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Samstag, 19. Oktober 2019

Lady Chatterley


Der Herr mit dem Bowler in der Mitte liest ein gefährliches Buch, die Dame neben ihm weiß nicht so ganz, was sie davon halten soll. Ein berühmt gewordener Prozess im Jahre 1960 hatte gerade ergeben, dass die Penguin Ausgabe von Lady Chatterley's Lover (der dritten Version, die Lawrence geschrieben hatte) nicht verbotenen werden konnte. Allen Lanes Penguin Verlag verkaufte am ersten Tag des Erscheinens von Lady Chatterley's Lover 200.000 Exemplare und druckte gleich 300.000 nach. Mehr als drei Millionen werden es in kürzester Zeit sein. Für viele Kulturkritiker war das der Beginn der permissive society. Oder wie Philip Larkin in seinem Gedicht Annus Mirabilis so schön dichtete:

Sexual intercourse began
In nineteen sixty-three
(which was rather late for me) -
Between the end of the "Chatterley" ban
And the Beatles' first LP
.

Der Penguin Band ist gerade wieder Gegenstand einer juristischen Auseinandersetzung gewesen. Nicht das Buch, das bei mir im Regal steht, sondern dieses Exemplar hier, das der Richter Sir Laurence Byrne im Prozess verwendet hatte. Seine Gattin hatte dafür ein hübsches Damasttäschchen genäht, damit das Ganze nicht so zerfleddert aussah. Und sie hatte in dem Buch auch die schmutzigen Stellen angestrichen, damit ihr Gatte die schneller finden konnte. Wahrscheinlich wirkte bei ihr noch nach, was ein englischer Rezensent beim Erscheinen der Erstausgabe 1928 in Frankreich schrieb: the most evil outpouring that has ever besmirched the literature of our country. The sewers of French pornography would be dragged in vain to find a parallel in beastliness . . . Unfortunately for literature as for himself, Mr. Lawrence has a diseased mind.

Das Buch kam jetzt bei Sotheby's zur Auktion, und man konnte auf der Seite der Regierung lesen: Arts Minister Michael Ellis has ordered a temporary export bar on the copy of Lady Chatterley’s Lover used by judge during obscenity trial
. Der Amerikaner, der bei Sotheby's bereit war, dafür 56.250 £ auf den Tisch zu legen, ging wegen des Exportverbots leer aus. Jetzt besitzt die Juristische Fakultät der Universität Bristol das Buch. Mit dem Damasttäschchen und den Annotationen von Lady Dorothy.

56.250 £ sind eine Menge Geld für ein Paperback, in dem die schmuddeligen Stellen markiert sind. Also Stellen wie diese, wo der Wildhüter Mellors zu Lady Constance sagt:  Tha's got such a nice tail on thee," he said, in the throaty caressive dialect. "Tha's got the nicest arse of anybody. It's the nicest, nicest woman's arse as is! An' ivery bit of it is woman, woman sure as nuts. Tha'rt not one o' them button-arsed lasses as should be lads, are ter! Tha's got a real soft sloping bottom on thee, as a man loves in 'is guts. It's a bottom as could hold the world up, it is!"

Ich hatte in dem Post Fernsehen auf den französischen Film ✺Lady Chatterley von 2006 hingewiesen, und arte hat dankenswerterweise anschließend noch eine Dokumentation mit dem Titel ✺Der Prozess der Lady Chatterley: Orgasmus und Klassenkampf in einem englischen Garten gesendet, die noch bis zum nächsten Jahr abrufbar ist. Der Roman von D.H. Lawrence ist immer wieder verfilmt worden, zuerst 1955 von ✺Marc Allégret, die neueste Verfilmung ist aus dem Jahre ✺2017 von der BBC. 1981 gab es eine Version von ✺Just Jaeckin, der ja wie seine seine Hauptdarstellerin Sylvia Kristel eher im Softporno Geschäft zu Hause war, also bei solchen Filmen, die in dem Post Patti d'Arbanville erwähnt werden.

Es gibt auch noch einige Pornofilme, die den Namen Chatterley im Titel haben, wie zum Beispiel Lady Chatterley's Ghost oder Lady Chatterley Stories, aber das lassen wir lieber weg. Dass der Roman immer wieder auf seine Sexszenen reduziert wird, ist inzwischen zu einer Plattitüde geworden. Dafür braucht man ein nacktes Playboy Häschen wie Jessie Lunderby in Lady Chatterley's Ghost nun wirklich nicht. Es ging D.H. Lawrence, der ebenso wie seine Romanfigur Sir Clifford Chatterley impotent war, schon um Sex, aber so etwas wie hier hatte er sicher nicht gemeint. Doing dirt on sex, it is the crime of our times, because what we need is tenderness towards the body, towards sex, we need tender-hearted fucking, hat er geschrieben.

Eine interessante Verfilmung des Romans bot die vierteilige ✺BBC Serie von Ken Russell, der auch Lawrences Roman ✺Women in Love verfilmt hatte. Aber Joely Richardson blieb als Lady zu ladylike und zu kalt, wie letztlich auch Marina Hands in dem französischen Film, den arte gerade gesendet hat, der Film ertrank in schönen Bildern. Dass im Roman einmal We fucked a flame into being gesagt wird, scheint angesichts dieser Bilder kaum glaublich. Das Wort fuck kommt in dem Roman übrigens nur 26 Mal vor.

Der Chatterley Prozess im Jahre 1960 war der Beginn vom Ende der englischen Zensur, der mit dem Theatres Act von 1968 war es mit der Macht des Lord Chamberlain als Zensurinstanz vorbei. Allerdings gab es 1964 schon wieder einen Prozess um einen englischen Roman, diesmal war John Clelands Roman Fanny Hill aus dem Jahre 1748 dran.

Vielleicht sollte der Obszönitätsprozeß auch nur von einer wirklichen Obszönität ablenken, damit meine ich nicht, dass Boris Johnson in dem Jahr geboren wurde. Sondern die Liebesaffaire, die diese junge Dame, die in dem Absatz da oben neben der Kopie eines Arne Jacobsen Stuhls sitzt, mit dem Verteidigungsminister hat. Das ist natürlich Christine Keeler, die hier schon einen ausführlichen Post hat. Und den Film ✺Scandal aus dem Jahre 1989, wo Christine Keeler von Joanne Whalley gespielt wird, biete ich heute auch noch an.

Ich bleibe mal im Jahr 1964, da erschien in dem amerikanischen Nudistenmagazin Nude Living dieses Photo als Illustration zu einem Artikel, der In Defense of the Pleasures of the Body hieß. Kunst? Pornographie? Können wir beim Anblick nackter Frauen an andere Kategorien denken? D.H. Lawrence hasste Pornographie. Er hasste auch James Joyces UlyssesThe last part of [Ulysses] is the dirtiest, most indecent, obscene thing ever written. . . . This Ulysses muck is more disgusting than Casanova. I must show that it can be done without muck. Er hat wohl richtig erkannt, dass in Molly Blooms Monolog mehr Sex steckt, als in seinem ganzen Chatterley Roman. Die junge Dame mit dem schönen Körper hier ist übrigens Marli Renfro, die vier Jahre zuvor als Double für Janet Leigh in Psycho unter der Dusche stand.

