Mittwoch, 16. Oktober 2019

Fernsehen


Das erste, was ich im Fernsehen sah, war die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. Ich saß im Wohnzimmer der Familie Lürssen; da war ich als Kind damals häufiger, weil mein Bruder mit Fidi Lürssen in einer Klasse war. Lürssen hatten eine Werft, und sie hatten den ersten Fernseher bei uns in der Straße. Als ihre Tochter achtzehn wurde, bekam sie ein Mercedes 190 SL Cabrio von ihren Eltern geschenkt. An dem sie keine große Freude hatte, weil von Vorübergehenden immer wieder Worte wie Nuttenauto und Nitribitt fielen. Es ist in den fünfziger Jahren nicht leicht, reich zu sein.

Die Rückkehr der Gefangenen nach Friedland war ein großes nationales Ereignis, das stundenlang übertragen wurde. Mir war das zu langweilig, ich habe mich nach einer halben Stunde verabschiedet. Man konnte das Programm nicht wechseln, es gab nur das eine Programm. Mein Vater zögerte lange mit dem Kauf des Fernsehers, ich glaube, wir waren die letzten in der Straße, die einen hatten.

Wenn man die Nachrichten aus aller Welt sehen wollte, ging man ins Kino, manchmal mehrfach in der Woche. Man wollte ja wissen, wie es mit dem heldenhaften Captain Carlsen und seiner Flying Enterprise weiterging. Wir guckten nicht viel Fernsehen. Eigentlich nur die Tagesschau und am Wochenende die Aktuelle Schaubude mit Werner Baecker, der war immer gut angezogen. Die Sendung kam aus dem gläsernen Studio. Das gläserne Studio war in Wirklichkeit ein Showroom von Opel am Hamburger Dammtor, aus dem an jedem Sonnabend um 14 Uhr die Autos herausgerollt wurden. Fernsehen war damals noch einfacher zu machen als heute. Und natürlich guckten wir immer Kulenkampff, weil der ja aus Bremen kam. Fernsehen gab es damals nur bis elf Uhr abends, dann kam das Testbild.

Den ersten Spielfilm im deutschen Fernsehen habe ich 1957 gesehen, er hieß Der Richter und sein Henker, es war die Verfilmung eines Romans von Friedrich Dürenmatt. Kaum war das Fernsehen da, gab es auch die ersten Krimis. Eine der ersten Krimireihen hieß Stahlnetz, an das Haus an der Stör kann ich mich noch gut erinnern. Dann kamen irgendwann die sogenannten Straßenfeger, Edgar Wallace und das alles, und dann kam der Tatort. Der war früher einmal etwas Besonderes, heute kann man ja jeden Tag einen sehen. Bei den Wiederholungen, aus denen das Fernsehen besteht, tauchen dann immer mal wieder Sendungen aus der Frühzeit des Fernsehens auf, nostalgische Gelegenheiten, um über die Entwicklung des Mediums nachzudenken.

Nach der Schule ging ich zur Bundeswehr, da gab es jahrelang kein Fernsehen. Im Studium auch nicht, ich habe viele Jahre ohne das deutsche Fernsehen gelebt. Im Kino war ich aber immer, wie Sie meinem Themenblog Silverscreen entnehmen können. Habe ich etwas verpasst, weil ich nicht vor der Glotze hockte? Die Fernsehgebühren sind kontinuierlich gestiegen, was sich leider nicht in der Qualität der Sendungen niederschlägt. Erst einmal in den Jahresgehältern der Intendanten. Der Intendant des WDR verdient mehr als Frau Merkel, das ist eine seltsame Sache, ich habe schon in dem Post Manfred Sexauer Böses über die Intendanten gesagt. Und wahrscheinlich noch irgendwo anders.

Ich bin fernsehmäßig nicht auf der Höhe der Zeit, bei mir gibt es kein Netflix und kein streaming, und ich kann meinen Fernseher auch nicht an den Computer oder das IPhone anschließen. Ganz so alt wie das Fernsehgerät auf diesem Photo ist mein Fernseher nicht. Es ist ein großes Röhrengerät von Metz, war mal state of the art, aber das ist lange her. Es ist schon HD, aber nicht Full HD, an UHDTV oder OLED gar nicht zu denken.

Die Qualität der Fernsehgeräte ist immer besser geworden, die Qualität des Programms nicht. Das ist so flach wie ein Flachbildschirm. Fernsehen heute - so schlecht war es noch nie, titelte die FAZ. Das war im Jahre 2001. Grundig bewirbt zur Zeit ein Fernsehgerät als Fenster zur Welt, da ist schon Amazon Fire eingebaut: Bitten Sie Alexa, den Fernseher anzuschalten, die Lautstärke zu verstellen oder die Wiedergabe zu steuern, selbst von der anderen Seite des Raums aus. Wenn Sie keine Alexa zu Hause haben, sondern eine Heidi oder Ingeborg, dann müssen Sie die mal bitten.

Immer mehr vom Fernsehen wird in das Internet verlagert, die öffentlich-rechtlichen Sender haben eine Mediathek. Dort kann man Filme in einem begrenzten Zeitraum sehen. Dominik Grafs Film Zielfahnder mit der sekundenlang nackten Anna Schäfer, den ich in dem Post Nackt erwähnte, können Sie noch ein paar Tage lang sehen. Für das Fernsehen mit dem Computer bin ich bestens gerüstet, mein Bildschirm kann LED, Full HD und all so etwas.

