Mittwoch, 14. Dezember 2016

Schreiben


Auf der Suche nach den Weihnachtskarten, die ich irgendwo gut versteckt hatte, habe ich mehrere schöne orangefarbene Schulhefte in der Schreibtischschublade gefunden. Ich hatte sie vor Jahrzehnten beim Skiurlaub in Reutte gekauft, das wusste ich noch, eine tolle Qualität. So etwas findet man heute gar nicht mehr. Vorne steht auch Made in Austria drauf. Dass ich im Skiurlaub war, ist ein klein wenig gelogen. Ich hasse Skilaufen und Bergfexe, ich bin Norddeutscher. Südlich von Hannover werde ich unruhig. Ich habe meinen speziellen Bergurlaub schon in den Post Nick Drake hinein geschrieben. Weil Nick Drake das Beste an diesem Urlaub war.

Eins der Hefte war schon vollgeschrieben. Flüchtige Augenblicke stand über der ersten Seite. Das ganze Heft war voll von flüchtigen Augenblicken. Ich wusste nicht mehr, dass ich in dem Heft Teile meiner Autobiographie mit dem Titel Bremensien in Stichworten konzipiert hatte. Ich dachte, ich hätte die gleich in den Computer geschrieben. Wie man sich doch täuschen kann. Ich weiß noch, was für ein Wetter bei der Währungsreform war, als es das neue Geld gab; aber ich weiß nicht mehr, dass ich vor sieben Jahren gleichzeitig in den Computer und in ein orangefarbenes Heft der österreichischen Firma Ursus schrieb. Wahrscheinlich war ich so fasziniert von der neuen Technologie, dass ich - undankbar wie ich war - die gute alte Kugelschreiber (mit einem Füllfederhalter wie Thomas Mann könnte ich nie schreiben) und Papier Methode vergaß.

Und damit bin ich wieder beim Schreiben. Warum schreibe ich? Ich weiß es nicht wirklich. Sieh, liebes Kind, das ist ein Vorzug, den die Leute haben, die nicht schreiben: sie kompromittieren sich nicht, hat Goethe gesagt. Als ich zu studieren begann, schrieb ich Filmkritiken. Filmkritiker zu werden, erschien mir als das Größte. Und ich schrieb Briefe, das habe ich heute vollkommen aufgegeben. Liegt vielleicht auch daran, dass viele der Brieffreunde tot sind. Man schreibt immer gegen den Tod an.

Natürlich schrieb ich im Studium Seminararbeiten; gegen den Strich, wie meine Aufsätze am Gymnasium. Ich schrieb eine Doktorarbeit, die die Fakultät die Nase rümpfen ließ. Als sie als Buch erschien und in der Zeit wohlwollend besprochen wurde, rümpfte man die Nase noch mehr. Dann schrieb ich wissenschaftliche Aufsätze, Lexikonartikel und Rezensionen, das gehörte zum Beruf. Da hieß es publish or perish. Aber dieser immer wieder zitierte Satz gilt nicht wirklich. Ich kenne Leute, die nach ihrer Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit nie wieder etwas veröffentlicht haben. Und Leute, die Professoren geworden sind, ohne je etwas geschrieben zu haben. Alle Universitätsromane, die solch eine Geschichte erzählen, sind wahr. Vor Jahren äußerte ein Leser die Vermutung, dass ich in meinem Blog meine alten Unterlagen aus der Uni recyclen würde. Dazu konnte ich in einer Mail nur sagen: Sorry, ich habe gar keine Unterlagen. Und ich kann darauf verweisen, dass von den über 1.900 Posts nur ein halbes Dutzend zuvor in Zeitschriften, Büchern oder Lexika veröffentlicht wurde. Alles andere ist für diesen Blog geschrieben.

Wenn ich früher in einen Hörsaal ging, hatte ich bestenfalls eine DIN A 6 Karteikarte mit einigen Namen und Daten dabei. Ich verließ mich auf mein gutes Gedächtnis, das mein Onkel Karl auch hatte (mein Bruder aber nicht). Natürlich war ich vorbereitet. Wie ein Schauspieler, der seine Rolle beherrscht. Als ich mal einen Vortrag im Audimax hielt, hatte ich ein getipptes Manuskript in der Hand. Ich dachte, das sei man einem Auditorium Maximum schuldig. Ich habe immer diesen naiven Kinderglauben an altehrwürdige Institutionen. Obgleich ich es besser weiß. Ich habe das Manuskript nach einer Minute aus der Hand gelegt, ich muss frei sprechen, anders kann ich nicht. Das sind die Probleme einer Rampensau.

Wenn man an der Uni aufhört, schreibt man ein Buch. Sagen unzählige Wissenschaftler, wenn sie nach der Pensionierung von ihrer örtlichen Tageszeitung interviewt werden. Muss es sein? Shall we forever make new books, as apothecaries make new mixtures, by pouring only out of one vessel into another? Ich zitiere Laurence Sterne immer wieder gerne. Ich wollte kein Buch mehr schreiben. Es wird Sie sicher nicht überraschen, dass ich eine lange Publikationsliste habe. Damit will ich Sie nicht langweilen, aber ich möchte anmerken, dass ich immer verständlich geschrieben habe. Häufig zu essayistisch für einen Wissenschaftler, dafür war ich berüchtigt.

Als ich die Uni verließ, stand für mich eins fest: nie mehr akademische Publikationen, nie mehr Vorträge, keine Bücher. Darüber hinaus hatte ich keine festen Vorstellungen. Wieder Malen? Besser Klavier spielen? Die Memoiren schreiben? Ich fing mit letzterem an. Holte eine vierzig Jahre alte Mappe aus der Schublade auf der Anti-Bremen stand. In der das Konzept war, aus dem dann die hier immer wieder zitierten Bremensien werden sollten. Wo man im Vorwort lesen kann:

        Ich wollte dies immer schon schreiben, eigentlich habe ich ungefähr 1965 damit angefangen, im Kopf meinen Bremen Roman zu schreiben. 'Anti-Bremen' sollte er heißen, das steht auf jeden Fall auf einem alten Schulheft, in dem er begonnen wurde. Ich habe immer wieder angefangen, aber alle Notizen immer wieder in das Mäppchen gelegt. Als ich jetzt anfing zu schreiben, habe ich in die inzwischen farblich verblichene Mappe nicht mehr hineingeguckt. Ich hatte den größten Teil schon im Kopf, als mir mein Universitätsinstitut zum Abschied meinen alten Mac schenkte, einstmals der beste Computer im Institut, den mir unsere Sekretärin einmal zugeschanzt hatte, weil ich der einzige war, der niemals Computerwünsche geäußert hatte – und auch nie einen Computer hatte. Die ersten Wochen habe ich sinnlos E-Mails geschrieben und gesurft. Bis mir ein Schweizer Brieffreund schrieb, ich solle mein literarisches Talent nicht mit der Kleinform E-Mail vergeuden, wenn ich noch etwas Größeres vorhätte, dann sollte ich jetzt damit anfangen. Das hat mich zuerst geärgert, und ich habe ihm geantwortet, dass Fontane auch erst mit siebzig 'Effi Briest' geschrieben hätte. Aber insgeheim wusste ich, dass er Recht hatte.

