Sonntag, 4. August 2019

kein Melville am 1. August


Nobody had more class than Melville. To do what he did in 'Moby-Dick', to tell a story and to risk putting so much material into it. If you could weigh a book, I don’t know any book that would be more full. It’s more full than 'War and Peace' or 'The Brothers Karamazov'. It has Saint Elmo’s fire, and great whales, and grand arguments between heroes, and secret passions. It risks wandering far, far out into the globe. Melville took on the whole world, saw it all in a vision, and risked everything in prose that sings. You have a sense from the very beginning that Melville had a vision in his mind of what this book was going to look like, and he trusted himself to follow it through all the way. Das hat Ken Kesey im Paris Interview gesagt, ich habe das schon in dem Post Kuckucksnest zitiert.

New York August 1 Delivered by Dr Wright Post, at 6 Pearl Street, to Allan & Maria Melvill, a third child &; second son steht als erster Eintrag für das Jahr 1819 in Jay Leydas Melville Log. With a grateful heart I hasten to inform you of the birth of another Nephew, which joyous event occurred at 1/2 past 11 last night—our dear Maria displayed her accustomed fortitude in the hour of peril, & is as well as circumstances & the intense heat will admit - while the little Stranger has good lungs, sleeps well & feeds kindly, he is in truth a chopping boy, schreibt Allan Melvill am nächsten Tag an seinen Schwager Peter Gansevoort. Es ist heiß in New York, ein Fieber wütet. Nachdem der kleine Herman am 19. August getauft worden ist, zieht die Familie erst einmal nach Albany um.

Manche Leser haben sich beklagt, dass es hier am 1. August nichts zu Herman Melville gab. Ich hatte die Wahl für den Tag: entweder die Schlacht bei Minden oder Herman Melville. Ich nahm Minden, weil es in diesem Blog schon sehr viel Melville gegeben hat. Vor neun Jahren, als ich zu bloggen begann, gab es am 1. August den Post Herman Melville: Birthday, aber schon vorher schrieb ich die Posts Moby-Dick und Uwe Nettelbecks Melville. Die Adresse meines Blogs verdankt ihren Namen dem ersten Kapitel (Loomings) von Moby-Dick. Und am 1. August 2011 gab es den langen Post Moby-Dick. Der neueste Post heißt Herman Melville, Donald Trump und ich. Zwischen dem und meinen Anfängen gab es immer wieder Melville.

Ich war zwei Tage in der blogosphere, als ich den kurzen Post Tiefen schrieb: Der kleine Pip ist der einzige, für den das erkaltete Herz von Kapitän Ahab noch letzte menschliche Gefühle zeigt. Die Mannschaft der Pequod hält Pip für wahnsinnig. Es wäre besser, wenn sie Ahab für wahnsinnig halten würden. Der kleine Pip ist wahnsinnig, seit er über Bord gefallen ist und man ihn allein im Pazifik treiben ließ. Der kleine Pip hat in der Tiefe des Ozeans die Füße Gottes gesehen, wie sie den Webstuhl der Welt treten. Und er hat davon erzählt, deshalb hält man ihn für verrückt: So man's sanity is heaven's sense; and wandering from all mortal reason, man comes at last to that celestial thought, which, to reason, is absurd and frantic; and weal or woe, feels then uncompromised, indifferent as his God. Melville hat seltsame Dinge aus der Bibel herausgelesen. Das hat seine wenigen zeitgenössischen Leser wahrscheinlich mehr verstört als seine komplizierte Syntax.

Ich erwähne das alles nur, damit Sie sehen, dass ich weiß, wann Melville Geburtstag hat. Aber ich wollte nicht mit dem Feuilleton konkurrieren, es war mir klar, dass man an diesem Tag den sonst selten zitierten Melville abfeiern würde. Die FAZ hat da einen interessanten Post von ihrem Ressortchef zum Thema Thomas Mann und Melville. Die New York Times verfolgt, was sie in den letzten zweihundert Jahren über Melville gesagt hat, das ist interessant. Die Harvard Professorin Jill Lepore, deren Geschichte der Vereinigten Staaten demnächst bei CH Beck erscheint, schreibt im New Yorker. Aus dem Artikel, der natürlich auf dem Niveau des New Yorker ist, stammt auch das witzige Bild hier.

Was soll man von Melville lesen? Moby-Dick auf jeden Fall. Die erste kritische Ausgabe von Mansfield und Vincent ist leider vergriffen, steht aber glücklicherweise im Netz. Das Beste ist wohl die Norton Critical Edition, die Harrison Hayford und Hershel Parker herausgegeben haben. Mein persönlicher Lieblingstext ist die von Harold Beaver kommentierte Penguin Ausgabe: 600 Seiten Text, über 300 Seiten Kommentar, unglaublich. Im Internet findet sich ein Power Moby-Dick, erstklassig gemacht. Bevor Sie sich eine deutsche Übersetzung kaufen, lesen Sie erst einmal, was in dem Post Fritz Güttinger steht.

Der Roman ist eine Herausforderung für den Leser. Melville wusste das: It is not a piece of fine feminine Spitalfields silk. But is of the horrible texture of a fabric that should be woven of ships‘ cables & hausers. A Polar wind blows through it, & birds of prey hover over it. Warn all gentle fastidious people from so much as peeping into the book – on risk of a lumbago and sciatics. Ich weiß nicht, was Melville zu dem Leser gesagt hätte, der bei Amazon unter dem Titel Äußerst langatmig schreibt: Hat mir nicht gefallen, viel zu langatmig. Vielleicht gefällt ja manchem diese langen Abhandlungen über Meeresgetier usw, ich will die eigentliche Geschichte lesen, dafür hab ich das Buch. Würde man sich auf die eigentliche Geschichte beschränken, war das Buch nur halb so lang... Vielleicht wäre der Emoji Dick oder eine Graphic Novel für den Leser das Richtige.

Auf einem etwas höheren Niveau sagte einer der ersten Rezensenten im Oktober 1851 im Londoner SpectatorThis sea novel is a singular medley of naval observation, magazine article writing, satiric reflection upon the conventionalisms of civilized life, and rhapsody run mad.... The rhapsody belongs to wordmongering where ideas are the staple; where it takes the shape of narrative or dramatic fiction, it is phantasmal—an attempted description of what is impossible in nature and without probability in art; it repels the reader instead of attracting him. Wir sehen schon an dieser Kritik, der Roman findet nicht viele Leser. Heute ist der Roman ein Teil der Popular Culture, wie man an David Shaerfs Dokumentarfilm sehen kann.

