Sonntag, 10. Dezember 2023
Sansibar
Freitag, 8. Dezember 2023
die örtlichen Buchhandlungen
Es muss etwas geschehen, fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht lesen. Fast jedes dritte Bremer Schulkind erreichte im Lesen nicht die IQB Mindeststandards. Das ist seit Jahren schon so, und es wird nicht besser. Der neueste Pisa Bericht beschreibt eine bildungspolitische Katastrophe. Ein Volk der Dichter und der Denker sind wir auf keinen Fall mehr, wenn wir das je waren. Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie hatte 2018 eine Hamburger Erklärung initiiert, in der Hoffnung, dass etwas besser wird. Am 20. September, dem Weltkindertag, wurden die gesammelten Unterschriften den Kultusministern der Länder übergeben. Ist irgendwas passiert?
Was soll werden, wenn die Lesefähigkeit sinkt und sinkt? Mit einem Smartphone oder einem Tablet können schon Kinder umgehen, mit einem Roman nicht. Und wenn sie der bunten Glitzerwelt der tausend Apps verfallen, verpassen sie das Schönste im Leben: Das Schönste, was wir gelesen haben, verdanken wir meistens einem uns teuren Menschen. Und mit einem uns teuren Menschen werden wir zuerst über die Lektüre sprechen. Vielleicht eben weil das Charakteristische des Gefühls – wie des Wunsches zu lesen – darin besteht, vorzuziehen. Lieben heißt letztendlich, denen, die wir vorziehen, das zu schenken, was wir vorziehen. Und dieses Teilen macht die Zitadelle unserer Freiheit aus.
Martin Mader hat es geschafft, sich mit seiner Buchhandlung, die er von der Familie Otto übernommen hatte, nicht nach unten ziehen zu lassen. Dahin, wohin der kleine Ort Vegesack tendiert. Mader und seine Frau Sabine haben vor zwei Jahren in Anerkennung ihrer Arbeit den ersten Bremer Buchhandlungspreis erhalten. Es gab im Ort seit 1955 noch eine zweite Buchhandlung, die auch Otto hieß: Conrad Claus Otto. Das Adreßbuch für den deutschsprachigen Buchhandel vermerkte 1958, dass es hier zu Verwechslungen kommen könnte. C.C. Ottos kleiner Buchladen war neben einer Tankstelle in der Bismarckstraße (die heute Sagerstraße heißt). Gegenüber dem Haus vom Zahnarzt Dr Pickel, das Ernst Becker-Sassenhof gebaut hatte.
Mittwoch, 6. Dezember 2023
Nikolaustag
Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Der Nikolaus Post, der zuerst Sünnerklaas hieß, ist in diesem Blog am 6. Dezember immer wieder mal aufgetaucht. Ich stelle ihn heute in der Version von 2010 hier hin. Damals noch ohne Bilder. Bilder konnte ich noch nicht. Jetzt kann ich alles. Ich wünsche meinen Lesern eine schöne Adventszeit.

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.
Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:
Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.
Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:
Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.
Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:
Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.
Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback - und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.
Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.
Vorleser gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.
Ich erwähne diese Oper nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die hübsche Sängerin kannte.
Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:
Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to
Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht.
Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das hat aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt & Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn (der für ihn den bösen Beinamen Kamerun bei Pumpe hatte) marschieren müssen, und das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.
Je mehr ich begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.
Montag, 4. Dezember 2023
wieder was Neues
Ja, es gibt etwas Neues. Nämlich einen neuen Blog. Mein Freund Georg hatte die Idee. Ich schriebe soviel über Frauen, da könnte ich doch mal einen Themenblog machen, so wie Tickendes Teufelsherz zum Beispiel. Mein Freund Georg ist immer wieder in diesem Blog erwähnt worden. Sie können ihn in dem Post Cricket sehen. Und in dem Post Morning Coat auch, weil er da bei der Hochzeit bei den englischen Verwandten einen Morning Coat trägt. Und in dem Post Danke wird ihm gedankt, weil er nämlich mein Korrektursystem ist und bei jedem neuen Post meine Tippfehler ausmerzt.
