Samstag, 9. Juli 2022

Königsmacher

Das Photo dieses älteren Herren ist Teil der königlichen englischen Kunstsammlung, es hatte der Königin Victoria gehört. Die Photographin des Photos hieß Leonida Caldesi. Die Italienerin hatte im 19. Jahrhundert ein Photostudio in London und hat auch mehrfach Victoria und ihre Familie abgelichtet. Der Herr ist kein Verwandter der Königin, weshalb hat sie ein Photo von ihm? Er heißt Christian Friedrich von Stockmar, er ist so etwas, was man eine graue Eminenz nennen kann. Der Arzt aus Coburg hat eine große Zeit seines Lebens in England verbracht, der Premierminister Lord Aberdeen hat über ihn gesagt: Ich hab' wol Leute gekannt, die grad' so klug waren, grad' so discret, grad' so brav, aber keinen, der alles dreies so mit eins war, wie er. Und ein anderer Premierminister, Viscount Palmerston, urteilte: In meinem ganzen Leben ist mir nur ein vollkommen uneigennütziger Mensch vorgekommen, das ist Stockmar. Die beiden Herren wissen, was sie sagen, denn der Freiherr von Stockmar hat die Ehe ihrer Königin Victoria mit dem Prinzen Albert von Sachsen-Coburg-Gotha arrangiert. Auf der linken Seite des Heiratsvertrags zwischen Victoria und Albert stehen acht Namen von englischen Würdenträgern, auf der rechten Seite steht nur der Name Stockmar.

Er arrangierte nicht nur diese Hochzeit, er hat auch Victorias Onkel Leopold, dessen Leibarzt und Hofmarschall er gewesen war, zum König von Belgien gemacht. Und bei der Verlobung von Victorias Tochter Vicky mit Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preußen hatte er auch seine Finger im Spiel. Nach seinem Tod haben die vier regierenden Häuser von England, Belgien, Preußen und Coburg die Stockmarsche Familengruft etwas luxuriöser ausstatten lassen. Und den Bibelspruch Ein treuer Freund liebet mehr und stehet fester bei denn ein Bruder auf eine Gedenktafel schreiben lassen.

Der Stadt- und Landphysicus von Weimar Doktor Stockmar war wenige Jahre nach seinem Amtsantritt Stabsarzt in einem Feldlazarett und dann in dem Spital von Mainz. Das war die Endphase des Freiheitskrieges gegen Napoleon. Er macht sich keine Freunde damit, wenn er Franzosen behandelt, die schwerer krank waren als die Deutschen, die Einlass begehrten. Es sei seine Pflicht, als Mensch und Arzt so zu handeln, erklärt er dem aufgebrachten Freiherrn von Stein, dem das Spital untersteht. Er steht zu seinen Meinungen.

Dr Christian Friedrich Stockmar konnte damals nicht wissen, was das Leben noch für ihr bereithalten würde. Er weiß nicht, dass dieses Bild von ihm eines Tages im Buckingham Palace hängen wird. 1848 vertrat er auf Wunsch des Prinzen Leopold die Herzogtümer Coburg-Gotha als Gesandter ohne Stimmberechtigung in dem deutschen Bundestage. Man trug ihm das Reichsministerium des Auswärtigen an. Was er ablehnte: Wer im sechzigsten Jahre, mit Gicht in den Eingeweiden, noch den Krankenwärterdienst bei der am ansteckenden Fieber darniederliegenden Germania übernehmen wollte, müßte rein toll sein. Aber er träumte von einem geeinten Deutschland: Die Deutschen sind ein gutes Volk, leicht zu regieren, und die deutschen Fürsten, die das nicht verstehen, verdienen nicht über ein solches Volk zu herrschen - Laßt Euch nicht abschrecken. Ihr Jüngeren vermögt gar nicht zu übersehen, wie groß die Fortschritte sind, welche die Deutschen in diesem Jahrhundert zu staatlicher Einheit gemacht haben; ich habe es erfahren, ich kenne dies Volk, Ihr geht einer großen Zukunft entgegen, Ihr werdet es erleben, ich aber nicht; — dann denkt des Alten!

Der Freiherr Christian Friedrich von Stockmar ist am 9. Juli 1863 in seiner Heimatstadt Coburg gestorben, da könnten wir an diesem Tag mal eben des Alten gedenken. Und in unserer Zeit der Verluderung der politischen Sitten daran denken, dass es einmal solche Politiker gegeben hat. Was die beiden englischen Premierminister über Stockmar gesagt haben, wird kein englischer Premier jemals über Boris Johnson sagen.

Donnerstag, 7. Juli 2022

Kabul-Wunstorf


Bei der Gründung der Bundeswehr als reiner Verteidigungsarmee hätte niemand geahnt, dass eines Tages ein deutscher Verteidigungsminister sagen würde: Unsere Spur wird die Transformation der Truppe sein. Dafür stehen zwei Sätze. Erstens: Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt. Er ist akzeptiert, auch wenn mir zu wenig darüber diskutiert wird. Der zweite Satz lautet: Einsatzgebiet der Bundeswehr ist die ganze Welt. ... Grundsätzlich müssen deutsche Soldaten bereit sein, an Orten Verantwortung zu übernehmen, an die wir heute noch nicht denken. Ist das, was der ehemalige Stadtdirektor von Uelzen äußert, jetzt das, was die Engländer im Krieg mit German, German overalls verspotteten? Deutscher Größenwahn? Was Struck 2005 sagte, scheint heute ja schon stillschweigend akzeptiert.

