Mittwoch, 14. August 2019

Multitalent


Der in Chicago geborene englische Schriftsteller Frederic Raphael wird heute achtundachtzig Jahre alt. Er hat über zwanzig Romane geschrieben und mehr als ein Dutzend Drehbücher. Und dann noch Biographien und Autobiographien. Von denen ist mir seine Biographie von Lord Byron das Liebste. Raphael war auf einer vornehmen Privatschule und hat in Cambridge Klassische Philologie studiert. Über seine Zeit an der Universität hat er Kurzgeschichten geschrieben, die die BBC 1984 als Oxbridge Blues verfilmte. Die Short Stories reichten ihm nicht aus, er schrieb auch noch einen dreiteiligen Universitätsroman, von dem die BBC dem ersten Teil unter dem Titel The Glittering Prizes als sechsteilige Serie anbot.

Dass er auf der Uni noch etwas anderes gelernt hatte, als über Studenten, Dozenten und Colleges zu schreiben, zeigte er später, als er Klassiker aus dem Griechischen und dem Lateinischen übersetzte. Eine Liebe zu Griechenland ist ihm geblieben, wie man seinem Buch Some Talk of Alexander entnehmen kann. Was immer er schreibt, er ist ein Meister des leicht nebenbei dahingeworfenen Bonmots. Mein Lieblingszitat von ihm ist: As Oscar Wilde should have said, when bad ideas have nowhere else to go, they emigrate to America and become university courses.

Er blieb nicht bei der Klassischen Philologie, erst einmal wurde er Drehbuchautor. Für den Film Darling hat er einen Oscar bekommen. Und falls Sie diesen Film nicht kennen sollten, ich habe den natürlich hier für Sie. Sein erster Film Nothing but the Best war eine schwarze Komödie, vielleicht nicht so bedeutend, wie die drei Filme, die dann kamen. Und die die Höhepunkte des englischen Kinos der sechziger Jahre waren: Darling (1965), Far from the Madding Crowd (1967) und die hübsche Komödie Two for the Road (1967) mit Audrey Hepburn.

Ich habe den Namen Frederic Raphael im Suchfenster meines Blogs eingegeben, und zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass es am 14. August 2015 schon einen Post namens Frederic Raphael gab. Das wusste ich wirklich nicht mehr, es sind hier jetzt beinahe 2.500 Posts, da verliert man schon einmal die Übersicht. Also gibt es heute nur mal die Geburtstagsgrüße und den Hinweis, dass man die Film im obigen Absatz durch Anklicken auf den Bildschirm holen kann.


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Sonntag, 11. August 2019

Les Films de ma Vie


Obgleich das Photo auf dem Rücken des kleinen Buches verkleinert und beschnitten war, hat die Gundula sofort erkannt, dass es aus Eric Rohmers Film Ma nuit chez Maud stammte. Es war einer von Peters Lieblingsfilmen, sagte sie. Ich wusste das, denn Peter hatte mir vor einem halben Jahrhundert das Drehbuch aus Paris mitgebracht. War aus der Reihe L'Avant-Scène Cinéma, die waren die ersten, die Drehbücher von Filmen auf den Markt brachten. Das französische Kino hatte es Peter und mir damals angetan, ich habe schon häufig darüber geschrieben, nicht nur über Ma Nuit Chez Maud. Die kleine Geschichte hat mich auf die Idee gebracht, einmal etwas Ordnung in den Blog zu bringen und alle Posts zum französischem Film zusammenzustellen.

Denn da gibt es noch etwas, nämlich eine Internetadresse, bei der man viele der klassischen französischen Filme sehen kann. Ich hatte sie mir vor Jahren bei meinen Lesezeichen notiert, als ich über den russischen Film Mein Freund Iwan Lapschin schrieb. Ich habe diese russische Seite schon in Cyrano mit Mac erwähnt und gesagt, dass es eine Art Müllkippe des Internets ist, wo man aber auch kleine Edelsteine des französischen Kinos findet. Auf der russischen Seite kann man lesen: Развлекательная социальная сеть – общение с друзьями, фото и видео, фильмы и сериалы, музыка, игры, группы по интересам. Das bedeutet nach DeepL: Entertainment soziales Netzwerk - Kommunikation mit Freunden, Fotos und Videos, Filme und TV-Serien, Musik, Spiele, Interessengruppen. Ich gab zum Test Jean-Paul Rappenaus Film La vie de chateau, von dem mir Peter auch ein Drehbuch mitgebracht hatte, bei der russischen Adresse ein, und siehe da, der ✺Film ist da. In sehr guter Qualität. Und im Original.

Sogar Renoirs Le règle du Jeu gibt es da zu sehen, mit ✺Untertiteln in einer Sprache, die ich nicht kenne. Und das ist der Schwachpunkt der Seite, vieles ist Russisch oder mit russischem Ton übersprochen. Und vieles ist auch Breitwand, nicht gerade für den Bildschirm des Computers geeignet. Aber ich bin trotzdem dankbar für die Breitwandversion von ✺Noyade interdite, weil es den Film nicht als DVD gibt.

Ertrinken verboten ist ein schöner französischer Krimi, in dem Philippe Noiret und Guy Marchand zwei Polizeikommissare spielen. Der Jazzklarinettist und Sänger Guy Marchand wird mit seiner Paraderolle Nestor Burma schon in dem Post Léo Malet erwähnt. Bei der russischen Adresse kann man beinahe alle ✺Nestor Burma Filme finden. Mit im Film Noyade interdite ist neben Marie Trintigant und Gabrielle Lazure die junge Elisabeth Bourgine. Die kennen Sie aus Death in Paradise, wo sie die Mutter von Sergeant Camille Bordey spielt. Und dass sie die Hauptrolle in dem kleinen bösen Film ✺Cours Privée hat, das habe ich schon in dem Post Roman Polanski erwähnt.

