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Mittwoch, 9. April 2025

Guano


Der Schriftsteller Victor von Scheffel war im 19. Jahrhundert ein berühmter Mann. Es gab zu seinen Lebzeiten schon einen Kult um ihn, darüber informiert uns das immer vorzügliche Goethezeitportal. Einen Scheffelbund gibt es in Karlsruhe immer noch, der ist mit beinahe siebentausend Mitgliedern die größte literarische Gesellschaft Deutschlands. Scheffel war an seinem Todestag, dem 9. April, auch schon zweimal in diesem Blog mit den Posts Trevi Brunnen und Fellini. Als er noch Student war, und noch nicht geadelt worden war, hat er in Heidelberg (das er mit Alt-Heidelberg, du feine bedichtete) studiert.

Dort hörte er die Vorlesung Darstellung und Kritik des Hegelschen Sstems von Professor Röth. Eigentlich studierte Scheffel Jura, aber Eduard Maximilian Röth, der ein halbes Dutzend Sprachen sprach, war so berühmt, dass der junge Scheffel diese Vorlesung unbedingt besuchen musste. In dem Semester besuchte Scheffel auch die Erklärung von Dante's Inferno von Dr Emil Ruth  (an den drei ersten Wochentagen von 4-5 Uhr); es gab damals noch ein studium generale, man beschränkte sich nicht auf ein Fach. Als ich zu studieren begann, empfahlen die Rektoren der deutschen Universitäten den Erstsemestern, auch Lehrveranstaltungen außerhalb ihrer Fächer zu besuchen. Das studium generale war nicht nur ein leeres Schlagwort. So etwas ist heute undenkbar. Die Bachelor-Master Studiengänge haben Module und credit points und sind eine Verschulung und Verflachung der Universität. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr zu erleben brauche.

Die Hegel Vorlesung von Professor Röth hat in der Dichtung Victor von Scheffels Spuren hinterlassen. Eine mindestens, die findet sich in dem Gedicht Guano, das neben viel Studentenliedern in dem Buch Gaudeamus: Lieder aus dem Engeren und Weiteren steht:

Ich weiß eine friedliche Stelle
Im schweigenden Ozean,
Kristallhell schäumet die Welle
Am Felsengestade hinan.
Im Hafen erblickst du kein Segel,
Keines Menschen Fußtritt am Strand;
Viel tausend reinliche Vögel
Hüten das einsame Land.

Sie sitzen in frommer Beschauung,
Kein einz'ger versäumt seine Pflicht,
Gesegnet ist ihre Verdauung
Und flüssig als wie ein Gedicht.
Die Vögel sind all' Philosophen,
Ihr oberster Grundsatz gebeut:
»Den Leib halt' allezeit offen
Und alles andre gedeiht.«

Was die Väter geräuschlos begonnen,
Die Enkel vollenden das Werk;
Geläutert von tropischen Sonnen,
Schon türmt es empor sich zum Berg.
Sie sehen im rosigsten Lichte
Die Zukunft und sprechen in Ruh':
»Wir bauen im Lauf der Geschichte
Noch den ganzen Ozean zu.«

Und die Anerkennung der Besten
Fehlt ihren Bestrebungen nicht,
Denn fern im schwäbischen Westen
Der Böblinger Repsbauer spricht:
»Gott segn' euch, ihr trefflichen Vögel,
An der fernen Guanoküst', –
Trotz meinem Landsmann, dem Hegel,
Schafft ihr den gediegensten Mist!«
 
Ich hätte ja etwas anderes aus Scheffels Gedichten nehmen können, aber dies gefiel mir ganz besonders, weil ich den Hegel überhaupt nicht mag. Das stand schon in meinem ersten Bloggerjahr in dem Post Hegel. Ich bin übrigens nicht der einzige, der Hegel nicht mag. Schopenhauer hat über ihn gesagt: Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, ... hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt. Mein Post über Hegel im Jahre 2010 fand dreitausend Leser. Das ist aber gar nichts gegen den Post Philosophenwitze, der hat dreimal so viel.


Samstag, 22. Juni 2024

Anouk Aimée ✝


Françoise Dreyfus war vierzehn, als sie in dem Film La Maison sous la mer die Rolle eines Mädchens namens Anouk spielte. Sie behielt diesen Vornamen. Die nächste Namensänderung verdankte sie Jacques Prévert, der das Drehbuch von Les amants de Vérone extra für sie geschrieben hatte. Er schlug ihr den Namen Aimée, die Geliebte, vor: Aimée parce que tout le monde l'aime. Der Filmstar Anouk Aimée (hier mit Serge Reggiani) war geboren. 

Im Jahr davor hätte sie schon an der Seite von Arletty berühmt werden können, aber Marcel Carné, der den Klassiker Les Enfants du Paradis gedreht hatte, drehte La Fleur de l'âge nicht zu Ende. Bevor sie Anouk Aimée wurde und so aussah wie hier in La Dolce Vita, wählte sie im Krieg den Namen Françoise Durand. Der Name ihrer katholischen Mutter bewahrte sie vor dem Tragen des gelben Judensterns. Dass man mit dem Namen Dreyfus im französischen Filmgeschäft nichts werden kann, das wusste die Familie. Sie wussten auch, dass sie mit dem mittlerweile rehabilitierten Hauptmann Dreyfus nicht verwandt waren. Der lebte übrigens noch, als Anouk Aimée geboren wurde.

Anouk Aimée ist gerade im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben; in dem Alter starb auch Jean-Louis Trintignant, mit dem sie in Un homme et une femme zu sehen war. Den Film kennen wir alle, und wir lieben sie in diesem Film. Sie war als beste Schauspielerin für den Oscar nominiert, aber es blieb leider bei der Nominierung. Immerhin bekam sie für ihre Rolle 1967 den Golden Globe und 1968 den British Academy Film Award. Mit diesem Bild ist sie 1961 in dem Film Lola, das Mädchen aus dem Hafen von Jacques Demy zu sehen, wo sie in Spitzencorsage so wunderbar ✺C'est moi, c'est Lola singt. Der Film ist ein wenig untergegangen, erst später haben Kritiker erkannt, dass dieser Film auch zur Nouvelle Vague gehörte. Aber die Nouvelle Vague war an der schönen Anouk nicht interessiert. Dabei hätte sie hervorragend in die Filme von François Truffaut gepasst.


