Samstag, 8. Juni 2024
Kafka?
Donnerstag, 20. Oktober 2022
Jean-Pierre Melville
Heute vor 105 Jahren wurde der französische Regisseur Jean-Pierre Melville geboren. Er war schon häufig in diesem Blog, zum Beispiel in den Posts Lino Ventura und Yves Montand, in denen viel über seine Filme steht. Seine Filme kann man heute beinahe alle als DVD erhalten, das war vor zehn Jahren noch nicht so. Da war es so gut wie unmöglich, die DVD von La Deuxieme Souffle zu bekommen. Es ist erstaunlich, wie wenig es an Literatur über den Mann gibt, der den französischen Gangsterfilm perfektioniert hat. 1973 erschien in Paris Rui Nogueiras Le cinema selon Melville, das 2002 von Robert Fischer als Kino der Nacht: Gespräche mit Jean-Pierre Melville übersetzt und herausgegeben wurde (die englische Ausgabe erschien als Melville on Melville in der Reihe Cinema One). Ich habe von diesem Buch hier eine Leseprobe. Der Filmjournalist Robert Fischer weiß alles über den französischen Film, er wird in diesem Blog schon in dem Post François Truffaut erwähnt.
Das Buch Jean-Pierre Melville, das Peter W. Jansen und Wolfram Schütte für die Stiftung Deutsche Kinemathek bei Hanser herausgegeben haben, kann man immer noch antiquarisch finden. Es enthält als Herzstück eine 110-seitige kommentierte Bibliographie aller Melville Filme von Hans Gerhold, einem Kenner des französischen Films. Sein Buch Kino der Blicke: Der französische Kriminalfilm habe ich schon in dem Post Alain Delon zitiert. In dem von Ivo Ritzer herausgegeben Band Polar: Französischer Kriminalfilm gibt es ein Kapitel über Melville von Bernd Kiefer. Dieses Buch habe ich schon in dem Post Ertrinken verboten erwähnt. Beim British Film Institute ist 2003 das Buch Jean-Pierre Melville: An American in Paris von Ginette Vincendeau erschienen, das war neben Melville on Melville das erste Buch über Melville in englischer Sprache. In Frankreich sind vor fünf Jahren noch zwei Bücher über Melville erschienen: Jean-Pierre Melville, le solitaire von Bertrand Tessier und Jean-Pierre Melville, une vie von Antoine de Baecque. Viel mehr gibt es leider nicht.
Melville schuf sich in seinen Filmen seine eigene Welt, eine filmische Mythologie der Leere, wie Bernd Kiefer das fomuliert hat. Melville war Regisseur, Autor und Produzent, der einzige auteur complet des französischen Films. Er war Soldat gewesen, war aus Dünkirchen dank der Operation Dynamo entkommen und danach in den Widerstand gegangen. Je désire servir sous le nom de Melville, hatte er 1943 in London auf das Dokument des FFL geschrieben. Er verehrte Herman Melville, seit er als Jugendlicher Pierre, or the Ambiguities gelesen hatte: Ich entdeckte Melville, als ich lange vor Jean Gionos 'Moby Dick'-Übersetzung auf englisch 'Pierre, or the Ambiguities' las, ein Buch, das mich für immer geprägt hat ... Was ich von Herman Melville halte, geht viel tiefer als ein brüderliches Gefühl, es ist beinahe die Bewunderung eines Sohnes. Herman Melville ist mein Vater, mein Großvater, mein älterer Bruder - das heißt, ich bewundere ihn nicht nur grenzenlos, sondern empfinde auch Respekt vor ihm. In der Tat , würde mich jemand fragen, wer ich gerne in meinem Leben gewesen wäre, so würde ich ohne Zögern antworten: Herman Melville.