Die Erzählung Benito Cereno, die sich in den Piazza Tales findet, sollte man unbedingt lesen. Hier ist Melville auch nicht so sperrig wie in Moby-Dick. Die Geschichte wird schon in den Posts Bounty, Sklavenschiff und Amistad erwähnt. Der berühmte amerikanische Literaturkritiker F.O. Matthiessen hat sie one of the most sensitively poised pieces of writing he had ever done genannt. Das Bild vom Sklavenschiff ist natürlich von William Turner. Der übrigens immer wieder auf das Thema des Walfangs zurückkam. Es ist kein Zufall, dass der Cover von Harold Beavers Penguin Ausgabe ein Bild von Turner zeigt. Zu Turners Bildern über den Walfang habe ich hier einen sehr interessanten Aufsatz.

Mehr als Moby-Dick und die Piazza Tales tue ich Ihnen heute nicht auf die Leseliste. Über Billy Budd, Bartleby und Clarel reden wir ein anderes Mal. In meinem Studium habe ich keine Seminare über Melville besucht, obgleich Moby-Dick immer wieder im Vorlesungsverzeichnis stand. Aber ich machte um den Professor, der die Seminare anbot, einen Bogen. Ich wusste, dass er Moby-Dick nie ganz gelesen hatte. Man soll sich sein eigenes Leseerlebnis nicht durch Uni-Kurse versauen. Mehrere meiner Studienfreunde hatten Doktorarbeiten über Melville geschrieben, wenn ich etwas über die wissenschaftliche Rezeption Melvilles wissen wollte, fragte ich die. Und in die Lage kam ich 1976, als ich aus heiterem Himmel der literaturwissenschaftliche Berater für die Ausstellung wurde, deren Katalog hier abgebildet ist.

Über diese Erfahrungen habe ich in den Posts Moby-Dick und Vierzig Jahre geschrieben. Ich hatte damals den Roman in der deutschen Übersetzung von Fritz Güttinger gelesen und besaß durch einen glücklichen Zufall die Ausgabe von Mansfield und Vincent, die 1952 bei Hendricks House erschienen war. Es gab damals noch keinen Power Moby-Dick im Internet, es gab überhaupt kein Internet. Wenn man für den Katalog eine bestimmte Textstelle aus Moby-Dick brauchte, musste man lesen und lesen. Es hat mir nicht geschadet.

Und wenn Sie ein Buch suchen, in dem alles zu Melvilles Leben und Werk steht, dann kann ich nur Andrew Delbanco empfehlen. Gibt es auch in deutscher Sprache bei Hanser. Es ist so geschrieben, dass es von jedermann gelesen werden kann. Das Buch hat eine Rezension bei Amazon, nach der Delbanco angeblich Journalist ist. War er nie, er hat einen Doktortitel von Harvard und war jahrzehntelang Professor an der Columbia University. One can hardly imagine a more artful or succinct biography of Herman Melville, one that makes his fiction seem not only relevant but urgent, presenting the familiar facts in a fashion that makes the life and work luminously comprehensible, schrie Jay Parini im Guardian. Glauben Sie lieber ihm und nicht dem Amazon Rezensenten.

Donnerstag, 1. August 2019

Hannover siegt, der Franzmann liegt


Nein, wir reden heute nicht über Hannover 96. Wenn Sie Uwe Seeler Fan sind, dann müssen Sie den Post Hannover 96 unbedingt lesen, aber wir reden heute einmal über die Weltgeschichte. Denn heute vor 260 Jahren war der vielleicht wichtigste Tag in der englischen Geschichte. Das sagt zum Beispiel der Historiker Frank McLynn in seinem Buch 1759: The Year Britain Became Master of the World. Wir sind im Siebenjährigen Krieg, den die Engländer den French and Indian War nennen. Sie kämpfen nicht nur in Europa gegen die Franzosen, auch Amerika ist Kriegsschauplatz. Wo ein junger Oberstleutnant namens George Washington in englischen Diensten steht.

Ich habe mir diesen Titel Hannover siegt, der Franzmann liegt für den Jahrestag der Schlacht bei Minden nicht ausgedacht. Das ist eine Kantate, die Georg Philipp Telemann auf den Sieg der Alliierten geschrieben hat. Denn es sind die Hannoveraner unter dem Oberbefehl des Herzogs Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg, die die Schlacht entscheiden werden. Den Herzog hatte im Jahr zuvor Friedrich der Große mit den Worten Je n'ai fait que ce que je dois, mon cher Ferdinand zum Feldmarschall ernannt. Der englische König George II verleiht dem Herzog den Hosenbandorden, in dessen Ornat er sich von Johann Georg Ziesenis malen lässt. Neben dem Hosenbandorden erhält er vom König auch noch 20.000 Pfund Sterling, nach heutigem Wert sind das Millionen.

Die Engländer hatten wenig Glück mit ihren Generälen, die sie nach Europa in den Krieg schicken. Zuerst ist da der Duke of Cumberland, über den Wilhelm Raabe in Hastenbeck schreibt: »Es ist mein Sohn, der mich zu Grunde gerichtet und sich selbst beschimpft hat.« Der dies Wort sprach, war der alte, nahezu siebzigjährige Kurfürst von Hannover und König von Großbritannien und Irland, Georg der Zweite, der Sieger von Dettingen, und sein Aufschrei fand einen zustimmenden Widerhall durch ganz Europa, vom Felsen Kalpe bis nach Asien hinein, und jenseits des Atlantischen Ozeans bis tief in die amerikanischen Urwälder. Wieder einmal war ein unbekannter Ort zu einem Namen in der Weltgeschichte gekommen, diesmal zu einem übelberüchtigten. Der dicke Cumberland unterzeichnet ohne Not die Konvention von Zeven und gibt Hannover den Franzosen preis.

Einer von Cumberlands Nachfolgern ist der Viscount Sackville, der hat zwar nicht wie Cumberland den Oberbefehl über die alliierten Truppen, aber er kommandiert alle englischen Truppen. Und widersetzt sich am 1. August 1759 den Befehlen des Feldmarschalls Ferdinand, er erscheint mit den 24 Schwadronen seiner Kavallerie erst auf dem Schlachtfeld, als der Kampf vorbei ist. Der Herzog von Braunschweig schreibt ihm einen netten Brief, Sackville wird alle Posten los. Die Führung der englischen Truppen übernimmt nach der Schlacht von Minden der Marquess of Granby (hier auf einem Portrait von Ramsay). Da hatten die Engländer endlich einen richtigen Helden. Im nächsten Jahr wird er eine dreifache Übermacht von Franzosen schlagen. Er verliert dabei im Angriff Dreispitz und Perücke, angeblich geht die Bedeutung von bald-headed als in a rush without care or caution auf ihn zurück.