“I don’t care!” she said stubbornly to Hilda at bedtime. “I know the penis is the most godly part of a man. . . . I know it is the penis which connects us with the stars and the sea and everything. It is the penis which touches the planets, and makes us feel their special light. I know it. I know it was the penis which really put the evening stars into my inside self. I used to look at the evening star, and think how lovely and wonderful it was. But now it’s in me as well as outside me, and I need hardly look at it. I am it. I don’t care what you say, it was the penis gave it me.”

Das steht nicht in Lady Chatterley's Lover, das die dritte Version des Romans ist, die Lawrence schrieb. Dies Zitat findet sich in der zweiten Version, die John Thomas and Lady Jane heißt (die auch die Vorlage für den französischen Film von 2006 war). Viele Kritiker halten John Thomas and Lady Jane für das bessere Buch: The Lady C. and her lover of the second version are also less romantic and more believable, with Connie Chatterley less sophisticated and intellectual, and her gamekeeper less a matinee idol in quickly removable corduroy breeches. None of the three versions make a great novel out of Lawrence’s materials, but a reading of the second suggests that one of Lawrence’s great literary mistakes was to expend much of the waning energies of his last years on the third.

Ours is essentially a tragic age, so we refuse to take it tragically. The cataclysm has happened, we are among the ruins, we start to build up new little habitats, to have new little hopes. It is rather hard work: there is now no smooth road into the future: but we go round, or scramble over the obstacles. We've got to live, no matter how many skies have fallen. So beginnt der Roman, der auch ein Gesellschaftsroman sein will, aber das Thema ist bei Anthony Powell besser aufgehoben als bei Lawrence. Sir Clifford Chatterley (rather supercilious and contemptuous of anyone not in his own class. He stood his ground, without any attempt at conciliation) kommt schwerverletzt aus dem Krieg zurück, aber vom Schrecken des Krieges dringt nichts in diesen Roman. Gegen Goodbye to All That von Robert Graves sind die Kriegserinnerungen von Sir Clifford ärmlich.

Was bleibt von Lady Chatterley's Lover übrig, wenn wir den ganzen schwülstigen Sex streichen, der bei Lawrence schon zu einer Art Religion geworden ist? Nicht viel, es ist kein guter Roman. Er kann nicht mit den beiden wirklich großen Romanen konkurrieren, die in den zwanziger Jahren auf den Markt kommen: Ulysses und A la recherche du temps perdu. Der Literaturkritiker F.R. Leavis empfahl, statt des Romans Lawrences Essay Pornography and Obscenity zu lesen. Ich mag Thomas Hardy, den Lawrence immer wieder beklaute, ich mag Joseph Conrad, nicht nur, weil er über Lawrence sagte: he had started well, but had gone wrong. Filth. Nothing but obscenities. Auf dem Cover des Penguin Classics Band von Lady Chatterley's Lover steht der Satz No one ever wrote better about the power struggles of sex and love. Der Satz ist von Doris Lessing, die auch ein sehr lesenswertes Vorwort verfasst hat.

Ich mag Hardy und Conrad und viele andere Romanautoren, aber D.H. Lawrence habe ich nie gemocht. Und dennoch kann ich ein Buch von ihm empfehlen. Es heißt Studies in Classic American Literature (der Link führt zum Volltext), es kommen keine Wildhüter und keine nackten sexuell frustrierten Ladies drin vor, dies sind Essays zur amerikanischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Das Buch ist 1992 unter dem Titel Der Untergang der Pequod: Studien zur klassischen amerikanischen Literatur auch einmal auf Deutsch erschienen. Es gehört mit zum Besten, was über die amerikanische Literatur geschrieben wurde.


Das kleine Sternchen ✺ im Text zeigt an, dass Sie dort einen Film sehen können.

Montag, 14. Dezember 2015

Lady Chatterley's Lover


Diese ältere Dame hält ein Buch in einer Hand und ein Streichholz in der anderen. Das Buch ist ein Paperback des Penguin Verlags. Es heißt Lady Chatterley's Lover und war eigentlich schon viel früher als 1960 erschienen, nämlich am 14. Dezember 1928. Gedruckt in Italien, in England durfte so etwas nicht gedruckt oder verkauft werden. James Joyces Dubliners (lesen Sie dazu doch diesen schönen ➱Post), das keine Wildhüter oder liebeskranke Aristokratinnen enthielt, durfte in Irland nicht verkauft werden. Die ältere Dame wirkt auf den ersten Blick harmlos, und doch: dieses Streichholz. Wir haben in Deutschland unsere eigene Tradition mit dem Thema ➱Bücherverbrennung, und ich zitiere mal eben Heinrich Heines Satz Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Der Penguin Verlag wagt den Aufstand gegen den Obscene Publications Act von 1959 und druckt 1960 zum ersten Mal den unverstümmelten Text von Lady Chatterley's Lover. Und erstattet gleich Selbstanzeige. Der Chefankläger Mervyn Griffith-Jones macht sich zu Anfang des Prozesses zum Gespött der Presse (und der Jury), wenn er die Jury fragt: Is it a book that you would have lying around in your own house? Is it a book that you would even wish your wife or your servants to read? Nein, so etwas läßt man die Diener natürlich nicht lesen, die könnten ja auf den Gedanken kommen, es dem Wildhüter Oliver Mellors gleichzutun. Wie wir dem Cartoon von Giles (mit dem schönen Text All of a sudden we've become a literary-minded, puritanical, culture-seeking nation) entnehmen können, hat der Penguin Verlag den Prozess gewonnen.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: die Bastion der viktorianischen Werte wird angegriffen. Und was folgt? Nutten und Kriminelle. Nicht nur der Name Lady Chatterley's Lover steht auf dem Rammbock, auch der Name Lolita. 1959 bei Weidenfeld & Nicolson veröffentlicht und sofort ein Skandal. Der Herausgeber des Sunday Express fand es the filthiest book I have ever read und sprach von sheer unrestrained pornography. Graham Greene dagegen setzte es auf die Liste der besten Bücher des Jahres 1955 (da war Lolita in einer fehlerhaften Ausgabe in Paris erschienen) in der Sunday Times.

In Lady Chatterley's Lover wird fuck gesagt. Und cunt. Das darf nicht sein. Das Englische hat ja eine Vielzahl von Möglichkeiten, böse, ungehörige Wörter zu umgehen. Nehmen wir einmal das Wort bloody, das der Durchschnittsengländer gerne als Verstärkung gebraucht - wie in not bloody likely. Das lässt Shaw in Pygmalion seine Eliza Doolittle sagen, die kommt aus der Unterschicht, die redet so. Die Schauspielerin Beatrice Stella Tanner riskierte ihre Karriere, als sie wirklich auf der Bühne am Ende des dritten Aktes Walk! Not bloody likely. I am going in a taxi sagte. Man ging damals ins Theater, um das verbotene Wort zu hören. Und die englische middle class prägte umgehend den wunderbaren Euphemismus Not Pygmalion likely!

