Gott, war das junge Mädchen hübsch. Sie mochte vielleicht zwanzig sein, hatte rote Haare und Sommersprossen. Und trug eine nagelneue Postuniform. Vielleicht war dies ihr erster Tag. Sie war schon mit den Nerven fertig, als sie klingelte, die Hälfte der Post fiel ihr auf den Boden. Wir hoben sie gemeinsam auf. Dann schleppte sie ihre gelbe Plastikkiste voller Post die Treppe rauf. Es war Sonnabend, halb vier. Das war neu, dass die Post um halb vier kam. Dass überhaupt an einem Sonnabend Post kam. Montags kommt ja nie mehr Post. Man gewöhnt sich dran. Das Mädchen brauchte lange, bis sie mit ihrer Plastikkiste durch die vier Stockwerke gekommen war. Ich wartete. Als sie die Treppe wieder herunterkam, reichte ich ihr eine Packung von Walkers Ginger Shortbread. Nervennahrung für unterwegs, sagte ich. Jetzt war sie wirklich am Heulen. Sie bedankte sich.
Freitag, 19. August 2022
die Postbotin
Gott, war das junge Mädchen hübsch. Sie mochte vielleicht zwanzig sein, hatte rote Haare und Sommersprossen. Und trug eine nagelneue Postuniform. Vielleicht war dies ihr erster Tag. Sie war schon mit den Nerven fertig, als sie klingelte, die Hälfte der Post fiel ihr auf den Boden. Wir hoben sie gemeinsam auf. Dann schleppte sie ihre gelbe Plastikkiste voller Post die Treppe rauf. Es war Sonnabend, halb vier. Das war neu, dass die Post um halb vier kam. Dass überhaupt an einem Sonnabend Post kam. Montags kommt ja nie mehr Post. Man gewöhnt sich dran. Das Mädchen brauchte lange, bis sie mit ihrer Plastikkiste durch die vier Stockwerke gekommen war. Ich wartete. Als sie die Treppe wieder herunterkam, reichte ich ihr eine Packung von Walkers Ginger Shortbread. Nervennahrung für unterwegs, sagte ich. Jetzt war sie wirklich am Heulen. Sie bedankte sich.
Dienstag, 16. August 2022
Beate
Ich bin in Gedanken bei dir, bei deinen Kindern, deinen Lieben. Und ich denke an unsere Zeit zurück. An meine Aufgeregtheit, als ich – gerade mal 16 Jahre jung – in Ulm auf der Bühne stand. Vorsprechen für Peter Zadek. 'Kaufmann von Venedig'. Trotz meiner Größe kriegte ich die Rolle der Jessica. Und nicht nur das. Ich kriegte den Zadek gleich mit.
Die Liebe kam blitzartig. Logisch, ich war groß, blond und sexy. Und du? 17 Jahre älter als ich, eigentlich ein alter Mann. Aber faszinierend. Ein Guru. Ein Mann, der die Menschen um sich scharte. Eine Persönlichkeit, der man verfiel. Du hast mich geformt. Und ich habe gelernt. Auch das, was ich besser sein lassen sollte. Denn für dich war ich immer eine schlechte Schauspielerin. Das sagtest du, da nahmst du kein Blatt vor den Mund. Zum Glück hast du mich ganz selten besetzt.
Dennoch bereue ich nicht einen Tag. Sieben Jahre dauerte unsere Beziehung, von 1960-67, wir zogen zusammen von Ulm nach Bremen. Ich wurde die 'Second Mom' deiner Kinder Michele und Simon, die ich sehr liebte. Und ich habe deinen Vater Paul ganz unbeschreiblich geliebt. Was für ein wunderbarer Mann! Von Opa Paul habe ich die Weichheit gelernt, die mein eigener Vater nie zeigte – er war ein strenger Offizier.
Es waren sieben aufregende Jahre. Ich habe spannende Menschen durch dich kennengelernt. Ich habe gelesen wie verrückt und ansonsten meine Fresse gehalten, zugehört und einfach gelernt. Mit dir stirbt einer der sensibelsten, fantasievollsten und offensten Theaterkünstler der Nachkriegszeit. Bei deinen Inszenierungen bekomme ich regelmäßig schweißnasse Hände – so aufregend sind die.