Auf einer filmisch etwas höheren Ebene als dem German Grusel der sechziger Jahre finden wir den Trenchcoat im französischen Kriminalfilm. Hier sehen wir Yves Montand in ✺Le cercle rouge, einem Klassiker von Jean-Pierre Melville, den viele Kritiker für seinen besten Film halten. Und, seien wir ehrlich, Yves Montand oder Alain Delon hätte nie eine Schimanski Jacke getragen. Die französischen Schauspieler haben immer gute Schneider (lesen Sie mehr dazu in dem Post Lino Ventura). Horst Tapperts Anzüge in der Sendung Derrick stammten angeblich alle von Max Dietl, sie sehen aber alle nicht nach einem Maßanzug, sondern eher nach Cheap & Awful aus.
Donnerstag, 7. Juli 2022
Kabul-Wunstorf
Samstag, 21. Mai 2022
Christine
Sie lehnte sich an dem Geländer weit zurück, um noch etwas von der Sonne aufzufangen. Junge Frauen können ja nicht genug davon bekommen. Es war einer der letzten Tage des Sommersemesters, sie würde in den Ferien in Spanien sein, erzählte sie mir. Sie sprach immer sehr leise, man musste ihr nahe sein, um sie zu verstehen. Es ist, als ob sie in sich versinkt. Sie hat große ausdrucksvolle Augen. Aber soviel Nähe war mir ein wenig unheimlich, so gut kannte ich sie noch nicht. Sie fragte mich, was ich in den Semesterferien machen würde. Arbeiten, sagte ich. Ich mochte ihr nicht sagen, dass ich in den nächsten Wochen eine Uniform tragen würde, ich wusste nicht, welchen Stellenwert Reserveoffiziere der Bundeswehr bei jungen Frauen hatten. Wir verabredeten uns, dass wir uns am ersten Tag des Wintersemesters hier am Dreiecksplatz wiedertreffen würden. Es gab keinen Abschiedskuß, soweit waren wir noch nicht. Wir sind noch beim Sie.
Der Dreiecksplatz ist immer noch da, das eiserne Geländer, das sich ebenso vor dem Lammers findet, auch. Auf der anderen Seite der Straße, vor dem Haushaltswarengeschäft Tom Watson, ist auch ein Geländer. Da hat der Chauffeur von Lubinus mal den nagelneuen Aston Martin seines Chefs bei leichtem Glatteis reingesetzt. Totalschaden. Aston Martin hat den Motor zurückgekauft. Mein Bruder war damals Assistenzarzt bei Lubinus, er rief mich an: Komm hier heute nicht vorbei, hier ist die Hölle los, sagte er. Vielleicht waren auch die Straßenbahngleise Schuld an dem Unfall, damals fuhr hier noch die Straßenbahn. Ich hatte noch kein Auto, ich hatte immer eine Monatskarte. Die Uni war damals noch über die ganze Stadt verteilt, die Kunsthistoriker saßen in der Dänischen Straße, mit der Linie 2 kam man aber elegant von dort zu den Teilen der Uni, die in den alten ELAC Gebäuden beheimatet waren. Die Geschichte mit dem Aston Martin muss ich mal meinem Freund Keith erzählen, der hat nämlich einen. Elegant in grau. Sean Connery hat den mal ein Wochenende zur Probe gefahren, ihn aber doch nicht gekauft. Jetzt fährt Keith den grauen Aston Martin, aber so vorsichtig wie er fährt, wird er den bestimmt nicht am Dreiecksplatz in das Gitter setzen.
