Donnerstag, 3. April 2025

Goethe übt noch

Heute vor 212 Jahren starb Friederike Elisabeth Brion, die in ihrer Jugend eine Liebschaft mit dem jungen Goethe gehabt hat. Diese vielleicht heftige, aber doch wohl platonische und kurze Affäre ist in die Literatur gewandert. Sie können dazu mehr, oder beinahe alles, in dem Post Friederike lesen. Die erste Begegnung mit der Pfarrerstochter, die er nach kurzer Zeit schnöde verlassen wird, hat er in Dichtung und Wahrheit beschrieben:

In diesem Augenblick trat sie wirklich in die Türe; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf. Ein kurzes weißes rundes Röckchen, nicht länger als dass die nettesten Füßchen bis an die Knöchel sichtbar blieben; ein knappes Mieder und eine schwarze Schürze – so stand sie auf der Grenze zwischen Bäuerin und Städterin. Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie und beinahe schien für die gewaltigen blonde Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte; der Strohhut hing ihr am Arm, und so hatte ich das Vergnügen, sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmut und Lieblichkeit zu sehen und zu erkennen.

Vielleicht war es so, auf jeden Fall schreibt er ihr Briefe: Liebe neue Freundin, ich zweifle nicht, Sie so zu nennen. Denn wenn ich mich anders nur ein klein wenig auf die Augen verstehe, so fand mein Aug’ im ersten Blick die Hoffnung zu dieser Freundschaft in Ihrem, und für unsere Herzen wollt’ ich schwören. Sie, zärtlich und gut, wie ich sie kenne – sollten Sie mir, da ich sie so lieb habe, nicht wieder ein bisschen günstig sein? Nach den Briefen geht er zu Gedichten über. Nicht alles, das er für die blonde Friedrike schreibt, ist großartig. Dies hier ist wahrlich keine Erlebnislyrik, das ist einfach nur konventionell:

Kleine Blumen, kleine Blätter
Streuen mir mit leichter Hand
Gute junge Frühlingsgötter
Tandlend auf ein luftig Band.

Zephyr, nimm's auf deine Flügel,
Schling's um meiner Liebsten Kleid;
Und dann tritt sie für den Spiegel
Mit zufriedener Munterkeit.

Sieht mit Rosen sich umgeben,
Sie wie eine Rose jung.
Einen Kuß, geliebtes Leben!
Und ich bin belohnt genu(n)g.

Schicksal, segne diese Triebe,
Laß mich ihr und laß sie mein,
Laß das Leben unsrer Liebe
Doch kein Rosenleben sein!

Mädchen, das wie ich empfindet,
Reich mir deine liebe Hand!
Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband!

Der große Goethe ist nicht immer groß. Es ist ein sehr schwaches Rosenband, das da geknüpft wurde, es hält gerade mal ein Jahr. Es waren peinliche Tage, als ich ihr die Hand noch vom Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr übel zu Mute, können wir in Dichtung und Wahrheit lesen. Er schreibt ihr aus Frankfurt einen Abschiedsbrief. Vier Jahre später verlobt er sich in Frankfurt mit der Bankierstochter Lili Schönemann, aber das ist auch nach einem Jahr zu Ende. Doch an seinem Lebensende wird er seinem Freund Friedrich Soret sagen: Lili war die erste, die ich tief und wahrhaft liebte, und vielleicht war sie auch die letzte. Da ist keine Rede mehr von der armen Friedrike.


Am 3. April gab es hier im Blog schon mehrere Dichter, die da einen Geburtstag oder Todestag hatten. Das waren Bodo von Hodenberg, der sich in dem Post Fruchtbringende Gesellschaft findet, George Herbert und Otto Graf von Loeben. Das sind Posts, die vielleicht lesenswerter sind als das heutige Goethe Gedicht.

Mittwoch, 2. April 2025

Comment te dire adieu


Serge Gainsbourg, der heute Geburtstag hat, war schon vor zwei Jahren am zweiten April mit einem Chanson in dem Post l'océan de l'oubli. Das schöne Lied wurde auch schon in dem Post Verzierungen zitiert. Und Gainsbourg selbst ist natürlich auch schon in dem Blog, zum Beispiele ind den Posts souvenirs et regrets und Jane Birkin ✝. Mein Chanson heute heißt Je suis venu te dire que je m'en vais, es handelt von der Liebe und vom Ende der Liebe. So etwas können die Franzosen ja ganz wunderbar:

Je suis venu te dire que je m'en vais
Et tes larmes n'y pourront rien changer 
Comme dit si bien Verlaine au vent mauvais
Je suis venu te dire que je m'en vais
Tu t'souviens des jours anciens et tu pleures
Tu suffoques, tu blêmis à présent qu'a sonné l'heure
Des adieux à jamais
Je suis au regret
De te dire que je m'en vais
Oui, je t'aimais, oui, mais

Je suis venu te dire que je m'en vais
Tes sanglots longs n'y pourront rien changer
Comme dit si bien Verlaine au vent mauvais
Je suis venu te dire que je m'en vais
Tu t'souviens des jours heureux et tu pleures
Tu sanglotes, tu gémis à présent qu'a sonné l'heure
Des adieux à jamais
Oui, je suis au regret
De te dire que je m'en vais
Car tu m'en as trop fait
Je suis venu te dire que je m'en vais