Das Fernsehen hat auch einen Bildungsauftrag, auf jeden Fall die öffentlich-rechtlichen Sender. Und Fernsehen bildet ja wirklich. Sagte auf jeden Fall Groucho Marx: I find television very educating. Every time somebody turns on the set, I go into the other room and read a book. Ein wenig Literatur gibt es auch im Fernsehen, vermittelt von Elke Heidenreich, Jürgen von der Lippe und Thomas Gottschalk. Und diesem Herrn im karierten Anzug. Das ist Denis Scheck (der hier schon einen Post hat), der hat gerade einen neuen Literaturkanon aufgestellt, den sein Verlag so bewirbt: Mit seiner Auswahl der 100 wichtigsten Werke präsentiert Denis Scheck einen zeitgemäßen Kanon, der auf Genre- oder Sprachgrenzen schlicht pfeift. Von Ovid bis Tolkien, von Simone de Beauvoir bis Shakespeare, von W. G. Sebald bis J.K. Rowling: Charmant, wortgewandt und klug erklärt er, was man gelesen haben muss – und warum. Sebald habe ich gelesen, J.K. Rowling nicht. Und Tim und Struppi, das auch auf der Liste ist, auch nicht.

Nicht auf Denis Schecks Liste ist der Roman Fernsehen von Jean-Philippe Toussaint, in dem der Romanheld beschliesst, nie wieder den Fernseher anzuschalten: Kam es früher häufig vor, daß ich abends, wenn ich allein zu Hause blieb, nicht fernsah und einfach etwas anderes machte, zum Beispiel lesen oder Musik hören, um anständig zu bleiben, so hatte das Fernsehen an jenem Abend für mich eine maßlose Bedeutung schlicht deshalb angenommen, weil ich den Entschluß gefaßt hatte, mit Fernsehen aufzuhören, und obwohl es mich einige Überwindung kostete, mußte ich doch einräumen, daß es jetzt alle meine Gedanken in Bann zog. Aber ich tat, als sei nichts. Ich hatte meine Zeitung aufgeschlagen, und mit einem netten kleinen Kissen im Nacken las ich seelenruhig die Fernsehprogramme durch – mir gegenüber der ausgeschaltete Fernseher. Ich verrate nicht, wie das Experiment ausgeht, es gibt hier keinen spoiler alarm.

Ich bekomme meine Programme über das DVB-T2 mit einer kleinen Zimmerantenne, bei Regen und manchen Wetterlagen fallen Programme aus. Aber eins muss ich meinem alten Metz lassen, die Tonqualität ist erstklassig. Hätte ich Kabel oder eine Luxusantenne auf dem Balkon, hätte ich mehr Sender. Aber ist Masse gleich Klasse? Ich nehme im Fernsehen das, was kommt. Heute Abend fange ich mal mit Hogan's Heroes an, kenne ich zwar schon, ist aber immer noch witzig. Ich gehe danach zu Horst Lichter über, um mich ein bisschen fremdzuschämen und nehme dann den nächsten Tatort oder Polizeiruf 110, was immer im Angebot ist. Und dann noch die wirklichen Klassiker des Fernsehens: Trucker Babes oder Border Patrol Australia. Aber vielleicht gucke ich auch auf arte Lady Chatterley mit der schnuckeligen Französin Marina Hands, die ich letztens in der schrillen kleinen Serie Eine kleine Lüge gesehen habe.

Sonntag, 13. Oktober 2019

Hafenrundfahrt


Vielleicht hindert uns ein unbezwinglicher Widerstand, an die Vergangenheit, an die Geschichte zu glauben, es sei denn in der Form des Mythos. Die Photographie hat, zum ersten Mal, diesen Widerstand zum Schweigen gebracht: von nun an ist die Vergangenheit so gewiß wie die Gegenwart, ist das, was man auf dem Papier sieht, so gewiß wie das, was man berührt, hat Roland Barthes in Die Helle Kammer gesagt. Es ist ein Buch, das Götz mir mal geschenkt hat, ich habe das sogar gelesen, würde es aber nicht unbedingt zur Lektüre empfehlen. Es geht weniger um die Photographie als um seine Mutter und den Tod. Aber Barthes kann einfache Dinge immer so schön kompliziert ausdrücken. Der amerikanische Photograph Lewis Hine hat das einfacher gesagt: Wenn ich die Geschichte in Worten erzählen könnte, brauchte ich keine Kamera herumzuschleppen.

Ein altes Photo, irgendwann mal oben links gelocht, ich weiß nicht weshalb, bringt die Vergangenheit zurück, die so gewiss wie die Gegenwart ist. Das sind wir auf diesem Photo vom Anfang der fünfziger Jahre, Eintagesreise mit dem Bus der Firma Elbracht nach Hamburg. Die Kriegsschäden auf der Autobahn kann man bei der Fahrt noch spüren. Und auch in Hamburg sieht man noch die Zerstörungen des Bombenkriegs, aber Ruinen haben wir in Bremen genug, das interessiert uns jetzt nicht. Unser Hamburg heißt Hafenrundfahrt. Ein so großes Schiff wie dieses bekommen wir nicht, wir bekommen nur eine kleine offene Barkasse.

Auf dem Photo sieht unser Klassenlehrer Herr Blume aus wie ein alter Mann, alle Lehrer sehen damals wie alte Leute aus. Aber das ist in dieser Zeit so, der Krieg und die Nachkriegszeit haben an ihnen gefressen. Und außerdem gibt es noch nicht diesen Jugendlichkeitswahn heutiger Generationen. Männer tragen wie selbstverständlich Anzüge mit Weste und Hut (unser Herr Blume auf diesem Photo auch). Meistens in einem grau, das hechtgrau heißt. Dass Rentner in Adidas Plastikanzügen und Adiletten über die Straße schlurfen, kann sich damals keiner vorstellen. Neben Herrn Blume sind noch zwei mitreisende Mütter auf dem Bild der Hafenbarkasse an den Landungsbrücken (eine Hafenrundfahrt muss ja in Hamburg sein, obgleich wir so etwas auch im Hafen von Bremen hätten haben können). Und 35 Schülerinnen und Schüler sind auf dem Photo (drei fehlen), sehr viel mehr gehen auf die Barkasse auch nicht drauf.