In den letzten Jahren haben wir uns nur sporadisch gesehen. Am Rande von Premieren. Wir lächelten uns zu.
Take care, Peter, wo immer du auch bist.
Merde und Love, Judy
Sonntag, 14. August 2022
Googles Zahlenwerk
Ich traue ihnen nicht, diesen Zahlen von Google, aber was soll ich mich ärgern. Es ist Sommer, es ist schönes Wetter, und ich trage dieses rattenscharfe Hemd. Made in Italy, aus vielen unterschiedlichen blauen Streifen zusammengesetzt. Nachdem ich mich in dem Post der Juli ein wenig über den Leserschwund beklagt hatte, habe ich viele tröstende E-Mails erhalten. Ich kann alle Leser beruhigen: die Zahlen sind seit einigen Tagen wieder da, wo sie immer waren. Am 29. Juli waren es 503 Leser, am 30. Juli 500, am 31. Juli 639. Der August begann mit 571 Lesern. Und nun werfen wir mal eben einen Blick auf die letzten Tage: 10. August: 1.455, 11. August: 1.303, 12. August: 1.329
Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast, soll Churchill gesagt haben. Ich gucke da jetzt nicht mehr hin. Das einzige, was mich bei den Zahlenspielereien ärgert, ist die Tatsache, dass ich längst die magische Zahl von 5,5 Millionen Lesern erreicht hätte. Ich hatte den Sekt schon kaltgestellt. Dass der Zeichner Sempé vor drei Tagen im Alter von neunzig Jahren gestorben ist, schrieb mir ein Freund. Aber ich hatte es schon gemerkt, weil die Leser plötzlich nur noch die Posts Jean-Jacques Sempé und Sempé anklickten. Ich beginne heute den schönen Augusttag mit diesem schrillen Hemd, das mich fünf Euro bei ebay gekostet hat. Und ich habe ein Gedicht für Sie, es ist von Bert Brecht und heißt Vergnügungen. Ein Freund schickte es mir in der letzten Woche, es sollte wohl ein Trost für den Leserschwund sein.
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.
Donnerstag, 11. August 2022
Uwe Seeler ✝
'Zwei Seeler sind in meiner Brust.
Ich glaub, es wird das Beste sein,
ich bringe Uwe von Beginn
und wechsle Dieter später ein.
Doch, doch, ich glaube, das macht Sinn.'
Fallrückzieher, Scherenschlag –
Uwe übte Tag für Tag.
Am Spieltag dann, zu guter Letzt,
ward das Trainierte umgesetzt.
Und doch kam’s vor:
Es zielte Seeler
vorbei am Tor.
Und wusste gleich: Das war ein Fehler.
Als würd’ sich so ein Titel schicken:
Der Volksmund nannte ihn den 'Dicken'!
Den Nationalelfkapitän!
Und Uwe? Nahm es souverän.
Nie Chelsea, nie Real und nie Torinos Juve,
bei jedem Angebot dasselbe:
Treu blieb dem HSV uns Uwe,
treu blieb er Hafen, Alster, Elbe.
Weltmeister nie und nie Europas Bester,
nur eine Gattin und nur eine Schwester,
doch torgefährlich stets und nicht ein Mal geschieden.
Und Uwe Seeler war’s zufrieden.
Es sind schöne Reden bei der ✺Trauerfeier im Volksparkstadion gehalten worden. Eine hielt Olli Dittrich, der als kleiner Junge ein Autogramm von Uwe erbettelt hatte und seinen Helden später in der Sendung ✺Dittsche auftreten ließ. Uwe Seeler hat immer von sich gesagt, dass er stinknormal sei. Viele Redner haben diese Normalität betont. Es ist eine Normalität, die uns verloren gegangen ist, wenn wir an die pompös protzige Hochzeit von Christian Lindner oder den Dienstwagen von Frau Schlesinger denken. Man kann vom Fußball etwas lernen. Albert Camus hat gesagt: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.