Also ein neuer Blog, in dem nur Posts über Frauen sind. Ich machte mich ans Werk. Ich brauchte einen Namen und eine Adresse. Der Name war einfach, ich nannte den Blog femmes. Für die Adresse nahm ich eine Zeile aus Jacques Préverts Les feuilles mortes. Für das Layout wählte ich das Design "Einfach", da musste ich nur die scheußliche Farbe in die Frauenfarbe Lila ändern. Und dann schaufelte ich einen Post nach dem anderen aus SILVAE in den neuen Blog. Posts über Malerinnen, Filmschauspielerinnen, Schriftstellerinnen, historische Persönlichkeiten, es ist kein System in der Anordnung. Da ist jetzt Maj Sjöwall neben der Günderrode und Jil Sander neben Anne Boleyn. Aber das Ganze war irgendwie witzig. Als ich den Computer nachts in den Ruhezustand versetzte, hatte ich zwanzig Posts da stehen. Und erstaunlicherweise hatten 101 Leute das schon angeklickt, ich weiß nicht, wie die das gefunden haben. Sie finden den Blog, der jeden Tag größer werden wird, unter ➔femmes. Gucken Sie mal hinein.Samstag, 2. Dezember 2023
Glasfenster
Was wäre aus dieser Malerin geworden, wenn die Nazis nicht gekommen wären? Elisabeth Steinecke hatte ihren ersten Malunterricht nach dem Abitur bei Gustav Adolf Schreiber gehabt, der ein Schüler von Gotthardt Kuehl gewesen war. 1935 gab sie ihr Malstudium in Berlin ohne Abschluss auf und kehrte in ihre Heimatstadt Bremen zurück. Die Nazis hatten ihren Lehrer Curt Lahs von der Berliner Hochschule für Kunsterziehung verjagt. Dass Hitler eine Gefahr war, das wusste die junge Frau schon länger. Als Schülerin am Kippenberg Lyceum hatte sie ihre Lehrerin gefragt, ob sie es für möglich halte, dass Gott Hitler gewollt hätte. Ihre Lehrerin hatte ihr geantwortet: Hitler kann auch das absolut Böse sein. Die Lehrerin hieß Magdalene Thimme, sie war wahrscheinlich Bremens bedeutendste Pazifistin. Elisabeth Steinecke blieb ihrer Lehrerin ihr Leben lang verbunden und stand ihr auch im Alter bei.
Elisabeth Steinecke wird heiraten und Kinder haben, die künstlerische Betätigung bleibt jetzt liegen. Da geht es ihr nicht viel anders als der Impressionistin Mathilde Vollmoeller nach ihrer Heirat. Aber nach dem Weltkrieg, aus dem ihr Mann nicht zurückkehrt, da hat sie eine zweite künstlerische Karriere. Und dafür brauchen wir mal eben den Heiligen Martin. Hier gemalt von El Greco. In hunderten von Darstellungen sehen Bettler und Ritter immer anders aus, die Farbe des zerteilten Mantels variiert. Die Teilung des Mantels geschieht in der Stadt Amiens, das hat mir 1959 in der Kathedrale ein Geistlicher erzählt. Und Notre Dame d'Amiens, wo Martin getauft wurde, hat hier schon einen Post. Ich brauche den Heiligen Martin wegen der Bremer St Martini Kirche. Diese Kirche an der Weser ist es natürlich wert, dass man hineinschaut, allein wegen der Orgel von Bockelmann. Sie ist vielleicht die schönste Bremer Kirche, wenn Sie diesen Post anklicken, kommen sie zu einem ganz, ganz langen kulturhistorischen Post über Kirchen. Es ist um die Martini Kirche immer still, sie liegt abseits vom Touristenstrom. Die Touris schaffen es doch bestenfalls noch bis zum Ende der Böttcherstraße. Hier ist Joachim Neander Pastor gewesen, der Neander, der Lobet den Herren geschrieben hat. Der Neander, nach dem man in Düsseldorf, wo er vorher war, ein kleines Tal benannt hat. Wo man eines Tages den Neandertaler findet. Das wusste früher in Bremen jedes Kind. Heute vielleicht nicht mehr, es steht schlecht um die Bildung in Bremen.