Die Klassen der Volksschule sind jetzt voll, wir sind die geburtenstarken Jahrgänge nach dem Krieg. Und wir haben noch Parallelklassen. Mit unserer Klassenstärke liegen wir unter dem Bundesdurchschnitt, der 1950 bei 44 Schülern liegt. Es ist sicherlich nicht leicht, in solch großen Klassen zu unterrichten, aber im Gegensatz zu heute gibt es keinen hohen Lärmpegel in der Klasse und keine wirklichen Probleme mit der Disziplin. Man kriegt schon mal was mit einem Lineal auf die Finger, aber niemals bei Herrn Blume, der hier milde lächelnd nicht in die Kamera guckt. Der hat nie gebrüllt und nie geschlagen. Wir wollen ja lernen. Bildung, Schulbücher und Schulspeisung sind frei, sonst gibt es in dieser Zeit nichts. Außer einem gravierenden Lehrermangel. Die sechs Jahre Volksschule für jeden in Bremen sind neu, das haben uns die Amerikaner oktroyiert (in Hamburg und Berlin gibt es das auch). Es hat uns nicht geschadet, wir haben durch das Gemeinschaftserlebnis in der Nachkriegszeit untereinander eine große Solidarität. 

Dies ist kein zufälliger Schnappschuss, kein Photo das Robert Frank gemacht hätte Fotowerkstatt Landungsbrücken Landungsbrücke 1 ist auf die Rückseite des Photos gestempelt. Die Fotos waren fertig, wenn die Barkasse nach der Rundfahrt wieder bei den Landungsbrücken anlegte. Man hatte etwas an der Hand, das an diesen Tag erinnerte, auch noch nach Jahrzehnten. Ich kenne heute noch die Namen von allen, die auf dem Photo sind und weiß, wo sie damals wohnten. Der Photograph verstand sein Handwerk, er setzt alle ins Bild. Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera, hat Gisèle Freund gesagt. Unser Photograph hatte ein gutes Auge. Die drei jungen Grazien im Vordergrund, die mit einer Parallelbewegung ihre Arme über die Bordwand lehnen. Werner (unser bester Fußballer), der uns neben dem langen Roder etwas zu zurufen scheint. Die kleine Annegret, die so schön singen konnte, drängt sich neben der großen blonden Gabi nach vorn, Ingrid neben ihr auch. Die Personen auf diesem Bild leben.

Die hier nicht. Derselbe Ort, dieselbe Zeit, ich habe das Bild im Internet gefunden. Es sind Schüler aus einem anderen Ort, einem kleinen Dorf im Nirgendwo. Wir kommen aus einer Kleinstadt, die Teil von Bremen ist. Macht das den Unterschied? Man fragt sich, was ist mit denen los? Werden die in der Schule verprügelt? Was wird aus denen werden, wenn sie schon in der Kindheit nicht fröhlich sind? Sobald ich nun das Objektiv auf mich gerichtet fühle, ist alles anders: ich nehme eine 'posierende' Haltung ein, schaffe mir auf der Stelle einen anderen Körper, verwandle mich bereits im voraus zum Bild. Diese Umformung ist eine aktive: Ich spüre, daß die Photographie meinen Körper erschafft oder ihn abtötet, ganz nach ihrem Belieben. Noch einmal Roland Barthes, auf diesem Bild hier scheinen die Körper abgetötet.

Zwischen dem Fotografen und seinem Bildmotiv etabliert sich ein komplexes Gewebe aus Aktion und Reaktion (aus Dialog), obwohl die Initiative natürlich aufseiten des Fotografen liegt und der fotografierte Mensch der geduldig (oder auch ungeduldig) Wartende ist. Auf seiner Seite führt dieser zweifelhafte Dialog zu jener Mischung aus Befangenheit und Exhibitionismus (dem Produkt des Umstands, der Mittelpunkt einer objektivierenden Aufmerksamkeit zu sein), die eine ‚aufgesetzte Haltung‘ zur Folge hat (der Wartende erschwindelt das Motiv). Das führt aufseiten des handelnden Fotografen zu jener seltsamen Empfindung, zugleich Zeuge, Ankläger, Verteidiger und Richter zu sein, einer Empfindung des schlechten Gewissens, die sich in seinen Gesten in ein Objekt zu verwandeln. In Anbetracht dessen, dass Fotografieren ein Scheindialog ist, erschwindelt auch er das Motiv.

Sagt Vilém Flusser. Viele Philosophen, die nicht in der Lage wären, einen Film in eine achtzig Jahre alte Leica einzulegen, reden über die Photographie. Doch all die schönen Theorien über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit sind entstanden, bevor es die Millionen von Handyphotos gab. Es gibt heute einfach zu viele Bilder. Ich habe auch ganze Alben und Kartons voller Photographien, aber es nichts Digitales dabei. Sie sind alle mit einem Photoapparat gemacht und im eigenen Labor entwickelt. Das Bild von der Hafenrundfahrt habe ich beim Aufräumen gefunden. War in einem dicken Pappumschlag zusammen mit all den Bildern, die ich seit Jahren suchte. Die Gabi hat davon einige bei einem Copy Shop einscannen lassen. Ein halbes Dutzend davon ist jetzt in den Blog gewandert: Käpt'n Biet mit seiner Charatan Pfeife, Heidi und Ingrid in der St Martins Kirche von Zetel, Frank auf der Fahrt nach Helgoland, und Jay als Cricketspieler und in Uniform. Für all diese Bilder brauche ich die Theorien von Roland Barthes und Vilém Flusser nicht. Aber das Photo von der Gruppe mit den toten Gesichtern aus der Elbtalaue, das beunruhigt mich noch immer.

Freitag, 11. Oktober 2019

Lilo


Der Busfahrer sagte über das Mikrophon, dass wir hier nicht weiterfahren könnten, hier sei alles abgesperrt, weil Billy Wilder einen Film drehte. Ich hielt das damals für eine fette Lüge, die man Jugendlichen aus der Provinz erzählen konnte, die zum ersten Mal in Berlin waren. Aber es war wahr, Billy Wilder drehte den Film Eins, Zwei, Drei, während in Berlin die Mauer gebaut wurde.

