Montag, 17. Mai 2021

Damenroman


Warum ist wirklich gute Literatur antiquarisch spottbillig? Prousts Combray bekommt man bei booklooker ab 25 Cent. Ich lasse Proust mal weg, weil das schon in dem Post Gilberte steht, den ich in Gilberte de Courgenay erwähnte. Der Post ist noch nicht veröffentlicht, aber irgendwann bekomme ich das hin. Ich bin letztens über die Preise gestolpert, die man für die Romane von Sigrid Combüchen bezahlen muss. Bei amazon kostet ihr Roman Byron 1,16€ und der Roman Was übrig bleibt: Ein Damenroman 1,73€. Ich habe für den 'Damenroman' bei ebay vier Euro bezahlt, versandkostenfrei. Es ist ein schöner Roman, über den Elke Heidenreich schrieb: Das Leben, wir ahnten es, hält Banalitäten satt bereit, Liebe kommt und geht, große Tragödien erweisen sich bei näherem Hinsehen als halb so wild und Kleinigkeiten als das, was das Leben tatsächlich ausgemacht hat - Blicke, Gerüche, Bilder. 

Ich mag Sigrid Combüchen, weil sie eine großartige Erzählerin ist, das habe ich schon vor zehn Jahren in dem Post Sigrid Combüchen gesagt. Ich sage es gerne noch einmal. Ihr Roman Was übrig bleibt: Ein Damenroman (im schwedischen Original Spill: En damroman) ist 2012 bei Doris Kunstmann erschienen (Byron war bei Klett Cotta erschienen). Das Buch hat 2010 den Augustpriset bekommen, für den Combüchen vorher schon viermal nominiert war, mehr kann man als Schriftsteller in Schweden nicht erreichen. Das Preisgeld von 100.00 Schwedenkronen ist nicht so wichtig, aber der Roman verkaufte sich in Schweden auf der Stelle 160.000 mal. Das ist schon etwas.

Das hier ist nicht Sigrid Combüchen, aber die Frau hat sehr viel mit dem Wort Damenroman zu tun. Der Literaturkritiker Georg Brandes hat das Wort gebraucht, in einer sehr abschätzigen Weise. Und er meinte damit die Romane von ihr hier, Victoria Benedictsson. Die war einmal seine Geliebte gewesen, sie liebte ihn immer noch, auch wenn er ihre Romane als Damenromane bezeichnete. Sie hat aus unglücklicher Liebe Selbstmord begangen (ich habe hier eine sehr schöne schwedische Seite zu Victoria Benedictsson). Sie wird natürlich in Sigrid Combüchens Roman erwähnt; und die Autorin Combüchen, die in diesem Roman gleichzeitig eine Romanperson namens Combüchen ist (wir könnten jetzt von Combüchen 1 und Combüchen 2 reden), definiert den Damenroman sehr ironisch so: Ein Damenroman handelt natürlich von Kleidern und Schmuck und Aussehen und Illusionen über die Liebe und 'jedes Mädchen soll für einen Tag im Leben eine Prinzessin sein dürfen'. Aber einen solchen Damenroman schreibt Sigrid Combüchen natürlich nicht.

Eine Leserin schreibt der Schriftstellerin Sigrid Combüchen einen Brief, sie hat sich und ihre Familie auf einem Photo in einem Buch der Schriftstellerin wiedererkannt. Die Schriftstellerin schreibt daraufhin die Geschichte der Hedwig Regitze Langmark, die Hedda genannt wird. Wir als Leser können der Schriftstellerin bei der Arbeit zuchauen. Sie erfindet die Geschichte der Hedda. Wie auch die achtundzwanzig Briefe von Hedda, die der Roman enthält. In einer Nachbemerkung gibt die Autorin zu, dass alles nur erfunden ist. Und dass die Sigrid Combüchen im Roman auch eine erfundene Figur ist: In diesem Roman ist alles nur Fiktion, Personen, Gärten, Häuser, auch 'ich'. Aber die blaue Stunde in der Finngatan gibt es.

Bei der blauen Stunde denke ich an Bilder von Peder Severin Krøyer oder an Joan Didions Blue Nights: In manchen Breitengraden gibt es vor der Sommersonnenwende und danach eine Zeitspanne, nur wenige Wochen, in der die Dämmerungen lang und blau werden. Während der blauen Stunden glaubt man, der Tag wird nie enden. Wenn die Zeit der blauen Stunden sich dem Ende nähert (und das wird sie, sie endet), erlebt man ein Frösteln, eine Vorahnung der Krankheit: das blaue Licht verschwindet, die Tage werden schon kürzer, der Sommer ist vorbei.

Aber so weit will Combüchen nicht hinaus, ihr genügt ein kurzer Augenblick: Schreiben wollte ich über einige kurze Minuten an einem Frühlings oder Herbstabend, wenn in der ältesten Straße des Viertels die Laternen angehen. Es ist ein so internsiver Moment. Anfangs sind sie grün, dann werden sie fabrikgelb und schließlich weiß. Die Baumkronen füllen sich mit Elektrizität. Und obgleich sich alles verändert, für zwei, drei Minuten kehrt diese Stimmung als Konstante zurück. Das ist der Augenblick, wenn die Autos behutsam mit dem Bremsrot flirten. Es sind solch wunderbare kleine Details, die Combüchens Stil ausmachen. Eine Schriftstellerin infiziert im Laufe der Zeit alles mit Fiktion, auch die Wirklichkeit.

Eine Lebensgeschichte aus den dreißiger Jahren, ein Portrait der steifen bürgerlichen schwedischen Gesellschaft, immer wieder durchbrochen mit einer Erzählung aus dem Jetzt. Ich weiß nicht, ob Hedda Langmark so aussieht wie auf dem Titelbild dieser Ausgabe des Romans, aber ich finde das Bild sehr hübsch. Und passend, weil es die Jugendlichkeit der Heldin zeigt. Wir können dem Titel Wat er van het leven overblijft: Een damesroman entnehmen, dass es neben der deutschen Übersetzung von Paul Berf auch eine holländische Übersetzung gibt (Byron war auch in Holland erschienen). Es gibt sogar eine polnische Ausgabe (Skrawki. Warschau 2016). Aber warum liest niemand den Roman, warum wird er überall zum Discountpreis angeboten? Wäre es wirklich ein Damenroman, also so etwas, was die Marlitt schrieb, dann wäre das vielleicht anders. Ein Buch, das sein Maul aufsperrt und schon auf Seite eins losschreit, klappe ich sofort wieder zu, heißt es in Combüchens Erfolgroman Byron. Ich glaube nicht, dass Combüchen Mitglied in der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautorinnen ist (die gibt es wirklich).

In dem Roman Byron, der auch schon eine relativ komplizierte Erzählstruktur hat, beginnt das Kapitel Und alle Löwen Londons mit den Sätzen: Es ist Sonntag im Park. Nachdem sie vorweg gelaufen ist, um wie ein losgelassener Hund an diesem und jenem hinter der nächsten Straßenecke herumzuschnuppern, kehrt die Geschichte jetzt zu ihrer Herrin zurück, der Chronologie. Auch in Was übrig bleibt: Ein Damenroman läuft die Handlung manchmal wie ein losgelassener Hund um die nächsten Straßenecken, aber die Autorin weiß glücklicherweise, wann man sie wieder an die Leine nehmen muss.