Vieles an Filmen vor Un homme et une femme haben wir vielleicht nicht gesehen, also Les Amants de Montparnasse, wo sie die Rolle der Jeanne Hébuterne spielt. Damals ist sie vierundzwanzig, aber zwei Jahre später ist sie ein wirklicher Star. Weltweit weg von einem Film wie Ich suche Dich, wo sie an der Seite von O.W. Fischer 1956 in einem deutsche Melodram mitspielte. Es gab Rezensionen, die grottenolmschlecht waren, aber O.W. Fischer hatte es etwas Nettes über sie zu sagen: Mademoiselle Aimée ist ein Wunder - strahlend schön und eine begnadete Künstlerin. 

Die Filmhistorikerin Ginette Vincendeau hat über Aimées Filme gesagt: they established her as an ethereal, sensitive and fragile beauty with a tendency to tragic destinies or restrained suffering. Wir brauchen uns nur das Photo im oberen Absatz anzuschauen und wissen, dass der Satz stimmt. Aber reicht eine sensitive and fragile beauty with a tendency to tragic destinies or restrained suffering aus, um einen schrottigen Film wie Der goldene Salamander zu retten? Das Filmplakat spricht doch Bände. Es ist ihr erster englischer Film, sie war achtzehn, sie wollte ins Filmgeschäft. Sie wird in ihrem Leben in siebzig Filmen zu sehen sein, viele dieser Filme sind leider wie Ich suche Dich und Der goldene Salamander.

Der schlechteste Film, in dem sie mitspielte, war wahrscheinlich Justine, der in Deutschland Alexandria - Treibhaus der Sünde hieß. Eine Literaturverfilmung nach Lawrence Durrells Justine aus seinem Alexandria Quartett, das sicher kaum verfilmbar war. Trotz Starbesetzung, zwei Regisseuren und der Anwesenheit des Autors bei den Dreharbeiten, ist an diesem Machwerk nichts zu retten, Anouk Aimée war todunglücklich bei den Dreharbeiten. 

Dirk Bogarde, der sie schon als Siebzehnjährige kannte (weil sie beide bei Rank unter Vertrag waren), beschreibt sie bei den Dreharbeiten von Justine als wan and sad for most of the time, since she had suddenly realised, too late, that her decision to accept Justine had most probably been, for one reason or another, a serious error of judgement on her part and was now feeling abandoned. Für ihn bleibt von den Dreharbeiten ein Bild haften: a tiny figure sobbing in the back of a Rolls. Die katastrophalen Dreharbeiten haben auch ein Gutes für Anouk, sie lernt Albert Finney, den sie 1970 heiratet. Es war ihre vierte Ehe. Sie blieb mit ihm fünf Jahre in London, in denen sie keinen Film drehte, sie drängelte sich nicht mehr nach Rollen. Dann lernte sie bei einer Party den elf Jahre jüngeren Ryan O'Neill kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, sie hatte zwischen ihren Ehen immer wieder Affären. Und zwischen Ehe und Affären lagen auch lange Zeiten der Depression. Dirk Bogarde sagt noch etwas Interessantes über die Frau, die bei ihm häufig Gast in seinem Landsitz Bendrose war und topless in seinem Swimming Pool schwamm: She is never so happy as when she is miserable between love affairs. Finney zog ins Dorchester Hotel, Anuk Aimée in die Schickeria Gegend Knightsbridge. Die Ehe wurde 1978 geschieden. Wir kennen Albert Finney aus Tom Jones oder an der Seite von Audrey Hepburn in Two for the Road. Und an der Seite von Julia Roberts in Erin Brockovich.

Für Federico Fellini war Anouk die beste Schauspielerin der Welt, als er ihr eine Rolle neben Marcello Mastroianni in La Dolce Vita anbot. Bei den Dreharbeiten war Federico Fellini längst klar, dass er die beiden auch in dem nächsten Film Achteinhalb wieder haben wollte. Mehr oder weniger in den Film gerutscht war Christa Päffgen aus Köln, allerdings nicht unter diesem Namen. Sie nannte sich jetzt Nico (sie hat hier natürlich schon einen Post). War blond, kalt wie Eis. Sie sah aus, als wäre sie am Bug eines Wikingerschiffs über den Atlantik gekommen, hat Andy Warhol, in dessen Band Velvet Underground sie sang, über sie gesagt. 

Nico war jetzt eine Ikone der Popkultur (hier ist sie mit Marcello Mastroianni zu sehen). Während der Dreharbeiten zu La Dolce Vita sagt Anouk Aimée zu Nico: Es ist eigenartig, daß Sie den Namen Nico tragen. Mein Ehemann hieß so. Wir sind jetzt geschieden. Er war Grieche und unterhielt in Paris einen Nachtclub. Das ist der Augenblick, in dem Nico mucksmäuschenstill ist. Denn sie kennt diesen Nico. Der war der Lover von dem Photographen, der sie entdeckte und ihr den Namen seines Ex-Lovers gab. Und eine Affäre hatte sie auch mit dem griechischen Nico. Das klingt jetzt wie eine Szene aus einer schlimmen Schmonzette à la Rosamunde Pilcher, aber solche Drehbücher schreibt das Leben manchmal.  

Claude Lelouch, ein Spätling der Nouvelle Vague, macht das wieder gut, was seine Kollegen verpasst haben. Er holt sie aus dem internationalen Filmgeschäft wieder in den französischen Film zurück und gibt ihr nach Un homme et une femme (1966) auch im Alter noch schöne Rollen. In Filmen wie Si c'était à refaire (1976), Un homme et une femme: Vingt ans déjà (1986), Hommes, femmes: mode d'emploi (1996), Ces amours-là. (2010) und ✺ Les Plus Belles Années d'une vie (2019). Der letzte Film war auch ihr letzter Auftritt vor der Kamera.