Dienstag, 9. August 2022
La Divina Commedia
Am 9. August 1854 ist der sächsische König Friedrich August von Sachsen in Tirol bei einem Kutschenunfall gestorben. Sein Bruder Johann folgte ihm als König nach. Dieser Johann hat noch ein zweites Leben, unter dem Pseudonym Philalethes (Freund der Wahrheit) war der Prinz Übersetzer gewesen. In den Jahren 1827 bis 1849 hat der Prinz an einer Übersetzung von Dantes Divina Commedia gearbeitet. 1821 war er zum ersten Mal in Italien gewesen, der Heimat seiner früh verstorbenen Mutter Caroline von Bourbon-Parma. In Pavia erwatb er ein Exemplar von Dantes Divina Commedia: Es wurden hier für die Studenten auf allen Gassen Bücher in Buden verkauft. In einer solchen Bude kaufte ich im Vorübergehen einen Dante in der Ausgabe von Biagioli. Das war der Anfang meiner Vorliebe für diesen Dichter, denn von da an las ich täglich während des Fahrens einen oder ein paar Gesänge mit Hilfe eines sehr unvollkommenen Handdictionaires und des gute Anleitung gebenden Commentars und brachte bis zum Schluß der Reise das ganze 'Inferno' fertig.
Es werden mehr als zwanzig Jahre vergehen, bis die dreibändige Gesamtausgabe Metrisch übertragen und mit kritischen und historischen Erläuterungen versehen von Philalethes bei der Arnoldischen Buchhandlung in Dresden und Leipzig erscheint. Der Prinz hatte Freunde und Helfer bei seiner Übersetzung, sein Dante Kränzchen, aus dem die Accademia Dantesca hervorging, trifft sich seit 1827. Zu dem Kreis gehören der Übersetzer Wolf Heinrich von Baudissin und der Dichter Ludwig Tieck. Immer dabei ist der Arzt und Maler Carl Gustav Carus, der auch der Leibarzt des Prinzen ist und der wohl die Übersetzung angeregt hatte.
In dem verflossenen Winterhalbjahr hatte ich auch begonnen, einen Kreis geistreicher und gelehrter Männer um mich zu versammeln. Bei einer Tasse Caffee und einem Glas Negus kamen wir Abends bei mir zusammen. Es wurden in freier Unterredung die mannigfaltigsten Gegenstände besprochen und discutirt und von manchen Fachmännern interessante Mitteilungen entgegen genommen. Die Stunden gehören zu meinen angenehmsten Erinnerungen und sie gewähren mir zugleich den Vorteil, auf dem leichtesten Wege gewissermaßen die Blüte von manchem mir fremden wissenschaftlichen Kreis zu pflücken ... Zuweilen wurden auch Durchreisende Notabilitäten zu diesen Abenden eingeladen, z.B. Alexander von Humboldt, Friedrich von Raumer u.a.m. Um diese Zeit fing ich auch an, die Übersetzung des Dante wieder aufzunehmen. Nachdem die ersten zehn Gesänge des 'Inferno' vollendet waren, teilte ich sie einigen Personen, insbesondere Breuer und Förster mit, verbesserte manches nach ihrer Critik und kam bald auf den Gedanken, dieselben gewissermaßen als Probe, jedoch nur als Manuscript drucken zu lassen. 1828 erscheinen in einem auf eigene Kosten gedruckten Quartbändchen die ersten zehn Gesänge.Die Lebenserinnerungen des Königs Johann von Sachsen: Eigene Aufzeichnungen des Königs über die Jahre 1801 bis 1854 sind von Hellmut Kretzschmar 1958 bei Vandenhoeck & Ruprecht neu herausgegeben worden. Der Schriftsteller und ehemalige Politiker Ingo Zimmermann hat das interessante kleine Buch Johann von Sachsen - Philalethes: Die Zeit vor der Thronbesteigung verfasst, das man noch preiswert antiquarisch finden kann. Im Internet gibt es eine schöne kleine Seite von Claudia Roch zu unserem adeligen Übersetzer.