Ich bin jetzt dabei, in alle Posts zum französischen Film, die da unten aufgelistet sind, Links zu der russischen Seite einzuarbeiten, wenn die den Film haben. Das wird ein bisschen dauern, vor allem, weil ich das Ganze auch noch in meinen Blog Silverscreen kopieren muss. Ich weiß nicht, ob die Liste da unten vollständig ist, aber für ein kleines Buch würde es schon reichen. Uschi Glas ist dabei, weil ✺Zur Sache, Schätzchen Deutschlands Antwort auf ✺A bout de souffle war. Wenn Sie mich fragen, weshalb ✺Bonnie und Clyde auf der Liste steht, habe ich dafür natürlich eine Antwort: die Drehbuchautoren hätten gerne François Truffaut als Regisseur gehabt. 

Von dem habe ich mir auch den Titel Les Films de ma Vie geklaut. Bei Arthaus gibt es eine Collection Französisches Kino, aber die kann ich nicht empfehlen. Von den zehn Filmen in der Kassette, die einen Hunni kostet, kämen nur wenige auf meine Liste der Top Ten des französischen Films. Verlassen Sie sich lieber auf meine Liste. Da heute Sonntag ist, könnten Sie ja mal mit dem schönen Film ✺Un dimanche à la campagne anfangen.

Und dann haben wir noch die Posts: Ma Nuit Chez Maud, La vie de chateau, Spielregeln, Sabbelkino, Waltz into Darkness, Liaisons Dangereuses, Mai-Unruhen, Fahrstuhl zum Schafott, Aimez-vous Brahms?, Lastkraftwagen, where life and movies overlap, Menschen am Sonntag, Piloten, Cyrano mit Mac, Ertrinken verboten, Bon anniversaire, Jean-Louis
     Jeanne Moreau, Catherine Deneuve, Et Dieu… créa la femme, Fanny Ardant, Mireille Dark, Arletty, Jacqueline Bisset, Hundert, Angie Dickinson, Uschi Glas, Reste
     Yves Montand, Jean Gabin, Lino Ventura, Jean Desailly, Jean-Louis Trintignant, Michel Piccoli, Alain Delon, Le grand blond, Steve Cochran, Gregor von Rezzori, Fernandel
     François Truffaut, Claude Lelouch, Henri Langlois, Alain Resnais, Bourgeoisie, Roman Polanski, Bertrand Tavernier, Ray Bradbury, Jacques Tourneur, Robbe-Grillet
     Michel Legrand, Mundharmonika, Mademoiselle chante le blues, temps perdu, Bonnie und Clyde, Fantasy, Kulturwandel, Jugendkultur, Paris, Sommer 1959, Two-Lane Blacktop

Freitag, 9. August 2019

Landstreicher


Dass Herman Melville am 1. August 1819 geboren wurde, das wusste ich. Dass der norwegische Nobelpreisträger Knut Hamsun am 4. August 1859 geboren wurde, das wusste ich nicht. Ich habe ihn nie gelesen. Als ich jung war und alles las, was ich im Haus fand (lesen Sie mehr in silvae: Wälder: Lesen), da konnte ich keinen Roman von Hamsun lesen, weil es im ganzen Haus kein Werk von ihm gab. Als ich dann erfuhr, dass Hamsun ein Verehrer der Nazis gewesen war, sah ich keinen Grund ihn auf meine Leseliste zu setzen. An der Uni hatte ich einen Kollegen, der ein glühender Verehrer von Hamsun war. Er besaß auch das Gesamtwerk von Hans Friedrich Blunck und ließ sich die National-Zeitung ins Institut schicken. Die ich ihm immer aus dem Postfach klaute, wenn ich sie da liegen sah. Ich entsorgte die anschließend, ich habe dabei bis heute immer noch kein schlechtes Gewissen. Mein Kollege reist derzeit im Ruhestand durchs Land und hält rechtsradikale Vorträge. Die örtlichen AntiFa Gruppen sind dankbar, dass es ihn gibt.

Und doch hätte ich am 4. August über Hamsun schreiben können, weil ich da im Netz etwas wiederentdeckte, was ich nie vergessen habe. Es war ein Fernsehfilm namens Landstreicher (Landstrykere), der 1990 in zwei Teilen im Dritten Programm des NDR gezeigt worden war. Das war die Verfilmung des ersten Teils der letzten Trilogie von Hamsun (Landstreicher, 1927, August Weltumsegler, 1930 und Nach Jahr und Tag, 1933). Ich guckte mir den Film mehr oder weniger unlustig an, wollte den Fernseher schon ausmachen, da kam Marika Lagercrantz ins Bild. Gott, war sie damals hübsch. Ich verliebte mich sofort in diese Lovise Margrete. Marika Lagercrantz war sechsunddreißig, sah aber viel jünger aus. Ich habe den Film nie vergessen. Und am 160. Geburtstag von Knut Hamsun testete ich einmal die russische Seite, die ich letztens in Cyrano mit Mac erwähnte, und siehe da: ➱Landstrykere war da. Auch wenn es Edevart, der Hauptfigur des Romans nicht gelingt, seine große Liebe Lovise Margrete zurückzuholen, konnte ich mir meine filmische Liebe Marika aus der Vergangenheit zurückholen.

Fünf Jahre später hatte Marika Lagercrantz mit dem Film von Bo Widerberg, der Schön ist die Jugendzeit (Lust och fägring stor) hieß, einen großen Erfolg. Der Film, der in Berlin einen Silbernen Bären erhielt, blieb ihr einziger internationaler Erfolg. Er machte sie außerhalb Schwedens bekannt: That's why I ended up choosing a Swedish actress, Marika Lagercrantz, who was in Bo Widerberg's last film, Love Lessons (Lust ogfägring stor). She was a great success. She was incredibly good. I really, really enjoyed working together with her, and we only needed to change the script slightly to accommodate her being Swedish, hat der dänische Regisseur Henning Carlsen gesagt, der mit ihr I Wonder Who’s Kissing you Now drehte.

