Donnerstag, 29. Januar 2026

pickepackevoll: der 29. Januar

Am 29. Januar 1958 hatte der Film Fahrstuhl zum Schafott (✺Ascenseur pour l'échafaud) von Louis Malle Premiere, einer der besten französischen Kriminalfilme. Wegen Jeanne Moreau und ✺Miles Davis (wenn Sie den Namen anklicken, sind Sie im Soundtrack des Films). Über den Film würde ich gerne schreiben, habe ich aber schon getan. Am 29. Januar 2012 gab es hier schon den Post Fahrstuhl zum Schafott. Und Jeanne Moreau und Louis Malle haben hier auch einen Post. Miles Davis wird in dem Post Jazz erwähnt. Das war am 3. Januar 2010, dem ersten Tag, an dem ich ihm Netz war. Obgleich ich so gut wie gar keine Computerkenntnisse hatte, weil ich den Computer bisher nur als Schreibmaschine benutzte, war es mir gelungen, meinen Blog bei Google mit dem Namen SILVAE anzumelden. Ich schrieb einen ersten kleinen Post, der Literatur hieß und setzte eine Viertelstunde später ein kleines Gedicht ins Netz. So habe ich angefangen. Ob mich jemand las, wusste ich nicht, die Seite mit der Leserstatistik entdeckte ich erst am Ende des Jahres. Heute gucke ich da jeden Tag rein und weiß deshalb, dass ich im Januar schon 74.460 Leser habe. Das ist kein schlechter Anfang für das Jahr 2026 

Der Dichter Robert Frost hat heute Geburtstag, er war schon häufig in diesem Blog. Als John F. Kennedy Präsident wurde, hat er den 87-jährigen Dichter Robert Frost gebeten, bei der Inauguration ein Gedicht vorzutragen. Im Januar vor fünfundsechzig Jahren gab es das zum ersten Mal in der Geschichte Amerikas. Zum letzten Mal war es Amanda Gorman, die bei Bidens Inauguration The Hill We Climb las. Im Amerika von Donald Trump haben Dichter offenbar nichts mehr zu sagen. Robert Frost hatte für diese Gelegenheit das Gedicht Dedication geschrieben, wo er am Anfang sehr ironisch auf diese Einladung einging:

Summoning artists to participate
In the august occasions of the state
Seems something artists ought to celebrate.
Today is for my cause a day of days.
And his be poetry's old-fashioned praise
Who was the first to think of such a thing.
This verse that in acknowledgement I bring
Goes back to the beginning of the end
Of what had been for centuries the trend;
A turning point in modern history.


Aber das Gedicht blieb ungelesen. Robert Frost hatte Tränen in den Augen und konnte den zweizeilig getippten Text nicht entziffern. Es waren keine Tränen der Rührung, es war schweinekalt an diesem Januartag, und die Sonne, die noch vom Schnee reflektiert wurde, blendete ihn. Und da sagte er nach kurzem Zögern ein Gedicht auf, das er auswendig konnte. Es hieß The Gift Outright:

The land was ours before we were the land’s.
She was our land more than a hundred years
Before we were her people. She was ours
In Massachusetts, in Virginia,
But we were England’s, still colonials,
Possessing what we still were unpossessed by,
Possessed by what we now no more possessed.
Something we were withholding made us weak
Until we found out that it was ourselves
We were withholding from our land of living,
And forthwith found salvation in surrender.
Such as we were we gave ourselves outright
(The deed of gift was many deeds of war)
To the land vaguely realizing westward,
But still unstoried, artless, unenhanced,
Such as she was, such as she would become.

Heute ist auch der Geburtstag des Dichters Johann Gottfried Seume, der letztens in dem Post Menschenhandel erwähnt wurde. Der Bremer Schriftsteller Hermann Allmers (der hier in den Posts Hermann Allmers und Marschendichter vorkommt) hat über ihn gesagt: Wer sollte ihn nicht lieben und hoch verehren, ebenso seines Charakters und seiner traurigen Schicksale als seiner Lieder wegen – den armen Seume? Bremer Bürger hatten dem flüchtigen Soldaten Seume einst geholfen, über die Weser zu kommen, das ist nicht vergessen. Es gibt heute in Bremen ein kleines Seume Denkmal, diesen Denkstein hat Hermann Allmers bezahlt. Er hatte damals dazu gesagt: Jenes Stück im Leben des armen Seume ist der einzige Fall, wo Bremen in Beziehung zu einem deutschen Dichter der Vergangenheit tritt, und zwar ehrenvoll genug, denn es hilft ihm, seinen Schergen entfliehen. Dies Ereignis mahnt zugleich an des Vaterlandes traurigste und schmachvollste Zeit; aber es ist gut und heilsam, daß sich das deutsche Volk auch an solche Dinge und solche Tage erinnert. Falls Sie noch nie etwas von Seume gelesen haben, sollten Sie unbedingt einmal sein Gedicht Der Wilde lesen.

Kulturell ist auch noch zu vermelden, dass am 29. Januar 1728 im Londoner Lincoln’s Inn Fields Theatre das Singspiel The Beggar’s Opera von John Gay aufgeführt wurde. Das war schon häufiger in diesem Blog. Zum Beispiel in den Posts The Beggar's OperaGreensleeves und die Seeräuber Jenny. Das Stück wird nach beinahe dreihundert Jahren immer noch gespielt, ich habe hier eine australische ✺Aufführung aus dem Jahre 2016.

Und dann muss ich noch Glückwünsche nach Österreich schicken, die Schauspielerin Julia Stemberger hat Geburtstag. Als sie zwanzig war hatte sie mit dem Film Herzklopfen ihren Durchbruch. Ein für ein jugendliches Publikum konzipierter, inszenatorisch solider Film, der in seiner stimmungsvoll-romantischen Lebensbejahung durchaus sympathisch, in vielen Details aber arg wirklichkeitsfern ist. Der Jugendfilm hat ihrer Karriere aber offenbar nicht geschadet. Danach war sie überall zu sehen, auf dem Theater und sie allen möglichen Serien. In Vorstadtweiber war sie auch, starb da aber irgendwann den Filmtod. In der ARD Fernsehserie Die Stein spielte sie jahrelang die Hauptrolle, aber richtig große Filme blieben aus.