Ich habe mein ganzes Leben lang geschrieben, all dies wissenschaftliche Zeug, und das ist eine einsame Tätigkeit gewesen. Man redete in meiner Generation mit niemandem über das, worüber man gerade schrieb, Wissenschaft hieß Autarkie und Einsamkeit. Auf jeden Fall bevor das copy and paste chic wurde. Da hatte Humboldt mit seinem Einsamkeit und Freiheit etwas angerichtet. Als ich die Bremensien begann, beschloss ich, Freunde und Bekannte (die ich meine Testleser nannte) von Anfang an zu beteiligen. Und vielleicht auch ein wenig auszubeuten. Aber nur ein klein wenig. Hätte ich all das gesammelt, was sie mir schrieben (und häufig waren ihre Erinnerungen viel genauer und schöner als meine), hätte ich ein zweites Buch fertig. Mein Text hatte bei vielen einen meeutischen Effekt, wie Peter K. das nannte. Viele meiner Testleser begannen, über ihr eigenes Leben nachzudenken und darüber zu schreiben, memory hold-the-door

Wenn ich nicht Prousts Suche nach der verlorenen Zeit gelesen hätte, als ich jung war, ich hätte mich nicht an den Text der Bremensien gewagt. Ich habe bei der Lektüre von Proust, wie auch meiner jugendlichen Lektüre von Flaubert und Stendhal, damals mehr über die Kunst des Romans erfahren, als ich in meinem ganzen Literaturstudium erfahren habe. Wenn ich ehrlich bin, habe ich in dem Studium der Germanistik und Anglistik gar nix gelernt, bei der Kunstgeschichte ist das anders. Mein Freund Volker, der kein Literaturwissenschaftler ist, hat gesagt, dass in meinem Text viel Sediment ist. Ja, das ist richtig, auch wenn Sediment kein etablierter literaturwissenschaftlicher Terminus ist. Ich habe versucht, ohne den Text wirklich literarisch zu machen (was nicht zu der gewählten Stimme gepasst hätte), ihn so dicht zu machen, dass die mimesis schon merklich ist. Und das sind da so Sätze wie: Als sie ihre Schwiegermutter mit Gustav seinem kleinen Laster da aus dem Feuersturm rausgeholt hat. Und die ist für die Heldentat ihrer Schwiegertochter gar nicht richtig dankbar gewesen und wollte wieder nach Hamburg zurück. Nach dem, was davon übrig war. Man will immer zurück in die Heimat. Drei Sätze, und dahinter eine ganze Geschichte, Familiengeschichte.

Manchmal hätte ich vielleicht besser in alle meine Altpapierzettel-Entwürfe aus den letzten fünfzig Jahren schauen sollen. Beim Aufräumen all dieser Unterlagen fiel mir eine vergilbte Seite heraus, die aus den achtziger Jahren stammen musste. Und da drauf stand in Stichworten alles, aber auch alles, was inzwischen längst ein eigenes Kapitel geworden war. Aber ich kann ja noch lernen, ich bin ja noch am Schreiben. Eigentlich fange ich jetzt erst an. Nach einem Jahr des Schreibens hatte ich 471 Seiten beschrieben. Einen Schluss hatte ich auch schon:

       Ich klaue mir für den Schluss einen Satz, den Thomas Mann sich im Frühjahr 1904 in seinem Notizbuch notierte (und der von einem Größeren als Tommy stammte): J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy.

Ich wusste, ich musste noch fünf oder sechs Kapitel schreiben, dann zweihundert Seiten streichen, dann wäre ich fertig. Es ist eine deprimierende Sache, mit einem Buch fertig zu sein. Man freut sich da nicht wirklich. Und in dieser Phase entdeckte ich die Welt des Blogs. Ich sicherte meine Bremensien auf einer externen Festplatte und zwei Sticks und stürzte mich in das Abenteuer der Blogosphere. Weil ich schreiben muss. Ich weiß nur, dass ich den Vormittag ausfüllen muss. Ich kann vormittags nichts mit mir anfangen. Wenn ich nicht irgendetwas mache, komme ich aus der Depression des Vormittags nicht heraus. Nachmittags und abends geht es mir gut, da kann ich auf das Schreiben als Therapie verzichten. Obgleich ich natürlich auch abends und nachts schreiben kann. Aber man soll es auch nicht übertreiben. Doch manchmal, wenn ich nicht schlafen kann - das kommt mit dem Alter, sagt mein Hausarzt - setze ich mich noch an den Computer, schreibe einen Absatz. Aber eigentlich will ich zurück in die Träume.

Als ich noch an der Uni war, war der Tag strukturiert. Ich saß morgens um acht - elegant gekleidet - an meinem Schreibtisch. Ich schrieb da nichts, außer Gutachten. Ich hatte auch keinen Computer. Studenten, die mir gegenüber saßen, konnten mich sehen. In anderen Zimmern sahen sie nur einen Computer, hinter dem sich ein Dozent versteckte. Einen Computer bekam ich erst in den letzten beiden Jahren. Alle anderen hatten da ihren zweiten oder dritten. Leute, die völlige Computeranalphabeten waren und gerade mal ihre E-Mails lesen konnten, beantragten für sich Flachbildschirme. Als unsere Sekretärin mir das damals neueste Mac Modell spendierte, machte mich das zu einem begehrten Menschen, alle wollten auf meinem Computer schreiben. Ich erlaubte es ihnen gerne, ich brauchte den Computer eigentlich gar nicht. Ich stellte ihn auch so auf den Schreibtisch, dass die Studenten mich weiterhin sehen konnten.

Kurz bevor ich an der Uni aufhörte, entdeckte ich etwas wirklich Seltsames: ich konnte direkt in den Computer schreiben. Wenn ich vorher schrieb, dann war das zu Hause. Mit dem massiven Schreibbrett von Leitz in der Hand in meinen Lieblingssessel geknüdelt. Und mit viel Musik. Was ich schrieb, wurde durchgestrichen, überarbeitet, in mehreren Farben korrigiert. Dann neu geschrieben. Dann abgetippt. Und beim Tippen natürlich wieder überarbeitet. Manchmal vermisse ich meine Schreibmaschine, aber der Matthias hat mir vor Monaten diese tolle neue Mac Tastatur geschenkt. Ist hart wie eine Schreibmaschinentastatur, da muss man richtig draufrumhämmern. Technologie mit Retro Touch.

Schrieb ich nicht, ging ich spazieren. Das gehörte zum Schreiben dazu. Durch die Stadt zu flanieren, Rolltreppen in jedem Kaufhaus zu fahren, ist eine wunderbare Ablenkung. Der Schauspieler Ulrich Wildgruber hat einmal in einem Interview gesagt, dass er auf diese Weise seine Rollen lernte. Ich dachte bei meinen Exkursionen als mall rat nicht im Geringsten an das Schreiben. Ich atmete die Stadt ein, schaute schönen Frauen nach und schaute mir die Sonderangebote bei den Herrenausstattern an.

Wenn ich nach Hause kam, kochte ich mir einen Tee, kuschelte mich in meinen Sessel, legte eine Platte auf (oder eine CD ein) und fing an zu schreiben. Ich habe immer mit Musik im Hintergrund geschrieben, schon als Schüler. Heute ist es Jazz oder Johann Sebastian Bach. Mozart, immer wenn der Tinnitus wieder schlimm ist. Es ist irgendetwas in mir, das schreibt, ohne dass ich darüber nachdenken muss. Ich weiß nicht, wie das funktioniert. Ich will es auch lieber nicht wissen. Aber glücklicherweise funktioniert es immer wieder. Und jetzt auch morgens um acht am Computer. Wenn der Tee neben mir steht. Und ich mir die erste Pfeife stopfe.