Von dem Film abgesehen, drehte sie nur Filme in Schweden. Aber die Zeit von großen Regisseuren wie Ingmar Bergman und Bo Widerberg war vorbei. Was jetzt kommt sind Rollen in Serien, wie die Staatsanwältin ➱Emma åklagare, Krimis wie Reißende Wasser, wo sie eine Polizistin spielt. Oder Kronvittnet, ein Thriller, in dem sie eine betrogene Ehefrau spielt. In einer Folge von ➱Der Kommissar und das Meer (Bild) ist sie auch zu sehen. Und natürlich in dem Film Verblendung (➱The Girl with the Dragon Tattoo). Dazu sage ich jetzt lieber nichts, ich habe schon in dem Post Henning Mankell Bösartigkeiten dazu verbreitet.

Marika Lagercrantz ist eine schöne Frau, eine Schauspielerin, die sich nicht scheut, in Filmen nackt aufzutretn (so in ➱Landstrykere, ➱Sort höst, ➱Schön ist die Jugendzeit und I Wonder Who’s Kissing you Now), das erwarten wir von Schwedinnen, sagt uns das Klischee. Sie ist eine gute Schauspielerin, aber viele Filme mit ihr sind keine wirklich guten Filme. Sind nur der Eintopf von Thriller und Krimi, der auch uns im Abendprogramm des Fernsehens aufgetischt wird. Es ist eine traurige Geschichte. Im Jahre 2011 gab sie die Schauspielerei für vier Jahre auf und wurde Botschaftsrätin für kulturelle Fragen in der schwedischen Botschaft in Berlin.

Nach der Zeit in Berlin ging sie zum Film zurück und war in einer Serie zu sehen, die ➱Längtans blåa blomma heißt und in der napoleonischen Zeit spielt. Ein opulenter Kostümfilm, ein filmisches Genre, das nicht totzukriegen ist. Die Engländer waren mit ihren Jane Austen Verfilmungen und den Filmen von Merchant/Ivory mal die Marktführer. Die Franzosen mit Bertrand Tavernier konnten es auch, wie ➱Un dimanche à la campagne oder ➱La vie et rien d'autre zeigen. Auch die Skandinavier beherrschten das, ob das Ingmar Bergman war oder Bo Widerberg mit ➱Elvira Madigan. Und in den letzten Jahren hat es außer ➱Längtans blåa blomma immer wieder skandinavische Historienfilme gegeben. Zum Beispiel Bille August mit ➱Marie Kroyer oder Mika Kaurismäki mit ➱The Girl King.

Die Häuser lagen in der grünen Bucht mitten in dem Tosen des Wasserfalls, und Lovise Margrete Doppen und ihre Kinder waren genau so wie früher, sie standen vor dem Haus und sahen Edevard entgegen, notdürftig bekleidet, schön und still. Das junge Weib lächelte unsicher, es hatte so neue Kleider an, ihre Augenlider zitterten, sie sagte etwas wie: Was sehe ich da — ! heißt es in Hamsuns Landstreicher. Klingt idyllisch, aber aus der Liebe von Lovise Margrete und Edevard wird nichts werden. Sie wird wieder nach Amerika zurückgehen, wo sie nur unglücklich war. Aber vielleicht war ich weniger unglücklich als hier, sagt sie. Es ist schöner Kitsch, sie ist keine starke Frau wie die Heldin in  Carl Jonas Love Almqvists Roman Die Woche mit Sara. Aber Marika Lagercrantz macht die Lovise Margrete für uns erträglich, dafür lieben wir sie.


Bei allen Links, die heute dieses ➱ Symbol haben, kann man einen Film anklicken.

Mittwoch, 7. August 2019

Gunfighter Nation


Man weiß nicht genau, wer dieser Brian Bilston ist, die Irish Times hat ihn The Poet Laureate of Twitter genannt. Er hat gerade einen Roman geschrieben, der sehr lustig ist. Sein Gedicht America is a Gun, das 2016 bei Twitter erschien, ist nicht unbedingt lustig.

England is a cup of tea.
France, a wheel of ripened brie.
Greece, a short, squat olive tree.
America is a gun.

Brazil is football on the sand.
Argentina, Maradona's hand.
Germany, an oompah band.
America is a gun.

Holland is a wooden shoe.
Hungary, a goulash stew.
Australia, a kangaroo.
America is a gun.

Japan is a thermal spring.
Scotland is a highland fling.
Oh, better to be anything
than America as a gun.


Nach Gewaltverbrechen in den USA hat das Gedicht im Internet immer wieder Konjunktur. Wie jetzt im Augenblick. Und Dayton (Ohio) und El Paso (Texas) führen gerade die Liste der mass shootings an. Ich stelle aus diesem Anlass noch einmal den größten Teil des Posts Schnellfeuergewehre aus dem Jahre 2011 ein, er hat in den Jahren nichts von seiner Aktualität verloren.

Wenn George Washington mit seinen Männern in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 1776 über den Delaware kommt (und dann die ganze Nacht hindurch nach Trenton marschiert), macht er sich keinerlei Gedanken über das Grundrecht der Amerikaner auf Waffenbesitz. Der Zusatzartikel der Verfassung, der den Amerikanern angeblich dieses Recht zugesteht, ist noch lange nicht geschrieben. Noch gilt hier in den Kolonien englisches Recht, noch sind die waffentragenden Milizionäre Rebellen. Washingtons Mutter hatte den ganzen Revolutionskrieg über Angst, die Engländer könnten ihren Sohn an einem Baum aufknüpfen. Hätten sie tun können, wenn sie ihn gefangen hätten. Noch ist es das Recht des englischen Königs, nach dem die Truppen handeln.