Julia Stemberger war schon mehrfach in diesem Blog, die Posts heißen Radetzkymarsch, Luna de miel und Sommermode. Da ist sie mit diesem Kleid abgebildet, das sie in Dieter Wedels Der König von St. Pauli (1998) trug. Ich habe von dem Film Radetzkymarsch, der Stembergers einziger Film mit internationaler Beteiligung war, im Netz eine Kopie gefunden (Teil 1 und Teil 2). Ist zwar eine schlechte und gekürzte Kopie, aber immerhin kann man sehen, was Axel Corti, der mit der Literaturverfilmung von Franz Werfels Eine blaßblaue Frauenschrift berühmt geworden war, aus Joseph Roths Roman machen wollte. Der voice over Erzähler (Udo Samel) rettet den ganzen Film. Corti ist ja während der Dreharbeiten des Fernsehfilms verstorben, es wäre schön, wenn man den Film noch einmal neu edieren könnte (aus den originalen 298 Minuten könnte man noch etwas herausnehmen) und einen richtigen Kinofilm daraus machte.

Sonntag, 25. Januar 2026

Grönland

Müssen die Bewohner des kleinen Kaffs Grönland in Schleswig-Holstein jetzt Angst vor Donald Trump haben? Wahrscheinlich weiß er nicht, wo dieses Grönland liegt. Er verwechselt ja ständig Orte und  Länder. Letztens redete er von Island, meinte aber wohl Grönland. Viele Amerikaner haben Schwierigkeiten mit dem Lesen von Landkarten. Vor Jahrzehnten haben die Amerikaner bei einem militärischen Planspiel Kiel statt Kiew bombardiert, ist ja so ähnlich.

Als ich klein war, wusste ich auch nicht so genau, wo Grönland war. Aber ich wusste, dass es etwas mit meinem Heimatort zu tun hatte. Denn von Vegesack aus machte man Jagd auf den Grönlandwal (Balaena mysticetus), der im 18. Jahrhundert noch in riesigen Mengen herumschwamm. Man nannte die Wale die Goldminen des Nordens, denn mit Walfang und Robbenschlag konnte man reich werden. 

Dass wir in Vegesack zum Ausgangspunkt der Bremer Grönlandfahrt wurden, verdanken wir dem Hafen, den holländische Fachleute vor vierhundert Jahren gebaut haben. Die Weser war versandet, große Schiffe konnten Bremen nicht mehr erreichen. Schon 1653 war für die Grönlandfahrt eine bremische Grönland-Compagnie gegründet worden. Über tausend bremische Schiffe fuhren in der Zeit von 1695 bis 1798 ins Polarmeer. 

Nicht alle kommen zurück, sie sinken im Sturm oder werden im Packeis zerdrückt. Die Holländer beherrschen das Geschäft, aber es sind nicht nur die Bremer, die beim Walfang und Robbenschlag mit ihnen konkurrieren. Da sind noch Hamburg und Schleswig-Holstein. Über die Walfänger aus Schleswig-Holstein hat die aus einer Walfängerfamilie stammende LehrerinWanda Oesau 1937 das Buch Schleswig-Holsteins Grönlandfahrt auf Walfischfang und Robbenschlag geschrieben, das noch immer als Standardwerk gilt.

1596 entdeckte der Holländer Willem Barents Spitzbergen, und wenig später gründen die Holländer die Groenlandsche Maatschappij. Nun sind Spitzbergen und Grönland zwei verschiedene Inseln, weshalb der Name Groenlandsche Maatschappij? Sie wussten es nicht besser, sie hielten das, was sie gerade entdeckt hatten, für den Osten von Grönland. Der größte Teil der Grönlandfahrt der norddeutschen Walfänger geht nicht nach Grönland, der geht nach Spitzbergen. Lesen Sie dazu mehr auf dieser Seite des Bamberger Geographieprofessors Erhard Treude.

Um 1830 will der Vegesacker Werftbesitzer Johann Lange, der seine Werft direkt neben dem Hafen hatte (hier ein Bild aus dem Jahre 1835) auch in das Walfanggeschäft einsteigen. 1843 wurde in Vegesack eine Aktiengesellschaft zum Zweck der Grönlandfischerei gegründet, aber es geht mit dem Walfang zu Ende. Als Herman Melville 1851 Moby-Dick schreibt, ist die große Zeit des Walfangs vorbei. Das letzte Schiff, das den Vegesacker Hafen 1865 für eine Grönlandfahrt verlässt, heißt Aurora. Sie können seine Geschichte auf der informativen Seite des Focke Museums lesen. 

Ein Schiff namens Grönland gibt es heute noch. Es wurde 1867 in Norwegen gebaut, dem Land, dem Grönland bis zum Kieler Frieden 1814 gehörte. 1868 nahm das Schiff an der Ersten Deutschen Nordpolar-Expedition teil. Heute gehört es dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Es ist immer noch seetüchtig. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum hat zu dem Schiff hier eine interessante Seite.

Das letzte Bremer Schiff, das von der Grönlandfahrt zurückkehrt, ist 1872 die Hudson der Bremer Reederei B. Grovermann & Co. Danach wurde der Walfang eingestellt. Im Fischfang werden die Vegesacker noch bleiben, nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Flotte ihrer Heringslogger (lesen Sie mehr in Heringe) die größte Europas. An dem Walfang der Nationalsozialisten vom 1933 bis 1939, als Walter Rau aus Hilter seinen Schlachthof auf hoher See aufmachte, hatten wir keinerlei Anteil. Die Zeugnisse der Grönlandfahrt kann man in Norddeutschland heute noch sehen, wie hier auf dem Friedhof von Wyk auf Föhr oder dem Vegesacker Utkiek, wo zwei Walkiefer stehen. Vieles findet sich in Museen, noch mehr in Büchern.