Diese Photos, die Lilo Pulver auf einem Tisch tanzend zeigen, stammen aus dem Film. Der Stern schrieb zu der Szene: Als Fräulein Ingeborg tanzte sie 1961 im Pünktchen-Kleid und mit aufgepepptem Busen in Wilders Film 'Eins, Zwei, Drei' so verführerisch auf dem Tisch, dass buchstäblich die Wände wackelten - und zeigte damit, dass sie das Zeug zur Schweizer Antwort auf Hollywood-Star Marilyn Monroe hatte. Wenn Sie das sehen wollen, müssen Sie hier zur 53. Minute gehen.

Die schöne Schweizerin war die 'Feel Good'-Diva, der Star des Wohlfühlkinos, das die Deutschen in den Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren so sehr mochten. 'Ich denke oft an Piroschka', 'Das Wirtshaus im Spessart' - das sind bleibende Komödienklassiker, hieß es in der Stuttgarter Zeitung, als Lilo Pulver 85 wurde. Heute wird sie neunzig, und dazu wollen wir ganz herzlich gratulieren. Sascha Hehn wird heute 65, aber wen interessiert das? Und Peter Handke hat den Nobelpreis gewonnen, ich weiß nicht weshalb. Wenn es nach mir ginge, hätte Richard Ford den bekommen, aber mich fragt ja keiner.

Ich glaube, ich bin nur zum Theater gegangen, weil ich mir mal so einen richtig schönen Mann angeln wollte, hat Lilo Pulver mal gesagt. Auf der Leinwand bekam sie Paul Hubschmid, O.W. Fischer, Gunnar Möller und Hardy Krüger, im wirklichen Leben den deutschen Schauspieler und Regisseur Helmut Schmid, den sie gerade geheiratet hatte, als sie für Billy Wilder auf dem Tisch tanzte. Sie war einunddreißig Jahre mit ihm verheiratet, aber er ist schon lange tot. Bei den Dreharbeiten zu Der letzte Sommer (1954) hatte sie sich in Hardy Krüger verliebt, aber daraus ist nichts geworden. Ich nehme an, dass Hardy ihr heute gratulieren wird. Er ist wohl der einzige ihrer Filmpartner, der noch lebt. Liselotte Pulvers Autobiographie (zusammen mit Peter Käfferlein und Olaf Köhne) Was vergeht, ist nicht verloren ist gerade bei Hoffmann und Campe erschienen.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Pfeifenkauf


Nein, ich rauchte damals eigentlich keine Ziggis. Aber die Frau, die dieses Photo gemacht hat, hat mir eine Zigarette in die Hand gedrückt und gesagt, ich würde mit einer Zigarette im Mund auf dem Photo unheimlich cool aussehen. Damals, als ich so unheimlich cool aussah, war ich gerade wissenschaftliche Hilfskraft bei einem Professor geworden, der neu an der Uni war. Ich lernte schnell, dass meine wichtigste wissenschaftliche Aufgabe darin bestand, den TK93 Tabak bei Trennt zu kaufen.

Der Professor war aus dem Rheinland nach Kiel gekommen, er war ziemlich berühmt. Auf jeden Fall erzählte er gerne, dass er ziemlich berühmt sei. Er rauchte Pfeife, und als Pfeiferaucher hatte er natürlich schon von dem bekannten Tabak TK93 von Tabac Trennt gehört, den die Firma an Liebhaber in der ganzen Welt verschickte. Der Spruch Jeder Smöker hett sin Höker, De watt kennt swört op Trennt war offenbar bis Köln gedrungen.

Der Laden war damals noch in einem unscheinbaren Flachbau in der Brunswiker Straße gegenüber der Lubinus Klinik. Unser Professor begab sich also zu dem kleinen Laden, um Tabak und eventuell noch eine Pfeife zu kaufen, es blieb sein einziger Besuch bei Tabac Trennt. Aber TK93 rauchte er jeden Tag. Ich fragte irgendwann die anderen HiWis, warum sich der Professor seinen Tabak nicht selbst kaufte. Erst dann erfuhr ich die ganze Geschichte. Der Professor war damals mit seiner typischen kölschen Fröhlichkeit in den kleinen Laden gekommen, Pfeife im Mund. Und der alte Trennt hatte ihm die Pfeife aus dem Mund genommen, sie angeguckt und gesagt: Ihnen verkauf' ich doch keinen Tabak, Sie können überhaupt nicht Pfeife rauchen.

Geschichten dieser Art gab es im Ort damals zuhauf, Karl-Heinrich Trennt, der Kieler Hüter der Tabakkultur, war unnachgiebig gegenüber Kunden, die seiner Meinung nach guten Tabak nicht würdigten und billige Zigaretten rauchten. Ich habe das schon in dem Post Tabac Trennt erwähnt. Im Gegensatz zu dem oben erwähnten Professor bin ich mit Herrn Trennt immer gut ausgekommen, und mit seinem Sohn Jochen-Gunnar Trennt wird kein Kunde Schwierigkeiten haben, der ist wirklich sehr nett. Und er sorgt gerade dafür, dass eine meiner alten Dunhill Pfeifen repariert wird.

Mit dieser Pfeife, die W.Ø. Larsen signiert ist, springen wir mal eben nach Dänemark. Den Laden von W.Ø. Larsen in der Strøget in Kopenhagen gibt es nicht mehr, die Marke lebt aber weiter. W.Ø. Larsen, der auch Kongelig Hofleverandør war, stellte selbt keine Pfeifen her, aber die berühmtesten dänischen Pfeifenmacher, von denen sich manche später selbständig machten, arbeiteten für die Firma. Und so bot man in einer Anzeige vor fünfzig Jahren zurückhaltend an: Moderne og klassiske modeller i fineste udførelse og med perfekte rygeegenskaber. Ich habe zwei W.Ø.Larsen Pfeifen, und das mit den perfekten Raucheigenschaften kann ich bestätigen.