Für Thomas Jefferson war in seinem Entwurf für eine Verfassung von Virginia 1776 das Recht auf Waffenbesitz ein Recht, das den Bürger gegen die Tyrannei (und damit meinte er den englischen König) schützte: No free man shall ever be debarred the use of arms. The strongest reason for the people to retain the right to keep and bear arms is, as a last resort, to protect themselves against tyranny in government. In seiner ersten Jahresbotschaft als Präsident der Vereinigten Staaten sagte George Washington: A free people ought not only to be armed, but disciplined; to which end a uniform and well-digested plan is requisite; and their safety and interest require that they should promote such manufactories as tend to render them independent of others for essential, particularly military, supplies... Dieses Zitat findet sich hundertfach auf den Seiten der amerikanischen Waffenfreaks. Jeder klittert sich seine Geschichte zusammen, wie sie ihm passt. Wenn man sich dreißig, vierzig dieser Seiten angeschaut hat, weiß man, wes Geistes Kind die Befürworter des Waffenbesitzes sind. Die auch auf den beigefügten Photos meistens irgendwelche fetten Säcke sind, die keine vier Wochen Ausbildung bei einer Kampftruppeneinheit des Militärs überstehen würden.

Die Gadsden Flag ist übrigens zur Zeit bei Waffenfreaks und Tea Party Anhängern wieder populär. Sie ist ein weiterer Teil der Geschichtsklitterung, für die sich Amerikas reaktionäre Rechte im Arsenal der Geschichte der amerikanischen Revolution bedient. Dank Google ist ja heute jeder ein kleiner Forscher, und so ist es verhältnismäßig einfach, bei den Gründungsvätern Argumente für den Waffenbesitz zu finden. Wie Jeffersons Brief an Henry Carr: A strong body makes the mind strong. As to the species of exercise, I advise the gun. While this gives a moderate exercise to the body, it gives boldness, enterprise, and independence to the mind. Games played with the ball, and others of that nature, are too violent for the body, and stamp no character on the mind. Let your gun therefore be the constant companion of your walks. Never think of taking a book with you. Die aus dem Zusammenhang gerissene Stelle steht natürlich auch schon bei Facebook.

Ein Jahr nach Washingtons Jahresbotschaft - man hat inzwischen eine Unabhängigkeitserklärung und eine Verfassung - beschließt der Kongress einen dritten Zusatzartikel zur Verfassung: No Soldier shall, in time of peace be quartered in any house, without the consent of the Owner, nor in time of war, but in a manner to be prescribed by law. Dieser Artikel ist in der Diskussion um den Waffenbesitz in den USA niemals zitiert worden, obgleich er mit dem zweiten Artikel in direktem Zusammenhang steht. Dieser ➱zweite Zusatzartikel von 1791 lautet, mit etwas komplizierter Grammatik: A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed. Die Vereinigten Staaten haben damals kein stehendes Herr. Deshalb ist eine well regulated Militia... necessary to the security of a free State. Und die Angehörigen dieser Miliz müssen natürlich das Recht haben, Waffen zu tragen. Punktum. Nichts anderes steht in diesem Artikel, der eigentlich hätte obsolet sein können, in dem Augenblick, in dem Amerika ein stehendes Heer besaß.

Aber wie es mit dem Text einer Verfassung und ihren Zusatzartikeln so ist, kaum ist der Text geschrieben, schon scheint er auslegungsbedürftig zu sein. Wenn Gesetze eindeutig wären, wären Juristen arbeitslos. Der Artikel 22 (2) des Grundgesetzes heißt Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold. Er sagt nichts darüber, wie die Farben auf der Flagge verteilt werden sollen. Gut, das ist marginal im Vergleich mit der Auslegung, die das Second Amendment erfahren hat. Vielleicht hätte man im Kongress auch besser den ersten Entwurf für diesen Zusatzartikel verabschieden sollen: A well regulated militia, composed of the body of the people, being the best security of a free state, the right of the people to keep and bear arms shall not be infringed; but no one religiously scrupulous of bearing arms shall be compelled to render military service in person. Hieraus würde wohl keine 80-jährige ➱Oma ihr angebliches Grundrecht auf den Besitz eines Schnellfeuergewehrs ableiten wollen.

Mit den Urteilen des Supreme Court ist das in Amerika so eine Sache, obgleich der zweite Zusatzartikel den Supreme Court erstaunlicherweise nicht so häufig beschäftigt hat. Wenige Richter werden in Amerika wegen ihrer juristischen Qualifikation berufen. Das kritisierte vor hundert Jahren schon Mark Twain: I hate to hear people say this Judge will vote so and so, because he is a Democrat -- and this one so and so because he is a Republican. It is shameful. The Judges have the Constitution for their guidance; they have no right to any politics save the politics of rigid right and justice when they are sitting in judgment upon the great matters that come before them. Vielleicht ist Oliver Wendell Holmes Jr der einzige gewesen, der seinen Posten nicht der politischen Protektion verdankt hat. Wenige Richter glänzen in ihrer Amtszeit wie Earl Warren durch landmark decisions wie Brown v. Board of Education (1954), Gideon v. Wainwright (1963), Reynolds v. Sims(1964) und Miranda v. Arizona (1966). Das Miranda Urteil kennen Kojak Fans, aber natürlich ist Brown v. Board of Education eine der wichtigsten Entscheidungen des Supreme Court gewesen.

Im Falle der immer wieder umstrittenen Auslegung des Second Amendment ist es das Urteil des Supreme Court aus dem Jahre 2008, das vorläufig leider Rechtsgeschichte geschrieben hat. Alle vorhergehenden Urteile hatten, wenn auch manchmal das Second Amendment uminterpretierend, die Basis des Second Amendment -  A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State - nicht angetastet.