Das habe ich in meinem ersten Jahr als Blogger in dem Post Heeresreform geschrieben. Und einen Post Afghanistan hat es hier schon in meiner ersten Woche als Blogger gegeben. Viele Leser waren damals erstaunt, dass Afghanistan schon im ersten Kapitel des 1851 erschienenen Romans Moby-Dick steht: In dem Kapitel, das die Überschrift Loomings trägt, stellt sich der Erzähler (den wir Ishmael nennen sollen) die Zeitungsschlagzeilen des grand programme of Providence vor, die seine Reise auf einem Walfänger ankündigen:

Grand Contested Election for the Presidency of the United States
Whaling Voyage by the one Ishmael
Bloody Battle in Affghanistan

Die Schlacht in Afghanistan, die hier erwähnt wird, bedeutete die Vernichtung einer ganzen englischen Armee im Jahre 1842. Der einzige Überlebende war ein Dr William Brydon, der einen Bericht darüber geschrieben hat. Vielleicht sollte man diesen Bericht zu den Berichten des Roten Kreuzes und der Feldjäger auf den Schreibtisch der Verteidigungsministerin legen. Und das Gedicht von Theodor Fontane dazu, das Das Trauerspiel von Afghanistan heißt. Oder vielleicht, da Politiker keine Zeit zum Lesen finden (außer Helmut Kohl, der las ja angeblich immer Hölderlin) nur die letzte Strophe:

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

Angeblich soll das Fontane Gedicht (von dem ich hier eine schrille Darbietung von ✺Nina Hagen habe) in einem kleinen Büchlein über Land und Leute enthalten gewesen sein, das den deutschen Soldaten vor dem Afghanistaneinsatz in die Hand gedrückt wurde. Das wäre sehr vorausschauend gewesen. Ende August sollte es einen Großen Zapfenstreich für die aus Afghanistan heimgekehrten Soldaten geben, die noch in dem sogenannten Resolute Support aktiv waren. Bei deren Ankunft am 30. Juni 2021 glänzte allerdings die Bundesregierung durch Abwesenheit. Die Feier wurde auf den Oktober verschoben.

Als der Brigadegeneral Jens Arlt im August 2021 in Wunstorf ankam, war er schwerbewaffnet. Ich weiß nicht, weshalb. Generäle tragen keine Waffen. Eine Pistole vielleicht. Als der Feldmarschall Archibald Wavell seinen Adjudanten fragte: Peter, have you seen my Browning? suchte Peter Coats vergeblich nach einer Pistole, Wavell suchte die Werke des Dichters Robert Browning. Die Geschichte findet sich in seiner Autobiographie Of Generals and Gardens von Coats. Und der Dichter Robert Browning findet sich in Wavells Gedichtsammlung  Other Men's Flowers.

Die Welt will Bilder. Und so kommt ein General mit einem Sturmgewehr nach Hause. Die normale Dienstwaffe für einen General wäre eine Pistole, aber der Brigadegeneral Arlt will uns durch den Feldanzug und das Sturmgewehr G36 etwas zeigen. Dass er aus einem gefährlichen Einsatz zurück ist. Und dass er noch mit dem G36 Frau Kamp-Karrenbauer umarmen kann. Die Inszenierung wird zu einem Symbol. Das ist in Zeiten des Krieges wichtig. Deshalb trägt der General Patton einen weißen Burberry Trenchcoat und zwei vernickelte Revolver mit Elfenbeingriff. Und Napoleon reitet in heroischer Pose über die Alpen. Aber nur auf dem Gemälde von Jacques-Louis David. In Wirklichkeit ritt Napoleon auf einem Lastenesel seinem Heer hinterher. Das kann man nicht verkaufen. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein kleiner Schritt, das hat Napoleon selbst gesagt.

Wir wollen die Leistung des Brigadegenerals Jens Arlt bei der Evakuierung von Truppen und Zivilisten nicht kleinreden, das Bundesverdienstkreuz hat er zu Recht bekommen. Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Er hörte es nicht gerne, dass die Presse ihn zum Helden von Kabul stilisierte, aber das war er. Und er hat die zweiunddreißig Jahre seiner Dienstzeit nicht nur am Schreibtisch verbracht, er hat auch eine Ausbildung beim Kommando Spezialkräfte (KSK) durchlaufen. Die Eliteeinheit hat ja in der letzten Zeit Schlagzeilen gemacht, Rechtsradikalismus und verschwundene Munition. Vielleicht bekommt die Nachfolgerin von Frau Kramp-Karrenbauer das ja in den Griff. Mit dem Munitionsdiebstahl hatte ja schon ihre Vorgängerin, die Flinten Uschi, ihre Probleme.

Das Trauerspiel von Afghanistan hieß das Gedicht von Theodor Fontane, dies ist jetzt erstmal der letzte Akt des Trauerspiels. Wusste niemand, was kommt? Hat niemand den russischen Afghanistan Film ✺Die neunte Kompanie von dem Sohn von Sergei Bondartschuk gesehen? Weihnachten 2009 hatte die damalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann in ihrer Weihnachtspredigt den Satz Nichts ist gut in Afghanistan gesagt. Es gab eine öffentliche Diskussion. Nicht darüber, was nicht gut in Afghanistan war, sondern darüber, ob Frau Käßmann das hätte ex cathedra sagen dürfen. Und dann auch noch in der Weihnachtspredigt. Wir sind gut im Verdrängen.