Samstag, 15. Mai 2021

zwei Napoleons


Es geschieht nicht so häufig, dass der Maler und der Gemalte Napoleon heißen. Aber hier ist das der Fall. Zwei Bayern treffen aufeinander, und beide haben das Napoleon in ihrem Namen. Der Maler heißt Franz Napoleon Heigel und wurde am 15. Mai 1813 in Paris geboren. Er war der Sohn des Münchener Miniaturmalers Joseph Heigel, der von 1806 bis 1819 in Paris lebte und eine Pariserin (mit dem schönen Namen Joséphine Catherine Hypolythe Rabelot) geheiratet hatte. Joseph Heigel verehrte Napoleon, den er 1806 portraitierte (das Bild ist leider nicht mehr auffindbar), und so bekam sein Sohn den Vornamen Napoleon mit auf den Lebensweg. Der Sohn wird bayerischer Hofmaler werden, aber immer wieder in seine Geburtsstadt Paris zurückkehren.

Wenn Sie den Namen Joseph Heigel anklicken, dann kommen Sie in das Lexikon Pariser Lehrjahre von France Nerlich und Bénédicte Savoy, eine der besten Quellen zu den beiden Malern, die sich nie so recht entscheiden können, ob sie in München oder Paris leben wollten. Die Professorin Bénédicte Savoy kennen Sie ja schon, die konnten Sie im Poetry Month in dem Post Museum sehen. Der Herr auf dem kleinen Gemälde (34 x36 cm) von Heigel ist Maximilian Joseph Eugene Auguste Napoleon de Beauharnais, der dritte Herzog von Leuchtenberg. Und Fürst Romanowsky ist er auch noch. Aber noch nicht auf diesem Bild von 1836, den Titel bekommt er erst zwei Jahre später, wenn er die Tochter des russischen Zahren heiratet. Aber Herzog von Leuchtenberg ist er gerade geworden, weil sein älterer Bruder gestorben ist.

Bei der Firma Fine Art America kann man den Maximilian in voller Schönheit auf einem Kaffeebecher bekommen, ich weiß jetzt nicht, ob die amerikanischen Käufer wissen, wer Heigel Franz Napoleon ist. Wahrscheinlich glauben die Kunden, die zwölf Euro für das Teil der Firma Napoleon Hill bezahlen, dass dies ein Bild von Napoleon von dem Maler Heigel Franz ist. Der Druck auf dem Kaffeebecher ist von guter Qualität, man kann noch den Siegelring und die feinen Wildlederhandschuhe erkennen. Heigel ist Miniaturmaler, der kennt sich mit Details aus. Der Orden, den der Herzog an der Brust trägt, ist übrigens der schwedische Seraphinenorden. Den hat er wahrscheinlich bekommen, weil seine Schwester Joséphine (die hier schon erwähnt wird) den schwedischen König geheiratet hatte.

Herzog Maximilian von Leuchtenberg hat das Napoleon in seinem Namen aus einem besonderen Grund, sein Vater ist niemand anderer als Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais. Der hatte hier von zehn Jahren schon einen Post, in dem auch Fontanes Beauharnais Balladen zu finden sind, da kann ich mich kurz fassen. Und wieder zu seinem Sohn kommen. Auf diesem Bild ist der Max neunzehn Jahre alt. Er ist gerade Leutnant im vierten Chevaulegers Regiment des bayerischen Königs geworden, ein Prestigeregiment der bayerischen Armee. Mit den Chevaulegers hat der normale Bayer so seine Schwierigkeiten, im Volksmund werden sie zu Schwalangschärs oder Schwolis. Das mit den Schwollis gefällt mir ganz besonders.

Heigel malt die ganze bayerische Aristokratie. Dazu lassen wir einmal Hyacinth Holland zu Wort kommen, weil der den Maler gekannt hat: Als Heigel zu Ende des Jahres 1835 nach München zurückkehrte, da schien es, als hätte man in den höchsten Kreisen nur auf den Maler gewartet: Alles drängte sich von ihm porträtirt zu werden. In kurzer Zeit hatte er sämmtliche Glieder des königlichen Hauses unter seinen Pinsel gebracht, dazu eine Anzahl Koryphäen der Schönheit, des Geistes und der Kunst. Beispielsweise entstanden die Porträts des Königs Otto von Griechenland, des Herzogs Maximilian von Leuchtenberg, des Feldmarschalls Fürst Wrede, der Großherzogin Mathilde von Hessen und ihrer Schwester Adelgunde, der nachmaligen Herzogin von Modena, des Herzogs Maximilian, dessen Gemahlin Louise und deren ganzen hohen Familie, aller Glieder des fürstlich Taxis’schen Hauses, der Königin Therese, Prinz Karl’s von Baiern, der Kronprinzeß Marie, der anmuthigen Sängerin Karoline Hetzenecker in ihrer hoheitsvollen Rolle als Katarina Cornaro (lithographirt von Dresely) – kurz: „Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen!“ 

Im selben Jahr, in dem Franz Napoleon Heigel in München den Herzog von Leuchtenberg portraitiert, malt sein Vater in Paris die Dame da oben, die auch einmal zu den Koryphäen der Schönheit, des Geistes und der Kunst gehört hat: Lola Montez. Winzigklein auf Elfenbein, fünf mal sechs Zentimeter. Ist heute im Besitz des Metropolitan Museum, wo man von Heigel Jr auch eine Miniatur hat, ein Portrait der Sängerin Henriette Sontag.

Dienstag, 11. Mai 2021

Hamilton


Seine besten Bilder malte der Maler Ralph Earl im Gefängnis in New York. Wie dies hier von Colonel Richard Varick, der im Revolutionskrieg Washingtons Privatsekretär war. Historiker haben ihn als The Forgotten Founding Father bezeichnet. Die blaue Ordensschleife weist ihn als Mitglied der Society of the Cincinnati, einer Ordensgemeinschaft, zu deren Gründern er gehört. Richard Varick hat die Uniform des Unabhängigkeitskriegs für das Portrait noch einmal angezogen, der Armee gehört der Colonel nicht mehr an. Er hat jetzt das Amt des Recorder of New York City und wird danach für elf Jahre Bürgermeister von New York sein. In seiner Eigenschaft als Amtsperson hat Varick den Maler Ralph Earl (der heute vor 270 Jahren geboren wurde) wegen seiner Schulden ins Gefängnis gebracht, jetzt bestellt er ein Bild bei ihm. Nicht, weil er das billiger kriegt, nein, er will Ralph Earl helfen, dass der seine Schulden durch den Verkauf von Portraits bezahlen kann. 

Earls Gefängniszelle ist zu einem Malstudio geworden, in der sich die Prominenz der jungen Republik trifft. Es sind erstaunlich viele Mitglieder der Society of the Cincinnati dabei: Colonel Marinus Willett, Colonel Benjamin Tallmadge, Major James FairlieCaptain John Pratt, der Generalmajor William Floyd (Bild) und der Baron von Steuben. Und auch drei Unterzeichner der Declaration of Independence (Roger Sherman, Oliver Wolcott und William Floyd) wird er malen. Aber wissen die Helden des Kriegs gegen die Engländer, der Crème de la Crème der jungen Republik, von wem sie sich da malen lassen? 

Dieses etwas naive lebensgroße Bild des Gründervaters Roger Sherman, das Earl um 1775 in New Haven malte, hatte ihn bekannt gemacht, aber die vornehme Kundschaft, die er im Gefängnis hat, hatte er vor seiner Flucht nach England noch nicht. Als er 1785 nach New York zurückkam, hatte er mit Handzetteln und Plakaten für sich geworben, auf denen stand: Mr. Ralph Earl, a native of Massachusetts; he has passed a number of years in London under those distinguished and most celebrated Masters in Painting, Sir Joshua Reynolds, Mr. West, and Mr. Copley. Die Unwahrheiten finden sich noch in seinem Nachruf, der 1801 im Hartford Courant erschien, wo es heißt: a Portrait Painter, celebrated in America and respected in Europe, a pupil of Sir Joshua Reynolds, and a member of the Royal Society. Er war niemals ein Schüler von Joshua Reynold, er war niemals Mitglied der Royal Academy. Er war während des Unabhängigkeitskriegs nach England geflohen, hatte Frau und Kinder verlassen. Sein Vater war Captain der Miliz, sein Bruder und seine Cousins sind alle bei den Rebellen. Der junge Ralph Earl hält zu den Engländern, sein Vater glaubt (nicht zu Unrecht), dass er ein englischer Spion ist und enterbt ihn.

