegt, die feinsten Manieren hat er nicht. Das Fluchen hat man ihm das ganze Leben nicht abgewöhnen können. Wir haben da ein schönes Zitat von John Constable, wenn er an David Lucas schreibt: B was here yesterday, and said 'Why, damn it, Constable, what a damned fine picture you are making; but you look damned ill, and you have got a damned bad cold.' Und Constable fährt fort: So that you have evidence on oath of my being about a fine picture, and that I am looking ill. 

Für Bilder wie dieses ist Beechey berühmt geworden. Man kann das Bild heute nicht mehr sehen, es ist 1992 in Windsor Castle verbrannt. Es war zu groß, als dass man es schnell von der Wand hätte kriegen können. Der Maler Sir William Beechey wurde heute vor zweihundertsiebzig Jahren geboren. Das wäre ein schönes Thema gewesen, um darüber zu schreiben. Doch dann schaute ich sicherheitshalber in meinen Blog. Und fand am 12. Dezember 2013 einen langen Post, der Sir William Beechey heißt. Hatte ich vergessen. Lohnt sich aber, das zu lesen. 


Sonntag, 10. Dezember 2023

Sansibar


Ich fange heute mal so an. Wenn Sie das hier sehen, dann lesen Sie bestimmt weiter. Wenn ich mit der Weltpolitik anfange, lesen Sie vielleicht nicht weiter. Dies ist ein Photo aus dem Film ✺Blonde Fracht für Sansibar, der im Original Mozambique hieß. Hildegard Knef spielt da mit. Der kleine Schnipsel da oben und Vivi Bach im Bikini könnten ja ausreichen. Aber ich habe hier für Sie auch das englische Original in ganzer Länge. Und ganz in englischer Sprache. Interessant ist, dass Steve Chochran da mitspielt. Der hat hier mit seiner Rolle in Antonionis Film Il Grido einen langen Post. Und diesen Film schreibt Alfred Andersch in seinen Roman Die Rote hinein. Es ist derselbe Andersch, der Sansibar oder der letzte Grund geschrieben hat. Und da bin ich wieder beim Thema Sansibar.

Heute vor sechzig Jahren erlangte das britische Protektorat Sansibar die Unabhängigkeit. Seit 1890 war die Insel unter der Herrschaft der Engländer gewesen. Weil die damals den sogenannten Sansibar-Helgoland-Vertrag unterschrieben hatten, der uns unter anderem die Insel Helgoland bescherte. Der deutsche Kaiser ließ es sich nicht nehmen, im August 1890 den neuen Teil seines Reiches, der seit 1807 eine britische Kronkolonie gewesen war, mit einer kleinen Flotte zu besuchen. Zehn Jahre später sah Helgoland so aus. Die Straße, die wir hier sehen, hieß natürlich Kaiserstraße. Heute heißt die nicht mehr so, heute heißt die Straße Lung Wai.

Der Sansibar-Helgoland-Vertrag kommt schon mehrfach in diesem Blog vor. Ich zitiere mal eben einen Absatz aus dem Post Kurgäste: Helgoland kommt erst 1890 zu Deutschland. Durch einen Vertrag, der im Volksmund der Helgoland-Sansibar Vertrag heißt. Bismarck, der seinen Nachfolger Leo von Caprivi nicht ausstehen konnte, hat das Gerücht in die Welt gesetzt, dass die Deutschen Helgoland gegen Sansibar getauscht hätten. Ganz so war es nun doch nicht. Aber die Vorstellung, dass es eines Tages statt Butterfahrten nach Helgoland Butterfahrten nach Sansibar gegeben hätte, ist schon komisch. Zu Sansibar haben wir ja immer irgendwelche Beziehungen gehabt. Der Bremer Afrikaforscher Gerhard Rohlfs ist da mal kurz und glücklos Generalkonsul gewesen. Alfred Andersch hat einen Roman namens Sansibar oder der letzte Grund geschrieben, da ist Sansibar ein utopischer Ort, die Hoffnung auf eine bessere Welt ohne die Nazis. Wozu bin ich in der Welt, wenn ich nicht Sansibar zu sehen bekomme, steht bei Andersch.

