Mittwoch, 24. April 2019

das gelbe Briefträgerrad


Rühmkorf steht bei mir neben Rilke, bei dem Buchstaben R drängelt es sich. Der Raabe, den ich erst im Alter entdeckte, nimmt viel Platz ein. Und dann kommt schon der Buchstabe S mit Schiller, Schmidt, Schnitzler und Stifter. Ich habe die deutsche Literatur alphabetisch geordnet, da gibt es dann schon einmal so seltsame Nachbarschaftsverhältnisse wie Rilke und Rühmkorf. Peter Rühmkorf hat mal gesagt: Ich schätze Rilke hoch, aber ich kann ihn nicht leiden! Das gefällt mir, ich mag Rühmforf lieber als Rilke, ich kann ihn immer lesen, ob es seine Tagebücher oder seine Gedichtbände sind. Und natürlich steht Über das Volksvermögen bei mir im Regal. Da ich den Dichter aus Oevelgönne schon in dem Post Alltagsleben erwähnt habe, ist es nur fair, ihn mit einem Gedicht zu Wort kommen zu lassen. Einem Liebesgedicht, das sich 1999 in dem Gedichtband Wenn - aber dann: vorletzte Gedichte findet. Da ist Rühmkorf siebzig, und er möchte auf die alten Tage / nochmals etwas machen / was nicht sofort auf Anhieb gefällt. Das ist ihm sicherlich gelungen:

Ich liebe Dich, Liebe, ich liebe,
und stündest Du jetzt in der Tür, 
ich schwöre Dir, ich verschriebe 
dem Satan die Seele dafür.

So richtig real zum Dranglauben,
mit aufgelassenem Haar,
tief hangende Goldregentrauben
wie ein Glanz vom vergangenen Jahr.

Ja, so weh geht die Jugend zu Herzen, 
so leicht zeigt der Geist sich beirrt – 
Nur schade, daß das Verschmerzen 
fast täglich beschwerlicher wird.

Eilposten hasten geschwindest
über See – über Land –
Wohl meinend, sie rührten zumindest 
einen eisernen Briefkastenrand.

Tief innen versiegelte Lieder 
(Ach, zieh sie dir ein und sei gut!) 
Fort-fort, und schon ist mir wieder 
zum Buchstabenkotzen zumut.

Denn der Rhythmus ist immer derselbe, 
und die Reime hat jedermann satt. 
Doch da sitz ich nun mal an der Elbe 
und warte wie wild auf das gelbe 
Briefträgerrad ...

Sonntag, 21. April 2019

Osterhasen


Neun Jahre im Netz, und die Ostergedichte gehen mir aus. Der beste Post zum Osterfest stand hier im Jahr 2014: ein schönes Gedicht, schöne Bilder. So etwas habe ich heute nicht, aber dafür habe ich mit dem Gedicht Der April von Erich Kästner das beste Osterhasengedicht:

Der Regen klimpert mit einem Finger
die grüne Ostermelodie.
Das Jahr wird älter und täglich jünger.
O Widerspruch voll Harmonie!

Der Mond in seiner goldnen Jacke
versteckt sich hinter dem Wolken-Store.
Der Ärmste hat links eine dicke Backe
und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.
Auch diesmal ist es dem März geglückt:
er hat ihn in den April geschickt.

Und schon hoppeln die Hasen,
mit Pinseln und Tuben
und schnuppernden Nasen,
aus Höhlen und Gruben
durch Gärten und Straßen
und über den Rasen
in Ställe und Stuben.

Dort legen sie Eier, als ob's gar nichts wäre,
aus Nougat, Krokant und Marzipan.
Der Tapferste legt eine Bonbonniere,
er blickt dabei entschlossen ins Leere
Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan.

Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden.
Dann werden noch seidene Schleifen gebunden.
Und Verstecke gesucht. Und Verstecke gefunden:
Hinterm Ofen, unterm Sofa,
in der Wanduhr, auf dem Gang,
hinterm Schuppen, unterm Birnbaum,
in der Standuhr, auf dem Schrank.