Aber nun heißt es plötzlich: The Second Amendment protects an individual right to possess a firearm unconnected with service in a militia, and to use that arm for traditionally lawful purposes, such as self-defense within the home. Da müssen bei der National Rifle Association die Sektkorken nur so geknallt haben. Immerhin haben aber vier der neun Richter gegen dieses Urteil gestimmt. Wenn Richter John Paul Stevens (mit 88 Jahren der älteste der Richter) über das Urteil sagte, dass es a strained and unpersuasive reading der Verfassung darstelle, dann ist das vielleicht noch untertrieben. Als er 2008 über today’s law-changing decision sagte, dass sie bestowed a dramatic upheaval in the law, dann ist das nicht untertrieben.

Gunfighter Nation hat der amerikanische Historiker Richard Slotkin seine dreibändige Geschichte des amerikanischen Westens genannt, und der Titel scheint symbolisch für das Land zu sein. Richard Hofstadter hat mit seinem Aufsatz America as a Gun Culture den Begriff gun culture eingeführt. Und diese gun culture basiert auf harten Fakten und Zahlen, werfen Sie doch einmal einen Blick auf diese Statistik. Kann man diesen highway to hell verhindern? Wie will das Land die Millionen von Waffen jemals loswerden, selbst wenn die Stimmung nach den Morden von Newtown (die ja leider nur ein periodisch wiederkehrendes Ereignis sind) plötzlich umschlägt? Wer wird der Herkules sein, der den Augiasstall ausmistet? Werden wir das erleben, dass die Firmen Colt, Remington Arms, Smith & Wesson und Sturm, Ruger & Co (die die meisten amerikanischen Waffen herstellen) ihre Werkstore schließen?

Amazon.com liefert keine Waffen an meine Adresse: We are not able to ship this item to your default shipping address. Aber innerhalb Amerikas verschicken sie schon. Ich wollte auch keine kaufen, ich wollte nur mal eben testen, ob es bei Amazon schon Waffen zu kaufen gibt. Ich habe keine Waffen, aber eine P38 könnte ich wahrscheinlich immer noch mit geschlossenen Augen auseinandernehmen und zusammensetzen. Ich weiß, was Waffen anrichten können, dafür bin ich lange genug Soldat gewesen. Aber das ist vorbei, ich habe mit dieser martialischen Welt nichts mehr zu tun. Ich denke aber gerne an einen Bataillonskommandeur zurück, der in seiner Pistolentasche nie eine P38, sondern immer wie Shaws Hauptmann Bluntschli in Arms and the Man nur Schokolade hatte.

Ronald Reagan wollte den Waffenbesitz abschaffen, noch bevor er von einer Handfeuerwaffe angeschossen wurde. Richard Nixon erklärte öffentlich: Guns are an abomination. Und im Gespräch mit seinen Beratern sagte er: I don’t know why any individual should have a right to have a revolver in his house. Beide Präsidenten haben es nicht geschafft, den Waffenverkauf einzudämmen, die Gegner sind zu mächtig. Die NRA, die mal ein Klub von Sportschützen und Jägern war, verändert ihr Profil unter ihrem Direktor Harlon Carter. Der hatte als Jugendlicher in den 30er Jahren einen Mexikaner ermordet, was eine schöne Qualifikation für den Posten eines Direktors der NRA ist.

Die Historikerin Jill Lepore hat einen Doktortitel von Yale und ist Professorin an der Harvard Universität. Sie ist auch Redaktionsmitglied beim New Yorker, das habe ich schon in dem letzten Melville Post erwähnt. Ihre beinahe 1.000-seitige Geschichte der USA mit dem Titel These Truths erscheint im Herbst bei CH Beck, das Buch ist unbedingt ein Kaufempfehlung. Lepore zeichnet in ihrer Geschichte Schritt für Schritt nach, wie die Lobby der Waffenindustrie Gutachten und Gutachter bezahlt, damit das Second Amendment uminterpretiert wird. 1990 sagt Warren Burger, Richter am Supreme Court: The Gun Lobby’s interpretation of the Second Amendment is one of the greatest pieces of fraud, I repeat the word fraud, on the American People by special interest groups that I have ever seen in my lifetime. The real purpose of the Second Amendment was to ensure that state armies – the militia – would be maintained for the defense of the state. The very language of the Second Amendment refutes any argument that it was intended to guarantee every citizen an unfettered right to any kind of weapon he or she desires.

Und was sagt Trump nach den Gewalttaten? In one voice, our nation must condemn racism, bigotry and white supremacy. These sinister ideologies must be defeated. Hate has no place in America. Hatred warps the mind, ravages the heart and devours the soul. Ist das jetzt eine späte Einsicht, Wahlkampf oder der Höhepunkt des Zynismus? Denn wenn einer für racism, bigotry und hate steht, dann ist das Donald Trump. Alexandra Petri, die in der Washington Post für den Humor zuständig ist, treibt mit dem Entsetzen Scherz und greift zur Satire: So, it seems clear that there must have been some serious teleprompter error that has prompted such a, frankly, shocking deviation from his usual rhetoric. How embarrassing that no one on his staff bothered to get something so crucial right.

Montag, 5. August 2019

Cyrano mit Mac


In dem Versdrama Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand, das 1897 auf die Pariser Bühne kam, leidet der Held unter seiner riesigen Nase. Er hat sich in seine Cousine Roxanne verliebt und schreibt ihr unter dem Namen des Christian von Neuvillette, der im selben Regiment wie er dient, Liebesgedichte. 120 Jahre später kam die Geschichte modisch aufgepeppt in die Kinos. Monsieur Pierre hat keine lange Nase, aber er ist achtzig und hat die Datingseiten auf seinem Mac entdeckt. Und umwirbt im Namen seines Internetlehrers, der mit seiner Enkelin Juliette (Stéphanie Crayencour) zusammenlebt, die schöne Belgierin (Fanny Valette, hier rechts im Bild).