Dieses Bild, das uns zeigt, wie Mrs Schuyler ihren Weizen verbrennt, damit er nicht in die Hände der englischen Truppen fällt, hat Emanuel Leutze 1852 gemalt. Wir wissen nicht, ob die Gattin von General Philip Schuyler wirklich ihren Weizen niedergebrannt hat oder ob sich Emanuel Leutze diese Szene nur ausgedacht hat. Die Geschichte taucht in einem Buch von Elizabeth Ellet The Women of the American Revolution 1848 auf, daher hat Leutze sie wohl. Wir wissen aber ziemlich sicher, dass die Schlacht zwischen den Engländern und Amerikanern auf dem Grund und Boden der Schuylers stattfinden wird und dass die Engländer das Haus der Schuylers abbrennen werden. Wir sind am Vorabend der Schlacht von Saratoga, und dieses Bild hat etwas mit dem Leben von Ralph Earl zu tun.

Denn zehn Jahre später sitzt das junge Mädchen in der Bildmitte, das gerade einen brennenden Ährenkranz in das Kornfeld wirft, bei Ralph Earl in der Gefängniszelle und lässt sich von ihm malen. Und John Money, der Quartermaster General von General John Burgoyne, nimmt (wenn er nach der Schlacht von Saratoga als Gefangener ausgetauscht wird) den jungen Ralph Earl mit nach England: he had the goodness to disguise him as a Servant and bring him from Providence to Newport in a Flag of Truce and from thence to England where they arrived in April last. Ralph Earl bleibt eine kurze Zeit in Norwich bei seinem Retter, dann zieht es ihn nach London zu Benjamin West.

Nach einem halben Jahr ist er da wieder verschwunden, er versucht, sich als reisender Maler durch England zu malen. Dann malt er Bilder wie dieses. Nett, aber keine Konkurrenz für die englischen Kollegen. Nach ein, zwei Jahren (man weiß es nicht so genau) klopft er wieder an die Tür von West. Diesmal bleibt er fünf Jahre als Assistent, darf auch manchmal eigene Bilder in der Royal Academy ausstellen. Man kann in verschiedenen Quellen lesen, dass er den englischen König gemalt hat, aber das hat er nicht. Sein Lehrer Benjamin West hat den Köng gemalt, die beiden waren beinahe befreundet. Und dann sind da noch Allan RamsayJoshua ReynoldsJohn HoppnerWilliam BeecheyGainsborough und viele andere. Aber niemals Ralph Earl.

Es wird Earl langsam klar, dass er gegen die englische Kollegen nicht bestehen kann, er geht wieder nach Amerika zurück. In England würden Reynolds und Gainsborough über ein solches Portrait lächeln, in Amerika ist dies Bild einer unbekannten Dame große Kunst. Ralph Earl hat übrigens in England geheiratet, obgleich er in Amerika nicht geschieden war. Das wird Ärger geben. Es ist auch seine Trunksucht, die seine Karriere verhindert: his drinking not only hindered the advancement of his career but did little to enhance a reputation already tarnished by his disloyalty to his country, by his bigamy, and by his indebtedness. Alcohol eventually caused his death, schreibt Elizabeth Mankin Kornhauser, die mit Ralph Earl: The Face of the Young Republic 1991 das erste substantielle Buch zu dem Maler vorgelegt hat.

Colonel Alexander Hamilton ist auch Mitglied der Society of the Cincinnati, er war einmal der Adjutant von George Washington. Geboren auf Nevis als außereheliches Kind einer Frau von sehr zweifelhaftem Ruf, wird er eine eine unglaubliche Karriere machen. Er ist der Autor der Federalist Papers, er wird der erste Finanzminister Amerikas werden (the Founding Father of American Capitalism hat man ihn genannt) und der Oberkommndierende der amerikanischen Armee. Ein großer Schritt auf dem Weg nach oben ist für Hamilton, dass er die Tochter von General Philip Schuyler heiratet. Und jetzt, wo sie in New York (und Albany) wohnen, und sie ihm gerade das dritte Kind geschenkt hat, beauftragt er Ralph Earl, dessen Rechtsbeistand er ist, mit dem Portrait. Das dieser im glatten Stil ausführt, einem Stil, den er sich durch das genaue Studium der Bilder von John Singleton Copley angeeignet hat. Er glaubt, dass er ein besserer Maler als Copley sei, wenn er einem englischen Freund schreibt, dass sein neuestes Bild is the best that eaver I painted, I intend to offer it to Copely to coppey for his improvement. 

Acht Jahre später sieht Elizabeth Hamilton auf diesem Pastellbild von James Sharples nicht mehr so strahlend aus. Sie hat eine Fehlgeburt hinter sich, ihre jüngste Tochter ist erkrankt, und ihr Mann ist nicht zuhause. Der muss sich gerade um die Whiskey Rebellion kümmern (die hier schon einen Post hat), aber wenn er damit fertig ist, wird er alle öffentlichen Ämter niederlegen, um seiner Frau beizustehen und seiner Familie nah zu sein. Was wie ein Akt der Liebe und Fürsorge aussieht, hat aber noch einen ganz anderen Grund, Hamilton hat ein bannig schlechtes Gewissen, er hat seiner Frau noch nicht gebeichtet, dass er zwei Jahre lang eine Liebesbeziehung mit einer Blondine namens Maria Reynolds hatte. Die amerikanische Politik hat ihren ersten Sexskandal. In dem Film Alexander Hamilton spielte June Colyer 1931 die Rolle der Maria Reynolds.

Das hier ist nicht Maria Reynolds, von der es leider kein Bild im Internet gibt. Das ist Jasmine Cephas Jones, die die Rolle der Maria in dem Broadway Musical Hamilton spielt. Der Broadway Erfolg soll übrigens im Herbst dieses Jahres nach Hamburg kommen. Wenn die Liebesbeziehung bekannt wird, geht Alexander Hamilton mit dem Reynolds Pamphlet in die Öffentlichkeit und beschreibt, wie er in das Bett der Blondine gekommen ist. Er wollte der armen Frau ja nur ein klein wenig finanziell helfen: In the evening I put a bank-bill in my pocket and went to the house. I inquired for Mrs. Reynolds and was shewn up stairs, at the head of which she met me and conducted me into a bed room. I took the bill out of my pocket and gave it to her. Some conversation ensued from which it was quickly apparent that other than pecuniary consolation would be acceptable. Da steht er nun in ihrem Schlafzimmer und es wird ihm quickly apparent that other than pecuniary consolation would be acceptable, eine wunderbare Formulierung. Die Presse verhöhnt seine Frau mit Sätzen wie: Art thou a wife? See him, whom thou hast chosen for a partner of this life, lolling in the lap of a harlot. Aber sie steht zu ihm, rettet die Ehe, läßt ihn wieder in ihr Bett. Sie wird ihm noch zwei Kinder schenken, wird siebenundneunzig Jahre alt werden. Wenn sie 1854 stirbt, hat sie alle aus der amerikanischen Revolution überlebt.