Ich mag D.H. Lawrence nicht besonders. Ich finde, dass seine Essays Studies in Classic American Literature das Beste sind, das er geschrieben hat (Sie können die ➱hier im Volltext lesen). Ich habe mir damals die Pariser Ausgabe von 1955 gekauft, als die Penguin Ausgabe (an der Allen Lane Millionen verdient hat) noch nicht erschienen war. Ich war noch keine achtzehn, ich wollte sehen, was an diesem geheimnisvollen Buch dran war. Nix. Da ist mehr Sex im Hohelied Salomonis. Wenn Sie die atemberaubende Sexszene des Romans lesen wollen (übrigens ohne die Wörter cunt und fuck, die kommen da gar nicht vor), dann klicken Sie ➱hier.

Das hier kommt vielleicht wie eine kleine Überraschung. Ein Szenenphoto aus dem französischen ➱Film L'amant de lady Chatterley aus dem Jahre 1955! Die Regie hatte Marc Allégret, das Liebespaar spielten Danielle Darrieux und Erno Crisa. War das in Frankreich ein Skandal? Regte sich da im Jahre 1955 die ganze französische Nation auf? Not Pygmalion likely! Das sind Franzosen, die sagen bestenfalls c'est l'amour.

Ja, natürlich ist das Chief ➱Inspector Barnaby. Den möchte ich mal eben zitieren, weil es in der Folge Pikante Geheimnisse (Country Matters) ein Lady Chatterley Zitat gibt. In dem kleinen Dorf, in dem Barnaby ermittelt, gehen verschiedene Damen verschiedenen sexuellen Betätigungen nach. Eine arbeitet als Freizeitnutte und tarnt ihre Tätigkeit als Kochkurse. Die wird gespielt von Clare Holman, die eigentlich die Gerichtsmedizinerin in ➱Lewis ist (wir wollen mal hoffen, dass Robbie Lewis das nicht erfährt). Eine andere Dame versohlt masochistische ➱Gentlemen, und die dritte inszeniert sich als Lady Chatterley im Wald. Leider habe ich davon keine Bilder, deshalb nehme ich dieses aus einer anderen Barnaby Folge. Denn nacktes Fleisch erwartet man in einem Post der Lady Chatterley's Lover heißt.

Der Penguin Verlag druckte 1961 in die zweite Auflage von Lady Chatterley's Lover die Widmung: For having published this book, Penguin Books were prosecuted under the Obscene Publications Act, 1959 at the Old Bailey in London from 20 October to 2 November 1960. This edition is therefore dedicated to the twelve jurors, three women and nine men, who returned a verdict of 'not guilty' and thus made D. H. Lawrence's last novel available for the first time to the public in the United Kingdom. Die BBC verfilmte den spektakulären Prozess im Jahre 2006 als The Chatterley Affair (klicken Sie ➱hier). Und der Chefankläger Mervyn Griffith-Jones, der sich damals so blamiert hatte, verschwand nicht etwa in der Versenkung. Nein, der wurde der Chefankläger in der ➱Christine Keeler Affäre.

Mittwoch, 9. Mai 2018

Vidal Sassoon


Es gab Zeiten, da kamen andere Dinge von der Insel als Wörter wie Brexit und hilflose Ministerpräsidentinnen namens Theresa May. Ich möchte mal eben an eine Zeit erinnern, als dieses Gesicht England repräsentierte. Erinnern Sie sich? Das ist Twiggy. Mit einem Haarschnitt von Vidal Sassoon, der damals auch Jane Fonda und Mia Farrow einen Kurzhaarschnitt verpasste. Vidal Sassoon ist heute vor sechs Jahren gestorben, der Mann sollte uns einen kleinen Post wert sein.

Das hier ist Jean Shrimpton, genannt The Shrimp, auch eine Kundin von Vidal Sassoon. Sie war damals das teuerste Model der Welt, die erste Frau, die Supermodel genannt wurde. Und dann haben wir da noch junge Frauen, die Julie Christie↝ Charlotte Rampling und Jacqueline Bisset heißen: England hat in den Swinging Sixties eine Menge an weiblicher Schönheit zu bieten. Vielleicht sollte ich noch ein Model erwähnen, das nicht ganz in der Liga der Supermodels ist, das aber immerhin die englische Regierung stürzt: Christine Keeler. Sie ist auch Kundin von Vidal Sassoon, aber er schneidet ihr die Haare zu Hause, weil sich etliche seiner Kundinnen geweigert haben, sein Geschäft in der Bond Street zu betreten, falls die Keeler dort weiterhin erscheinen sollte.

Und es sind ja nicht nur die Models und der Starfriseur Vidal Sassoon, die die Zeit prägen. Da ist eine gewisse Mary Quant, die ein Kleidungsstück erfindet, das sie nach ihrem Lieblingsauto Mini nennt. Mary Quant hat natürlich hier längst einen Post (ja, es gibt in diesem Blog auch Damenmode). Diese junge Dame ist Uschi Nerke, sie moderierte in Bremen den Beat Club in den schärfsten Miniröcken. Aufschreie bei den Sittenwächtern wie bei Ingmar Bergmans Schweigen - lesen Sie hier mehr dazu. Uschi Nerke brauchte für ihre Miniröcke nicht nach London, es gab im anglophilen Bremen schon damals eine Reihe von Läden, die beinahe alles im Angebot hatten, was die Carnaby Street und das Swinging London anboten.

Das ist Sassoon im Jahre 1968, beachten Sie bitte die Ärmelknöpfe. Ich nehme mal an, dass Tommy Nutter den Anzug geschneidert hat.  2009 wurde Sassoon der CBE Orden von der Königin verliehen. She didn't ask me to stay behind and give her a quick trim, scherzte er hinterher. Als er den Orden bekam, war er 67 Jahre im Geschäft, und überall auf der Welt gab es Vidal Sassoon Salons. Auf der Neuauflage von Peter Blakes Sgt. Pepper ist er auch zu sehen (Mary Quant auch), und es gibt auch schon einen Vidal Sassoon Film. Haarschnitt, Mini Rock, scharfe AnzügeSwinging London und die Beatles: das ist die englische Kulturrevolution der Sixties. Am besten zusammengefasst von Philip Larkin in dem Gedicht Annus Mirabilis:

Sexual intercourse began
In nineteen sixty-three
(which was rather late for me) -
Between the end of the "Chatterley" ban
And the Beatles' first LP.

Up to then there'd only been
A sort of bargaining,
A wrangle for the ring,
A shame that started at sixteen
And spread to everything.

Then all at once the quarrel sank:
Everyone felt the same,
And every life became
A brilliant breaking of the bank,
A quite unlosable game.