Eins der ersten Bücher ist Die arktische Fischerei, wie sie von der Weser aus betrieben wurde von dem Bremer Lehrer Bernhard Ahlers, das 1911 erschien und 1988 wieder aufgelegt wurde. Es ist aus Liebhaberei geschrieben, hat aber wissenschaftlich wenig Bestand. Es kommt nicht an die Schriften von Wanda Oesau (die das Detlefsen Museum in Glücksstadt auf seiner Seite würdigt) oder Joachim Münzing heran. Den Leiter der Naturkundlichen Abteilung des Altonaer Museums muss ich unbedingt noch nennen, weil er 1975 die Ausstellung Wale und Walfang in historischen Darstellungen gemacht hatte. Und drei Jahre später das Buch Die Jagd auf den Wal: Schleswig-Holsteins und Hamburgs Grönlandfahrt folgen ließ. Ich habe den Zoologen Dr Münzing 1976 kennengelernt, als ich mit Dr Joachim Kruse die Schleswiger Moby-Dick Ausstellung vorbereitete. Der Zoologe Münzing wusste viel über Wale und Walfang, unglaublich viel.

Über Grönland weiß Donald Trump, der das Land haben möchte, weil da nur russische und chinesische Schiffe drumherumfahren, nicht sehr viel. Eigentlich gar nix. Das hat er gerade wieder bewiesen, als er dieses AI generierte Bild postete. Donald, mal ganz langsam zum Mitschreiben: es gibt in Grönland keine Pinguine. Das Bild enthält aber auch eine Hoffnung in sich: der kleine Kerl mit der amerikanischen Flagge hat den Donald ganz fest an die Hand genommen. Und jetzt geht er mit ihm immer weiter. Bis in die Antarktis. Und verabschiedet sich dort höflich von ihm. Von da unten kommt Trump nie zurück.

Lesen Sie auch noch: scrimshawtüddelig im Kopf

Freitag, 23. Januar 2026

encore une fois: Stendhal


Marie-Henri Beyle, den wir besser unter seinem Pseudonym Stendhal  kennen, wurde heute vor 243 Jahren geboren. Ich nehme seinen Geburtstag einmal dazu, ein wenig Ordnung in meinem Blog zu bringen, denn von Stendhal war hier oft die Rede. Und bevor ich all diese Posts aufliste, möchte ich noch dieses Buch empfehlen. Es heißt A Lion for Love: A Critical Biography of Stendhal, ist 1979 bei Basic Books in New York erschienen, sieben Jahre später gab es die Biographie bei der Harvard University Press als Paperback. In Deutschland gab es das Buch 1982 bei Hanser, die zwanzig Jahre später Rot und Schwarz und Die Kartause von Parma von Elisabeth Edl neu übersetzen ließen. 1985 erschien die Biographie als Taschenbuch bei Ullstein. Ab 1992 hatte Rowohlt den Titel im Programm, offensichtlich schien in Deutschland ein Bedarf für eine Stendhal Biographie zu sein. Robert Alter war Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft in Berkeley. Er hat in Harvard promoviert, das sollte schon für eine gewisse Qualität bürgen. Tut es auch. Diese Biographie gehört zu dem Besten und Lesbarsten, was über Stendhal geschrieben wurde. 

Als Mitarbeiterin wird im Titel Carol Cosman genannt, das ist die Ehefrau von Robert Alter. Die kennt sich in der französischen Literatur auch aus, sie hat immerhin Sartres Monsterwerk über Flaubert Der Idiot der Familie ins Englische übersetzt. A Lion for Love ist ein erstaunliches Buch über den Mann, der für seine Suche nach dem Glück den Namen beylisme erfunden hatte. Es ist keine trockene Biographie zweier Akademiker, es ist auch schon ein Stück kongenialer Literatur. Es besitzt eine gewisse Magie - als ich es gelesen hatte, habe ich es gleich ein zweites Mal gelesen. Wenn man Stendhal mag (und wer könnte diesen Autor nicht mögen?), dann sollte man dieses Buch unbedingt lesen! Die Biographie von Johannes Willms, die 2010 bei Hanser erschien, würde ich auf keinen Fall empfehlen, das habe ich schon in Stendhal Biographien gesagt. Was Stefan Zweig 1928 über Stendhal geschrieben hat, das lohnt allerdings immer noch die Lektüre:

Denn Stendhals Menschen, das sind wir von heute, geübter im Selbstbetrachten, geschulter in Psychologie, bewußtseinsfreudiger, moralunbefangener, durchnervter, selbstneugieriger, müde aller kalten Erkenntnistheorien und nur gierig nach Erkenntnis des eigenen Wesens. Für uns ist der differenzierte Mensch kein Monstrum mehr, kein Sonderfall, als den sich der einsam unter Romantiker geratene Stendhal noch empfand, denn die neuen Wissenschaften der Psychologie und Psychoanalyse haben uns seitdem allerhand feine Instrumente in die Hand gespielt, Geheimes zu erlichten und Verflochtenes zu zerlegen. Doch wieviel hat dieser »merkwürdig vorausahnende Mensch« (abermals nennt ihn so Nietzsche!) von seiner Postkutschenzeit her und aus seiner Napoleonsuniform schon mit uns gewußt, wie spricht sein Nichtdogmatismus, sein frühes Wahleuropäertum, sein Abscheu vor der mechanischen Vernüchterung der Welt, sein Haß gegen alles pompös Massenheroische das Wort uns vom Munde! Wie scheint sein heller Hochmut über die sentimentalen Gefühlsblähungen seiner Zeit berechtigt, wie gut hat er seine Weltstunde in der unsern erkannt! 

Unzählig die Spuren und Wege, die er mit seinem abseitigen Experimentieren der Literatur eröffnete: Dostojewskis »Raskolnikow« wäre undenkbar ohne seinen Julien, Tolstois Schlacht bei Borodino ohne das klassische Vorbild jener ersten wirklichkeitsechten Darstellung von Waterloo, und an wenig Menschen hat sich Nietzsches ungestüme Denkfreude so völlig erfrischt wie an seinen Worten und Werken. So sind sie endlich zu ihm gekommen die »âmes fraternelles«, die »êtres supérieurs«, die er zeitlebens vergeblich suchte, ein spätes Vaterland, jenes, das seine freie Kosmopolitenseele einzig anerkannte, nämlich »die Menschen, die ihm ähnlich sind«, hat ihm für immer das Bürgerrecht und die Bürgerkrone verliehen. Denn keiner seiner Generation, es sei denn Balzac, der einzige, der ihn brüderlich gegrüßt, steht uns heute so zeitgenössisch nah im Geist und Gefühl: durch das psychologische Medium des Drucks, durch kaltes Papier fühlen wir atemnah und vertraut seine Gestalt, unergründlich, obzwar er wie wenige sich ergründet, schwankend in Widersprüchen, phosphoreszierend in Rätselfarben, Geheimstes gestaltend und Geheimstes verhaltend, in sich vollendet und doch nicht beendet, aber immer lebendig, lebendig, lebendig. Denn gerade die Abseitigen ihrer Stunde ruft die nächste am liebsten in ihre Mitte. Gerade die zartesten Schwingungen der Seele haben die weiteste Wellenlänge in der Zeit.