Das alles könnte ich natürlich etwas genauer sagen, und da fange ich mal eben mit dem Mann aus Vegesack an, der Sansibar zu sehen bekommen hat. Über den ich schon einmal gesagt habe: Warum schreibt nicht endlich einmal jemand ein wirklich gutes Buch über Gerhard Rohlfs? Seit ich an einer Schule, die seinen Namen trägt, Abitur gemacht habe, verfolgt mich der Kerl. Ich habe alles gelesen, was über ihn erschienen ist, aber bis auf einen schmalen Band eines DDR Autoren namens Wolfgang Genschorek aus dem Jahre 1982 kann man das alles vergessen. 

Gut, damals kannte ich das Buch Gerhard Rohlfs: Anmerkungen zu einem bewegten Leben von Günter Bolte noch nicht, das 2019 erschien. Bolte ist ein Amateurhistoriker, der im Heimatmuseum Schönebecker Schloss ehrenamtlich die Gerhard Rohlfs Sammlung betreut und sich durch fünftausend Briefe des Afrikaforschers gelesen hat. Er macht da weiter, wo vor hundert Jahren der Studienrat Alwin Belger angefangen hat. Belger war ein Kollege meines Opas und der Lieblingslehrer meiner Mutter (aber keineswegs der Lieblingslehrer von Ruth Rupp), er ist 1945 bei einem englischen Fliegerangriff neben dem Hotel Bellevue umgekommen. Boltes Buch ist eher ein Forschungsbericht als eine in sich geschlossene Biographie, aber es zeigt in vielen Details auf, dass man Gerhard Rohlfs Schilderungen seines eigenen Lebens keinen Augenblick vertrauen darf.

Doch dass er bei seinem kurzen Aufenthalt als Konsul von Sansibar dem Sultan den Sklavenhandel verbieten wollte, das stimmt wohl. In Berlin mag man diesen Quereinsteiger in Politik und Diplomatie überhauot nicht: Nicht von Haus aus Beamter und von daher mit jenem allen amtlichen Organisationsstrukturen gemäßen Schematismus nicht vertraut, der auch seiner Aufgabe zugrunde lag, nicht dazu zu bewegen, sich den Gepflogenheiten seines - und ebenso des Auswärtigen-Amtes anzupassen, etwa die regelmäßige Berichterstattung strikt einzuhalten, kein geschulter Diplomat und damit innerhalb des exklusiven Diplomatischen Dienstes ein Fremdkörper.

Gerhard Rohlfs ist für mich so etwas wie ein entfernter Verwandter. Ich bin auf einer Gerhard Rohlfs Schule gewesen, da gab es schon in der ersten Klasse in der Aula einen Vortrag über den berühmten Sohn der Stadt. Zu Beginn der Oberstufe gab es einen zweiten Vortrag. Der erste Vortrag war ein wenig auf dem abenteuerlichen Karl May Niveau für Kiddies, der zweite betonte die wissenschaftliche Leistung des Abenteurers. Über die Auswirkungen des Kolonialismus, über den Joseph Conrad Heart of Darkness und Mark Twain King Leopold's Soliloquy geschrieben hat, wurde nie geredet. 

Unser Heimatmuseum, in das mich mein Opa jeden Sonntagmorgen schleppte, wenn er als pensionierter Lehrer den Dienst an der Kasse übernommen hatte, war voll von Gerhard Rohlfs Reliquien. Und seiner gesamten Korrespondenz von 5.000 Briefen. Das Bild hier zeigt das heutige Gerhard Rohlfs Zimmer im neuen Heimatmuseum Schloss Schönebeck. Das Haus, in dem früher das Heimatmuseum war, hatte man an die Freimauer zuückgeben müssen. Aber Gerhard Rohlfs war kein Held meiner Jugend, je mehr ich über ihn las, desto fremder wurde er mir. Irgendwie hat er mehr von Karl May an sich als von Richard Francis Burton

Der Mann, der durch die Sahara gewandert war, ist eine Berühmtheit geworden. Bismarck glaubte, dass er ihn für seine Machtpolitik gebrauchen könnte. Aber als Konsul von Sansibar geriet Rohlfs zwischen alle Fronten, vor allem, weil er mit dem englischen Konsul befreundet war, den er als Kollegen kannte. Und dann war da noch die Sache mit der Prinzessin aus Sansibar. Die hieß Sayyida Salme bint Said, in ihren Memoiren sagt sie uns, dass sie Prinzessin von Sansibar und Oman ist. Sie wurde nicht die Herrscherin von Sansibar, und die ihr zustehenden 350.000 Goldmark des väterlichen Erbes hat sie auch nicht bekommen. Obgleich sich Gerhard Rohlfs immer für sie eingesetzt hat. Dahinter steht eine abenteuerliche Geschichte, die aber heute nicht erzählt wird. Weil die schon seit 2010 in diesem Blog steht. Hat schon mehr als fünftausend Leser, kann aber ruhig noch mehr haben. Klicken Sie mal den Post Emily Ruete an. Bewegte Bilder habe ich auch, Sie können hier den Film Die Prinzessin von Sansibar sehen.