Ein Kriegsgericht wird 1760 feststellen, Sackville sei unfähig, seiner Majestät in irgendeiner militärischen Funktion jedweder Art zu dienen. Das Urteil des Kriegsgerichts wird, so will es der König, jedem englischen Regiment vorgelesen: It is his majesty's pleasure that the above sentence be given out in public orders, not only in Britain, but in America, and every quarter of the globe where British troops happen to be, that officers, being convinced that neither high birth nor great employments can shelter offences of such a nature, and that, seeing they are subject to censures worse than death to a man who has any sense of honour, they may avoid the fatal consequences arising from disobedience of orders. Sein arrogantes Auftreten vor Gericht hat ihm keine Freunde gemacht, den Kriegsgerichtsprozess hat er selbst gewollt, obgleich ihn Juristen gewarnt hatten. Er hätte ebenso wie Admiral John Byng zwei Jahre zuvor wegen Feigheit vor dem Feind hingerichtet werden können.

Nun sollte man meinen, dass das das Ende der Karriere von Lord George Sackville ist, aber er kommt wieder. Als Secretary of State for the Colonies im Kabinett von Lord North und wird mitverantwortlich dafür sein, dass England seine amerikanischen Kolonien verliert. Im Jahre 1776 lässt er sich von George Romney in einer Siegerpose malen. Als ich den Post Verrat über den amerikanischen Verräter Benedict Arnold schrieb, war dieser Brief von ihm an Sackville noch nicht im Netz, den gibt es heute dazu. Da verhandelt ein amerikanischer General, der gerne ein englischer General sein möchte, mit einem ehemaligen englischen General, der seinen Rang wegen Feigheit verloren hat. Ist schon pikant. Die geniale militärische Begabung von Sackville zeigt sich auch in der Unterstützung von General Burgoynes amerikanischem Abenteuer, das bei Saratoga mit dem Verlust einer ganzen englischen Armee endet.

Wenn wir Sackvilles Kavallerie mal draußen vor lassen, dann gibt es an diesem Tag noch viele Engländer, Schotten und Waliser, die in den Dörfern rund um Minden von Holzhausen bis Hahlen tapfer kämpfen. Und die feiern heute den Minden Day, das tun sie am 1. August seit 260 Jahren. Vor zehn Jahren gab es in Minden ein re-enactment der Schlacht. Dichter haben die Schlacht immer wieder besungen, ob das Sidney Swinney mit The Battle of Minden: A Poem in Three Books oder Kipling mit The men that fought at Minden war, aber die Kantate Hannover siegt, der Franzmann liegt ist in Vergessenheit geraten. Man hätte sie heute in Hannover aufführen können, aber wir haben nicht die Traditionen, die die Engländer haben.


Lesen Sie auch: Minden und Münchhausen

Sonntag, 28. Juli 2019

Frauenpower


Drei Frauen auf einem Bild. Das ist die Cartoonistin Franziska Becker vor einem ihrer Kunstwerke, das gleichzeitig ein Plakat für eine Franziska Becker Ausstellung ist. Das hier sind starke Frauen, vielleicht ein wenig ironisch dargestellt. Ich schätze die Künstlerin sehr, sie ist in diesem Blog auch schon in dem Post über den Strand Book Store erwähnt worden.

Noch einmal drei Frauen auf einem Bild. Dies sind auch starke Frauen, dahingehend ist das Bild interpretiert worden. Es ist viel zu dem Photo geschrieben worden. Die Bild Zeitung titelte Warum uns dieses Foto wütend macht und schrieb: Wir sehen das eiskalte Lächeln der Macht. Es ist bei Frauen nicht sympathischer als bei Macht-Männern. Es ist eiskalt. Das ist unser kleiner Selbstbetrug: Wir schätzen natürlich die Tatkraft und Durchsetzungsstärke, die unsere Probleme lösen und unsere Interessen vertreten. Nur mögen wir dieser Macht nicht so gerne ins Gesicht sehen. Irgendwie ist das Ganze ja nur piefig, ein Symbol der Peinlichkeit der deutschen politischen Klasse.

Ich möchte heute ein ganz anderes Bild der Frauenpower präsentieren, nämlich ein Selbstportrait der holländischen Malerin Judith Leyster aus dem Jahre 1632/1633. Da ist die heute vor 410 Jahren geborene Malerin erst dreiundzwanzig Jahre alt, und sie zeigt uns, dass sie schon alles kann. Wahrscheinlich hat sie das lebensgroße Selbstbildnis gemalt, um in die Haarlemer Malergilde aufgenommen zu werden, sozusagen als Meisterstück. Sie malt sich als elegante Frau, modisch im Stil der Zeit. Und für die Feinheiten der Kleidung wird sie bei ihren Gemälden immer ein Auge haben. Ein so elegantes Kleid wird sie bei der Arbeit nicht getragen haben, die modische Fraise behindert eher beim Malen.

Ob sie wirklich die erste Frau in Holland ist, die als Meisterin anerkannt wird, ist ein wenig umstritten. Judith Leyster: de eerste vrouw die meesterschilder werd war der Titel einer Ausstellung im Frans Hals Museum 2009-10. Kunsthistoriker weisen auf Sara van Baalbergen hin, die wohl schon zwei Jahre vor Leyster in der Harlemer Gilde war. Aber über die weiß man so gut wie nichts. Es entbehrt nicht einer Pikanterie, dass die Ausstellung im Frans Hals Museum stattfand, denn so bekannt sie zu ihren Lebzeiten war: man hat sie schnell vergessen und ihr Werk Frans Hals zugeordnet.

