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Samstag, 8. Juni 2024

Kafka?


Das große Ereignis im Sommer 1965 an der Uni Hamburg war (neben dem Besuch der englischen Königin, die an der Uni vorbeifuhr) der Professor Walter H. Sokel. Der war aus Amerika gekommen, um über Kafka, Musil und Broch zu lesen. Das Audimax war mit dreitausend Studenten bis an den Rand gefüllt. Die Vorlesung wurde mit einem Tonbandgerät aufgenommen und am nächsten Tag im Audimax noch einmal abgespielt. Da kamen auch noch mal tausend Studenten. Ich war auf die Vorlesung gut vorbereitet. Kafka hatte ich gelesen, aber ich hatte auch schon Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften und Die Verwirrungen des Zöglings Törleß gelesen. Hermann Brochs Roman Der Tod des Vergil las ich im Zug zwischen Bremen und Hamburg. Ich hatte eine Monatskarte erster Klasse, die damals für Studenten spottbillig war. Den Tarif hat es nie wieder gegeben. Ich fuhr häufig nach Bremen zurück, weil meine Studentenbude in St Pauli ganz furchtbar war. 

Leider kamen Musil und Broch in der Vorlesung Sokels so gut wie gar nicht vor, weil er sich auf Kafka konzentrierte. Sein Buch Franz Kafka: Tragik und Ironie aus dem Vorjahr hatte ihn als Experten berühmt gemacht. Bevor Sokels 636-seitiges Buch erschien (das es später auch als Fischer Taschenbuch gab) kümmerte sich eigentlich niemand um den Mann aus Prag, der sein unvollendetes Werk bei seinem Tod vernichtet sehen wollte. Walter Herbert Sokel war 1938, als die Nazis kamen, aus Wien in die USA emigriert, da war er einundzwanzig. Ein Empfehlungsschreiben von Thomas Mann verschaffte ihm ein Stipendium an der Rutgers Universität, von der er zur Columbia Universität wechselte, wo er 1953 promovierte. Danach wurde er Professor in Stanford und an der University of Virginia. 

Alles, was er zwischen 1966 und 1997 über Kafka schrieb, kann man in dem Buch →The Myth of Power and the Self: Essays on Franz Kafka lesen (bei Google Books die ersten 73 Seiten). Walter Sokel is among the most eminent Kafka scholars, and his book 'Franz Kafka, Tragik und Ironie' (1964) is a 'classic' of early Kafka criticism. Since 'Tragik und Ironie' has never been translated into English, the present book, which contains fifteen essays written since 1966 (three of them published for the first time), has a special importance for the English-speaking reader interested in Kafka, schreibt Eyal Segal. If 'Tragedy and Irony' is the start of any good Kafka library, it is clear that 'The Myth of Power and the Self' is the other bookend, hat die Professorin Ruth Gross über das Buch gesagt. Maria Luise Caputo-Mayr, die 1987 eine kommentierte Bibliographie der Sekundärliteratur erstellt hatte, hat Sokel The world's most eminent Kafka scholar genannt. Für die TAZ war er der Nestor der Kafka Forschung. So berühmt er für die Rezensenten ist, einen Wikipedia Artikel sucht man vergebens, den gibt es nicht. Aber als er 2014 im Alter von sechsundneunzig Jahren starb, hatte die New York Times einen Nachruf für ihn. Bei Google Books gibt es ein sehr langes →Interview mit Sokel, in dem man viel über die Situation der Emigranten in Amerika erfährt. Es sind ja die deutschen und österreischen Emigranten, die Kafka in Amerika →bekannt machen. Und ich habe hier noch bei der ✺Österreichische Mediathek ein siebzigminütiges interessantes Interview mit ihm.

Sokels Vorlesung war gut, da gibt es gar nichts. Aber nach dem Ende des Semesters habe ich meine schöne Vorlesungsmitschrift sorgfältig weggelegt, das war's mit Kafka für mich. Die schwere Kafka Phase, die ich mal gehabt hatte, war überwunden. Kafka steht jetzt unter K im Regal, seine Erzählungen, seine Briefe, die zwei Fassungen von Beschreibung eines Kampfes und ein paar Bände Sekundärliteratur. Ich habe noch alles gelesen, was Klaus Wagenbach über Kafka geschrieben hat, weil man ✺Wagenbach immer lesen kann. Wenn ich an die Hamburger Vorlesung zurückdenke, fällt mir als Erstes nicht Kafka ein, sondern die schöne junge Frau mit dem Pagenschnitt und dem weinroten Burberry, die in der siebten Reihe saß. Die schaute häufig zu mir herüber. Und zog sich am Ende  der Vorlesung ganz, ganz langsam ihren Burberry Mantel an. Hätte ich zu ihr hinüber gehen sollen? Wäre das was mit uns geworden? 

Martin Walser konnte sich nicht so schnell von Kafka trennen wie ich. Sein wunderbares kleines Buch →Des Lesers Selbstverständnis: Ein Bericht und eine Behauptung (hier im Volltext) beginnt mit dem Geständnis: Als ich, um meine Mutter nicht zu enttäuschen, eine Dissertation schreiben sollte, blieb mir nichts anderes übrig, als über den Autor zu schreiben, der mich während meiner Studentenjahre gehindert hatte, andere Autoren wirklich zu lesen: Franz Kafka. Aber als ich über ihn schreiben wollte, stellte sich heraus, daß ich ihn nicht verstanden hatte. Aber so einfach wie ich hat Walser den unseligen Einfluss von Kafka nicht abschütteln können, noch sein erstes Werk Ein Flugzeug über dem Haus und andere Geschichten erinnerte alle Rezensenten an Kafka. Ein Kafka Schüler kämpft sich frei, schrieb Hans Egon Holthusen. Glücklicherweise für mich als Leser hat Walser dann aber irgendwann den Einfluss Kafkas abgestreift.

Vor hundert Jahre starb nicht nur Franz Kafka, 1924 starb auch Joseph Conrad. Der sicher ein bedeutenderer Schriftsteller als Kafka ist. Aber wird um den ein solches Gewese gemacht, wie jetzt bei uns in Deutschland? Ich kann Joseph Conrad jederzeit ein zweites und ein drittes Mal lesen, bei Kafka gelingt mir das nicht. Obgleich Albert Camus in Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka (der sich im Anhang zu Der Mythos des Sisyphos findet) sagt: Kafkas ganze Kunst besteht darin, den Leser zum Wiederlesen zu zwingen. Seine Lösungen oder auch der Mangel an Lösungen lassen Deutungen zu, die nicht klar ausgesprochen werden und, um begründet zu erscheinen, eine nochmalige Lektüre unter einem neuen Gesichtspunkt verlangen. 

Zur Hundertjahrfeier ist Kafka, der sein Werk als Fragment hinterließ und es vernichtet haben wollte, jetzt überall. In meinem Heimatort gibt es heute Abend in der Kirche St Martini Kirche von Burg-Lesum, wo mein Klassenkamerad Mille mal Pastor war, eine Veranstaltung, die Kafka in der Kirche? heißt. Quer durch Deutschland gibt seit seinem Todestag am 3. Juni ähnliche Veranstaltungen. Und Kafka ist natürlich im Fernsehen. Bei arte gibt es ✺Der Prozess in der Verfilmung von Orson Welles; und Daniel Kehlmann hat für die ARD einen Sechsteiler geschrieben, der natürlich in der ✺Mediathek ist. 

Als Basis für die Darstellung von Kafkas Leben hat Kehlmann die dreibändige Kafka Biographie von Reiner Stach genommen, der an dieser Biographie achtzehn Jahre gearbeitet hatte. Reiner Stach ist auch bei arte in der Sendung ✺Kennen Sie Kafka? zu sehen. Aber Stach ist nicht der einzige, der über Kafkas Leben schreibt. Zu nennen wäre da noch der Professor Bernd Neumann (der nicht mit meinem Schulkameraden verwechselt werden sollte), der mehrere Bücher über Kafka geschrieben hat. Wenn Sie wollen, können Sie →hier etwas von ihm lesen. Der normale Leser wird sich die zweitausend Seiten von Stachs Biographie wahrscheinlich nicht antun. Normalerweise würde ich einen Autor wie Rüdiger Safranski empfehlen, aber sein Kafka Buch, das pünktlich zum Jahr 2024 erschien, hat keine guten Kritiken bekommen. Safranski ist auch nicht mehr der, der er einmal war. Vielleicht ist Franz Kafka von Ludwig Dietz ein guter Einstieg. Die Sammlung Metzler hatte immer erstklassige Bücher, die Bände zu Edgar Allan Poe und Theodor Fontane habe ich schon in den Himmel gehoben.

In der Kafka Serie hat Daniel Kehlmann auch an einem Drehtag mitgespielt, da war er Arthur Schnitzler. Arthur Schnitzler war der einzige Schriftsteller, den Kafka nicht ausstehen konnte. Bei ihm wurde er geradezu ausfällig, hat Kehlmann gesagt. Falls Sie vor zwölf Jahren den Post Arthur Schnitzler gelesen haben sollten, dann wissen Sie das schon. Da findet sich ein langes Kafka Zitat, in dem er sich über Schnitzler auslässt. Ich mag Schnitzler sehr. Der Post Reigen beginnt mit dem Satz: Wenn Sie die Posts Arthur Schnitzler, die richtigen Männer und Radetzkymarsch gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich Arthur Schnitzler mag. Kafka mag ich nicht so sehr. Und deshalb kommt er in diesem Blog kaum vor.