Lesen Sie auch: Afrika

Freitag, 8. Dezember 2023

die örtlichen Buchhandlungen

Martin Mader, seit dreißig Jahren der Inhaber der Buchhandlung Otto und Sohn in der Breiten Straße in meinem Heimatort Vegesack, hat ein Gespenst im Laden. Es heißt Booky und ist das weltweit einzige Buchgespenst. Sie können es hier auf YouTube sehen. Booky soll Kinder zum Lesen bringen, und das mit den vier Booky und Martin Filmchen ist natürlich geschickt gemacht: ein Anreiz zum Lesen für Kinder und eine Werbung für die über neunzig Jahre alte Buchhandlung. 

Es muss etwas geschehen, fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht lesen. Fast jedes dritte Bremer Schulkind erreichte im Lesen nicht die IQB Mindeststandards. Das ist seit Jahren schon so, und es wird nicht besser. Der neueste Pisa Bericht beschreibt eine bildungspolitische Katastrophe. Ein Volk der Dichter und der Denker sind wir auf keinen Fall mehr, wenn wir das je waren. Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie hatte 2018 eine Hamburger Erklärung initiiert, in der Hoffnung, dass etwas besser wird. Am 20. September, dem Weltkindertag, wurden die gesammelten Unterschriften den Kultusministern der Länder übergeben. Ist irgendwas passiert? 

 

Was soll werden, wenn die Lesefähigkeit sinkt und sinkt? Mit einem Smartphone oder einem Tablet können schon Kinder umgehen, mit einem Roman nicht. Und wenn sie der bunten Glitzerwelt der tausend Apps verfallen, verpassen sie das Schönste im Leben: Das Schönste, was wir gelesen haben, verdanken wir meistens einem uns teuren Menschen. Und mit einem uns teuren Menschen werden wir zuerst über die Lektüre sprechen. Vielleicht eben weil das Charakteristische des Gefühls – wie des Wunsches zu lesen – darin besteht, vorzuziehen. Lieben heißt letztendlich, denen, die wir vorziehen, das zu schenken, was wir vorziehen. Und dieses Teilen macht die Zitadelle unserer Freiheit aus.

Das ist nicht von mir, das ist von dem Franzosen Daniel Pennac, steht in seinem Buch Wie ein Roman. Friedhard hatte es mir geliehen, aber ich habe es mir sofort gekauft, kaum dass ich es zu Ende gelesen hatte. Es ist ein schönes Buch, das dem Leser auch Rechte zugesteht: 1. Das Recht, nicht zu lesen. 2. Das Recht, Seiten zu überblättern. 3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. 4. Das Recht, noch einmal zu lesen. 5. Das Recht, irgendwas zu lesen. 6. Das Recht auf Bovarysmus [dh den Roman als das Leben zu sehen]. 7. Das Recht, überall zu lesen 8. Das Recht herumzuschmökern. 9. Das Recht, laut zu lesen. 10. Das Recht zu schweigen. Das ist wichtig: Das Schweigen ist der Garant für unser intimes Verhältnis zum Buch. Es ist ausgelesen, aber wir sind noch drin. Das bloße Zurückdenken daran ist eine Ausflucht für unsere Ausflüchte. Es bewahrt uns vor der großen Außenwelt. Es bietet uns eine Beobachtungswarte weit oberhalb der zufälligen Szenerien. Wir haben gelesen und wir schweigen. Wir schweigen, weil wir gelesen haben.

Schulen werden mit Computern ausgestattet, jeder Schüler soll ein Tablet haben. Angeblich kann man heute nur noch mit Computern lernen. Man kann das ohne Computer. Wichtiger wäre es, gute Schulbibliotheken aufzubauen. Lehrerbibliotheken gibt es meist, meine Schule hatte eine eindrucksvolle Sammlung der deutschen Literatur, die ich als Schüler benutzen durfte. Ich glaube, ich war der einzige, der das tat. Unser Deutschlehrer Pedro Ziegert brachte uns in der Mittelstufe dazu, eine Klassenbibliothek aufzubauen. Zu der ich damals Alain-Fourniers Der große Kamerad beisteuerte. Wer liest dieses schöne Buch heute noch?