Erst als man am Ende des 19. Jahrhunderts im Louvre unter der Signatur von Frans Hals das Zeichen von Leyster entdeckt, beginnt man sich ernsthaft mit der Künstlerin zu beschäftigen. Theodorus Schrevelius hatte 1647 in seinem Buch über Haarlem geschrieben: Da gibt es auch viele Frauen, die in der Malerei erfahren und bis heute berühmt sind, die es auch mit Männern aufnehmen können, von denen wird vor allem Judith Leyster genannt, ein wirklicher Leitstern in der Kunst, von dem sie auch den Namen trägt, die Hausfrau von Molenaer, der auch ein berühmter Maler ist, in Haarlem geboren und zu Amsterdam bekannt. Mit dem Leitstern, den sie auch als Monogramm verwendet, nimmt Schrevelius die Ähnlichkeit von Leyster und Leidstar (-ster), dem Stella Polaris, auf.

Das Bild, das die Malerin gerade gemalt hat, zeigt einen fröhlichen jungen Mann mit seiner Fiedel. Keine mythologische oder biblische Figur, mit der man das Bild symbolisch überhöhen könnte. Wir finden den jungen Herrn übrigens auf einem Bild wieder, das sie wirklich gemalt hat. In der rechten Hand hält die Malerin einen Pinsel, in der linken ganz viele. Sie will damit ihre Kompetenz zeigen, einen Pinsel für eine Farbe. Und sie ist die einzige Frau, die einen lockeren Malstil beherrscht. Die auch ähnlich wie Rembrandt und Frans Hals ohne Vorzeichnung direkt auf die Leinwand malt.

Der Hintergrund des Bildes interessiert sie nicht so sehr, sie konzentriert sich auf die Wiedergabe der Personen. Beinahe alle ihre Gemälde zeigen Figuren aus dem bürgerlichen Leben, häufig mit Musikinstrumenten. Diese sogenannten fröhlichen Gesellschaften sind ein Motiv, das in den 1620er und 1630er Jahren in der niederländischen Malerei aufkam. Und Judith Leyster ist die einzige Frau, die dieses Thema beherrscht.

Zwanzig Jahre nach ihrem ersten Selbstportrait malt sich die Ehefrau von Jan Miense Molenaer so. Es sind weniger Pinsel als die achtzehn auf dem Bild von 1633 zu sehen. Die Fröhlichkeit und die Spontaneität sind auch verschwunden. Die Malerin teilt sich mit ihrem Ehemann ein Studio in Amsterdam, wahrscheinlich hat sie an vielen seiner Bilder mitgearbeitet. Über ihr eigenes Spätwerk weiß man nicht so viel. Aber ihr frühes Selbstbildnis, das wird bestehen bleiben, mit dieser Fröhlichkeit und Selbstsicherheit, die nach beinahe vierhundert Jahren immer noch ansteckend ist. Über die gekünstelte Fröhlichkeit und Selbstsicherheit der drei Damen auf dem Photo oben wollen wir lieber schweigen.

Samstag, 27. Juli 2019

schön geschrieben, selbstverliebt und larmoyant


Emmanuel Berls Buch Geisterbeschwörung hat mich mal fünf Mark gekostet. Es war ein Band aus der Reihe Die andere Bibliothek. Auf dem Pappschuber kann man Sätze wie diesen finden: Deutsche Erstausgabe und Sein umfangreiches Werk ist in Deutschland völlig unbekannt geblieben. In Frankreich gilt er heute als ein grand écrivain seiner Epoche. Wenn man so etwas im Grabbelkasten findet, muss man es mitnehmen. Und lesen. Vor allem, wenn auf dem Schuber steht: Diese Texte halten zwischen Erzählung und Autobiographie die Schwebe und verbinden die Präzision von Momentaufnahmen mit der schillernden Mehrdeutigkeit des Traums. Ich war letztens schon kurz vor dem Einschlafen, schon beinahe beim Träumen, als mir das Buch wieder einfiel. Sollte ich jetzt das Licht anmachen und mir etwas in dem kleinen Notizbuch auf dem Nachttisch notieren? Ich schlief lieber ein, der Buchtitel würde wiederkommen. Es brauchte einige Tage, bis ich mich wieder an den Buchtitel erinnerte. Ich ging zu dem Regal hinter dem Lautsprecher, wo die französische Literatur steht. Das Buch war nicht da, wo es stehen sollte.

Ich fand es Tage später, wieder als ich das Lexikon der französischen Literatur von Winfried Engler aus dem Regal nahm. Berls Geisterbeschwörung stand daneben. Das hier auf dem Bild ist nicht die Originalausgabe von Englers Lexikon, das ist die Billigversion des Komet Verlags, ich habe die schon in dem Post Literaturgeschichte erwähnt. Schlechtes Papier, billiger Einband, aber derselbe Text. Man kann dieses Lexikon, das ursprünglich beim Lexikonspezialisten Kröner erschienen war, antiquarisch noch sehr preiswert finden. Es gibt wirklich nichts Besseres. Von dem verdienstvollen Romanisten, der alle französischen und deutschen Orden bekommen hat, gab es bei Kröner auch eine schöne Geschichte des französischen Romans: Von den Anfängen bis Marcel Proust im Programm. Der schon erwähnte Komet Verlag hat nicht nur den Engler, sondern auch das Kindler Literatur Lexikon als Lizenzausgabe preiswert herausgebracht.

Und da ich gerade bei dem KLL bin, möchte ich doch etwas Gehässiges zur neuesten Ausgabe des Lexikons sagen. So sieht mein alter Kindler aus, es war die Ausgabe der WBG, die ich mir in meinem Studium vom Mund abgespart hatte. Ich verdanke, wie wohl jeder Besitzer der Bände, diesem Lexikon der Weltliteratur viel. Vor zwanzig Jahren hat mich Dr Henning Thies von der Kindler Redaktion gefragt, ob ich für die beiden geplanten Ergänzungsbände für die zweite Auflage des KLL einige Lexikoneinträge schreiben würde. Ich habe sofort zugesagt, ich kannte ihn vom Namen her, denn er hatte für Kindler die Bände Hauptwerke der amerikanischen Literatur und Hauptwerke der englischen Literatur (2 Bände) herausgegeben. Die Zusammenarbeit mit ihm war ganz wunderbar.

