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Donnerstag, 23. Juli 2026

die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens

Was unseren Klassenlehrer damals dazu bewog, mit uns von Mainz aus einen Ausflug nach Germersheim zu machen, weiß ich bis heute nicht. Es waren Semesterferien, die Hörsäle der Hochschule in der ehemaligen Seyssel Kaserne waren leer. Es gab viel Grün um die Bauten, und es war landschaftlich schön. Aber warum waren wir hier? Heute weiß ich, dass in Germersheim die größte Ausbildungsstätte weltweit für Dolmetscher und Übersetzer ist. Begründet 1947 als Staatliche Dolmetscherhochschule für die französischen Besatzer, die kein Deutsch sprachen. Und die Beamten des Landes, die kein Französisch konnten. Wurde 1949 als Auslands- und Dolmetscherinstitut in die Johannes Gutenberg Universität Mainz eingegliedert und ist heute der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK).

Auch wenn ich vor über sechzig Jahren davon nichts wusste, in meinem Berufsleben wusste ich wohl, was in Germersheim passierte. Studenten, die davon träumten, Übersetzer zu werden, empfahl ich den Wechsel des Studienorts. Sie waren in Germersheim besser aufgehoben als bei uns. Übersetzer und Übersetzungen haben in diesem Blog einen großen Platz. Wenn Sie den Post Übersetzer anklicken, der von dem Übersetzer Curt Meyer-Clason handelt, finden Sie da eine Vielzahl von Links (es sind beinahe hundert), die zu Posts führen, in denen von Übersetzungen die Rede ist. Und diese Posts werden auch gelesen, der Post Anna Karenina: Übersetzungen ist über fünftausendmal gelesen worden. 

Ich schreibe das hier heute mit dieser Uhr am Arm. Es ist eine Tissot T12 aus dem Jahre 1970 mit einem Armband der Firma Gay Frères. Die Firma ist der bedeutendste Hersteller von qualitativ hochwertigen Uhrarmbändern gewesen, Patek-Philippe, die IWC und Zenith kauften dort ihre Bänder. Und das originale Band der Eterna KonTiki kam auch von Gay Frères. Mit der Uhr auf diesem Photo wollte Tissot betonen, dass diese T12 etwas ganz Besonderes war, und deshalb spendierte man ihr ein Band von Gay Frères. Diese Armbänder sind für Sammler teuer geworden, das Armband dieser Uhr kostet bei ebay schon 300 Euro. Ohne Uhr. Alles, was ebay anbietet, muss neuerdings übersetzt werden. Überall arbeitet im Hintergrund die KI mit ihren hanebüchenen Computerübersetzungen. Ich habe schon in den  Posts wie Gartenkarre und pfanni denglish (und man könnte auch den Post Bräutigam dazu nehmen) auf die fürchterlichen Ergebnisse von Computerübersetzungen bei ebay hingewiesen. Und deshalb ist diese Tissot T12 (die mal 120 Meter wasserdicht war) heute hier. Weil die ebay Computerübersetzung das Gay Frères mit schwule Brüder übersetzt. Und deshalb brauchen wir Germersheim, weil dort richtige Übersetzer ausgebildet werden, die niemals solchen Quatsch produzieren würden.

Wenn Sie nicht wissen, was das UeLEX hier bedeutet, dann kann es dafür schnell eine Aufklärung geben. Das Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX ist ein frei zugängliches, kontinuierlich wachsendes interdisziplinäres Online-Referenzwerk, das seit 2015 existiert und seit 2022 in konzeptionell und technisch überarbeiteter Form zur Verfügung steht, sagt das Online Lexikon über sich selbst.

Lexika zur Literatur, zur Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft gibt es genug. Aber ein Lexikon der Übersetzer hat es noch nie gegeben. Das Photo zeigt die beiden Herausgeber des Germersheimer Übersetzerlexikons, Aleksey Tashinskiy (links) und   Andreas F. Kelletat, mit ihrer Mitarbeiterin Julija Boguna. Die hat den Artikel zu Casimir Ulrich Boehlendorff geschrieben, der hier im Blog schon in den Posts Boehlendorff und nur einmal im Netz vorkommt. Der Artikel zu dem Freund Hölderlins ist allerdings noch ein Rumpfartikel.

Aber es gibt auch sehr lange und ausführliche Artikel, in denen all das steht, was man bisher im Netz nicht finden konnte. Zum Beispiel der Artikel über die Proust Übersetzerin Eva Rechel-Mertens von Anja van de Pol-Tegge. Die Frau, die À la recherche du temps perdu für Suhrkamp in fünf Jahren für fünfhundert Mark im Monat übersetzte, ist in meinem Blog immer wieder erwähnt worden, am detailliertesten wohl in dem Post Eine Liebe von Swann. Seit ich einen Computer besitze, habe ich versucht, ein Bild der Übersetzerin im Internet zu finden, es gab keins. Erst das UeLEX präsentiert uns ein Photo.

Es gibt inzwischen noch ein zweites Photo im Netz. Das findet sich in dem ganz hervorragenden Artikel Die Hohe Schule der Eva Rechel-Mertens von  der Übersetzerin Petra Bös, die auch in Germersheim studiert hat. Erstaunlicherweise taucht in ihrem Artikel der Name Nora Bruegmann nicht auf, bei Anja van de Pol-Tegge im UeLEX schon. Denn diesen Namen kann man nicht auslassen, weil Nora Bruegmann 2015 ihre Dissertation mit dem Titel Auf der Suche nach Welt: Eva Rechel-Mertens’ Proust-Übersetzung im Suhrkamp Verlag (1953-2002) an der Vanderbilt University vorgelegt hat. Die Doktorarbeit ist im Internet als Volltext zugänglich.

Rudolf Schottlaender, der erste →Übersetzer Prousts, der 1926 Der Weg zu Swann in zwei Bänden veröffentlichte, hat im UeLEX bisher nur einen Rumpfartikel. Das wird sich sicherlich noch ändern. Seine Übersetzung ist damals von Ernst Robert Curtius, dem Doktorvater von Rechel-Mertens, in beleidigender Form verrissen worden. Jahre später hat Schottlaender, inzwischen Ordinarius für Klassische Philologie, über dessen Antigone Übersetzung kein Kritiker ein böses Wort sagte, über Curtius geschrieben: Es fällt mir nicht ein, an der Lebensleistung Ernst Robert Curtius', insbesondere an seinem Verdienst um Proust, zu mäkeln. Nur daß eben auch er gelegentlich zum bösartigen Fachidioten werden konnte, scheint mir durch sein Vorgehen gegen meine Proust-Übersetzung erwiesen.