Hommes, femmes: mode d'emploi mochte ich sehr, ich habe den Film schon in den Posts Michel Piccoli und Maja Maranow erwähnt. Es ist, wenn man so will, wieder die gleiche Geschichte, die Lelouch in seinem Kino der Gefühle und Emotionen erzählt. Das hat er selbst gesagt, dass er in seinen Filmen nur eine einzige Geschichte erzählt, die aber fünfunddreißigmal. Anouk Aimée a changé ma vie, hat Lelouch nach ihrem Tod gesagt. Und er sagte auch: Elle a été ma compagne de route, mon amie de toujours. Wir werden Anouk Aimée, die Vielgeliebte, nicht vergessen, es gibt ja DVDs. Und ich habe für Sie heute in voller Länge: Lola, das Mädchen aus dem HafenUn homme et une femme und hommes, femmes: mode d'emploi 

Sonntag, 28. April 2024

Kinostadt


Am 28. April 1937 hat Benito Mussolini in Rom die Filmstadt Cinecittà eingeweiht. Für das Ereignis gab es hier vor sieben Jahren schon den Post Cinecittà. Es gibt aber noch einen zweiten Post über die römische Filmstadt. Das ist ein langer kuturhistorischer Post, der mehr als sechstausend Mal gelesen worden ist. Er heißt Cinecittà und die Mode und ist ein Post, den ich wirklich nur wärmstens empfehlen kann. Ob ich Roberta d'Angelos Abitare a Cinecittà wirklich empfehlen kann, das weiß ich nicht. Aber 1978 kam man an dem Lied der damals 22-jährigen nicht vorbei, das Lied lief überall. Ein Ohrwurm, wie man sagt. Es ist ein ironisches Lied über einen Vorort, der ein klein wenig heruntergekommen und kriminell geworden ist. Fellini dreht hier zwar noch, aber sonst ist hier für Zweiundzwanzigjährige nichts los. Roberta d'Angelo hatte Musik studiert und war mit ihren ersten Platten bei dem Label RCA. Die musikalische Dauerberieselung durch Cinecittà fand ich damals fürchterlich. Ich besitze keine einzige Platte von Roberta d'Angelo, obgleich Abitare a Cinecittà heute bei ebay schon einiges kostet. Aber ich habe mehrere Platten von der gleichaltrigen Gianna Nannini, die in ihrem Leben wahrscheinlich mehr Erfolg hatte als Roberta d'Angelo. Obgleich die an ihrer Platte gut verdient haben muss:
 
Cinecittà
Che bella città
Nella città, ah!
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Nella città, ah!
Cinecittà

Qualcuno cammina sulle acque
Con un motorino rotto
Che ogni tanto fa un botto
Cambiano le carte in tavola
Con un asso nella manica
Moltiplicando i pesci e pure i fessi
Gli uni finiti in salamoia
Gli altri soffocati dalla noia

Cinecittà
Che bella città
Nella città, ah!
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Nella città, ah!
Cinecittà

Con un po' d'amore di nascosto
Con tanta paura addosso
Come un cane senza osso
Con la rabbia che ti scoppia
Con la voglia di tutto
Che ti prende di brutto
Al Quadraro che è un posto amaro
Ho tramutato là per là
Un bar in un baccalà
Ma tutto è rimasto lo stesso
Come fuori adesso

Ah, Cinecittà
Che bella città
Nella città, ah!
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Nella città, ah!
Cinecittà

Le macchine e gli stereo
Passano di proprietà
Con molta facilità
A Cinecittà
Fioriscono i casermoni
Come tante prigioni
L'acqua si tramuta in buchi
Troppi negozi, troppe luci
Senza soldi a Cinecittà
Senza far niente a Cinecittà

Ah, Cinecittà
Che bella città
Nella città, ah!
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Nella città, ah!
Cinecittà

Non c'è niente di divertente da fare
Se non stare ad aspettare
E guardare quelli che
Al centro prendono il tè
Affermando che
"Abitare a piazza Navona
È una questione di atmosfera
Specialmente la sera, la sera, la sera"

Abitare a Cinecittà
Invece è una questione di...
Abitare a Cinecittà
Invece è una questione di...
Fedeltà

Cinecittà, ah!
Che bella città
Nella città
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Ne-nella città, ah!
Cinecittà
Cinecittà
Che bella città
Ne-nella città
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Ne-nella città
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Ne-nella città, ah!
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Ne-nella città
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Ne-nella città
Cinecittà
Oh, oh, oh, Cinecittà
Che bella città
Ne-nella città
Cinecittà

Samstag, 9. April 2022

Fellini

Heute ist derTodestag von Viktor von Scheffel, über den könnte ich schreiben, aber der hatte hier vor sechs Jahren schon den schönen Post Trevi Brunnen. In dem es natürlich auch ein Bild von Anita Ekberg in Federico Fellinis Film La Dolce Vita gab. Seit sie 1960 im Trevi Brunnen gebadet hat (was übrigens polizeilich verboten ist), geht uns das Bild nicht mehr aus dem Kopf. Anita Ekberg war hier zuletzt in dem Post nouvelle vague suédoise, vorher tauchte sie schon in den Posts Cinecittà und die Mode, Sergei Bondartschuk, Ingmar Bergman und Bibi Andersson auf. Und sie taucht auch in meinem heutigen Gedicht auf, das Fellini`s dreams heißt, geschrieben von dem Iren Gerard Smyth.

Ich finde es ein wenig erstaunlich, dass ich hier noch nie über Fellini geschrieben habe. Gut, er kommt in Cinecittà und die Mode und in vielen anderen Posts vor, aber es gibt keinen richtig großen Fellini Post. Sein Kollege Michelangelo Antonioni hat dagegen mehrere Posts. Und Visconti kommt hier mit Ossessione und temps perdue auch schon vor ... Ich mag Fellini, ich habe beinahe all seine Filme gesehen, viele habe ich auf DVD, Drehbücher besitze ich auch, auf jeden Fall alles, was bei Diogenes erschienen ist. Und dennoch: kein Fellini Post im Blog. Das steht so in dem Post Felliniesque, ich hoffe, dass es hier irgendwann etwas mehr Fellini geben wird. Ich fange heute mal mit dem Gedicht Fellini`s dreams an:

Fellini recorded his dreams
in sketch books and diaries.
Dreams in which he saw his obituary on the page
and made love to glamorous Anita Ekberg.

On those warm nights of Roman heat
or when cool sea-breezes blew from the Adriatic
his sleep was haunted: he saw himself with Passolini
walking into the unlit alley
or dancing with Fred and Ginger
through the cinemas of Rimini.

Fellini dreamed of more Hiroshimas
and falling among thieves.
His dreams appeared as allegories
in the shooting script for Amarcord:
the scene with the ship strung with lanterns,
a floating carnival to light up the fascist years.