Die damalige dramatische Lage habe niemand vorhersehen können, hat der Außenminister Heiko Maas gesagt, und die Kanzlerin sagte genau dasselbe. Auf diesen Satz, der im eklantanten Gegensatz zur Wirklichkeit stand, hatte man sich offenbar geeinigt. In dem ✺Interview mit Marietta Slomka vom 17. August 2021 windet sich der Minister herum und sagt, dass die Fehleinschätzung ja international gewesen sei. Niemand habe etwas gewusst. Die deutsche Botschaft in Kabul hatte zwar eine Warnung nach der anderen gesandt, aber: Die hören sollen, sie hören nicht mehr. Wenn die Politik schon schläft, was machen denn die in den Generalstäben? Hatten die nicht längst einen Plan B ausgearbeitet? Spielen die in den Stäben keine Szenarien mehr durch? Es war natürlich keine Flucht, die der General Arlt da in den zehn Tagen befehligte. Das mit der Flucht hört niemand gern. Sie fliehen nicht. Gott bewahre! Diesen Franzosen darf man die Wahrheit nicht sagen, wenn sie ihre Eitelkeit verletzt. Lässt Stendhal den jungen Fabrice del Dongo in seinem Roman Die Kartause von Parma nach der Schlacht von Waterloo sagen. Der Autor wusste, wie der Krieg aussieht, er hat Napoleon bis Moskau begleitet.

Auf der Seite der Bundeswehr klingt das Ganze dann so: Die Bundeswehr unterstützte vom 16. bis zum 26. August die Evakuierungsoperation des Auswärtigen Amtes. Die Sicherheitslage in Afghanistan hatte sich nach der Machtübernahme der Taliban verschlechtert. Die Bundeswehr unterstützte die laufenden Evakuierungsoperationen des Auswärtigen Amtes, um deutsche Staatsbürger und Staatsbürgerinnen sowie einheimische Ortskräfte und ihre Familien und weiteren Schutzbedürftigen in Sicherheit zu bringen. Mit Transportflugzeugen vom Typ A400M und A310 wurden insgesamt 5.347 Personen aus mindestens 45 Nationen evakuiert. Die Bundeswehr war bei dieser internationalen Mission eine Führungsnation. 

Musste der letzte Satz unbedingt sein? Die Bundeswehr als Führungsnation? Im Bundeshaushalt für das Jahr sind 211 Planstellen für Generäle ausgewiesen. Das heißt im Einzelnen: Besoldungsgruppe B 6 (Brigadegeneral, Flottillenadmiral): 130, Besoldungsgruppe B 7 (Generalmajor, Konteradmiral) 51, Besoldungsgruppe B 9 (Generalleutnant, Vizeadmiral) 27 und Besoldungsgruppe B 10 (General) 3. Mehr als zehn Prozent machen keinen Dienst bei der Truppe oder in einem Stab, die sitzen im Verteidigungsministerium. Aber auch da ist ihr Beruf ist das Si vis pacem para bellum. Ist da nicht einer dabei, der das alles hätte voraussehen können? An eine Exit Strategie hatte wohl niemand gedacht. Die damalige dramatische Lage habe ja eben niemand vorhersehen können.

An pathetischer Rhetorik in der Art von Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt hat es dem Krieg in Afghanistan nie gefehlt. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte: Ich habe dem amerikanischen Präsidenten George Bush die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands zugesichert. Die Missionen der International Security Assistance Force hatten Namen wie Enduring Freedom (sie sollte zuerste Operation Infinite Justice heißen) oder Resolute Support. Es wurden Milliardensummen ausgegeben, die afghanische Armee besaß zum Schluss nach Angaben der Afghan National Defense and Security Forces (ANDSF) 300.699 Soldaten. Wo waren die im August 2021? Das fragte sich auch General Arlt: Ich habe viele Kampfhandlungen erlebt, in der Hochphase. Militärisch muss man sich sicherlich die Frage stellen und ganz klar umreißen: Was war mit den Sicherheitskräften, die wir aufgebaut haben? Warum sind die so schnell umgekippt? Warum gab es keinen Widerstand? Das ist eine Frage, die ich mir auch stelle. Ich habe vor Ort viele Sicherheitskräfte ausgebildet. 

Die Fraktionen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP planen die Einsetzung des 1. Untersuchungsausschusses der 20. Wahlperiode zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Den dazu vorgelegten Antrag (20/2352) hat der Bundestag am Donnerstag, 23. Juni 2022, nach knapp 40-minütiger Debatte zur weiteren Beratung an den Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsführung überwiesen, ist auf der Seite des Bundestags zu lesen. Der Ausschuss soll nach der Sommerpause etabliert werden. Das hatte vor einem Jahr schon Armin Laschet gefordert: Alles das wird zu analysieren sein, auch schonungslos, auch ohne Rücksicht auf Parteien. Aber damals war Wahlkampf, da hat er über das größte Debakel, das die Nato seit ihrer Gründung erleidet, vieles gesagt. Immerhin hat der Bundestag ein Jahr nach den Ereignissen die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beschlossen. Wir werden sehen, was daraus wird.

Die Engländer verlieren im Januar 1842 in Afghanistan eine ganze Armee, aber im Sommer des Jahres sind sie mit der Army of Retribution wieder da, um sich für die Massaker von Kabul and Gandamak zu rächen. Vielleicht auch nur, um General Robert Sale zur Hilfe zu kommen, der in Dschalalabad von den Afghanen eingeschlossen ist. Wenn der erste afghanische Krieg vorbei ist, wird der zweite kommen. Afghanistan ist zu einer Spielwiese des Great Game geworden. So hat der Geheimdienstoffizier Arthur Conolly den Konflikt zwischen England und Rußland genannt, der das ganze 19. Jahrhundert andauert. Berühmt wurde der Ausdruck durch Rudyard Kipling, in dessen Roman Kim der Satz Now I shall go far and far into the North, playing the Great Game steht. Der englische Historiker Peter Frankopan hat in seinem Buch Licht aus dem Osten (The Silk Roads) eine völlig neue Sicht auf die Weltgeschichte vorgetragen, in der Afghanistan eine ganz andere Rolle im Weltgeschehen spielt. Den ganzen Text dieses hochinteressanten Buches habe ich hier. Das wird Ralf Stegner, der der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses wird, bestimmt noch lesen.