Die beiden deutschen Philologen Curtius und Schottlaender konnten unterschiedlicher nicht sein. Curtius tritt 1938 in die NSDAP ein, schreibt aber schon 1932 in seinem Buch Deutscher Geist in Gefahr die schlimmen Sätze: Aber die Schuld trifft nicht nur Deutsche und Deutschstämmige allein, sie trifft ebenso sehr unsere Juden, von denen leider gesagt werden muß, daß sie zum überwiegenden Teile und in maßgebender Betätigung der Skepsis und der Destruktion zugeschworen sind. Diese Juden sind von der Idee des Judentums selbst abgefallene Juden... Sie sind aber auch nicht bereit, sich dem Christentum, dem Humanismus oder dem Deutschtum zu öffnen und es aufzunehmen. Es bleibt ihnen also nur die Negation in ihren zwei Formen: Destruktion und Zynismus. Dagegen müssen wir uns wehren, weil Destruktion in einer so zerklüfteten Nation wie der deutschen zehnfach gefährlich ist. Der Jude Schottlaender überlebt das Dritte Reich nur, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet ist und es ein Gesetz über privilegierte Mischehen gibt.

Der Mediävist Curtius schreibt 1948 das große Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter und will damit vergessen lassen, was vorher war. Ähnlich reagiert sein NSDAP Parteigenosse Hugo Friedrich, der gleichzeitig sein magnum opus Montaigne veröffentlicht (dazu mehr in dem Post Montaigne en allemand). Aber Hugo Friedrich musste sich 1946 auch von dem zur Emigration gezwungenen Leo Spitzer sagen lassen: Sie können nicht ernsthaft glauben, daß die Zusammenarbeit mit Baal die Substanz des Menschen nicht anfresse. Das Leiden, das eine fortwährende Selbstreinigung mit sich hätte bringen müssen, wäre ja so stark gewesen, daß Sie hätten den Verstand verlieren müssen. Das ist es ja gerade, was uns Emigranten so unverständlich ist! Wie die Menschen in Deutschland nicht den Verstand verloren haben ... Besonders kann ich mir Übung der Geisteswissenschaften nicht vorstellen, wenn die Grundlagen des menschlichen Geistes nicht mehr bestehen. 

Die deutschen Proust Übersetzer haben sehr unterschiedliche Biographien. Schottlaender promovierte 1923 in Heidelberg mit einer Arbeit über die Nikomachische Ethik des Aristoteles. Er war noch nie in Frankreich gewesen, hatte aber einen guten Französischlehrer gehabt: Trotz Franzosenhaß wurde Französisch nach alter Tradition in unserer Schule früh und ausgiebig gelehrt. Eva Rechel-Mertens hatte Romanistik studiert, sie war fünfundfünfzig, als sie bei Suhrkamp eingestellt wurde. Da konnte sie auf eine Übersetzertätigkeit zurückblicken, die bis in die zwanziger Jahre zurückreichte. Und vielleicht hatte ihr Doktorvater sie damals schon in Gedanken als Übersetzerin der Recherche auserkoren und wandte sich deshalb voller Hass gegen den Konkurrenten Schottlaender.

Michael Kleeberg war vierzig, als er Prousts Combray übersetzte (nach Werbung des Verlags der einzig wahre Proust). Da hatte er schon viele Texte aus dem Französischen und Englischen übersetzt, ein halbes Dutzend Romane geschrieben und zwölf Jahre in Frankreich gelebt. Bernd-Jürgen Fischer war siebzig, als der erste Band seiner Übersetzung bei Reclam erschien. Er war dreizehn Jahre Dozent in der Germanistik, bevor er freier Autor wurde. Michael Kleeberg ist der einzige der Proust Übersetzer, der keinen Doktortitel hat. Vielleicht lieben ihn die Kritiker deshalb nicht.

Was über die deutschen Proust Übersetzer hier in Kurzform steht, kann man bei Nathalie Mälzer in ihrem Buch Proust oder ähnlich: Proust Übersetzen in Deutschland genauer lesen. Oder in dem zweiteiligen Forschungsbericht Proust übersetzen (I) und Proust übersetzen (Teil II) von Dietrich Leder im Netz. Der Nachlass von Eva Rechel-Mertens, den Petra Bös in ihrem Artikel bespricht, befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Ich war achtzehn, als ich Proust zu lesen begann. Ein Jahr später war ich schon beim vierten Band. Das können Sie meiner Leseliste entnehmen, die in dem Post perlegi abgedruckt ist. Mein Proust war damals natürlich der Proust von Eva Rechel-Mertens. Das reichte mir fürs Leben; ich fand es überflüssig, dass der Suhrkamp Verlag andere (wie zum Beispiel Luzius Keller) zur Überarbeitung des Textes heranzog, um das dann als die großes Ereignis zu feiern. Manche Kritiker fanden das eher eine Verschlimmbesserung. Rudolf Schottlaenders Der Weg zu Swann habe ich mit Gewinn gelesen. Man kann die Erstausgabe antiquarisch noch preiswert bekommen, aber es gibt inzwischen auch einen noch preiswerteren Nachdruck. Eine Lesefreude ist das nach hundert Jahren noch immer.