Zu seinen Lebzeiten hatte Stendhal kaum Leser, sodaß er irgendwann schrieb: Ich schreibe nur für hundert Leser, und von jenen unglücklichen, liebenswürdigen, charmanten, aufrichtigen und unmoralischen Wesen, denen ich gern gefallen würde, kenne ich kaum ein oder zwei. Sie können die ganze Wehklage über fehlende Leser im Orginal in dem Post nullkommanix lesen. Wenn er dem Roman La Chartreuse de Parme in Versalien die Worte to the happy few voranstellt (was Thackeray in seinem Roman Vanity Fair auch machen wird), dann weiß er, es werden nur wenige sein. Weil nur wenige wissen: Un roman est comme un archet, la caisse du violon qui rend les sons c'est l'âme.

Volterranos 'Sybillen' haben mir vielleicht die heftigste Freude eingeflößt, die mir die Malerei je bereitet hat. Ich befand mich schon bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die Nähe der großen Männer, deren Gräber ich gesehen hatte, in einer Art Ekstase. Ich war in die Betrachtung edelster Schönheit versunken, die ich ganz dicht vor mir sah und gleichsam berühren konnte. Meine Erregung war an dem Punkt angelangt, wo sich die himmlischen Gefühle, die uns die Kunst einflößt, mit den menschlichen Leidenschaften vereinen. Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen. Was Stendhal hier beschreibt, wird eines Tages in die Medizingeschichte wandern. Die Überwältigung durch den genius loci bis zum Schwinden der Sinne hat heute den schönen Namen Stendhal Syndrom.

Ich kenne das, ich habe es oft erlebt, ich hatte keinen Namen dafür. Manche Augenblicke im Leben, der spiritus loci mancher Orte, manche Stimmungen scheinen mich zu überwältigen. Ich scheine gleichzeitig alles zu sehen, hören, riechen. Mit einer erhöhten Intensität speichert mein Gedächtnis diese Momente auf einer Festplatte namens Memoria ab, offenbar litt ich, ohne es zu wissen, unter dem Stendhal Syndrom

Der ehemalige kaiserliche Kriegskommissar, der mit Napoleon in Russland war, ist erst spät zum Schreiben gekommen. Zuvor widmete er sich den Frauen, wie er sagt: Die meisten dieser holden Wesen haben mich durchaus nicht mit ihrer Huld beehrt, aber sie haben mein ganzes Leben buchstäblich ausgefüllt. Dann erst folgen meine Werke. Die Frauen kommen auch in dem Entwurf für einen Nachruf vor, den er 1838 in Montpellier geschrieben hat. Der Text ist unter dem Titel →Lebensabend in seine nicht vollendete Autobiographie →Das Leben des Henri Brulard gewandert, einem letzten literarischen Meisterwerk. 

Dass wir heute beinahe alles aus seinem Spätwerk, alles aus seinen Notizen und Manuskripten, lesen könen, verdanken wir einem Mann namens Casimir Stryjeński, der ab 1889 in Stendhals Geburtsort Grenoble die Stadtbibliothek durchwühlt hatte. Damals war Stendhal schon beinahe vergessen. Casimir Stryjeński wurde zum découvreur de Stendhal. Steht nicht im Wikipedia Artikel, sollte aber.


Und dann habe ich noch bewegte Bilder, den Film Le rouge et le noir von 1954 mit Gérard Philipe und De l'amour  von 1964 mit Anna Karina, Elsa Martinelli und Michel Piccoli. 
 

Sonntag, 18. Januar 2026

Hartmut K. Selke ✝

Mein Freund Hombre rief mich vor Weihnachten an, um mir zu sagen, dass er jetzt in einem Kurzzeitheim sei. Was machst Du da? fragte ich ihn. Ich warte auf den Tod, sagte er. Diese Krankheit, die die Buchstaben ALS hat, lähmt alles im Menschen. Weihnachten war er wieder zu Hause, Silvester rief er mich an, er wollte noch ein letztes Mal mit mir sprechen. Wenige Tage später ist er gestorben. Nul ne meurt avant son heure, sagt Montaigne. Vielleicht war es gut, dass das Leiden, das er klaglos ertrug, ein Ende hatte. Seinen Humor hatte er bis zuletzt behalten. Er musste mir Silvester unbedingt sagen, dass ich unbedingt so weitermachen sollte. Vielen Menschen würde mein Blog viel bedeuten. Er schickte mir immer das zu, was seine amerikanischen Freunde über meinen Blog sagten. Er war Gastprofessor in New York gewesen, und später hatte der Klett Verlag ihn als Cheflektor für Englisch und Französisch immer wieder in die USA geschickt, damit er den Markt sondierte, neue Autoren gewann. In den Trump Jahren schickten ihm seine amerikanischen Freunde die besten politischen Cartoons, die er an mich weitergab.

Er hieß nicht wirklich Hombre, aber als wir mit unserer Clique, alles Doktoranden und wissenschaftliche Hilfskräfte, das Studio Filmtheater am Dreiecksplatz nach dem Western Man nannte ihn Hombre verließen, sagte Paul plötzlich zu ihm: Du heißt jetzt Hombre. Der Name blieb, wir waren noch jung. So wie hier beim Cricket bei Georg in Winsen. Hombre steht ganz rechts. Wie der Schotte links im Bild hieß, weiß ich nicht mehr, aber den Mann neben Hombre, den kenne ich. Den kannte wenige Jahre später ganz Deutschland, da war er mit seiner IT Firma Deutschlands jüngster Millionär.