Samstag, 22. Januar 2022

Verliebt in scharfe Kurven

Wir wollen lieber nicht darüber reden, wie schlecht das Fernsehen geworden ist, das ist ein unerschöpfliches Thema. Im völligen Gegensatz zu der Qualität des Fernsehens stehen die Gehälter der Direktoren der Rundfunkanstalten, Tom Buhrow vom WDR bekommt mehr als 400.000 Euro im Jahr. Da wissen wir, wo unsere Fernsehgebühren landen. Vor zehn Jahren schrieb ich in dem Post Axel Eggebrecht:

Man kann überall nachlesen, dass Eggebrecht eine Radio Legende ist. Den NWDR hatte er als Hauptabteilungsleiter schon 1949 wegen parteipolitischer Querelen verlassen, blieb dem Sender aber als Freier Mitarbeiter erhalten. Und er war eine Institution, die nicht wegzudenken war. Eine Woche, ohne Axel Eggebrecht mit seiner unnachahmlichen Stimme gehört zu haben, war keine Woche. Irgendwie verkörperte er den letzten Rest des Geistes der deutschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Er brachte Bildung und Vernunft in seine Sendungen. Das alles ist verloren gegangen. Der NDR ist vor wenigen Tagen in einer Medienanalyse als bester Sender im Norden herausgestellt worden, wie der Intendant Lutz Marmor stolz vor der Presse bekannt gab. Lutz Marmor verdient 286.000 Euro im Jahr, und das Niveau seines Senders ist flach wie das Land. Ich weiß nicht, ob Axel Eggebrecht für seine Radioarbeit in seinem ganzen Leben soviel Geld bekommen hat wie Lutz Marmor in einem Jahr kriegt.

Das lassen wir mal so stehen, Lutz Marmor ist im Ruhestand, und er bekommt bestimmt eine schöne Rente. Vor der Rente hatte er noch Til Schweiger in den Tatort geholt und war bannig stolz darauf. Die Qualität der Fernsehgeräte ist immer besser geworden, die Qualität des Programms nicht. Das ist so flach wie ein Flachbildschirm. Fernsehen heute - so schlecht war es noch nie, titelte die FAZ. Das war im Jahre 2001. 

Der Stern hatte früher eine erstklassige Programmzeitschrift als Beilage. Haben sie schon seit Jahren nicht mehr, legten da ein kümmerliches Heftchen von RTL ins Heft. Und jetzt? Seit dem 1. Januar gehört der Stern zur RTL Group. Wo soll das noch hinführen? Man braucht auch überhaupt kein Programmheft, es gibt ja sowieso nur noch Horst Lichter, Talkshow und Tatort. Aber wo bleiben Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung, die einen Beitrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung leisten sollen? Vor allem Kultur. Warum sendeten arte, 3Sat oder N3 nach dem Tod von Peter Bogdanovich nicht The Last Picture Show? Warum gab es nach dem Tod von Jean-Jacques Beineix nicht Diva im TV? Immerhin zeigt arte für vier Wochen Betty Blue.

Manchmal aber, da gibt es spät in der Nacht doch was richtig Gutes. Vor fünf Tagen gab es bei arte Verliebt in scharfe Kurven (Il Sorpasso), ein italienisches Road Movie von 1962 mit Vittorio Gassman und Jean-Louis Trintignant. Ich kenne den Film, ich habe ihn damals im Kino gesehen, also in dem damals, in dem ich noch so aussah wie Jean-Louis Trintignant. Ich habe auch eine DVD, italienischer Originalton. Ich hab zwar ein paar Italienischkurse an der Uni belegt, weil Professor Tintelnot der Meinung war, man könne kein Kunsthistoriker sein, wenn man kein Italienisch könne, aber doll ist mein Italienisch nicht. Es gibt neben Gassman und Trintignant auch eine Menge schöner Frauen in dem Film. Diese hier erscheint nicht auf der Liste der Darsteller bei dem ansonsten guten Wikipedia Artikel, aber ich glaube, es ist Edda Ferronao

Auch nicht im Wikipedia Artikel erwähnt wird Annette Stroyberg, deretwegen sich Roger Vadim von Brigitte Bardot scheiden ließ. Als Annette Vadim war sie in Les Liaisons Dangereuses zu sehen gewesen. Sie hat im Film nur eine kleine Rolle als deutsche Touristin. Aber wir haben im Film auch noch Luciana Angiolillo, Catherine Spaak und Mila Stanic

Der schüchterne Jurastudent Roberto (Trintignant) wird keine abbkommen, auch sie hier (Mila Stanic) nicht. Der Lebemann und Prahlhans Bruno (Gassman) mit seinem Lancia Aurelia bekommt auch keine, obgleich er in seinen Erzählungen einer zweiter Don Juan ist. Der Film, zu dem Fellinis Freund Ettore Scola das Drehbuch schrieb, ist eine hektische Fahrt auf der Überholspur vom menschenleeren Rom in die Toscana, durch ein Italien des Wirtschaftswunders. Der Film hat manches mit den Filmen von Fellini und Antonioni gemein. Über Antonioni sagt Bruno im Film großspurig: Antonioni? Bei L’éclisse bin ich sanft eingeschlummert. Ein großartiger Regisseur!

Il Sorpasso gilt als ein Meisterwerk Dino Risis. Martin Scorsese hat den Film, der den englischen Verleihtitel The Easy Life hatte, auf die Liste der ihm wichtigsten italienischen Filme gesetzt: Perhaps the least famous movie on the list, 'The Easy Life' is carried to classic status by the chemistry of its two male leads, Jean-Louis Trintignant and Vittorio Gassman. Trintignant plays Roberto, a young and painfully shy law student, studying for an important exam. Looking out his window he notices Bruno (played by Gassman) and his stylish Lancia. Bruno needs to make a phone-call and Roberto offers him to come up. Soon after, Bruno offers Roberto to come for a drink. However, there’s nowhere in the city to drink, because everyone is away on holiday. Not to be put off by this, Bruno decides to take Roberto on a road trip into the country.side. So begins a messy odd-couple friendship. 

As usual with this form of comedy, the plot is driven by the polar opposition of the two characters, and elicits sympathy at those brief moments when their common humanity is revealed. While the movie is often seen as a commentary on Italy’s 'economic miracle', it is not an overtly satirical film. Both characters are treated with tenderness, and both actors were already known for their abilities to charm audiences. But the film does display a suspicion, especially considering it’s final scene, towards Italians’ increasing individualism and consumerism.

Wenn Ihnen das Fernsehprogramm heute und morgen nicht gefällt, dann habe ich hier Verliebt in scharfe Kurven für Sie. 