Sonntag, 12. April 2026

Schmetterlinge im Eis


Herbert Grönemeyer wird heute siebzig, da muss man gratulieren. Seit beinahe einem halben Jahrhundert singt er, und er tritt immer noch auf. Wenn wir die Wörter Bochum und Currywurst lesen, denken wir zuerst an Grönemeyer. Mit den Jahren sind seine Texte immer poetischer geworden, spätestens als er Der Weg sang. Und da nehmen wir doch heute mal einen Text von ihm. Er heißt Schmetterlinge im Eis und war das letzte Lied auf seinem zehnten Studioalbum:

hab dir viel aufgehalst
auf dir abgestellt
dein herz umgedreht
deine nerven zerrissen
dein stehvermögen ausgereizt
dich angezählt
deinen guten willen zum stehkragen aufgepumpt
deinen blick unendlich getrübt
dir übermenschliches abverlangt

meinen wahn abgeteilt
in deinem zimmer jede ecke eingeklagt
für mein falsches los
dich vergöttert, geplättet, zerrüttet
mit meiner sucht nach trost
meine knoten zum lösen überlassen
meine wogen zum glätten vermacht
hast jede welle ruhig ans ufer gelegt

was ich verdiente, hast du mir gegeben
den gerechten preis habe ich bezahlt
brauch dich zurück zum überleben
deine schmetterlinge im eis

keiner spricht meine sprache
kauft mir meine erinnerungen ab
kein gebot
keiner holt meinen koffer
eröffnet mein verfahren
zahlt die kaution
keiner verschafft mir ein alibi
keiner nimmt mein gnadengesuch an
keiner, der mich mit der wahrheit verschont

was ich verdiente, hast du mir gegeben
den gerechten preis habe ich bezahlt
brauch’ dich zurück zum überleben
deine schmetterlinge im eis

keiner weint meine tränen
keiner leidet
keiner übernimmt meinen bann
keiner macht ungeschehen
fängt für mich von vorn an
keiner löst meine schlinge
setzt mein urteil aus
keiner besticht den henker
löst mich auf dem alptraum heraus
keiner ändert das drehbuch
keiner setzt den film ab
keiner betet für mich
keiner, der mir deine meinung sagt
keiner verrät mir das codewort
gibt mir deinen aufenthaltsort preis
treib auf einem einsamen berg
brauch deine schmetterlinge im eis…

Aber da ist noch ein anderer, der heute Geburtstag hat, und das ist der Barni. Den kenne ich seit über dreißig Jahren, seit ich an einem schönen Sommertag auf dem Flohmarkt eine Uhr bei ihm kaufte. Ich habe über die Jahre viel bei ihm gekauft. Zu echten Freundschaftspreisen. Der Barni wird auch schon, als ich anfing zu bloggen, in dem Post Flohmarkt erwähnt. Er fand immer erstaunliche Sachen, die orangegelbe Doxa 300 T habe ich auch von ihm. Die Zenith AF/P auch. Er zeigt mir alles, was er hat, aber er verkauft nicht alles. Von der Eternamatic Super Kontiki wollte er sich zuerst nicht trennen, aber dann landete die Superuhr doch bei mir. Zu einem Freundschaftspreis. Ich habe in dem Post meine Uhrmacher über den Barni gesagt, dass er schon zu einem Freund geworden ist, und das ist er wirklich.

Die letzte Uhr, die ich bei ihm kaufte, ist diese schöne Alpina Siegerin aus dem Jahre 1940. Sieht in der Wirklichkeit noch besser aus als auf dem Photo, und hat jetzt ein schöneres Band. Ihr ihr tickt das rechteckige Kaliber 490, das noch mit einer Weicheisenkalotte ummantelt ist, das schützt vor Magnetismus. Deshalb konnte die Firma auch antimagnetisch auf den Gehäuseboden schreiben. Es gab von der Uhr auch ein wasserdichtes Modell, das sehr, sehr selten ist. Siegerin ist ein Markenname von Alpina und Dugena, er findet sich auf vielen Dienstuhren der Kriegsmarine. Wenn da noch KM auf dem Zifferblatt steht, zahlen Sammler heute schon fünfhundert Euro für solch eine Uhr. Ich habe zwei von den Dingern, haben mich vor dreißig Jahren zehn Mark das Stück gekostet. Gehen nach über achtzig Jahren immer noch. Die Alpina Uhren (die hier schon einen Post haben) mit den Werken von Marc Favre sind unverwüstlich.

Ich weiß nicht, ob der Barni, der früher in einer Band spielte, bevor er Flohmarkthändler wurde, Herbert Grönemeyer mag. Die Herbert Grönemeyer Uhr von Wempe mit einem Eta Werk für 2.950 Euro wird der Barni bestimmt nicht mögen. Da kann man nur mit Grönemeyer fragen: Was soll das? Die Uhr ist zwar rechteckig wie meine Siegerin, hat aber nicht die Klasse einer alten Alpina. Der Barni hat sowieso bessere Uhren als diese Grönemeyer Uhr hier. Das letzte Mal, da ich ihn sah, hatte er eine alte Omega Seamaster 300 am Arm. So etwas hat Stil. 

Und viel Stil hat natürlich die alte rechteckige Alpina Siegerin. Ich habe da ein kleines Sondersammelgebiet: rechteckige Uhren aus den 1930er Jahren, da passt sie hin. Manche Uhren haben schon Stoßsicherungen wie die Wagner select und die wasserdichte Eterna. Die schöne Cyma mit dem drei Tage Werk läuft nur noch 30 Stunden, keine 72 Stunden mehr. Weil heute kein Fourniturenhändler eine Feder für ein Cyma 334 Werk mit der Dreiviertelplatine finden kann. Ist aber ein schönes Werk. 15 Steine und Genfer Streifenschliff. Und schon eine Stoßsicherung. Das Photo stammt nicht von meiner Uhr, diese Uhr hat die berühmte →Amelia Earhart ihrem Ehemann geschenkt. Meine beiden Lieblingsuhren aus der rechteckigen Abteilung sind die beiden Moeris, die jeder kurvigen Gruen oder jeder →Movado Curviplan Konkurrenz machen.

Und bevor ich mich jetzt (mit der Siegerin am Arm) mit dem Thema Uhren festschreibe, muss ich doch die Geburtstagsgrüße loswerden: Happy Birthday HerbieHappy Birthday Barni!
 