Ich war am ersten Tag des Wintersemesters nicht da, ich lag nach einem Manöverunfall im Bundeswehrlazarett Hamburg-Wandsbek, das Wintersemester war für mich gelaufen. Die Frau, die ich Christine nannte, habe ich nie wiedergesehen. Ich habe sie auch schnell vergessen. Avec le temps, va, tout s'en va on oublie le visage et l'on oublie la voix. Aber als ich vor drei Jahren beim Aufräumen ein altes schwarzes Schulheft fand, das Christine betitelt ist, da war sie wieder da. Das habe ich schon in dem Post prezzies gesagt. Innen findet sich der Titel Mitteilungen über Christine. Klingt ein wenig nach Uwe Johnsons Mutmassungen über Jakob. Wir hatten ja damals alle eine Uwe Johnson Phase. Es sind dahingestreute Notizen, Impressionen. Flüchtige Augenblicke steht auf der zweiten Seite. Mit dem Notieren von flüchtigen Augenblicken bin ich gut. Könnte ich das alles zusammenfügen, was ich an flüchtigen Momenten notiere, wäre ich Romanautor. Ich habe von mir selbst nichts Ganzes aus einem Stück, nichts Einheitliches und nichts Festes, nichts ohne Verwirrung und nichts Unvermischtes zu sagen, und nichts, was man in einem Wort fassen könnte Wir sind alle aus Flicken zusammengesetzt und das so ungestalt und kunterbunt, daß jedes Stück jeden Augenblick ein eigenes Spiel treibt. Das hat Montaigne gesagt, den zitierte ich schon damals gerne.
Si ce n'est toi, ce sera moi qui m'en irai
L'amour s'en va, et nous n'y pourrons rien changer
Es ist manchmal ganz gut, dem anderen Ich zu begegnen, das man einmal gewesen ist. Das sagt auf jeden Fall Joan Didion in ihrem Essay On keeping a notebook: It all comes back. Perhaps it is difficult to see the value in having one’s self back in that kind of mood, but I do see it; I think we are well advised to keep on nodding terms with the people we used to be whether we find them attractive company or not. Otherwise they turn up unannounced and surprise us, come hammering on the mind’s door at 4 a.m. of a bad night and demand to know who deserted them, who betrayed them, who is going to make amends. We forget all too soon the things we thought we could never forget. We forget the loves and the betrayals alike, forget what we whispered and what we screamed, forget who we were.
Und dann taucht da in dem Text noch Carlo auf. Ich hatte beinahe vergessen, dass er auch hier studierte. Wir kamen aus demselben Ort, gingen zur selben Schule. Waren mehr oder weniger befreundet. Er hatte keine literarischen Interessen. Man konnte mit ihm nicht über Proust reden wie mit Peter, oder über Thackerays Vanity Fair wie mit Ekke. Ich glaube, der Ekke kennt heute noch die Namen von allen Nebenpersonen des Romans. Auch sportlich war Carlo niemand, mit dem etwas anfangen konnte. Kein Fußballer, man stellte ihn in der Mannschaft immer nach hinten. Aber er war im Yachtclub, gesegelt hat er sein ganzes Leben. Deshalb war er wohl auch an diese Uni gekommen, die Ostsee lag vor der Tür.
Sein Vater war Arzt gewesen, war auf der Höhe des Wirtschaftswunders plötzlich gestorben. Das Haus war wohl abbezahlt, aber viel blieb für die Familie nicht. Und dennoch war Carlo im Yachtclub und besaß als erster von uns allen einen Burberry Regenmantel. Seine Mutter arbeitete jetzt als Verkäuferin in einem Luxusladen, sie hatte keine Ahnung von den Dingen, die da verkauft wurden, aber sie war eine Dame. Das mochten die Kunden. Vornehme Damen waren offenbar damals schon selten geworden. Für sein Medizinstudium hatte Carlo ein Stipendium bekommen, seine Schwester wollte der Mutter nicht zur Last fallen, lernte Schneiderin und studierte dann Modedesign.