Übrigens mit William Shakespeare. Nein, im Ernst, ich habe einen Pfeifenstopfer aus Messing mit Shakespeares Konterfei im Profil. Konnte man mal bei Astley's in der Jermyn Street kaufen, den Laden gibt es auch nicht mehr. Wie viele Dinge, über die ich schreibe. Wie meine Traumwelt, es ist seltsam, ich träume nur über Dinge, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Soll ich mich mal mit meinem shrink darüber unterhalten? Ich habe jetzt eins der österreichischen Hefte genommen, um meine Träume hineinzuschreiben. Mit dem luxuriösen grünen Pelikan Rollerball. Damit es wenigsten ein bisschen nach Füllfederhalter und Thomas Mann aussieht. Aber im Gegensatz zu Tommy, der Unser täglich Blatt gieb uns heute! ins Tagebuch geschrieben hat, habe ich kein Problem mit den täglichen Seiten. Mit den Träumen eher.

Wenn man noch mit dem Bleisatz groß geworden ist - wo man übertriebene Änderungen als Autor selbst bezahlen musste - dann ist dieses desktop publishing mit dem WYSIWYG (What You See Is What You Get) eine faszinierende Sache. Es verführt einen auch dazu, alles gut zu finden, nur weil es wie gedruckt aussieht. Früher war es ein langer Weg, bis man gedruckt wurde. Heute geht das zu schnell. Es wird auch zu viel geschrieben. Aber was soll ich machen, wenn ich nicht schreibe? Das wahre Leben, das endlich entdeckte und erhellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben ist die Literatur: jenes Leben, das in gewissem Sinn jederzeit allen Menschen so gut wie dem Künstler innewohnt. Proust hat schon recht.

Hätte ich die letzten Jahre die Klaviertasten so bearbeitet, wie ich meine Tastatur bearbeite, dann würde ich heute bestimmt ganz gut Klavier spielen. Aber Sie hätten dann nichts zu lesen gehabt. Und für die Weihnachtslieder und ein wenig Bach reicht es eh noch gerade.


Ich habe aus meinen Erinnerungen an Bremen in den letzten Jahren immer wieder ein Häppchen in den Blog gestellt. Aus dem Zusammenhang gerissen, gekürzt und bearbeitet. Aber trotzdem lesbar. Wenn Sie mehr lesen wollen: Anfänge, Gaudeamus Igitur, Schreiben, silvae: Wälder: Lesen, perlegi, Lieutenant Lindhövel, Teufelsmoor, Gräber, Zweite Heimat, Gudrun, Langeoog, Mein Dänemark, Liaisons dangereuses, Heinrich Hannover, Karl Lemke, Tränenregen, Grand Hotel, Findorff, Flandern, Photoalbum, Paris, Sommer 1959, Uniformen, Fallex, Elysée Vertrag, Winston Churchill, Nachtfahrt, Mein Klavier, Gisela von Stoltzenberg, Wolle, Peter C.W. Gutkind, Kunstgeschichte 1965, Ingeburg Thomsen, Des Königs Jaguar, Sünnerklaas, Cato Bontjes van Beek, Rickie Lee Jones, Talsperren, Wuddel, Züchtigung, Wilde Justiz, Novemberprogrome, Kohl und Pinkel, Cutty Sark, Borgward, Heimatkunde, Hafenstraße, Klassentreffen, Mordsee, Hochwasser, Lush Life, Moor, Niels Bohr, Heinrich Vogeler, ave atque vale, Die Weser: ein langer Fluss, ein langer Text, Michael Hamburger, Mit siebzehn, Bauarbeiten, Geburtstagsfeier, Strände, Tagesausflug, Wiederholungen, le grand amour, Kunsterziehung, romancier manqué, Vergessen, Hafenrundfahrt, Auch ein Weihnachtsfest, giftgrün, Tagebücher, eine seltsame Geschichte, Kakao, Fifty Shades of Grey, Print on Demand, Holland, zwei Opern in Berlin, nach sechzig Jahren, Satyrspiel, die Villa Fritze, Verwandte, Geistiges Bremen, Photos, ungeordnet, Kino, das Haus, Bellevue, Christine, Beate, exis, ce n'est jamais fini, Après moi le déluge, Bremen, 8. Mai 1945, meine UhrmacherWittheitmanoeuvre, verschwindende Bäder

Sonntag, 11. Dezember 2016

Friedrich Ahlers-Hestermann


Ich wusste gar nicht, dass Sie an der Milchwirtschaft interessiert sind, sagte ➱Friedrich Hübner zu mir. Wir standen im ➱Antiquariat Eschenburg, ich hatte ein Buch von Friedrich Ahlers-Hestermann in der Hand. Das mit der Milchwirtschaft war nun sehr witzig, weil das Buch von Ahlers-Hestermann den Maler Thomas Herbst zum Thema hatte. Und der hat ja gerne Kühe gemalt. Der Hamburger Maler und Kunstschriftsteller Friedrich Ahlers-Hestermann (hier ein Selbstportrait) ist am 11. Dezember 1973 im Alter von neunzig Jahren gestorben. Er kam aus einer feinen Hamburger Kaufmannsfamilie (sein Vater war der Leiter der Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft), aber für die Ahlers-Hestermanns galt nicht, was ➱Ascan Klée Gobert über das Hamburger ➱Patriziat geschrieben hatte: Von den Vätern wurde - parallel dem anonymen Kapitalismus - die Initiative zugunsten der soliden Tradition ausgeschaltet, womöglich noch den Söhnen, denen man jede freie Berufswahl ohne Erörterung versagt hatte, jeder fortschrittliche Gedanke als unehrlich verwehrt.

Man erlaubt dem Filius, Malerei zu studieren. Auf diesem Bild seines Lehrers Arthur Siebelist ist er ganz rechts mit einem modischen Strohhut zu sehen. Die Engländer nennen so etwas einen boater und banden im 19. Jahrhundert ihre ➱Clubkrawatten um den Hut. Der Hamburger Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark (der ➱hier einen Post hat) hatte Ahlers-Hestermann geraten, zu Siebelist zu gehen. Die heutige Hochschule für bildende Künste Hamburg am Lerchenfeld (lesen Sie ➱hier mehr) steckte damals noch in den Anfängen. Siebelists Bild ➱Meine Schüler und ich wurde in Hittfeld gemalt, wo der Maler eine kleine Künstlerkolonie gegründet hat. Im Sommer wurde draußen gemalt, im Winter traf man sich in Siebelists Atelier in der Mönckebergstraße.

Lichtwark wollte - vielleicht nach dem Vorbild von ➱Worpswede - eine Schule von Hamburger Malern heranbilden: Meine Herren, malen Sie hamburgische Landschaften, hat er ihnen zugerufen. Lichtwark stand zu seinem Hamburg: Wäre ich Maler und hätte dann auch noch das Glück, Hamburger zu sein, keine Macht der Welt brächte mich über die Grenzen des einzigen Gebietes in Deutschland, das einen im edelsten Sinn malerischen Charakter hat.

Nicht alle Schüler von Siebelist teilten Lichtwarks Meinung, so sagte Ahlers-Hestermann: Wir wollten keine harmlosen Wald- und Wiesenmaler werden, keine Heimatkünstler, die versonnen und beschaulich das naheliegende mit immer dünner werdendem Gefühl abmalten... In einer Welt, wo vor bald zwanzig Jahren van Gogh diese Bilder gemalt hatte, war es unmöglich, vor der eigenen Staffelei so zu tun, als wenn nichts geschehen wäre - das war ungefähr der Sinn meiner drängenden Gefühle und überhaupt das Fazit der ganzen Zeit seit dem letzten Sommer.

Lichtwark hätte es auch gerne gehabt, dass man die jungen Hamburger Künstler (hier das Bild einer Hamburger Vorstadt von Ahlers-Hestermann) fördert und sammelt. Er richtet immer wieder Appelle an Hamburgs Millionäre: nicht nur ein pärrisch Leben, sondern auch Kunst sammeln. In Deutschland ist die bewahrende und sichtende Arbeit des Sammlers von Kunstwerken allein schon deshalb wichtiger als in irgendeinem anderen Lande, weil die deutsche Kunst heute noch das dunkelste Gebiet der Kunstgeschichte bildet, schrieb er in seinem Aufsatz ➱Der Sammler.