Mittwoch, 12. Februar 2025

Chronometer

Die Observatorien von Neuchâtel, Genf und Kew, die seit dem 18. Jahrhundert bestanden, haben neben dem Beobachten von Sternen auch Uhren getestet. Spätestens als John Harrison dem Board of Longitude die erste genaue Uhr der Welt lieferte (die Larcum Kendall nachbaute), wussten sie, dass sie in der Zukunft nicht nur Sterne beobachten würden. England brauchte genau gehende Marinechronometer, um die Seeherrschaft zu gewinnen. Das Britannia rule the waves verdankt England seinen Uhrmachern. Zuerst kamen nur Taschenuhren zur Prüfung, die als Marinechronometer bei der Flotte Einsatz fanden. Die hatten noch keine Ankerhemmung, die die Uhren heute haben, die hatten eine Chronometerhemmung. Wie diese Hemmung funktioniert, können Sie hier im Modell sehen. Nach den Uhren mit Chronometerhemmung kamen die sogenannten Halb-Chronometer. Das waren Uhren mit Schweizer Ankerhemmung und einer sehr großen Kompensationsunruhe, die in verschiedenen Lagen feingestellt waren. Der Begriff half-chronometer taucht in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf.

In Deutschland wurden die Marinechronometer bei der 1874 gegründeten Deutschen Seewarte in Hamburg geprüft. Hier lieferten die Chronometermacher aus →Hamburg, →Glashütte und →Kiel ihre Uhren zur Prüfung an. Was die Firmen für die Prüfung einreichten, sah häufig nicht wie eine normale Uhr aus. Dies ist ein Movado Marinechronometer, der 1927 die höchste Genauigkeit erreichte. Werte, die meine beiden Movados nie erreichen werden, weder die 28-steinige Kingmatic noch der goldene alte Movado Celestograph.

Die Prüfung für Armbanduhren war für die Sternwarten lange Zeit kein Thema. Zwar ließen seit den 1920er Jahren immer wieder einzelne Hersteller, wie zum Beispiel Rolex, Einzelstücke und kleine Mengen von Uhren zu Werbezwecken testen, aber die umkämpften jährlichen Genauigkeitswettbewerbe in Neuchâtel begannen erst 1945. Zu diesen Wettbewerben reichten die Firmen nur kleine Zahlen von Uhren ein, häufig immer wieder dasselbe Werk. Max Studer, der Regleur und Technische Direktor von Patek, hat diese Uhren einmal als hochgezüchtete Formel 1 Renner bezeichnet. Das war die große Zeit von Omega mit ihrem Omega 30 T2 und Zenith mit dem Kaliber 135, die belegten immer die ersten Plätze. Rolex war da nie zu sehen, Hans Wilsdorf war beleidigt und stieg aus den Wettbewerben aus. Sagte, dass er nur noch in Kew prüfen lassen würde. Solche in Kew geprüfte Uhren hat es zwar gegeben, aber es waren in den meisten Fällen Einzelstücke.

Die Wettbewerbe in Neuchâtel fanden 1968, kaum dass sie bgonnen hatten, ein Ende, niemand weiß so Recht warum. Es wurde geargwöhnt, dass die Schweiz befürchtete, dass Seiko, die ab 1963 an den Wettbewerben teilnahmen, die ersten Plätze einnehmen würde. 1965 hatten drei Seiko Werke den Titel Chronometer bekommen, es reichte nur für den 114. Rang. Allerdings konnte Daini Seikosha einen sechsten Platz in der Gesamtwertung aller Hersteller erringen. 1966 qualifizierten sich 32 Seiko Werke, von denen das beste auf Rang neun kam. Daini Seikosha belegte in der Herstellerwertung den dritten Platz. Ein Jahr später waren Daini Seikosha und Suwa Seikosha mit ihren Uhren auf den Plätzen zwei und drei. Dass sich die Schweiz jetzt vor den Japanern fürchtete, was nur berechtigt. Aber wahrscheinlich lag der Abbruch an einem anderen Grund. Und das waren die Quarzuhren, die man zugelassen hatte, die natürlich jeden mechanischen Chronometer schlagen würden. Einen solchen Wettbewerb führen zu wollen, hieße Äpfel mit Birnen zu vergleichen.
 
Die Japaner reisten nicht ab, sie glaubten an das per aspera ad astra. Und wechselten von Neuchâtel nach Genf, wo immer noch Chronometerwettbewerbe stattfanden. Die eigentlich nur für in Genf ansässige Firmen vorgesehen waren. Die kleine Sternwarte auf dem Rücken der Omega Constellation zeigt die Genfer Sternwarte, weil Omega damals eine Niederlassung in Genf hatte. Deshalb konnten sie auch eine Modell Geneve herausbringen. Wie Seiko es geschafft hat, in Genf zugelassen zu werden, weiß ich nicht. Aber der Wechsel von Neuchâtel nach Genf war eine gute Entscheidung, denn die Uhrmacherin Kyoko Nakayama wurde für das Werk, das sie einreguliert hatte, ausgezeichnet. Sie war die erste Frau, die an einem Schweizer Observatorium eine solche Auszeichnung erhalten hatte. Es war bisher eine Männerwelt gewesen, in der Regleure wie Alfred Jaccard (Omega), Ephrem Jobin (Zenith) und André Zibach  (Patek) einen Starstatus hatten. Nun sind auch Frauen dabei. Das japanische Arbeitsministerium verlieh Kyoko Nakayama 1971 den Titel Great Craftsperson in the Present World. Ihre Firma schenkte ihr eine Grand Seiko 62GS. Das fünfeckige Kaliber R-67 Uhrwerk, das sie 1968 einreguliert hatte, und all ihre Werkzeuge, mit denen sie gearbeitet hatte, sind heute im Seiko Museum zu besichtigen.

1968 war auch ein gutes Jahr für Daini Seikosha, die ihr neu entwickeltes Handaufzugswerk Kaliber 4500 (ein Verwandter des Kalibers 54 der Cronos) nach Genf brachten. Zwar erreichte ein Drittel der Uhren nicht die Bedingungen, aber der Rest bekam ein Zertifikat. Die Uhren wurden in Japan in Goldgehäuse eingeschalt und hatten Astronomical Chronometer Officially Certified auf dem Zifferblatt. Astronomisch war auch ihr Preis, die Uhren kosteten ein Mehrfaches einer Grand Seiko. Das Wort astronomisch stand deshalb auf der Uhr, weil Neuchâtel damals den Namen Observatoire Astronomique et Chronometrique de Neuchâtel führte. Die Uhren, die die Chronometernorm verfehlten, waren allerdings in Japan in hauseigenen Tests genau gegangen. Was war passiert? Wahrscheinlich hatten sich auf der langen Flugreise die Unruhspiralen magnetisiert, dieses Risiko bestand sogar bei Nivarox Spiralen immer. Bei den neuen Nivachron Spiralen soll eine Magnetisierung ausgeschlossen sein. 