So life was never better than
In nineteen sixty-three
(Though just too late for me) -
Between the end of the "Chatterley" ban
And the Beatles' first LP.

Donnerstag, 22. Dezember 2022

Pierre Brasseur


Der französische Filmschauspieler Pierre Brasseur wurde am 22. Dezember 1905 in Paris geboren. Er ist hier im Blog schon in den Posts La vie de château und deux histoires d'amour erwähnt worden. Er war in vielen Filmen zu sehen, auch in solchen Filmen, die Klassiker des französischen Kinos geworden sind. Wie in Hafen im Nebel (Le quai des brumes) mit Jean Gabin oder in Kinder des Olymp (Les enfants du paradis) an der Seite von Arletty. Hier sind die beiden auf einem Szenenphoto zu sehen.

Brausseur war allerdings auch in dem bescheuertsten Film, den ich je gesehen habe: Vögel sterben in Peru (Les oiseaux vont mourir au Pérou). Als wir damals aus dem Kino kamen, fragte mich die Gila: War da irgendein Sinn drin? Ich konnte die Frage nicht beantworten. Irgendjemand hatte uns erzählt, dass der Film ganz toll sei, weil da Jean Seberg drin war, die wir aus A bout de souffle kannten. Und Maurice, der Hauptdarsteller von Fahrstuhl zum Schafott. Und eben Pierre Brasseur, der in Die großen Familien (Les grandes familles) und La vie de château so großartig gewesen war. Und Danielle Darrieux, die kurz zuvor als Lady Chatterley zu sehen gewesen war.

In diesem Film spielt Brasseur den Ehemann von Jean Seberg, einer jungen Nymphomanin, die den Tod sucht. Junge Nymphomaninnen, die den Tod suchen, sind ein schönes Thema für Pornofilme, und die merikanische Zensur reihte ihn auch in diese Kategorie ein. Es war der erste Film, dem die amerikanische Motion Picture Association das Prädikatat X gab. Obgleich das kein richtiger Porno war, aber Szenen wie diese mit der halbnackten Jean Seberg am Strand reichten offenbar für die Beurteilung aus.

Pierre Brasseur (dessen deutsche Stimme in dem Film Siegfried Schürenberg war) spielt in diesem Film den sadomasochistischen Ehemann der sexsüchtigen Seberg, mit der er auf einer Weltreise in Peru gelandet ist. Er hat einen schönen Rolls Royce, aber das ist dann auch das einzig Schöne an diesem Film, der Rolls Royce und die halbnackte Jean Seberg. Der Spiegel hatte 1968 kein nettes Wort für den Film übrig: Vögel sterben in Peru (Frankreich; Farbe) ist kein tierfreundliches Werk von Grzimek, mögen auch zur Kulturfilm-Musik noch so viele Möwenschwärme über Strand und Meer rauschen. Romain Gary, 54, französischer Diplomat und Erfolgsautor, hat die Vögel-Tragödie nach einer eigenen Erzählung inszeniert -- mit der eigenen Ehefrau Jean Seberg im höchst tragischen Hauptpart. 
     Denn sie wälzt und wälzt sich als blonde Nymphe Adriane im nächtlichen Sand und im klapprigen Lusthaus, unter peruanischem Jungvolk und am Herzen der Bordelldame Fernande (Danielle Darrieux), und keiner, keine kann ihr helfen -- auch der gestrandete Dichter mit den traurigen Augen (Maurice Ronet) nicht, der sie in letzter Sekunde aus dem Ozean fischt. Sie liebt bis zum Zerbrechen und wird nimmer satt: Die Dienste ihrer Liebhaber im heißen Klima bei Lima sind wie Garys Regie -- unbefriedigend.
       
Gary, der sich seit langem zum Retter alteuropäischer Fabulierkunst berufen fühlt, schätzt selbst als Regie-Debütant noch die klassische Metapher. Er filmt Adrianas wabbeligen Ehemann (Pierre Brasseur) im Rolls-Royce als welken Othello und gibt ihm einen rüden Chauffeur. vormals Fremdenlegion, mit auf die Suche nach der streunenden Gattin -- der stopft als Kaugummi kauender Todesengel á la Cocteau sandauf, sandab durch die Dünen.
       Doch statt ihrer sinkt der Chauffeur dahin, und wo er anhielt, fährt der Dichter fort -- Othello nimmt ihn in seinen Sold, bedeutungsschwanger lächelt Adrians. Sie blickt zum Horizont und denkt: Helft den armen Vögeln. Da strahlt auch das ganze Parkett: Paloma, ohé.

Der Regisseur des Films war Romain Gary, der ein wenig so aussieht, als sei er der Zwillingsbruder von Pierre Brasseur. Es war sein erster Film, eigentlich war er Schriftsteller. Das Drehbuch hatte er auch geschrieben. Und mit der nymphomanen Hauptdarstellerin war er verheiratet. Die hatte noch ein Jahr zuvor gesagt, sie würde nie in einem Film auftreten, bei dem ihr Ehemann Regie führte. Nun tat sie es. Es war ein Fehler. Die Kritiker verrissen den Film.

Beinahe fünfzig Jahre hat Pierre Brasseur vor der Kamera gestanden. Hier sehen wir ihn mit einem weißen Anzug neben Danielle Darrieux, die eine Bordellwirtin spielt. Den Ehemann einer Nymphomanin zu spielen, war nicht seine größte Rolle. In vielen Filmographien von Brasseur wird der Film gar nicht erwähnt, als ob es ihn nie gegeben hätte. Im Internet gibt es eine wirklich schlechte Kopie des Films, aber arte hat etwas ganz Wunderbares. In der Reihe Blow Up gibt es hier in zehn Minuten alles über den Film, bösartig und komisch. Als wir damals das Studio am Dreiecksplatz verließen, sagte Gila: Sowas gucken wir uns nie wieder an. Nen, dies war kein Film, den man ein zweites Mal sehen wollte. Auf die Liste der films de ma vie kommt er jedenfalls nicht. Hätten wir an der Kasse das Eintrittsgeld zurückverlangen sollen?

Mittwoch, 2. Februar 2022

Hundert Jahre 'Ulysses'


Vor hundert Jahren erschien in Paris bei Sylvia Beach die Erstausgabe von James Joyces Roman Ulysses. Sie war um einige Passagen gekürzt, die zu dieser Zeit als obszön galten. Die Erstausgabe hatte eine Auflage von tausend Exemplaren, ein nummeriertes Exemplar kostet heute einen Liebhaber schon hunderttausend Dollar. In Irland, England oder Amerika hätte der Roman keine Chance gehabt, veröffentlicht zu werden. Teile des Romans waren von 1918 bis 1920 in Amerika in The Little Review veröffentlicht worden, waren aber sofort wegen Obszönität verboten worden. Ezra Pound, der die ersten Teile im Little Review lanciert hatte, wusste das: I suppose we'll be damn well suppressed if we print the text as it stands. BUT it is damn wellworth it.