Und da ich bei berühmten Läden bin, die es nicht mehr gibt, muss ich noch eben Astley's erwähnen, die früher in der Nummer 109 der Jermyn Street residierten. Die New York Times schrieb in ihrem Artikel A Gentlemanly Stroll On Jermyn Street über das Geschäft: For a postprandial smoke, Astley's, a specialist in pipes, is next door. The store was established in 1862, and if there be such a thing as a pipe museum this is it: an extraordinary collection of weird and antique smoking equipment of every conceivable shape and figuration. Astley's ließ sich seine Pfeifen von Charatan und Dunhill liefern, aber deren Namen fand man nicht auf den Pfeifen. Da steht nur Astley's und die Anschrift des Ladens. Dieses Jermyn Street 109 findet sich übrigens auch auf ihrer Zweitmarke, die Tudor Rose heißt.

Das hier ist eine Straight Grain Pfeife von Astley's, man nennt diese Pfeifen so, weil sie eine völlig parallel laufende Maserung des Bruyere Holzes haben. Das ist, wie bei Pfeifen auf denen flame grain oder birdseye steht, ein Zufallsprodukt, eine Laune der Natur. Ich habe Anfang der siebziger Jahre für meine Astley's Straight Grain hundert Pfund bezahlt, fragen Sie mich nicht, wo damals das englische Pfund stand. Aber es ist eine gute Pfeife, und sie sieht nach über vierzig Jahren immer noch gut aus. Es ging natürlich auch billiger, der kleine Händler in Sussex, der in der Sunday Times Straight Grain Pfeifen zweiter Wahl anbot, schickte mir eine erstklassige Pfeife ohne Herstellernamen für zwei Pfund fünfzig. Die nach Jahrzehnten immer noch perfekte rygeegenskaber hat.

Und ein netter dänischer Händler in Sonderburg bot mir für einen lächerlich geringen Preis eine Dunhill zweiter Wahl an. Stand nicht Dunhill drauf, nur Made in London England, man konnte die Fehler und Kittstellen im Holz sehen. Auf dem Mundstück war nicht Dunhills Markenzeichen, der berühmte weiße Punkt, sondern dies hier, das Logo der Firma Hardcastle. Von der Firma hatte Dunhill 1936 die Hälfte der Aktien gekauft, zehn Jahre später den Rest. Es gibt den sich beharrlich haltenden Mythos, dass es bei Dunhill keine Pfeifen zweiter Wahl gibt, bei denen ist alles perfekt. Aber natürlich wird es etwas geben, was man failings, rejects oder seconds gibt. Niemand kann dem Stück Holz, aus dem die Pfeife geschnitzt wird, von außen ansehen, wie es innen drin aussieht. Und Dunhill hatte 1922 die Parker Pipe Co Limited ursprünglich nur gegründet, um seine failings zu verkaufen.

Kapitän Ernst Biet, den ich nur mit einer Pfeife im Mund kannte, hat mir mal gesagt, dass ich mir lieber eine Charatan als eine Dunhill kaufen sollte. Ich habe auf ihn gehört, es war kein schlechter Rat. Dunhill hat irgendwann die Firma Charatan geschluckt und sie seinem Dunhill-Parker-Hardcastle Imperium einverleibt, zu dem auch die Masta Pipes gehörten, die der alte Trennt so gerne den Neulingen des Pfeifenrauchens verkaufte. Parker und Hardcastle entwickelten sich zu eigenen Firmen, die nichts mehr mit der Dunhillschen Resteverwertung zu tun hatten.

Und die Qualität von Charatan (hier Georges Simenon mit einer Charatan), der ältesten englischen Firma, die vor hundert Jahren Dunhill mit Pfeifen belieferten, war nach der Übernahme durch Dunhill nie mehr dieselbe. Es ist mit Dunhill ein wenig so wie mit Rolex: viel Mythos, viel Werbung, und dahinter viele Fragezeichen. Ich besitze drei Pfeifen von der Firma, deren Pfeifen heute bei einem Preis von 500 Euro anfangen. Aber ich habe die nur, weil ein kleiner Händler, der seinen Laden aufgeben musste, seinen Bestand an Dunhill Pfeifen für 120 Mark das Stück verkaufte. Das war billiger als bei Pfeifen Timm auf Helgoland in den siebziger Jahren.

Wenn man ein Antiquariat, wie zum Beispiel das von Eschenburg, betritt, dann kann man sicher sein, dass der Besitzer des Geschäftes etwas von Büchern versteht und man sich auf seinen Rat verlassen kann. Pfeifenläden sind ähnlich wie Antiquariate, ihre Besitzer prägen die Atmosphäre des Ladens, man kann gut mit ihnen reden, ein wenig fachsimpeln, Neues erfahren, selbst wenn man nur eine Packung Pfeifenreiniger kauft.

Das hier ist Herbert Motzek, der den neben Trennt zweiten erstklassigen Laden in Kiel hatte. Er hatte bei berühmten dänischen Pfeifenmachern wie Viggo Nielsen und Poul Winslow gelernt, war mit einer Dänin verheiratet und hatte immer eine kleine dänische Flagge vor seinem Laden stehen. Obgleich ich eigentlich Kunde von Trennt war, habe ich jahrelang bei Herbert Motzek Tabak gekauft. Eine seiner eigenen Mischungen mit viel gelbem Virginia Tabak, die gibt es wahrscheinlich heute immer noch. Den Tabak, den sich Günter Grass bei Motzek bestellte, gibt es wahrscheinlich auch noch.