Das Broadway Musical offeriert uns noch eine andere Liebesgeschichte, die es vielleicht gegeben hat, nämlich die Beziehung zwischen Alexander Hamilton und der älteren Schwester seiner Frau, Angelica Schuyler Church. Es gibt da einen Brief, den Angelica ihrer Schwester Elizabeth geschrieben hat: I have a letter my dear Eliza from my worthy friend M. de Talleyrand who expresses to me his gratitude for an introduction to you and my amiable. by my amiable you know that I mean your Husband, for I love him very much and if you were as generous as the Old Romans, you would lend him to me for a little while: but do not be jealous my dear Eliza; since I am more solicitous to promote his laudable ambition than any person in the world, and there is no summit of true Glory, which I do not desire he may attain: provided always that he pleases to give me a little chit chat, and sometimes to say, I wish our dear Angelica was here. Ist dieses lend him to me for a little while ein kleiner Scherz unter Schwestern? Wir wissen es nicht.

Das immens erfolgreiche Broadway Musical Hamilton erzählt uns die Geschichte von Elizabeth Schuyler und Alexander Hamilton, bringt amerikanische Geschichte auf die Bühne. Das Musical basiert auf der Hamilton Biographie von Ron Chernow, es pickt sich aber nur die juicy bits heraus. Und serviert uralte Kamellen, wie die von Martha Washington, die ihren streunenden Kater angeblich Hamilton getauft hatte. Unser Maler Ralph Earl kommt in dem Musical nicht vor. Im Jahre 2015 gab das US Schatzamt bekannt, dass Alexander Hamilton in Zukunft nicht mehr auf dem 10 Dollar Schein sein würde, an seiner Stelle sollte eine Frau zu sehen sein. Eine Auswahl hatte man noch nicht getroffen. Aber dann kam das Musical, und Hamilton war so populär wie noch nie zuvor. 2016 machte das Schatzamt seine Entscheidung rückgängig, Hamilton, der das amerikanische Finanzsystem begründete, bleibt auf dem Schein.

Vor fünf Jahren hatte der gerade frischgewählte Vizepräsident Mike Pence das Musical besucht. Er wurde ausgebuht. Er wollte das Theater verlassen, aber das Ensemble des Hip Hop Musicals hatte ihm noch etwas zu sagen. Der Schauspieler Brandon Victor Dixon verlas eine Erklärung: Wir sind das vielfältige Amerika - jene, die beunruhigt und ängstlich sind, dass Ihre neue Regierung uns, unseren Planeten, unsere Kinder und unsere Eltern nicht beschützen, uns nicht verteidigen und unsere unabänderlichen Rechte nicht aufrechterhalten wird. Wir hoffen, dass diese Aufführung Sie dazu inspiriert hat, unsere amerikanischen Werte aufrechtzuerhalten und für uns alle zu arbeiten. Donald Trump tobte und wütete auf Twitter und verlangte eine Entschuldigung des Ensembles. Es gab keine.

Es gab hier am 11. Mai 2012 schon einmal einen Post über den Maler Ralph Earl, aber dies heute ist alles neu.

Freitag, 7. Mai 2021

Blaustrümpfe


Sie wissen, was ein Blaustrumpf ist. Das Lehnwort kommt aus dem Englischen; kommt aus dem 18. Jahrhundert, als die Lady Elizabeth Montagu einen Salon hatte, der irgendwann die Blue Stockings Society heißen wird. Das Wort bluestocking bezeichnete zuerst lediglich eine gebildete, gelehrte Person (männlich und weiblich), seit 1788 (das sagt uns das Oxford English Dictionary) wird das Wort nur noch spöttisch und pejorativ gebraucht. Also zum Beispiel, wenn William Hazlitt sagt: The bluestocking is the most odious character in society... she sinks wherever she is placed, like the yolk of an egg, to the bottom, and carries the filth with her. Aber Hazlitt, so klug er manchmal sein kann, hat immer Probleme mit den Frauen, den lassen wir jetzt mal weg. Wir müssen allerdings bedenken, dass der erste Blaustrumpf gar nicht die berühmte Lady Montagu ist, die Dr Johnson the Queen of the Blues genannt hat, der erste Blaustrumpf ist ein Mann.

Er heißt Benjamin Stillingfleet, er ist ein Wissenschaftler und Schriftsteller. Er war einmal Hauslehrer eines Landadligen, mit dem er verwandt war, und hat ihn auf der Grand Tour begleitet. Die Familie seines Schützlings wird ihm für sieben Jahre eine jährliche Rente von einhundert Pfund bezahlen, das ist im 18. Jahrhundert viel Geld. Aber er wird zeitlebens ein armer Mann bleiben. Und wenn er zu den Salons der gebildeten Damen eingeladen wird, dann besitzt er keine schwarzen Seidenstrümpfe, die man in der feinen Gesellschaft trägt (wir erinnern uns daran, dass Wordsworth auch keine besaß), er trägt blaue Stoffstrümpfe. Ein Zeitgenosse beschreibt ihn so: he wore a full dress suit of cloth of the same uniform colour, with worsted stockings, usually blue, and a small brass hilted sword peeping through the skirts of his coat. His wig was decorated with several rows of formal curls

Wenn Stillingfleet einer Einladung bei Elizabeth Vesey nicht folgen mag, weil er keine schwarzen Seidenstrümpfe besitzt, weil er nicht in the habit of displaying a proper equipment for an evening assembly sei, sagt ihm die Mitbegründerin der Blue Stockings SocietyPho, pho, don’t mind dress! Come in your blue stockings! Die Geschichte finden wir bei Frances Burney, einer gebildeten Frau (über die Hazlitt häßliche Dinge sagt, er kann nicht anders), die hier schon mit Fanny Burney einen Post hat. Fanny Burney hat über Elizabeth Montagu (Bild) gesagt: Brilliant in diamonds, solid in judgement, critical in talk. Reichtum und Geist kommen in diesen Frauenclubs (die auch Männer zulassen, solange keine Karten gespielt werden) zusammen, und das ist etwas, das Männern Angst macht. Auf jeden Fall William Hazlitt. 

Man braucht nicht unbedingt reich zu sein, um einen Salon zu unterhalten, das hat uns Rahel Levin Varnhagen (die hier auch schon einen Post hat) gezeigt. Bei Rahel war der Salon schon ein wenig Bohème, keinesfalls so elegant wie bei Madame Récamier, aber dieses klein bisschen Bohème wollten die englischen bluestockings ja auch, sonst hätte sie Stillingfleet nicht eingeladen. Elegante Mode ist ihnen nicht so wichtig, geistvolle Konversation schon. We have lived with the wisest, the best, and the most celebrated men of our Times, and with some of the best, most accomplished, most learned Women of any times. These things I consider not merely as pleasures transient, but as permanent blessings, hatte Elizabeth Montagu an ihre Freundin Elizabeth Vesey geschrieben. Auf diesem Bild von Richard Samuel können Sie alle bluestockings als Musen im Tempel des Apoll sehen. Das Bild hängt in der National Portrait Gallery, und wenn Sie den Link anklicken, kommen Sie auf eine Seite, mit der Sie alle dargestellten Personen identifizieren können.

Über den schottischen Philosophen und Historiker David Hume hat Elizabeth Montagu gesagt: I detest Mr. Hume's philosophy as destructive of every principle interesting to mankind, tho' in other respects one of the most authentic, entertaining and instructive Historys I have ever read: but I love Mr. Hume personally as a worthy agreeable man in private life. Beinahe alle haben ihn gemocht, das hat er in seinem kurzen Lebensabriss, den er kurz vor seinem Tod verfasste, geschrieben. David Hume, Sohn eines verarmter schottischen Adligen, wird mit seinen Schriften viel Geld verdienen, manchmal tausend Pfund im Jahr. Er besitzt natürlich Seidenstrümpfe und er hat auch gegen Luxus und Champagner nichts einzuwenden.