Wenn man Kafka liest, kann es einem schnell passieren, dass man das Buch am liebsten gleich wieder zuklappen und mit Karacho an die Wand werfen würde. So ging es vielen meiner Freund*innen in der Schule. Was ergibt schon Sinn daran, wenn ein Mann eines Morgens als Käfer in seinem eigenen Bett aufwacht? Und trotzdem sollten wir im Unterricht irgendwas in Die Verwandlung hineininterpretieren. Ich gebe zu: Ich habe den Text damals auch nicht verstanden. Das tu ich heute immer noch nicht. Leider kann ich niemandem so richtig erklären, was Kafkas Werke als gehobene Literatur auszeichnet. Der letzte Satz konnte von mir sein. Er ist aber von dem Kafka Biographen Reiner Stach. Das finde ich sehr beruhigend. Der Franzose Daniel Pennac hat in seinem Buch Wie ein Roman eine Liste der unantastbaren Rechte des Lesers aufgestellt. Die ersten drei Punkte heißen: 1. Das Recht, nicht zu lesen. 2. Das Recht, Seiten zu überblättern. 3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Die Begründung des Satzes vom Recht nicht zu lesen, können Sie hier im französischen Original lesen. Ich nehme mal diese Rechte in Anspruch.

Donnerstag, 20. Oktober 2022

Jean-Pierre Melville

Heute vor 105 Jahren wurde der französische Regisseur Jean-Pierre Melville geboren. Er war schon häufig in diesem Blog, zum Beispiel in den Posts Lino Ventura und Yves Montand, in denen viel über seine Filme steht. Seine Filme kann man heute beinahe alle als DVD erhalten, das war vor zehn Jahren noch nicht so. Da war es so gut wie unmöglich, die DVD von La Deuxieme Souffle zu bekommen. Es ist erstaunlich, wie wenig es an Literatur über den Mann gibt, der den französischen Gangsterfilm perfektioniert hat. 1973 erschien in Paris Rui Nogueiras Le cinema selon Melville, das 2002 von Robert Fischer als Kino der Nacht: Gespräche mit Jean-Pierre Melville übersetzt und herausgegeben wurde (die englische Ausgabe erschien als Melville on Melville in der Reihe Cinema One). Ich habe von diesem Buch hier eine Leseprobe. Der Filmjournalist Robert Fischer weiß alles über den französischen Film, er wird in diesem Blog schon in dem Post François Truffaut erwähnt.

Das Buch Jean-Pierre Melville, das Peter W. Jansen und Wolfram Schütte für die Stiftung Deutsche Kinemathek bei Hanser herausgegeben haben, kann man immer noch antiquarisch finden. Es enthält als Herzstück eine 110-seitige kommentierte Bibliographie aller Melville Filme von Hans Gerhold, einem Kenner des französischen Films. Sein Buch Kino der Blicke: Der französische Kriminalfilm habe ich schon in dem Post Alain Delon zitiert. In dem von Ivo Ritzer herausgegeben Band Polar: Französischer Kriminalfilm gibt es ein Kapitel über Melville von Bernd Kiefer. Dieses Buch habe ich schon in dem Post Ertrinken verboten erwähnt. Beim British Film Institute ist 2003 das Buch Jean-Pierre Melville: An American in Paris von Ginette Vincendeau erschienen, das war neben Melville on Melville das erste Buch über Melville in englischer Sprache. In Frankreich sind vor fünf Jahren noch zwei Bücher über Melville erschienen: Jean-Pierre Melville, le solitaire von Bertrand Tessier und Jean-Pierre Melville, une vie von Antoine de Baecque. Viel mehr gibt es leider nicht.

Melville schuf sich in seinen Filmen seine eigene Welt, eine filmische Mythologie der Leere, wie Bernd Kiefer das fomuliert hat. Melville war Regisseur, Autor und Produzent, der einzige auteur complet des französischen Films. Er war Soldat gewesen, war aus Dünkirchen dank der Operation Dynamo entkommen und danach in den Widerstand gegangen. Je désire servir sous le nom de Melville, hatte er 1943 in London auf das Dokument des FFL geschrieben. Er verehrte Herman Melville, seit er als Jugendlicher Pierre, or the Ambiguities gelesen hatte: Ich entdeckte Melville, als ich lange vor Jean Gionos 'Moby Dick'-Übersetzung auf englisch 'Pierre, or the Ambiguities' las, ein Buch, das mich für immer geprägt hat ... Was ich von Herman Melville halte, geht viel tiefer als ein brüderliches Gefühl, es ist beinahe die Bewunderung eines Sohnes. Herman Melville ist mein Vater, mein Großvater, mein älterer Bruder - das heißt, ich bewundere ihn nicht nur grenzenlos, sondern empfinde auch Respekt vor ihm. In der Tat , würde mich jemand fragen, wer ich gerne in meinem Leben gewesen wäre, so würde ich ohne Zögern antworten: Herman Melville.

Nach dem Kriege gründete Jean-Pierre Melville seine eigene Produktionsfirma und hatte mit den Studios Jenner in Paris seine eigenen Studios. Hier kann er sich die amerikanischen Filme ansehen, die er liebt. Manche dreißig oder vierzig Mal. Sein Lieblingsfilm ist John Hustons ✺Asphalt Jungle. Melvilles Markenzeichen wird die Ray Ban Sonnenbrille und der weiße Stetson Hut, den er auch während der Dreharbeiten nie abnahm. Was wäre Alain Delon in ✺Le Samourai ohne seinen Burberry und seinen Borsalino? Aber für Melville musste es der amerikanische Stetson sein und der weiße Ford Galaxy, mit dem er nachts durch ✺Paris fährt. Weil er den amerikanischen Gangsterfilm neu erfindet. Und weil seine Filme eigentlich Western sind: Alle meine Originaldrehbücher sind ohne Ausnahme transponierte Western, hat er in dem Interview mit Rui Nogueira gesagt. 

Melvilles Gangster sind sein Phantasieprodukt: Ich habe nie, wirklich nie, realistische Gangsterfilme gemacht. Denn es gibt nichts Langweiligeres und Idiotischeres als das französische Gangsterleben. Deshalb habe ich die Funktion des Gangsters neu erfunden und idealisiert. Ich habe 'französisch' gesagt, aber das gleiche gilt für das Gangstertum der ganzen Welt. Gangster sind Dummköpfe. Ich habe eine Gangster-Rasse erfunden, die nirgends auf der Welt existiert - auch nicht in den USA. Mein Gangster-Typ entspringt nur meiner Phantasie. Er erlaubt es mir, eine Geschichte zu erzählen. Er ist in allem ein Vehikel für ein Abenteuer, für ein - ich wiederhole es - geträumtes Abenteuer. Niemals bin ich dabei auf Realismus aus. 

In der Welt des Kriminalfilms und des Film Noir tragen Gangster und Polizisten beinahe immer einen Trenchcoat. Heinz Rühmann ist als Maigret ein trauriger Beweis dafür, dass nicht jedermann einen Trench tragen kann. Auch Melville sah im Trenchcoat ziemlich peinlich aus, da war es schon besser, dass seine Filmhelden Montand, Ventura, Belmondo und Delon den trugen. Wo seine Filme von einer faszinierenden kalten Schönheit, konsequent unrealistisch, ästhetisiert, stilisiert, permanent voll kühler, sirrender Spannung doch sowieso nichts mit der Wirklichkeit der Unterwelt von Paris zu tun hatten und nur die Realisierungen seiner Träume waren. Der Trenchcoat war für viele Schauspieler das perfekte Kleidungsstück. Sah Alan Delon jemals wieder so gut aus wie in Der eiskalte Engel? Verdankt nicht Humphrey Bogart seinen Mythos seinem Regenmantel? Er hat es selbst gesagt: The role doesn't bother me. I've been doing the role for years. I've worn that trench coat of mine in half the pictures I've been in.

Die Trenchcoats werden als vestimentäres Symbol in dem Genre bleiben, bis zur Karikatur in der Sesamstraße, wo wir diesen Detektiv, aber auch Sherlock Humbug (im Original Sherlock Hemlock), finden. Sie haben bei uns ihre große Zeit in den Edgar Wallace Filmen. Die sind ohne Trenchcoats gar nicht denkbar (lesen Sie mehr dazu in Hexer, Zinker et al.). Alle tragen Regenmäntel, ob sie nun Joachim Fuchsberger, Heinz Drache oder Siegfried Lowitz heißen. Nur Siegfried Schürenberg als Chef von Scotland Yard nicht. Gangster und Kommissare können Trenchcoats tragen, Chefs tun das nicht.

Auf einer filmisch etwas höheren Ebene als dem German Grusel der sechziger Jahre finden wir den Trenchcoat im französischen Kriminalfilm. Hier sehen wir Yves Montand in ✺Le cercle rouge, einem Klassiker von Jean-Pierre Melville, den viele Kritiker für seinen besten Film halten. Und, seien wir ehrlich, Yves Montand oder Alain Delon hätte nie eine Schimanski Jacke getragen. Die französischen Schauspieler haben immer gute Schneider (lesen Sie mehr dazu in dem Post Lino Ventura). Horst Tapperts Anzüge in der Sendung Derrick stammten angeblich alle von Max Dietl, sie sehen aber alle nicht nach einem Maßanzug, sondern eher nach Cheap & Awful aus.