Hombre hatte von uns allen die beste Doktorarbeit geschrieben, er musste die Fakultät ersuchen, sie auf Englisch schreiben zu dürfen. In lateinischer Sprache hätte man damals eine Dissertation einreichen können, aber nicht auf Englisch. Er bekam nur die Note rite, weil unser Professor zu feige war, seinen eigenen Kandidaten gegen den Zweitprüfer zu verteidigen, der Hombre für einen Linken hielt. Diesen rechtsradikalen Rotweinsäufer, der routinemäßig seinen Führerschein verlor, habe ich schon in dem Post Leo Spitzer erwähnt. Er hieß Karl August Ott. Hat in den 68er Jahren in einer Vorlesung proklamiert: Demokratisierung ist doch albern! Er war einer der bestgehassten Professoren der Universität, der vor jeder Vorlesung die Studenten von seinen Assistenten photographieren ließ. Die Photoapparate hatte die Uni bezahlt. Wozu sind Steuergelder da? Irgendwann war es den Studenten zu viel, sie verzierten einen Hörsaal mit Ott Graffiti (wie man hier auf dem Photo sehen kann) und schäumten das ganze Romanische Seminar mit allen Feuerlöschern aus, die sie im Haus hatten finden können.

Mein Freund Hombre hatte keinen Anteil daran, er war kein Revoluzzer, er war nur das Opfer von Ott. Ein Opfer des durchgeknallten Ärchäologieprofessors Schauenburg wurde er nicht. Der hatte ihm bei einer kleinen akademischen Party angedroht, dass er ihn aus dem öffentlichen Dienst entfernen lassen würde. Nur weil Hombre bei der Party ein paar linke Sprüche losgelassen hat. Ich habe den Mann, als er gehen wollte, beiseite genommen und habe ihm gesagt, dass sein Vorgänger Wilhelm Kraiker (bei dem ich studiert hatte) solchen Unsinn niemals gesagt hätte. Und dann habe ich in dem ganz kalten Ton, zu dem ehemalige Stabsoffiziere immer noch fähig sind, gesagt, dieser Nachmittag könne für ihn auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde nach sich ziehen. Von einer Entfernung aus dem öffentlichen Dienst war nie wieder die Rede.

Hombre war der sanfteste Mensch, den ich kenne. Und er war der ehrlichste Mensch, den ich kenne. So ist er seinen Weg durchs Leben gegangen, sanft und ehrlich. Er hat für den Klett Verlag viel getan. In der Deutschen Nationalbibliothek hat die Liste der Bücher, die er geschrieben, herausgegeben und mit Annotationen versehen hat, dreiundzwanzig Titel. Aber ich glaube, die haben nicht alles erfasst, er hat ja manches auch unter einem Pseudonym geschrieben. Er hat diese Schulausgabe von Slaughterhouse Five herausgegeben. Aus dem Roman, der hier schon erwähnt wurde, habe ich ein Zitat nie vergessen: The two little girls and I crossed the Delaware River where George Washington had crossed it, the next morning. We went to the New York World's Fair, saw what the past had been like, according to the Ford Motor Car Company and Walt Disney, saw what the future would be like, according to General Motors. And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep. 

Seine Dissertation über Ralph Ellison, die statt des rite den Fakultätspreis verdient gehabt hätte, ist von der amerikanischen Ellison Forschung immer wieder zitiert und gelobt worden. Es war gut, dass er sie auf Englisch geschrieben hatte. Ralph Ellison kannte in Deutschland damals kaum jemand. Hombre hatte seine Dissertation mit einer Widmung an Ralph Ellison geschickt, aus dessen Bibliothek ist das Buch nach Ellisons Tod in die Library of Congress gekommen. Da hat er nun eine Karteikarte. Happiness is having your own library card, hieß es einmal bei den Peanuts. 

Ich habe ihn schon ein dutzend Mal in meinem Blog erwähnt, das hatte immer etwas mit Dank zu tun, den ich ihm schuldete. Ich habe das ganze Leben Geschenke von ihm bekommen. Er schickte mir auch alles, was er schrieb. Von dem Whisky, den er mir zum achtzigsten Geburtstag schenkte, ist noch etwas übrig. Eins seiner Geschenke sehe ich jeden Tag, es ist eine kolorierte Zeichnung von Ernest Shepard aus Winnie-the-Pooh, die hängt bei mir in Augenhöhe in einem kleinen Goldrahmen neben einem Bücherregal. So ist mein Freund Hombre täglich bei mir.


Donnerstag, 15. Januar 2026

Menschenhandel


Heute vor zweihundertfünfzig Jahren hat der hessische Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel (der sich schon in dem Post Johann Heinrich Tischbein d.Ä. findet) die Subsidienverträge mit England unterschrieben. Das Wort bedeutet nichts anderes als Menschenhandel. Der Landgraf vermietet seine Untertanen als Soldaten an die Engländer, die sie in Amerika im Unabhängigkeitskrieg einsetzen. Unser Dichter Johann Gottfried Seume ist auch dabei, er kommt hier in dem Post Courbière vor. Auf diesem Bild von Conrad Gessner reiten hessische Husaren auf einer Nachtpatrouille durch den dunklen amerikanischen Wald. Können sie dem Mann trauen, der ihnen mit einer Laterne den Weg zeigt? 

Wir wissen es nicht, viele von ihnen werden nicht in die Heimat zurückkehren. Die hessischen Soldaten sind für das Klima in dem neuen Kontinent nicht gerüstet. Bei der Battle of Monmouth ist es 35 Grad heiß, viele hessischen Soldaten mit Helmen und Brustpanzern erleiden einen Hitzschlag. Viele desertieren auch. Von dem admirablen bonne humeur, mit dem sie einst aufbrachen, ist nicht viel übrig geblieben:

Juchheisa nach Amerika,
Dir Deutschland gute Nacht!
Ihr Hessen, präsentiert’s Gewehr,
Der Landgraf kommt zur Wacht.

Ade, Herr Landgraf Friederich,
Du zahlst uns Schnaps und Bier!
Schießt Arme man und Bein‘ uns ab
So zahlt sie England Dir.

Ihr lausigen Rebellen ihr,
Gebt vor uns Hessen Acht!
Juchheisa nach Amerika,
Dir Deutschland gute Nacht!