Erst mit dem berühmt gewordenen Urteil vom 6. Dezember 1933 in dem Verfahren Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen das Buch mit dem Titel 'Ulysses' hob der Richter John Munro Woolsey den Bann der Zensur auf. Irland folgte 1934, England 1936, Kanada allerdings erst 1949. D.H. Lawrences Roman Lady Chatterley's Lover von 1928 brauchte noch viele Jahre mehr, bis er nicht mehr von der Zensur verfolgt wurde. Der 2. Februar 1922 war auch der vierzigste Geburtstag von Joyce gewesen, er hatte den Termin der Publikation selbst gesetzt. Er feiert die Vollendung des Werks am Abend mit seiner Frau Nora in einem italienischen Restaurant, als ihm ein Taxifahrer ein Päckchen bringt, das erste Exemplar von Ulysses. Sieben Jahre hat er daran geschrieben, jetzt ist es das Buch da. Wenige Monate später trafen sich Joyce und Proust im Pariser Majestic Hotel. Joyce kam, schon etwas besoffen, im einfachen Straßenanzug, Proust im Frack. Die beiden Herren hatten sich wenig zu sagen (lesen Sie hier mehr). Joyce hat Proust nicht gelesen, Proust kannte das Werk von Joyce nicht. Sein Englisch war marginal, und er hatte nur noch wenige Monate zu leben. Es hätte nicht gereicht, um Ulysses zu lesen, er schrieb verzweifelt seine Recherche zuende.

Der erste Rezensent des Werkes schrieb in der New York Times 1922 unter anderem: Finally, I venture a prophecy: Not ten men or women out of a hundred can read 'Ulysses' through, and of the ten who succeed in doing so, five of them will do it as a tour de force. I am probably the only person, aside from the author, that has ever read it twice from beginning to end. I have learned more psychology and psychiatry from it than I did in ten years at the Neurological Institute. There are other angles at which 'Ulysses' can be viewed profitably, but they are not many. Der Rezensent hieß Dr Joseph Collins, er war kein Literaturwissenschaftler, er war Professor für Neurologie.

Ich habe zur Feier des Tages meine Ulysses Ausgabe aus dem Regal geholt. Das ist die alte Penguin Ausgabe, die mir von allen anderen im Regal die liebste ist. Vorne steht mit Bleistift notiert, dass ich das Buch 1968 gelesen habe. In meiner deutschen Leinenausgabe, deren irisches Grün schon ziemlich verblasst ist, habe ich kaum auffindbar das Datum Dezember 1960 hineingeschrieben. Es ist die alte Übersetzung von Georg Goyert, vom Verfasser autorisierte Fassung Übersetzung steht im Buch. In dieser revidierten Ausgabe von 1956 findet sich auch der Hinweis, das man bisher 48.000 Exemplare des Buches verkauft hat.

Joyce hatte Teile davon gelesen, aber seine Deutschkenntnisse waren nicht so toll. Er war ja froh, dass er Geld vom Rhein Verlag in Zürich bekam, da autorisiert man auch schon mal eine Übersetzung. Es sollen achtundachtzig Seiten gewesen sein, die Joyce und Goyert, der mit dem getippten Manuskript aus München nach Paris gekommen war, gemeinsam durchgearbeitet haben. Joyce und Goyert standen in der Folgezeit in brieflicher Verbindung. Dies war die erste Übersetzung von Ulysses, sie erschien 1927 in drei Bänden mit einer Auflage von tausend Exemplaren. Es gab den Roman also in deutscher Sprache, bevor er in England oder Amerika erschien. Die französische Übersetzung erschien zwei Jahre nach der deutschen. 1930 erschien eine zweite Auflage in zwei Bänden, in der Goyert angeblich sechstausend Änderungen vorgenommen hatte.

Dr Georg Goyert, den der Rhein Verlag durch einen Übersetzungwettbewerb gefunden hatte, hat danach für den Zürcher Verlag noch viel mehr von Joyce übersetzt. Sogar Stuart Gilberts Buch Das Rätsel 'Ulysses': Eine Studie (in dem sich diese nützliche Skizze findet) hat er 1932 übersetzt. An Finnegans Wake hat Goyert sich aber nicht herangetraut. Allerdings hat er 1946 in der Zeitschrift Die Fähre das Kapitel Anna Livia Plurabelle veröffentlicht. Der Übersetzer der lieferbaren Suhrkamp Ausgabe von Anna Livia Plurabelle ist aber nicht Goyert, sondern Wolfgang Hildesheimer. Der über seine Übersetzungsversuche von Finnegans Wake gesagt hat: Was ich hier als deutsche Version anzubieten habe, kommt bestenfalls dem Original streckenweise nah, beleuchtet vielleicht auch Methode und Machart, kann aber nicht sein Idiom wiedergeben. Im gewissen Sinne handelt es sich also um eine Demonstration der Unübersetzbarkeit.

Natürlich besitze ich auch die neue Ulysses Übersetzung von Hans Wollschläger, über die der Übersetzer sagte: Unter der Schwierigkeit der Übersetzung war ich am Anfang so resigniert, daß ich eine richtige Wut hatte auf das Buch und den Mann. Acht Jahre hat er daran gearbeitet, und der Suhrkamp Verlag hat ihm dafür jeden Monat das Gehalt eines Oberstudienrats gezahlt (es gibt hier einen interessanten Artikel von Dieter E. Zimmer zu der Übersetzung). Soviel Geld hat James Joyce in den Jahren 1918 bis 1922 nicht für sein Werk bekommen. Der Zürcher Rhein Verlag hatte zwar mehrfach angekündigt, dass er die Goyertsche Übersetzung überarbeiten lassen wollte, aber es ist nie dazu gekommen. Der Verlag, der auch Hermann Broch und Albert Vigoleis Thelen zu seinen Autoren zählte, wurde von dem Südwest Verlag gekauft, dessen Bestseller in den fünfziger Jahren ein Benimmbuch war, an dem die berüchtigte Benimmpäpstin Erica Pappritz mitgearbeitet hatte (über die hat Friedrich Sieburg einmal gesagt: Allen Beteiligten wäre gedient, wenn Fräulein Pappritz… in den wohlverdienten Ruhestand träte). Der Geschäftsführer des Südwest Verlags sagte nach dem Kauf des Rhein Verlags: Wir entwickeln keinen literarischen Ehrgeiz, sondern beobachten den Markt. Und verkaufte die Rechte an Ulysses 1966 an Suhrkamp. Samuel Beckett soll angeblich Tränen der Freude in den Augen gehabt haben, als er hörte, dass Joyce nun zu einem Suhrkamp Autor geworden war. Heute hat ja niemand mehr Tränen der Freude in den Augen, wenn er den Namen Suhrkamp hört.