In Le cercle rouge (Vier im roten Kreis) trägt auch André Bourvil als Commissaire Mattei einen Trenchcoat. Die Grenzen haben sich verwischt, in der Welt von Melville sind Gut und Böse nicht mehr zu unterscheiden, Gangster und Polizisten tragen dieselben Klamotten: Die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten manifestiert sich in den Details der Ikonographie Melvilles: In beiden Welten werden lange schwere Mäntel getragen, breitkrempige Hüte, dunkle korrekte Anzüge oder emblematische helle Trenchcoats mit Gürtel und hochgeschlagenem Kragen, schreibt Hans Gerhold. 

Melville hatte das selbst gesagt: Ich habe in meinen Gangsterfilmen immer wieder versucht, den Polizisten stark dem Gangster und den Gangster stark dem Polizisten anzugleichen. Sie sind meist ähnlich gekleidet, und oft fragt sich der Zuschauer, welches wohl der Polizist und welches der Gangster ist - man kann und man soll sich darüber täuschen. Melville hätte gern Lino Ventura als Kommissar gehabt, aber mit dem hatte er sich verkracht. Bourvil zu nehmen, war ein Wagnis, denn der war in Frankreich nur als Komiker bekannt. Aber Bouvil war genau der Richtige in der Rolle. Er wollte diese Rolle auch haben, niemand wusste, dass er todkrank war und nach den Dreharbeiten sterben würde. Einem Freund hatte er über seine Krankheit gesagt: C'est injuste, je n'ai jamais fumé, ni bu, ma femme m'a toujours soigné avec une cuisine saine. Den fertigen Film hat Bouvil nie gesehen.

Es gibt wenig Frauen in Melvilles maskuliner Phantasiewelt, vor allem keine nackten Frauen. Bilder wie hier Fabienne Dali in Le Doulos sind selten: Ein Mann und eine Frau im Bett, Frauen, die sich ausziehen - das ist kaum mehr zu ertragen. Wir sind sehr weit von dem berühmten amerikanischen Kino der dreißiger Jahre entfernt, wo die Erotik auf einem anderen Niveau war. Das war wahre Erotik, die die sexuellen Instinkte der Männer und Frauen kitzelte. Im übrigen gab es damals, als die Frauen auf der Leinwand völlig angekleidet waren, mehr Erotik als heute, wo sie oft ganz nackt sind, sagt Melville. Was Melville hier meint, trifft auch auf den amerikanischen Film Noir zu, auf Filme wie Gilda oder die Filme von Jacques Tourneur.

Im vorletzten Film von Melville gibt es keine Frauen: Ich kehre zu einer alten Liebe zurück, dem Krimi, dem Abenteuerfilm. Zu einem physischen Kino mit Männern. Es gibt keine Frauen in meinem Film, das habe ich nicht absichtlich gemacht, ich bin nicht frauenfeindlich. Aber als ich das Drehbuch schrieb, merkte ich, dass es einfach keinen Platz für Frauen gibt, hat Melville über Le cercle rouge gesagt. In seinem letzten Film hatte er wenigsten Catherine Deneuve für uns. Sie zog sich in Un Flic allerdings auch nicht aus. Und hatte auch nicht viel zu sagen: Dans 'Un flic', il y a une femme qui dit en tout et pour tout: 'Ca va?'. Et une heure et demie plus tard décroche un téléphone et dit: 'Oui'. Et c'est Catherine Deneuve qui a accepté de la faire. Elle a compris qu'étant la seule femme du film tout à coup sa présence devient importante.

Manchmal war Melville vor der Kamera zu sehen, am berühmtesten ist vielleicht sein Auftritt in A Bout de Souffle, wo er einen Schriftsteller namens Parvulesco spielt: Ich habe zugesagt, Parvulesco zu 'spielen', um Godard eine Freude zu machen. Er hatte mich in einem Brief aufgefordert, in seinem Film zu spielen: 'Versuch über Frauen zu sprechen, wie Du gewöhnlich über sie sprichst.' Das habe ich getan. Für die Rolle habe ich mich von Nabokov inspirieren lassen, den ich in einem Fernsehinterview gesehen hatte. Ich war wie er scharfsinnig, eitel, selbstbewußt, ein bißchen zynisch, naiv usw. Wenn ihn in diesem Film Jean Seberg in einem ✺Interview fragt: Nach was streben Sie in Ihrem Leben am meisten? sagt er: Nach Unsterblichkeit. Unsterblich werden und dann sterben. Und dann nimmt Jean Seberg ihre Sonnenbrillle ab und steckt einen Brillenbügel in den Mund. Sie scheint über den Satz nachzudenken. Ich weiß nicht, ob das so im Drehbuch stand oder ob der Satz von Melville ist. Wir lassen dieses devenir immortelle et plus mourir mal so stehen, es passt zu ihm.


Ich habe hier noch den Dokumentarfilm ✺Melville, le dernier samouraï für Sie. Und einige Filme, die Sie sehen könnten. Sollten. Müssen: ✺Bob le Flambeur, ✺Le Doulos, ✺La Deuxieme Souffle, ✺Le cercle rouge, ✺Le Samourai, ✺Un Flic

Donnerstag, 7. Juli 2022

Kabul-Wunstorf


Bei der Gründung der Bundeswehr als reiner Verteidigungsarmee hätte niemand geahnt, dass eines Tages ein deutscher Verteidigungsminister sagen würde: Unsere Spur wird die Transformation der Truppe sein. Dafür stehen zwei Sätze. Erstens: Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt. Er ist akzeptiert, auch wenn mir zu wenig darüber diskutiert wird. Der zweite Satz lautet: Einsatzgebiet der Bundeswehr ist die ganze Welt. ... Grundsätzlich müssen deutsche Soldaten bereit sein, an Orten Verantwortung zu übernehmen, an die wir heute noch nicht denken. Ist das, was der ehemalige Stadtdirektor von Uelzen äußert, jetzt das, was die Engländer im Krieg mit German, German overalls verspotteten? Deutscher Größenwahn? Was Struck 2005 sagte, scheint heute ja schon stillschweigend akzeptiert.

Das habe ich in meinem ersten Jahr als Blogger in dem Post Heeresreform geschrieben. Und einen Post Afghanistan hat es hier schon in meiner ersten Woche als Blogger gegeben. Viele Leser waren damals erstaunt, dass Afghanistan schon im ersten Kapitel des 1851 erschienenen Romans Moby-Dick steht: In dem Kapitel, das die Überschrift Loomings trägt, stellt sich der Erzähler (den wir Ishmael nennen sollen) die Zeitungsschlagzeilen des grand programme of Providence vor, die seine Reise auf einem Walfänger ankündigen:

Grand Contested Election for the Presidency of the United States
Whaling Voyage by the one Ishmael
Bloody Battle in Affghanistan

Die Schlacht in Afghanistan, die hier erwähnt wird, bedeutete die Vernichtung einer ganzen englischen Armee im Jahre 1842. Der einzige Überlebende war ein Dr William Brydon, der einen Bericht darüber geschrieben hat. Vielleicht sollte man diesen Bericht zu den Berichten des Roten Kreuzes und der Feldjäger auf den Schreibtisch der Verteidigungsministerin legen. Und das Gedicht von Theodor Fontane dazu, das Das Trauerspiel von Afghanistan heißt. Oder vielleicht, da Politiker keine Zeit zum Lesen finden (außer Helmut Kohl, der las ja angeblich immer Hölderlin) nur die letzte Strophe:

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

Angeblich soll das Fontane Gedicht (von dem ich hier eine schrille Darbietung von ✺Nina Hagen habe) in einem kleinen Büchlein über Land und Leute enthalten gewesen sein, das den deutschen Soldaten vor dem Afghanistaneinsatz in die Hand gedrückt wurde. Das wäre sehr vorausschauend gewesen. Ende August sollte es einen Großen Zapfenstreich für die aus Afghanistan heimgekehrten Soldaten geben, die noch in dem sogenannten Resolute Support aktiv waren. Bei deren Ankunft am 30. Juni 2021 glänzte allerdings die Bundesregierung durch Abwesenheit. Die Feier wurde auf den Oktober verschoben.

Als der Brigadegeneral Jens Arlt im August 2021 in Wunstorf ankam, war er schwerbewaffnet. Ich weiß nicht, weshalb. Generäle tragen keine Waffen. Eine Pistole vielleicht. Als der Feldmarschall Archibald Wavell seinen Adjudanten fragte: Peter, have you seen my Browning? suchte Peter Coats vergeblich nach einer Pistole, Wavell suchte die Werke des Dichters Robert Browning. Die Geschichte findet sich in seiner Autobiographie Of Generals and Gardens von Coats. Und der Dichter Robert Browning findet sich in Wavells Gedichtsammlung  Other Men's Flowers.