Doch als die acht jungen Maler des Hamburgischen Künstlerclubs von 1897, die er gefördert hatte, zum ersten Mal ihre Bilder ausstellten, stießen sie nur auf Unverständnis. Von Schmieralien und Farborgien war die Rede. Die helltonigen Bilder wurden als Spinat mit Ei bezeichnet, man glaubte, dass sie alle verrückt seien. Dazu passt sicher die schöne Anekdote, wo ein Hamburger Senator eine Kunstausstellung eröffnet. Er begrüßt die Besucher aus der Reichshauptstadt Berlin und sagt dann, dass man in Hamburg etwas weniger von Kunst verstehe als in Berlin. Aber dafür mehr vom Kaffee. Lichtwarks Kollege ➱Gustav Pauli hatte es in Bremen leichter, die Bremer Kaufleute zum Kauf französischer Kunst zu überreden. Viele der Millionäre handelten mit Rotwein, die kannten ihr Frankreich.

In der feinen Hamburger Gesellschaft sah man damals so aus wie auf Ahlers-Hestermann Bild Jünglinge im Gartenpavillon von 1904. Einem der beiden Herren ist der Maler übrigens 1945 wieder begegnet, als er von Berlin nach Bad Oldesloe gezogen war. Da hatte sich das Hamburg, aus dem beide kamen, zur Unkenntlichkeit verändert. Nach dem Krieg ist Ahlers-Hestermann als Leiter der Landeskunstschule am Lerchenfeld berufen worden, dort hatte ihn ➱Horst Janssen (der ihn 1963 zeichnete) kennengelernt. Im hohen Alter wurde Ahlers-Hestermann noch Direktor der Abteilung Bildende Kunst an der Akademie der Künste in Berlin.

Dass er mit seinen Malerfreunden aus dem Hamburgischen Künstlerklub Franz Nölken, Walter Alfred Rosam und Gretchen Wohlwill 1909 an die Académie Matisse nach Paris geht, war für ihn gar nicht so selbstverständlich: Die Wahrheit zu gestehen, hatten wir gar keine Lust, nach Paris zu gehen und sahen dem mehr wie einer Kur entgegen, die einem verordnet ist und deren Notwendigkeit man einsieht. Wir bildeten uns ein, von neuer französischer Kunst alles Kennenswerte gesehen und begriffen zu haben, außerdem waren wir mit tausend Fäden an Hamburg geknüpft, womit ich hier nicht die unterbewußte Heimatsliebe meine... 

Wäre er nicht immer wieder nach Paris gegangen, hätten wir dieses schöne Sommerbild mit der Seine nicht. Er stellt in Paris in einem Antiquitätengeschäft aus, und der Salon d'Automne nimmt ein Bild von ihm an: Der Salon d'Automne hatte auch von mir ein Bild angenommen, und meine femme de menage hatte mir einen Glückwunsch geschrieben mit dem lapidaren Schlußsatz: Vous voilä entre dans le chemin de la gloire!

Ebenso wie Lichtwark fühlt sich Ahlers-Hestermann als Hamburger, so schreibt er in seiner Autobiographie: Die damalige Zeit war ja äußerlich für Deutschland die eines allgemeinen Wohlergehens, einer erreichten Höhe. Die Väter hatten eigentlich alles geleistet, es würde nun schon so weitergehen. Wir liebten die kaiserliche Fassade nicht, uns entging nicht die groteske Häßlichkeit des in die Höhe geschossenen Berlin, wir fühlten uns als Hamburger und Republikaner zur nahen Reichshauptstadt in einem Gegensatz, dessen leichte Verachtung nur dadurch gemildert wurde, daß wir die ungeheure geistige Regsamkeit dieser Stadt erkannten und anerkannten.

Die Begegnung mit Matisse und Cézanne hat dem Hamburger, der in Paris den ➱Dômiers angehört, zu seinem eigenen Stil verholfen. Die beiden Zitate oben finden sich in Ahlers-Hestermanns Autobiographie Pause vor dem dritten Akt, die 1949 erschien. Das Buch hat ein Vorwort von Carl Georg Heise, den die Nazis seines Amtes als Direktor des Lübecker St Annen Museums enthoben hatten. Glücklicherweise hat die Hamburger Kunsthalle Carl Georg Heise 1945 als Direktor berufen. Man mochte 1933 nicht, dass er die moderne Kunst förderte - ähnlich war es ja auch Gustav Paulis Assistenten ➱Gustav Friedrich Hartlaub ergangen.

Moderne Kunst ist immer für viele ganz schrecklich, für das Hamburger Bürgertum 1895 und für die Nazis 1933. Von der AfD wollen wir jetzt lieber nicht reden. Die Hamburgische Sezesssion wird sich 1933 weigern, ihre jüdischen Mitglieder auszustoßen. Zwei Jahre zuvor hatte Gustav Pauli bei der Eröffnung des neuen Gebäudes des Hamburger Kunstvereins gesagt: Eine Schwalbe heißt es, macht noch keinen Sommer, aber angesichts so vieler Schwalben darf man wohl von einem Hamburger Kunstfrühling sprechen. Der Kunstfrühling wird genau zwei Jahre lang dauern. Die Kunstschule von Gerda Koppel, an der Ahlers-Hestermann einmal unterrichtet hatte, wird geschlossen, von dem Hamburger ➱jüdischen Kulturleben wird nichts übrig bleiben

Über dieses Bild schrieb die Zeit 1963: Aus dem gleichen Jahr [1932] stammen die „Gärten der Kindheit“ von Ahlers-Hestermann, das Bild steht in keinem Zusammenhang mit den damaligen Stiltendenzen, aber in der deutschen Malerei unseres Jahrhunderts wird man kaum ein zweites Bild finden, das so viel Poesie, so viel künstlerischen Charme enthält (in der reliefartig aufgerauhten Oberfläche sind sogar gewisse malerische Errungenschaften der fünfziger Jahre vorweggenommen). Gerade das Werk von Ahlers-Hestermann wird heute (etwa im Vergleich mit Hans Purrmann, der neuerdings erstaunlich hoch geschätzt wird) entschieden unterbewertet.

In dem Post ➱Arthur Illies habe ich vor drei Jahren gesagt: über die Gründungsmitglieder des Hamburgischen Künstlerclubs wie Thomas Herbst, Ernst Eitner, Arthur Illies und Arthur Siebelist schreibe ich irgendwann noch einmal. Vielleicht sollte ich das wirklich mal wahr machen. Immerhin kann ich sagen, dass ➱Thomas Herbst hier einen wirklich viel gelesenen Post hat. Und dass Ernst Eitner in den Posts ➱Franco Costa und ➱Lilli Martius vorkommt. Das hier abgebildete Buch von Carsten Meyer-Tönnesmann Der Hamburgische Künstlerclub von 1897 ist immer noch lieferbar. Es ist im Verlag Atelier im Bauernhaus in Fischerhude erschienen (es ist eine Kurzfassung der gleichnamigen umfangreichen Dissertation des Verfassers, die bei Christians in Hamburg erschienen ist). Die sind da in Fischerhude sehr rührig, als sie meinen Post Thomas Herbst gelesen hatten, boten sie mir gleich eine Publikation an.