Je suis venu te dir'que je m'en vais
et tes larmes n'y pourront rien changer
comm'dit si bien Verlaine "au vent mauvais"
je suis venu te dir'que je m'en vais

Tu t'souviens des jours anciens et tu pleures
tu suffoques, tu blémis à présent qu'a sonné l'heure
des adieux à jamais
oui je suis au regret
de te dir'que je m'en vais
oui je t'aimais, oui, mais
je suis venu te dir'que je m'en vais
tes sanglots longs n'y pourront rien changer
comm'dit si bien Verlaine "au vent mauvais"
je suis venu d'te dir'que je m'en vais

Tu t'souviens des jours heureux et tu pleures
tu sanglotes, tu gémis à présent qu'a sonné l'heure
des adieux à jamais
oui je suis au regret
de te dir'que je m'en vais
car tu m'en as trop fait

Je suis venu te dir'que je m'en vais
et tes larmes n'y pourront rien changer
comm'dit si bien Verlaine "au vent mauvais"
je suis venu d'te dir'que je m'en vais

Tu t'souviens des jours anciens et tu pleures
tu suffoques, tu blémis à présent qu'a sonné l'heure
des adieux à jamais
oui je suis au regret
de te dir'que je m'en vais
oui je t'aimais, oui, mais

Je suis venu te dir'que je m'en vais
tes sanglots longs n'y pourront rien changer
comm'dit si bien Verlaine "au vent mauvais"
je suis venu d'te dir'que je m'en vais

Tu t'souviens des jours heureux et tu pleures
tu sanglotes, tu gémis à présent qu'a sonné l'heure
des adieux à jamais
oui je suis au regret
de te dir'que je m'en vais
car tu m'en as trop fait...


Gainsbourg zitiert Paul Verlaine in seinem Chanson. Der vent mauvais findet sich in Verlaines Chanson d’automne. Einem Gedicht, bei dem sich auch Jacques Prévert bedient hat, denn manches von Verlaine findet sich in Les feuilles mortes wieder. Gainsbourg, der mit Jane Birkin zusammenlebte, als er diesen Text schrieb, hat ihn wahrscheinlich für seine zweite Frau Françoise-Antoinette Pancrazzi geschrieben, mit der er zwei Kinder hatte. Die schöne Frau hat erstaunlicherweise keinen Eintrag bei Wikipedia. Aber sie wird immer in diesem Lied sein, auch wenn da steht: tu m'en as trop fait... Immer tun die Frauen den Männern etwas an. Bei Charles Aznavour steht in seinem Chanson Sur ma vie als letzte Zeile auch so etwas: tout le mal que tu m'as faitSerge Gainsbourg hat das Chanson, das 1973 als 45er Single erschien, immer wieder gesungen (und das Comment te dire adieu des heutigen Post-Titels, das Françoise Hardy singt, das hat er auch geschrieben).✺Jane Birkin hat Je suis venu te dire que je m'en vais ein Jahr nach Gainsbourgs Tod sehr schön mit ihrem Sprechgesang vorgetragen. Das Internet ist voll von Cover Versionen. ✺Marianne Faithfull sollte man nicht anklicken, diese ✺Fernsehshow auch nicht.

Aber interessant fand ich Alliye, die laut Spotify vier Alben auf dem Markt hat und man dort erfährt: Multilingual music artist, singer, songwriter and music producer from the state of Maranhão (northeast of Brazil), Alliye began her artistic activities in Paris, France in 2006. Currently residing in the capital of São Paulo, Alliye faces the challenges of producing her musical projects autonomously, making use of streaming services to launch her songs, and also creating French versions of Brazilian hits. Bei ihr bekommt Je suis venu te dire que je m'en vais einen südamerikanischen Touch. Ist noch nicht ganz A beleza que não é só minha, aber doch schon ein bisschen.


Dienstag, 1. April 2025

April


Da ist er, der Monat April. Sie kennen das schon, wenn Sie diesen Blog lesen, es gibt den ganzen Monat Gedichte. Das erste kommt von der amerikanischen Dichterin Edna St. Vincent Millay. Thomas Hardy hat über sie gesagt, dass Amerika zwei Attraktionen hätte. Das eine seien die Wolkenkratzer, das andere die Gedichte von Edna St. Vincent Millay. Das Gedicht Spring, das heute hier steht, ist nicht unbedingt repräsentativ für ihre Dichtkunst. Aber es ist sehr witzig, und der Monat April kommt auch drin vor.

To what purpose, April, do you return again?
Beauty is not enough.
You can no longer quiet me with redness
Of little leaves opening stickily.
I know what I know. (5)
The sun is hot on my neck as I observe
The spikes of the crocus.
The smell of the earth is good.
It is apparent that there is no death.
But what does that signify? (10)
Not only under ground are the brains of men
Eaten by maggots.
Life in itself
Is nothing,
An empty cup, a flight of uncarpeted stairs. (15)
It is not enough that yearly, down this hill,
April
Comes like an idiot babbling and strewing flowers.

Auf der Seite von Hans-Peter Kraus findet sich eine deutsche Übersetzung, aber die werden Sie nicht brauchen.