Samstag, 2. Juli 2022

Freuds Prinzessin


Eine Dame auf der Couch eines Psychiaters. Sie sagt ihm gerade: Ich hatte Mörder gerne, sie kamen mir interessant vor. War mein Großvater nicht selbst einer, als er den Journalisten Victor Noir tötete? Und mein Urgroßonkel, Napoleon, was für ein monumentaler Mörder! Sie heißt Marie Bonaparte und ist eine Prinzessin. Der Psychiater heißt Sigmund Freud, die Prinzessin hat ihm die Flucht aus Österreich ermöglicht. Dies ist natürlich eine Filmszene, Sie können den ✺Film, in dem Catherine Deneuve die Prinzessin Bonaparte spielt, hier sehen. 

Im Jahre 1907 hat Marie Bonaparte einen Prinzen geheiratet. Der kommt aus einem Land, das gerade den Staatsbankrott erklärt hat. Der Bankrott wird mit den Worten von den lieben, nie zahlenden Griechen in Fontanes Stechlin erwähnt. Der Prinz hat kein Geld, aber einen Titel. Das Geld hat sie. Nicht aus der Familie ihres Urgroßonkels Napoleon, das Geld kommt vom Opa mütterlicherseits, der die Spielbank von Monte Carlo gegründet hat. Die Prinzessin ist nicht nur Freuds Patientin, sie ist auch seine Schülerin und wird selbst Psychoanalytikerin werden. Und sie interessiert sich für Mörder. Unter dem Einfluss des Soziologen Gustav Le Bon besucht sie Mordprozesse und schreibt Bücher wie  ➽Der Fall Lefebvre: Zur Psychoanalyse einer Mörderin.

Sie schreibt aber noch über jemand anderen, über einen Schriftsteller, in dessen Welt Mord und Wahnsinn eine Rolle spielen: And much of Madness and more of Sin And Horror the soul of the plot. Sie veröffentlicht 1933 eine  ➽psychoanalytische Studie über Edgar Allan Poe (hier die deutsche ➽Übersetzung des Buches). Ihr Freund Sigmund Freud schreibt einige nette Zeilen für das Vorwort: Meine Freundin und Schülerin Marie Bonaparte hat in diesem Buch das Licht der Psychoanalyse auf das Leben und das Werk eines großen krankhaft gearteten Dichters fallen lassen. Dank ihrer Deutungsarbeit versteht man jetzt, wieviel von den Charakteren seines Werkes durch die Eigenart des Mannes bedingt ist, erfährt aber auch, daß diese selbst der Niederschlag starker Gefühlsbindungen und schmerzlicher Erlebnisse seiner frühen Jugend war. Solche Untersuchungen sollen nicht das Genie des Dichters erklären, aber sie zeigen, welche Motive es geweckt haben und welcher Stoff ihm vom Schicksal aufgetragen wurde. Es hat einen besonderen Reiz, die Gesetze des menschlichen Seelenlebens an hervorragenden Individuen zu studieren.

Man hätte Marie Bonaparte vielleicht vergessen, wenn sie nicht 2004 von Catherine Deneuve gespielt worden wäre. Ihr Leben reicht nicht nur für einen in Wien gedrehten dreistündigen Fernsehfilm, es reicht für mehrere Romane. Nachdem Freud 1938 mit der Couch aus seinem Wiener Behandlungszimmer nach London gekommen war, versuchte die Prinzessin, griechische oder französische Visa für seine Schwestern in Wien zu bekommen, es ist ihr nicht gelungen. Freuds vier Schwestern wurden von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet.

Diesen apulischen Glockenkrater aus dem vierten Jahrhundert hatte die Prinzessin, die heute vor einhundertvierzig Jahren geboren wurde, Sigmund Freud geschenkt. Sie wusste, dass er Antiken liebte, noch mehr als seine Zigarren: Ich arbeite in einem großen, ruhigen Parterreraum mit Bergaussicht an der Vervollständigung meiner Traumarbeit. Meine von Dir so wenig anerkannten alten und dreckigen Götter beteiligen sich als Manuskriptbeschwerer an der Arbeit, schreibt Freud 1889 an seinen Freund Wilhelm Fließ. Das Geschenk der Prinzessin war ein Prunkstück seiner Sammlung, von der er dank der Prinzessin einen großen Teil hatte nach London mitnehmen können. Die Sammlung ist heute zum größten Teil im Freud Museum in London zu sehen. Die berühmte Couch auch. Der apulische Glockenkrater nahm nach Freuds Tod seine Asche auf, das hatte sich seine Familie so gewünscht. Vor acht Jahren wurde er von Dieben bei einem Einbruch im Krematorium von Golders Green schwer beschädigt. Wussten die Einbrecher, was sie taten?

Dienstag, 28. Juni 2022

The Way by Swann’s


Ich lese gerade ein Buch, das ich kenne. Ich habe es schon mehrmals gelesen, sogar in verschiedenen Übersetzungen. Ich besitze auch den ersten Band im französischen Original, den habe ich aber in die zweite Reihe gestellt. Jetzt lese ich das Buch wieder in einer Übersetzung, aber es ist diesmal eine englische Übersetzung. Darauf war ich noch nie gekommen, dass man die ➽Recherche a la temps perdu auch in einer englischen Übersetzung lesen konnte. Es gibt einen vielzitierten Satz, dass man philosophische und andere schwere Texte, die man kaum versteht, in der englischen Übersetzung leichter lesen könne. Es ist ein Satz, der immer mal wieder für das Werk von Karl Marx und Sigmund Freud gebraucht wurde. Nie für das Werk von Hegel oder Heidegger, da versagt auch die Common Sense Struktur der englischen Sprache.