Dienstag, 8. Juni 2021

nouvelle vague suédoise


Das ist jetzt echte Nostalgie, früher sahen alle hübschen jungen Frauen so aus. Also damals, als das Kino noch Kino war. Und in Schweden noch Linksverkehr war. Dies hier ist die Schwedin Inger Taube, die Hauptdarstellerin in Bo Widerbergs erstem Spielfilm Kinderwagen (Barnvagnen) aus dem Jahre 1963. In Widerbergs drittem Film Roulette der Liebe (Kärlek 65) war sie auch wieder zu sehen. Da hätte auch Anita Ekberg mitspielen sollen, aber die stieg aus dem Film aus: Widerberg wanted me to wear pigtails and clogs, and that is not Anita Ekberg. Das sehen wir ein, pigtails and clogs sind natürlich nichts für eine Frau, die nachts in römischen Brunnen zu baden pflegt. Die Geschichte stand schon heute vor fünf Jahren (mit einem Photo von Anita Ekberg und Bo Widerberg) in dem Post Bo Widerberg. Der schwedische Filmregisseur war schon häufig in diesem Blog. Heute, an seinem Geburtstag, gibt es nichts wirklich Neues. Aber es gibt eine Liste meiner Liebligsfilme, die alle anklickbar sind, so dass Sie sie sehen können. Sie sind hier chronologisch geordnet.

Und da fangen wir doch gleich mit Barnvagnen an, einem sozialkritischen Film, der formalästhetisch aufregend modern ist. Und der mit Thommy Berggren einen Schauspieler hat, der fortan in vielen Widerberg Filmen zu sehen ist, er wird der Leutnant Sparre in Elvira Madigan sein und Joe Hill in Joe Hill. Wir können ihn auch in Kärlek 65 sehen (Inger Taube auch), aber das war ein Film, in dem man wenig von Widerberg spürte. Das war ein bisschen Fellini, ein bisschen Michelangelo Antonioni, aber kein bisschen Widerberg. Ich plaziere ihn trotzdem mal auf der Liste. Widerberg, der Ingmar Bergman sehr kritisch gesehen hat, ist jetzt der Vertreter der nouvelle vague von Schweden. Nur, dass ausserhalb von Schweden noch nie jemand von ihm gehört hat. Was nicht ganz stimmt. Immerhin war sein Film Das Rabenviertel (Kvarteret Korpen) 1963 für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert gewesen.

Die nächste Zusammenarbeit von Widerberg und Thommy Berggren wurde ein Welterfolg. Was auch etwas an der blonden siebzehnjährigen Pia Degermark und an dem kantablen zweiten Satz von Mozarts Klavierkonzert No 21 lag. John Updike schrieb den Film Elvira Madigan in ein Gedicht, und Schallplattenfirmen etikettierten ihre CDs um. Mozarts Klavierkonzert hieß jetzt Elvira Madigan. Der erste Farbfilm von Bo Widerberg hat hier schon zwei Posts, die Elvira Madigan und Liebestod heißen.

Der weltweite Erfolg zog Widerberg nach Amerika. Er war im Gespräch, die Regie bei der Neuverfilmung von The Great Gatsby zu übernehmen, er tat das nicht. Er drehte dort Joe Hill, die Geschichte des Arbeiterführers und Volkssängers, den wir auch aus dem Song von Joan Baez kennnen. Aber das war kein Thema für das amerikanische Publikum, der Film gewann zwar in Cannes einen Preis, wurde aber kaum gezeigt. Seit dem Jahr 2015 gibt es eine restaurierte Fassung der schwedischen Nationalbibliothek, die Sie hier sehen können.

Mein nächster Titel heißt Fimpen (deutsch: Fimpen, der Knirps), es ist eine Komödie, ein Kinderfilm. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der sehr gut Fußball spielen kann. Wenn Werder Bremen einen Fimpen gehabt hätte, wären sie nicht abgestiegen. Es stehen viele unbekannte Namen auf der Darstellerliste, wie zum Beispiel: Claes Cronqvist, Ralf Edström, Ove Grahn, Georg 'Åby' Ericson, Ronnie Hellström, Kent Karlsson, Ove Kindvall, Krister Kristensson, Bosse Larsson, Benno Magnusson, Roger Magnusson, Björn Nordqvist, Kenta Ohlsson, Janne Olsson, Örjan Persson, Roland Sandberg, Tom Turesson und Mats Werner. Das sind aber keine Schauspieler, das ist die schwedische Nationalmannschaft, die auch mitspielt. An Ronnie Hellström können Sie sich vielleicht noch erinnern, weil der für Kaiserslautern gespielt hat. Und die schwedische Jazzsängerin Monica Zetterlund (die hier schon einen Post hat) spielte auch mit. Der Film wurde im Sommer 1974 während der Fußballweltmeisterschaft gezeigt, die Schweden allerdings nicht gewinnen konnte.

Mein letzten Film heute ist Schön ist die Jugendzeit (Originaltitel: Lust och fägring stor), auch unter den Verleihtiteln Verführung im Klassenzimmer oder Lehrstunden der Liebe bekannt, ist ein schwedisch-dänischer Spielfilm aus dem Jahr 1995. Mit Marika Lagercrantz in der Hauptrolle. Was soll ich mehr dazu sagen? Bo Widerberg hatte auch das Drehbuch geschrieben, es ist sein letzter Film gewesen. Der Film gewann auf der Berlinale 1996 den Silbernen Bären, Widerberg erhielt in Schweden seinen zweiten Guldbagge. Der Film war auch für den Oscar nominiert, hat ihn aber nicht bekommen. Ich hätte es Widerberg gegönnt. 

Sonntag, 20. Mai 2018

Felliniesque


Ich finde es ein wenig erstaunlich, dass ich hier noch nie über Fellini geschrieben habe. Gut, er kommt in Cinecittà und die Mode und in vielen anderen Posts vor, aber es gibt keinen richtig großen Fellini Post. Sein Kollege Michelangelo Antonioni hat dagegen mehrere Posts. Und Visconti kommt hier mit Ossessione und temps perdue auch schon vor.

Am Ende des Posts Steve Cochran (ein Post, der mit viel Liebe geschrieben ist) habe ich gesagt: Mehr Michelangelo Antonioni in diesem Blog unter Swinging London, Michelangelo Antonioni und Antonioni. Als ich das erste Mal über Antonioni schrieb, endet der Post mit: Ich merke gerade, dass ich jetzt Tage (oder Wochen) über Antonioni weiter schreiben könnte. Ich höre erst einmal auf und stelle das ein. Vielleicht ein anderes Mal. So dacht ich. Nächstens mehr, wie Hölderlin am Ende von Hyperion sagt. Ich habe drei Jahre gebraucht, um dieses Nächstens mehr wahr zu machen. Aber ich war am Anfang meines Blogger Lebens, ich wußte noch nicht, wohin es mich führen würde.