Herbert Motzek hat sich vor vier Jahren in den Ruhestand verabschiedet, aber er hat mit Thomas Darasz einen Nachfolger gefunden, der auch Pfeifenmacher ist. Der Danebrog ist immer noch vor dem Laden, und es hat sich wenig geändert. Thomas Darasz hat eine große Internetpräsenz, und wahrscheinlich geht das Geschäft mit Pfeifen und Tabak immer mehr ins Netz. Das schon voll ist mit gebrauchten Pfeifen. Die nicht als gebrauchte Pfeifen angeboten werden, sondern estate pipes heißen. Klingt großartig, ist eine neue Bedeutung von estate, die das englische Lexikon bisher so nicht kannte. Eine stark gebrauchte, ungereinigte Dunhill Pfeife fängt preislich bei ebay bei 100 € an, dazu sage ich lieber nichts.

In dem Geschäft mit estate pipes ist auch Stefan Kyselka aus Altenholz bei Kiel, der allerdings auch Pfeifenmacher ist. Gegen eine fachmännisch aufbereitete Pfeife ist im Grunde nichts zu sagen, wenn sie ein neues Mundstück bekommen hat. Den berühmten weißen Punkt, um den Dunhill und Vauen in den zwanziger Jahren einen erbitterten Prozess führten, kann man auch anbringen lassen. Das einzige Risiko ist, dass der Vorbesitzer mal Erinmore Tabak geraucht hat, den furchtbaren Geschmack bekommt man nie wieder aus der Pfeife.

Viele Läden, die Pfeifen verkauften, sind mittlerweile aus der Stadt verschwunden: Pfeifen Schulz neben den Kieler Nachrichten, der das Fenster voller goldener Dupont Feuerzeuge hatte und Charatan Pfeifen anbot, ist weg (ich habe hier ein Bild vom Abriss des Ladens). Krüger & Oberbeck in der Holstenstraße, die preiswerte englische Willmer Pfeifen (die sehr gut waren) verkauften, gibt es nicht mehr. Lorinki (Lorenz Ingwersen) in der Küterstraße war einmal erstklassig sortiert, was dänische Pfeifen betraf, nach dem Tod des Besitzers ist der Laden nur noch ein Schatten seiner selbst. Tabak Waister, Ihr Fachgeschäft im Norden Kiels, ist einer Immobilienspekulation zum Opfer gefallen.

Uhrmacher gibt es nicht mehr. Auch viele Buchhandlungen sind aus der Stadt verschwunden, alles wird ins Internet verlagert. Auf den Flohmärkten landet nur noch besserer Hausmüll, alle guten Dinge finden sich bei ebay. Dass ich damals die schöne BBB Pfeife auf dem Flohmarkt gefunden habe, ist auch schon zwanzig Jahre her. Die Alltgskultur wird viral, man könnte wieder einmal Petronius zitieren: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est. Motzek gibt es seit über vierzig Jahren, Trennt kann im nächsten Jahr sein 150. Jubiläum feiern. Seien wir dankbar, dass es diese Läden noch gibt.


Lesen Sie auch: DunhillMerrie England's Favourite PipeTabac TrenntBlauer Dunst, Unsere Marine, Tabak, Zigarren, Frauen und Zigarren.

Sonntag, 6. Oktober 2019

exis


Exi war damals beinahe jeder, man brauchte dafür einen schwarzen Rollkragenpullover und ein graues Tweedjackett. Graue Tweedjacketts (möglichst mit einem Harris Tweed Label) waren in den fünfziger Jahren eine große Sache. Man trug sie in Deutschland vorzugsweise mit einem weißen Hemd. Engländer wären nie auf diese Idee gekommen. Sah am Durchschnittsdeutschen auch nicht so elegant so wie hier an Gabriele Ferzetti in Antonionis Film L'avventura.

Das Tweedjackett für uns Exis durfte nicht neu sein, es musste so aussehen, als ob man einen Irischen Wolfshund ausgekämmt hatte. Also dieser Look der Jazzkeller des Rive Gauche (wie ihn hier Hubertus Hierl photographierte) oder der Riverkasematten in Hamburg. Neben dunklem Rolli und Tweedjackett musste man natürlich noch einen Band Camus oder Sartre unter dem Arm tragen. Das fiel ins Auge, Rowohlt hatte für beide Autoren rote Buchumschläge gewählt. Und dann musste man für Juliette Gréco schwärmen (für die sogar Sartre ein Chanson schrieb), was ich selbstverständlich tat. Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben. Und non, je ne regrette rien.

Juliette Gréco erfand den existenzialistischen Stil: langes, glattes Haar mit Stirnfransen, die 'Frisur einer Ertrunkenen', wie der Journalist Pierre Drouin es nannte, dazu dicke Pullis und Männerjacken mit hochgekrempelten Ärmeln. Gréco schrieb, ihre langen wilden Haare hätten sie in der Kriegszeit warm gehalten. Dasselbe sagte Simone de Beauvoir über ihren Turban. Existenzialisten trugen schlabbrige Hemden und Trenchcoats, einige pflegten einen frühen Punk-Stil. Einer lief mit einem 'völlig zerrissenen und zerlumpten Hemd herum', schrieb Drouin. Bald jedoch setzte sich der typische Exi-Look durch: der schwarze Rollkragenpulli.

Das schreibt Sarah Bakewell in ihrem wunderbaren Buch At The Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. Ich habe die Autorin schon in dem Post Montaigne en allemand vorgestellt, ihre brillante Einführung in den Existentialismus gibt es auch auf Deutsch, wie Sie dem Zitat oben entnehmen können. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, hat Andrew Hussey im Guardian gesagt.

Und hinzugefügt: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. Das ist es, was Bakewell perfekt beherrscht: schwierige Dinge ganz einfach zu erklären. Und zu den wärmenden Haaren von Juliette Gréco sollte man noch anmerken, dass die bis zum Po gingen. Schreibt sie auf jeden Fall in ihrer Autobiographie. Gerade auf Deutsch erschienen ist Agnès Poiriers Buch Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. Ein wenig oberflächlich und nicht auf dem Niveau von Bakewell, aber doch ein schönes Sittengemälde der Zeit.