Da kräht der Hahn den Morgen an!
Schwupp, sind die Hasen verschwunden.
Ein Giebelfenster erglänzt im Gemäuer.
Am Gartentor lehnt und gähnt ein Mann.
Über die Hänge läuft grünes Feuer
die Büsche entlang und die Pappeln hinan.
Der Frühling, denkt er, kommt also auch heuer.
Er spürt nicht Wunder noch Abenteuer,
weil er sich nicht mehr wundern kann.

Liegt dort nicht ein kleiner Pinsel im Grase?
Auch das kommt dem Manne nicht seltsam vor.
Er merkt gar nicht, dass ihn der Osterhase
auf dem Heimweg verlor.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Osterfest.

Freitag, 19. April 2019

Karfreitag


John Donnes Gedicht Goodfriday, 1613. Riding Westward gehört bei mir zum Karfreitag dazu. Ebenso wie Brahms aufzulegen und das Deutsche Requiem zu hören. Donnes Gedicht tauchte zum ersten Mal hier im Jahre 2011 auf (und dieser Post stand hier auch schon einmal), wurde aber 2012 wieder erwähnt, als ich Andrew Hudgins präsentierte. Und der amerikanische Dichter aus den Südstaaten war auch der Dichter für den ersten Karfreitag meines Bloggerlebens. Es lohnt sich immer, Andrew Hudgins zu lesen. Es lohnt sich auch immer, John Donne zu lesen.

Er hat die Religion gewechselt, der König hat ihm dazu geraten. Aber nach all seinen Jugendsünden ist es ihm ziemlich gleichgültig, ob er jetzt anglikanisch oder katholisch ist: You know I never fettered or imprisoned the word Religion, immuring it in a Rome, or a Wittemberg, or a Geneva; they are all virtuall beams of one Sun. Er stieg in der Kirche auf und wurde Dean of St Paul's. Und er hielt großartige Predigten. Lesen Sie seine Predigten, sagte Professor Rudolf Haassie sind das Beste von Donne. Ich glaubte Rudolf Haas, denn er lud alle Erstsemester zum Spaziergang ein, Treffpunkt sonnabends um neun an der Sternschanze. Man konnte beim Spaziergang rund um Planten und Blomen mit ihm reden, über die Anglistik, über die Welt, kein anderer Professor machte das. Und weil ich Haas glaubte, war ich wahrscheinlich der einzige aus dem gut gefüllten Audimax, der abends in die Bibliothek des Englischen Seminars im Philosophenturm kam und Donnes Predigten las. Die Bibliothek war besser als mein Zimmer in St Pauli. Das war nicht schön, aber ich traf dort jeden Morgen, wenn ich Milch und Brötchen kaufte, diese hübsche junge Frau. Deren Geschichte schon in dem Post Vergil steht. Das war dieser Sommer, mein erstes Semester: John Donne zum Abwinken, Vergil auch, alle Vorkonzerte in der Laeisz Halle. Und diese hübsche Nutte in St Pauli, John Donne hätte sicherlich ein Gedicht für sie gehabt: If ever any beauty I did see, Which I desired, and got, ’twas but a dream of thee. Und für die schöne Frau mit dem roten Burberry, die ich jede Woche in der Vorlesung von Haas sah, auch.

Wenn ich heute das Gedicht Goodfriday, 1613. Riding Westward hier einstelle, dann hat das einen Grund. Denn ich kann eine deutsche Übersetzung liefern, die nicht im Internet steht. Ab jetzt schon. Sie ist 1996 in der Zeitschrift Freibeuter erschienen. Der Übersetzer der dort abgedruckten Gedichte von Donne ist Thomas Martin, von dem im selben Jahr auch die letzte Predigt von Donne übersetzt wurde. Es haben viele Übersetzer das ein oder andere Gedicht von John Donne übersetzt. Die ersten Übersetzungen nach dem Krieg waren von Werner Vortriede (John Donne: Metaphysische Dichtungen 1961) und der Islamistin Annemarie Schimmel (Nacktes denkendes Herz 1969).