In dem Konkurrenzkampf der Seiko Töchter hatte jetzt Daini Seikosha die Nase vorn. Das begann mit der King Seiko 44-9990, die viele Sammler heute für die schönste und beste Seiko halten. Daini nahm dieses Werk als Basis und erhöhte die Zahl der Halbschwingungen der Unruhe auf 36.000. Normalerweise haben Schnellschwinger eine ganz kleine Unruhe, aber Daini behielt die Größe der Unruhe des Kalibers 44 bei und setzte stattdessen auf eine enorm starke Feder. Fachleute empfehlen dem Sammler daher, die Uhr nicht ganz aufzuziehen. Bei Schnellschwingern, die mit einem speziellen Öl versehen sind, besteht immer die Gefahr, dass die Federkraft Zacken aus den Zahnrädern heraushaut.

Daini Seikosha baute dieses Werk von 1968 bis 1974, es war das letzte Handaufzugswerk der Firma. Es war auch das letzte Werk der Firma, das von Hand gebaut worden war, danach kam die Automatisierung der Herstellung. Das Werk fand sich nicht nur in der King Seiko, sondern auch in der Grand Seiko 45GS. Das Werk gab es in verschiedenen Qualitätsstufen, manche hatten Chronometer oder VFA (Very Fine Adjusted) auf dem Zifferblatt. Da, wo Chronometer draufsteht, ist nach fünfzig Jahren auch noch Chronometer drin. Meine 45KS, die hier schon im Januar auftaucht, würde heute noch so ein Bulletin de Marche bekommen.

Ich sah die Uhr bei kleinanzeigen, wo sich manchmal interessante Uhren finden. Der Preis für die wirklich seltene Uhr war fair, aber ich wollte sie nicht kaufen. Ich schrieb aber den Verkäufer an und gab ihm die Adresse meines Uhrenblogs, in dem schon viele Seikos waren. Der Blog gefiel ihm, und wir kamen ins Gespräch. Ich wollte den Seiko Chronometer immer noch nicht kaufen, er war teurer als mein Zenith Chronometer oder der Eterna Chronometer. Ich hatte mir eine Obergrenze gesetzt, und ich wollte ja auch keine Uhren mehr kaufen. Der nette Verkäufer sah mein Dilemma. Und er machte etwas Erstaunliches, er setzte den Preis, der eigentlich schon viel zu niedrig für diese Seiko in einem erstklassigen Zustand war, noch einmal herunter.

Den Preis hätte er niemand anderem gemacht, aber nachdem er sich durch den halben Uhrenblog gelesen und auch SILVAE nicht ausgelassen hatte, wusste er, dass sie Uhr in guten Händen war. Das mit den guten Händen sagen sie bei dem blöden Horst Lichter auch immer, und wir wissen, dass es eine Lügenfloskel ist. Nirgends wird über Uhren so gelogen und soviel Unsinn erzählt wie bei Lichter. Die 45KS hat natürlich noch ein Goldplättchen auf dem Boden, manche von den späteren 45KS haben das nicht mehr. Die Uhr ist jetzt an einem hellgrünen Krokoband von Cornelius Kaufmann, das habe ich mal billig vor Jahrzehnten von einem Händler bekommen. Bei dem Preis, den ich damals für eine Handvoll Bänder der Premium Kollektion (Swiss Made) bezahlt habe, vermute ich immer noch, dass die von einem Lastwagen gefallen waren. Ich bin dem Marcel dankbar, dass ich diese Uhr gekriegt habe, die es außerhalb Japans kaum geben wird. Er ist schon ein klein wenig traurig, dass er die Uhr verkauft hat, aber es tröstet ihn, dass sie jetzt wirklich in guten Händen ist. 

Sonntag, 19. Januar 2025

Cronos



Das sind zwei Uhrwerke der japanischen Firma Seiko, sie sehen sich ziemlich ähnlich. Das linke Werk ist das 54A in einer Seiko Cronos, das rechte ist eine Fortentwicklung des Cronos Werks, es findet sich in der King Seiko 44. Weshalb Seiko den Namen Cronos so geschrieben hat, weiß ich nicht, sie hatten später auch mal ein Modell namens Chronos. Das ist allerdings kein Modell, das von Sammlern gesucht wird, eine alte Seiko Cronos schon.

Man weiß nicht so ganz genau, wer dieser griechische Chronos war, den Goethe als Schwager Kronos bedichtete, aber er hat irgendetwas mit der Zeit zu tun. Weshalb wir seinen Namen in Chronometern, Chronographen und einem Uhrenmagazin namens Chronos wiederfinden. Dieser Chronos wird häufig mit dem Titanen Cronus verwechselt, der der Vater von Zeus war. Der hatte als Attribut, wie Kunsthistoriker diese Beigaben nennen, die Sense. Welches Instrument er auch immer verwendete, er ist derjenige, der seinen Vater Uranos kastrierte. 

Mit all dem hat der Vater der Zeit, der Flügel hat und den Zodiac Bogen dreht, nichts zu tun. Aber irgendwann (nicht in griechischer Zeit) bekam er auf Bildern, Deckengemälden  und Statuen, bei denen er eine Allegorie der Zeit ist, auch diese mörderische Sense in die Hand. Falls Sie ihre Kenntnis von griechischen Göttern, Halbgöttern und Helden auffrischen wollen, kann ich die Lektüre des Posts Heldensagen empfehlen. Das ist ein Post, der schon siebeneinhalbtausend Leser hat (genau zwanzigtausend Leser weniger als der Post Morning Coat).