Martin Mader hat es geschafft, sich mit seiner Buchhandlung, die er von der Familie Otto übernommen hatte, nicht nach unten ziehen zu lassen. Dahin, wohin der kleine Ort Vegesack tendiert. Mader und seine Frau Sabine haben vor zwei Jahren in Anerkennung ihrer Arbeit den ersten Bremer Buchhandlungspreis erhalten. Es gab im Ort seit 1955 noch eine zweite Buchhandlung, die auch Otto hieß: Conrad Claus Otto. Das Adreßbuch für den deutschsprachigen Buchhandel vermerkte 1958, dass es hier zu Verwechslungen kommen könnte. C.C. Ottos kleiner Buchladen war neben einer Tankstelle in der Bismarckstraße (die heute Sagerstraße heißt). Gegenüber dem Haus vom Zahnarzt Dr Pickel, das Ernst Becker-Sassenhof gebaut hatte.

Conrad Claus Otto hatte immer die wichtigsten Titel der zeitgenössischen Belletristik in seinem Fenster. Damals verschaffte einem ein Blick in das Schaufenster einer guten Buchhandlung ja noch eine Übersicht über den Literaturmarkt. Die Zeit von Hugendubel, Thalia und Amazon war noch weit weg. Nicht alles, was im Schaufenster war, verkaufte sich. Das nächste Stadium war dann der kleine Grabbelkasten neben der Ladentür. Wo ich 1967 das Buch von Max Moser, Richard Wagner in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts, billig erstand. Das war ein Band aus der Buchreihe Schweizer Anglistische Arbeiten, man musste die Seiten noch aufschneiden. Es gehörte unternehmerischer Mut dazu, in der Provinz einen solchen Reihentitel im Sortiment zu haben.

Es war eine erstaunliche Buchhandlung für so ein kleines Nest wie Vegesack, sie lebte natürlich von der Persönlichkeit des jungen Buchhändlers. Der auch noch die schönste Frau unserer Schule geheiratet hatte, kaum dass die achtzehn war. Sie hatten sich bei den Proben zu Hindemiths Oper Die Harmonie der Welt kennengelernt, bei denen unser Schulchor mitwirkte (was sie hier lesen können). Conrad Claus Otto war für Bremen-Nord so etwas wie Eckart Cordes in Kiel, obgleich der Kieler Kulturpreisträger vielleicht noch mehr berühmte Autoren in seine Buchhandlung gelockt hat als Conrad Claus Otto in seine. Aber immerhin, Siegfried Lenz, Walter Kempowski und Erich Fried waren hier. Und man bekam bei ihm die Karten für die Vorträge der Wittheit zu Bremen.

Conrad Claus Otto, der im Ort im Gegensatz zu seinen Verwandten immer der junge Otto hieß, veranstaltete auch Aufsatzwettbewerbe an unserer Schule. Als ich mich das erste Mal beteiligte, gewann ich den dritten Preis. Es war ein Buch von Hans Hass (oder war es Jacques-Yves Cousteau?) über Haie und die Welt der Tiefsee. Wenn ich irgendetwas hasse, dann sind es Bücher über Haie. Ich nächsten Jahr war ich der Sieger des Aufsatzwettbewerbs. Ich gewann einen Nachmittag mit einem Jugendbuchautor, dessen Namen ich vergessen habe. Das war noch weniger toll als das Buch über die Haie. Wenn das wenigstens ein Nachmittag mit Gottfried Benn gewesen wäre, es wurde gemunkelt, dass Conrad Claus Otto den kannte. Ich musste an dem Tag zuerst zusammen mit Conrad Claus Otto die Stühle im Saal vom Jugendheim Alt-Aumund aufstellen, dann fuhren wir mit Ottos kleinem VW Käfer (den er sich mit dem Geschäftsgründungskredit zugelegt hatte) zum Bahnhof, um den Autor abzuholen. Die Fahrkünste des jungen Otto waren grauenhaft. Am Ende der Dichterlesung schenkte mir der Autor einige signierte Manuskriptseiten. Ich beschloss, nie mehr an Aufsatzwettbewerben teilzunehmen. Das war erst einmal das Ende meiner Karriere als Essayist. Aber Bücher habe ich natürlich weiterhin bei Otto gekauft, wo ich auch mein erstes Buch von Hans Magnus Enzensberger kaufte. Und einen Band nach dem anderen von der schönen zweisprachigen Ausgabe des Züricher Arche Verlags von Ezra Pound. Wo sollte ich das sonst kaufen? Otto & Sohn waren ein besseres Schreibwarengeschäft, aner sie haben mir immerhin (wenn auch ein wenig zähneknirschend) die englische Ausgabe von Whitmans Leaves of Grass besorgt. 