Die Welt will Bilder. Und so kommt ein General mit einem Sturmgewehr nach Hause. Die normale Dienstwaffe für einen General wäre eine Pistole, aber der Brigadegeneral Arlt will uns durch den Feldanzug und das Sturmgewehr G36 etwas zeigen. Dass er aus einem gefährlichen Einsatz zurück ist. Und dass er noch mit dem G36 Frau Kamp-Karrenbauer umarmen kann. Die Inszenierung wird zu einem Symbol. Das ist in Zeiten des Krieges wichtig. Deshalb trägt der General Patton einen weißen Burberry Trenchcoat und zwei vernickelte Revolver mit Elfenbeingriff. Und Napoleon reitet in heroischer Pose über die Alpen. Aber nur auf dem Gemälde von Jacques-Louis David. In Wirklichkeit ritt Napoleon auf einem Lastenesel seinem Heer hinterher. Das kann man nicht verkaufen. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein kleiner Schritt, das hat Napoleon selbst gesagt.

Wir wollen die Leistung des Brigadegenerals Jens Arlt bei der Evakuierung von Truppen und Zivilisten nicht kleinreden, das Bundesverdienstkreuz hat er zu Recht bekommen. Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Er hörte es nicht gerne, dass die Presse ihn zum Helden von Kabul stilisierte, aber das war er. Und er hat die zweiunddreißig Jahre seiner Dienstzeit nicht nur am Schreibtisch verbracht, er hat auch eine Ausbildung beim Kommando Spezialkräfte (KSK) durchlaufen. Die Eliteeinheit hat ja in der letzten Zeit Schlagzeilen gemacht, Rechtsradikalismus und verschwundene Munition. Vielleicht bekommt die Nachfolgerin von Frau Kramp-Karrenbauer das ja in den Griff. Mit dem Munitionsdiebstahl hatte ja schon ihre Vorgängerin, die Flinten Uschi, ihre Probleme.

Das Trauerspiel von Afghanistan hieß das Gedicht von Theodor Fontane, dies ist jetzt erstmal der letzte Akt des Trauerspiels. Wusste niemand, was kommt? Hat niemand den russischen Afghanistan Film ✺Die neunte Kompanie von dem Sohn von Sergei Bondartschuk gesehen? Weihnachten 2009 hatte die damalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann in ihrer Weihnachtspredigt den Satz Nichts ist gut in Afghanistan gesagt. Es gab eine öffentliche Diskussion. Nicht darüber, was nicht gut in Afghanistan war, sondern darüber, ob Frau Käßmann das hätte ex cathedra sagen dürfen. Und dann auch noch in der Weihnachtspredigt. Wir sind gut im Verdrängen.

Die damalige dramatische Lage habe niemand vorhersehen können, hat der Außenminister Heiko Maas gesagt, und die Kanzlerin sagte genau dasselbe. Auf diesen Satz, der im eklantanten Gegensatz zur Wirklichkeit stand, hatte man sich offenbar geeinigt. In dem ✺Interview mit Marietta Slomka vom 17. August 2021 windet sich der Minister herum und sagt, dass die Fehleinschätzung ja international gewesen sei. Niemand habe etwas gewusst. Die deutsche Botschaft in Kabul hatte zwar eine Warnung nach der anderen gesandt, aber: Die hören sollen, sie hören nicht mehr. Wenn die Politik schon schläft, was machen denn die in den Generalstäben? Hatten die nicht längst einen Plan B ausgearbeitet? Spielen die in den Stäben keine Szenarien mehr durch? Es war natürlich keine Flucht, die der General Arlt da in den zehn Tagen befehligte. Das mit der Flucht hört niemand gern. Sie fliehen nicht. Gott bewahre! Diesen Franzosen darf man die Wahrheit nicht sagen, wenn sie ihre Eitelkeit verletzt. Lässt Stendhal den jungen Fabrice del Dongo in seinem Roman Die Kartause von Parma nach der Schlacht von Waterloo sagen. Der Autor wusste, wie der Krieg aussieht, er hat Napoleon bis Moskau begleitet.

Auf der Seite der Bundeswehr klingt das Ganze dann so: Die Bundeswehr unterstützte vom 16. bis zum 26. August die Evakuierungsoperation des Auswärtigen Amtes. Die Sicherheitslage in Afghanistan hatte sich nach der Machtübernahme der Taliban verschlechtert. Die Bundeswehr unterstützte die laufenden Evakuierungsoperationen des Auswärtigen Amtes, um deutsche Staatsbürger und Staatsbürgerinnen sowie einheimische Ortskräfte und ihre Familien und weiteren Schutzbedürftigen in Sicherheit zu bringen. Mit Transportflugzeugen vom Typ A400M und A310 wurden insgesamt 5.347 Personen aus mindestens 45 Nationen evakuiert. Die Bundeswehr war bei dieser internationalen Mission eine Führungsnation. 

Musste der letzte Satz unbedingt sein? Die Bundeswehr als Führungsnation? Im Bundeshaushalt für das Jahr sind 211 Planstellen für Generäle ausgewiesen. Das heißt im Einzelnen: Besoldungsgruppe B 6 (Brigadegeneral, Flottillenadmiral): 130, Besoldungsgruppe B 7 (Generalmajor, Konteradmiral) 51, Besoldungsgruppe B 9 (Generalleutnant, Vizeadmiral) 27 und Besoldungsgruppe B 10 (General) 3. Mehr als zehn Prozent machen keinen Dienst bei der Truppe oder in einem Stab, die sitzen im Verteidigungsministerium. Aber auch da ist ihr Beruf ist das Si vis pacem para bellum. Ist da nicht einer dabei, der das alles hätte voraussehen können? An eine Exit Strategie hatte wohl niemand gedacht. Die damalige dramatische Lage habe ja eben niemand vorhersehen können.

An pathetischer Rhetorik in der Art von Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt hat es dem Krieg in Afghanistan nie gefehlt. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte: Ich habe dem amerikanischen Präsidenten George Bush die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands zugesichert. Die Missionen der International Security Assistance Force hatten Namen wie Enduring Freedom (sie sollte zuerste Operation Infinite Justice heißen) oder Resolute Support. Es wurden Milliardensummen ausgegeben, die afghanische Armee besaß zum Schluss nach Angaben der Afghan National Defense and Security Forces (ANDSF) 300.699 Soldaten. Wo waren die im August 2021? Das fragte sich auch General Arlt: Ich habe viele Kampfhandlungen erlebt, in der Hochphase. Militärisch muss man sich sicherlich die Frage stellen und ganz klar umreißen: Was war mit den Sicherheitskräften, die wir aufgebaut haben? Warum sind die so schnell umgekippt? Warum gab es keinen Widerstand? Das ist eine Frage, die ich mir auch stelle. Ich habe vor Ort viele Sicherheitskräfte ausgebildet. 

Die Fraktionen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP planen die Einsetzung des 1. Untersuchungsausschusses der 20. Wahlperiode zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Den dazu vorgelegten Antrag (20/2352) hat der Bundestag am Donnerstag, 23. Juni 2022, nach knapp 40-minütiger Debatte zur weiteren Beratung an den Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsführung überwiesen, ist auf der Seite des Bundestags zu lesen. Der Ausschuss soll nach der Sommerpause etabliert werden. Das hatte vor einem Jahr schon Armin Laschet gefordert: Alles das wird zu analysieren sein, auch schonungslos, auch ohne Rücksicht auf Parteien. Aber damals war Wahlkampf, da hat er über das größte Debakel, das die Nato seit ihrer Gründung erleidet, vieles gesagt. Immerhin hat der Bundestag ein Jahr nach den Ereignissen die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beschlossen. Wir werden sehen, was daraus wird.

Die Engländer verlieren im Januar 1842 in Afghanistan eine ganze Armee, aber im Sommer des Jahres sind sie mit der Army of Retribution wieder da, um sich für die Massaker von Kabul and Gandamak zu rächen. Vielleicht auch nur, um General Robert Sale zur Hilfe zu kommen, der in Dschalalabad von den Afghanen eingeschlossen ist. Wenn der erste afghanische Krieg vorbei ist, wird der zweite kommen. Afghanistan ist zu einer Spielwiese des Great Game geworden. So hat der Geheimdienstoffizier Arthur Conolly den Konflikt zwischen England und Rußland genannt, der das ganze 19. Jahrhundert andauert. Berühmt wurde der Ausdruck durch Rudyard Kipling, in dessen Roman Kim der Satz Now I shall go far and far into the North, playing the Great Game steht. Der englische Historiker Peter Frankopan hat in seinem Buch Licht aus dem Osten (The Silk Roads) eine völlig neue Sicht auf die Weltgeschichte vorgetragen, in der Afghanistan eine ganz andere Rolle im Weltgeschehen spielt. Den ganzen Text dieses hochinteressanten Buches habe ich hier. Das wird Ralf Stegner, der der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses wird, bestimmt noch lesen.

Samstag, 21. Mai 2022

Christine


Sie lehnte sich an dem Geländer weit zurück, um noch etwas von der Sonne aufzufangen. Junge Frauen können ja nicht genug davon bekommen. Es war einer der letzten Tage des Sommersemesters, sie würde in den Ferien in Spanien sein, erzählte sie mir. Sie sprach immer sehr leise, man musste ihr nahe sein, um sie zu verstehen. Es ist, als ob sie in sich versinkt. Sie hat große ausdrucksvolle Augen. Aber soviel Nähe war mir ein wenig unheimlich, so gut kannte ich sie noch nicht. Sie fragte mich, was ich in den Semesterferien machen würde. Arbeiten, sagte ich. Ich mochte ihr nicht sagen, dass ich in den nächsten Wochen eine Uniform tragen würde, ich wusste nicht, welchen Stellenwert Reserveoffiziere der Bundeswehr bei jungen Frauen hatten. Wir verabredeten uns, dass wir uns am ersten Tag des Wintersemesters hier am Dreiecksplatz wiedertreffen würden. Es gab keinen Abschiedskuß, soweit waren wir noch nicht. Wir sind noch beim Sie.

