Sonntag, 30. November 2025

Mark Twain


But I reckon I got to light out for the territory ahead of the rest, because Aunt Sally she's going to adopt me and sivilize me, and I can't stand it. I been there before, sind die letzten Sätze von Mark Twains →Huckleberry Finn. Amerikanische Helden fliehen. Vor den Frauen und der Zivilisation. Das fängt in der amerikanischen Literatur von früh mit Washington Irvings Erzählung Rip van Winkle an und hört mit Huckleberry Finn nicht auf. Cowboys im Western reiten einsam in den Sonnenuntergang. Shelley Fisher Fishkin hat ihr Buch über das, was Mark Twain für die amerikanische Kultur bedeutet, Lighting Out for the Territory genannt.

Vor einhundertneunzig Jahren wurde Samuel Langhorne Clemens geboren, den wir besser unter dem Namen Mark Twain kennen. Er fand die Romane von Jane Austen unlesbar und war der Meinung, dass Sir Walter Scott Schuld am amerikanischen Bürgerkrieg sei. Er liebte weiße Anzüge (durch die auch Tom Wolfe berühmt wurde) und Zigarren. Auch wenn er auf diesem Bild aus Vanity Fair eine Pfeife raucht. Sieht nicht nach einer Bruyere Pfeife aus, eher nach dem, was man Missouri Meerschaum nennt. Maiskolben Pfeifen, die den Namen Mark Twain oder Tom Sawyer haben, werden heute immer noch angeboten. Das Werk von Mark Twain auch. Der Aufbau Verlag, der 2012 Meine geheime Autobiographie auf den Markt brachte, hat beinahe den ganzen Mark Twain in akzeptablen Übersetzungen auf Lager. 

Ernest Hemingway hat über Mark Twain gesagt: All of American literature comes from one book by Mark Twain called 'Huckleberry Finn' … There was nothing before. There has been nothing as good since. Was die anderen amerikanischen Schriftsteller über Mark Twain gesagt haben, können wir in Shelley Fisher Fishkins The Mark Twain Anthology: Great Writers on His Life and Works nachlesen. Das Buch ist bei der Library of America erschienenen, die beinahe den ganzen Mark Twain in erstklassigen Ausgaben offeriert. In der Anthologie findet sich auch das, was Norman Mailer 1984 über Huck Finn gesagt hat: What else is greatness but the indestructible wealth it leaves in the mind’s recollection after hope has soured and passions are spent? It is always the hope of democracy that our wealth will be there to spend again, and the ongoing treasure of 'Huckleberry Finn' is that it frees us to think of democracy and its sublime, terrifying premise: let the passions and cupidities and dreams and kinks and ideals and greed and hopes and foul corruptions of all men and women have their day and the world will still be better off, for there is more good than bad in the sum of us and our workings. Mark Twain, whole embodiment of that democratic human, understood the premise in every turn of his pen, and how he tested it, how he twisted and tantalized and tested it until we are weak all over again with our love for the idea.

Für seine Biographie Mr. Clemens and Mark Twain hat Justin Kaplan den National Book Award und den Pulitzer Prize erhalten. Leider gibt es das Buch nicht in einer deutschen Übersetzung. Wenn man Kaplans Buch zuammen mit Shelley Fisher Fishkins Lighting Out for the Territory: Reflections on Mark Twain and American Culture liest, hat man das Beste, was es über Mark Twain in Buchform zu sagen gibt. Die bei Haffmans erschienene Biographie von Thomas Fuchs kann sich mit Kaplan oder Shelley Fisher Fishkin nicht messen. Und Thomas Aycks Mark Twain. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten kommt leider nicht an die Qualität der von Kurt Kusenberg begründeten Reihe der Rowohlt Monographien heran. Als Einführung zu empfehlen ist Helmbrecht Breinigs Mark Twain. Eine Einführung, die 1985 bei Artemis & Winkler erschien. Das Buch brachte die Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2011 in einer überarbeiteten Neuausgabe heraus.

Obgleich Mark Twain nach seiner Russlandreise 1867 wenig Nettes über das zaristische →Russland zu sagen wusste, haben ihn die Russen immer geliebt. 1939 war er der meistgelesene amerikanische Autor in Russland, noch vor Jack London und Upton Sinclair. Noch zu Mark Twains Lebzeiten hatte es eine elfbändige russische Gesamtausgabe gegeben. Und 1962 hatte man nach mehrjähriger Arbeit eine neue zwölfbändige Gesamtausgabe fertig. Zu Mark Twains Geburtstag habe ich heute noch etwas ganz Besonderes, die englische Übersetzung der Hymne Mark Twain von Nikolai Assejew aus dem Jahre 1949:

I love Mark Twain
very much.
He
with a single movement of hand
carries me
instantly
to the banks
of the majestic river.
And I see
in the silver swells
life
on the Mississippi ...
Beyond wide water
barely visible
a raft ...
There they cut wood.
When the axe
is lifted
the sun-sparks
on the blade flash,
and no sound 
is heard:
with but one
new stroke
it carried you
from the other shore.

This is how to show the width
of our rivers,
that they should stand 
as brothers
forever;

this is how to fathom
the depths of our feelings
in the flood of a native sea
I learn.
so that,
the dying sun spilling
from the Volga to the Mississippi
with the radiance of thoughts,
cheerful and good,
the whole world sparkled
like a heliograph! ...