Das sollte sich ändern, als man darauf verfiel, das von Walter Jens in der zweiten Auflage herausgegebene KLL völlig neu zu konzipieren. 18 Bände mit insgesamt 14.760 Seiten brachte der zum Holtzbrinck Konzern gehörende Metzler Verlag auf den Markt. Kostete damals 2.400 Euro, der Preis ist gefallen. Als Herausgeber gewann man Heinz Ludwig Arnold, der als Herausgeber von Zeitschriften und Lexika einen guten Ruf gehabt hatte. Den hat der ehemalige Privatsekretär von Ernst Jünger mit diesem Machwerk aber gründlich beschädigt. Im Wikipedia Artikel kann man zu der dritten Auflage des KLL lesen: Zu manchen Werken sind die Lexikonartikel in der neuen Auflage auch erheblich kürzer ausgefallen als bisher, z. B. umfasst der Eintrag zum Gilgamesch-Epos, der in der 2. Auflage noch mehr als 9300 Wörter aufwies, in der 3. Auflage insgesamt nur mehr knapp über 800 Wörter. Die Literaturhinweise wurden durchgehend auf ein Minimum gekürzt. Und dann steht da auch noch: In der aktuellen Ausgabe sind zuweilen philologisch interessante Details gestrichen worden, so dass es sich lohnen kann, auch die vorhergehende Ausgabe zu konsultieren.

Jetzt, wo das Lexikon bei Metzler gelandet war, gab es keine Zusammenarbeit mit dem netten Herrn Dr Thies mehr, jetzt hatte ich es mit Hilfskräften an einer Uni zu tun. Die, sagen wir es zurückhaltend, ein klein wenig doof waren und schon mit einem Word Dokument überfordert waren. Natürlich wurden auch meine Lexikonartikel kastriert. Und die Literaturangaben und Hinweise auf Verfilmungen, die einst ein Highlight beim KLL waren, fielen dem Rotstift (oder sollen wir sagen dem Skalpell?) zum Opfer. Lassen Sie die Finger von diesem Werk, für einen Fuffi bekommen Sie Kindlers Neues Literaturlexikon, und die beiden Supplementbände werden sich auch finden lassen. Ich nahm das klägliche Honorar des Metzler Verlags an, überwies es an eine wohltätige Organisation und vergaß das Ganze. Bis ich wenige Jahre später das Lexikon in einem Laden namens Joker's fand, Paperback, jeder Band 1 Euro. Sic transit gloria mundi.

Den Kampf gegen das Internet werden die voluminösen Lexika verlieren, der Brockhaus hat mit seiner letzten Auflage Millionenverluste gemacht. Quantität statt Qualität scheint die Devise. Beim dritten Kindler war man stolz, einen Text von Björk, Harry PotterPippi Langstrumpf und Carl Barks im Lexikon zu haben. Warum? Mein Plädoyer für Lexika in Buchform kann nicht bedeuten, dass die Werke fehlerfrei sind. Sie enthalten nicht so viele Fehler wie ein Wikipedia Artikel, aber Fehler sind da.

Dazu ein kleines Beispiel: Der junge Arthur Conan Doyle hat in Edinburgh Medizin studiert. Laut Gero von Wilperts Lexikon der Weltliteratur bei einem Psychiater namens Bello. Das ist nun vollkommener Unsinn, ich habe Gero von Wilpert vor beinahe vierzig Jahren auf den Fehler hingewiesen. Der Doktor, bei dem Doyle gelernt hat und dessen phänomenale Beobachtungsfähigkeit er in seinen Sherlock Holmes hinein geschrieben hat, hieß Joseph Bell (Bild). Er war der berühmteste Arzt Schottlands, war der Arzt von Königin Victoria, und Scotland Yard zog ihn als Sachverständigen bei den Morden von Jack the Ripper hinzu. Professor Bell war not amused, sich in den Romanen seines Schülers wiederzufinden. Gero von Wilpert hat mir damals einen netten Brief geschrieben und gesagt, dass das in der nächsten Auflage geändert wird. Der Bello ist aber immer noch drin.

Ich hätte das Buch von Emmanuel Berl nicht zu suchen brauchen, ich hätte nur mal in meinen Blog gucken müssen. Da steht am 10. Juli 2011 in dem Post Marcel Proust: Bei den Biographien steht noch ein Buch, das da eigentlich nicht hingehört (obwohl Marcel Proust darin vorkommt), ich wusste nie, wo ich es hinstellen soll. Und so ist es bei Proust gelandet. Was auch passt, weil es viel vom Geist von Proust hat und der Verfasser ein entfernter Verwandter von Proust ist. Das Buch, das ich im Grabbelkasten fand wo man die beste Literatur entdecken kann), heißt Geisterbeschwörung und ist von Emmanuel Berl. Es ist in der Reihe Die andere Bibliothek erschienen. Emmanuel Berl ist in Deutschland kaum bekannt, das ist eigentlich schade, weil Geisterbeschwörung (frz. Sylvia und Rachel et autres grâces) ein wunderschönes Buch ist. Im ZVAB gibt es noch Reste davon.

Das Buch kam in der Schattenwelt des Halbschlafs in meine Gedanken, weil ich gerade an einem Post schreibe, der über die Erinnerung und über Frauen geht. Und über Erinnerung und Verlust schreibt Emmanuel Berl in Sylvia auch: Le domaine du souvenir est trop vaste pour que je ne m'y perde pas, fût-ce dans ses moindres parcelles, et celui de l'oubli l'est encore davantage. Sie kennen das Thema schon, ich komme häufiger darauf zurück, mögen die Posts Vergil, Sommerkino oder Wiederholungen heißen. Vielleicht würde ich das alles auch nicht schreiben, wenn ich nicht Proust und Berls Sylvia gelesen hätte: Parmi les ouvrages d'Emmanuel Berl, 'Sylvia' (1952), un récit autobiographique, occupe une place à part aux yeux des admirateurs. Quand le livre paraît, l'auteur a soixante ans et n'est plus vraiment lu. On a alors oublié cet écrivain qui a été au cœur de l'activité littéraire pendant une vingtaine d'années, mais qui depuis la fin de la guerre vit retiré dans un appartement de la rive droite parisienne. Sylvia ne fait pas l'unanimité. Jean Paulhan, l'une des éminences grises des éditions Gallimard, affirme que Sylvia est 'tellement mauvais qu'après un tel livre tout le monde devrait renoncer à écrire'. Pourtant, le livre charme dès les premières lignes, et très vite le lecteur comprend qu'il a entre les mains un récit sans concession et formellement d'une maîtrise éblouissante. En outre, avec le recul, on comprendra que Sylvia est 'un livre décisif dans l'ordre de la culture autobiographique', comme le dit Jacques Lecarme.