Der Dreiecksplatz ist immer noch da, das eiserne Geländer, das sich ebenso vor dem Lammers findet, auch. Auf der anderen Seite der Straße, vor dem Haushaltswarengeschäft Tom Watson, ist auch ein Geländer. Da hat der Chauffeur von Lubinus mal den nagelneuen Aston Martin seines Chefs bei leichtem Glatteis reingesetzt. Totalschaden. Aston Martin hat den Motor zurückgekauft. Mein Bruder war damals Assistenzarzt bei Lubinus, er rief mich an: Komm hier heute nicht vorbei, hier ist die Hölle los, sagte er. Vielleicht waren auch die Straßenbahngleise Schuld an dem Unfall, damals fuhr hier noch die Straßenbahn. Ich hatte noch kein Auto, ich hatte immer eine Monatskarte. Die Uni war damals noch über die ganze Stadt verteilt, die Kunsthistoriker saßen in der Dänischen Straße, mit der Linie 2 kam man aber elegant von dort zu den Teilen der Uni, die in den alten ELAC Gebäuden beheimatet waren. Die Geschichte mit dem Aston Martin muss ich mal meinem Freund Keith erzählen, der hat nämlich einen. Elegant in grau. Sean Connery hat den mal ein Wochenende zur Probe gefahren, ihn aber doch nicht gekauft. Jetzt fährt Keith den grauen Aston Martin, aber so vorsichtig wie er fährt, wird er den bestimmt nicht am Dreiecksplatz in das Gitter setzen.

Ich war am ersten Tag des Wintersemesters nicht da, ich lag nach einem Manöverunfall im Bundeswehrlazarett Hamburg-Wandsbek, das Wintersemester war für mich gelaufen. Die Frau, die ich Christine nannte, habe ich nie wiedergesehen. Ich habe sie auch schnell vergessen. Avec le temps, va, tout s'en va on oublie le visage et l'on oublie la voix. Aber als ich vor drei Jahren beim Aufräumen ein altes schwarzes Schulheft fand, das Christine betitelt ist, da war sie wieder da. Das habe ich schon in dem Post prezzies gesagt. Innen findet sich der Titel Mitteilungen über Christine. Klingt ein wenig nach Uwe Johnsons Mutmassungen über Jakob. Wir hatten ja damals alle eine Uwe Johnson Phase. Es sind dahingestreute Notizen, Impressionen. Flüchtige Augenblicke steht auf der zweiten Seite. Mit dem Notieren von flüchtigen Augenblicken bin ich gut. Könnte ich das alles zusammenfügen, was ich an flüchtigen Momenten notiere, wäre ich Romanautor. Ich habe von mir selbst nichts Ganzes aus einem Stück, nichts Einheitliches und nichts Festes, nichts ohne Verwirrung und nichts Unvermischtes zu sagen, und nichts, was man in einem Wort fassen könnte Wir sind alle aus Flicken zusammengesetzt und das so ungestalt und kunterbunt, daß jedes Stück jeden Augenblick ein eigenes Spiel treibt. Das hat Montaigne gesagt, den zitierte ich schon damals gerne.

Ich habe in dem Heft Schwierigkeiten, meine Schrift zu entziffern. Es ist mit dem Füllfederhalter beschrieben, Füllfederhalter hassen mich. Ob sie eine Goldfeder haben oder nicht. Habe ich das Ganze im Dunklen geschrieben? Habe ich das wirklich geschrieben? Der Autor dieser Mitteilungen ist mir sehr fremd. Zwei Semester aus der Vergangenheit stehen in dem Heft, skizzenhafte Aufzeichnungen über eine junge blonde Frau mit Strähnchen im Haar. Der ganze Text des Heftes ist voller französischer Zitate.
 
L'amour s'en va, et le tien ne saurait durer
Comme les autres, un beau jour tu vas me quitter
Si ce n'est toi, ce sera moi qui m'en irai
L'amour s'en va, et nous n'y pourrons rien changer


Wollte ich mir selbst imponieren? Andererseits bedeutete mir Frankreich seit den Exi Tagen sehr viel. Es sind auch zahlreiche englische und lateinische Zitate im Text, das wundert mich wenig, auch meine Tagebücher sind voll davon. Aber in den Tagebüchern taucht die blonde Christine überhaupt nicht auf. Kein einziges Mal.

Es ist manchmal ganz gut, dem anderen Ich zu begegnen, das man einmal gewesen ist. Das sagt auf jeden Fall Joan Didion in ihrem Essay On keeping a notebook: It all comes back. Perhaps it is difficult to see the value in having one’s self back in that kind of mood, but I do see it; I think we are well advised to keep on nodding terms with the people we used to be whether we find them attractive company or not. Otherwise they turn up unannounced and surprise us, come hammering on the mind’s door at 4 a.m. of a bad night and demand to know who deserted them, who betrayed them, who is going to make amends. We forget all too soon the things we thought we could never forget. We forget the loves and the betrayals alike, forget what we whispered and what we screamed, forget who we were.

Und dann taucht da in dem Text noch Carlo auf. Ich hatte beinahe vergessen, dass er auch hier studierte. Wir kamen aus demselben Ort, gingen zur selben Schule. Waren mehr oder weniger befreundet. Er hatte keine literarischen Interessen. Man konnte mit ihm nicht über Proust reden wie mit Peter, oder über Thackerays Vanity Fair wie mit Ekke. Ich glaube, der Ekke kennt heute noch die Namen von allen Nebenpersonen des Romans. Auch sportlich war Carlo niemand, mit dem etwas anfangen konnte. Kein Fußballer, man stellte ihn in der Mannschaft immer nach hinten. Aber er war im Yachtclub, gesegelt hat er sein ganzes Leben. Deshalb war er wohl auch an diese Uni gekommen, die Ostsee lag vor der Tür.

Sein Vater war Arzt gewesen, war auf der Höhe des Wirtschaftswunders plötzlich gestorben. Das Haus war wohl abbezahlt, aber viel blieb für die Familie nicht. Und dennoch war Carlo im Yachtclub und besaß als erster von uns allen einen Burberry Regenmantel. Seine Mutter arbeitete jetzt als Verkäuferin in einem Luxusladen, sie hatte keine Ahnung von den Dingen, die da verkauft wurden, aber sie war eine Dame. Das mochten die Kunden. Vornehme Damen waren offenbar damals schon selten geworden. Für sein Medizinstudium hatte Carlo ein Stipendium bekommen, seine Schwester wollte der Mutter nicht zur Last fallen, lernte Schneiderin und studierte dann Modedesign.

Ich weiß nicht mehr, wie die Frau, die ich Christine nannte, wirklich hieß. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals wusste, wie sie wirklich hieß. Nur der Carlo, der beinahe jede junge Frau im Ort kannte, kannte ihren Namen und wußte, wo sie wohnte. Er wußte auch, wo ich wohnte, lud sich immer bei mir auf einen schottischen Whisky ein und brachte häufig Frauen mit. Allerdings niemals diese blonde Christine. Einmal schleppte er Anne an, was mir ein wenig peinlich war, weil ich mit der mal eine Liebelei hatte. Ich kann den Carlo nicht mehr nach der Christine fragen, er ist seit Jahren tot. Hätte ich das schwarze Heft gefunden, als er noch lebte, hätte ich ihn sofort getragt. So bleibt sie namenlos, obgleich der Name Christine zu ihr passen würde. Ein Jahr vor seinem Tod hat er mich in der Uni angerufen, wollte mir sein ganzes Leben erzählen. Ich sagte ihm, er möge es kurz machen, ich müsste gleich in den Hörsaal. OK, sagte er, die Kurzfassung: drei Frauen, drei Kinder, drei Segelboote. Manchmal konnte er witzig sein.

Ich las damals Jacobsens Nils Lyhne und Kierkegaards Tagebuch eines Verführers, beides sehr schlechte Ratgeber in Liebesdingen. Ich weiß nicht, was Christine las, ich weiß allerdings, dass sie Vivaldi mochte, das hat sie mir einmal erzählt. Wir redeten manchmal miteinander. Ich weiß auch nicht wirklich, was sie studierte. Ich glaube, dass es Romanistik ist, weil sie Spanisch kann, aber ich sehe sie immer bei den Germanisten und bei den Kunsthistorikern. Sie kommt immer zu spät zur Vorlesung, geht dann katzenartig, beinahe auf den Zehenspitzen, durch den Mittelgang, bis sie ihren Platz findet. In Gedanken halte ich ihr immer einen Platz frei, aber wir sitzen nie nebeneinander. Doch wir lächeln uns zu. 