Es ist eine kleine Fußnote der Literaturgeschichte, dass der Verlag Volk und Welt in den sechziger Jahren dem Rhein Verlag einen Vorschuss von 4.000 DM auf die Rechte einer DDR Ausgabe von Goyerts Ulysses gezahlt hatte. Aber die Devisenabteilung der DDR stellte sich quer und verhinderte die Auszahlung der restlichen 8.000 Mark. Als Suhrkamp dann die Rechte gekauft hatte, wollte man diesen Vorschuss nicht verloren geben und wartete auf die Neuübersetzung. Aber so preiswert wollte Unseld sein Prestigeprojekt nicht weggeben, er befürchtete auch, dass der Verkauf seines Ulysses (dessen Verkaufspreis für 140 Mark projektiert war) durch eine preiswertere DDR Ausgabe unterlaufen würde. So offerierte er dem DDR Verlag, sich mit 60.000 DM an dem Projekt zu beteiligen, das Wort von einem gewissen Kolonisatorengehabe auf geistigem Gebiet machte auf der Leipziger Buchmesse 1976 die Runde. Heidi Dürr von der Zeit nannte Gruners Aussagen eine emotional-dümmliche Polemik, dazu sag' ich jetzt lieber nix.

60.000 sei eine Null zu viel, monierte Verlagschef Jürgen Gruner und schrieb an Unseld: Wenn ich davon ausgehen darf, daß es sich nicht um einen Tippfehler handelt (Lizenzgebühr sechzigtausend), wird es Sie sicherlich nicht erstaunen, daß wir zu einer Lizenznahme zu solchen Bedingungen beim besten Willen nicht bereit sein können. Am Ende bezahlte man 40.000 Mark für die Wollschläger Übersetzung, und Ulysses erschien 1980 in der DDR. Drei Jahre zuvor waren in der Spektrum Reihe des Berliner Verlages Volk und Welt, mit der Einbandgestaltung von Lothar Reher die Dubliner erschienen. Da hatte man die Rechte noch preisgünstig bekommen. Man machte jetzt in der DDR kulturellen Boden gut, 1974 war schon Marcel Proust (in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens) in der DDR erschienen.

Über die Qualität der Übersetzungen von Ulysses (hier noch ein interessanter Artikel) ist viel gestritten worden. Arno Schmidt urteilte über Goyert: handwerklich brauchbar (als Vorarbeit für den - hoffentlich - kommenden Besseren) : die Hälfte. der Rest? : eine Satire auf das grandiose Original! Was hätte er daraus gemacht, wenn er es hätte übersetzen sollen? Aber bei aller Kritik, ich liebe meine alte grüne Ulysses Ausgabe, weil es mein erstes Leseerlebnis mit dem Roman war. Die Wollschläger Übersetzung hat großes Lob erfahren, aber so gut sie sein mag, am Original führt bei einem Sprachjongleur wie Joyce sowieso kein Weg vorbei. Wenn man die Übersetzung Wollschlägers gegen die von Goyert ausspielt, dann muss man bedenken, dass Wollschläger Wörterbücher zur Verfügung standen, die es in den zwanziger Jahren noch gar nicht gab. Und da tut sich ja ständig etwas auf dem Markt, ich habe zu Weihnachten von einem Freund The Queen's English geschenkt bekommen, ein neues Wörterbuch, das vieles enthält, von dem ich noch nie gehört habe. Wollschläger hat Fehler gemacht, viele Fehler, schlimme Fehler, mindestens fünftausend. In jahrelanger Kleinarbeit haben Harald Beck und die Kuratorinnen der Zürcher James Joyce Stiftung Ruth Frehner und Ursula Zeller (mit der beratenden Mitwirkung von Fritz Senn) Wollschlägers Text überarbeitet und revidiert. Diese Fassung durfte nicht erscheinen, das hat die Rechtinhaberin Gabriele Wolff, die nebenberuflich Krimis schreibt, verhindert. Lediglich das Vorwort liegt vor. Vielleicht bringt mal irgendjemand die überarbeitete Übersetzung als Raubdruck heraus.

Teilübersetzungen von Finnegans Wake hat es von einer Vielzahl von Autoren gegeben. Sogar Arno Schmidt war daran interessiert und hatte sich in Teilen versucht, was man den Überlegungen zu einer Lesbarmachung von 'Finnegans Wake' (in Der Triton mit dem Sonnenschirm) entnehmen kann; aber der deutsche Leser musste bis 1993 auf eine Übersetzung des ganzen Werks warten. Man hätte es natürlich bei der Idee belassen können, die Dieter E. Zimmer 1967 in der Zeit vortrug, als er über die Pläne von Unseld berichtete, den ganzen Joyce zu veröffentlichen: Was mit 'Finnegans Wake' geschehen soll, ist noch nicht entschieden. Am vernünftigsten erscheint mir selber der Plan, eine kommentierte Edition des Originaltextes (rechts er, auf den linken Seiten die Erläuterungen) in die Gesamtausgabe einzureihen – denn ich glaube nicht, daß eine Übersetzung denkbar ist, die genug vom Original bewahrte, um die nur zu gut vorstellbare, wahnwitzige Mühe eines solchen Unterfangens zu rechtfertigen; und das nicht etwa, weil die Übersetzer zu unzulänglich wären, sondern weil die Sache selbst es verbietet.

1993 erschien Dieter H. Stündels Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkeß fun Schämeß Scheuß. Der Übersetzer hatte genau so lange an seiner Übersetzung gearbeitet, wie James Joyce gebraucht hatte, um das Buch zu schreiben. Nämlich ganze siebzehn Jahre. Zur Qualität der Übersetzung kann ich jetzt wenig sagen, da ich das Buch noch nie von Anfang bis Ende gelesen habe (das Original übrigens auch nicht), aber es ist sehr originell. Wenn auch Friedhelm Rathjen damals zeterte und von einer Spielwiese zum Austoben der eigenen Kalauerwut und einem Schildbürgerstreich der Übersetzungsgeschichte sprach. Aber wenn ich irgendjemand nicht erst nehme, dann ist es dieser Rathjen, gegen dessen Moby-Dick Übersetzung ich einiges zu sagen hätte. Sehr viel abgewogener ist da der Schweizer Joyce Kenner Fritz Senn, der in seiner Besprechung in der NZZ 1993 (Wegh zu Finnegan?) viel Positives zu Stündel zu sagen wusste. Ich habe das Buch damals nicht gekauft, als es frisch auf den Markt kam. Da kostete es nämlich - 1.264 Seiten, deutsch-englisch - stolze 840 Mark. Es war aber auch zehn Kilo schwer, ein Trumm von einem Buch. Schon beinahe vergleichbar mit Arno Schmidts Zettels Traum. Das Buch fiel dann im Laufe der Zeit im Preis, bis es der Zweitausendeins Verlag ganz, ganz preiswert herausbrachte. Heute zahlt man antiquarisch 15 Euro dafür.

