Freitag, 17. Oktober 2025
Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?
Montag, 13. Oktober 2025
250 Jahre US Navy
Der heutige Tag ist in den USA der Tag der Marine, heute vor 250 Jahren wurde sie gegründet. Das hat Donald Trump in der ihm eigenen pompösen Sprache so angeordnet: NOW, THEREFORE, I, DONALD J. TRUMP, President of the United States of America, by virtue of the authority vested in me by the Constitution and the laws of the United States, do hereby proclaim October 13, 2025, as a day to commemorate the founding of the United States Navy with appropriate ceremonies and programs. I call upon all Americans to honor the Navy’s rich heritage, and the patriotism of all who have served.
IN WITNESS WHEREOF, I have hereunto set my hand this tenth day of October, in the year of our Lord two thousand twenty-five, and of the Independence of the United States of America the two
hundred and fiftieth. DONALD J. TRUMP
Aber kann das stimmen? Rechnen wir mal eben zurück auf den 13. Oktober 1775. Wie soll es hier eine United States Navy geben, wo es überhaupt noch keine United States gibt? Das sind da alles noch englische Kolonien. Man ist offenbar etwas großzügig mit der Zeitrechnung. Wenn 1775 eine Navy gegründet wird, dann ist das die Continental Navy, nicht die US Navy. Die Continental Navy wird 1785 aufgelöst, die restlichen Schiffe, die noch nicht von der Royal Navy versenkt wurden, werden verkauft. So wie man 1852 die deutsche Reichsflotte verkauft.
Aber es ist dem gerade entstehenden neuen Staat schon klar, dass man eine Flotte brauchen wird. It follows then as certain as that night succeeds the day, that without a Decisive Naval force we can do nothing definitive, and with it every thing honourable and glorious schreibt George Washington (dessen Landsitz den Namens eines Admirals trägt) im November 1781 an →Lafayette. Diese Überzeugung hat er durch die Seeschlacht der Chesapeake Bay gewonnen, die wenige Monate zuvor stattfand. The Battle of Chesapeake Bay was one of the decisive battles of the world. Before it, the creation of the United States of America was possible; after it, it was certain, schreibt der Historiker Michael Lewis in The History of the British Navy. Nach der Auflösung der Continental Navy wird die United States Navy am 27. März 1794 offiziell begründet. Für die 250 Jahresfeier müsste man da noch etwas warten.
Dieses Bild zeigt die Andrew Doria, benannt nach dem italienischen Seehelden Andrea Doria. Das war das erste Schiff, dessen Flagge von einer anderen Nation anerkannt wurde. Das können wir in Barbara Tuchmans Buch The First Salute (Der erste Salut) lesen. Dass der 13. Oktober 1775 der Tag der Gründung der Flotte ist, hat der US Congress im Jahre 1971 beschlossen. Weil es an diesem Tag im Continental Congress in Philadelphia einen Beschluss gab: Resolved, That a swift sailing vessel, to carry ten carriage guns, and proportionate number of swivels, with eighty men, be fitted with all possible dispatch, for a cruise of three months . . . That a[nother] Committee of three be appointed to prepare an estimate for expence, and lay the same before Congress, and to contract with proper persons to fit out the vessel . . . That another vessel be fitted out for the same purposes [and] a committee [be] appointed to bring in regulations for [a] navy. Bis zum Jahr 1972, als der Admiral Elmo Zumwalt den Geburtstag verkündete, hatte es nur einen →Navy Day am 27. Oktober (dem Geburtstag von Präsident Theodore Roosevelt) gegeben.Dienstag, 7. Oktober 2025
Sommerurlaub, Atomphysiker, Motorräder und Goethes 'Faust'
Unser rothaariger Organist war mit seinem Saab in Kopenhagen gewesen. Er ist da sehr vorsichtig gefahren, weil er aus der Provinz kam und Kopenhagen eine Großstadt ist. Obgleich da in den fünfziger Jahren noch nicht so viel los war. Meine Mutter hatte mal mit unserem blauen Opel ein Rencontre mit einer Kopenhagener Straßenbahn (die hatte natürlich schuld), hat den Schaden aber sofort ausbügeln lassen. Die Sache wäre unentdeckt geblieben, bis mein Vater fragte: Seit wann haben wir eigentlich einen General Motors Sticker hinten auf der Heckscheibe? Da kam die Sache raus.