Wegen des katzenartigen Ganges nenne ich sie in meinem Text manchmal Clawdia Chauchat, aber sie ist keine kirgisenäugige Schönheit mit breiten Wangenknochen und schmalen Augen. Ihr Gesicht ist eher von einer klassischer Schönheit. Sie wäre in einem Film von Ingmar Bergman gut aufgehoben, in den französischen Filmen der nouvelle vague nicht, auch wenn sie Romanistik studiert. Die Romanistikstudentinnen, die ich kenne, sehen alle so aus, als würden sie sich ihre Klamotten in Paris kaufen. Christine kleidet sich nicht gut, sie könnte mehr aus sich machen. Vielleicht ein wenig Lippentift. Die letzten jungen Frauen, mit denen ich ausging, trugen Kaschmirtwinsets und Perlenkettchen. Sie ist definitiv nicht der Typ für Kaschmirtwinsets. Auch nicht der Typ für Rouge und Lippenstift.

I tell you this neither in a spirit of self-revelation nor as an exercise in total recall, den Satz klaue ich mir mal bei Joan Didion. Ich weiß nicht, warum ich damals das schwarze Heft vollgeschrieben habe mit diesen flüchtigen Augenblicken. Ich war nicht wirklich verliebt in Christine. Vielleicht ein bisschen, weil sie mich an Ingrid erinnerte. Aber das Heft mit dem Titel Christine ist keine Beschreibung einer amour fou, nicht einmal einer amour. Ich hätte das Ganze auch interesseloses Wohlgefallen nennen können, die belle inconnue verschönerte den tristen Alltag der Universität. Mehr war da nicht. 

Dienstag, 22. März 2022

Kelly ✝


Ich habe einmal Janosch gesehen. An einem schönen Sommertag stand er draußen in der Sonne vor der Buchhandlung von Wolfgang Erichsen. Das ganze Schaufenster war mit Janosch Büchern dekoriert, und er war wohl hier, um Bücher zu signieren. Aber weil es ein schöner Sommertag war, war niemand gekommen, die Dänische Straße war menschenleer. Und so stand Janosch vor dem Laden in der Sonne. Er trug Jeans, ein hellblaues ausgebleichtes Jeanshemd und hatte eine Zigarre in der Hand. Er wirkte, als sei er ganz weit weg. Vielleicht in Panama. Fünfzig Meter weiter traf ich Kelly vor seinem Laden. Ich habe eben Janosch gesehen, sagte ich. Wer ist Janosch? fragte er. Wir haben dann über Fußball geredet. Oder Bluegrass. Kelly hatte weitreichende Interessen, aber Tigerenten gehörten nicht dazu.

Michael Rieckhof, der vor Jahren meinem Freund Kelly den Laden in der Dänischen Straße abgekauft hat, hat mich gerade angerufen, um mir zu sagen, dass Kelly gestorben ist. Er ist fünfundachtzig Jahre alt geworden. Nachdem seine Frau gestorben war und seine Tochter einen belgischen Grafen geheiratet hatte, lebte er in Portugal, den Golfplatz im Rücken, den Atlantik vor sich. Kauf Dir doch endlich mal einen Computer, habe ich ihm vor Jahren gesagt. Dann kannst Du meinen Blog lesen, Du kommst da ständig drin vor. Aber Computer waren nicht seine Welt. Im letzten Jahr hat er mir noch eine Karte von einer Weltreise mit einem Luxusliner geschickt. Ich stelle heute etwas ein, das ich vor neun Jahren geschrieben habe. Es ist eine kleine Geschichte der deutschen Herrenausstatter, ich glaube, es ist auch ein schöner Nachruf für ihn. Viele der hier erwähnten Firmen und Läden gibt es inzwischen nicht mehr, die Welt der Mode ist eine schnelllebige Welt. Aber Kelly's in Kiel ist immer noch da.

Also, ich hätte das Jackett nicht gebraucht, das ich am letzten Sonntag auf dem Flohmarkt kaufte. Die Schränke sind voll mit Jacketts. Aber dies hier war reine Nostalgie. Hatte ein Label mit dem Namen Tyrone. Und kostete nur zehn Euro. Die nette blonde Frau, die mir das Teil verkaufte, verstand etwas von Stoffen, weil sie früher damit gehandelt hatte. Wir waren uns einig, dass dies eine tolle Baumwollqualität sei. Bei Raffaele Caruso nannte sich so etwas mal aus unerfindlichen Gründen Old Cotton. Knittert natürlich auch, aber knittert edel, wie der blöde Spruch von Boss sagte: Leinen knittert edel. Den ersten Leinenanzug habe ich Anfang der sechziger Jahre in Hamburg im Alsterpavillon gesehen, trug ein eleganter grauhaariger Typ, der eine Schönheit vom Typ Brigitte Bardot als Trophäe mit sich führte. Brigitte Bardot Kopien gab es damals ja häufiger als Leinenanzüge. Wie kann man nur so herumlaufen? entrüstete sich meine Mutter. Ich fand das damals cool, denn in der Welt von so ungeheurer Korrektheit der Adenauerjahre, in der dank steifer Einlagen alles formtreu war und nichts knitterte, erschien mir dieser zerknitterte Leinenanzug wie eine modische Befreiung. Die Idee hatten Giorgio Armani und Massimo Osti später auch. Ich schon vorher, als ich meine Oma fragte, ob sie mir aus meinem Tweedjackett die Einlagen herausnehmen könne. Sie hat sich leider geweigert.

Es ist Jahrzehnte her, dass ich zum ersten Mal das Label Tyrone an einem Jackett sah. Was ist das denn für 'ne Firma, fragte ich Kelly. Du, das ist eine neue Marke, interessante Sache. Kelly fand immer neue Marken und interessante Sachen. Er hieß natürlich nicht Kelly, das war nur sein Spitzname. Weil er so gut tanzen konnte. Wie Gene Kelly. Seine Tochter Alexandra, die sich in London mit einer Gräfin Bismarck ein Apartment teilte, hat ihn mal ins Annabel's geschleppt, da hat er den ganzen Abend mit Diana getanzt. Die war ja sowas von glücklich, dass da mal jemand war, der richtig tanzen konnte und ihr nicht immer auf die Füße trat. Hat er mir erzählt, er war ein großer Geschichtenerzähler. Nicht alle seine Geschichten waren wahr, aber ich glaube, dass diese stimmte.

Der Laden, den Kelly in den siebziger Jahren in der Dänischen Straße gegenüber vom ehemaligen Kunsthistorischen Institut aufmachte, hieß natürlich Kelly's. Vorher war in dem Laden ein Marineschneider drin, der immer Uniformen und Colanis (benannt nach der Kieler Firma Berger & Colani, die die kaiserliche Marine belieferten) im Fenster hatte. Und Mützenbänder, genau wie die von meinem Onkel Gustav, der auf der Großherzogin Elisabeth gefahren war. Bei der Marine ändert sich modemäßig auch nie was. Die Sektsteuer, die von Willem II für den Bau von Schlachtschiffen eingeführt wurde, ist auch immer noch da. Obwohl wir keine Schlachtschiffe mehr haben. Nur der Kieler Knabenanzug ist ein bisschen aus der Mode gekommen.

Kelly hatte 1970 - gleichzeitig mit Leuten wie Dietmar Kirsch, Thomas Friese (Thomas-I-Punkt), Dolf Selbach oder Heinrich Zapke - eine Marktlücke entdeckt. Denn vorher gab es in Kiel keine wirkliche Herrenmode, nichts Vergleichbares mit Bremen oder Hamburg. Gut, es gab einen Hettlage & Lampe, die auch einen kleinen separaten Men Shop hatten. Hela hieß dann eines Tages Ansons und damit verschwand der etwas luxuriösere Men Shop. Das älteste Fachgeschäft war ein gutbürgerlicher Laden namens Witte. Den gibt es immer noch, und er ist immer noch ein gutbürgerlicher, gut sortierter Herrenausstatter, bei dem man durchaus einkaufen kann. Inzwischen gibt es auch Witte 2 (jünger und modischer) und einen Witte für die elegante Dame. Alles andere ist verschwunden: Albertus Becker (wo ich mal im Ausverkauf einen tollen englischen Driway Regenmantel kaufte), Anzug Meyer (immer todlangweilig), die drei Schneider und die drei Marineausstatter. Dafür haben wir aber heute Peek & Cloppenburg (die auch mal einen kleinen Luxusshop hatten) und Ansons. Und so etwas wie Nortex in Neumünster. Und natürlich H&M, Zara, Engbers, TK Maxx und all dieses Zeug. Das Verschwinden der Herrenschneider und der kleinen Herrenausstatter und die Hinwendung der Kunden zu Läden wie Ansons und diesen scheußlichen Dingern in Gewerbegebieten (die sich aus irgendeinem Grund Designer Outlets nennen) und den Monolabel-Stores sind keine Kieler Eigenart, es gibt sie überall.

Kleine Herrenausstatter (die im amerikanischen Englisch haberdasher heißen) wie der Laden, den Kelly gründete, sind eine bedrohte Spezies. Manche haben sich inzwischen zu einer Gruppe wie dem Masculin Modekreis zusammengeschlossen. Das mag exklusiv scheinen, aber man findet dann doch von Hamburg (Braun) und Bremen (Stiesing) bis Trier (Fabius) die gleiche Ware in den Schaufenstern. Wahrscheinlich sollte man die Herrenausstatter unter Denkmalschutz stellen. Das wäre sowieso mal ein wirkliches Desiderat: ein Modegesetz. Und eine clothes police, die alle den guten Geschmack beleidigenden Leute von der Straße holt, wenn jemand call wardrobe gerufen hat.