Ich schrieb dem Verlagschef (der übrigens selbst ➱malt), dass ich mit dem Verlassen der Uni geschworen hätte: keine Vorträge mehr, nie wieder akademische Publikationen, nie wieder Verlage. Ich sei jetzt Blogger und sei damit ziemlich glücklich. Wolf-Dietmar Stock antwortete postwendend: Wenn Sie nicht so verbloggt wären, hätten Sie morgen einen Verlagsvertrag auf dem Tisch. Das war sehr witzig und deshalb gibt es für den Verlag und sein ➱Angebot hier ein wenig Werbung. Zumal sie auch das Buch Thomas Herbst von Ahlers-Hestermann als Reprint im Programm haben. Es war das erste Buch, das über den Maler Herbst geschrieben wurde (Ahlers-Hestermann hat auch den NDB Artikel zu Herbst geschrieben).

Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer hatte Ahlers-Hestermann 1928 nach Köln geholt. Die Nazis haben ihn 1933 entlassen, angeblich, weil er sich geweigert hatte, ein Portrait von Göring nach einem Photo zu malen. Ahlers-Hestermann taucht ab in die innere Emigration, er schreibt jetzt sehr viel. Dem Buch Thomas Herbst Ein Malerleben von 1848 bis 1915 (1939) folgte 1941 Stilwende: Aufbruch der Jugend um 1900, ein Klassiker der Literatur zum Jugendstil. Und dann die Autobiographie Pause vor dem dritten Akt. Sehr persönlich und nicht ohne Humor.

In einer Welt, wo vor bald zwanzig Jahren van Gogh diese Bilder gemalt hatte, war es unmöglich, vor der eigenen Staffelei so zu tun, als wenn nichts geschehen wäre, ich zitiere den Satz noch einmal. Fritz Ahlers-Hestermann weiß, als er das nach dem Zweiten Weltkrieg schreibt, dass er beim Beginn der Moderne dabei gewesen ist: Damals wurde ein Anfang gemacht und schlechthin alles Heutige, was nicht Nachahmung alter Vorbilder ist und was wir als gut und unserer Zeit Ausdruck gebend betrachten dürfen in Gerät, Möbel, Druckwerk und wesentlichen Teilen der Baukunst, geht stammbaummäßig auf jene Jahre zurück.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Flandern


Mein Großvater war in der Flandernschlacht. Da hat er sein ➱Eisernes Kreuz bekommen. Und eine Karte von einem jungen Verwandten: Lieber Heinrich! Zunächst meinen herzl. Glückwunsch zum „Ritter des eisernen Kreuzes“!! Es ist sehr schön, dass Du es hast. Schreib mir doch mal wie Du es bekommen hast. Hier ist alles wohl. Erich + Karl sind wieder in Frankreich in einer grossen Schlacht; Gott beschütze Euch alle. Nun schreib mir bitte bald wieder. Herzl. Grüsse von Deinem Heinz! Die Karte im Photoalbum kann ich lesen, weil ich noch gelernt habe, die Sütterlinschrift zu lesen. Heute haben Studenten schon Schwierigkeiten, Bücher mit Frakturschrift zu lesen.

Auf der Rückseite der Feldpostkarte aus dem Mai 1915 ist ein Photo von Heinz. Mit Stehkragen, Norfolkjackett und Knickerbockern, einer Feldmütze, einem Koppel und der hölzernen Attrappe eines Gewehrs. Wenig später bekommt Heinz auch eine richtige Uniform und ist im Krieg. Sie alle wissen damals nicht, welches Glück sie haben. Sie werden alle den Krieg überleben, Opa und seine Brüder und der junge Heinz. Opas Bruder Karl ist übrigens der Vater von dem Bildhauer ➱Karl Lemke. Onkel Karl ist im Oktober gestorben, das hat mich sehr traurig gemcht. Aber er war zweiundneunzig, es war ein langes, erfülltes Leben.

Wo dieses Flandern war, wusste ich nicht. Ich kannte zwar Ortsnamen wie Langemarck und Kemmelberg, aber ich wusste nicht, wo die Orte waren. In den Photoalben von Opa war Flandern ein Land auf gelbstichigen Photos, die braune, zerfressene Landschaften zeigten. Manchmal Kanonen, Schützengräben, viel Schlamm. Selten Soldaten, deren Helme alle stoffbedeckt waren. Camouflage, sagte Opa. Hunderte von Bildern in Sepiatönen. Was sie nie zeigten, war der Tod. Vielleicht gab es solche Bilder, aber die waren nicht in das Photoalbum gekommen.

Flandern bedeutete den Tod, wie ich später in Liedern lernte, die so harmlos anfangen wie Der Wind weht über Felder ums regennass´ Gezelt. Das mit dem Wind und dem regennassen Zelt, das sagte mir etwas, weshalb der Kaiser nach Geldern stürmte, das wusste ich nicht. Das Lied klang nach einem alten Landsknechtslied, wo des Kaisers Reiterei und Taritara, Taritarei noch eine Bedeutung hatten, wo der Schnitter Tod im fernen Flandernlande mähte. Doch so alt war das Lied nicht, es war erst nach dem Krieg entstanden.

Ich kannte noch ein anderes Flandernlied, das auch vom Tod handelt, das stand in der Mundorgel:

Der Tod reit´t auf einem kohlschwarzen Rappen
Er hat eine undurchsichtige Kappen
Wenn Landsknecht´ in das Feld marschieren
Läßt er sein Roß daneben galoppieren
Flandern in Not
In Flandern reitet der Tod


Bei YouTube ist das Lied von jemandem eingestellt, der sich Schutzstaffel nennt. Wir wissen, wie man das Wort abkürzt. Die Lieder, in denen der Tod durch Flandern reitet, sind von der Wandervogelbewegung gesungen worden. Wenig später wurden sie von der Wehrmacht gesungen.

Das wohl bekannteste Gedicht zu den Flandernschlachten, in denen mehr als eine halbe Million Soldaten fielen, heißt In Flanders Fields. Das Gedicht von dem kanadischen Oberstabsarzt John McCrae wurde am 8. November 1915 in der englischen Zeitschrift Punch veröffentlicht:

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.


In Flanders Fields (hier eine deutsche ➱Übersetzung) ist neben Rupert Brookes ➱The Soldier das berühmteste englische Kriegsgedicht des Great War. Man kann es zu der Musik von Alexander Tilley als ➱Chor singen, aber besser ist es noch, wenn es vorgetragen wird. Und dafür habe ich heute einen Landsmann des Dichters, keinen Geringeren als ➱Leonard Cohen.

Die Zeile In Flanders fields the poppies blow ist in England in jedem November im Gedächtnis aller, weil am 11. November Poppy Day ist. Als vor vier Wochen die Nationalmannschaften von England und Schottland der Fifa signalisierten, dass sie bei hrem Länderspiel am 11. November Mohnblumen auf ihrem Trikot tragen würden, verbot die Fifa das sofort. Die Fifa hat nichts dagegen, dass die deutsche Nationalmannschaft den Mercedesstern auf der Brust trägt. Kommerz ist für die Fifa in Ordnung. Aber ein nationales Trauersymbol am Remembrance Day, das geht natürlich nicht. Die Fifa drohte Strafen an, die Fußballmannschaften pfiffen auf die Fifa und trugen trotzig ihre ➱Poppies. In den Mysterien von Eleusis ist der Mohn ein Symbol für das Vergessen, in England ist die Blume mit der Farbe, die an Blut erinnert, ein Symbol des Nicht-Vergessens: If ye break faith with us who die We shall not sleep.