In der Hauptrolle flunkert sich der unverbesserliche Pierre Richard (der große Blonde mit dem schwarzen Schuh) als hinreißender Charmeur und Cyrano der Datingcommunity durch halb Europa. Haarscharf geschliffene Dialoge, die große Lachlust verbreiten, und ein wunderbares Ensemble, dem der Spaß anzusehen ist, sorgen für eine herrlich neuzeitliche Komödie der Irrungen, heißt es auf der Seite des Films. Ist vielleicht alles ein wenig übertrieben, ist aber nettes Sommerkino. Ich komme auf den Film, weil am Wochenende hunderte von Lesern den Post Le grand blond angeklickt haben. Die Erstausstrahlung im Fernsehen erfolgte im Rahmen des ARD Sommerkinos am 30. Juli 2019, und bis morgen ist er noch hier zu sehen.

Ich weiß, dass sie gerade angefangen haben, Herman Melville zu lesen, aber ein wenig Entspanung darf sein. Und wenn wenn Sie wegen Mireille Darc noch einmal den Film sehen wollen, der Pierre Richard berühmt gemacht hat, dann klicken Sie Le Grand Blond avec une chaussure noire an. Läuft auf einer russischen Seite, die eine Art Müllkippe des Internets ist, wo man aber auch kleine Edelsteine des französischen Kinos findet. Ich bin peu à peu dabei, Posts zu französischen Filmen mit dieser Seite zu verlinken. Bei Ma nuit chez Maud, La vie de chateau und Bertrand Tavernier ist mir das schon gelungen. Ich melde mich, wenn ich mit dem Ganzen fertig bin.

Sonntag, 4. August 2019

kein Melville am 1. August


Nobody had more class than Melville. To do what he did in 'Moby-Dick', to tell a story and to risk putting so much material into it. If you could weigh a book, I don’t know any book that would be more full. It’s more full than 'War and Peace' or 'The Brothers Karamazov'. It has Saint Elmo’s fire, and great whales, and grand arguments between heroes, and secret passions. It risks wandering far, far out into the globe. Melville took on the whole world, saw it all in a vision, and risked everything in prose that sings. You have a sense from the very beginning that Melville had a vision in his mind of what this book was going to look like, and he trusted himself to follow it through all the way. Das hat Ken Kesey im Paris Interview gesagt, ich habe das schon in dem Post Kuckucksnest zitiert.

New York August 1 Delivered by Dr Wright Post, at 6 Pearl Street, to Allan & Maria Melvill, a third child &; second son steht als erster Eintrag für das Jahr 1819 in Jay Leydas Melville Log. With a grateful heart I hasten to inform you of the birth of another Nephew, which joyous event occurred at 1/2 past 11 last night—our dear Maria displayed her accustomed fortitude in the hour of peril, & is as well as circumstances & the intense heat will admit - while the little Stranger has good lungs, sleeps well & feeds kindly, he is in truth a chopping boy, schreibt Allan Melvill am nächsten Tag an seinen Schwager Peter Gansevoort. Es ist heiß in New York, ein Fieber wütet. Nachdem der kleine Herman am 19. August getauft worden ist, zieht die Familie erst einmal nach Albany um.

Manche Leser haben sich beklagt, dass es hier am 1. August nichts zu Herman Melville gab. Ich hatte die Wahl für den Tag: entweder die Schlacht bei Minden oder Herman Melville. Ich nahm Minden, weil es in diesem Blog schon sehr viel Melville gegeben hat. Vor neun Jahren, als ich zu bloggen begann, gab es am 1. August den Post Herman Melville: Birthday, aber schon vorher schrieb ich die Posts Moby-Dick und Uwe Nettelbecks Melville. Die Adresse meines Blogs verdankt ihren Namen dem ersten Kapitel (Loomings) von Moby-Dick. Und am 1. August 2011 gab es den langen Post Moby-Dick. Der neueste Post heißt Herman Melville, Donald Trump und ich. Zwischen dem und meinen Anfängen gab es immer wieder Melville.

Ich war zwei Tage in der blogosphere, als ich den kurzen Post Tiefen schrieb: Der kleine Pip ist der einzige, für den das erkaltete Herz von Kapitän Ahab noch letzte menschliche Gefühle zeigt. Die Mannschaft der Pequod hält Pip für wahnsinnig. Es wäre besser, wenn sie Ahab für wahnsinnig halten würden. Der kleine Pip ist wahnsinnig, seit er über Bord gefallen ist und man ihn allein im Pazifik treiben ließ. Der kleine Pip hat in der Tiefe des Ozeans die Füße Gottes gesehen, wie sie den Webstuhl der Welt treten. Und er hat davon erzählt, deshalb hält man ihn für verrückt: So man's sanity is heaven's sense; and wandering from all mortal reason, man comes at last to that celestial thought, which, to reason, is absurd and frantic; and weal or woe, feels then uncompromised, indifferent as his God. Melville hat seltsame Dinge aus der Bibel herausgelesen. Das hat seine wenigen zeitgenössischen Leser wahrscheinlich mehr verstört als seine komplizierte Syntax.

Ich erwähne das alles nur, damit Sie sehen, dass ich weiß, wann Melville Geburtstag hat. Aber ich wollte nicht mit dem Feuilleton konkurrieren, es war mir klar, dass man an diesem Tag den sonst selten zitierten Melville abfeiern würde. Die FAZ hat da einen interessanten Post von ihrem Ressortchef zum Thema Thomas Mann und Melville. Die New York Times verfolgt, was sie in den letzten zweihundert Jahren über Melville gesagt hat, das ist interessant. Die Harvard Professorin Jill Lepore, deren Geschichte der Vereinigten Staaten demnächst bei CH Beck erscheint, schreibt im New Yorker. Aus dem Artikel, der natürlich auf dem Niveau des New Yorker ist, stammt auch das witzige Bild hier.