Ich weiß nicht mehr, wie die Frau, die ich Christine nannte, wirklich hieß. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals wusste, wie sie wirklich hieß. Nur der Carlo, der beinahe jede junge Frau im Ort kannte, kannte ihren Namen und wußte, wo sie wohnte. Er wußte auch, wo ich wohnte, lud sich immer bei mir auf einen schottischen Whisky ein und brachte häufig Frauen mit. Allerdings niemals diese blonde Christine. Einmal schleppte er Anne an, was mir ein wenig peinlich war, weil ich mit der mal eine Liebelei hatte. Ich kann den Carlo nicht mehr nach der Christine fragen, er ist seit Jahren tot. Hätte ich das schwarze Heft gefunden, als er noch lebte, hätte ich ihn sofort getragt. So bleibt sie namenlos, obgleich der Name Christine zu ihr passen würde. Ein Jahr vor seinem Tod hat er mich in der Uni angerufen, wollte mir sein ganzes Leben erzählen. Ich sagte ihm, er möge es kurz machen, ich müsste gleich in den Hörsaal. OK, sagte er, die Kurzfassung: drei Frauen, drei Kinder, drei Segelboote. Manchmal konnte er witzig sein.
Ich las damals Jacobsens Nils Lyhne und Kierkegaards Tagebuch eines Verführers, beides sehr schlechte Ratgeber in Liebesdingen. Ich weiß nicht, was Christine las, ich weiß allerdings, dass sie Vivaldi mochte, das hat sie mir einmal erzählt. Wir redeten manchmal miteinander. Ich weiß auch nicht wirklich, was sie studierte. Ich glaube, dass es Romanistik ist, weil sie Spanisch kann, aber ich sehe sie immer bei den Germanisten und bei den Kunsthistorikern. Sie kommt immer zu spät zur Vorlesung, geht dann katzenartig, beinahe auf den Zehenspitzen, durch den Mittelgang, bis sie ihren Platz findet. In Gedanken halte ich ihr immer einen Platz frei, aber wir sitzen nie nebeneinander. Doch wir lächeln uns zu.
Dienstag, 22. März 2022
Kelly ✝
Die Dänische Straße ist zur Fußgängerzone geworden, die Straßenbahn (Linie 2), die hier längs fuhr, gibt es schon lange nicht mehr. Keith, der in der Straße ein Büro hat (auf dem Schild unten am Haus steht nur ichfahrealsobinich und autosapiens), parkt sein grünes Bentley Coupé oder den ingridgrauen Ferrari (oder was er gerade fährt) immer frech vor dem Laden, obgleich er eigentlich gar nicht in die Straße fahren darf. Aber so eine dunkelgrüne Corniche vorm Laden sieht immer gut aus und passt ins Ambiente. Wahrscheinlich bezahlt ihm Michael Rieckhof die Tickets und setzt sie als Werbungskosten ab.
Eigentlich wollte Kelly Fußballer werden, hatte auch schon einen Vertrag bei einem Oberligaverein in der Tasche. Aber dann hat er in Düsseldorf diese bildschöne Frau kennengelernt, und die hat gesagt, dass vielleicht etwas aus ihnen werden könnte. Aber nicht mit einem Fußballer. Da hat er dann an der Textilfachschule Nagold Herrenkonfektion gelernt. Man konnte mit ihm über alles reden, über Fußball, Django Reinhardt, Jazz und Country & Western Musik. Und über Frauen. Obwohl er diese bildschöne Ehefrau hatte, hatte er irgendetwas von Don Giovanni an sich, er liebte es im Sommer in der Ladentür zu stehen, watching the girls go by.
Kelly fängt mit Italienern an, Hilton und Nervesa, Nervesa gab es eines Tages bei ihm nicht mehr, weil die Italiener nicht mehr liefern konnten. An Hemden gab es Truzzi, Borrelli und Lorenzini. Und die gerade neu gegründete Firma Orian, die Hemden mit rundem Kragen im Programm hatte. Italiener waren damals neu in Deutschland. Obgleich Hans Kalich in der Böttcherstraße in Bremen, von dem mein toller Trenchcoat stammte, schon in den sechziger Jahren auf sie setzte - das hat nicht erst mit Dolf Selbach angefangen, wie immer behauptet wird. An deutschen Firmen gab es Windsor (damals neben Regent das Beste in Deutschland), und es gab erstklassige Dänen. Hobson of Copenhagen und Christonette, die tolle Mäntel machten. Von der Firma Winkler's Mayfair of Copenhagen, von der ich drei rattenscharfe Flanellhosen hatte, habe ich leider nie wieder gehört. An Engländern gibt es eines Tages Chester Barrie, Daks und Magee. Magee gibt es da heute noch, und über diese Firma in Donegal schreibe ich gerne noch einmal. Irgendwann gibt es bei ihm Raffaele Caruso, Kiton (in kleinen Stückzahlen) und Zegna. Und er reduziert in den Ausverkäufen beinahe alles jahrelang radikal. Auf jeden Fall in den ersten Jahren. Die Leute kommen aus Hamburg angereist, um sich im überfüllten Laden um die Teile zu kloppen. Facebook gab es noch nicht, aber die Ausverkäufe bei Kelly's sprachen sich wie ein Lauffeuer herum.