Die sehr flache 36 mm große Cronos kam 1958 auf den Markt. Es war eine Uhr, mit der die Firma Daini Seikosha dem Modell Seiko Marvel von Suwa Seikosha Konkurrenz machen wollte. In der Geschichte von Seiko hat die Marvel mit 23 Steinen eine besondere Bedeutung, weil man sie als eine Vorstufe der Grand Seiko ansehen kann. Dazu habe ich  hier eine sehr interessante Seite mit dem Titel The birth of Grand seiko or how the Marvel changed Seiko's history. Wir sind jetzt zehn Jahre vor der Zeit, da Seiko die erste Quarzuhr auf den Markt bringt. Die beiden Abteilungen von Seiko (Suwa und Daini) kämpfen darum, wer die flachste Uhr mit einen Qualitätswerk auf den Markt bringt. Sie werden in dem Jahrzehnt, bevor sie die Welt mit der Quarzuhr Seiko Astron überraschen, erstaunliche Uhren bauen. Alle diese Uhren waren JDM Uhren (Japanese Domestic Market), viele hatten ein Chronometerzertifikat.

Man kann das bei dieser Seiko Goldfeather aus dem Jahre 1960 sehen, dass sie ein ganz flaches Uhrwerk hat. Nur drei Millimeter war es hoch, das flachste Werk der damaligen Zeit. Und es waren zum ersten Mal Werke, die Seiko vollständig selbst konzipiert und gebaut hatte. Vorher hatten sie noch Werke aus der Schweiz bezogen (zum Beispiel von Moeris) und Schweizer Werke kopiert. Jetzt sind sie wirklich eine Manufaktur. Man bezeichnet im Englischen diese eleganten Uhren als dress watch, also Uhren, die man bei besonderen Gelegenheiten trägt. Wenn Daini die Goldfeather hatte, dann hatte Suwa 1960 die → Liner, eine flache dress watch (die es auch als Chronometer gab), die allerdings nur vier Jahre gebaut wurde,

Man trägt damals eine dress watch zu eleganten Anzügen und zum Smoking. Was dieser Herr hier trägt ist definitiv keine dress watch, das ist eigentlich nur geschmacklos. Zurückhaltung ist bei Uhren in den sechziger Jahren noch angesagt. Die Mark Zuckerbergs, die Uhren für 900.000 Dollar tragen, gibt es noch nicht. Im ersten James Bond Film hält man sich noch an die Konventionen, da trägt James Bond auch nicht die fette Rolex, die ihm der Produzent Cubby Broccoli für die Dreharbeiten geliehen hatte; nein, er trägt eine goldene Gruen mit dem Kaliber 510. Sean Connery hat die goldene Gruen übrigens in mehreren Filmen getragen, wir können sie auch in Goldfinger sehen, wenn er mit Oddjob kämpft und die Welt rettet. Kann man alles mit einer Gruen machen, dafür braucht man keine Omega oder Rolex.

Die erste Cronos sah aus wie eine Golduhr, das Gehäuse war allerdings nicht reines Gold, sondern 14K Gold Filled. Das ist aber schon beinahe richtiges Gold. Das Gold Filled Verfahren wurde früher von den amerikanischen Herstellern von Taschenuhren verwendet, die auf ihre Produkte bis zu siebzig Jahren Garantie gaben. Meine Cronos aus den sechziger Jahren sieht immer noch wie neu aus. Seiko brachte 1959 die Cronos auch mit einem Edelstahlgehäuse heraus, das allerdings nicht mehr acht Millimeter flach war wie die goldene Cronos. 

Es war keine dress watch mehr, es war eine Sportuhr, auf deren Boden → WaterProof stand. Fünfzig Meter sollten es sein. Den Gehäuseboden zierte das kleine Seepferdchen, das sich auch auf meiner alten Seiko Champion 850 Sea Horse (und meiner Skyliner) findet. Seiko verwendete das Seepferdchen als Symbol für wasserdichte Uhren nur bei den Handaufzugsuhren. Wasserdichte Automatikuhren bekamen einen Delphin auf den Gehäuseboden. Auf dem Zifferblatt stand entweder Water50Proof oder Sea Horse und wenn Sie diese Uhr, die Seiko auch als die erste Taucheruhr bewarb (wie man hier sehen kann), mal in voller Arbeit sehen wollen, dann klicken Sie dieses Video an.

Diese beiden Cronos Modelle, die verschieden sind wie Tag und Nacht, haben eins gemeinsam: das Uhrwerk 54. Es hat 21 Rubine und eine ziemlich große (11,5 mm) Unruhe. Die Unruhe wird nicht, wie das bei Armbanduhren sonst üblich ist, von einem Kloben gehalten. Sie ist stabil unter einer Brücke angebracht. Rolex hat sein Kaliber 3135 seit 1988 auch unter einer Brücke. Die Konstrukteure von Uhrwerken wussten immer um diese leichte Schwäche der Stabilität der Antriebseinheit. Deshalb verschraubte Dr Kurtz bei seinen in Westdeutschland hergestellten Glashütter Uhren (die zum ersten Mal in Deutschland eine Breguetspirale hatten) den Kloben ziemlich massiv doppelt. Aber auch bei Seiko war man bei der Lord Marvel und der ersten Grand Seiko mit einem breiten Kloben, doppelter Verstiftung und einer Schraube auf der sicheren Seite.

Daini Seikosha nahm 1961 das Werk der Cronos als Basis für die Kaliber 44A und 4402A der King Seiko. Das Werk bekam zwei Steine mehr und kriegte eine Feinregulierung (manche Modelle hatten auch einen Sekundenstopp). Es war die beste Uhr, die Daini Seikosha bisher gebaut hatte. Sie konnte durchaus mit der Grand Seiko (die auch eine Brücke für die Unruhe hatte) konkurrieren, die später auf den Markt kam. Und wie die Grand Seiko hatte die 44KS auch ein Goldmedaillon auf dem Gehäuseboden. Die Grand Seiko 45GS war 1968 die Antwort von Suwa Seikosha auf die 44KS von Daini. Der Wettbewerb der beiden Seiko Töchter brachte die besten japanischen Uhren der sechziger Jahre hervor.