Was soll man von Melville lesen? Moby-Dick auf jeden Fall. Die erste kritische Ausgabe von Mansfield und Vincent ist leider vergriffen, steht aber glücklicherweise im Netz. Das Beste ist wohl die Norton Critical Edition, die Harrison Hayford und Hershel Parker herausgegeben haben. Mein persönlicher Lieblingstext ist die von Harold Beaver kommentierte Penguin Ausgabe: 600 Seiten Text, über 300 Seiten Kommentar, unglaublich. Im Internet findet sich ein Power Moby-Dick, erstklassig gemacht. Bevor Sie sich eine deutsche Übersetzung kaufen, lesen Sie erst einmal, was in dem Post Fritz Güttinger steht.

Der Roman ist eine Herausforderung für den Leser. Melville wusste das: It is not a piece of fine feminine Spitalfields silk. But is of the horrible texture of a fabric that should be woven of ships‘ cables & hausers. A Polar wind blows through it, & birds of prey hover over it. Warn all gentle fastidious people from so much as peeping into the book – on risk of a lumbago and sciatics. Ich weiß nicht, was Melville zu dem Leser gesagt hätte, der bei Amazon unter dem Titel Äußerst langatmig schreibt: Hat mir nicht gefallen, viel zu langatmig. Vielleicht gefällt ja manchem diese langen Abhandlungen über Meeresgetier usw, ich will die eigentliche Geschichte lesen, dafür hab ich das Buch. Würde man sich auf die eigentliche Geschichte beschränken, war das Buch nur halb so lang... Vielleicht wäre der Emoji Dick oder eine Graphic Novel für den Leser das Richtige.

Auf einem etwas höheren Niveau sagte einer der ersten Rezensenten im Oktober 1851 im Londoner Spectator: This sea novel is a singular medley of naval observation, magazine article writing, satiric reflection upon the conventionalisms of civilized life, and rhapsody run mad.... The rhapsody belongs to wordmongering where ideas are the staple; where it takes the shape of narrative or dramatic fiction, it is phantasmal—an attempted description of what is impossible in nature and without probability in art; it repels the reader instead of attracting him. Wir sehen schon an dieser Kritik, der Roman findet nicht viele Leser. Heute ist der Roman ein Teil der Popular Culture, wie man an David Shaerfs Dokumentarfilm sehen kann.

Die Erzählung Benito Cereno, die sich in den Piazza Tales findet, sollte man unbedingt lesen. Hier ist Melville auch nicht so sperrig wie in Moby-Dick. Die Geschichte wird schon in den Posts Bounty, Sklavenschiff und Amistad erwähnt. Der berühmte amerikanische Literaturkritiker F.O. Matthiessen hat sie one of the most sensitively poised pieces of writing he had ever done genannt. Das Bild vom Sklavenschiff ist natürlich von William Turner. Der übrigens immer wieder auf das Thema des Walfangs zurückkam. Es ist kein Zufall, dass der Cover von Harold Beavers Penguin Ausgabe ein Bild von Turner zeigt. Zu Turners Bildern über den Walfang habe ich hier einen sehr interessanten Aufsatz.

Mehr als Moby-Dick und die Piazza Tales tue ich Ihnen heute nicht auf die Leseliste. Über Billy Budd, Bartleby und Clarel reden wir ein anderes Mal. In meinem Studium habe ich keine Seminare über Melville besucht, obgleich Moby-Dick immer wieder im Vorlesungsverzeichnis stand. Aber ich machte um den Professor, der die Seminare anbot, einen Bogen. Ich wusste, dass er Moby-Dick nie ganz gelesen hatte. Man soll sich sein eigenes Leseerlebnis nicht durch Uni-Kurse versauen. Mehrere meiner Studienfreunde hatten Doktorarbeiten über Melville geschrieben, wenn ich etwas über die wissenschaftliche Rezeption Melvilles wissen wollte, fragte ich die. Und in die Lage kam ich 1976, als ich aus heiterem Himmel der literaturwissenschaftliche Berater für die Ausstellung wurde, deren Katalog hier abgebildet ist.

Über diese Erfahrungen habe ich in den Posts Moby-Dick und Vierzig Jahre geschrieben. Ich hatte damals den Roman in der deutschen Übersetzung von Fritz Güttinger gelesen und besaß durch einen glücklichen Zufall die Ausgabe von Mansfield und Vincent, die 1952 bei Hendricks House erschienen war. Es gab damals noch keinen Power Moby-Dick im Internet, es gab überhaupt kein Internet. Wenn man für den Katalog eine bestimmte Textstelle aus Moby-Dick brauchte, musste man lesen und lesen. Es hat mir nicht geschadet.

Und wenn Sie ein Buch suchen, in dem alles zu Melvilles Leben und Werk steht, dann kann ich nur Andrew Delbanco empfehlen. Gibt es auch in deutscher Sprache bei Hanser. Es ist so geschrieben, dass es von jedermann gelesen werden kann. Das Buch hat eine Rezension bei Amazon, nach der Delbanco angeblich Journalist ist. War er nie, er hat einen Doktortitel von Harvard und war jahrzehntelang Professor an der Columbia University. One can hardly imagine a more artful or succinct biography of Herman Melville, one that makes his fiction seem not only relevant but urgent, presenting the familiar facts in a fashion that makes the life and work luminously comprehensible, schrie Jay Parini im Guardian. Glauben Sie lieber ihm und nicht dem Amazon Rezensenten.

Donnerstag, 1. August 2019

Hannover siegt, der Franzmann liegt


Nein, wir reden heute nicht über Hannover 96. Wenn Sie Uwe Seeler Fan sind, dann müssen Sie den Post Hannover 96 unbedingt lesen, aber wir reden heute einmal über die Weltgeschichte. Denn heute vor 260 Jahren war der vielleicht wichtigste Tag in der englischen Geschichte. Das sagt zum Beispiel der Historiker Frank McLynn in seinem Buch 1759: The Year Britain Became Master of the World. Wir sind im Siebenjährigen Krieg, den die Engländer den French and Indian War nennen. Sie kämpfen nicht nur in Europa gegen die Franzosen, auch Amerika ist Kriegsschauplatz. Wo ein junger Oberstleutnant namens George Washington in englischen Diensten steht.