Man wusste nie, welche Marken bleiben würden, es hing auch ein wenig von seinen Launen ab. Und sicherlich auch von den Margen, die die Hersteller ihm einräumten. Manchmal war auch eine gewisse Portion Wut mit manchen Marken verbunden, denn häufig wurden Firmen ja erst durch die Initiative der Ladenbesitzer gehätschelt und bekannt gemacht. Und dann findet sich plötzlich das ganze Angebot der Marke bei P&C. Oder ein Händler, der Zegna erst groß gemacht hat, hat plötzlich einen Zegna Flagship Store neben seinem Laden. Da kann man die Verbitterung verstehen. Windsor flog bei Kelly eines Tages raus, weil Kelly eine unüberwindliche Aversion gegen den Jochen Holy hatte, der Windsor gekauft hatte.
Und weil Torsten Riemer um die Ecke einen Laden aufgemacht hatte, der stark auf Windsor und ein Yuppie-Publikum setzte. Also dieses Publikum, das damals im Quadrat in der Schlossstraße den Tag verbrachte, und das nur in Läden mit einer Inneneinrichtung von Stahl, Chrom und Designerleuchten kaufte. Kellys Geschäft florierte vom Start weg, weil dies die modeverrückten siebziger und achtziger Jahre waren, und alle Welt wie bescheuert Klamotten kaufte. Und es plötzlich Designer gab. Vorher waren Designer ja etwas, das man mit dem Victoria & Albert Museum, dem Arts and Crafts Movement, Wilhelm Wagenfeld, Max Bill oder Dieter Rams verband. Jetzt waren es Italiener, deren Namen viele nicht richtig aussprechen konnten. Bis heute nicht. Da war Julia Roberts in Pretty Woman nicht die einzige, die mit dem Namen Versace Schwierigkeiten hatte.
Während es bis dahin für den Gentleman eine Selbstverständlichkeit war, dass sein Schneider ihm keinerlei Etiketten in das Jackett genäht hatte (höchstens in die Innentasche), wurden Designerlabels jetzt zur Schau gestellt. Die Presse berichtete süffisant über einen Kanzler namens Schröder, der vollproll mit aufgerissenem Jackett durch den Flieger lief, damit jeder das Firmenetikett bewundern konnte. Damals war das erst Zegna, später Brioni. Manche Männer trennten auch die kleinen auf den Ärmel genähten Firmenschilder nicht ab und liefen stolz damit herum. Deutschlands Antwort auf die italienischen Designer hieß Boss, die aber auch nicht lange in Metzingen produzierten. Weil jetzt jeder Designer weltweit mit Flagship Stores vertreten sein wollte.