Eine alte Cronos im guten Zustand zu finden, ist schwierig geworden. Ein Händler bei kleinanzeigen schreibt: In letzter Zeit sind selbst gewöhnliche Cronos in gutem Zustand auf dem japanischen Markt nicht mehr aufgetaucht. Dies ist ein Zeitmesser, der für Vintage-Seiko-Sammler gedacht ist. Meine Cronos hatte ich Weihnachten von einem netten Typ aus Dresden zu einem günstigen Preis bekommen. Er versicherte mir, dass die goldenen Indizes auf dem Zifferblatt aus echtem Gold seien. Die kleine achteckige Sonne bei der sechs weist auf ein Special Dial mit Indizes aus 14 oder 18 Karat Gold hin. Die Uhr kam sogar mit einem unbenutzten originalen Seiko Lederband. Das musste aber weichen, sie hat jetzt ein dunkelgrünes Krokoband, das eine andere Uhr für diesen kleinen Schatz hergeben musste. Es war der letzte Uhrenkauf des Jahre 2024. 

Obgleich der Uhrenmarkt eigentlich ziemlich tot ist und die Preise exorbitant geworden sind, ist mir doch in diesem Jahr mit viel Suchen und diplomatischen Verhandlungen gelungen, einige Uhren verhältnismäßig preiswert zu bekommen, die auf jeder Sammlerliste eines Uhrenfreundes stehen. Das war der Eterna Chronometer, die Zenith Defy und die Zenith Captain Chronometer. Und dann kam dank meiner Freunde bei Tokei Japan noch die Seiko Superior hinzu. Die killer watch, die nicht von meinem Arm weicht. Nichts davon war vierstellig. Bei ebay und Chrono24 hätten die Uhren das Drei- und Vierfache gekostet. Ich habe zum Abschluss noch ein Bild von meiner goldenen Cronos (noch mit dem orginalen blauen Seiko Lederband). Sie können hierbei schön sehen, wie flach diese Uhr ist.

Dienstag, 26. November 2024

Citizen


Dies ist meine erste Citizen, ein Flohmarktfund zur D-Mark Zeit. Auf dem Zifferblatt und dem Schraubboden steht Parawater, so hatte die Firma ab 1959 ihre wasserdichten Uhren benannt. Die Uhr kostete damals nur kleines Geld, und der Händler sagte: Citizen Uhren laufen immer. Das traute ich dieser Uhr zu, sie war nie getragen worden. Die hellgrüne Leuchtmasse zwischen den Indizes und auf den Zeigern (sogar die kleine Kugel auf dem Sekundenzeiger) leuchtet nach einem halben Jahrhundert immer noch. Die Uhr hat ein wirklich gutes Handaufzugswerk mit einundzwanzig Steinen, das die Kalibernummer 1802 hat. 

Das Werk ähnelt dem Seiko Kaliber 6222, und man hat das Gefühl, dass das alles japanische Klone des guten alten Schweizer ETA 1080 der fünfziger Jahre sind. Hier auf dem Bild können wir links das Werk der Seiko Super aus dem Jahre 1950 erkennen, rechts ist das ETA 1080. Auf einer Seiko Seite steht zu diesem Thema: The ETA 1080 was a ground breaking movement and defined the architecture of many manually wound movements for the next decade. The similarity between the Seiko movement and the ETA movement developed at the same time is remarkable. While the size and overall architecture are clearly the same, the actual location of the pinions do not line up exactly so one movement is not a direct clone of the other. However, the ‘Super’ was never claimed by Seiko to be an in-house movement so does this mean the super was in some way related to the Swiss movement? We think it probably was.

Citizen Uhren laufen immer, erzählte mir nicht nur der Flohmarkthändler. Auch mein Uhrmacher sagte das. Er verkaufte die Promaster wie geschnitten Brot an Segler, Camper und Angler. Die Uhren gehen immer, sind wasserdicht  und leuchten nachts im Zelt. Ich habe einen Citizen Wecker bei ihm gekauft, der von einer dicken Batterie gespeist wird. Wenn der klingelt, dann hört man das noch in den nächsten Stockwerken des Hauses.

Ich schreibe heute über die japanische Uhrenmarke Citizen, weil vor hundert Jahren zum ersten Mal der Name Citizen auf einer Taschenuhr erschien. Deshalb hat man in diesem Jahr zur Feier eine Taschenuhr herausgebracht, die so aussieht wie das Modell von früher. Das Snowflake Zifferblatt soll wohl bedeuten, dass in den hundert Jahren viel Schnee in Japan gefallen ist. In Japan liebt man ja diese Snowflake oder Diamond Dust Zifferblätter für Luxusuhren, das ist bei Seiko nicht anders. Das Werk ist auf dem neuesten Stand der Technik, hat sogar eine Stoßsicherung. Und es ist mit seinen Côtes de Genève und der perlierten Platine ja auch optisch schön anzusehen.

Aber zu Schönheit kommt bei Uhren noch die Genauigkeit, und auch da glänzt das Werk. Auf den Schenkeln der Unruh können Sie Schrauben und Gewichte sehen. Wenn man so etwas baut, dann will man eine Uhr feinregulieren. So fein, dass sie ein Chronometerzeugnis bekommt. Denn damit wird sie ausgeliefert, allerdings wird es schwierig, solch eine Jubiläumsuhr zu kaufen. Zum einen liegt sie preislich mit 7.000 Euro erheblich über dem Flohmarktpreis meiner hundert Jahre alten IWC Taschenuhr, zum anderen wird es weltweit nur hundert Stück geben.

Meine Zenith Taschenuhr, die neben dem Computer liegt, ist schon erwähnt worden. Wenn der Uhrmacher Petersen die überholen würde, wäre sie bestimmt wieder ein Chronometer. Aber der Uhrmacher hat im Augenblick zu viel zu tun; und ich warte noch, dass ich meinen Eterna Chronometer zurückbekomme. Meine Bunn Special schafft die Chronometernorm bestimmt ohne Schwierigkeiten, die superflache goldene Hamilton aus den 1930er Jahren auch. Die beiden letztgenannten und meine alte IWC sind Uhren, die nach hundert Jahren auch noch dieses Chronometerzeugnis bekommen würden, das die Jubiläums Citizen hat. Taschenuhren können sehr genau gehen, wenn man sie über hundert Jahre in einer Lage laufen lässt. Und ihnen von Zeit zu Zeit ein Tröpfchen Öl an der richtigen Stellen spendiert.