Damals gab es John Griersons Ausgabe der Gedichte schon ein halbes Jahrhundert, aber es brauchte noch ein Jahrzehnt, bis man Donne neu entdeckte. 1923 schrieb T.S. Eliot: Our appreciation of Donne must be an appreciation of what we lack, as well as of what we have in common with him. What is true of his mind is true, in different terms, of his language and versification. A style, a rhythm, to be significant, must embody a significant mind, must be produced by the necessity of a new form for a new content.... The dogmatic slumbers of the last hundred years are broken, and the chaos must be faced: we cannot return to sleep and call it order, and we cannot have any order but our own, but from Donne and his contemporaries we can draw instruction and encouragement.

Die neueste Publikation, Schweig endlich still und lass mich lieben! Ein John-Donne-Lesebuch, stammt von Michael Mertes. Der war mal der Chefredenschreiber von Helmut Kohl, ich weiß nicht, ob der wirklich der richtige Mann für John Donne ist. Da sollte man lieber Erleuchte, Dame, unsere Finsternis: Songs Sonette Elegien von Wolfgang Held kaufen (man kann hier das sehr lesenswerte Vorwort von Held lesen). Eine akzeptable Sammlung stellt auch Werner von Koppenfels Buch John Donne: Alchimie der Liebe dar. Und die Übersetzungen von Maik Hamburger und Christa Schuenke sind auch zu empfehlen. Viele Übersetzer haben sich Häppchen aus Donnes Werk herausgepickt, eine Übersetzung aller Gedichte des bedeutendsten Dichters Englands seiner Zeit gibt es nicht. Aber dafür gibt es heute Karfreitag 1613. Westwärts reitend zum ersten Mal im Internet:

Karfreitag 1613. Westwärts reitend

Laß Menschen Seele eine Sphäre sein
Den Geist, der sich bewegt, laß Andacht sein 
Was noch an Sphären ist, gezeugt und zeugend
Durch fremde Kraft und der sich beugend 
Durch äußern Antrieb, denn der treibt die Norm
Daß sie im Jahr kaum ausfülln ihre Form.
Ist es Arbeit oder Lust, die Seele regt 
Nur aus dem Urtrieb sich und wird bewegt 
Das heißt, wenn westwärts ich getragen bin 
Beugt sich die Seele Richtung Osten hin 
Da sah ich Sonne die im Aufgang sinkt 
Und untergehend endlos Taglicht bringt.
Am Kreuz der Schmerzensmann stieg auf und fiel 
Denn Sünde hat verdunkelt Start und Ziel. 
Beinah denk ich froh zu sein: nichts sehe ich 
Das Große Spiel, es ist zu schwer für mich. 
Wer Gott, dem Leben, ins Gesicht sieht, stirbt 
Was für ein Tod, zu sehen wie Gott selber stirbt. 
Natur, sein bestes Spielzeug, hegt im Dreck 
Sein Steg sank ein, die Sonne scheint zum Gegenzweck.
Kann ich die Sphären stimmen, Pole tragen 
Mit Händen, die am Kreuz zerschlagen? 
Kann ich die Höhe greifen, vom Zenit 
Zu Antipoden, und begreifen was geschieht 
Dort unter uns, kann ich sein Blut ansehn 
Aus dem die Seeln, nur seine nicht, entstehn. 
Und Erde holn zurück aus Staub, das Tuch
Das Gottes Fleisch war, jetzt zerlumpt, ein Fluch?
Wenn das zu sehen mir die Kraft schon fehlt
Wie seine Mutter ansehn, die sich quält 
Die Teil von Gott war und die Hälfte gab
Zum Opfer, lösend uns vom letzten Grab
Westwärts reitend fehlt dem Auge was ich sah
Nur in Gedanken ist der Vorgang nah.
Kann ich vergessen, daß du mich bedenkst
Heiland, der du vor mir am Querholz hängst 
Ich zeig den Rücken dir: vor dein Gericht 
Muß ich, bis dein Erbarmen Milde spricht. 
Sieh an mein Übel, daß du strafst mich bald 
Brenn meinen Schorf aus, meine Mißgestalt 
Rück mir dein Bild zurecht, zeig Gnade mir 
Daß du mich kennst, und ich kehr mein Gesicht zu dir.