Das ist, so versichert uns eine zeitgenössische Quelle, ein schön und wahrhaftig Soldatenlied, das zu Kassel auf der Parade von den abziehenden Militärs mit admirabler bonne humeur vor ihrer Durchlaucht gesungen ward.

Die Hessen, die jetzt überall im Amerika sind, sind auch schon überall in diesem Blog. Wenn George Washington den Delaware überquert, was Emanuel Gottlieb Leutze in seinem berühmten Gemälde festgehalten hat, dann wird er auf der anderen Seite des Flusses keine Engländer finden. In Trenton sitzen die Hessen, die sich Weihnachten 1776 ergeben müssen. Washington ist auf diesem Gemälde von John Trumbull in der Bildmitte, der General rechts auf dem weißen Pferd ist Nathanael Greene. Der Offizier mit den roten Hosen, der sich kaum noch auf den Beinen hält, ist der tödlich verwundete hessische Oberst Johann Rall. Sein Leben ist in einen Roman von Sandra Paretti und einen ✺Fernsehfilm gewandert.

Alles hier an den Wänden der Rotunde des Capitols sind Gemälde von John Trumbull, sie zeigen die amerikanische Geschichte. Sie zeigen aber auch deutsche Soldaten, wie das Régiment de Royal Deux-Ponts, das Herzog Christian IV. von Zweibrücken an Frankreich vermietet hatte. Da kämpfen dann Hessen gegen Hessen. Nach den Schlachten von Saratoga und Bennington wandern die meisten Hessen in amerikanische Gefangenschaft. Der General Friedrich Adolf Riedesel, über dessen amerikanischen Abenteuer seine Frau den Bericht die Berufsreise schreibt, wird nach drei Jahren ausgetauscht. Der General Knyphausen kämpft noch den ganzen Krieg über, er verlässt Amerika 1782 nur, weil er dabei ist zu erblinden.

Die unglaubliche Summe von 600.000 Pfund Sterling kassiert Friedrich II. von Hessen-Kassel von den Briten für 12.000 Soldaten. Sie werden ihren Familien entrissen, in die Armee gepresst, wie auf diesem Bild. Da hilft es auch nicht, wenn die Ehefrau auf das Kind in der Wiege weist. Friedrich der Große hat über den hessischen Landgrafen gesagt: Wäre der hessische Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er seine Untertanen nicht wie Vieh, das an die Schlachtbank geführt wird, an die Engländer verkauft haben. Das ist ein unwürdiger Zug in dem Charakter eines Fürsten. Solches Vertragen ist durch nichts als schmutzige Selbstsucht hervorgerufen. Friedrich Kapps Buch Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika aus dem Jahre 1874 ist hier lesbar.

Viele der Soldaten aus Hessen werden in Amerika sterben, an Krankheiten und Kriegsverletzungen. Viele wandern in die Kriegsgefangenschaft, wie diese Hessen links im Bild von der Schlacht von Bennigton. Beinahe fünftausend werden in Amerika bleiben. Der Präsident Thomas Jefferson unterschreibt am 2. Februar 1781 die Proclamation Inviting Mercenary Troops in the British Service to Desert. Ein klein wenig wird das neue Amerika auch von Hessen aufgebaut werden.

In diesem Jahr feiert Amerika ein Semiquincentennial. Ich glaube, das wird ein Egotrip von Donald Trump werden. Vor fünfzig Jahren haben alle deutschen Bundesländer kulturelle Ausstellungen zur Zweihundertjahrfeier organisiert. Ich hatte in Schleswig einen kleinen Teil daran, nicht nur, weil ich für den Ministerpräsidenten Stoltenberg die Eröffnungsrede für die Ausstellung schrieb. Ich glaube, in diesem Jahr wird es so etwas nicht noch einmal geben.

Dienstag, 13. Januar 2026

das sechzehnte Jahr

Das fünfzehnte Bloggerjahr endete damit, dass ich die Zahl von 50.000 Lesern im Monat Dezember knapp verfehlte. Ein französischer Professor, den ich nicht kenne, wünschte mir alles Gute für das neue Bloggerjahr: Félicitations pour vos 16 an(s) d’ancienneté chez Blogger!, das war sehr nett. Ich antwortete ihm mit einem Merci. Eine Firma namens Cloud-Support-Team teilte mir mit, dass sie alle meine Photos aus der Cloud löschen würde, weil ich meine Rechnungen nicht bezahlt hätte. Ich kenne die Firma nicht, die diese Phishing Mails verschickt, und ich habe keine Photos in der Cloud. Ich hätte am 4. Januar etwas zum zehnten Todestag von Maja Maranow schreiben können, die ich gerade auf der DVD von ✺Der König von St Pauli wiedersah, aber das war mir zu traurig.

Ich kämpfte die ersten Tage des Jahres mit dem Computer, da ich, als mir mein Mac ein Upload anbot, auf die falsche Taste gedrückt hatte. Ich habe jetzt Tahoe statt Sequoia auf dem Computer, neu, schrill und grellbunt. Manches ist besser, manches geht überhaupt nicht mehr. Ich konnte keine Bilder mehr in meinen Blog laden. Und was ist mein Blog ohne Bilder? Dies hier von mir am Computer wollten Sie doch unbedingt sehen. Weil da neben mir auf dem Schreibtisch einige Seiko Luxusuhren liegen. Der Techniker von der Firma, von der ich den Computer habe, musste mit dem TeamViewer eine Viertelstunde im System herumstochern, bis er herausfand, wie das System zu überlisten war.

Wird das sechzehnte Bloggerjahr gut? Ich weiß es nicht, ich werde mich bemühen. Wahrscheinlich wird es nicht ganz so gut, wie das sechzehnte Jahr in meinem Berufsleben, long, long ago. Da hätte ich mit Frank Sinatra singen können it was a very good year. Ich hatte ich gerade ein neues Buch auf dem Markt, und ein Buch aus den siebziger Jahren, von dessen Honorar ich mir damals einen neuen Golf hatte kaufen können, erschien in der dritten Auflage. Dann kamen noch ein halbes Dutzend Buchbesprechungen und vier Aufsätze. Zu sehr unterschiedlichen Themen: Fitzgeralds Great Gatsby, William Cullen Bryants Sonett auf Thomas Cole, die Romane von John le Carré und die Anders Zorn Ausstellung in der Kieler Kunsthalle. Da hatten mich drei Skandinavistik Studentinnen überredet, für die Zeitschrift norröna zu schreiben. Alles mit der Maschine (Olympia International) getippt. Von Suhrkamp hatte ich mein Manuskript zurückgeschickt bekommen, weil es in der Form nicht der Suhrkamp Hausnorm entspracht. Ich hatte nach dem MLA Style Sheet geschrieben, das machen alle Anglisten der Welt. Ich sagte den Leute bei Suhrkamp, diese marginalen Änderungen könnte doch ein Lektor machen. Konnte nicht, sie hatten keine Lektoren mehr. Ich tippte es noch mal. Computer und Internet waren für mich noch weit weg.