Proust und Englisch, das ist so eine Sache. Seine Mutter beherrschte die englische Sprache, er kaum. Aber er bewundert die Engländer und den englischen Stil. Er trägt Schlipse und Querbinder von der englischen Firma Liberty's (er hat sie in allen Farben) und kauft seine Schuhe in dem Luxusgeschäft Old England am Boulevard des Capucines (das Geschäft gibt es leider seit zehn Jahren nicht mehr). Schwarze geknöpfte Lackstiefel, Halbstiefel natürlich. Nichts anderes. Sie können ihn mit solchen Schuhen in dem Post Morning Coat sehen. Seine Anzüge und seine Morning Coats kommen von der Firma Carnaval de Venise in der Rue Halevy, die haben einen englischen Schneider, der kommt zu Proust ins Haus.

Alles über Prousts Anglophilie kann man bei Professor Daniel Karlin in dem hochinteressanten Buch Proust's English (Oxford University Press 2005) lesen. Und wenn ✺Proust auch kaum Englisch kann, liebt er doch die englische Literatur, das hat er selbst gesagt: C’est curieux que dans tous les genres les plus différents, de George Eliot à Hardy, de Stevenson à Emerson, il n’y a pas de littérature qui ait sur moi un pouvoir comparable à la littérature anglaise et américaine. L’Allemagne, l’Italie, bien souvent la France me laissent indifférent. Mais deux pages du 'Moulin sur la Floss' me font pleurer. Er liest das alles natürlich in Übersetzungen, zum Übersetzer seines eigenen Werkes hätte er nicht getaugt. Obgleich er sich daranmacht, einen Text des vom ihm verehrten John Ruskin zu übersetzen. Lesen Sie dazu mehr in dem Post Notre Dame d'Amiens.

Im Jahre 1919 offerierte der schwerverletzt aus dem Krieg zurückgekommene Captain C. K. Scott Moncrieff dem Constable Verlag eine Übersetzung von Prousts Roman Du côté de chez Swann, der gerade neu überarbeitet bei Gallimard erschienen ist. Bei dem Verlag Gallimard sollte Proust für den kurzen Rest seines Lebens bleiben. Der Constable Verlag teilte Scott Moncrieff, der gerade eine Übersetzung des Rolandsliedes und Stendhals Kartause von Parma beeendet hatte, mit, sie hätten noch niemals etwas von diesem Herrn Prévost gehört. Sie konnten nicht einmal den Namen Proust richtig schreiben. Immerhin kannten sie Herman Melville, denn sie hatten gerade mit der Herausgabe seiner Werke begonnen. Scott Moncrieff ließ sich davon nicht einschüchtern und übersetzte den ersten Band der Recherche. Als er den fertig hatte, ließ er sich als Captain der King’s Own Scottish Borderers malen.

Das Buch hat Proust einen Monat vor seinem Tod noch bekommen. Proust, despite his shaky acquaintance with the half-learned and half- forgotten English language, was relieved a little as he struggled through his own copy by the beauty he dimly perceived, schreibt George Duncan Painter in seiner Proust Biographie. Der Titel des ersten Bands Swann's Way gefiel Proust nicht, der bei Shakespeare entlehnte Titel Remembrance of Things Past auch nicht, aber er bedankte sich brieflich (in englischer Sprache) beim Übersetzer. Proust hatte seit dem Dezember 1921 gewusst, dsss die englische Übersetzung im Entstehen war, Gaston Gallimard hatte ihn informiert. Scott Moncrieff wird bis zu seinem Tod im Jahre 1930 beinahe die ganze Recherche übersetzt haben. 

Seine Übersetzung bleibt, bis sie 1981 von Terence Kilmartin auf der Basis der Pléiade Edition von 1954 revidiert wurde, die englische Standardausgabe des Werkes. Wenn Sie wollen, können Sie sie ➽hier lesen. Die schottische Schriftstellerin Jean Findlay hat mit Chasing Lost Time vor sieben Jahren eine hervoragende Biographie von Scott Moncrieff vorgelegt. Sie ist die Urgroßnichte des Übersetzers und konnte auf bisher unbekannte familiäre Unterlagen zurückgreifen. Sie hatte in Edinburgh Romanistik studiert und wollte eine Dissertation über Prousts Recherche schreiben, aber ihr Onkel riet ihr ab: it killed Proust to write it, it killed CK to translate it; it'll probably kill you to read it ... Sie gab Proust auf und schrieb über Balzac. Aber dann kam sie doch auf Proust zurück und schrieb die Biographie von CK, der niemand anderer als Charles Kenneth Scott Moncrieff ist.

Ich komme auf das Thema, da ich letztens das im ersten Absatz abgebildete Buch The 14-Minute Marcel Proust für 2,47 € bei ebay gekauft hatte und dort alles über die verschiedenen englischen Proust Übersetzungen lesen konnte. Sie brauchen sich das Büchlein nicht zu kaufen, es steht alles in diesem Blog des Autors, der uns die verschiedenen Übersetzungen und Übersetzungsversuche der einzelnen Bücher der Recherche präsentiert. Das brachte mich dazu, den von den Kritikern gelobten ersten Band der neuen Penguin Ausgabe in der Übersetzung von Lydia Davis zu kaufen, die jetzt The Way by Swann’s heißt. Vladimir Nabokov hatte vorgeschlagen, man solle das Buch The Walk by Swann’s House nennen. Das ist etwas anderes als Scott Moncrieffs Swann's Way. Ich kannte den Text, von dem ich verschiedene deutsche Übersetzungen gelesen habe. Das französische Original mehr oder weniger auch.