Ein deutscher Philosoph wird über ihn sagen: Ich gestehe frei: die Erinnerungen des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach, und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab. Das sagt niemand anderer als Immanuel Kant. Und Schopenhauer wird schreiben: Aus jeder Seite von David Hume ist mehr zu lernen, als aus Hegels, Herbarts und Schleiermachers sämtlichen philosophischen Werken zusammengenommen. Schopenhauer, der Englisch konnte und die Times las, plante einmal, Hume ins Deutsche zu übersetzen, im Vorwort dieses nicht verwirklichten Plans können wir lesen: Kaum wage ich es, dem erleuchteten philosophischen Publikum unserer Tage diese neue Verteutschung populär-philosophischer Schriften Hume's vorzulegen, da selbiges auf einem Gipfel steht, von welchem es nicht nur auf die weiland berühmten französischen Philosophen, wie Helvetius, d'Alembert, Diderot, Voltaire, Rousseau mit merklicher Geringschätzung herabsieht als auf beschränkte und verstockte raisonneurs, sondern auch die Engländer des vorigen Jahrhunderts nicht viel höher anschlägt

Es gab hier vor zehn Jahren einen Post David Hume, das war der dreihundertste Geburtstag des Philosophen, ein zweiter Post zehn Jahre später kann nicht schaden. Vor allem, weil er ein Autor ist, den man nach hunderten von Jahren immer noch lesen kann. Auf diesem Portrait Humes von Allan Ramsay aus dem Jahre 1766 sieht Hume aus wie ein König, und ein König der Philosophie ist er ja auch. Es kann sein, dass er eine Hofuniform trägt, denn zu dieser Zeit ist er der Chargé d'affaires der englischen Botschaft in Paris. Der englische König findet die Kleidung viel zu elegant, aber Ramsay sagt zu ihm: I wished posterity should see that one philosopher during your Majesty’s reign had a good coat upon his back. Ramsay ist und bleibt ein Schotte, zwanzig Jahre früher hat er Bonnie Prince Charlie gemalt. Wenn es nach Ramsay ginge, säße jetzt ein Stuart auf dem Thron. Ramsays Vater ist Dichter und besitzt eine Buchhandlung und eine Leihbücherei, hier hat der junge Philosoph Hume seine Bücher gekauft, hier hat er den jungen Maler kennengelernt. Seit über dreißig Jahre sind sie befreundet, ich finde, man kann das dem Bild ansehen. It is a wonderful result of the progress of human culture, that at this day there come to us from Scotland rules of taste in all the arts, from epic poetry to gardening, hat Voltaire gesagt. Was Hume für die schottische Philosophie bedeutet, das bedeutet Ramsay für die schottische Kunst.

Vier Jahre nachdem er Humes Portrait gemalt hat, gibt Ramsay die Malerei auf, widmet sich der Literatur, lernt Griechisch und zieht nach Italien. Hinterlässt fünfzig angefangene Bilder des Königs, die sein Schüler und Assistent Philip Reinagle (der seinem Sohn den Vornamen Ramsay gab) fertigstellt. Das Portrait des Philosophen hing bis zu seinem Tod neben einem Portrait von Rousseau im Haus von Hume. Es ist über Jahrhunderte im Familienbesitz geblieben, bis die Großnichte von Hume es der Scottish National Gallery schenkte.

Mittwoch, 5. Mai 2021

Napoleon

Können wir die Klappe da mal aufmachen? fragte der Mann. Ich sagte: Besser nicht. - Warum soll ich die nicht aufmachen? - Weil Sie dann ganz weiß sein werden, sagte ich, darunter ist die Feuerlöschanlage des Panzers, die reagiert sofort, wenn man an der Klappe rumfummelt. Ich fügte noch ein très dangereux hinzu. Er sprach eigentlich gut Deutsch, aber das très dangereux gab den Ausschlag. Der Mann ließ die Klappe zu. Er war vom Zoll und kontrollierte unsere Panzer, bevor wir sie auf die Eisenbahnwaggons verluden. Es war kalt, es hatte hier oben in achthundert Meter Höhe gerade angefangen zu schneien. Wir waren auf dem Truppenübungsplatz La Courtine im französischen Zentralmassiv (darüber können Sie hier mehr lesen). Für die Dauer des Manövers waren wir Zollausland gewesen, jetzt waren wir auf dem Weg nach Deutschland. Und deshalb kontrollierte uns der Mann vom Zoll. Die 150.000 Kilo Munition und 570.000 Liter Treibstoff, die wir mitgebracht hatten, waren verbraucht. Ich musste einen Packen Dokumente unterschreiben, auf denen stand, dass wir keine zollpflichtigen Waren mit uns führten. Das tat ich ohne zu zögern. Überreichte dem Zollbeamten die Dokumente und sagte: Monsieur. Er führte die Hand an die Mütze und sagte: Merci. Und Bon voyage. Wahrscheinlich wusste er genau wie ich, dass unsere Panzer voller Schmuggelware waren.

Man hätte die Klappe hinten im Panzer öffnen können, die Feuerlöschanlage wäre nicht in Aktion getreten. Dazu hätte man noch innen auf einen dicken Knopf drücken müssen. Hätten wir die Klappe geöffnet, dann hätte der französische Zollbeamte eine schön verpackte Flasche Cognac gefunden: Cognac Napoléon. Die hatte ich zollfrei erstanden, ich wollte sie meinen Eltern mitbringen, die mich länger als ein Vierteljahr nicht gesehen hatten. Bei uns zuhause stand immer eine Flasche Hennessy. Genau genommen gab es zwei Flaschen Hennessy im Haus. Eine hielt mein Vater verschlossen, die war für die Gäste. Aus der offen im Wohnzimmer herumstehenden Flasche bediente sich unsere Putzfrau, meine Mutter füllte die immer mit Wasser nach. Ich verstehe nichts von Cognacs, aber ich dachte mir damals, dass ein Cognac der Napoléon heißt, nicht schlecht sein könnte. Ich weiß nicht, wie gut er wirklich war.

Heute vor zweihundert Jahren ist Napoleon auf St Helena gestorben, ich bin mir nicht sicher, ob das ein Tag zum Feiern ist. Die Firma Montblanc hat einen Füllfederhalter mit dem Namen Napoleon Bonaparte herausgebracht, kostet 2.900 Euro. Braucht man so etwas? Napoleon war niemals mein Held, ich gehörte niemals zu seinen Bewunderern. William Hazlitt und Heinrich Heine haben ihn bewundert, ich weiß nicht so recht weshalb. Ich will gerne gestehen, daß mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser und zwar auf eine solche Weise zu stehen, hat Goethe an seinen Verleger Cotta geschrieben, nachdem er Napoleon gesehen hatte. Schon Goethes Zeitgenossen haben darüber den Kopf geschüttelt.

Die geschmuggelte Flasche Cognac Napoléon bleibt heute das einzige, das ich zum Thema Napoleon zu sagen habe. Aber ich habe mir die Mühe gemacht, alles aus meinem Blog herauszusuchen, was mit Napoleon zu tun hat. Von den Schweizergarden, die an der Beresina das Beresinalied singen, bis zu dem pechschwarzen Schiff, mit dem sein Leichnam von St Helena abgeholt wird. Wenn ich all die Posts zu Napoleon zusammenkleben würde, dann hätte ich schon ein Napoleon Buch fertig. Das wäre wahrscheinlich besser als die Studienarbeit von Maxi Mustermann, die bei ebay für 2,01€ angeboten wird. Mein Lieblingsbuch bleibt Napoleon and His Marshals von A.G. Macdonell. Wenn Sie Napoleon in aller Kürze kennenlernen wollen, dann geht nichts über das kleine Buch von Karin Schneider-Ferber, das bei Könemann im Jahre 2000 in der Reihe minigeschichtsführer erschienen war, 95 Seiten, mehr als 150 Abbildungen. Kann man antiquarisch noch finden.