Den Laden mit dem Namen Kelly's gibt es heute noch. Kelly hat ihn vor fünfzehn Jahren seinem Geschäftsführer Michael Rieckhof verkauft und spielt jetzt in Portugal Golf. In einer Umfrage nach den besten Herrenausstattern der Republik steht Kelly’s auf Platz 20 der fünfundzwanzig Besten in Deutschland. Das Äußere des Ladens hat sich nicht geändert, das Geschäft hat seine Wohnzimmeratmosphäre behalten. Kein Marmor, Chrom und Glas, wie all diese sterilen neuen Läden, die in der Postmoderne und der Zeit der Armani-Pest aus dem Boden schossen, mit diesen arroganten Schnöseln als Verkäufer da drin.

Die Dänische Straße ist zur Fußgängerzone geworden, die Straßenbahn (Linie 2), die hier längs fuhr, gibt es schon lange nicht mehr. Keith, der in der Straße ein Büro hat (auf dem Schild unten am Haus steht nur ichfahrealsobinich und autosapiens), parkt sein grünes Bentley Coupé oder den ingridgrauen Ferrari (oder was er gerade fährt) immer frech vor dem Laden, obgleich er eigentlich gar nicht in die Straße fahren darf. Aber so eine dunkelgrüne Corniche vorm Laden sieht immer gut aus und passt ins Ambiente. Wahrscheinlich bezahlt ihm Michael Rieckhof die Tickets und setzt sie als Werbungskosten ab.

Eigentlich wollte Kelly Fußballer werden, hatte auch schon einen Vertrag bei einem Oberligaverein in der Tasche. Aber dann hat er in Düsseldorf diese bildschöne Frau kennengelernt, und die hat gesagt, dass vielleicht etwas aus ihnen werden könnte. Aber nicht mit einem Fußballer. Da hat er dann an der Textilfachschule Nagold Herrenkonfektion gelernt. Man konnte mit ihm über alles reden, über Fußball, Django Reinhardt, Jazz und Country & Western Musik. Und über Frauen. Obwohl er diese bildschöne Ehefrau hatte, hatte er irgendetwas von Don Giovanni an sich, er liebte es im Sommer in der Ladentür zu stehen, watching the girls go by.

Wir reden natürlich auch viel über Mode. Er kauft extravagante Dinge ein, manchmal verkauft er sie auch ungern, er hängt an ihnen. Sein Laden bekommt mit den Jahren beinahe etwas von einem Kostümmuseum. Es ist heute ein klein wenig stromlinienförmiger geworden. Aber manchmal sehne ich mich nach dieser Zeit zurück, als der Laden einem Theatergarderobenfundus glich. Kelly lässt mich hinter die Kulissen des Geschäfts und der Branche schauen, ich darf bei hunderten von Gesprächen mit Vertretern, Stoffhändlern und Schneidern dabei sein. Sie alle haben Geschichten zu erzählen, es ist alles viel interessanter als an der Universität. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass dieser Laden hier meine Uni war. Er hat heute immer noch mehr von der Atmosphäre eines Wiener Kaffeehauses als von einem schnöden Klamottenladen an sich. Man trifft sich da, und schnackt miteinander. Ich habe da schon intelligentere Gespräche geführt als in der Universität.

Kelly fängt mit Italienern an, Hilton und Nervesa, Nervesa gab es eines Tages bei ihm nicht mehr, weil die Italiener nicht mehr liefern konnten. An Hemden gab es Truzzi, Borrelli  und Lorenzini. Und die gerade neu gegründete Firma Orian, die Hemden mit rundem Kragen im Programm hatte. Italiener waren damals neu in Deutschland. Obgleich Hans Kalich in der Böttcherstraße in Bremen, von dem mein toller Trenchcoat stammte, schon in den sechziger Jahren auf sie setzte - das hat nicht erst mit Dolf Selbach angefangen, wie immer behauptet wird. An deutschen Firmen gab es Windsor (damals neben Regent das Beste in Deutschland), und es gab erstklassige Dänen. Hobson of Copenhagen und Christonette, die tolle Mäntel machten. Von der Firma Winkler's Mayfair of Copenhagen, von der ich drei rattenscharfe Flanellhosen hatte, habe ich leider nie wieder gehört. An Engländern gibt es eines Tages Chester Barrie, Daks und Magee. Magee gibt es da heute noch, und über diese Firma in Donegal schreibe ich gerne noch einmal. Irgendwann gibt es bei ihm Raffaele Caruso, Kiton (in kleinen Stückzahlen) und Zegna. Und er reduziert in den Ausverkäufen beinahe alles jahrelang radikal. Auf jeden Fall in den ersten Jahren. Die Leute kommen aus Hamburg angereist, um sich im überfüllten Laden um die Teile zu kloppen. Facebook gab es noch nicht, aber die Ausverkäufe bei Kelly's sprachen sich wie ein Lauffeuer herum.

Man wusste nie, welche Marken bleiben würden, es hing auch ein wenig von seinen Launen ab. Und sicherlich auch von den Margen, die die Hersteller ihm einräumten. Manchmal war auch eine gewisse Portion Wut mit manchen Marken verbunden, denn häufig wurden Firmen ja erst durch die Initiative der Ladenbesitzer gehätschelt und bekannt gemacht. Und dann findet sich plötzlich das ganze Angebot der Marke bei P&C. Oder ein Händler, der Zegna erst groß gemacht hat, hat plötzlich einen Zegna Flagship Store neben seinem Laden. Da kann man die Verbitterung verstehen. Windsor flog bei Kelly eines Tages raus, weil Kelly eine unüberwindliche Aversion gegen den Jochen Holy hatte, der Windsor gekauft hatte.

Und weil Torsten Riemer um die Ecke einen Laden aufgemacht hatte, der stark auf Windsor und ein Yuppie-Publikum setzte. Also dieses Publikum, das damals im Quadrat in der Schlossstraße den Tag verbrachte, und das nur in Läden mit einer Inneneinrichtung von Stahl, Chrom und Designerleuchten kaufte. Kellys Geschäft florierte vom Start weg, weil dies die modeverrückten siebziger und achtziger Jahre waren, und alle Welt wie bescheuert Klamotten kaufte. Und es plötzlich Designer gab. Vorher waren Designer ja etwas, das man mit dem Victoria & Albert Museum, dem Arts and Crafts Movement, Wilhelm Wagenfeld, Max Bill oder Dieter Rams verband. Jetzt waren es Italiener, deren Namen viele nicht richtig aussprechen konnten. Bis heute nicht. Da war Julia Roberts in Pretty Woman nicht die einzige, die mit dem Namen Versace Schwierigkeiten hatte.

In der Geschichte der Herrenmode gab es bis dahin wenige trademarks - in der Damenmode ist das anders, seit dem Augenblick da Charles Frederick Worth in Paris Etiketten in seine Kreationen nähte. Kein Kunde hätte in den sechziger Jahren etwas mit Marken wie Standop, Odermark oder Napieralla anfangen können. Man vertraute seinem Herrenausstatter, dass er etwas Vernünftiges eingekauft hatte. Lediglich die Miltenberger Kleiderwerke - Kleide Dich besser Trage MKW Modellkleidung - warben damals mit den Filmschauspielern Curd Jürgens und Claus Biederstaedt. Und mit Peter Frankenfeld, diesmal ohne seine karierten Sakkos. In England war das vielleicht etwas anders, da hier Firmennamen wie Burberry, Daks/Simpson oder Aquascutum als household words etabliert waren. Die Namen standen auch für Qualität - was bei Designern ja nicht unbedingt der Fall war. Der erste und einzige Armani Anzug, den sich Prince Charles je kaufte, kam in Einzelteilen aus der Reinigung zurück.

Während es bis dahin für den Gentleman eine Selbstverständlichkeit war, dass sein Schneider ihm keinerlei Etiketten in das Jackett genäht hatte (höchstens in die Innentasche), wurden Designerlabels jetzt zur Schau gestellt. Die Presse berichtete süffisant über einen Kanzler namens Schröder, der vollproll mit aufgerissenem Jackett durch den Flieger lief, damit jeder das Firmenetikett bewundern konnte. Damals war das erst Zegna, später Brioni. Manche Männer trennten auch die kleinen auf den Ärmel genähten Firmenschilder nicht ab und liefen stolz damit herum. Deutschlands Antwort auf die italienischen Designer hieß Boss, die aber auch nicht lange in Metzingen produzierten. Weil jetzt jeder Designer weltweit mit Flagship Stores vertreten sein wollte. 

Als Arthur Miller in den fünfziger Jahren zum ersten Mal das Wort lifestyle hörte, gab er dem Wort keine große Lebenserwartung. Musste aber später zugeben, dass er sich da getäuscht hatte. Wenn irgendetwas jetzt vermarktet wurde, dann war es ein lifestyle. Die Peacock Revolution der Sixties und Seventies hatte Witz und Ironie, jetzt wurde aus der Mode eine ernste Sache. Wahrscheinlich waren die letzten Aussteiger aus Poona zurückgekehrt und suchten jetzt neue Gurus. Sie fanden sie in den Designern. Nichtssagende Sätze wie you are what you wear bekamen plötzlich den Charakter eines Gebots. Derjenige, der im 1977er Heft Manstyle: the GQ guide to fashion, fitness, and grooming den bescheuerten Satz dressing well is the best revenge schrieb, hat etwas zu verantworten. Die englische Sprache wurde um eine Vielzahl von Begriffen und Redensarten bereichert: mall rat, fashion victim, shop till you drop, I shop therefore I am und so weiter ad infinitum. Alles, was man trug, war plötzlich ein fashion statement, und man war am besten gewappnet, wenn man(n) power suits trug. Dann sah man so aus, wie die Herren auf der Boss Reklame.