Als Arthur Miller in den fünfziger Jahren zum ersten Mal das Wort lifestyle hörte, gab er dem Wort keine große Lebenserwartung. Musste aber später zugeben, dass er sich da getäuscht hatte. Wenn irgendetwas jetzt vermarktet wurde, dann war es ein lifestyle. Die Peacock Revolution der Sixties und Seventies hatte Witz und Ironie, jetzt wurde aus der Mode eine ernste Sache. Wahrscheinlich waren die letzten Aussteiger aus Poona zurückgekehrt und suchten jetzt neue Gurus. Sie fanden sie in den Designern. Nichtssagende Sätze wie you are what you wear bekamen plötzlich den Charakter eines Gebots. Derjenige, der im 1977er Heft Manstyle: the GQ guide to fashion, fitness, and grooming den bescheuerten Satz dressing well is the best revenge schrieb, hat etwas zu verantworten. Die englische Sprache wurde um eine Vielzahl von Begriffen und Redensarten bereichert: mall rat, fashion victim, shop till you drop, I shop therefore I am und so weiter ad infinitum. Alles, was man trug, war plötzlich ein fashion statement, und man war am besten gewappnet, wenn man(n) power suits trug. Dann sah man so aus, wie die Herren auf der Boss Reklame.
Der mit dem Grübchen am Kinn war das erste immer wiederkehrende Boss Model (kein Deutscher, sondern ein Amerikaner namens Michael Flinn), die Metzinger Antwort auf den Marlboro Man. Oder die postmoderne Antwort auf die monumentale Männlichkeit von Arno Brekers Skulpturen. Aber nichts hielt in dieser schönen neuen Welt ewig. Irgendwann ließ Boss ihn fallen, genau so wie Armani diese unheimlich schöne Frau aus der frühen Werbung in der italienischen L'Uomo Vogue fallen ließ. Weil sie eine eigene Meinung hatte. Armani und Frauen ist sowieso so eine Sache, aber dann Frauen mit eigener Meinung, das geht nun gar nicht.
So wie die Designer jetzt eine neue Sache waren, waren auch die Models eine neue Sache. Sie mutierten ja bald zu Supermodels, und eine ganze Industrie von Ghostwritern und Modejournalisten schrieb ihnen einen synthetischen Mythos herbei. Wobei die männlichen Models natürlich immer im Schatten der neuen Göttinnen standen, die Supermodels hießen. Kann sich noch jemand an Viktor Latscha, das Gesicht der deutschen Herrenmode der sechziger Jahre, erinnern? Es gab aber jetzt doch schon eine Vielzahl von in der Branche bekannten Dressmen wie Michael Flinn oder hier Rick Edwards, bevor Marcus Schenkenberg einen Status als Halbgott in U-Hosen bekam.
Viele begriffen den Geist der Zeit und der Designermode nicht so richtig. Sie krempelten sich ihre Jackettärmel auf wie Don Johnson in Miami Vice und fanden das cool. Das war natürlich nicht im Sinne der Designer, dass die nerds ihre Kreationen verunstalteten. Denn jetzt hatte jeder Designer passend zu den power suits seine eigene Philosophie. Der Klamottenrausch der achtziger Jahre korrespondierte mit der Erfindung der Postmoderne, anything goes. Selten wurde das Wort Philosophie so wohlfeil verramscht (ich sage jetzt nichts über Herrn Precht). Designermode zu Rezessionspreisen: Ein Kilo Versace für 498 Mark konnte man vor zwanzig Jahren in einer Bremer Zeitung lesen. Stiesing bewarb damit seinen Off-Price Laden in der Hillmann Passage. Wahrscheinlich markierte die Werbebotschaft auch das Ende des Designerwahns. Das Kilo Versace kann man heute schon sehr viel billiger kriegen. Aber wer will das schon?