Ich schweife ab. Ich fange noch mal an. Also, unser rothaariger Organist fährt mit seinem Saab ganz vorsichtig durch Kopenhagen, als ihm aus einer Straße, aus der gar kein Auto kommen kann, weil es eine Einbahnstraße ist, ein amerikanischer Straßenkreuzer vor den Wagen schießt. Ein kleiner Crash ist unvermeidlich. Als er wutentbrannt auf den Fahrer zustürzt, sieht er, dass er Niels Bohr vor sich hat, dem das schrecklich peinlich war. Aber Herr Bohr, das macht doch gar nichts, sagt er, es ist doch gar nichts passiert, das ist doch nicht der Rede wert. Dann haben sich die beiden die Hände geschüttelt und sind weitergefahren. Er hat den Kotflügel nie reparieren lassen, nur einmal überlackiert. Die Beule, die Niels Bohr da reingefahren hatte, war im Sommer 1960 immer noch da. Und war für den Organisten Ebbe X. natürlich immer ein Anlass, diese kleine Geschichte zu erzählen.
We knew as Ernest Rutherford.
New Zealand farmer's son by birth,
He never lost the touch of earth;
His booming voice and jolly roar
Could penetrate the thickest door,
But if to anger he inclined
You should have heard him speak his mind
In living language of the land
That anyone could understand!
One day George Gamow, as his guest,
By Rutherford was so addressed
At tea in honour of Niels Bohr
(Of whom you may have heard before).
The men talked golf, and cricket too;
The ladies gushed, as ladies do,
About a blouse, a sash, a shawl -
'Gamow,' he said, 'I see below
Your motorcycle. Will you show
Me how it works? Come on, let's run!
This party isn't any fun.'
So to the motorcycle Bohr,
With Gamow running after, tore.
And Bohr, who on the saddle sat,
Took off to skim along the Backs,
A threat to humans, beasts and hacks,
But though he started full and strong
He didn't sit it out for long.
No less than fifty yards ahead
He killed the nervous engine dead
And, turning wildly as he slowed,
Stopped traffic up and down Queen's Road.
While Gamow, rushing to the fore,
Was doing what he could for Bohr
Who should like Jove himself appear
But Rutherford. In Gamow's ear
He thundered: 'Gamow! If once more
You give that buggy to Niels Bohr
To snarl up traffic with, or wreck,
I swear I'll break your bloody neck!'
Freitag, 3. Oktober 2025
der dritte Oktober
Wir hatten uns gewöhnt
Und an die windstille
In ihrem schatten
Nun stehen wir entblößt
Nein, das gemeine Beste,
Worauf das Wohl des Staats und unserer Väter stund.
Gut, es ist ein wenig veraltet, was Justus Möser da in seinem Theaterstück Arminius schreibt, aber es hat auch mit unserer Nation zu tun.
Und der Zukunft zugewandt,
Laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muß uns doch gelingen,
Daß die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.
Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind!
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint.
Laßt uns pflügen, laßt uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschlands neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.
Land der Väter und der Erben,
uns im Leben und im Sterben
Haus und Herberg, Trost und Pfand,
sei den Toten zum Gedächtnis,
den Lebend'gen zum Vermächtnis,
freudig vor der Welt bekannt,
Land des Glaubens, deutsches Land.
Der Aufruf Macht das Tor auf des Bundestages von 1958 war im Jahre 1989 endlich erhört worden, als Wahnsinn das Wort der Stunde wurde. Das Wort Willkommenskultur gab es noch nicht im Repertoire der Presse, dies war jetzt ✺Wahnsinn. Sind wir jetzt alle glücklich? Wo sind die blühenden Landschaften? Gibt es ein einheitliches Lohnniveau in Deutschland? Hat das alles angefangen mit dem Gedicht, das der fünfundzwanzigjährige Günther Sattler im September 1989 auf ein Flugblatt schreibt?
wo die wahrheit zur lüge wird,
wo der falsche das zepter führt.
was für ein leben?
wo die freiheit tot geboren,
wo schon scheint alles verloren.
was für ein leben?
wo alte männer regieren,
wo noch menschen an grenzen krepieren.
was für ein leben?
wo die angst den alltag bestimmt,
wo das ende kein ende nimmt.
was für ein leben?
wo man seinen nachbarn nicht mehr traut,
wo man nicht mehr aufeinander baut.
was für ein leben?
wo man nicht sein kann, der man ist,
wo man so schnell vergißt.
was für ein leben?
wo träume sterben,
wo es nichts mehr gibt zum vererben,
außer scherben
was für ein leben?
wo es für wenige alles gibt,
wo der kleine, keinen ausweg sieht.
was für ein leben?
wo liebe nicht existiert,
wo man langsam erfriert.