Wenn Sie in der nächsten Woche nichts zu tun haben, dann lesen Sie hier die Posts: Vor dem Sturm, BeresinaBeresina 1812Ney, Caulaincourt, Sir Archibald Alison, Der Robespierre von Hamburg, Waterloo, Waterloo, La Belle-AllianceElba, Briefe, Thomas Laurences Blücher, 18. Oktober 1813, The rockets' red glare: Leipzig 1813, Die Brücke von ArcoleRegenschirmeNeyCaptain Gronow, Stendhal, LuxuskutschenJohn Keegan, Sigrid Combüchen, Laon 1814, St Helena, Apotheose, Joachim Murat, Jean-Baptiste Klébert, Sir Sidney SmithFenstersturz, Marschälle, Kutusow, Invasion, Finckenstein, HeeresreformTettenborn, Bennigsen, BourrienneLord Byron, A.G. MacdonellKrieg und Frieden, William Hazlitt, Vaterländisches Gedicht, Henri Beyle, Invasion, schönes Huhn, Haiti

Es gab mal im Fernsehen einen Vierteiler mit Christian Clavier als Napoleon, den kann ich hier nicht anbieten. Aber ich habe hier die neue Dokumentation von arte und einen Klassiker wie Bondartschuks Waterloo. Es gibt hier allerdings auch den ultimativen Film: Napoleon von Abel Gance aus dem Jahre 1927. Restauriert und neu aufbereitet, fünfeinhalb Stunden lang. Mehr Napoleon braucht man nicht.

Dienstag, 4. Mai 2021

Die schöne Magelone


Der Poetry Month ist vorbei, aber Gedichte bleiben. Die Leser sind auch alle geblieben, das war vor elf Jahren noch anders. Beinahe 45.000 Leser hatte ich im April, es gab viel zu entdecken. Mein Lieblingsgedicht war Robert Penn Warrens True Love, aber das war nicht das Lieblingsgedicht der Leser. Die lasen in großen Zahlen Horrorfilm, ein Gedicht, bei dem kein Verfasser erwähnt wurde. Sie haben aber wohl alle geahnt, dass ich der Verfasser war. Allerdings kam Horrorfilm nur auf Platz zwei, der Sieger in der Leserstatistik war zu meiner großen Überraschung der Post über die Barockliteratur.

Der Dichter Wilhelm Lehmann hat heute Geburtstag, und den feiern wir mal eben mit dem Gedicht In Solothurn. Die schöne Magelone, die hier angesprochen wird, ist die Heldin eines Prosaromans aus dem 15. Jahrhundert, der über die Jahrhunderte immer wieder neu erzählt worden ist. Sie können ihn hier in der Version von Ludwig Tieck lesen. Oder eine Stunde lang Dietrich Fischer-Dieskau zuhören, wie er Die schöne Magelone von Brahms singt. Lehmann liebt es, in seinen Gedichten Liebespaare aus Sage und Epik unterzubringen. So haben wir neben der Königstochter Magelone und Peter von Provence in anderen Gedichten noch die Erwähnung von Merlin und Viviane, Parzival und Kondwiramur, Sigune und Schionatulander und Tristan und Isolde. Wie gegenwärtig sind doch Parzival, Kondwiramur, Merlin, wenn sie in Wilhelm Lehmanns ... Gedichten erscheinen, schrieb Günter Eich 1948.

Wilhelm Lehmann schrieb das Gedicht In Solothurn im Sommer 1948. Er hatte jetzt Zeit zu reisen, er war im Vorjahr pensioniert worden, und so nahm er die Einladung von Hermann Hesse in die Schweiz gerne an. Hesse hatte seine Einladung mit Sätzen wie Der in Eckernförde lebende deutsche Lyriker Wilhelm Lehmann gehört nach meinem Urteil zu den nicht häufigen echt dichterischen und echt lyrischen Begabungen in der heutigen deutschen Literatur begleitet. Lehmann notierte damals in seinem Tagebuch: 

30. August 1948. Der letzte Tag im Lande Jeremias Gotthelfs. Es bezeugt die Macht der Dichtung, 'daß uns die Häuser und Bäume auf dem Schauplatz seines Lebens mehr als andere Häuser und Bäume ergreifen'. Ein sanfter Wind lockert den warmen Augustnachmittag, Die Zweige der Weinreben schwingen sacht. Das seitliche Fenster des Gartenpavillons bekleiden mit grünem Licht die Blätter der Osterluzei. Sie drängt einen Stengel durch den Fensterrahmen zu dem altmodischen Stahlstich an der Wand, der einen zusammengesunkenen Alten zeigt, wie er dem Klavierspiel eines jungen Mädchens lauscht in der 'Wonne der Wehmut'. Darunter steht: Les Exilés (Un Air national). Um mein Glas Most schwirren Wespen. Die südliche Tür des Pavillons führt in den Bauerngarten, in dem Basilikum, Bohnenkraut, Thymian ihre Düfte brauen. An der heißen Planke hängt ein Pfirsich von der Art, die man Venusbrust nennt, Die blauen Dolden der Agapanthe, der Liebesblume, als Knospen unter den Riemenblättern verborgen bei meiner Ankunft, blühen jetzt zum Abschiede. In der Märchenstadt Solothurn führt eine großartige, von zwei köstlichen Brunnen flankierte Freitreppe zu der barock-klassizistischen Ursenkathedrale. Den Jurastein, aus dem sie gebaut ist, verwandelt das brennende Mittagslicht in weißen Marmor. Die Brunnen spielen wie in den Versen Eichendorffs. Am Hotel de la Couronne am Fuße der Kathedrale mit vergoldeten Balkongittern, fährt der Reisewagen aus dem 'Taugenichts' vor, und ihm entsteigt die schöne Magelone. Ich strich durch den Sommerfrieden. Unter den Bäumen saßen Menschen und schauten ins Land oder lasen. Eine Schulklasse zeichnete eine efeubewachsene Mauer und trieb Possen hinter dem Rücken des Lehrers...

Eine Dame steigt vor dem vornehmen Hotel de la Couronne aus einem Auto, der Dichter macht sie in der Phantasie zur Magelone, und reimt das etwas prosaisch auf Balkone. Aber das ist schon genial, wie aus dem Prosatext des Tagebuchs eine Art Sonett wird, wie aus dem Satz Am Hotel de la Couronne am Fuße der Kathedrale mit vergoldeten Balkongittern, fährt der Reisewagen aus dem 'Taugenichts' vor, und ihm entsteigt die schöne Magelone das Gedicht entsteht:

In Solothurn

Vor hundert Jahren suchte ich die schöne Magelone.
Sie liebte mich, ich war ihr gut genug.
Vor hundert Jahren, als mein Fuß mich schwebend trug.

Ich bin in Solothurn. Frag ich, ob sie hier wohne?
Die weiße Kathedrale fleht den Sommerhimmel an. 
Auf hoher Treppe sitze ich, ein junggeglühter Mann.
Die alten Brunnenheiligen stehn schlank;
Die Wasser rauschen, Eichendorff zum Dank.

Hotel de la Couronne. Mit goldnen Gittern schweifen die Balkone. 
Ein Auto hielt. War sie's, die in den Sitz sich schwang?
Adieu! Dein Reiseschal des Windes Fang.

Die Brunnen rauschen. Ihre Stimme spricht 
Uns hundert Jahre wieder ins Gedicht: 
Mich, Peter von Provence, dich, Magelone.