In den fünfziger Jahren hatte es unten im Ort in der Bismarckstraße neben Harjes noch eine kleine Buchhandlung gegeben, bei der wir aber selten kaufen. Einmal schicken mich meine Eltern dahin, ich sollte Hermann Hesses Das Glasperlenspiel kaufen. Ich wurde gefragt, was das für eine Art Spiel sein soll? Mit dieser erschütternden Auskunft kehre ich nach Hause zurück. Das hatte schon seinen Grund, dass wir da nicht so häufig kaufen. Der Laden war da auch bald verschwunden. Unsere Ausgabe von Das Glasperlenspiel aus dem Jahre 1951 hat den kleinen grünen Aufkleber von Otto & Sohn auf dem Innendeckel des Buches. Die hatten solche Fragen beim Kauf nicht gestellt. In der Reeder Bischoff Straße gab es noch eine Filiale des Deutschen Bücherbunds. Die hatten keine guten Bücher, aber eine schöne Buchhändlerin hinter dem Ladentisch.

Nach zwölf Jahren in der Bismarckstraße zog C.C. Otto in die Gerhard Rohlfs Straße um. In dem Haus war zuvor eine Bäckerei gewesen, die die Vegesacker Heringslogger mit Brot versorgte. Aber diese Buchhandlung war nicht mehr der Laden, den ich kannte. Conrad Claus Otto ist 2007 gestorben, seine Frau hat die Buchhandlung 2012 nach siebenundfünfzig Jahren geschlossen. Da war sie fünfzig Jahre im Laden gewesen. Aus Liebe zu ihrem Mann hatte sie nach dem Abitur eine Buchhändlerlehre gemacht. Es gab 2012 einen kleinen Ausverkauf, was mit dem Rest der Bücher werden sollte, wusste sie noch nicht. Aber sie sagte dem Reporter des Weser Kurier, dass sie den Rest lieber verschenken wolle, als ihn zu verramschen. 

Da, wo früher die Buchhandlung C.C. Otto war, sitzt heute Thalia. Was soll man dazu sagen? Inhabergeführte Buchhandlungen stehen vor dem Aus, Leuwer in Bremen gibt es jetzt auch nicht mehr. 1857 gab es in Bremen fünfzehn Buchhandlungen. Sind es heute mehr? Kettenläden und Amazon geben den Ton an. Selbst dem berühmten Strand Bookstore in New York geht es nicht mehr gut. In den Antiquariaten ist es nicht anders. Früher war in Kiel die halbe Uni bei Eschenburg zu finden, heute scheint an der Uni niemand mehr zu lesen. Studenten haben heute kein Sitzfleisch mehr, die Bibliotheken sind leer. Als ich studierte, war es manchmal schwer, einen Platz im Lesesaal zu bekommen, so ändern sich die Zeiten. Muss ich noch einmal Petronius zitieren: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est?

Das kleine Moderne Antiquariat in der Holtenauer, Ecke Waitzstraße, ein Ableger vom Antiquariat Bücherwurm, macht jetzt nach vierzig Jahren auch dicht. Das Weihnachtsgeschäft wollen sie noch mitnehmen. Sie hatten immer ein interessantes Angebot, am besten war es im Sommer, wenn sie die Grabbelkästen vor dem Laden auf der Straße stehen hatten. Alles macht zu, scheint die Devise zu sein. Hier im Ort schließt die Kunsthalle für fünf Jahre. Und Tabac Trennt ist auch weg. Es geht viel verloren.

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Nikolaustag


Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn
.