Die langen Haare von Juliette Gréco und Rita Renoir (der tragédienne du strip-tease), die schwarzen Rollis, das leicht versiffte Aussehen, das war das Äußerliche. Man konnte den Stil leicht nachahmen, es gab genügend Wochenschauaufnahmen und Photos von der Pariser Szene. Wir stellten uns eine Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft vor, die in Bars und Nachtclubs lebte; in einem Paris, das in unserer Vorstellung der Dunkelheit des amerikanischen Film Noir und dem französischen Poetischen Realismus (man denke an Le jour se lève und Le Quai des brumes) entsprungen war. So ganz falsch war das wohl nicht, denn es gibt mittlerweile ein Buch mit dem Titel Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction.

Was wir nicht wussten, war die Tatsache, dass die großen Existentialisten, selbst wenn sie Bars und Nachtclubs frequentierten, nicht so aussahen wie wir in unserem Exi Outfit, die waren sehr bürgerlich ordentlich gekleidet. Wir legten diese Kleidung auch bald wieder ab und wurden dann Mods, wie sie Engländer diese Jugendkultur nannten. Als ich 1962 Juliette Gréco in Berlin hörte, hatte ich meinen guten blauen englischen Anzug von Charlie Hespen an.

Die Photos, die Henri Cartier-Bresson von Camus oder Sartre gemacht hatte, haben schnell einen ikonischen Charakter bekommen. Philosophen wurden damals in Frankreich inszeniert wie Filmstars. Oder wie die beiden neuen Herrscher am Modehimmel. Christian Dior und Jacques Fath. Und auch der französische Film war häufig nichts anderes als existentialistische Philosophie auf Zelluloid. Wenn Jean Paul Belmondo in A bout de souffle sagt: Leiden ist völlig idiotisch. Ich entscheide mich für das Nichts. Das ist zwar nicht viel besser, aber Leiden ist ein Kompromiss. Ich will alles oder nichts. Von diesem Augenblick an weiß ich es. Endgültig, dann ist das nahe dran am Existentialismus.

Camus war einer der Helden meiner Jugend, ich wollte so cool sein wie er auf dem Photo von Cartier-Bresson. Camus hatte immer gute Photographen. Er gefiel mir auch, weil er immer gut gekleidet war und Stil hatte, einer seiner Mitschüler hat sich erinnert, dass er schon als Jugendlicher graue Flanellanzüge zum Unterricht trug.

Wenn er mit einundzwanzig heiratet, wird ihm seine reiche Schwiegermutter die eleganten Anzüge bezahlen. Camus sah, selbst wenn er sich als Bohemien gab, nicht so heruntergekommen auf den Bildern aus wie Heidegger, der auf seinen Holzwegen immer wie ein Waldschrat aussah. Olivier Todd hat Camus in seiner faktenreichen 920-seitigen Biographie als einen Dandy, Elegant und Frauenhelden beschrieben - der Philosoph des Absurden als Don Juan. Das konnte ich damals nicht wissen. Als ich damals Camus las, verstand ich auch mehr von Camus als von den Frauen.

Wenn man die französische Szene des Rive Gauche auch leicht in ihrem Habitus nachahmen konnte, wenn es auch leicht war, einen schwarzen Rolli zu einem zerlumpten Tweedjackett zu tragen, all diese Äußerlichkeiten waren nicht das, was uns als kleine Exis damals wirklich antrieb. In Paris gewesen zu sein, half viel auf dem Weg zum Existentialismus. Die Gedichte von Jacques Prévert (hier von Robert Doisneau photographiert) im Original zu lesen, das war das eine (ich konnte alle seine Chansons, die Juliette gesungen hatte, auswendig). Camus zu lesen, das war das andere. Er gab einem Sätze, über die man nachdenken konnte. Wie kläglich war der Philosophieunterricht der Oberstufe gegen sein Werk. Ich las Camus, obgleich ich vieles nicht verstand. Oder falsch verstand. Aber wenn man achtzehn ist, versteht man schon vieles richtig, selbst wenn man es nicht versteht. Man kann nicht richtig leben, wenn das Leben keinen Sinn hat.

Das alles, was ich bisher hier geschrieben habe, stand schon in der ein oder anderen Form in meinem Blog, aber wenn ich heute noch einmal das Paris der Nachkriegszeit heraufbeschwöre und dazu ein paar CDs der Sammlung Jazz in Paris von Gitanes höre, dann liegt das an diesem Buch hier. Das hat mir der Yogi gerade aus Amerika geschickt, er hatte es vom Autor geschenkt bekommen. Mit Widmung, jetzt ist es meins. Ich habe gleich begonnen, es zu lesen, weil es ein Lesevergnügen ist. Das im letzten Jahr bei Harper Collins erschienene Buch hat auch sehr gute Kritiken erhalten, und das zu Recht.

Der Autor Gordon Marino hat auch Kierkegaard in the Present Age und The Quotable Kierkegaard veröffentlicht und ist Mitherausgeber des Cambridge Companion to Kierkegaard. Ein Kierkegaard Spezialist also, dem man nicht ansieht, dass er auch etwas ganz anderes kann. Er war nämlich einmal Boxer und ist heute noch Boxtrainer. Philosophen werden ja nicht unbedingt mit dem Sport assoziiert, obgleich wir natürlich Thomas Hobbes erwähnen müssen, der im hohen Alter noch Tennis spielte. Als Sartre noch am Gymnasium unterrichtete, brachte er seinen Schülern das Boxen bei, das er selbst während seines Studiums erlernt hatte. Ob Heidegger wirklich gesagt hat: Ich war linker Läufer beim FC Meßkirch, weiß ich nicht. Aber wir wissen, dass Albert Camus in seiner Jugend Torwart bei Racing Universitaire d’Alger war. Er hat über diese Zeit gesagt: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.