Es gibt viel Wilhelm Lehmann in diesem Blog. Sie könnten auch noch lesen: Wilhelm Lehmann, Naturdichter, London, Signale, Michael Hamburger, Herbst

Sonntag, 2. Mai 2021

Marschendichter


Die Herren hier befinden sich auf einem Pilgerzug ins Land der Kunst, das Photo aus dem Jahre 1895 hat auch den Namen Gänseblümchenparade. Offenbar muss man ein Gänseblümchen in der Hand halten, um die Kunst zu entdecken. Die Herren, die hier dem Marschendichter Hermann Allmers folgen, sind beinahe alle Künstler. Von links sind das die Maler ⇾Heinrich Vogeler und ⇾Fritz Overbeck, dann folgen Hans Müller-Brauel (ein Archäologe und Heimatforscher) und die Maler ⇾Fritz Mackensen und Otto Modersohn. Halb ⇾Worpswede hat sich hier bei Allmers versammelt. Er war, so schreibt ein Biograph, ein Genie der Freundschaft, dem die Herzen zuflogen und der sich überallhin verschenkte und verschwendete. Er fördert finanziell auch die Herren mit den Gänseblümchen, er ist ein reicher Mann.

Der Landwirt Allmers aus Rechtenfleth, der nebenbei Vogt und Deichgraf ist, hat keine Schule und keine Hochschule besucht. Sein Reichtum ermöglicht ihm private Studien und weite Reisen, er war lange in Italien. Für seine erste Italienreise hatte ihm sein Vater eine Rolle mit dreihundert Goldtalern auf die Geburtstagstorte gelegt. Allmers' Buch Römische Schlendertage wird zum meistgelesenen Reisebuch des 19. Jahrhunderts. Er hat einen großen Freundeskreis, seine Korrespondenz umfasst mehr als elftausend Briefe, der Allmershof wird im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einem kulturellen Zentrum Norddeutschlands. Wo sollen wir Allmers in der deutschen Literatur einsortieren? Vielleicht nicht ganz oben, aber vielleicht doch in Augenhöhe. Wir müssen mal eben einen Blick auf die Kultur in Bremen am Ende des 19. Jahrhunderts werfen.

Lesen tut der Bremer ja nicht so gerne, ⇾Klaus Groth wird das erfahren, wenn er die Tochter eines Bremer Rotweinhändlers heiratet. Aber schon vorher hat ein Volontär in der Bremer Leinenhandlung H. Leupold  konstatiert: Eine Teilnahme an der fortlaufenden Literatur des Gesamtvaterlandes findet hier nicht statt: Man ist so ziemlich der Ansicht, dass mit Goethe und Schiller die Schlusssteine in das Gewölbe der deutschen Literatur gelegt seien, und lässt allenfalls die Romantiker noch für später angebrachte Verzierungen gelten. Der junge Mann heißt Friedrich Engels. 

Und im selben Jahr 1840 sagt ⇾Arnold Duckwitz: Ein Lesen, Studieren und Forschen ohne praktischen Zweck ist hier nicht zu Hause und muss da gesucht werden, wo man die Zeit hat. Der Robinson Crusoe des gleichnamigen Romans heißt eigentlich Kreutznaer, sein Vater kommt aus Bremen. Wenn es unseren Robinson auf seine Insel verschlägt, wird er, ganz englischer kapitalistischer Kaufmann, sein Hauptbuch des Lebens mit Errungenschaften und Verlusten füllen. Es ist aber nicht nur das ökonomische System des britischen Kapitalismus, das ⇾Karl Marx aus dem Buch herausliest, es ist auch die Ideologie der Bremer Kaufleute. Der Großkaufmann Arnold Duckwitz, der zum Handelsminister des Frankfurter Parlaments aufsteigt, würde das ebenso sehen. 

Wir sehen, die Bremer Pfeffersäcke und Rotweinimporteure haben es nicht so mit der Literatur. Wenn man dem bei Schünemann erschienenen Band Geistiges Bremen folgt, gibt es im 19. Jahrhundert vier bedeutende Bremer Schriftsteller: ⇾Otto Gildemeister, ⇾Heinrich Bulthaupt, Arthur Fitger und Hermann Allmers. Das sind Zeitgenossen von Fontane, Raabe, Stifter, Keller und Storm. Oder, in der Welt des Dramas: Grabbe, Büchner und Hebbel. Man muss schon sehr heimatverbunden sein, wenn man manche dieser Bremer Schriftsteller in das oberste Regal der deutschen Literatur stellen will. Vielleicht kommen sie nicht mal in das Regal, in dem ⇾Karl Gutzkow steht, jener Gutzkow, der wenn er nächtens am Goethe und Schiller Denkmal in Weimar vorbeikommt, die Faust hebt und ruft: Aber neunbändige Romane habt ihr nicht geschrieben

Die Bremischen Biographien des 19. Jahrhunderts von 1912 widmen den schlechtesten Schriftstellern die längsten Artikel: Bulthaupt (14 Seiten) und Fitger (13 Seiten) schlagen Hermann Allmers (7 Seiten) um Längen. Temporis filia veritas, der literarische Geschmack ist es auch. Gibt man die vier Namen bei Amazon ein, wird man sehen, dass Hermann Allmers überlebt hat. Gildemeister auch, wenn auch nur wegen seiner Essays und seiner Dante- und Byronübersetzungen. Fitger ist als Schriftsteller berechtigterweise völlig vergessen. Bulthaupt führt, erstaunlicherweise, noch ein zähes Leben als Verfasser von Regelwerken, wie das Schauspiel oder die Oper zu sein habe. Er denkt da Lessings Hamburgische Dramaturgie weiter, ohne jemals an Lessing heranzureichen. Nicht mal an seinen Zeitgenossen Friedrich Spielhagen. Verdächtig häufig findet sich bei Lexikoneintragungen zu Bulthaupt und Fitger das Wort Epigonentum. Das scheint ja spätestens seit Karl Immermanns Roman Die Epigonen eins der größten Probleme der Künstler des 19. Jahrhunderts zu sein. 

Prachtvoll, großartig war das gestern Abend. Habe drei Stunden andächtig zu deinen Füßen gesessen! sagt Allmers zu Bulthaupt nach einer Premiere. Jeder weiß, dass Allmers nach einer Viertelstunde das Weite gesucht hat und in den Ratskeller gegangen ist. Fitger ist die schillerndste Figur, er ist gleichzeitig Maler, Dichter und Dramatiker. In allen Gebieten ist er, wie man heute sagen würde, grottenolmschlecht. Aber Bremen liegt ihm zu Füßen, man vergöttert ihn. Er ist der Bremer Kunstpapst, der sich herablassend, geradezu vernichtend, gegenüber der neuen Kunst, wie der von Paula Becker Modersohn, äußern wird. 

Über Paula Becker schreibt er am 20. Dezember 1899 in der Weser-Zeitung (deren Chefredakteur sein Bruder Emil ist): Unsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß es so unqualifiercirbaren Leistungen wie den sogenannten Studien von Maria Bock und Paula Becker gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden, ja daß man ihnen ein ganzes Cabinet eingeräumt hat.... daß so etwas hat möglich sein können, ist sehr zu beklagen. Für die Arbeiten der beiden genannten Damen reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen... so ist auch uns in diesem Augenblick der Gedanke an unsere Kunsthalle so widerwärtig geworden, daß wir den lebhaften Wunsch nicht mehr unterdrücken können, möglichst bald sie uns aus dem Sinn zu schlagen und uns Erfreulicherem zuzuwenden.

Wenn man Fitger als Makart für Arme charakterisieren würde, dann ist er noch gut bedient. Er ist übrigens auf einem Auge blind und kann überhaupt nicht zeichnen, aber große Flächen mit großen Emotionen füllen, das kann er. Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten. Doch Fitger, das muss man sagen,  verdankt seinen Aufstieg Hermann Allmers. Das hat mich immer gewundert, denn immerhin ist Allmers auch mit ⇾Friedrich Theodor Vischer, dem Autor von Auch Einer, befreundet, korrespondiert mit der geistigen Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts und fördert die junge Worpsweder Malerkolonie. Aber er lässt sich von Fitger seinen Antikensaal gestalten. Und das scheußliche Bild da oben (Barbarossas Erwachen im Kyffhäuser) hängt auch bei ihm in einem Salon.