Ich habe mich damals, als ich Ulysses las, nicht vor dem Roman gefürchtet. Man sollte sich niemals vor Romanen fürchten, auch wenn sie lang und schwer sind. Ich hatte von Joyce schon Portrait of the Artist as a Young Man und die Dubliners gelesen, ich war schon in der Welt von Joyce zuhause. Denn Ulysses ist aus den Dubliners entstanden. Ich habe bestimmt nicht alles von dem Roman verstanden. Aber jeder Leser liest seinen eigenen Text. Wir lesen immer nur uns selbst, sagt Marcel Proust. In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können. Dass der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches und umgekehrt. Ich habe einmal im Fernsehen den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke in einem Interview sagen hören, dass er immer über seinem Niveau gelesen habe und vieles nicht verstanden habe. Und nach einer kurzen Pause fügte er lächelnd hinzu: Man sollte immer über seinem Niveau lesen. Es bleibt immer irgend etwas hängen. Wir können auch nicht alles in Ulysses verstehen. Als der französische Übersetzer des Werkes Joyce bat, ihm etwas über die innenliegende Struktur des Werkes zu sagen, lehnte Joyce das ab. Und sagte: If I gave it all up immediately, I'd lose my immortality. I've put in so many enigmas and puzzles that it will keep the professors busy for centuries arguing over what I meant, and that's the only way of insuring one's immortality. Ein Satz, den man sich merken sollte.

Ich war nicht der einzige in meiner Klasse, der damals Ulysses las. Wir lasen alle viel, aber nie das, was auf dem Stundenplan stand. Das verschaffte uns wirkliche Bildung. Mein Freund Peter war, glaube ich, der erste von uns, der einen Stuart Gilbert hatte. Und das ist ein Buch, das jeder Joyce Leser haben sollte. Es ist wie ein Baedeker für die Welt von Leopold Bloom. Ich dachte damals, dass ich an der Universität mehr über Joyce lernen würde, aber das war eine Täuschung. Wie Kurt Vonnegut es so nett gesagt hat: When you get to be our age, you all of a sudden realize that you are being ruled by people you went to high school with ... You all of a sudden catch on that life is nothing but high school. You make a fool of yourself in high school, then you go to college and learn how you should have acted in high school, and then you get into real life and that turns out to be high school all over again - class officers, cheerleaders, and all.

Man lernt nicht wirklich viel an Universitäten, wenn man Glück hat, stößt man auf eine Handvoll Leute, die einen vorwärts bringen. Die Professoren in meinem Institut drückten sich darum, Vorlesungen oder Seminare über Joyce zu machen. Zu schwer. Wahrscheinlich hatten sie ihn auch nie gelesen. Außer der Baronin Gisela von Stoltzenberg, bei der ich ein Seminar über die Dubliners besucht habe. Sie hängte als erstes eine Karte von Dublin auf, und ich dachte mir: oh, Gott, Geographieunterricht. Aber es macht natürlich viel Sinn, eine Dublin Karte vor Augen zu haben, wenn man Joyce liest. Wenn Sie der Baronin und mir nicht glauben, dann wird Sie sicher Vladimir Nabokov überzeugen: Instead of perpetuating the pretentious nonsense of Homeric, chromatic, and visceral chapter headings, instructors should prepare maps of Dublin with Bloom’s and Stephen’s intertwining itineraries clearly traced. Das da oben ist Nabokovs Karte von Leopold Blooms Odyssee.

Die Baronin hatte Joyce persönlich gekannt, Éamon de Valera war ein Jugendfreund von ihr gewesen. Sie hat mir einmal ein Photo von Joyce geschenkt, das ihn an einem Sommertag mit hellem Hut und Spazierstock an einem See zeigt. Ich habe es sehr gut weggepackt. Ich habe es so gut weggepackt, dass ich es bisher noch nie wiedergefunden habe. Aber die Werke von James Joyce sind natürlich griffbereit für den hundertsten Geburtstag von Ulysses. Der Whiskey (Green Spot) auch. Und natürlich ein Häppchen Ulysses, obgleich es wohl niemand schaffen wird, die 24 Stunden aus dem Leben von Leopold Bloom in 24 Stunden zu lesen. Aber der Monolog von Molly am Schluss des Romans wäre ein guter Anfang: 

Yes because he never did a thing like that before as ask to get his breakfast in bed with a couple of eggs since the City Arms hotel when he used to be pretending to be laid up with a sick voice doing his highness to make himself interesting for that old faggot Mrs Riordan that he thought he had a great leg of and she never left us a farthing all for masses for herself and her soul greatest miser ever was actually afraid to lay out 4d for her methylated spirit telling me all her ailments she had too much old chat in her about politics and earthquakes and the end of the world let us have a bit of fun first God help the world if all the women were her sort down on bathingsuits and lownecks of course nobody wanted her to wear them I suppose she was pious because no man would look at her twice I hope Ill never be like her a wonder she didnt want us to cover our faces but she was a welleducated woman certainly and her gabby talk about Mr Riordan here and Mr Riordan there I suppose he was glad to get shut of her and her dog smelling my fur and always edging to get up under my petticoats especially then still I like that in him polite to old women like that and waiters and beggars too hes not proud out of nothing but not always if ever he got anything really serious the matter with him its much better for them to go into a hospital where everything is clean...

Montag, 26. Juli 2021

Kate Beckinsale


Die englische Schauspielerin Kate Beckinsale hat heute Geburtstag, da wollen wir doch Glückwünsche aussprechen. Als sie jung war, fand ich sie ausgesprochen schnuckelig. Im Jahre 2009 wählte sie die Zeitschrift Esquire zur Sexiest Woman Alive (das Video müssen Sie sich unbedingt ansehen). Sie sieht heute sicher immer noch gut aus, aber sie sieht so aus, wie viele Schauspielerinnen (das gucken Sie lieber nicht) heute aussehen. Sie hat angeblich einen IQ von 152, das haben nicht viele Schauspielerinnen. Sexiest Woman Alive wird sie wohl kein zweites Mal, aber in diesem Jahr hat die National Film Academy sie als beste britische Schauspielerin ausgezeichnet. 2009 machte sie, von Ellen von Unwerth photographiert, Werbung für Absolut Vodka, was etwas seltsam war, denn sie trinkt überhaupt keinen Alkohol.

Nicht alle ihrer Filme sind gute Filme. Über den Film Haunted schrieb TV Spielfilm: Dieser Film hätte nicht einmal eine Videopremiere verdient, wären da nicht die Schauspieler Aidan Quinn und Anthony Andrews. Und zugegeben, auch die niedliche Kate Beckinsale ist durchaus nett anzusehen. Ansonsten ist diese wirre Story von Schuld, Sühne und Inzest eher wenig geistreich. Man sollte noch hinzufügen, dass Kate Beckinsale mehrfach in diesem Film nackt ist, das reißt alles heraus. Der Schauspieler Anthony Andrews, der Haunted produziert hat, war hier schon mal im Blog, weil er einer der Hauptdarsteller von Brideshead Revisited ist. Und weil er mit Georgina Simpson, der Erbin von Daks/Simpson, verheiratet ist. 