Emmanuel Berl war mit der Komponistin und Sängerin Mireille Hartuch verheiratet. Die einst der jungen Françoise Hardy sagte, dass sie mit Mon amie la rose großen Erfolg haben werde. Emmanuelle und Mireille Berl haben nicht immer im selben Haus wie Jean Cocteau gewohnt, als die Deutschen kamen, flüchteten die beiden nach Südfrankreich und schlossen sich der Résistance an. Nach dem Krieg zogen sie wieder in die Rue Montpensier 36, wo heute die Plakette an sie erinnert.

Man kann Emmanuel Berls Geisterbeschwörung bei Amazon Marketplace noch preiswert finden. Dort schreibt ein Rezensent: Ein 60jähriger schreibt über die Frauen in seinem Leben, über das, was er noch erinnert und das, was seine Erinnerungen überdeckt. Das ist manchmal sehr schön geschrieben, aber über weite Strecken doch sehr selbstverliebt und larmoyant. Diese Formulierung, so platt sie ist, hat mir gefallen, denn dieses sehr schön geschrieben, sehr selbstverliebt und larmoyant, das trifft auch auf vieles in meinem Blog zu.

Dienstag, 23. Juli 2019

Melodrama


Lass den Fernseher an, sagte ich zu Uwe. Trotz des Miniformats des Bildschirms hatte ich von der anderen Seite des Raumes gesehen, welcher Film gerade angelaufen war. Das Fernsehgerät war ein kleiner Portable, den Uwe sich mal für das Boot gekauft hatte. Der Bildschirm war bestimmt nicht größer als ein Blatt 18 x 24 Photopapier, aber das machte nichts, A Tale of Two Cities musste ich sehen. Schon wegen Dirk Bogarde als Sidney Carton. Es war ein Schwarzweißfilm, das wollte der Regisseur Ralph Thomas so, weil er sagte, dass der Roman von Charles Dickens was written in black and white, and it's got to be made in black and white.

Es gibt ein halbes Dutzend Verfilmungen des Romans, diese von 1958 war letztlich ein Re-Make des Filmes von 1936 mit Ronald Colman in der Rolle des Sidney Carton. Wenn Sie wollen, können Sie den Film hier sehen. Ralph Thomas wollte Hollywood übertreffen. Was in den Pinewood Studios entstand, war die teuerste englische Kinoproduktion des Jahres. Dass Ralph Thomas Dirk Bogarde für die Hauptrolle nahm, war nur logisch. Mit den Doktorfilmen der 50er Jahre (lesen Sie mehr in dem Post Doktorspiele) hatte die Karriere von Thomas begonnen. Und ebenso die von Bogarde. Der deutsche Verleihtitel des Films war Karren zum Schafott. Im Jahr 1958 gab es noch einen Film, der Schafott im Titel hatte, der hat aber nichts mit der Französischen Revolution zu tun. Der berühmte Film mit Jeanne Moreau und dem Soundtrack von Miles Davis hat hier schon einen Post. Den Soundtrack werden Sie sicher als CD haben. Sonst müssen Sie nochmal Miles Davis anklicken.

Die DVD von A Tale of Two Cities kann man bei Amazon Marketplace ab 1,46 kaufen, und die Amazon Seite versichert mir, dass ich den Film vor zehn Jahren gekauft habe. Man kauft sich immer vergangene Erinnerungen zurück, auch wenn man am Schluss des Filmes heulen muss. Halten Sie Taschentücher bereit für das Ende des Films, wenn das schnuckelige kleine Dienstmädchen (Marie Versini, auch bekannt als Nscho-tschi in Winnetou) Sidney Carton zur Guillotine begleitet.

It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair, we had everything before us, we had nothing before us, we were all going direct to Heaven, we were all going direct the other way – in short, the period was so far like the present period, that some of its noisiest authorities insisted on its being received, for good or for evil, in the superlative degree of comparison only. Mit diesem berühmten Satz beginnt der Roman von Charles Dickens. Der Film von Ralph Thomas verzichtet auf ihn (der Film von 1936 zeigt den Satz auf einer Tafel), man kann nicht alles von einem Roman verfilmen. Sie können den Film hier ganz sehen, und die Melodrama Research Group der Universität von Kent hat hier eine schöne Interpretation des Films.

Ein Jahr bevor der Film in die Kinos kam, war A Tale of Two Cities auf der englischen Bühne zu sehen. Denn am 23. Juli 1957 gab es am Sadler’s Wells in London die Uraufführung der Oper von Arthur Benjamin. Die Oper war nicht ganz neu, 1951 hatte sie beim Festival of Britain einen Preis erhalten. Und die BBC hatte schon 1953 eine Studioaufnahme ausgestrahlt, aber jetzt war das romantische Melodrama in sechs Szenen zum ersten Mal auf der Bühne. Diese Aufführung gibt es leider nicht bei YouTube, aber bei der Firma Opera Depot ist die CD noch erhältlich. Kostet 7.48 $, das Porto nochmal das Doppelte. Es lohnt sich unbedingt, hier singt ein Staraufgebot der damaligen Zeit: Amy ShuardHeather HarperHeddle NashJohn Cameron und Alexander Young. Es war ein Riesenerfolg, sieben Mal wurden die Akteure vor den Vorhang gebeten.

Sonntag, 21. Juli 2019

Münchhausen auf dem Mond


Heute vor fünfzig Jahren hat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betreten. Na ja, eigentlich war der Baron Münchhausen der Erste, das belegt der Film mit Hans Albers ganz klar, der auf der Grundlage der Erzählungen des Lügenbarons gedreht wurde: Da fiel mir ein, daß die türkischen Bohnen sehr geschwind und zu einer ganz erstaunlichen Höhe emporwüchsen. Augenblicklich pflanzte ich also eine solche Bohne, welche wirklich emporwuchs und sich an eines von des Mondes Hörnern von selbst anrankte. Nun kletterte ich getrost nach dem Monde empor, wo ich auch glücklich anlangte. Richtige Besitzansprüche kann niemand auf den Mond haben, das sagt der Outer Space Vertrag von 1967. Dessen ungeachtet verkaufen in Amerika einige Immobilienhändler Grundstücke auf dem Mond. Zum Ärger eines Rentners aus Westercappeln, der besitzt nämlich eine Schenkungsurkunde vom 17.7.1756. In der Friedrich der Große einem seiner Vorfahren gesagt hat: Jetzo soll ihm der Mond gehören. Doch durfte Friedrich den überhaupt verschenken?