Gordon Marino ist auch Direktor der Kierkegaard Bibliothek des St Olaf College in Northfield (Minnesota), und dass die kleine Universität die vielleicht beste Kierkegaard Bibliothek der Welt besitzt, verdankt sie diesem Herrn hier. Er heißt Howard Hong und hat keinen Wikipedia Artikel, die Bibliothek, die er aufgebaut hat, hat allerdings einen Artikel. Dieses Internet Lexikon weiß auch nicht, was es tut. Wir nehmen einmal für die Beschreibung seines Lebens diesen Nachruf aus der Star Tribune.

Die Bibliothek, die heute seinen und Kierkegaards Namen trägt, aufzubauen, wäre schon Grund genug dafür, dass es einen Howard Hong Artikel geben müsste. Doch es gibt noch viel mehr. Hong hat zusammen mit seiner Ehefrau den ganzen Kierkegaard ins Englische übersetzt, sieben Bände der Journals and Papers (Indiana University Press) und 26 Bände von Kierkegaards Werk (Princeton University Press). Für den ersten Band bekamen Edna und Howard Hong den National Book Award. Viele Ehrungen wie der Dannebrog Orden und ein Ehrendoktorat in Theologie der Universität von Kopenhagen für Howard Hong sollten folgen.

Kierkegaard habe ich für mich selbst entdeckt, das können Sie meiner Leseliste für das Jahr 1962 entnehmen. In meinem Philosophiestudium kamen Kierkegaard und Camus niemals vor. In den deutschen Universitäten der 68er Jahre wurden nur zweitklassige Denker wie Marx und Hegel angeboten. Hätte ich nicht den Vortrag von Gabriel Marcel gehört, hätte es in diesem Studium überhaupt kein Highlight gegeben.

Als ich zehn Jahre später der Philosophiedozentin, die hier lieber namenlos bleiben soll, Sören Kierkegaard als Prüfungsthema für die Doktorprüfung vorschlug, lehnte sie das Thema glatt ab. Das sei kein Philosoph, sagte sie. Da wußte ich, dass ich den Namen Arthur Schopenhauer jetzt gar nicht erst ins Spiel zu bringen brauchte. Sie schlug mir Hegel vor, ich dachte nur: Igitt. Wenn Sie den Post Hegel in diesem Blog lesen, wissen Sie weshalb. Und da habe ich noch nicht einmal Jürgen Kuczynskis schönen Satz von Hegels grausam verklausulierten Ausführungen zitiert. Wir einigen uns auf das Thema des Staatsvertrags bei Hobbes, Locke, Rousseau und Kant. Ist ein nettes Thema, concédé, ist aber eben kein Kierkegaard. Man braucht auch nicht Philosophie zu studieren, um Kierkegaard zu lesen. Denn er gehört, wie Schopenhauer (dessen Werk er erst kurz vor seinem Tod richtig entdeckte) zu den Philosophen, die man ohne Hilfe von anderen lesen kann. Jeder Leser wird ihn anders verstehen, aber es ist ein Vergnügen ihn zu lesen. Weil er ja eigentlich ein Dichter ist.

Und da ich bei Philosophen bin, die man lesen kann, ohne Philosophie studiert zu haben, komme ich noch einmal auf Gordon Marinos Buch zurück. Den Existentialist Survival Guide mit dem schönen Untertitel How to Live Authentically in an Inauthentic Age kann jeder Leser lesen, der lesen kann. Sapere aude! Das Buch ist kein self-help manual, ebenso wenig wie Claude Lelouchs Film Hommes, femmes: Mode d'emploi eine Gebrauchsanleitung für das Zusammenleben mit Frauen ist. Marinos Existentialist Survival Guide ist eine Einführung in die Geschichte des Existentialismus, der für englische Kritiker häufiger nichts als eine Mode, ein numinoser Daseinsschmerz, ist. Andrew Hussey formulierte das hübsch ironisch im GuardianFrench philosophy, for all its fag-waving sexiness, is also mostly pretentious and daft. No philosophy has exemplified this more than existentialism, the movement that dominated cultural life in Paris after the second world war.

Das Internet ist voll von kleinen Filmchen, die in wenigen Minuten in ein philosophisches Thema einführen. Der von der BBC produzierte Film über Sartre, von Stephen Fry vorgelesen, hat mir sehr gefallen. Über eine Introduction to Kierkegaard bei YouTube schreibt ein Zuschauer: I so wish I had read some of Kierkegaard's works when I was a teenager, because if I had, a lot of my life would have been a whole lot clearer to me. Das ist ein Satz, den auch die Leser von Marinos Buch sagen können. Der Autor, der immer als Mensch mit allen Fehlern greifbar ist, nimmt den Leser gleichsam an die Hand und ist ihm ein Wegführer durch die Wildnis der Gedanken.

By steering through issues that bear on us personally, and revealing their disruption and augmentation of his life, Marino avoids purely abstract, academic exposition. Classes in existentialism and existential psychology are popular because, apart from vocational promises, they offer a personal relevance all too absent in lectures devoted solely to impersonal facts and techniques. While Marino’s grasp of the literature is impeccable, his verve and wit as a writer stand out, and his self-revelations are not self-promotions, hat Edward F. Mooney im Los Angeles Review of Books geschrieben.

Es ist schön, wenn Philosophen über ihre Kollegen solche Dinge sagen. Und nicht etwas schreiben wie: Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, ... hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt. Das hätte ich damals gerne der Philosophiedozentin gesagt, aber ich wollte das Rigorosum ja noch bestehen. Der Satz ist übrigens von Arthur Schopenhauer.

Lesen Sie auch: Kierkegaard, Blauer Dunst und Albert Camus. Und wenn Sie wissen wollen, was Philosophie wirklich bedeutet, dann klicken Sie dies Video von Monty Python an, der Gruppe, die gestern ihren fünfzigsten Geburtstag feiern konnte.