Den englischen Text finden Sie hier. Und dann habe ich das Gedicht noch vorgelesen, mit Musik und Bildern. Und noch ein Video, vorgetragen von jemandem, der mit zwei Collies durch die Landschaft wandert und dabei John Donne rezitiert. Ich weiß nicht, was John Donne dazu gesagt hätte.

Donnerstag, 18. April 2019

Transformationen


Ein alter Medizinprofessor fährt in dem Film Wilde Erdbeeren  (Smultronstället) durch Schweden. Er nimmt drei Anhalter mit, wenn man so will, ist  der Film ein road movie. Das hier auf dem Rücksitz ist die Anhalterin Sara, sie erinnert den Professor an seine Jugendliebe, die auch Sara hieß. Beide Rollen werden im Film von Bibi Anderson gespielt, die ist gerade im Alter von 83 Jahren gestorben, da muss sie mal eben erwähnt werden. Es gibt in diesem Blog schon seit Jahren einen Post, der Bibi Andersson heißt, der seit Tagen immer wieder angeklickt wird. Doch es soll heute nicht um schwedische Schauspielerinnen gehen, es ist Poetry Month, und da fragen wir uns: gibt es in Wilde Erdbeeren ein Gedicht?

Es gibt eins. Und zwar ziemlich genau in der Filmmitte, als der Professor Isak Borg mit den Studenten, die er als Anhalter mitgenommen hat, zusammensitzt:

Var är den vän som överallt jag söker?
När dagen gryr, min längtan blott sig öker;
När dagen flyr, jag än ej honom finner,
Fast hjärtat brinner.

Jag ser hans spår, varhelst en kraft sig röjer,
En blomma doftar och ett ax sig böjer.
Uti den suck jag drar, den luft jag andas,
Hans kärlek blandas.

Ack, när så mycket skönt i varje åder
Av skapelsen och livet sig förråder,
Hur skön då måste själva källan vara,
Den evigt klara!

Geschrieben wurde der Text von dem Dichter und Theologen Johan Olof Wallin, er wird auch als Kirchenhymne nach einer Melodie von Johan Crüger gesungen. Der Pastorensohn Ingmar Bergman wird sich etwas dabei gedacht haben, als er diesen Text in der Mitte des Films plazierte. Der Medizinstudent Viktor sagt, als die Gruppe den Text gemeinsam zusammen bekommen hat: Als Liebesgedicht ist es nicht schlecht. So kann man es lesen. Man kann es aber auch, obgleich Gott nicht erwähnt wird, als ein christliches Gedicht verstehen. Der Text taucht übrigens in einem ganz anderen Film wieder auf, in Ma saison préférée von André Téchiné wird er Catherine Deneuve in den Mund gelegt (und da hat der Text nichts mit Gott zu tun):

Mais où est donc l'ami que toujours et partout je cherche ? 
Dès le jour naissant mon désir ne fait que croître
Et quand la nuit s'efface, c'est en vain que je l'appelle...
Je vois ses traces pourtant, je sens qu'il est présent 

Partout où la sève monte de la terre,
où embaume une fleur et où s'incline le blé doré
Je le sens dans l'air léger dont le souffle me caresse et que je respire avec délice.
Et j'entends sa voix qui se mêle au chant d'été.