Ich mag Fellini, ich habe beinahe all seine Filme gesehen, viele habe ich auf DVD, Drehbücher besitze ich auch, auf jeden Fall alles, was bei Diogenes erschienen ist. Und dennoch: kein Fellini Post im Blog. Dies heute wird eigentlich auch keiner, es geht hier nur um den Einfluss von Fellini. Wenn Sie den Post Attolini gelesen haben, dann kennen Sie diesen Herrn, es ist Toni Servillo, der den Schriftststeller Jep Gambardella in dem Film La grande bellezza spielt. Immer elegant, immer in Jacketts und Anzügen von Attolini. Ein Schneider, der Marcello Mastroianni auch schon einkleidete, allerdings trug der nie so bunte Jacketts.

Dass Attolini den Film ausstaffierte, haben alle Gazetten berichtet, eine bessere Werbung konnte es nicht geben. Dagegen war die Kampagne von Brioni gar nichts, die einmal James Bond einkleideten. In dem Buch Italian Style: Fashion & Film from Early Cinema to the Digital Age von Eugenia Paulicelli, das mir der Tobias geschenkt hat, sind Attolini und dem Film La grande bellezza ein ganzes Kapitel gewidmet. Kommt gleich nach Antonioni und Fellini.

Paolo Sorrentinos Film wird von den meisten Kritikern in Beziehung zu Fellini gesetzt. Reise ans Ende der Nacht: Paolo Sorrentinos grandiose Fellini-Hommage ist eine Feier der morbiden und mondänen Schönheit Roms, gesehen mit den Augen eines einflussreichen und allseits gefürchteten Klatschreporters, titelte die NZZ. Die Nähe zu Fellinis La Dolce Vita und Achteinhalb ist offensichtlich.

Dass im Titel des NZZ Artikels Louis-Ferdinand Célines Voyage au bout de la nuit zitiert wird, ist kein Zufall, denn der Film beginnt mit einem Céline Zitat: Viaggiare, è proprio utile, fa lavorare l'immaginazione. Tutto il resto è delusione e fatica. Il viaggio che ci è dato è interamente immaginario. Ecco la sua forza. Va dalla vita alla morte. Uomini, bestie, città e cose, è tutto inventato, è un romanzo, nient'altro che una storia fittizia. Lo dice Littré, lui non si sbaglia mai. E poi in ogni caso tutti possono fare altrettanto. Basta chiudere gli occhi, è dall'altra parte della vita.

Der Erfolg des Romans, der den Journalisten Jep Gambardella berühmt gemacht hat, liegt Jahrzehnte zurück. Er kann nichts mehr schreiben: Sono anni che tutti mi chiedono perché non torno a scrivere un nuovo romanzo. Ma guarda 'sta gente, 'sta fauna. Questa è la mia vita, non è niente. Flaubert voleva scrivere un romanzo sul niente, non c'è riuscito. Ci posso riuscire io? Jetzt bewegt sich der alternde Flaneur nachts durch Rom, von Party zu Party: Ich wollte der König der mondänen Welt sein und es ist mir auch gelungen. Ich wollte nicht nur auf die Partys eingeladen werden. Ich wollte die Macht haben, jede Party zu sprengen. Aber er merkt, wo er auf die 65 zugeht, dass sein Leben leer ist.

Der Film zeigt diese Reise ans Ende der Nacht in rauschhaft schönen Bildern, Antonioni und Fellini waren da sparsamer, wenn sie ihre Helden durch die Großstadt wandern ließen. Es wird viel geredet, manchmal bösartig, wenn Jep Stefanias (Galatea Ranzi) Lebenslügen, die wie ein O'Neillscher pipe dream sind, auseinandernimmt: La storia ufficiale del partito l'hai scritta perché per anni sei stata l'amante del capo del partito. I tuoi undici romanzi pubblicati da una piccola casa editrice foraggiata dal partito, recensiti da piccoli giornali, vicini al partito, sono romanzi irrilevanti, lo dicono tutti, questo non toglie che anche il mio romanzetto giovanile fosse irrilevante, su questo ti do ragione ... 

Allora invece di farci la morale… di guardarci con antipatia... dovresti guardarci... con affetto… Siamo tutti sull'orlo della disperazione, non abbiamo altro rimedio che guardarci in faccia, farci compagnia, pigliarci un poco in giro... O no? Auch wenn das böse ist und ein wenig nach Who's afraid of Virginia Woolf  klingt, wenig später tanzen sie bei einer Hochzeitsfeier engumschlungen.

Der Film kann sehr witzig sein. Wenn Jep Gambardella eine Liebesnacht mit Isabella Ferrari verbracht hat und sie ihren Laptop holt, um ihm ihre Nackphotos auf Facebook zu zeigen, ist er plötzlich verschwunden. Wir hören nur seine Stimme: Die wichtigste Erkenntnis nach meinem 65. Geburtstag ist die, dass ich keine Zeit mehr mit Dingen verlieren möchte, auf die ich keine Lust habe.

Mein Lieblingsdialog ist in einer kleinen Szene, wo Jep einem jungen Mann namens Andrea sagt: Non li piglia' troppo sul serio questo scrittori. Und der fragt: Se non prendo sul serio Proust, chi devo piglia' sul serio? Jep: Niente, niente devi piglia' sul serio — eccetto il menu, naturalmente... Insomma Andrea le cose so' troppo complicate per consentire a un singolo individuo di capire. Andrea: Il fatto che tu non abbia capito non significa che nessuno possa capire.

La Grande Bellezza hat einen Oscar bekommen. In Italien kam der Film von Paolo Sorrentino trotz der Anzüge von Attolini nicht so gut an. Antonionis Filme zuerst auch nicht: In Italy, The Great Beauty received a mixed critical reception, ranging from the lukewarm to the outright negative, thus confirming a sad national tradition – started long ago with Roberto Rossellini’s Roma città aperta (Rome, Open City, 1945) – one that determinately neglects important domestic pictures. Only after the film enjoyed international success and won prestigious awards (including the European Critics’ Award, The Bafta, the Golden Globe, the Oscar), did audience and critics appropriate it.

La Grande Bellezza, den Arte letztens gesendet hat (wie auch Il Divo vom gleichen Regisseur auch mit Toni Servillo), ist als DVD leicht erhältlich, und ich kann hier noch einen sehr guten Aufsatz von Carlotta Fonzi Kliemann empfehlen.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingsfest.