Ich begann zu lesen und konnte nicht aufhören. Unglaublich. Wie klar und verständlich alles war. Die Schriftstellerin Lydia Davis, die einmal mit Paul Auster verheiratet war, hatte schon dreißig Jahre aus dem Französischen übersetzt (unter anderem Flauberts Madame Bovary), als sie der Penguin Verlag fragte, ob sie an einer neuen Proust Übersetzung teilnehmen wollte. Nach einigem Nachdenken wollte sie. Sie können hier im Yale Review alles lesen, was sie zu ihrer Übersetzung des Werkes, über das Henry James schrieb: inconceivable boredom associated with the most extreme ecstasy which it is possible to imagine, zu sagen hat. Diese Übersetzung zu lesen war mehr ecstasy als boredom. Aber, alle schönen Dinge haben ein Aber, ich weiß nicht, wie der Rest von In Search of Lost Time aussieht. Lydia Davis hat leider nur den ersten Band übersetzt. 

Der Herausgeber der Penguin Ausgabe Christopher Prendergast, der gerade das Buch Living and Dying with Marcel Proust veröffentlicht hat, hat für seine Wahl etliche Gründe, ohne zu sagen, dass sich niemand auf der Welt finden würde, der die ganze Recherche mit dem Anspruch übersetzte, besser zu sein als Scott Moncrieff. James Alter kritisierte die Edition im Times Literary Supplement sicherlich zu Recht: Anyone reading through the seven volumes in French comes to sense a unifying Proustian sensibility in the prose even as it shifts gear according to the exigencies of the particular narrative moment. Prendergast's assertion to the contrary looks suspiciously like an excuse for having made no editorial effort to bring the sundry volumes into full stylistic consonance with each other, and this inaction in certain ways compromises the project as a whole. Alain de Botton, dem wir das schöne Buch How Proust Can Change Your Life verdanken, verteidigte dagegen das Penguin Projekt in der Times: For a start, Prendergast has picked on a distinguished range of translators, so that even if one ends up with a favourite (mine was James Grieve, who did Volume 2), there’s never a sense of an awkward shift as one moves from book to book. Und dann kommt der Satz: It is Proust’s voice that one follows; the translators remain self-effacing handmaidens, their task helped by a general editor who has taken care to impose a uniformity of names and other details. Man könnte diesen Satz negativ umformulieren: Proust ist so gut, dass man ihn überall erkennt, egal wie schlecht die Übersetzungen sind. Im Internet ist eine sehr gute Magisterarbeit von Camille Gippa zu lesen, in der Sie alles über die Rezeption der Übersetzungen finden.

Der zweite Band der Penguin Ausgabe wurde von dem Australier James Grieve übersetzt, der viel freier als Davis an den Text herangeht. Er bekam die schlechtesten Rezensionen, die einzige Ausnahme war die von Alain de Botton. Grieve hatte schon zwanzig Jahre zuvor einen Band aus der Recherche übersetzt. Das war ein Wagnis gewesen, das wusste Grieve. Und er hat hat seiner Übersetzung ein Zitat vorangestellt, das aus der Übersetzung von Montaignes Werken durch Charles Cotton stammte: My Design in attempting this Translation, was to present my Country with a true Copy of a very brave Original; How far I have succeeded in that Design is left to every one to judge; and I expect to be the more gently censured, for having my self so modest an Opinion of my own Performance, as to confess that the Author has suffered by me, as well as the former Translator; though I hope, and dare affirm, that the misinterpretations I shall be found guilty of, are neither so numerous, nor so gross. I cannot discern my own Errours, it were unpardonable in me if I could, and did not mend them; but I can see his (except when we are both mistaken) and those I have corrected; but am not so ill natur’d as to shew where. Was Charles Cotton hier 1685 formuliert, sollte jeder Übersetzer vor sein Werk schreiben. Grieve hatte Swann's Way (hier im ➽Volltext) den Satz vorangestellt: This new Proust in English I dedicate to all those who once read him in the belief that he was abstruse; and to those who, in the same belief, never read him.

Lydia Davis ist mit ihrer Übersetzung Scott Moncrieffs Übersetzung verpflichtet, das hat sie in Interviews und Leserbriefen gesagt, das hat sie im Vorwort der Penguin Ausgabe geschrieben. Es plagte sie bei ihrer Arbeit eine Frage: Another early question that haunted me was whether a new translation was needed at all. Scott Moncrieffs Übersetzung ist von Terence Kilmartin überarbeitet worden, diese Revision war eigentlich mehr oder weniger eine Neuübersetzung. Und diese neue Version war von D.J. Enright auf der Basis der Pléiade Edition von 1984 noch einmal überarbeitet worden, warum eine neue Übersetzung? Enright hatte den Titel des Werks von Remembrance of Things Past geändert, das Werk heißt jetzt In Search of Lost Time. Das hätte Proust gefallen, der an Scott Moncrieffs Titel Anstoß genommen hatte.