Für den Übersetzer bietet Wallins Text keine große Schwierigkeiten. Ich übersetze mal eben die erste Strophe:

Wo ist der Freund überall, den ich überall suche? 
Wenn der Tag wächst, nimmt mein Verlangen nur zu; 
Wenn der Tag vergeht, finde ich ihn nicht
obgleich mein Herz verbrennt.

Aber in dem von Irene von Schering ins Deutsche übersetzten Drehbuch des Filmes finden wir an dieser Stelle etwas ganz anderes:

Wenn ich ihn nur habe,
Wenn er mein nur ist,
Wenn mein Herz bis hin zum Grabe
Seine Treue nie vergißt:
Weiß ich nichts von Leide,
Fühle nichts, als Andacht, Lieb und Freude.


Dieses Gedicht hat mit dem Original nun überhaupt nichts zu tun, es ist die erste Strophe eines geistlichen Liedes von Novalis. Hier wird alles verändert, alles in eine ganz andere Richtung gelenkt. Es ist eine übersetzerische Todsünde.

Wilde Erdbeeren ist der wohl persönlichste Film von Ingmar Bergman. Bibi Andersson, die schon Nebenrollen in zehn Filmen gehabt hatte, war über ihre Rolle als blonde Studentin Sara nicht glücklich. Ihre Beziehung zu Bergman, mit dem die 22-jährige Schwedin damals zusammenlebte, war auch dabei in die Brüche zu gehen. Mit fünfzehn hatte sie zum erstenmal vor Bergmans Kamera gestanden, in einem Werbefilm für eine Seifenfirma. Es wird noch einige Jahre brauchen, bis sie nicht mehr nur die hübsche Blonde ist, sondern als Charakterschauspielerin akzeptiert wird.

Wenn man alles über Wilde Erdbeeren wissen will, dann ist das Büchlein von Philip und Kersti French in der Reihe der BFI Classic das beste, das man kaufen kann. Noch mehr Bergman in diesem Blog in den Posts: Ingmar Bergman und Schweigen. Noch mehr Schweden und Schwedinnen in: Schwedinnen, Désirée, SkandalElvira Madigan, Liebestod, Nationalstolz, Monica Zetterlund, Mireille Darc, Vera Miles, Ann-Margret, Mein Dänemark, Talsperren, Nikolaus, Jugendkultur, Anders Zorn, Charles Frederick Worth, Michael Ancher, Zeitlos, John Peter Russell, Lieutenant Lindhövel, Findorff, Seeschlacht, Kieler Frieden, Giuseppe Verdi, Briefwechsel, Sjöwall Wahlöö, Maj Sjöwall, Henning Mankell

Dienstag, 16. April 2019

Women are really much nicer than men


Der englische Schriftsteller Kingsley Amis (der hier schon einen ausführlichen Post hat) wurde am 16. April 1922 geboren. Sein erster Gedichtband Bright November erschien 1947, im Jahre 1951 erklärte der junge Autor: Nobody wants any more poems about philosophers or paintings or novelists or art galleries or mythology or foreign cities or other poems. At least l hope nobody wants them. Von Philosophen und von Malerei handelt sein Gedicht Something Nasty in the Bookshop (das später in A Bookshop Idyll umbenannt wurde), zweifellos nicht:

Between the Gardening and the Cookery
Comes the brief Poetry shelf;
By the Nonesuch Donne, a thin anthology
Offers itself.

Critical, and with nothing else to do,
I scan the Contents page,
Relieved to find the names are mostly new;
No one my age.

Like all strangers, they divide by sex:
Landscape Near Parma
Interests a man, so does The Double Vortex,
So does Rilke and Buddha.

“I travel, you see”, “I think” and “I can read'
These titles seem to say;
But I Remember You, Love is my Creed,
Poem for J.,

The ladies’ choice, discountenance my patter
For several seconds;
From somewhere in this (as in any) matter
A moral beckons.