Vor dreißig Jahren hatte Kate Beckinsale eine kleine Rolle in dem melodramatischen Fernsehfilm One Against the Wind, dadurch wurde sie in England ziemlich berühmt. Die nächsten Rollen spielte sie so nebenbei, da sie in Oxford Romanistik und Slavistik studierte. In Kenneth Branaghs Much Ado Nothing (1993) spielte sie nur mit, weil die Dreharbeiten in die Semesterferien fielen. Aber am Ende ihres Studiums, ein Jahr vor Haunted, drehte sie einen Film, der völlig aus der Rolle fällt. Kein Kinofilm, ein Fernsehfilm für die BBC, eine Literaturverfilmung vom feinsten.

Der Roman heißt Cold Comfort Farm, er steht auf der Liste der 100 Novels That Shaped Our World der BBC; und Julie Burchill, die mal die Kodderschnauze der Subkultur war, hat in der Sunday Times gesagt: very probably the funniest book ever written. Das könnte man natürlich auch über The Diary of a Nobody sagen, das mir Georg gerade geschenkt hat, damit ich nicht immer nur dieses highbrow Zeuch lese, aber wir lassen den Satz von Julie Burchill mal so stehen. Stella Gibbons, die den Roman 1932 schrieb, hat noch zwanzig andere Romane geschrieben, aber keiner hatte den Erfolg von Cold Comfort Farm. Bei dieser Ausgabe des Penguin Verlags hat sich der Designer sicher ein wenig an Kate Beckinsale orientiert, die im Film die Flora Poste spielt. Die gerne Schriftstellerin werden möchte: When I am 53, I hope to write a novel as good as 'Persuasion,' but in a modern setting.

The education bestowed on Flora Poste by her parents had been expensive, athletic and prolonged: and when they died within a few weeks of one another during the annual epidemic of the influenza or Spanish Plague which occurred in her twentieth year, she was discovered to possess every art and grace save that of earning her own living ... Flora inherited, however, from her father a strong will and from her mother a slender ankle. The one had not been impaired by always having her own way nor the other by the violent athletic sports in which she had been compelled to take part, but she realized that neither was adequate as an equipment for earning her keep. So fängt der Roman an, die neunzehnjährige Debübantin, die alle Gesellschaftstänze beherrscht, landet bei ihren Verwandten auf dem Land. Irgendwo in Sussex. In einer anderen Welt.

Romane, die auf dem Land spielen, liebt der Engländer, wenn Sie an How Green was my Valley oder The Darling Buds of May denken. Aber schon zuvor spielte die englische Landschaft eine große Rolle im englischen Roman. Bei den Brontës, in den Wessex Novels von Thomas Hardy und selbst noch in Lady Chatterley. Doch dieser Roman ist die schönste Satire auf das Landleben, ein bisschen Brontë Sisters, ein bisschen Thomas Hardy, ein bisschen bösartig, aber hochkomisch. Die BBC verpflichtete John Schlesinger, der für das englische Fernsehen mit großem Erfolg schon Separate Tables (1983), An Englishman Abroad (1983) und A Question of Attribution gedreht hatte. Das Drehbuch schrieb Malcolm Bradbury, der hier schon in den Posts Universitätsromane und Ray Bradbury erwähnt wurde. Wenn ich damals, als ich ihn traf, gewußt hätte, dass er das Drehbuch geschrieben hätte, wäre er mir sympathischer gewesen.

Bei der Besetzung des Films hat man an nichts gespart. Kate Beckinsale ist sicherlich die ideale Flora, aber Schlesinger fand, dass sie zu jung für die Rolle sei. Doch sie wollte diese Rolle unbedingt haben: I went through the book, found all the points that supported I was the correct age, wrote what was essentially a research paper in the form of a, 'Dear John, you're making a terrible mistake and I'm gonna save you from it...' letter, and delivered it to his door. Schlesinger fand den Brief, den sie ihm mitten in der Nacht zugestellt hatte, very amusing, rief sie an und sagte ihr, dass sie die Rolle hätte. Niemand in England glaubte, dass der Film ein amerikanisches Publikum begeistern könnte, aber Schlesinger war da anderer Meinung. Und er hatte recht, der Film verkaufte sich erstaunlich gut, und die Kritiker waren von Beckinsale begeistert. 

Emanuel Levy schrieb in Variety: The ensemble playing of the large, inspired cast is so felicitous that it’s difficult–and perhaps unfair–to single any performer for special praise. Still, in the lead, Beckinsale has the strength of a young Glenda Jackson and the charm of a young Julie Christie. Die Los Angeles Times sprach von yet another of those effortlessly skilled British beauties who light up the screen, und Janet Maslin von der New York Times schrieb, Beckinsale spiele die Rolle with the perfect snippy aplomb. In Deutschland war die Rezeption des Filmes gemischt. Susanne Weingarten, damals Kulturredakteurin des Spiegel, hielt den Film für einen bräsigen britischen Bauernschwank, Volker Weidermann, der im Herbst das Feuilleton der Zeit übernimmt, war in seiner Kritik in der TAZ sehr viel intelligenter.

Und dann sind da noch die großartige Joanna Lumley, Ian McKellen und Stephen Fry, und und und. Es ist eine völlig verschrobene Komödie, schräg und skurril, typisch englisch. Es ist ein Kostümfilm, wenn man so will, in Kostümfilmen war Beckinsale groß geworden (auch Haunted ist ja ein Kostümfilm). 

Ein Jahr nach Cold Comfort Farm drehte sie Emma, es gab zwei Emmys für den Film. Und zu Jane Austen kehrte sie vor fünf Jahren mit dem Film ✺Love & Friendship zurück. Dazwischen war sie in Unmengen von Action- und Horrorfilmen zu sehen (den Film Pearl Harbor fand ich einen Tiefpunkt ihrer Karriere). Wenn Sie den Post Fantasy gelesen haben, wissen Sie, dass ich diesen Genres nichts abgewinnen kann. In den Filmen, die Underworld (1 bis 5) heißen, kann sie als Vampir in schwarzem Latex alles.

Im wirklichen Leben hat sie zwar in Oxford studiert und spricht Russisch, hat aber immer noch keinen Führerschein. Und sie ist mir in Jane Austen Verfilmungen und allen period costumes (oder auch nackt wie in Haunted) lieber als in den Latexklamotten. Als Honor Blackman und Diana Rigg so etwas in den Avengers trugen, war das ja noch irgendwie witzig. Die junge Flora Poste ordnete das chaotische Leben ihrer Verwandtschaft nach der Maxime: I try to bring people around to the higher common sense. Vielleicht hätte Kate Beckinsale ihr Leben auch nach dieser Maxime ausrichten sollen. Dann wären uns Vampir Hybride in schwarzen catsuits und viel anderer Zelluloidmüll erspart geblieben.

Den Film Cold Comfort Farm habe ich natürlich heute am Geburtstag von Kate Beckinsale auch im Programm.