Noch bevor man in der Schule Gedichte lernte, lernte man in Bremen diese Verse. Ich habe große Teile von Schillers und Goethes Gedichten vergessen, aber das Halli, Halli, Hallo, So geiht nah Bremen to, das vergisst man nicht. Und so durfte in diesem Blog im Dezember 2010 ein Post zum Nikolaus nicht fehlen, es war mein erster Nikolaustag als Blogger. Damals wusste ich noch nicht, wohin die Reise ging. Jetzt kennt mich die Welt. Darf man das so sagen? Meine Leser mögen mich, und ich mag meine Leser. Meine Leser mögen mich, weil ich Geschichten erzähle. Und nebenbei auch noch ein klein wenig Bildung vermittle. Und weil ich hemmungslos subjektiv bin. Ein Zettel mit Goethes Satz: Sieh, liebes Kind, das ist ein Vorzug, den die Leute haben, die nicht schreiben: sie kompromittieren sich nicht, klebt an meinem Schreibtisch. Also da, wo Herman Melville seinen Zettel mit dem Keep true to the dreams of thy youth kleben hatte.

Der Nikolaus Post, der zuerst Sünnerklaas hieß, ist in diesem Blog am 6. Dezember immer wieder mal aufgetaucht. Ich stelle ihn heute in der Version von 2010 hier hin. Damals noch ohne Bilder. Bilder konnte ich noch nicht. Jetzt kann ich alles. Ich wünsche meinen Lesern eine schöne Adventszeit.



Als die Winter noch kälter waren als in diesen Tagen, als die Straßenbeleuchtung noch spärlich war und der Schutzmann noch einen Tschako trug, da waren am Abend des Nikolaustages in Bremen lauter kleine Nikoläuse unterwegs. Der Heilige Nikolaus hieß in dieser Gegend auch Sünnerklaas, was plattdeutsch für Sankt Klaus ist. Je weiter man nach Holland kam, desto mehr verwandelte sich dieses Sünnerklaas (oder Sünnerklaus) zu Sinnerklaas. Es blieb aber immer der gleiche Heilige Nikolaus von Myra, der der Schutzheilige der Kinder und der Seefahrer ist. Weshalb auch jede Hafenstadt eine Nikolaikirche hat. Obgleich Bremen von den Amerikanern besetzt war, hatte Halloween mit trick-or-treat auf uns noch nicht abgefärbt. Bei uns gab es das Nikolauslaufen. Dazu musste man sich verkleiden, eine rote Mütze, ein falscher Bart und ein Stock (die symbolischen Reste des Bischofstabs) gehörten zu dem Outfit. Opas Spazierstock eignete sich hervorragend dafür. Und natürlich ein Sack, in den man die empfangenen Süßigkeiten wie Moppen und Spekulatius tat. Und man musste sein Sprüchlein an jeder Tür in der Nachbarschaft aufsagen:

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:

Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:

Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.


Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.


Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback - und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.

Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.

Vorleser gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.

Ich erwähne diese Oper nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die hübsche Sängerin kannte.

Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:

Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to

Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht.

Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das hat aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt & Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn (der für ihn den bösen Beinamen Kamerun bei Pumpe hatte) marschieren müssen, und das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Je mehr ich begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.


Montag, 4. Dezember 2023

wieder was Neues

Ja, es gibt etwas Neues. Nämlich einen neuen Blog. Mein Freund Georg hatte die Idee. Ich schriebe soviel über Frauen, da könnte ich doch mal einen Themenblog machen, so wie Tickendes Teufelsherz zum Beispiel. Mein Freund Georg ist immer wieder in diesem Blog erwähnt worden. Sie können ihn in dem Post Cricket sehen. Und in dem Post Morning Coat auch, weil er da bei der Hochzeit bei den englischen Verwandten einen Morning Coat trägt. Und in dem Post Danke wird ihm gedankt, weil er nämlich mein Korrektursystem ist und bei jedem neuen Post meine Tippfehler ausmerzt.

Also ein neuer Blog, in dem nur Posts über Frauen sind. Ich machte mich ans Werk. Ich brauchte einen Namen und eine Adresse. Der Name war einfach, ich nannte den Blog femmes. Für die Adresse nahm ich eine Zeile aus Jacques Préverts Les feuilles mortes. Für das Layout wählte ich das Design "Einfach", da musste ich nur die scheußliche Farbe in die Frauenfarbe Lila ändern. Und dann schaufelte ich einen Post nach dem anderen aus SILVAE in den neuen Blog. Posts über Malerinnen, Filmschauspielerinnen, Schriftstellerinnen, historische Persönlichkeiten, es ist kein System in der Anordnung. Da ist jetzt Maj Sjöwall neben der Günderrode und Jil Sander neben Anne Boleyn. Aber das Ganze war irgendwie witzig. Als ich den Computer nachts in den Ruhezustand versetzte, hatte ich zwanzig Posts da stehen. Und erstaunlicherweise hatten 101 Leute das schon angeklickt, ich weiß nicht, wie die das gefunden haben. Sie finden den Blog, der jeden Tag größer werden wird, unter ➔femmes. Gucken Sie mal hinein.