Der Leser hat heute die Wahl, was er kaufen will. Es gibt nach hundert Jahren Scott Moncrieffs Übersetzung immer noch. Antiquarisch oder neu von der Yale University Press. Herausgegeben und kommentiert von William C. Carter. Das liest sich in der Verlagswerbung so: Esteemed Proust scholar William C. Carter celebrates the publication centennial of Swann's Way with a new, more accurate and illuminating edition of the first volume of In Search of Lost Time. Carter corrects previous translating missteps to bring readers closer to Proust's intentions while also providing enlightening notes to clarify biographical, historical, and social contexts. Presented in a reader-friendly format alongside the text, these annotations will enrich and deepen the experience of Proust's novel, immersing readers in the world of an unsurpassed literary genius. Für Harold Bloom, der immer für eine schräge Meinung gut ist, war Carter Proust's definitive biographer, ich fand Carters Biographie furchtbar langweilig, kein Vergleich mit Tadié.

Aber ich sollte auch etwas Nettes über Professor Carter sagen, ich brauche ihn noch für den Schluss. Zum einen, dass er der Ko-Produzent des Films ✺Marcel Proust: A Writer's Life ist, den Sie hier sehen können. Zum anderen, weil er ein Buch über Shelby Foote herausgegeben hat. Der Schriftsteller und Historiker, der eins der besten Geschichtswerke über den amerikanischen Bürgerkrieg geschrieben hat, ist hier schon häufig erwähnt worden. Aber was hat er mit Marcel Proust zu tun? In dem Film über Proust sagt er, dass Proust the man who hung the moon in my mind gewesen sei. Zu seinem siebzehnten Geburtstag hat er ein Exemplar von Remembrance of Things Past bekommen und das Buch immer wieder gelesen. What I got from Proust is the handling of multiple plots, the infinite compassion for all kinds of scoundrels - just a whole way of looking at the world... Proust called style 'a quality of vision.' He gave me that. Und in dem von Carter herausgegeben Band sagt Foote in einem Interview, dass er ohne die Kenntnis von Homers Ilias und Prousts Remembrance of Things Past niemals die drei Bände von The Civil War: A Narrative hätte schreiben können. Ein Werk, das im Übrigen genau so lang ist, wie Prousts Recherche.

Und Shelby Foote hat noch etwas anderes, etwas ganz Erstaunliches, gesagt. Immer, wenn er ein Buch fertig hätte, würde er A la recherche du temps perdu lesen: I’ve always given myself a reward when I finish something and the reward I give myself is always the same thing. I read 'A la recherche du temps perdu'. That’s my big prize. C’est mon grand prix. I think I’ve read it nine times, now. It’s like a two-month vacation because it takes that long to read Proust. I like it better than going to Palm Beach.



Samstag, 25. Juni 2022

Blogger


Bloggen kann jeder, hat F.C. Delius gesagt. Ja und nein, es gibt erhebliche qualitative Unterschiede zwischen den Blogs. Von denen es sicher Millionen gibt, in Deutschland sollen es mindestens 200.000 sein. Mein Webster aus dem Jahre 1993 kennt das Wort Blogger nicht, vor dreizehn Jahren wusste ich nicht, was das ist. Jetzt gehöre auch ich zu dieser flüchtigen, unübersichtlichen  Welt. Wenn man bei ebay in der Suchfunktion das Wort Blogger eingibt, landet man bei der Damenmode. Wenn Sie wissen wollen, wie der neueste Blogger-Style aussieht, klicken Sie diese Seite an. Da kann man lesen: Ein goldenes Cropped Top und einen süßen Blumenrock – mehr braucht es nicht für ein luftig-leichtes Sommer-Outfit. Blogger-Ikone Chiara Ferragni kombiniert dazu noch goldene Samt-Sandalen und eine süße Prada-Tasche. Und das Internet belehrt uns dazu: Einfach ein Wickelkleid in einer Knallfarbe überwerfen und goldene Riemchensandalen – fertig ist der elegante Blogger-Style. Wir lassen die süße Prada-Tasche und den Blogger-Style des Sommers mal beiseite und wenden uns dem Wort Blogger zu.

Das Oxford English Dictionary definiert das Wort, das seit den neunziger Jahren gebräuchlich ist (im Duden seit 2006), als: A frequently updated website, typically run by a single person and consisting of personal observations arranged in chronological order, excerpts from other sources, hyperlinks to other sites, etc.; an online journal or diary. Das Internet ist voll von Artikeln über Blogger. Gibt man das Wort ein, serviert einem Google 724.000.000 Einträge. Gibt man das Wort Gott ein, sind es nur 202.000.000. Die absolute beste Definition des Bloggers findet sich nicht in den traditionellen Wörterbüchern, die findet sich in dem Urban Dictionary, einem Slangwörterbuch, das seit 1999 online ist. Und da steht:

Term used to describe anyone with enough time or narcissism to document every tedious bit of minutia filling their uneventful lives. Possibly the most annoying thing about bloggers is the sense of self-importance they get after even the most modest of publicity. Sometimes it takes as little as a referral on a more popular blogger's website to set the lesser blogger's ego into orbit. usually occurs after a person purchases or attains access to a computer but before they learn anything about writing.

DeepL, die beste Übersetzungsmaschine im Netz, übersetzt uns das als:

Ein Begriff, der jeden beschreibt, der genug Zeit oder Narzissmus hat, um jede langweilige Kleinigkeit seines ereignislosen Lebens zu dokumentieren. Das vielleicht Ärgerlichste an Bloggern ist das Gefühl der Selbstherrlichkeit, das sie selbst bei der bescheidensten Publicity entwickeln. Manchmal reicht schon eine Empfehlung auf der Website eines bekannteren Bloggers aus, um das Ego des weniger bekannten Bloggers in die Höhe zu treiben. Das passiert in der Regel, nachdem eine Person einen Computer gekauft oder Zugang zu einem Computer erhalten hat, aber bevor sie etwas über das Schreiben lernt.