ABER LEBEN MUß MAN DOCH UND ZWAR HIER!!
Laßt uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind.
Kurz vor der Grenze überfiel mich bei unserer Fahrt, wie bei jedem Grenzübertritt in den Jahrzehnten zuvor, der übliche Schiss. Aber da war nichts mehr mit Kontrolle. Kein Satzbeginn mit Gänsefleisch mehr (Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen?). Keine im Busch lauernden Vopo Wartburgs mehr, wo man doch mit willkürlichen Strafmandaten so schöne Devisen einnehmen konnte. Ich habe meine Strafmandate aufbewahrt, sie sind ein historisches Zeugnis. Die durch die DDR donnernden Laster aus Skandinavien wurden nie aufgeschrieben, die brachten Devisen. Ich traute dem Frieden noch nicht so recht, aber als ich in Schwerin sah, dass Jugendliche aus einem Trabbi heraus vorbeifahrenden Vopos den Mittelfinger zeigten, da wusste ich, dass eine neue Zeit angebrochen war. Das ist die Symbolik der Freiheit. Und an zerbröckelnden Mauern hing jetzt auch schon westliche Reklame. Das erste Billboard, das ich in der Noch-DDR sah, bedeckte die Wand eines zerbröckelnden Hauses. Es war von einer Zigarettenfirma, auf dem Plakat stand nur: WEST. Ich fand das eine schöne Symbolik. Ich ärgere mich noch immer, dass ich meinen Photoapparat nicht mitgenommen hatte.
Das WEST Plakat an der abbröckelnden Mauer und der rote Cola Sticker stehen als Symbole für das, was jetzt kam: Kommerz. Abwickeln, Umrubeln, Plattmachen. Eine Lehrstunde in angewandtem Kapitalismus. Es gab damals einen Krimi aus der Reihe Schwarz-Rot-Gold, in dem der Hamburger Zollfahnder Zaluskowski mit seiner Mannschaft jetzt in Berlin sitzt, und lauter Kriminelle dabei sind, an dem ✺Umrubeln zu verdienen. Da hat es Dieter Meichsner (dem der NDR und wir alle viel zu verdanken haben) uns mal wieder bewiesen, dass man Fernsehkrimis mit politischer Aufklärung verbinden kann.
Der erste Tatort, den die ARD 1970 sendete, hieß Taxi nach Leipzig. Er hatte gezeigt, dass man beide Deutschlands in einem Fernsehkrimi unterbringen konnte. Nach der Wiedervereinigung bekamen wir auf dem Bildschirm viele neue Kommissare, die das deutsch-deutsche Verbrechen bekämpften. Die ganz alten Kommissare gab es auch noch, weil in der Nacht die alten DDR Polizeiruf 110 Folgen des DFF wieder aufgelegt wurden. Die Kommissare Kurt Böwe und Uwe Steimle aus Schwerin waren mir immer die liebsten. Aber leider ist Kurt Böwe, den viele noch aus Konrad Wolfs Der nackte Mann auf dem Sportplatz kannten, inzwischen tot. Und dem Uwe Steimle hat die ARD gekündigt. Die Hauptkommissare Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) hat man auch in Rente geschickt. Ich bin immer noch der Meinung, dass Peter Sodann ein besserer Bundespräsident als Horst Köhler gewesen wäre.
Wir hätten ja von den Bürgerrechtlern lernen können und von der ganzen Intelligenz der Opposition. Wir hätten ja Jens Reich (hier mit Bärbel Bohley im Oktober 1989) zum Bundespräsidenten machen können. Wenn man bedenkt, was seit den griechischen Philosophen alles über die kluge Staatsführung gesagt worden ist. Und was gab es? Keine Konzeption, nur Gemauschel, und die so genannte Treuhand und tausenderlei Skandale, von denen die Leuna Affäre nur einer von vielen ist. Was Leuna bedeutet, weiß ich seit ich klein bin. Weil ich einen Verwandten hatte, der eine Flakeinheit kommandierte, die Deutschlands Chemieindustrie beschützen sollte. Inzwischen haben wir eine Bundeskanzlerin und hatten einen Bundespräsidenten aus der DDR, aber wir können uns noch entsinnen, dass die Kanzlerin alles versucht hat, damit Gauck nicht Bundespräsident wurde. Was hätte sie wohl getan, wenn Peter Sodann Präsident geworden wäre?