Jetzt gehören Sie zu meinem Leben. Und Googles KI schreibt über mich: Der Blog gilt als einer der niveauvollsten deutschsprachigen Kultur-Blogs. Kann ich da schon mit Montaigne J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy sagen? Oder soll ich das Zitat umwandeln in Jay faict ce que Jay voulu ? Aber an dem tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy ist schon etwas dran. Ich warte noch ein wenig ab, man weiß nie, was kommt. Ich halte mich an Candides Satz Il faut cultiver son jardin.


Freitag, 9. Januar 2026

Eckart Cordes ✝


Der Kieler Buchhändler Eckart Cordes ist gerade im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben. Er ist häufig in diesem Blog erwähnt worden. Ich zitiere mal eben einen Absatz aus dem Post Buchhändler: Früher waren Buchhändler etwas Besonderes, sie prägten das geistige Klima einer Stadt. Das gilt für den Kieler Buchhändler Eckhart Cordes (der auch den Kieler Kulturpreis erhielt) wie auch für Conrad Claus Otto in meinem Heimatort. Und natürlich für den Buchhändler, Schriftsteller und Politiker Harald Eschenburg, der, bevor er das Antiquariat in der Andreas Gayck Straße eröffnete, einmal einen Taschenbuchladen namens Tabula besaß. Da war damals sogar Ernst Rowohlt zur Eröffnung gekommen, es war der erste Taschenbuchladen Deutschlands. Meinem amerikanischen Buchhändler Nolan E. Smith habe ich schon in dem Post Harry Crews eine kleine Reverenz erwiesen. Wenn ich von Buchhändlern rede, dann meine ich solche, die einen eigenen Laden besaßen, nicht jene, die bei Hugendubel oder anderen Monsterbuchhandlungen angestellt sind. Und die ohne ihren Computer hilflos sind. Harald Eschenburg hatte keinen Computer, der hatte alle Bücher im Kopf. 

Cordes kam aus einer Buchhändlerfamilie, die erste Buchhandlung dieses Namens war am 1. Januar 1846 von Robert Cordes gegründet worden war. 1891 nahm Cordes einen Kompagnon namens Alfred Weiss in die Firma. Das war nicht nur eine Buchhandlung und ein Antiquariat, es gab auch bis in die 1920er Jahre in Kiel einen kleinen Verlag namens Robert Cordes, der Bücher über die deutsche Flotte (wie dieses hier) und die Kieler Geschichte herausbrachte. Eckart Cordes hatte das Familiengeschäft 1967 von seiner Mutter übernommen.

Sein großes Verdienst war, dass er, einem Rat von Ernst Rowohlt folgend, in den nächsten vierzig Jahren beinahe jeden bedeutenden Schriftsteller nach Kiel geholt hat. Auch Prominente wie Curd Jürgens und Hildegard Knef waren da, die ihre Memoiren präsentierten. Hier signiert die Knef ihr Buch Der geschenkte Gaul. Und Peter Ustinov wollen wir nicht vergessen. Die Zeitschrift Schleswig-Holstein schrieb 2008: Die Liste seiner Autoren liest sich wie ein Lexikon deutschsprachiger Nachkriegs-Literatur von A wie Adorno und Améry bis J wie Johnson und K wie Kempowski und Z wie Zhang Jie. Cordes konnte eines Tages sagen: Wir sind stolz, dass wir vier Nobelpreisträger bei uns hatten. Halldór Laxness, Günter Grass, Elias Canetti und Doris Lessing. Er hatte auch eine kleine literarische Sensation zu verkünden: Laxness hat die einzige Lesung seines Lebens bei uns in Kiel gehalten.

Walter Kempowski hatte Eckart Cordes in dankbarer Erinnerung: Meine Buchhändler: Leider habe ich versäumt, von Anfang an in jedes Buch hineinzuschreiben, wann und wo es erworben ist. Da kommt man durcheinander. Aber bei einzelnen Werken vergisst man die näheren Umstände nie. Hoch zu rühmen sind auch die Protegierer, allen voran Cordes in Kiel, unter 200 Zuhörern geht dort eine Lesung nicht ab. Und das Signieren im Anschluss daran dauert mehr als eine Stunde (nur Hardcover!). Was sind das für freundliche Leute, die Cordes, kommen extra von Kiel nach Nartum gefahren, um mir einen Kaktus zu schenken. Man sollte vielleicht dazu sagen, dass an dem Kempowski Abend dreihundertfünfzig Leute da waren.

Für seine Verdienste erhielt Cordes 1994 das Bundesverdienstkreuz. Und 1996 bekam er für sein persönliches Engagement, mit dem er als Wegbereiter und Verfechter moderner Literatur große Literatur in Kiel heimisch machte und viele bekannte Schriftsteller/innen nach Kiel zu Lesungen holte die Andreas-Gayk-Medaille. Nachdem er seine Buchhandlung im Jahre 2000 an Sophie Pfeiffer verkauft hatte, erhielt er 2006 für seine hochkarätigen Autorenlesungen, die er seit 45 Jahren organisiert, noch den Kulturpreis der Stadt Kiel. In der Begründung der Jury hieß es über Cordes: Er habe ein Beispiel gegeben, wie man mit Verrücktheit an einer Eigeninitiative festhalten könne und damit unverzichtbar für die Kultur einer Stadt wäre. Zu seinem siebzigsten Geburtstag bekam er von seinen Freunden, und viele seiner Gäste waren zu Freunden geworden, eine kleine Festschrift, die den Namen Es war nicht jedesmal ein Fest hatte. Cordes ist auch in die Werke seiner Gäste gewandert, Peter Bichsel redet in seiner Erzählung Meine Reisen zu Cordes von: Es geht um den Buchhändler Eckart Cordes in Kiel. Ein Verrückter, der sich mit den von ihm veranstalteten zahlreichen Lesungen ruinierte.