Soldatenfriedhöfe sagen mir viel, weil ich mit meiner Jugendgruppe vor über einem halben Jahrhundert mit dem Programm Versöhnung über Gräbern in Frankreich gewesen bin (lesen Sie mehr dazu in ➱Gräber, ➱Stars and Stripes Forever und ➱Paris, Sommer 1959). Ich habe die englischen Friedhöfe bewundert, weiße schlichte Steinkreuze auf grünem Rasen: there's some corner of a foreign field That is for ever England. Unsere Arbeit in Nordfrankreich und ➱Dänemark für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat vielleicht auch etwas zu dem Zusammenwachsen von Europa beigetragen. So etwas hat Claude Juncker bei seiner Rede im Jahre 2008 am Volkstrauertag im Bundestag wohl auch gemeint, als er sagte: Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!

Wir sollten nicht vergessen, dass am Anfang des Krieges 1914 ein Akt der Barbarei stand. Für den deutschen Reichskanzler war der Neutralitätsvertrag mit Belgien nur ein Fetzen Papier. Wenig später wurde der Welt bekannt gemacht: Leuven ist nicht mehr, man hatte die Stadt niedergebrannt, die berühmte ➱Bibliothek vernichtet. Der belgische Pater Pater Dupierreaux schrieb: Die Deutschen sind mit Feuer und Schwert in Belgien eingebrochen. Diese Horde von Barbaren hat das ganze Land verwüstet. Als Omar die Bibliothek von Alexandrien zerstörte, glaubte niemand, daß ein solcher Akt des Vandalismus sich wiederholen könne. Er hat sich aber in Löwen wiederholt; die Bibliothek ist zerstört. Das ist die germanische Kultur, deren sie sich so sehr rühmten. Wolfgang Schivelbusch hat das hervorragende Buch ➱Eine Ruine im Krieg der Geister über den Akt der Barbarei geschrieben.

Wenn es den häßlichen Deutschen zuvor noch nicht gegeben hatte, jetzt war er da. Denn nun geschieht etwas Unglaubliches: statt sich zu schämen, solidarisiert sich die deutsche Intelligenz in einem Aufruf an die Kulturwelt mit dem deutschen Heer. Der Krieg der Geister hat begonnen: Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache zu beschmutzen trachten. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein. Weshalb Gerhart Hauptmann und Max Liebermann das unterschrieben haben (Dafür stehen wir euch ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre!), das weiß ich wirklich nicht.

Es wird mit Worten jetzt ebenso viel angerichtet wie mit Feuer, Bomben und Mitrailleusen. Und auch wenn es sehr überspitzt ist, es ist etwas an dem dran, was Rudyard Kipling 1916 schreibt (die ➱Antwort der englischen Professoren auf den deutschen ➱Aufruf der 93 ist viel zuückhaltender): One thing that we must get into our thick heads is that wherever the German - man or woman - gets a suitable culture to thrive in he or she means death and loss to civilized people, precisely as germs of any disease suffered to multiply mean death or loss to mankind, There is no question of hate, or anger or excitement in the matter, any more than there is in flushing out sinks or putting oil on water to prevent mosquitoes hatching eggs. As far as we are concerned the German is typhoid or plague - Pestis Teutonicus, if you like. But until we realize this elementary fact in peace we shall always be liable to outbreaks of anti-civilization. Make this clear by all means in your power.

Ich habe 1959 und in den folgenden Jahren bei unserer freiwilligen Friedhofsarbeit nicht geglaubt, dass es eines Tages einen Friedhofstourismus geben würde. Aber Stefan Zweig ahnte das schon 1928 in ➱Reisen in Europa: Ypern ist die great show Belgiens geworden, eine schon gefährliche Konkurrenz für Waterloo, ein Man-muss-es-gesehen-Haben aller Touristen. Heute ist der belgische Schlachtfeld- und Friedhofsttourismus gut organisiert, nennt sich ➱Vredesfietsroute, Radeln für den Frieden. Und überall an der Route der Kommerz, man hat immer noch Reste von den Schlachtfeldern an die Touristen zu verkaufen.

Ich hätte da zum Schluss noch ein Gedicht eines jungen Dichters, der sich einen Dreck darum schert, dass die Deutschen die Neutralität Belgiens missachtet haben. Der belgische Acker nennt er sein schönes Blut und Boden Gedicht:

Und aus dem Gottesacker der Erde, aus Moder und Tod
Wuchs übers atmende Land
Breit in die Sonne gespannt
Siegreichen Lebenden auf das göttliche Brot...
Und am Tage klingen aus wogenden Ährenmeeren
Widerschallend von der französischen Schlachten Getöse
Auf zum Himmel, sonnendurchbebt
Die ehern schweren Gesänge
von Deutschlands siegender Größe
Die aus Friedhöfen sich Brotäcker gräbt.


Der Dichter kennt den Krieg nicht wirklich. Er ist siebzehn, so alt wie der Heinz, als er meinem Opa die Feldpostkarte schreibt. Im Gegensatz zu Heinz wird er den Krieg auch nicht kennenlernen. Der junge Dichter heißt übrigens Bertolt Brecht.

Dienstag, 6. Dezember 2016

Nikolaustag


Dear Editor: I am 8 years old.
Some of my little friends say there is no Santa Claus.
Papa says, ‘If you see it in THE SUN it’s so.’
Please tell me the truth; is there a Santa Claus?

Das schrieb die kleine Virginia O’Hanlon im Jahre 1897 an den Herausgeber der New Yorker Sun. Und der antwortete mit der Schlagzeile: Yes, Virginia, there is a Santa Claus. Der Santa Claus scheint fest in amerikanischer Hand zu sein, aber es sind die Holländer, die ihn einst nach Amerika gebracht haben. Coca Cola macht damit Reklame, dass sie den Weihnachtsmann erfunden haben. Wahrscheinlich glaubt Donald Trump das auch. Dabei wissen wir alle, dass die Figur des putzigen Mannes mit dem weißen Bart aus der Zeichenfeder des Deutschen Thomas Nast stammt (lesen Sie mehr dazu in dem Post Santa Claus). Es ist ja heute alles so fürchterlich kommerzialisiert, nicht nur durch Coca Cola. Wenn das erste Weihnachtsgebäck Ende September im Supermarkt liegt (und dann etwas schamvoll als Herbstgebäck deklariert wird), dann ist das irgendwie pervers. Wenn eine Pfarrerstochter für das Singen von Weihnachtsliedern eintritt, dann ist das sicher schön. Aber wer sagt der Frau, dass Schneeglöckchen Weißröckchen eigentlich Schneeflöckchen Weißröckchen heißt?

Wo sind wir hingekommen? Können wir zurück? In der Erinnerung immer. Und deshalb wird hier heute etwas stehen, was schon im ersten Jahr meiner neuen Lebens als Blogger hier stand. Nämlich ein Text über den Nikolaus.

Als die Winter in der Nachkriegszeit noch regelmäßig kalt waren, als die Straßenbeleuchtung noch spärlich war und der Schutzmann noch einen Tschako trug, da waren am Abend des Nikolaustages in Bremen lauter kleine Nikoläuse unterwegs. Der Heilige Nikolaus hieß in dieser Gegend auch Sünnerklaas, was plattdeutsch für Sankt Klaus ist. Je weiter man nach Holland kam, desto mehr verwandelte sich dieses Sünnerklaas (oder Sünnerklaus) zu Sinnerklaas. Es blieb aber immer der gleiche Heilige Nikolaus von Myra, der der Schutzheilige der Kinder und der Seefahrer ist. Weshalb auch beinahe jede Hafenstadt eine Nikolaikirche hat. Obgleich Bremen von den Amerikanern besetzt war, hatte Halloween mit trick-or-treat auf uns noch nicht abgefärbt. Bei uns gab es das Nikolauslaufen. Dazu musste man sich verkleiden, eine rote Mütze, ein falscher Bart und ein Stock (die symbolischen Reste des Bischofstabs) gehörten zu dem Outfit. Opas Spazierstock eignete sich hervorragend dafür. Und natürlich ein Sack, in den man die empfangenen Süßigkeiten wie Moppen und Spekulatius tat. Und man musste sein Sprüchlein an jeder Tür in der Nachbarschaft aufsagen:

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:

Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag im in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:

Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.


Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt, von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.

Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback - und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.

Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Graf von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.

Vorleser gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.

Ich erwähne die nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die Sängerin kannte. L'amour est un oiseau rebelle.

Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:

Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to

Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht. Auch nicht Schneeglöckchen Weißröckchen.

Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das ist aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt & Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung, hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn marschieren müssen, und das, was er Kamerun bei Pumpe nannte, das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Je mehr ich gestern begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und in einem schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.


Mehr Weihnachtliches in diesem Blog unter: Sünnerklaas, Advent, Weihnachtsvorbereitungen, Santa Claus, Donder and Blitzen und Weihnachtsbäume.

Montag, 5. Dezember 2016

Camille in grün


Das Bild der 19-jährigen Pariserin (die viel älter aussieht) hängt in Bremen in der Kunsthalle, schon über hundert Jahre. Der Direktor Gustav Pauli (dessen Gattin den schönen Roman Sommer in Lesmona geschrieben hat) hat es für 50.000 Mark mit der finanziellen Hilfe des zwei Jahre zuvor gegründeten Galerievereins gekauft. 50.000 Reichsmark sind viel Geld im Jahre 1906. Es gab einige Kritik (weil jetzt die Franzosen überwiegen und weniger Worpsweder gekauft werden) an dem Ankauf des Bildes, das der erste Besitzer Arsène Houssaye einmal für 800 Francs gekauft hatte.

Er hatte es dem Pariser Musée du Luxembourg als Geschenk versprochen, aber sein Sohn hat sich nach dem Tod des Vaters nicht an das Versprechen gehalten. Ich hätte mir gewünscht, dass Gustav Pauli damals einen Manet gekauft hätte. Monet ist nicht so mein Ding, obgleich er in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden ist, so ist es ja nicht. Wenn Sie alles über La Dame à la robe verte wissen wollen, kann ich heute mal den Wikipedia Artikel empfehlen. Manchmal gibt es in diesem Lexikon ja auch gute Lemmata.

Monet hat das Bild in vier Tagen gemalt (er musste sich Geld leihen, um die Farben zu kaufen), weil er das geplante gigantische Frühstück im Grünen nicht fertig bekam, um es rechtzeitig dem Salon zu präsentieren. Auf dem erhalten gebliebenen linken Teil des zerstörten Bildes können wir seine Geliebte Camille Doncieux (und seinen Freund Frédéric Bazille) sehen. Camille ist wieder in Rückenansicht zu sehen, die Damenkleider sind offensichtlich dafür konzipiert, dass man entschwindenden Frauen nachschaut. Wenig später kommt die Mode des cul de Paris, die den Po der Damen noch mehr betont, als es diese Röcke vermögen

Es gibt eine schöne kleine Geschichte über die Enstehung des Bildes. Gustave Courbet besucht Monet in seinem Studio und kritisiert das im Entstehen begriffene Déjeuner sur l'herbe, er schlägt Änderungen vor. Als Camille das Studio betritt, findet sie ihren Geliebten verzweifelt auf dem Boden hockend. Das Déjeuner sur l'herbe sollte eine Sensation im Salon werden, nun ist alles dahin. Camille hört sich das alles an, aber die Larmoyanz des Künstlers geht ihr auf den Keks, sie rauscht hinaus. Und das ist es, was Monet in diesem Augenblick sieht - das Hinausrauschen im knisternden Seidenkleid, diesen Augenblick der Bewegung. Eingefroren. Sofort malt er eine kleine Skizze (heute im Rumänischen Nationalmuseum in Bukarest).

Es ist eine schöne Geschichte, se non è vero, è ben trovato, aber wir leben nun mal von den guten Geschichten, wenn wir die wirklichen Ereignisse nicht kennen. Viele Interpreten haben dieses Hinausrauschen betont, aber wenn man in Bremen vor dem zwei Meter einunddreißig mal einseinundfünfzig großen Schinken mit dem fetten Goldrahmen steht, da bewegt sich nichts. Wenn man gut gemalte Kleider sehen will, dann muss man sich Bilder von Franz Xaver Winterhalter (Bild) anschauen, nicht Monets Camille.

La Dame à la robe verte bekam großen Zulauf und gute Kritiken. Ernest d'Hervilly schrieb in seinen Les poèmes du Salon ein kleines Gedicht:

Parisienne, ô reine! — O noble créature 
Qui force le satin splendide à se traîner 
Royalement au gré de ta désinvolture 
Sur les parquets jaloux qui veulent te faner; 

Parisienne, ô reine! — O femme triomphante!
Depuis ton chapeau fou, tulle, velours noir, or, 
Jusqu'à tes pieds mignons qu'envirait une infante, 
Te voilà peinte ici. Salut!

Es gibt da im Internet auch noch ein Gedicht von einem gewissen Christophe Fricker, der ein Meister der Selbstdarstellung ist. Das Gedicht, in dem der Maler zu seiner zwanzigjährigen Geliebten spricht, findet sich bei Christophe Fricker Online:

Das Weiß deines Blicks ist nicht echt, und die Farbe
der Haut deiner Hand, die du keinem reichst,
und die Farbe der Haut deines Halses sind auch nicht echt.
Nur so selten zeigst du dein Gesicht.
Du bist nur ein Kleid, das sich mir nicht stellt,
du bist eine Haltung, die mir nicht gefällt.

Ich glaube nicht, dass das der Höhepunkt der neueren deutschen Lyrik ist. Da ist das Gedicht von Raisa Goldflowing über Effi Briest viel besser.

La Femme à la robe verte ist ein Bild, das in jedem französischen Modemagazin erschienen sein könnte, von diesen Modemagazinen sind zwischen 1830 und 1860 achtzig verschiedene Titel erschienen. Die Pariser Haute Couture, die von einem Engländer namens Charles Frederick Worth erfunden wurde, wird immer wichtiger für die Malerei. An dieser Stelle sollten Sie diesen schönen Blog anklicken und in diesem Blog den Post über die Haute Couture lesen. Ich möchte einmal betonen, dass in diesem Blog nicht nur immer Herrenmode, sondern durchaus auch Damenmode vorkommt. Klicken Sie doch mal eben den Post Damenmode an.

Ich nehme an, dass Edouard Manet das nicht ironisch gemeint hat, als er sagte: la dernière mode, voyez-vous, la dernière mode pour une peinture, c’est tout à fait nécessaire, c’est le principal. ➱Anders Zorn wusste das längst, der ließ sich von Otto Bobergh beraten (das grüne Kleid hier ist aus dem Hause Worth & Bobergh). Auch Emile Zola war von dem grünen Kleid Monets beeindruckt: Ich gestehe gern: das Bild, das mich am längsten festgehalten hat, ist die 'Camille' von Monet. Eine energische und lebendige Malerei. Ich war rasch durch die kalten und leeren Säle geeilt, müde, keinem neuen Talent begegnet zu sein, als ich diese junge Frau erblickte, wie sie ihr Kleid nachschleppen lässt und dabei in die Wand hineintaucht, als ob es da ein Loch gäbe. Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm es ist, einmal ein wenig bewundern zu können, wenn man davon erschöpft ist, dass man nur lachen oder die Achseln zucken musste. 