Das stand hier vor drei Jahren. Der Blog gefällt mir noch immer, hat aber nicht soviele Leser, wie ich sie gerne hätte. Mein Freund Georg hatte mit seiner Bemerkung aber gar nicht diesen Blog femmes gemeint. Die Bemerkung bezog sich auf diese Frau, die immer wieder in meinem Blog auftauchte. Die hat inzwischen eine eigene Seite bekommen, einen kleinen Internetroman, der Que reste-t-il de nos amours heißt. Hat auch nicht so viele Leser.

Mein Freund Konny, der auch schon häufig in diesem Blog war, hat mir letztens gesagt, ich könnte doch aus all den Posts über unseren Heimatort Vegesack ein Manuskript für ein kleines Buch machen. Damit hatte ich begonnen, aber ich merkte, dass ich dann auf all meine Links und all meine schönen Bilder verzichten müsste. Die Sache blieb nach fünfzig Seiten erstmal liegen. Doch dann hatte ich die Idee, aus all den Posts über Vegesack einen kleinen Blog zu machen. Das hat mich das ganze Wochenende beschäftigt, und deshalb gibt es jetzt auf dieser Seite unter der Überschrift Themenblogs von Jay einen neuen Link, der zu Vegesack führt. Ist noch lange nicht fertig, sieht aber schon interessant aus.

Samstag, 2. Dezember 2023

Glasfenster

Was wäre aus dieser Malerin geworden, wenn die Nazis nicht gekommen wären? Elisabeth Steinecke hatte ihren ersten Malunterricht nach dem Abitur bei Gustav Adolf Schreiber gehabt, der ein Schüler von Gotthardt Kuehl gewesen war. 1935 gab sie ihr Malstudium in Berlin ohne Abschluss auf und kehrte in ihre Heimatstadt Bremen zurück. Die Nazis hatten ihren Lehrer Curt Lahs von der Berliner Hochschule für Kunsterziehung verjagt. Dass Hitler eine Gefahr war, das wusste die junge Frau schon länger. Als Schülerin am Kippenberg Lyceum hatte sie ihre Lehrerin gefragt, ob sie es für möglich halte, dass Gott Hitler gewollt hätte. Ihre Lehrerin hatte ihr geantwortet: Hitler kann auch das absolut Böse sein. Die Lehrerin hieß Magdalene Thimme, sie war wahrscheinlich Bremens bedeutendste Pazifistin. Elisabeth Steinecke blieb ihrer Lehrerin ihr Leben lang verbunden und stand ihr auch im Alter bei.

Elisabeth Steinecke wird heiraten und Kinder haben, die künstlerische Betätigung bleibt jetzt liegen. Da geht es ihr nicht viel anders als der Impressionistin Mathilde Vollmoeller nach ihrer Heirat. Aber nach dem Weltkrieg, aus dem ihr Mann nicht zurückkehrt, da hat sie eine zweite künstlerische Karriere. Und dafür brauchen wir mal eben den Heiligen Martin. Hier gemalt von El Greco. In hunderten von Darstellungen sehen Bettler und Ritter immer anders aus, die Farbe des zerteilten Mantels variiert. Die Teilung des Mantels geschieht in der Stadt Amiens, das hat mir 1959 in der Kathedrale ein Geistlicher erzählt. Und Notre Dame d'Amiens, wo Martin getauft wurde, hat hier schon einen Post. Ich brauche den Heiligen Martin wegen der Bremer St Martini Kirche. Diese Kirche an der Weser ist es natürlich wert, dass man hineinschaut, allein wegen der Orgel von Bockelmann. Sie ist vielleicht die schönste Bremer Kirche, wenn Sie diesen Post anklicken, kommen sie zu einem ganz, ganz langen kulturhistorischen Post über Kirchen. Es ist um die Martini Kirche immer still, sie liegt abseits vom Touristenstrom. Die Touris schaffen es doch bestenfalls noch bis zum Ende der Böttcherstraße. Hier ist Joachim Neander Pastor gewesen, der Neander, der Lobet den Herren geschrieben hat. Der Neander, nach dem man in Düsseldorf, wo er vorher war, ein kleines Tal benannt hat. Wo man eines Tages den Neandertaler findet. Das wusste früher in Bremen jedes Kind. Heute vielleicht nicht mehr, es steht schlecht um die Bildung in Bremen. 