Als die DDR Bürger dann in riesigen Zahlen kamen, weil es ein Begrüßungsgeld gab, und als ihre Rennpappen mit dem bläulichen Auspuffgas die Straßen verstopften, als die Geschäfte hier auch am Sonntag offen hatten, damit das Begrüßungsgeld gleich in ihre Kassen kam, da hatte man das Gefühl: jetzt kommt eine neue Zeit. War aber letztlich auch nur Kommerz. Ich habe dem hellblauen Trabbi, der neben mir auf dem Parkplatz stand, einen Zehnmarkschein unter den Scheibenwischer geklebt. Wochen später standen die Russen in der Einkaufsstraße und vertickten Russenuhren, alles nur Komandirskie, die Sowjetarmee bestand offenbar nur aus Kommandeuren. Und wenige Wochen später wurden sie von Leuten abgelöst, die jetzt geschnitzte geflügelte Jahresendfiguren verkauften. Der Ausverkauf des Ostens hatte begonnen. In Berlin sollen sogar Kalaschnikows auf dem Flohmarkt verkauft worden sein.
Ein anderes Bild von einer kommoden Diktatur zeigte uns auch Günter Grass' Roman Ein weites Feld. Den ich übrigens für seinen besten Roman halte. Ich bin kein Fan von Günter Grass, irgendjemand hatte mir diesen voluminösen Pappband in die Hand gedrückt und gesagt: Lies mal! Auf dem Cover stand: Unverkäufliches Leseexemplar... Bitte keine Rezensionen vor dem 28. August 1995. Ich las, es war ein wunderbares Leseerlebnis. Als ich die Geschichte von Fonty Wuttke (hinter dem vielleicht der Verlagschef des Aufbau Verlags Gotthard Erler steckt) las, wurde mir plötzlich klar, dass ich durch das Leben gekommen war, ohne je Fontanes Vor dem Sturm gelesen zu haben. Ein Versäumnis! Als ich mit dem Fontane fertig war, beschloss ich, dass ich jetzt eigentlich auch das tun könnte, wozu mich Friedrich Hübner jahrzehntelang drängte, nämlich endlich Tolstois Krieg und Frieden zu lesen.
Ein weites Feld bietet ein Panorama der deutschen Geschichte. Und das wenige Jahre nach der Wende, da kann man nur sagen: Respekt. Der Filmemacher Edgar Reitz brauchte etwas länger. Mit Heimat 3: Chronik einer Zeitenwende hat Edgar Reitz sein ✺Heimat Projekt abgeschlossen und Wende und Wiedervereinigung auch nach Schabbach kommen lassen: Das ist natürlich schon für mich ein tiefgreifendes Erlebnis zu sagen 'dieses ist der letzte Teil von Heimat', also als berufliche Aufgabe. Und ich habe doch immerhin na bald 25 Jahre mit diesem Projekt verbracht, sodass dieses Projekt selbst eine Art Heimat bildet. Und das zu beenden, das ist nicht schmerzlos. Der Stoff geht mir nicht aus, und Geschichten erzählen unter dem Dach eines großen erzählerischen Werkes das Heimat heißt, das könnte ich ewig fortsetzen so lange ich gesund bin und arbeiten kann. Aber mit deutschen Fernsehsendern mich um das Budget zu streiten, und jede Silbe im Drehbuch rechtfertigen zu müssen, das will ich nicht noch einmal, das ist klar. Deswegen ist es Abschied von Schabbach.
baufälligkeit sie gewarnt worden waren
seit langem & mehrfach & immer vergeblich
klammerten sich einige von ihnen
noch im fallen an einzelne balken
& lobten die pläne der architekten
rühmten auch das fundament in dessen
sich rasch verbreiternden rissen
sie am ende verschwanden
& priesen noch aus der tiefe
das schützende dach dessen trümmer
sie schließlich erschlugen




