Von der Martinikirche war nach dem 137. Luftangriff vom 6. Oktober 1944 nicht viel übriggeblieben. Es ist nicht das letzte Bombardement Bremens, noch 35 Luftangriffe werden bis zum Mai 1945 folgen. Aber man hat die Kirche wieder aufgebaut. Die Orgel war nicht mehr zu retten, doch der kostbare Orgelprospekt ist erhalten, da man ihn vorher ausgelagert hatte. Man baut 1948 zuerst das Pastorenhaus neben der Kirche, das sogenannte Neanderhaus, wieder auf. Ab 1951 beginnt man unter dem Architekten Walter Siber mit dem Neubau der Kirche, die Arbeiten werden bis 1960 dauern. Man brauchte natürlich neue Glasfenster, Fenster gehen bei einem Bombenangriff als erstes zu Bruch.
Und das ist die Stunde von Elisabeth Steinecke, die 1955 mit der Glasmalerei begonnen hatte. Sie wird das sogenannte Hohe Fenster (Neanderfenster) in der Südwand (Bild), das Martinsfenster im Nordschiff und die acht Fenster im Chor schaffen. Handbemaltes Glas, im modernen Stil. 1959 hatte sie den Auftrag erhalten, da hatte sie schon für mehrere Kirchen die Glasfenster gestaltet. Die Prunkstücke sind natürlich das Neanderfenster und das Martinsfenster. Aber auch die kleinen Fenster haben ihren Reiz: Die Fenster im Chor erhielten eine kleinfigürliche Buntverglasung von herrlich satten Farben - nach Entwürfen von Elisabeth Steineke. Wenn die Morgensonne hindurchscheint, sieht es aus, als ob funkelnde Wandteppiche den Chorraum umgeben. Auf der Homepage der St. Martini Gemeinde wird zwar das Neanderfenster abgebildet, aber Elisabeth Steinecke wird mit keinem Wort erwähnt. Irgendwie ist das ein bisschen armselig.
Doch das wundert vielleicht nicht, denn die Gemeinde ist heute etwas seltsam. Dass hier 1904 zum erstenmal in Deutschland eine Frau auf der Kanzel stand, das würde sich heute unter Pastor Olaf Latzel nicht wiederholen. Der ist ein wenig rechtsradikal und stand schon wegen Volksverhetzung vor Gericht. Das ist jetzt weit weg von Emil Felden, der gegen den Antisemitismus kämpfte und von den Nazis entlassen wurde. Die bremische Landeskirche lässt den einzelnen Gemeinden alle Freiheiten, und das führt manchmal zu seltsamen Dingen. Ich zitiere mal eben aus dem Post Bremer Klausel: Das mit den theologischen Spinnern in Bremen hat übrigens mit der Reformation nicht aufgehört. Der Bischof von Hitlers Gnaden Heinz Weidemann, der damals den Dom so hübsch mit Naziemblemen dekorieren ließ und eine Bremer Kirche in Horst Wessel Kirche umtaufen wollte, war zweifellos ein Fall für die Psychiatrie. Und auch der Pastor Georg Huntemann, der sich nach dem Gottesdienst an der Kirchentür den Ring an der Hand küssen ließ, war nicht so ganz schussecht. Und der ehemalige Domprediger Günter Abramzik, der in der kleinen Bremer Revolution so vernünftig war, hat nach dem Aufkommen der Beweise für seine sexuellen Verfehlungen auch jede Autorität verloren.Dienstag, 28. November 2023
tüddelig im Kopf
An all das fühlte ich mich erinnert, als mir letztens ein polynesisches Wort begegnete, das ich nicht aus meiner Südseelektüre kannte, das auch nicht in Melvilles Omoo vorkommt. Es heißt Taravana, es hat offenbar mehrere Bedeutungen. Es kann ein ✺Song des auf Tahiti lebenden Sängerns Ken Carlter sein; es kann ein ✺Computerspiel sein, in dem es um Seeungeheuer geht. Aber eigentlich ist Taravana eine Taucherkrankheit, die die Einwohner der Tuamotu Inseln befällt, wenn sie dreißig Mal am Tag ohne Druckluft nach Perlen tauchen. Sie können hier auf einer Seite für medizinische Fachjournale alles über das Taravana Syndrom lesen, das in der Übersetzung verrückt hinfallen bedeutet. Diese Dekompensationskrankheit bei Apnoetauchern, bei der man die Kontrolle über den Körper verliert, ist vor sechzig Jahren zum erstenmal wissenschaftlich beobachtet worden. Bestenfalls ist man da etwas tüddelig im Kopf, aber es kann auch zum Tod führen.





