Ich habe mir diesen Titel Hannover siegt, der Franzmann liegt für den Jahrestag der Schlacht bei Minden nicht ausgedacht. Das ist eine Kantate, die Georg Philipp Telemann auf den Sieg der Alliierten geschrieben hat. Denn es sind die Hannoveraner unter dem Oberbefehl des Herzogs Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg, die die Schlacht entscheiden werden. Den Herzog hatte im Jahr zuvor Friedrich der Große mit den Worten Je n'ai fait que ce que je dois, mon cher Ferdinand zum Feldmarschall ernannt. Der englische König George II verleiht dem Herzog den Hosenbandorden, in dessen Ornat er sich von Johann Georg Ziesenis malen lässt. Neben dem Hosenbandorden erhält er vom König auch noch 20.000 Pfund Sterling, nach heutigem Wert sind das Millionen.

Die Engländer hatten wenig Glück mit ihren Generälen, die sie nach Europa in den Krieg schicken. Zuerst ist da der Duke of Cumberland, über den Wilhelm Raabe in Hastenbeck schreibt: »Es ist mein Sohn, der mich zu Grunde gerichtet und sich selbst beschimpft hat.« Der dies Wort sprach, war der alte, nahezu siebzigjährige Kurfürst von Hannover und König von Großbritannien und Irland, Georg der Zweite, der Sieger von Dettingen, und sein Aufschrei fand einen zustimmenden Widerhall durch ganz Europa, vom Felsen Kalpe bis nach Asien hinein, und jenseits des Atlantischen Ozeans bis tief in die amerikanischen Urwälder. Wieder einmal war ein unbekannter Ort zu einem Namen in der Weltgeschichte gekommen, diesmal zu einem übelberüchtigten. Der dicke Cumberland unterzeichnet ohne Not die Konvention von Zeven und gibt Hannover den Franzosen preis.

Einer von Cumberlands Nachfolgern ist der Viscount Sackville, der hat zwar nicht wie Cumberland den Oberbefehl über die alliierten Truppen, aber er kommandiert alle englischen Truppen. Und widersetzt sich am 1. August 1759 den Befehlen des Feldmarschalls Ferdinand, er erscheint mit den 24 Schwadronen seiner Kavallerie erst auf dem Schlachtfeld, als der Kampf vorbei ist. Der Herzog von Braunschweig schreibt ihm einen netten Brief, Sackville wird alle Posten los. Die Führung der englischen Truppen übernimmt nach der Schlacht von Minden der Marquess of Granby (hier auf einem Portrait von Ramsay). Da hatten die Engländer endlich einen richtigen Helden. Im nächsten Jahr wird er eine dreifache Übermacht von Franzosen schlagen. Er verliert dabei im Angriff Dreispitz und Perücke, angeblich geht die Bedeutung von bald-headed als in a rush without care or caution auf ihn zurück.

Ein Kriegsgericht wird 1760 feststellen, Sackville sei unfähig, seiner Majestät in irgendeiner militärischen Funktion jedweder Art zu dienen. Das Urteil des Kriegsgerichts wird, so will es der König, jedem englischen Regiment vorgelesen: It is his majesty's pleasure that the above sentence be given out in public orders, not only in Britain, but in America, and every quarter of the globe where British troops happen to be, that officers, being convinced that neither high birth nor great employments can shelter offences of such a nature, and that, seeing they are subject to censures worse than death to a man who has any sense of honour, they may avoid the fatal consequences arising from disobedience of orders. Sein arrogantes Auftreten vor Gericht hat ihm keine Freunde gemacht, den Kriegsgerichtsprozess hat er selbst gewollt, obgleich ihn Juristen gewarnt hatten. Er hätte ebenso wie Admiral John Byng zwei Jahre zuvor wegen Feigheit vor dem Feind hingerichtet werden können.

Nun sollte man meinen, dass das das Ende der Karriere von Lord George Sackville ist, aber er kommt wieder. Als Secretary of State for the Colonies im Kabinett von Lord North und wird mitverantwortlich dafür sein, dass England seine amerikanischen Kolonien verliert. Im Jahre 1776 lässt er sich von George Romney in einer Siegerpose malen. Als ich den Post Verrat über den amerikanischen Verräter Benedict Arnold schrieb, war dieser Brief von ihm an Sackville noch nicht im Netz, den gibt es heute dazu. Da verhandelt ein amerikanischer General, der gerne ein englischer General sein möchte, mit einem ehemaligen englischen General, der seinen Rang wegen Feigheit verloren hat. Ist schon pikant. Die geniale militärische Begabung von Sackville zeigt sich auch in der Unterstützung von General Burgoynes amerikanischem Abenteuer, das bei Saratoga mit dem Verlust einer ganzen englischen Armee endet.

Wenn wir Sackvilles Kavallerie mal draußen vor lassen, dann gibt es an diesem Tag noch viele Engländer, Schotten und Waliser, die in den Dörfern rund um Minden von Holzhausen bis Hahlen tapfer kämpfen. Und die feiern heute den Minden Day, das tun sie am 1. August seit 260 Jahren. Vor zehn Jahren gab es in Minden ein re-enactment der Schlacht. Dichter haben die Schlacht immer wieder besungen, ob das Sidney Swinney mit The Battle of Minden: A Poem in Three Books oder Kipling mit The men that fought at Minden war, aber die Kantate Hannover siegt, der Franzmann liegt ist in Vergessenheit geraten. Man hätte sie heute in Hannover aufführen können, aber wir haben nicht die Traditionen, die die Engländer haben.


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