1918 war das Shokosha Watch Research Institute von Kamekichi Yamazaki gegründet worden, aus dem die Firma Citizen hervorging. Uhren produzierte man noch nicht, man bildete erst einmal Uhrmacher aus. Aber im Dezember 1924 hat man diese erste 15-steinige Taschenuhr (es gab sie auch mit zehn Steinen) fertig, die den Namen Citizen trägt. Den Namen soll der Bürgermeister von Tokio Shimpei Goto vorgeschlagen haben, eine Uhr für die Bürger sollte es sein. Eine der ersten Uhren verehrt man dem Kaiser, der mit dieser Uhr sehr zufrieden ist. 1924 taucht auch ein anderer japanischer Firmenname auf, da erscheint zum ersten Mal der Markenname Seiko auf dem Zifferblatt einer Armbanduhr der 1881 gegründeten Firma von Kintarō Hattori. Den Namen Seiko lässt sich die Firma auch gleich als Markennamen schützen. Aber im Gegensatz zu Seiko ist Citizen noch keine Firma, es ist erst einmal nur der Name einer Uhr. Sechs Jahre später wird daraus mehr. Da kauft Yosaburo Nakajima (Bild), der vorher für eine Schweizer Firma in Tokio tätig war, das Shokosha Watch Research Institute und gründet mit einigen anderen die  Citizen Watch Co., Ltd. Es wird die größte japanische Uhrenfabrik werden. 

Es ist auch Schweizer Kapital und Know-How bei der Gründung dabei gewesen. Und man muss auch betonen, dass alle japanischen Uhren der 1920er Jahre mit Schweizer Maschinen gefertigt wurden. Ohne die Schweiz geht noch nichts in Japan. Der eigentliche Gründer von Citizen ist ein Schweizer namens Rodolphe Schmid, der in Neuchâtel eine Uhrenfabrik mit dem Namen Cassardes besaß. Schmid war als Dreiundzwanzigjähriger 1894 nach Yokohama gekommen, handelte mit Uhren und hatte in den 1920er Jahren eine Uhrenfabrik mit zweihundert Beschäftigten in Tokio. In seiner Firma arbeiteten als Geschäftsführer Yosaburo Nakajima und Ryoichi Suzuki, die heute als die Citizen Gründer gefeiert werden. 

Der Markenname Citizen wurde 1930 in der Schweiz von der Uhrenfabrik R. Schmid & Co. eingetragen, die auch als Lieferant von Uhrenteilen und Zifferblättern von Citizen auftrat. Schmid hatte zusammen mit seinen Geschäftsführern Yosaburo Nakajima und Ryoichi Suzuki auch noch eine kleine Firma namens Star Watch Company, mit der sie Schweizer Uhren importierten. Insbesondere die Mido Multifort. Denn jetzt sind unkaputtbare Armbanduhren wie die Mido Multifort und die Wittnauer Allproof (die sich schon in dem Post Sportuhren findet) angesagt, nur so etwas kann man in Asien verkaufen. 

Alle drei Armbanduhren, die Citizen in den dreißiger und vierziger Jahren herausbringt, sind Kopien von Mido Uhren. Die ersten Citizen Werke nach Schweizer Vorbild sehen noch recht einfach aus. Im Absatz oben ist das 15-steinige Werk der Type F, der ersten Armbanduhr im Jahre 1931. Diese schlichte und einfache Uhr kostet heute bei ebay tausend Euro. Vielleicht gibt es ja Sammler dafür. Ich hätte lieber den Chronometer, den Citizen von 1962 bis 1966 gebaut hat, um der Firma Seiko mit ihren Grand und King Chronometern zu zeigen, dass sie so etwas auch könnten. Zwischen dem ersten Armbanduhrenwerk von Citizen und diesem Chronometer liegen genau dreißig Jahre und ganze uhrmacherische Welten.

Heute ist Citizen, die durch ihren Werkehersteller Miyota auch andere Firmen beliefern, der größte japanische Uhrenhersteller. Wenn man sich einmal die Chinesen wegdenkt, über deren Produktionszahlen man nichts weiß, ist Citizen wahrscheinlich der größte Uhrenhersteller der Welt. Genaue Verkaufszahlen gibt es nicht, aber man schätzt, dass die Firma zweihundert Millionen Uhren im Jahr verkauft. Dagegen nimmt sich der Schweizer Riese Rolex mit einer Million wie ein Zwerg aus. Wenn bei der Gründung der Firma Citizen auch die Schweiz ein bisschen mit ihm Spiel war, sieht das heute anders aus: Citizen kauft sich ein bisschen von der Schweiz. Im März 2012 erwarb die Citizen Watch Ltd die in La Chaux-de-Fonds ansässige Firma Prothor Holding, zu der die Prototec SA, die La Joux-Perret SA und die Luxusuhrenhersteller Graham Watches SA und Arnold & Son (The British Masters) gehörten. Im Mai 2016 kaufte Citizen die Schweizer Frédérique Constant Gruppe mit den Marken Frédérique Constant, Alpina und Ateliers de Monaco.

Früher sagte man zu den Uhren von Citizen Kaufhausuhren, weil man sie bei Karstadt und Hertie kaufen konnte und nicht beim Juwelier erwarb. Von den Kaufhäusern ist wenig übriggeblieben. Karstadt heißt jetzt Galeria, hat aber immer noch Citizen im Angebot. Die preiswerteste Citizen Uhr kostet 99 Euro, die teuerste 695 Euro. Was man nicht bei Galeria kaufen kann, ist das Luxusmodell The Citizen, das soviel wie eine Rolex kostet und zur Hundertjahrfeier auch in Deutschland erhältlich sein soll.

Ich weiß nicht, ob Citizen etwas für Sammler ist, aber ich habe mir im Jubiläumsjahr eine Citizen gegönnt, die vielleicht eine kleine Seltenheit ist. Denn da, wo normalerweise der Firmenname auf dem Zifferblatt steht, steht bei dieser Uhr Nippon Express Co. Ltd. Es ist eine Jubiläumsuhr aus dem Jahre 1968, die an verdiente Mitarbeiter von Nippon Express ausgegeben wurde. Die Uhr hat eine schöne Größe von 36 mm und liegt dank der tief gezogenen Hörner (spider lugs) auch sehr gut auf dem Arm. In der Uhr werkelt ein 17-steiniges Automatikwerk, das ist nix Dolles. Aber die Uhr geht immer, sogar sehr genau. Weil eine Citizen immer geht.