Dantes Divina Commedia ist schon häufig in diesem Blog erwähnt worden, unter anderem auch in einem Post über deutsche Tatorte, der Nackt heißt. Aber das nur am Rande. Meine erste Begegnung mit Dante verdanke ich einem Nachbarn. Der Professor Hohnholz sagte mir: Dschunge, ich hab' gehört, Du liest so viel, gab mir einen kleinen Karton mit Büchern in die Hand und sagte: Musste mal sehen, ob Du was damit anfangen kannst. Es waren Bücher von Benedetto Croce und Karl Vossler. Ich konnte was damit anfangen. So habe ich Dantes Göttliche Komödie in der Übersetzung von Karl Vossler gelesen, über den Hugo Friedrich schrieb: Der hochgewachsene Schwabe mit dem bäuerlich kräftigen Kopf eines spanischen Caballero und den auffallend buschigen Augenbrauen blieb bis ans Ende den Erbtümern seiner Heimat treu: einem Idealismus, der hütet, was schön und nobel ist, und einer Nüchternheit, die alles Verstiegene, Übergescheite, Herausgeputzte mit dem Dolch des Sarkasmus erledigte. Das habe ich schon in dem Post über Leo Spitzer zitiert.
Hugo Friedrich war in der NSDAP, Karl Vossler, Träger des Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste, nicht. Der ehemalige Frontoffizier war national gesinnt, hatte aber mit den Nazis nichts am Hut. 1930 schrieb er: Für mich als Nichtjuden hat die Judenfrage nur diese einzige Beunruhigung: wie werden wir die Schande des Antisemitismus los, das sind so Sätze, die die Nazis nicht gerne hören, Vossler wurde 1937 zwangsemeritiert. 1945 holte ihn seine Universität aus dem Ruhestand zurück und machte ihn zum Rektor. Ich habe mit dem Romanisten Hugo Friedrich gewisse Schwierigkeiten, das habe ich in dem Post Gerhard Neumann (Dichter) gesagt, aber sein Buch über Montaigne aus dem Jahr 1949 verdient uneingeschränkte Anerkennung.
Auf diesem Bild von Delacroix sind Dante und Vergil in der Hölle. Und da müssen wir hin, denn hier beginnt die Göttliche Komödie. Die Übersetzung von Karl Vossler, die mir vertraut ist, findet sich hier im →Volltext zusammen mit dem italienischen Original. Auf der Seite von operone finden wir auch eine Inhaltsangabe des Werkes von dem Bremer Bürgermeister und Übersetzer →Otto Gildemeister und eine Auflistung der →Übersetzungen. Die Übersetzung des Prinzen Johann ist leider nicht dabei, aber die hat das Projekt Gutenberg im →Volltext. Hier werden allerdings die Vorrede des Verfassers und die zahlreichen Anmerkungen des Prinzen Johann weggelassen, aber die habe ich hier in dieser →Ausgabe des Teubner Verlags aus dem Jahre 1904. Dem Teubner Verlag in Leipzig erteilte Johann, mittlerweile König von Sachsen, 1865 die Erlaubnis für eine neue, durchgesehene und berichtigte Ausgabe. Sie ist auch die Basis für die Ausgabe von 1904. Man kann sie noch antiquarisch kaufen. Oder hier lesen. Kann man immer noch gut lesen. Man wird den Philalethes aus Sachsen nicht vergessen. Der Dichter Jean Paul hat, nachdem er dem König vorgestellt worden war, gesagt: Die Welt muß Einem immer lieber werden, da es Prinzen giebt von solchem Geist, sanften Kenntnissen und Gesinnungen wie ich heute Einen kennen gelernt habe.
Sonntag, 7. August 2022
Wagner, Wacken und La Périchole
Samstag, 6. August 2022
in vino veritas
Essen – war dscha gut; will ich nix gegen sagen. Weine – waren dscha tadellos. Aber dass er uns zu’n Käse den 78er Latour gibt, wo ich doch ganz genau weiß, dass er den 81er Lafitte in’n Keller hat – nu bitt ich Sie, was soll das?!




