Es bleiben Fragen über Fragen. Vor allem die nach dem Autor des Satzes That’s one small step for a man, one giant leap for mankind. Denn wir können schon annehmen, dass der wortkarge und maulfaule Armstrong sich den Satz nicht spontan ausgedacht hat. Diese Frage kann ich heute beantworten, denn ich kannte den Autor des Satzes. Im Sommer 1969 war ich wissenschaftliche Hilfskraft bei einem Professor, den ich schon in dem Post Unser Land erwähnt habe. Ich war nicht der einzige, wir waren ein halbes Dutzend. Es war damals für einen Professor wichtig, möglichst viele Assistenten und Hilfskräfte zu haben. Wenn man viele Mitarbeiter hatte, dann war man berühmt, ob man etwas von seinem Fach verstand oder nicht. Wir tippten Texte für Seminare auf Wachsmatrizen und vervielfältigen sie auf der Umdruckmaschine. Einen Photokopierer besaß das Institut noch nicht. Wir schrieben für den Professor Reden und Aufsätze und manchmal auch die Vorlesungen. Das Wichtigste aber war, dass wir bei Tabac Trennt den Tabak TK93 kauften. In dem berühmten Laden war der Professor ein einziges Mal gewesen. Da hatte ihm der alte Trennt, ein stadtbekanntes Original, die Pfeife aus dem Mund genommen und gesagt: Sie können überhaupt nicht Pfeife rauchen, Ihnen verkaufe ich doch keinen Tabak. Der Professor hat sich nie wieder in den Laden getraut.

Der Professor kam aus dem Rheinland und liebte es, Geschichten zu erzählen. Es waren meistens Geschichten, bei denen man starke Zweifel hatte, ob sie wahr waren. Nun gehört eine gewisse Übertreibung zu den Stilmitteln eines guten Erzählers, aber was er erzählte, war mehr als die poetic licence ihm zubilligen würde. Er war im Zweiten Weltkrieg Pilot bei der Luftwaffe gewesen, und nach seinen Erzählungen war er eine Mischung zwischen dem roten Baron und Ernst Udet. Je mehr er erzählte, desto zweifelhafter wurden die Geschichten. Der Lügenbaron Münchhausen hatte in ihm einen echten Konkurrenten. Dass er mit einer Messerschmitt auf einer Donauinsel gelandet sein wollte, das mochte noch hingehen. Aber dass er mit einer Heinkel mit Zusatztanks (man nannte uns die fliegenden Feuerzeuge) Wetterflieger über der Wüste Gobi gewesen sein wollte, da hörte es denn dann doch auf.

Er hatte irgendwelche Verbindungen zur NASA, das hatte bei seiner Berufung als Professor offenbar eine Rolle gespielt. Vielleicht war das auch nur ein alter Kumpel von der Luftwaffe, der bei der NASA untergekommen war, das wusste man nicht so genau. Aber die NASA wurde ständig erwähnt. Unser Professor hatte auch ein Projekt laufen, das Sprache der Raumfahrt hieß. Ich glaube, man hat herausgefunden, dass die Männer in den Raumanzügen in Amerika Astronauten und in Russland Kosmonauten hießen. Ich kümmerte mich nicht um das Ganze, die Raumfahrt interessierte mich nicht so sehr. Der Mond in der Literatur war für mich interessanter. Aber nun kam der 21. Juli 1969, und der ganze Weltraumtrubel ging los. Ich habe das Ereignis nicht im Fernsehen gesehen, weil ich keinen Fernsehapparat besaß. Mir blieben nur die Bilder in den Zeitungen. Vielleicht hindert uns ein unbezwinglicher Widerstand, an die Vergangenheit, an die Geschichte zu glauben, es sei denn in der Form des Mythos. Die Photographie hat, zum ersten Mal, diesen Widerstand zum Schweigen gebracht: von nun an ist die Vergangenheit so gewiß wie die Gegenwart, ist das, was man auf dem Papier sieht, so gewiß wie das, was man berührt. Dieser schöne Satz von Roland Barthes ist ein klein wenig gefährlich. Was ist, wenn die Bilder auf dem Papier gefälscht sind?

Unser Professor war zwei Tage lang merkwürdig ruhig, am dritten Tag erzählte er dann so ganz beiläufig, dass die NASA ihn letztens um zwei Uhr in der Nacht angerufen hätte. Und ihn gebeten hätte, er möge doch mal einen Vorschlag machen, was der erste Mensch auf dem Mond sagen sollte. Er hätte dann einen Augenblick nachgedacht und dann gesagt: Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit. Niemand von uns wusste, was er sagen sollte. Wir waren ganz still. Als wir am Abend im Heinrich VIII (der Studentenkneipe neben dem Lammers) beim Blaubeerpfannkuchen saßen, redeten wir natürlich über die Geschichte. Niemand glaubte an den Telephonanruf von der NASA. Wir beschlossen, nie über die Geschichte zu reden. Wir waren in Sorge, dass sie unseren Professor mit der Zwangsjacke abholten.


Noch mehr Mond in den Posts: Vollmond, Himmel, Adam Elsheimer, Observatorium, Abschiedsgeschenk, Die Harmonie der Welt, Vulkane, ZeissDunkelheit, Mondnacht, SoFi

Donnerstag, 18. Juli 2019

Der Graf von der Insel


Nein, ich schreibe nicht über den Grafen von Monte Christo, ich schreibe heute mal eben über den französischen Dichter Charles Marie René Leconte de Lisle. Eigentlich hieß er nur Leconte, aber er fügte dem Namen ein de Lisle hinzu, weil er von einer Insel kam. Leconte de Lisle ist ein Wortspiel zu le comte de l’île, dem Grafen von der Insel. Die Insel, auf der Leconte geboren wird, heißt heute La Réunion, bei seiner Geburt hieß sie Île Bourbon, wenige Jahre zuvor war es die Île Bonaparte. Die Insel wird in diesem Blog schon in den Posts Mauritius und Waltz into Darkness erwähnt. Der französische Titel des Films ist La Sirène du Mississippi, fragen Sie mich nicht, weshalb. Auf deutsch heißt Truffauts Verfilmung des Romans von Cornell Woolrich übrigens Das Geheimnis der falschen Braut. Und im Gegensatz zu dem Roman beginnt Truffauts Film auf der Insel Réunion. Wie das Leben von Leconte de Lisle. Das natürlich nichts mit Catherine Deneuve zu tun hat, ich brauchte das nur als Aufmacher.