Es war eine künstliche neue Welt, in der die wagemutigen Herrenausstatter, die rechtzeitig auf die Italiener gesetzt hatten, sehr gut verdienten. Bei Kelly reichte es für ein kleines Sommerhaus in der Karibik und ein Chalet in der Schweiz. Aber es war für die Modeindustrie sicherlich auch ein Haifischbecken, weil viele kleine Firmen, die originelle Mode machten, schnell wieder verschwanden. Zu denen gehörte leider auch das Label Tyrone. 1994 war in den Textilmitteilungen zu lesen: Nach Trennnung von Brinkmann-Gruppe und Odermark aus konzeptionellen Gründen, steht die vor sechs Jahren eingeführte Marke italienisch inspirierter Mode auf eigenen Füßen. Solche Sätze bedeuten nichts Gutes, und irgendwann war es mit Tyrone vorbei. Zuvor waren sie sicher bei der Friedrich W. Brinkmann GmbH & Co. KG angesiedelt (nennt sich heute bugatti Holding), die sich damals mit der Linie der Designerin Doris Hartwich noch eine kleine Extravaganz leisteten. Doris Hartwich Herrenmode gibt es heute noch. Tyrone, seit 1994 immer weiter verkauft (unter anderem an die Schweizer Firma Ritex) scheint jetzt ein Label für Kinderkleidung zu sein.
Für die Fachwelt kam die Liquidierung der Tyrone Mode Vertriebs- GmbH, Herford zum 31.12. 1993 nicht so furchtbar überraschend, denn schon im Juni 1993 hatte Brinkmann mitgeteilt, dass Tyrone in Zukunft dem Label Fariani bei der Konzerntochter Odermark zugeschlagen werde: Fariani-Kunden können die Kollektion mit Fariani-Label kaufen, Tyrone-Kunden mit Tyrone-Label. Damit verliert eine Marke natürlich ihre Identität, wenn es am Schluss der Produktionskette völlig beliebig ist, welches label in das Teil genäht wird. Andererseits: war das nicht der Kern des ganzen Designerwahns, bei dem es nur auf das Label ankam und niemand wusste, wo und wie das Teil hergestellt wurde?
Angeblich waren es zwei Topleute von Windsor, die im Zorn von Windsor schieden und mit dem Label mit dem irischen Namen Tyrone unter dem Mantel der Brinkmann Gruppe Schutz fanden. Die Geschichte kann stimmen, ich habe in den letzten Jahrzehnten eine Menge Leute getroffen, die böse Dinge über die Firma sagten, seitdem der Firmengründer Gerhard Klasing da nichts mehr zu sagen hatte. Auf jeden Fall ähnelte das Konzept von Tyrone (mit modisch, hochwertigem Anspruch) dem der Firma Windsor in den besten Tagen, englische Stoffe und italienisch angehauchter Schnitt. Als ich Michael Rieckhof letzte Woche fragte, was ihm zu der Firma Tyrone einfiel, sagte er Tolle Schultern. Und das stimmt auch, das Tyrone Jackett, das in meinen Schränken mehr als zwei Jahrzehnte überlebt hat, hat eine beinahe italienische Schulter. Gut, kein Vergleich mit Kiton, aber es ging schon in diese Richtung. Die Produktion der Linie lag bei Odermark, die ja in der Brinkmann Gruppe auch für die Maßkonfektion zuständig waren. Die auch immer Sondergrößen führten, zum Beispiel durch ihre Athletic Linie. Was es in der deutschen Konfektion schon in den dreißiger Jahren als sogenannte Sportgrößen gegeben hatte, aber die Konfektion vergisst schnell. Zum Beispiel, dass man Knöpfe richtig gut annähen kann. Seit Oscar Wilde gesagt hat Fashion is a form of ugliness so intolerable that we have to alter it every six months, muss die Konfektionsindustrie das Rad zweimal im Jahr neu erfinden.
Als es Tyrone eines Tages nicht mehr gibt, entdeckt Kelly Diniz & Cruz. Und dann wieder eine andere Firma, das wird jeder Herrenausstatter tun, der seinen Kunden nicht das graue Einerlei von P&C anbieten will. Michael Rieckhof ist auch ständig dabei, etwas Neues zu entdecken. Originalität und Kreativität waren und sind das Geheimnis des Ladens. Herrenausstatter wie Michael Jondral in Hannover, der Heinrich Zapke beerbte, oder Rudolf Böll in Rottach-Egern definieren sich nur über den Preis, Originaltät und Kreativität spielen keine Rolle mehr.



