Der mit dem Grübchen am Kinn war das erste immer wiederkehrende Boss Model (kein Deutscher, sondern ein Amerikaner namens Michael Flinn), die Metzinger Antwort auf den Marlboro Man. Oder die postmoderne Antwort auf die monumentale Männlichkeit von Arno Brekers Skulpturen. Aber nichts hielt in dieser schönen neuen Welt ewig. Irgendwann ließ Boss ihn fallen, genau so wie Armani diese unheimlich schöne Frau aus der frühen Werbung in der italienischen L'Uomo Vogue fallen ließ. Weil sie eine eigene Meinung hatte. Armani und Frauen ist sowieso so eine Sache, aber dann Frauen mit eigener Meinung, das geht nun gar nicht.

So wie die Designer jetzt eine neue Sache waren, waren auch die Models eine neue Sache. Sie mutierten ja bald zu Supermodels, und eine ganze Industrie von Ghostwritern und Modejournalisten schrieb ihnen einen synthetischen Mythos herbei. Wobei die männlichen Models natürlich immer im Schatten der neuen Göttinnen standen, die Supermodels hießen. Kann sich noch jemand an Viktor Latscha, das Gesicht der deutschen Herrenmode der sechziger Jahre, erinnern? Es gab aber jetzt doch schon eine Vielzahl von in der Branche bekannten Dressmen wie Michael Flinn oder hier Rick Edwards, bevor Marcus Schenkenberg einen Status als Halbgott in U-Hosen bekam.

Viele begriffen den Geist der Zeit und der Designermode nicht so richtig. Sie krempelten sich ihre Jackettärmel auf wie Don Johnson in Miami Vice und fanden das cool. Das war natürlich nicht im Sinne der Designer, dass die nerds ihre Kreationen verunstalteten. Denn jetzt hatte jeder Designer passend zu den power suits seine eigene Philosophie. Der Klamottenrausch der achtziger Jahre korrespondierte mit der Erfindung der Postmoderne, anything goes. Selten wurde das Wort Philosophie so wohlfeil verramscht (ich sage jetzt nichts über Herrn Precht). Designermode zu Rezessionspreisen: Ein Kilo Versace für 498 Mark konnte man vor zwanzig Jahren in einer Bremer Zeitung lesen. Stiesing bewarb damit seinen Off-Price Laden in der Hillmann Passage. Wahrscheinlich markierte die Werbebotschaft auch das Ende des Designerwahns. Das Kilo Versace kann man heute schon sehr viel billiger kriegen. Aber wer will das schon?

Es war eine künstliche neue Welt, in der die wagemutigen Herrenausstatter, die rechtzeitig auf die Italiener gesetzt hatten, sehr gut verdienten. Bei Kelly reichte es für ein kleines Sommerhaus in der Karibik und ein Chalet in der Schweiz. Aber es war für die Modeindustrie sicherlich auch ein Haifischbecken, weil viele kleine Firmen, die originelle Mode machten, schnell wieder verschwanden. Zu denen gehörte leider auch das Label Tyrone. 1994 war in den Textilmitteilungen zu lesen: Nach Trennnung von Brinkmann-Gruppe und Odermark aus konzeptionellen Gründen, steht die vor sechs Jahren eingeführte Marke italienisch inspirierter Mode auf eigenen Füßen. Solche Sätze bedeuten nichts Gutes, und irgendwann war es mit Tyrone vorbei. Zuvor waren sie sicher bei der Friedrich W. Brinkmann GmbH & Co. KG angesiedelt (nennt sich heute bugatti Holding), die sich damals mit der Linie der Designerin Doris Hartwich noch eine kleine Extravaganz leisteten. Doris Hartwich Herrenmode gibt es heute noch. Tyrone, seit 1994 immer weiter verkauft (unter anderem an die Schweizer Firma Ritex) scheint jetzt ein Label für Kinderkleidung zu sein.

Für die Fachwelt kam die Liquidierung der Tyrone Mode Vertriebs- GmbH, Herford zum 31.12. 1993 nicht so furchtbar überraschend, denn schon im Juni 1993 hatte Brinkmann mitgeteilt, dass Tyrone in Zukunft dem Label Fariani bei der Konzerntochter Odermark zugeschlagen werde: Fariani-Kunden können die Kollektion mit Fariani-Label kaufen, Tyrone-Kunden mit Tyrone-Label. Damit verliert eine Marke natürlich ihre Identität, wenn es am Schluss der Produktionskette völlig beliebig ist, welches label in das Teil genäht wird. Andererseits: war das nicht der Kern des ganzen Designerwahns, bei dem es nur auf das Label ankam und niemand wusste, wo und wie das Teil hergestellt wurde?

Angeblich waren es zwei Topleute von Windsor, die im Zorn von Windsor schieden und mit dem Label mit dem irischen Namen Tyrone unter dem Mantel der Brinkmann Gruppe Schutz fanden. Die Geschichte kann stimmen, ich habe in den letzten Jahrzehnten eine Menge Leute getroffen, die böse Dinge über die Firma sagten, seitdem der Firmengründer Gerhard Klasing da nichts mehr zu sagen hatte. Auf jeden Fall ähnelte das Konzept von Tyrone (mit modisch, hochwertigem Anspruch) dem der Firma Windsor in den besten Tagen, englische Stoffe und italienisch angehauchter Schnitt. Als ich Michael Rieckhof letzte Woche fragte, was ihm zu der Firma Tyrone einfiel, sagte er Tolle Schultern. Und das stimmt auch, das Tyrone Jackett, das in meinen Schränken mehr als zwei Jahrzehnte überlebt hat, hat eine beinahe italienische Schulter. Gut, kein Vergleich mit Kiton, aber es ging schon in diese Richtung. Die Produktion der Linie lag bei Odermark, die ja in der Brinkmann Gruppe auch für die Maßkonfektion zuständig waren. Die auch immer Sondergrößen führten, zum Beispiel durch ihre Athletic Linie. Was es in der deutschen Konfektion schon in den dreißiger Jahren als sogenannte Sportgrößen gegeben hatte, aber die Konfektion vergisst schnell. Zum Beispiel, dass man Knöpfe richtig gut annähen kann. Seit Oscar Wilde gesagt hat Fashion is a form of ugliness so intolerable that we have to alter it every six months, muss die Konfektionsindustrie das Rad zweimal im Jahr neu erfinden.

Als es Tyrone eines Tages nicht mehr gibt, entdeckt Kelly Diniz & Cruz. Und dann wieder eine andere Firma, das wird jeder Herrenausstatter tun, der seinen Kunden nicht das graue Einerlei von P&C anbieten will. Michael Rieckhof ist auch ständig dabei, etwas Neues zu entdecken. Originalität und Kreativität waren und sind das Geheimnis des Ladens. Herrenausstatter wie Michael Jondral in Hannover, der Heinrich Zapke beerbte, oder Rudolf Böll in Rottach-Egern definieren sich nur über den Preis, Originaltät und Kreativität spielen keine Rolle mehr.

Natürlich gibt es heute immer noch Private Label Sakkos. Früher kamen die von Dressler, das machten beinahe alle Herrenausstatter so. Alle Jacketts, die Ladage & Oelke ihren Kunden als Original English verkauften, kamen von Dressler. Das ist ja auch nichts Böses, die Qualität bei Dressler (inzwischen auch bei Brinkmann gelandet) stimmte immer. Und sie hatten genügend Rümpfe im Programm, um vom Spargeltarzan bis zum Bodybuilder dem Kunden ein passendes Jackett zu bieten. Offerierten auch immer ein sehr englisch aussehendes Modell mit schrägen Taschen und Billettasche. Das musste wahrscheinlich sein, weil sie jahrzehntelang die Burberry Lizenz für Deutschland hatten. Die haben sie vor ein paar Jahren verloren, dafür aber die Lizenz von Daks bekommen. Ich habe kein englisch aussehendes Dressler Jackett im Internet gefunden (ich habe zwar noch welche im Schrank, aber ich habe keine Digicam).

Dass ich die kleine Firma Tyrone in solch nostalgischer Erinnerung habe, mag auch daran liegen, dass Kelly sich die wildesten Stücke aus der Kollektion herauspickte (ich habe erst später erfahren, dass er farbenblind war) und sie dann seinen Kunden anschnackte. So etwas tat er immer, er hatte ein Händchen dafür. Und Mut. Den braucht man auch, um mein altes Tyrone Jackett zu tragen, das aus weißen, grünen und schwarzen Karos besteht. Es passt nach knapp zwanzig Jahren immer noch. Aber nur, weil die damals so füllig geschnitten waren, kommentierte Michael Rieckhof etwas gehässig. Soll ich ihm mal sagen, dass ich die augenblickliche Mode der zu kurzen und zu engen Jacketts scheußlich finde? Dieses Photo der Dänischen Straße ist aus dem Jahre 1967, da gibt es Kelly's noch nicht. Da ist da noch der Marineausstatter Geiger in dem Haus. Ohne Uniformen sieht das Haus heute besser aus.