Should poets bicycle-pump the human heart
Or squash it flat?
Man’s love is of man’s life a thing apart;
Girls aren’t like that.

We men have got love well weighed up; our stuff
Can get by without it.
Women don’t seem to think that’s good enough;
They write about it.

And the awful way their poems lay them open
Just doesn’t strike them.
Women are really much nicer than men:
No wonder we like them.

Deciding this, we can forget those times
We stayed up half the night
Chock-full of love, crammed with bright thoughts, names, rhymes,
And couldn’t write.

Es ist ein vielzitertes, häufig nachgedrucktes Gedicht. Aber wie vieles bei Amis ist hier nichts wirklich eindeutig. Es wäre ja schön, wenn die Zeilen Women are really much nicer than men: No wonder we like them das bedeuten würden, was da steht. Aber bei einem misogynen Macho wie Amis kann man da nicht so sicher sein. Klingt da nicht eine gewisse Herablassung gegen weibliche Lyrikleser (oder Dichterinnen) durch, die sich mit gefühlvollen Liebesgedichten zufriedengeben? Völlig falsch, sagt Kingsley Amis. Er sagt das in einem Brief an Jan Montefiore, die gerade an ihrem Buch Feminism and Poetry: Language, Experience, Identity in Women's Writing schreibt: But please let me say that your interpretation of the poem is, I think, misguided. I really don't suggest (nor is it my opinion) that the love-poem is a quintessentially female mode; I was trying to make a more general point that women are less inhibited about expressing their feelings than men are, at any rate in our society. And though I'm pleased you think the poem good-natured, surely the people it patronises are not women but men, who cut a pretty sorry figure in the last verse.

Eine andere Engländerin wird immer wieder im Zusammenhang mit Amis zitiert, und das ist Wendy Cope, deren erster Gedichtband bei T.S. Eliots Verlag Faber & Faber erschien. Hier schreibt keine feministische Literaturprofessorin, hier schreibt eine Frau wunderbaren light verse unter dem Titel Making Cocoa for Kingsley Amis. Die Gattung light verse ist ja seit dem 19. Jahrhundert fest in englischer Hand, wenn wir an Edward Lear und Lewis Carroll denken. Und vielleicht ist ja auch A Bookshop Idyll von Kingsley Amis nichts anderes als light verse. Amis kommt in dem Buch von Wendy Cope allerdings gar nicht vor. Er taucht nur in der Titelzeile Making Cocoa for Kingsley Amis in dem letzten Gedicht auf:

It was a dream I had last week
And some kind of record seemed vital.
I knew it wouldn't be much of a poem
But I loved the title.

Wendy Copes Freundin Valerie Grove hat über den Buchtitel gesagt: Her first collection, in 1986, was called 'Making Cocoa for Kingsley Amis', a bold move since she had never, at the time, met him, a man not hard to vex. It was I who brazenly rang him on her behalf, to find out what he thought of her stuff. Luckily he thought it bloody good. He admired her adherence to traditional metres ("She might never have heard of Ezra Pound," he said approvingly) and, to her amazement, turned up to her launch party.

Zum Thema Männer und Frauen hat Wendy Cope, die in ihren besten Gedichten an Betjeman und Larkin erinnert, auch etws zu sagen:

Bloody men are like bloody buses-- 
You wait for about a year 
And as soon as one approaches your stop 
Two or three others appear.

You look at them flashing their indicators, 
Offering you a ride. 
You're trying to read their destinations, 
You haven't much time to decide.

If you make a mistake, there is no turning back. 
Jump off, and you'll stand there and gaze 
While the cars and the taxis and lorries go by 
And the minutes, the hours, the days.