Freitag, 28. April 2017

Cinecittà


Heute vor achtzig Jahren hat Benito Mussolini in Rom die Filmstadt Cinecittà eingeweiht, auf diesem Photo ist er bei der Grundsteinlegung zu sehen. Mussolini wusste, was das Kino bedeutete: Il cinema è l'arma più forte, hat er gesagt. Dies ist Italiens Antwort auf Hollywood. Auf den Tag genau acht Jahre nach der Einweihung von Cinecittà haben italienische Partisanen Benito Mussolini und seine Geliebte erschossen. Aus der Filmstadt wurde ein Gefangenenlager.

Das alles hat man aber schnell vergessen, als Cinecittà in den fünfziger Jahren aufblühte und zum Hollywood on the Tiber wurde. Weil die Amerikaner Rom als Drehort entdeckt hatten. Wenn Sie alles dazu wissen wollen, dann müssten Sie jetzt den Post ➱Cinecittà und die Mode lesen. Mussolinis Cinecittà hatte auch etwas mit dem ➱Architekturprogramm des Duce zu tun. Manches von den Bauwerken des Razionalismo steht ja immer noch.

Manches kann man in den Filmen von Fellini und ➱Antonioni sehen, eine irritierende und verstörende Kulisse. Antonioni benutzt die Bauwerke der Esposizione 1942 als Background für seine Liebesgeschichte in ➱L'Eclisse. Manchmal gehen neoklassizistische Architektur und schwedische Sexbomben auch eine nicht zu übertreffende Symbiose ein. ➱Anita Ekberg im ➱Trevi Brunnen badend ist ja schön und gut, ist aber gar nichts gegen dieses Bild. Kalte Architektur und kalte Blondinen. Wow.

Ein Gedicht zum Kino zu finden, ist nicht schwer. In vielen Filmen gibt es Gedichte, ich erinnere da nur an ➱In Her Shoes oder an das Gedicht, das Michael Caine Barbara Hershey in ➱Hannah and Herr Sisters zu lesen empfiehlt (lesen Sie ➱hier mehr). Oder Whitmans ➱O Captain! My Captain! in dem Film Dead Poet's Society, ganze Generationen haben da freiwillig Whitman gelesen. Ich hätte da noch William Blakes ➱America, A Prophecy in dem Film ➱Blade Runner:

Fiery the Angels rose, & as they rose deep thunder roll’d
Around their shores: indignant burning with the fires of Orc
And Boston's Angel cried aloud as they flew thro’ the dark night.

He cried: Why trembles honesty and like a murderer,
Why seeks he refuge from the frowns of his immortal station!
Must the generous tremble & leave his joy, to the idle: to the pestilence!
That mock him? who commanded this? what God? what Angel!

Nicht zu vergessen Blakes Tyger Tyger, burning bright in der Krimiserie The Mentalist, aber das sind wir schon an einer Grenze. Bei manchem Zelluloidtrash hat man das Gefühl, dass Gedichte nur hineingeworfen werden, um dem Ganzen einen intellektuellen Anstrich zu geben. Man soll jedoch das Kino als Lehrmeister für Lyrik nicht unterschätzen. Wenn Cameron Diaz in In Her Shoes ein Gedicht von ee.cummings aufsagt, dann erreicht sie wahrscheinlich mehr als der durchschnittschliche Lehrer einer amerikanischen High School. Vielleicht haben auch Gwyneth Paltrow und Daniel Craig als Sylvia Plath and Ted Hughes in dem Film Sylvia etwas zur Lektüre der beiden Dichter beigetragen.

Einen Film, in dem auf ihn aufmerksam gemacht wird, könnte ➱Theodor Kramer auch gebrauchen. Der österreichische Dichter ist so gut wie vergessen. Thomas Mann hatte ihn einst als einen der größten Dichter der jüngeren Generation bezeichnet, aber kennt man ihn noch? Er soll 12.000 ➱Gedichte geschrieben haben, zehntausend davon sind nicht veröffentlicht. Aber immerhin gibt es seit 2005 beim Wiener Paul Zsolnay Verlag (bei dem der Leutnant der Reserve Theodor Kramer schon 1931 seine Antikriegsgedichte veröffentlicht hatte) eine dreibändige Werkausgabe. Mit der Emigration nach England ging Kramer für die deutschsprachige Literatur verloren:

Es mögen andre eine Heimat suchen,
ich bin von meiner für die Zeit verbannt;

ich bin nicht da zu preisen noch zu fluchen,
im Lärm der Stille bin ich zugewandt.

Die Sprache lern ich nicht, um zu gestalten;
es ist für mich genug, sie zu verstehn,
des fremden Landes Sitten einzuhalten.
Es drängt mich nicht, in ihnen aufzugehn.

Mein Auftrag, mir von Anbeginn gegeben,
im Mutterlaut, ist mir zur Zeit verhüllt;
ich kann ihn nicht enträtseln, nur erleben,
ihn, der sich einzig im Gedicht erfüllt.

Wenn wir einst kommen – und wir kommen wieder −
bin ich zu lernen, nicht zu lehren da,
fürs erste, mögen meine kleinen Lieder
auch heut schon singen, was mir einst geschah.

Es mögen andre suchen eine Bleibe,
und nützlich werden, der und jener reich;
doch wo ich steh und was ich immer treibe,
dort steht und lebt ein Stückchen Österreich.


Er ist in England nicht glücklich geworden, zuerst wie so viele andere Emigranten als feindlicher Ausländer interniert, hat er 1943 die Stelle eines Bibliothekars im County Technical College in Guildford erhalten. Seinen Zustand im fremden Land beschreibt vielleicht am besten dies Gedicht:

Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht
Im Speiseraum muffelt’s, die Zunge verdorrt
beim Kaffee mir und hart ist der Platz;
der eine bezahlt und der andre geht fort
und ein jeder hier hat einen Schatz.
Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht,
denn das Hocken allein hat mich traurig gemacht
und grün blinken im black-out die Lichter.

Die andern sind Flüchtlinge, ich aber bin
fremd in London dazu… es erstirbt
das Geräusch in den Gassen; es zuckt mir das Kinn,
da ganz nah es im Finstern aufzirpt.
Oh, wer geht mit mir in den Hyde Park zur Nacht,
denn es hat sich im Ziergrün ein Wind aufgemacht
und grün blinken im black-out die Lichter.

Bis aufs Bröckeln des Mörtels vom Sims ist es still
vor den Häusern; ich kann es verstehn,
daß kein Mädel mit mir was zu tun haben will,
doch allein muß noch heut ich vergehn.
Oh, wer geht mit mir in die Bar noch vor Nacht,
denn betrunken schon hat selbst das ale mich gemacht
und grün blinken im black-out die Lichter.