Ich kenne M. Monet nicht..., aber ich muss ein alter Freund von ihm sein, weil mir nämlich sein Bild eine ganze Geschichte von Energie und Wahrheit erzählt. - Wahrhaftig - hier ist ein Temperament, ein Mann in der Menge dieser Eunuchen... Hier ist mehr als ein Realist, hier ist ein feinfühliger und starker Interpret, der jedes Detail zu geben versteht, ohne dass er ins Trockene verfiele. - Dieses Kleid! Es ist geschmeidig und fest. Es schleppt weich hinterher, es lebt und sagt gerade heraus, wer diese Frau ist. Das ist nicht das Kleid einer Puppe, keiner von diesen Seidenchiffons, mit denen man Träume behängt; das ist gute Seide...

Die Frau im grünen Kleid sieht wie eine Dame der Bourgeoisie aus. Ja und nein, Camille Doncieux kommt zwar aus dem Kleinbürgertum - so wie ➱Brigitte Bardot aus der Bourgeoisie kommt - aber sie arbeitet längst als Modell für verschiedene Maler. Und wird Monets Geliebte. Alles weitere erzählt uns dieses Buch: Dämmerung setzt ein, als der Schein einer Schaufensterlampe den jungen, noch unbekannten Maler Claude Monet in eine Pariser Buchhandlung lockt. Dort lernt er Camille Doncieux, ein Mädchen aus reichem Hause, kennen und verfällt vom ersten Augenblick an ihrer Schönheit. Um ihre Liebe leben zu können, müssen sich die beiden gegen alle gesellschaftlichen Konventionen durchsetzen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass ihr Glück vielmehr von Monets maßloser Leidenschaft zur Malerei überschattet wird …

Das Bild von Monet zierte den Erweiterungsbau der Bremer Kunsthalle, der 1906 vollendet wurde. Für den, wie für den Ankauf des Monets, keinerlei öffentliche Mittel geflossen waren. Es sind private ➱Spender, die das Ganze finanzieren. Vierhundertausend Taler kommen von Carl Schütte, dreihunderttausend von Aitsch-aitsch Meier Junior.

Dass ihm Arsène Houssaye 1868 achthundert Francs für die grüne Camille bezahlt hat, war die Rettung für Monet. Er lebte mit Camille in bitterer Armut, seinen ein Jahr zuvor geborenen Sohn Jean hat er natürlich gleich gemalt. Aber das Bild täuscht nur ein Familienglück vor. Während der Schwangerschaft hatte er seine zwanzigjährige Geliebte sitzen lassen, um sich bei seinem Vater und seiner reichen Tante seinen Scheck zu sichern. Zur Geburt des Kindes ist er immerhin für einige Tage bei Camille. Drei Jahre nach der Geburt des Sohnes heiraten Monet und Camille endlich, Camille bekommt von ihren Eltern 1.200 Francs als Mitgift. Die aber so angelegt sind, dass Monets Gläubiger nicht an das Geld kommen.

Das junge Ehepaar verbringt den Sommer in Trouville, wo Monet eine ganze Serie von Studien mit Camille am Strand malt. Lichtdurchflutet, nicht dieses fiese Grün und Braun auf dem Bremer Bild. Dies Bild besitzt die National Gallery of Art in Washington, ich glaube, die würden es nicht gegen das Bremer Bild tauschen. Wird sich Donald Trump, wenn er immer in Washington sein muss, jemals dieses Bild anschauen? Sein Verhältnis zur Kunst ist ja etwas zweischneidig. Es hat Monet immer wieder an die französische Kanalküste gezogen, was kein Wunder ist, schließlich hatte der kleine Oscar hier seine Jugend verlebt. An dieser Stelle sollten Sie mal eben den Post Eugène Boudin lesen.

Nach dem schönen Sommer in Trouville kommen schwere Zeiten, die deutsche Armee marschiert in Frankreich ein. Monet verläßt Frankreich und geht zusammen mit Pisarro nach London, er will nicht eingezogen werden. Seine Freunde Manet und Bazille sind da etwas patriotischer. Manet geht zur Nationalgarde (und dieser Wikipedia Artikel lohnt auch die Lektüre), Frédéric Bazille zu einer Zuaveneinheit, er fällt 1870.

Monet lernt in London die Bilder von William Turner kennen. Und er lernt den Kunsthändler Paul Durand-Ruel kennen. Ich weiß nicht, welches der beiden Ereignisse wichtiger für ihn gewesen ist. Hat er für seine Bilder der Londoner Themse Turner gebraucht? Aber den Paul Durand-Ruel, den wird er brauchen, der wird seine Bilder verkaufen. Die ist das einzige Bild, das Monet von Camille in London malen wird.

Dies Bild von Camille auf ihrem Totenbett malt er 1879. Da hat er längst eine andere Frau im Haus, die er irgendwann heiraten wird. Sie heißt Alice Hoschedé, und es gibt da jahrelang eine seltsame ménage a trois, was sicherlich auch zu dem frühen Tod von Camille beigetragen haben wird. Ich nehme an, dass das auch in dem Roman Die Frau im grünen Kleid von Stephanie Cowell vorkommt, weil man uns versichert: Dieser Roman ist ein Praliné für Liebhaber historischer Romane, aber auch für Kunstinteressierte, die sich anspruchsvoll unterhalten lassen möchten. Unter anspruchsvoller Unterhaltung verstehe ich etwas anders.

Das hier auf dem Bild von John Singer Sargent ist nicht Camille, das ist Alice Hoschedé, die neue Frau in Monets Leben. Sie hat dafür gesorgt, dass nichts, aber auch gar nichts, mehr im Haus ist, was an Camille erinnern könnte. Monet und seinen Kindern bleibt nur die Erinnerung. Sargent hat der Frau, die über ihren malenden Mann wacht, kein Gesicht gegeben. Wenn wir ihr Gesicht sehen wollen, müssen wir uns schon das Bild von Charles Emile Auguste Carolus-Duran anschauen.

Camille Monet liegt auf dem Kirchfriedhof von Vétheuil im Département Oise begraben. Es ist da nur eine bescheidene Steinplatte auf der steht: Camille Doncieux Epouse de Claude Monet 1847 – 1879. Mehr hatte er da nicht für sie übrig. Auch später nicht, als er richtig reich ist. Und Rolls Royces (lange vor Georges Braque) fuhr (mit Chauffeur versteht sich). Es ist eine traurige Geschichte.

Claude Monet ist heute vor neunzig Jahren gestorben. Die goldene Schrift auf seinem Grab in Giverny, wo er in seinen letzten Lebensjahren nur noch seinen Garten, aber keine Frauen mehr malte, erwähnt unsere Camille, la dame à la robe verte, mit keinem goldenen Buchstaben.

Wahrscheinlich steht alles, was ich hier geschrieben habe, auch in dem Buch Monet und Camille: Frauenportraits im Impressionismus, das der Direktor der Kunsthalle Bremen Wulf Herzogenrath zusammen mit seiner Stellvertreterin Dorothee Hansen 2005 veröffentlicht hat. Habe ich mir damals nicht gekauft, weil Monet - wie gesagt - nicht so mein Ding ist. Habe es mir jetzt aber bestellt, man kann es noch preiswert bekommen. Ist auch sicherlich besser als Stephanie Cowells Die Frau im grünen Kleid. Die beste Interpretation des Gemäldes von Monet findet sich in dem Buch Das Gesicht: Aufsätze zur Kunst des ehemaligen Bremer Kunsthallendirektors Günter Busch. Das Buch ist bei Amazon Marketplace ab einem Cent zu haben, lohnt sich unbedingt.


Noch mehr Monet in diesem Blog: Kunsthalle BremenEugène BoudinLe TréportBertrand TavernierGustave CaillebotteBerthe MorisotWilliam Merritt ChaseThomas EakinsWinslow HomerLilla Cabot PerryJohn Peter RussellChristian RohlfsGeorges Braques Rolls RoyceArthur IlliesLilli MartiusFranco Costa