Sonntag, 14. April 2019

muss nicht sein


Ich weiß nicht, ob Ihnen der Name Adolf Friedrich Graf von Schack (der am 14. April 1894 in seinem geliebten Rom starb) etwas sagt. Der war einmal berühmt, heute kennt ihn wahrscheinlich kaum noch jemand als Dichter. Als Namensgeber der Münchener Sammlung Schack kennt man ihn schon noch. Aus der im Trevo Brunnen badenden Anita Ekberg können sie schließen, dass es heute ein Gedicht über den Trevi Brunnen geben wird:

Früh schon hab′ ich, fast noch Knabe,
Meine Lippen so wie jetzt,
Quelle Trevi, an der Labe
Deiner reinen Flut genetzt.

Und von deinem Zaubertranke
An die ew′ge Stadt gebannt,
Jahr für Jahr, der Sehnsuchtkranke,
Zog ich an den Tiberstrand.

Saß auf bröckelndem Gesteine,
Wo Metellas Asche ruht,
Schweifte in Egerias Haine,
Schlürfte, Quell, von deiner Flut.

Und auf mich, da der Albaner
Berge wieder vor mir blaun,
Seh′ ich nun als ernsten Mahner
Cestius′ Denkstein niederschaun.

Sei′s! Muß ich zum letztenmale
Schöpfen aus dem Trevistrom,
Noch die randgefüllte Schale
Weih′ ich dem geliebten Rom.


1835 hatte Schack den Trevi Brunnen zum erstenmal gesehen, es war der Beginn einer lebenslangen Begeisterung für Italien, an deren Ende dieses Gedicht steht. Wenn Sie noch mehr Gedichte von Adolf Friedrich Graf von Schack lesen wollen, klicken Sie diese Seite an. Muss aber nicht sein. Noch mehr über römische Wasserspiele finden Sie in dem Post Trevi Brunnen.

Samstag, 13. April 2019

Adieu


Thomas Jefferson wurde am 13. April (nach dem gregorianischen Kalender) 1743 geboren. Er hat viel geschrieben, sehr viel. Die Unabhängigkeitserklärung, Essays und tausende von Briefen. Die kritische Ausgabe der Jefferson Papers ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber er hat erstaunlicherweise keine Gedichte geschrieben. Dabei war er an der Dichtung interessiert, den Dichter Philip Freneau hat er gefördert. Andererseits hat er, und das war kein schöner Zug von ihm, Phillis Wheatley verhöhnt. Die Klassiker kannte er, die englischen Dichter des 18. Jahrhunderts las er mit lebenslangem Interesse, sogar Byrons Freund Thomas Moore, der ihn kritisierte, schätzte er. Die englischen Romane des 18. Jahrhunderts interessierten ihn nicht.

Jefferson mag im Alter Gelegenheitsgedichte geschrieben haben, da ist man sich nicht so sicher. Ein Gedicht von Jefferson ist uns allerdings zweifelsfrei überliefert, es heißt A death-bed Adieu, er hat es wenige Tage vor seinem Tod für seine Tochter Martha Randolph geschrieben:

Life's visions are vanished, its dreams are no more.
Dear friends of my bosom, why bathed in tears?
I go to my fathers; I welcome the shore,
which crowns all my hopes, or which buries my cares.
Then farewell my dear, my lov'd daughter, Adieu!
The last pang in life is in parting from you.
Two Seraphs await me, long shrouded in death;
I will bear them your love on my last parting breath.

Wenn Jefferson schon nicht dichtet, so dichten doch die amerikanischen Dichter über ihren ehemaligen Präsidenten. In dem Jefferson Post vor sechs Jahren hatte ich ein Gedicht von Lorine Niedecker vorgestellt, aber es gibt noch mehr. Vor wenigen Jahren erschien Monticello in Mind: Fifty Contemporary Poems on Jefferson (Sie können hier die Einleitung lesen). Aus diesem Band nehme ich mir für den heutigen Tag mal eben ein Gedicht von Lucille Clifton. Es hat den Titel monticello und den Untertitel (history: sally hemmings, slave at Monticello, bore several children with bright red hair):

God declares no independence. 
here come sons from this black sally 
branded with Jefferson hair.