Ich hab kein Arbeit, kein Heim, es zerreibt
das Gedärm mir im Leib… was ich kann,
ist: Gedichte zu schreiben wie keiner sie schreibt;
in ganz London kein Hund prunzt mich an.
Oh, wer schlägt mir rasch ins Gesicht noch zur Nacht,
denn das Herz ist mir nur zum Zerspringen gemacht,
und grün blinken im black-out die Lichter.

Es gibt ➱hier eine Interpretation des Gedichts aus dem Jahre 1942 von Peter von Matt. Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht, das Kino als Flucht vor der Einsamkeit. Was ist ihm geblieben? Was ich kann, ist: Gedichte zu schreiben wie keiner sie schreibt. Man sollte sie lesen.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Bo Widerberg


Ist er wirklich schon beinahe zwanzig Jahre tot? Seine Filme laufen immer noch in meinem Kopf. Wie Lust och fägring stor, diese amour fou einer schwedischen Lehrerin zu einem Schüler. Der Film spielt während des Zweiten Weltkriegs in Malmö, der Stadt, in der Bo Widerberg am 8. Juni 1930 geboren wurde. Wo auch Widerbergs erste Filme spielten. Vielleicht ist manches in Lust och fägring stor autobiographisch, autobiographische Elemente kann man bei ihm immer wieder entdecken.

Lust och fägring stor (Schön ist die Jugendzeit) ist sein letzter Film gewesen. Hier sehen wir ihn mit Anita Ekberg, die sollte eigentlich in seinem dritten Spielfilm Roulette der Liebe mitspielen, aber dann war es zu einem Streit gekommen. Dabei hätte die Schwedin, die durch ➱La Dolce Vita berühmt wurde, sich hier doch wohlfühlen können. Widerbergs Film war ein bisschen Fellini, ein bisschen ➱Michelangelo Antonioni, aber kein bisschen Widerberg.

Er hätte es besser wissen müssen, denn schon als Filmkritiker hatte er ➱Bergman in seiner Essaysammlung Visionen i svensk film (1962) vorgeworfen, dass seine Filme keinen Realitätsbezug haben. Widerberg wollte ein neues Kino für die sechziger Jahre. Die Franzosen und die Engländer hatten so etwas (und selbst in Deutschland gab es einen neuen Film), die Schweden lebten von Ingmar Bergman und dem Export von blonden ➱Schwedinnen in das Kino weltweit. Bo Widerberg wird dem schwedischen Film ein anderes Gesicht geben. Er ist kein zweiter Bergman, er ist eher der Ken Loach des schwedischen Films. Sein erster bedeutender Film war Kvarteret Korpen (➱Raven's End), der ein Erfolg auch außerhalb Schwedens wurde. In amerikanischen Filmclubs wird das Sozialdrama immer wieder gezeigt.

Mit Thommy Berggren (hier in Widerbergs erstem Spielfilm ➱Barnvagen) hatte er einen Schauspieler entdeckt, den er für viele Filme einsetzen konnte. Vor allem in dem Film, der so ganz im Gegensatz zu den kleinen Dramen der Arbeiterklasse steht, die die ersten Filme Widerbergs ausmachen. Und damit meine ich jetzt natürlich Elvira Madigan, ein Film, der schon in den Posts ➱Elvira Madigan und ➱Liebestod besprochen wird. Und natürlich in ➱Klavierkonzert No 24.

Jetzt hätte Widerberg einen Liebesfilm mit schönen Kostümen nach dem anderen drehen können, aber er denkt nicht daran. Er dreht mit Adalen 31 einen Film (➱hier ganz zu sehen) über einen Streik in Schweden, der von der Armee blutig beendet wird. Vincent Canby schrieb damals über den Film: Widerberg is an enthusiastic but slightly schizoid director, torn between his loudly stated political activism and a barely controlled passion for visual images so lush they are intoxicating in a numbing way. Curiously, 'Adalen 31' works just because of this duality. Das mit den schönen Bildern (Canby sprach von Widerberg's light-filled images which are almost presumptuous in their evocation of the Renoirs, père et fils), das kann er seit Elvira Madigan nicht lassen. Das mit den schönen Frauen, hier Anita Björk, auch nicht.

Für ➱The Ballad of Joe Hill ist Widerberg nach Amerika gegangen, aber die Amerikaner mochten diesen Film über einen schwedischen Gewerkschaftsaktivisten nicht. War es das schlechte Gewissen, dass sie Joel Emmanuel Hägglund, der in Amerika zu Joe Hill wurde, hingerichtet hatten? Aber Joe Hill lebt weiter, man kennt noch die Songs, die er geschrieben hat. Und es sind genügend Songs über ihn geschrieben. Wie I dreamed I saw Joe Hill last night Alive as you or me Says I, But Joe, you're ten years dead I never died, says he I never died, says he. Das hat beinahe jeder gesungen, ich bringe mal die Version von ➱Paul Robeson. Und dann habe ich hier noch einen Song von ➱Phil Ochs (der ➱hier schon einen Post hat), wo er in der Anmoderation über einen Film redet: This song has been made into a movie starring Richard Burton as Joe Hill, and Elizabeth Taylor plays the industrial workers of the world. Das ist wirklich witzig.

Für Marika Lagercrantz (Tochter von Olof Lagercrantz und einmal Botschaftsrätin in Berlin) schwärme ich, seit ich sie 1989 in Landstrykere (die Knut Hamsun Verfilmung ist ➱hier ganz zu sehen) gesehen habe, ich habe mir sogar die DVD besorgt. Von Widerbergs letztem Film Lust och fägring stor auch. Wegen Widerberg. Und wegen Marika. Der Film hat eine Oscar Nominierung bekommen. Und den Silbernen Bären und den Blauen Engel in Berlin, es ist schön, dass Bo Widerberg das noch erleben konnte. Nicht, dass der Mann, der all seine Drehbücher selbst geschrieben hat, keine Filmpreise in seinem Leben erhalten hätte, so ist es nicht.

Und dann hätte ich zum Schluss noch den ultimativen Filmtip für die Europameisterschaft (ich habe den Film schon vor vier Jahren in dem Post ➱Wundliegen empfohlen), nämlich Widerbergs Film ➱Fimpen. Der beste Fußballfilm aller Zeiten steht auf der DVD, stimmt auch. Für Erwachsene und für Kiddies ab sechs. Bo Widerberg ist in diesem Blog kein Unbekannter, er ist immer wieder erwähnt worden. So in den Posts Elvira Madigan, Liebestod, Klavierkonzert No 24, Wundliegen, John Schlesinger