Ich gebe gerne zu, dass ich ein offenes Herz für den Kitsch des 19. Jahrhunderts habe, ich bewundere die gelackten Flächen von ⇾Franz Xaver Winterhalter und James Tissot, alle Historienmaler sind mir lieb. Das liegt an Opas Kunstbüchern, da war immer nur die Historienmalerei des 19. Jahrhunderts drin, mit den großen patriotischen Szenen, ob Friedrich der Große bei Leuthen, Friedrich der Große in Lissa (Bonsoir, messieurs), Prinz Louis Ferdinand bei Saalfeld, ⇾Bismarck und Napoleon III nach der Schlacht von Sedan, ich kenne jede Uniform, jedes sterbende Pferd. Selbst ⇾Lawrence Alma-Tadema geht bei mir noch durch, aber mit Fitger sind geschmackliche Grenzen nach unten unterschritten. 1973 habe ich in Hamburg die zum ersten und letzten Mal ausgestellte ⇾Sammlung Schwabe gesehen, und bin gleich am nächsten Tag noch mal hingefahren. Und auch die Sammlung des ⇾Barons Sir John Henry von Schröder (Hamburger Kunsthalle 1984) ist unter den Aspekten des hochglanzpolierten Kitsches nicht schlecht (beide Sammlungen haben hier schon einen Post). Im Gegensatz zu diesen beiden Hamburger Millionären, die ihre Anglomanie voll ausleben, sind die Bremer, die sich ihre Gründerzeitvillen von Fitger ausmalen lassen, wirkliche Banausen. Und über die literarische Produktion dieser gründerzeitlichen Doppelbegabung sei am besten der Mantel des Schweigens ausgebreitet.

Aber das Verhältnis zu Fitger und auch zu Bulthaupt wird sich abkühlen, in der Festgabe zu Allmers achtzigstem Geburtstag, die ihm sechzig Schriftsteller und Maler widmen, sind beide nicht mehr vertreten. Wenn man mit den von Allmers gesammelten Märchen wie Hake Betgen siene Duben, dem Kyffhäusermärchen, dem von Brahms vertonten Gedicht Feldeinsamkeit und dem Marschenbuch aufgewachsen ist, kommt einem Allmers als ein in seiner Landschaft verhafteter Dichter wie selbstverständlich vor (wenn man Student in einer Verbindung ist, singt man heute noch Dort Saaleck, hier die Rudelsburg). Das habe ich schon in dem Post An der Saale hellem Strande erwähnt.

Allmers ist mit ganzem Herzen ein Anhänger der 48er Revolution gewesen. Er wird ihr immer nachtrauern. Er wird ein Lebensbild vom Hauptmann ⇾Heinrich Böse schreiben, das auch ein Sittenbild aus dem Bremen der Franzosenzeit ist. Böse (Bild) ist ein freiheitsliebender Bremer, der aus seinem privaten Vermögen ein Bremisches Jäger Corps zum Kampf gegen Napoleon ausrüstet und damit nach Frankreich zieht (es wird in keine militärischen Aktionen verwickelt sein). Der auch für die 48er Revolution eintritt (und den Mittellandkanal mitbegründet). So einer erscheint Allmers als der Inbegriff patriotischer Tugenden. Allmers wird den flüchtigen Arnold Ruge, den ehemaligen Mitarbeiter von Karl Marx, beherbergen (und dafür später zu einer Geldstrafe verurteilt werden). Zum Gedenken an die Märztage pflanzt er in seinem Garten eine Eiche, die er später mit einem eisernen Schild verziert: Nichts als die Worte ’Deutschlands Frühling 1848’ steht daran, darüber ein aufgehend Hoffnungssternlein und drunter --- ein böser Querstrich

Der Admiral ⇾Rudolf Brommy, ein überzeugter Demokrat, der die deutsche ⇾Reichskriegsflotte befehligte, ist nicht zu einem deutschen Helden geworden. Für den Marschendichter Hermann Allmers, der immer noch ein alter 48er Revolutionär ist, ist Brommy aber ein zu Unrecht vergessener Held. Und so sorgt er nach Brommys Tod für ein Ehrenmal, auf dem seine Verse stehen:

Karl Rudolf Brommy ruht in diesem Grabe
Der ersten deutschen Flotte Admiral
Gedenkt des Wackren und gedenkt der Tage,
An schöner Hoffnung reich und bittrer Täuschung,

Das Land, das Allmers geerbt hat, hat er gewinnbringend verpachtet, das Haus baut er jetzt zu einem kleinen Kulturzentrum der Wesermarsch aus, es wird, wenn man so will, das erste öffentliche Museum zwischen Weser und Elbe. In diesem Saal kann man unter der Decke den sechsteiligen Marschenfries von Heinrich von Dörnberg sehen, der die Geschichte der Marsch mit Themen wie Urzeit der Marsch, Fischer- und Jägerleben der Marschen, Gründung der Deiche, Die Bauernschlacht, Die Sturmflut und das Bauerngericht unter der Stadteiche von Hagen, alles mit brauner Tönung al fresco an die Wand gebracht.

Allmers begründet etwas, das man die Heimatbewegung, manchmal auch Heimatschutzbewegung (wie in dem kunsthistorischen Begriff Heimatschutzarchitektur), nennt. Eine Bewegung gegen die Entfremdung durch die Industrialisierung, eine Rückkehr zur Natur und zur Landschaft der Wesermarsch. Diese Heimatbewegung mit all ihren positiven Werten ist sicherlich auch die Grundlage unseres Bremer Heimatkundeunterrichts, der uns alle in meiner Schulzeit eng an unseren Ort binden wird. Sie wird allerdings auch von den Nationalsozialisten geschickt ausgebeutet, wie auch alle späteren Bewegungen der 20er Jahre. Der Satz von Allmers Das Volk zu bilden, zu veredeln und auf die Höhe der Wahrheit zu führen gilt all mein Sinnen und Trachten, klingt heute etwas seltsam, aber es war ihm ernst damit.

Der Schriftsteller Hermann Bahr hatte Allmers in den 1880er Jahren in Berlin getroffen, und seine Beschreibung stelle ich mal an den Schluß, sie sagt uns viel über den Menschen: Bei ihm traf ich eines Tags einen hochgewachsenen Sechziger so leuchtenden Wesens, daß mir beim bloßen Anblick wunderlich wohl ward; etwas Bezauberndes ging von ihm aus. Es war Hermann Allmers. Wer diesen Namen hörte, sagte damals automatisch: der Dichter der Marschenlieder. Er war von der gewissen Berühmtheit, die darin besteht, daß sie jedermann anerkennt, aber niemand lesend nachprüft. Ich kannte keine Zeile von ihm, aber nie wieder hat ein Dichter persönlich auf mich so dichterisch gewirkt. Er war selber ein Gedicht, und eins der höchsten Art, durch dessen bloße Gegenwart man eines höheren Daseins gewiß, ja fast schon selber teilhaft wird. Ich kann mich kaum eines anderen Mannes von solcher Arglosigkeit, Herzenseinfalt und Innigkeit entsinnen. Friese, geboren und gewachsen auf uraltem Hof, der den Seinen seit einem halben Jahrtausend gehörte, hatte der baumstarke Recke das Gemüt eines Kinds und rührend war nun, zugleich aber höchst lächerlich, gar in der großen Stadt hier, sein Unvermögen, sich vorzustellen, es könnte jemand auch anders sein als er.

Es gab hier vor zehn Jahren schon einmal einen Post für ⇾Hermann Allmers; aber ich dachte mir, es könnte nicht schaden, wenn ich noch einmal über ihn schreibe. Viele der hier genannten Maler und Schriftsteller haben auch schon einen Post, ich habe diese Links mit einem kleinen Pfeil (⇾) versehen.