Der Dichter war einmal sehr berühmt, heute scheint Leconte de Lisle (der am 18. Juli 1894 starb) beinahe vergessen zu sein. Er hat klassische Philologie studiert und Ilias und Odyssée übersetzt. Die klassische Bildung scheint in seiner Dichtung immer wieder durch. Man kann das an dem Gedicht Die Aeoliden sehen, das es hier in deutscher Übersetzung gibt. Der Komponist César Franck hat es vertont, und viele Komponisten - wie zum Beispiel Debussy oder Marcel Prousts Freund Reynaldo Hahn - haben die Dichtungen von Leconte als Ausgangspunkt ihrer Kompositionen genommen.

Diese Karikatur zeigt uns den Dichter, der seine Gedichte unter dem Arm trägt (sein Werk findet sich übrigens ganz bei Wikisource), mit dem linken Arm trägt er einen Stuhl. Es ist kein gewöhnlicher Stuhl, wir können die Buchstaben V und H lesen, ein Zeichen dafür, dass Leconte der Nachfolger von Victor Hugo in der Académie Française sein wird und dessen durch den Tod freigewordenen Stuhl besetzen wird. Ob er wirklich auch noch Vergil übersetzt hat, wie das Tintenfass unten links andeutet, ist fraglich. Der Romanist Pierre Flottes führt in der Bibliographie von Lecontes Übersetzungen keine Vergil Übersetzung auf. Doch dass im Theater hinten im Bild Les Érinnyes gespielt werden, das ist richtig.

Les Érinnyes ist ein Versdrama im Stil der griechischen Tragödie, das auf Aischylos' Orestie beruht. Es wurde von Jules Massenet vertont, mit dem Leconte befreundet war. Obgleich die Aufführung ein großer Erfolg war, gefiel sie Leconte überhaupt nicht: il est vrai que la musique de Massenet n’ayant aucun rapport avec mes vers, mes situations et l’époque où se passe l’action, a dû par cela même attirer un plus grand nombre d’auditeurs que de spectateurs . Ces 80 musiciens font cependant un affreux tapage couvrant la voix de mes acteurs et me donnant des accès de rage (‘ ) Ce bruit infernal ( ) me donne des envies de meurtre ( ) c’est un affreux supplice, heureux les sourds.

Der Romanist Hugo Friedrich hat gesagt: Modernes Dichten ist entromantisierte Romantik. In seiner Dichtung wollte Leconte weg von der Romantik, wollte hin zu einer objektiven Dichtung. Was immer das ist, jede Zeit erfindet für sich eine Dichtungstheorie. L’histoire de la Poésie répond à celle des phases sociales, des événements politiques et des idées religieuses ; elle en exprime le fonds mystérieux et la vie supérieure ; elle est, à vrai dire, l’histoire sacrée de la pensée humaine dans son épanouissement de lumière et d’harmonie, sagte er in seiner Antrittsrede an der Akademie, die Victor Hugo gewidmet ist.

Man könnte zu ihm viel sagen, ein Blogpost reicht für sein Werk kaum aus. Die Verbindung mit Rilke, die im Wikipedia Artikel geäußert wird (Für deutsche Leser von speziellem Interesse ist sein Gedicht 'Le Rêve du jaguar' (deutsch 'Der Traum des Jaguars'), das Rainer Maria Rilke zu seinem Panther inspiriert haben könnte), wird allerdings von den meisten Romanisten nicht geteilt. Es gibt noch mehr Tiere in den Gedichten von dem Dichter aus Réunion, zum Beispiel La panthère noire oder die Elefanten. Les Élephants aus der Sammlung Poèmes barbare ist der erste Satz von Benjamin Godards Symphonie orientale. Und auch das Gedicht Le Colibri, das ich zum Schluss präsentieren möchte ist vertont worden, mehrfach. Hier die Version von Ernest Chausson.

Le vert colibri, le roi des collines,
Voyant la rosée et le soleil clair
Luire dans son nid tissé d'herbes fines,
Comme un frais rayon s'échappe dans l'air.

Il se hâte et vole aux sources voisines
Où les bambous font le bruit de la mer,
Où l'açoka rouge, aux odeurs divines,
S'ouvre et porte au coeur un humide éclair.

Vers la fleur dorée il descend, se pose,
Et boit tant d'amour dans la coupe rose,
Qu'il meurt, ne sachant s'il l'a pu tarir.

Sur ta lèvre pure, ô ma bien-aimée,
Telle aussi mon âme eût voulu mourir
Du premier baiser qui l'a parfumée

Ich habe dazu auch eine deutsche Übersetzung:

Der grüne Kolibri, König der Berge,
Sieht den Tau und das Licht der Sonne
In sein Nest aus feinem geflochten Gras erscheinen
Und fliegt in die Luft wie der strahlende Dämmer.

Hastig fliegt er zu den nachbaren Quellen,
Wohin der Bambus den Laut des Meeres trägt,
Wo sich die roten Aschoka ihre duftenden Flügel öffnen,
Die sein Herz mit einem Blitzschlag durchdringen.

Die güldene Blume wählt er als Stange,
Wo er so viel Liebe im Rosenblatt nippt,
Daß er stirbt, unwissend, ob er den Nektar ausgetrunken habe.

Ebenso auf deinen Lippen, oh, meine Geliebte
Hatte meine Seele vom ersten Kuß sterben wollen,
Mit dem sie parfümiert wurde.

Es würde zu lang, wenn ich jetzt noch mein Lieblingsgedicht von Leconte de Lisle präsentieren würde. Es heißt Mon poète, il est vrai und Wikisource hat den Text. Der Dichter hat es mit zwanzig Jahren geschrieben, ein halbes Jahrhundert vor der Aufnahme in die Académie Française, aber das dichterische Talent ist schon zu erkennen. Man kann mit der Übersetzungsmaschine DeepL eine deutsche Version des Gedichts erstellen. Aber so gut diese Maschine ist, sie macht auch witzige Fehler. Die dritte Zeile der dritten Strophe, J’approche doucement du sopha blanc et rose, übersetzt die Maschine mit Ich nähere mich langsam der weißen und rosa Sopha.Von einem Sofa ist da nicht die Rede. Da ich schon einmal bei dem Möbelstück bin, möchte ich noch William Cowper erwähnen, der das längste Sofagedicht der Literatur geschrieben hat. Da kriegt DeepL das mit dem Sofa aber richtig hin.