Das ist schön bösartig, aber mehr braucht man über Blogger nicht zu sagen.

Mittwoch, 22. Juni 2022

Happy Birthday, Prunella Scales


Hier steht die englische Königin neben dem Direktor der königlichen Gemäldesammlung Sir Anthony Blunt. Sie diskutieren über die Echtheit eines Gemäldes. Blunt sagt gerade: Because something is not what it is said to be, Ma'am, does not mean it is a fake. It may just have been wrongly attributed. Sie wissen natürlich, dass das hier nicht die englische Königin ist, das ist die Schauspielerin Prunella Scales, die Queen Elizabeth in dem Theaterstück A Question of Attribution von Alan Bennett spielt. James Fox, den Sie schon in dem Post The Go-Between an der Seite von Dirk Bogarde sehen können, spielt den Kunsthistoriker Sir Anthony Blunt. Zu dem Theaterstück gab es hier schon vor Jahren den Post (Sir) Anthony Blunt, in dem man auch den wunderbaren Film ✺A Question of Attribution anklicken konnte. Es geht in dem Film nicht nur um die Echtheit eines Tizian Gemäldes, es geht auch um Sir Anthony. Denn es ist langsam ans Licht gekommen, dass der Direktor der königlichen Gemäldesammlungen und des Courtauld Institutes in Wirklichkeit seit den dreißiger Jahren ein sowjetischer Spion ist. Der Verrat an England ist ein Theme, das bei Alan Bennett gut aufgeehoben ist, er behandelt es in An Englishman Abroad und anderen Theaterstücken.

✺Prunella Scales wird heute neunzig Jahre alt. Dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren. Sie hat viele Rollen in ihrem Leben gespielt, aber ewig in Erinnerung bleibt sie als die englische Königin in A Question of Attribution und als Sybil Fawlty. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an die schreiend komische Sitcom Fawlty Towers erinnern. Da ist sie die Ehefrau von Basil Fawlty, den wir besser als John Cleese kennen: I feel very grateful for Sybil. 'Fawlty Towers' was very hard to make, but it was very stimulating. Es hat zwölf Folgen gegeben, sie sind zu Klassikern des englischen Humors geworden: It's strange how 'Fawlty' has become a perennial. I keep meeting new generations of schoolboys who know the lines better than I did when I said them. The program has sensational sales in video. I'm mercifully on a small percentage, hat sie einmal gesagt. Und sie hat auch gesagt, dass die Drehbücher von John Cleese schon Klassiker seien: I shouldn't be surprised if John Cleese's scripts don't become set texts for examinations-they're classics. And I can't tell you how service in English hotels has improved since 'Fawlty Towers.' Was den Service in englischen Hotels betrifft, so hat es einen Chaoten wie Basil Fawlty wirklich gegeben. Cleese war mit der Monty Python Truppe in seinem Hotel untergebracht. Er sei der unflätigste Mensch, der mir je über den Weg gelaufen ist, hat John Cleese gesagt. Und ihn in die Serie geschrieben.

Samstag, 18. Juni 2022

Jean-Louis Trintignant ✝


Auch Legenden sterben. Jetzt ist Jean-Louis Trintignant tot. Seine Ex-Frau Nadine sagte im Dezember: Il perd la vue, il ne peut plus marcher bien. Il ne va pas bien, non, il va mal. Dass er die Sehkraft verlor, war nichts Neues, er konnte schon seit zehn Jahren die Tageszeitung nicht mehr lesen. Bei den Dichterlesungen, bei denen er Jacques Prévert vortrug, brauchte er den Text nicht abzulesen, er kannte die Gedichte auswendig. Jean-Louis Tringtignant war von Anfang an in diesem Blog, man könnte SILVAE beinahe einen Jean-Louis Trintignant Blog nennen. Ich war gerade mal eine Woche im Netz, da schrieb ich Ma nuit chez Maud, und am Ende des Jahres 2010 gab es zu seinem achtzigsten Geburtstag den Post Jean-Louis Trintignant. Der neueste Post ist vom Januar dieses Jahres und heißt Verliebt in scharfe Kurven, und zu seinem Geburtstag im Dezember 2021 gab es hier den ganz, ganz langen Post Bon anniversaire, Jean-Louis. Ist ein paar tausend Mal angeklickt worden, könnte aber noch mehr Leser haben, weil er viel besser als der mickrige Wikipedia Artikel ist. Und zwischen Januar 2010 und Januar 2022 ist er immer wieder in diesem Blog erwähnt worden. Testen Sie einmal die Suchfunktion auf dieser Seite. In manchen der Posts kann man Filme anklicken, nicht jeden seiner Filme muss man sehen. ✺Diesen hier zum Beispiel nicht. Den Film ✺Le mouton enragé mag ich dagegen sehr. Wenn man in mehr als hundertfünfzig Filmen mitspielt, wird nicht jeder ein Meisterwerk sein. 

Er ist friedlich im Kreis seiner Familie eingeschlafen, hat seine dritte Ehefrau Marianne Hoepfner gesagt. Die Frau, die ihn die letzten zwanzig Jahre seines Lebens begleitete, kam nicht wie seine ersten Ehefrauen Stéphane Audran und Nadine Marquand aus dem Filmgeschäft, die war Rennfahrerin wie Trintignants Onkel Maurice gewesen. In einem Interview hat Trintignant, auf seine schwindende Gesundheit angesprochen, den schönen Satz gesagt: Nous n’étions pas censés vivre plus de 80 ans. Ce n’est pas si mal que ça. Je suis toujours heureux quand je suis seul. J’ai une vie intérieure.