Die erste Lesung fand November 1961 statt, da las Uwe Johnsonden damals niemand haben wollte, weil er als kontaktarm galt, wie Cordes sagte. Johnson las im Landeshaus aus seinem zweiten Roman Das dritte Buch über Achim. Hundertdreißig Leute waren gekommen, aber zur Enttäuschung von Cordes kaufte keiner von ihnen hinterher den Roman. Ich habe Johnson damals in Bremen in der Glocke gehört. Wenn ich ehrlich bin, war ich da nur wegen der Ingrid, die ich erst überreden musste mitzukommen. Ich hatte für sie bei Conrad Claus Otto extra eine zweite Karte gekauft. So wie ich in Berlin für die Liaisons dangereuses für sie eine Kinokarte gekauft hatte. Ich weiß noch genau, dass Johnson eine schwarze Lederjacke trug, die wie ein Jackett geschnitten war. Ein weißes Nyltesthemd, Kassenbrille, ein schmaler Schlips. Und dieser grauenhafte Haarschnitt. Eigentlich las er gut, sehr norddeutsch, ein bisschen mit dem Meck-Pomm Akzent. Aber er war kein Showman, er wurde mit seinem Publikum nicht warm. Den findste gut? sagte meine Freundin hinterher spöttisch zu mir. Was soll man sagen? Wenn sie spöttisch war, schob sie dies Unterlippe ein wenig vor. Der Lippenstift bröckelte ein wenig ab. Ich merkte mir dieses Detail. Für wenn ich meinen Roman schreibe, dann kommt das da rein.

Im Johnson Jahrbuch konnte man im Jahre 2000 lesen: Die Buchhandlung Cordes ist in Kiel eine Institution; das wissen die Kieler, und lassen sie links liegen  Ja, schon kommen sie zu den Lesungen in Schloß und Kunsthalle, aber der kulturelle Schwung, der sie von der Holstenstraße auf die Holstenbrücke und dann noch um die Ecke in die Willestraße tragen würde, kommt nicht vom Paradies her. Selten, daß er mal einen Engel hereinweht. Das enttäuscht den Patron, der seine Enten den täglichen Tag wie seit Jahren im nahen Park füttert, der alle Zeit der Welt hat, wenn man mit ihm allein im Laden über die Schwierigkeiten der Branche philosophiert, und der den Stammkunden wie eine Waise stehen läßt, wenn noch ein Besucher dazustößt. Es kommen fast nur Stammkunden.

Als Cordes seinen Laden schloss, übergab er alles, was es von den Autorenlesungen auf Papier gab, Autogramme, Widmungen, Fotos und Plakate, der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek. Der Direktor Dieter Lohmeier war ihm dafür dankbar. Die neue Besitzerin der Buchhandlung hatte sich bemüht, das weiterzuführen, womit Cordes bundesweit berühmt geworden war. Eckart Cordes selbst organisierte noch einige Jahre zusammen mit der Buchhandlung Dawartz seine berühmten Autorenabende. Ende 2019 musste Sophie Pfeiffer den Laden aufgeben. Der Internethandel und die jahrelange Baustelle vor dem Laden in der Willestraße ruinierten das Geschäft. Ich war selten in dem Laden, ich kaufte bei Dawartz (die Studis ein Studentenkonto gewährten), bei Ingeborg Marwedel (deren Laden in der Andreas Gayk Straße Bouquiniste hieß) und bei Wolfgang Erichsen (auch Träger der Andreas-Gayk-Medaille), dessen Chefverkäuferin Ilse Hackländer ich schon in Frisia non cantat erwähnt habe.

Eckart Cordes (hier 1976 im weißen Anzug bei der Vorstellung von Jost Noltes Roman Eva Krohn oder Erkundigungen nach einem Model), der gerne Querbinder und farbenfrohe Westen trug, bleibt mir in Erinnerung. Nicht durch seine sartorialen Outfits, sondern durch ein langes Gespräch, das ich bei einem Herrenabend bei Hans Fander mit ihm führte. Ich sagte ihm an dem Abend nicht, dass wir uns schon einmal getroffen hatten. Wegen des wunderbaren kleinen Ehekrachs, den er mit seiner blonden Frau Ingke auf einer Party hatte, die sich der Studiendirektor Henri K. zum fünfzigsten Geburtstag gegönnt hatte. Der fetzige Streit ging eine Viertelstunde lang durch drei verschiedene Zimmer des großen Hauses. Es war, als würde Wer hat Angst vor Virginia Woolf? hier aufgeführt werden.

Eckart Cordes trank gerne Rotwein, und den bekam er natürlich bei dem Weinkenner Hans Fander, der aus seiner Zeit in der Fremdenlegion noch immer einen französischen Pass hatte, auch angeboten. Rotwein in Kiel scheint problematisch zu sein, auf jeden Fall können wir das dem Gedicht Erkenntnis im 'König-Haus', Kiel: Ein Gelegenheitsgedicht entnehmen, das Robert Gernhardt nach seinem abendlichen Vortrag bei Cordes schrieb:

Du sollst in Kiel keinen Rotwein trinken.
Du sollst in Kiel keiner Kellnerin winken
und von ihr die Rotweinkarte verlangen.
Damit kann sie nämlich sehr wenig anfangen.
Denn die Getränkekarte kennt nur einen Wein
und was ist das für einer? Was wird der wohl sein?
Es ist, ich sage das mal so roh:
Ein Bordeaux.

Du sollst in Kiel ein Bier bestellen.
Da tut sich die Miene der Kellnerin aufhellen:
Ein Bier, das kennt sie, ein Bier will hier jeder.

Ob Fahrensmann, ob Mann der Feder –
hier trinkt kein Mensch Rotwein, also vergiß es,
bestelle ein Bier, und schon weißt du: Das isses!
Es ist – ja, was ist es? Ich sag nur so viel:
Typisch Kiel.