Von der Martinikirche war nach dem 137. Luftangriff vom 6. Oktober 1944 nicht viel übriggeblieben. Es ist nicht das letzte Bombardement Bremens, noch 35 Luftangriffe werden bis zum Mai 1945 folgen. Aber man hat die Kirche wieder aufgebaut. Die Orgel war nicht mehr zu retten, doch der kostbare Orgelprospekt ist erhalten, da man ihn vorher ausgelagert hatte. Man baut 1948 zuerst das Pastorenhaus neben der Kirche, das sogenannte Neanderhaus, wieder auf. Ab 1951 beginnt man unter dem Architekten Walter Siber mit dem Neubau der Kirche, die Arbeiten werden bis 1960 dauern. Man brauchte natürlich neue Glasfenster, Fenster gehen bei einem Bombenangriff als erstes zu Bruch.

Und das ist die Stunde von Elisabeth Steinecke, die 1955 mit der Glasmalerei begonnen hatte. Sie wird das sogenannte Hohe Fenster (Neanderfenster) in der Südwand (Bild), das Martinsfenster im Nordschiff und die acht Fenster im Chor schaffen. Handbemaltes Glas, im modernen Stil. 1959 hatte sie den Auftrag erhalten, da hatte sie schon für mehrere Kirchen die Glasfenster gestaltet. Die Prunkstücke sind natürlich das Neanderfenster und das Martinsfenster. Aber auch die kleinen Fenster haben ihren Reiz: Die Fenster im Chor erhielten eine kleinfigürliche Buntverglasung von herrlich satten Farben - nach Entwürfen von Elisabeth Steineke. Wenn die Morgensonne hindurchscheint, sieht es aus, als ob funkelnde Wandteppiche den Chorraum umgeben. Auf der Homepage der St. Martini Gemeinde wird zwar das Neanderfenster abgebildet, aber Elisabeth Steinecke wird mit keinem Wort erwähnt. Irgendwie ist das ein bisschen armselig.

Doch das wundert vielleicht nicht, denn die Gemeinde ist heute etwas seltsam. Dass hier 1904 zum erstenmal in Deutschland eine Frau auf der Kanzel stand, das würde sich heute unter Pastor Olaf Latzel nicht wiederholen. Der ist ein wenig rechtsradikal und stand schon wegen Volksverhetzung vor Gericht. Das ist jetzt weit weg von Emil Felden, der gegen den Antisemitismus kämpfte und von den Nazis entlassen wurde. Die bremische Landeskirche lässt den einzelnen Gemeinden alle Freiheiten, und das führt manchmal zu seltsamen Dingen. Ich zitiere mal eben aus dem Post Bremer KlauselDas mit den theologischen Spinnern in Bremen hat übrigens mit der Reformation nicht aufgehört. Der Bischof von Hitlers Gnaden Heinz Weidemann, der damals den Dom so hübsch mit Naziemblemen dekorieren ließ und eine Bremer Kirche in Horst Wessel Kirche umtaufen wollte, war zweifellos ein Fall für die Psychiatrie. Und auch der Pastor Georg Huntemann, der sich nach dem Gottesdienst an der Kirchentür den Ring an der Hand küssen ließ, war nicht so ganz schussecht. Und der ehemalige Domprediger Günter Abramzik, der in der kleinen Bremer Revolution so vernünftig war, hat nach dem Aufkommen der Beweise für seine sexuellen Verfehlungen auch jede Autorität verloren.

Vor Jahren sind zweihundert Pastoren und Kirchenbeschäftigte auf die Straße gegangen, um gegen ihren Kollegen Olaf Latzel zu protestieren: Wir distanzieren uns entschieden von Fundamentalismus jedweder Art – und von allen Versuchen, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, Antisemitismus oder rassistisches Gedankengut mit vorgeblich biblischem Glauben zu bemänteln.

Irgendwie passt das alles nicht zusammen, die mit viel persönlichem Engagement und großen privaten Spenden wieder aufgebaute Martinikirche, die kunstvollen Glasfenster, die die Bibel nacherzählen, und dann dieser Pastor. Irgendwann wird dieser Olaf Latzel, der einen Kanal bei YouTube hat, nicht mehr da sein, aber die Glasfenster von Elisabeth Steinecke, die werden bleiben und leuchten wie funkelnde Wandteppiche. Ich wünsche all meinen Lesern einen schönen ersten Advent.