But Twain now -
in this war hysteria -
is no longer recognized
in contemporary America:
he has been cast
from gloom and darkness
onto our shore, -
into our time!


Noch mehr Mark Twain in diesem Blog in den Posts: Plagiate, Huck Finn, Jackson, N***r Jim, Der Kaiser von Amerika, Horace Greeley, Ulysses S. Grant, Frauen und Zigarren, Tabak, Sir Walter Scott, Samuel Colt, Bilder vom TageBob Rafelson

Donnerstag, 27. November 2025

Birkenfeld


Nachdem Napoleon in der Völkerschlacht von Leipzig geschlagen worden war, kehrte der Herzog Peter Friedrich Ludwig am 27. November 1813 aus dem russischen Exil nach Oldenburg zurück. Oldenburg kenne ich, meine Division hatte dort ihr Hauptquartier. Was der Großherzog in seinem Land kulturell und architektonisch bewirkte, das weiß ich auch, irgendwann schreibe ich mal darüber. Die außergewöhnliche klassizistische Lambertikirche wird schon in dem Post Kirchen erwähnt. Zwei Jahre nach seiner Rückkehr bekommt der Großherzog durch die auf dem Wiener Kongress beschlossene Gebietsverteilung noch ein kleines Ländchen dazu, das Fürstentum Birkenfeld. Das ist nun ganz weit weg von Oldenburg, und Peter Friedrich Ludwig wollte das erst überhaupt nicht haben. Ich weiß dank der Bundeswehr, wo Birkenfeld ist, denn der Truppenübungsplatz Baumholder ist da nicht so weit entfernt.

Peter Friedrich Ludwig und sein Sohn August werden aus dem zuerst ungeliebten kleinen Fürstentum ein Musterländle machen. Birkenfeld wird das beste Schulwesen von allen deutschen Kleinstaaten haben. Und es wird das einzige Land des Deutschen Bundes sein, das den Juden erlaubt, ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft zu werden. Es gibt im Land zwar einen Wehrdienst, aber die Militarisierung des öffentlichen Lebens, wie wir sie im 19. Jahrhundert in Preußen kennen, findet hier nicht statt.

Im Jahre 1848 wird das Ländle nicht durch Revolution und Unruhen erschüttert. Ein klein bisschen doch. Der Großherzog muss den Regierungspräsidenten entlassen, den jeder in Birkenfeld hasst. Der hat den schönen Namen Laurenz Martin Hannibal Christian Fischer und vier Jahre später wird ganz Deutschland diesen Reaktionär kennen. Da hat er dann Beinamen wie Flottenfischer oder Flottenverkäufer. Wie es dazu kam, können Sie in den Posts Admiral Brommy und Reichsflotte lesen. Dass Fischer gleich in meinem ersten Bloggerjahr in diesem Blog erscheint, hat damit zu tun, dass ich seine Lebensgeschichte schon ganz, ganz lange kenne. Weil das Haus meiner Eltern gegenüber dem Sommerhaus von Arnold Duckwitz stand. Und das war der Mann, der die erste deutsche Flotte gegründet hat, sozusagen unser Nachbar.

Der Historiker Hans Friedl schreibt im Biographischen Handbuch zur Geschichte des Landes OldenburgFischer, dessen politische Gedankenwelt in der Aufklärung und in der spätabsolutistischen Staatslehre wurzelte, gehörte zu den Anhängern des patriarchalischen Obrigkeitsstaates, der durch eine aufgeklärte Beamtenschaft für die Wohlfahrt der politisch unmündig gehaltenen Bevölkerung zu sorgen suchte. An diesen schon früh ausgebildeten Ideen hielt er zeitlebens unverrückbar fest und vertrat sie mit arroganter Rechthaberei und borniertem Dogmatismus. Er isolierte sich damit selbst im konservativen Lager und wurde zu einem Reaktionär reinsten Wassers, der die liberale Bewegung doktrinär bekämpfte. Fischer war wie Donald Trump einer von den Menschen, die immer Recht haben. Dass er aus allen Positionen in Oldenburg wie im Fürstentum Lippe-Detmold herausfliegt, daran sind die anderen Schuld. Und so veröffentlicht er 1855 sein Buch Politisches Martyrthum. Kostet antiquarisch um die 35 Euro, ich würde dafür aber kein Geld ausgeben.

Sonntag, 23. November 2025

Zu Straßburg auf der Schanz


Heute vor hundertvierzehn Jahren wurde in der Volksoper Wien das musikalische Schauspiel in drei AufzügenDer Kuhreigen von Wilhelm Kienzl aufgeführt. Die literarische Vorlage der Oper war die Novelle Die kleine Blanchefleur (hier im Volltext) von Rudolf Hans Bartsch. Wo wir lesen können: Man weiß, daß es in der französischen Armee verboten war, bei Todesstrafe! – in Schweizer Regimentern den Kuhreihen zu blasen oder zu singen; weil dann die ungeschickten Kinder der deutschen Alpen herdenweise davonliefen oder vor Heimweh starben.

Zu Straßburg auf der Schanz,
Da ging mein Trau'ren an …
Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen,
Ins Vaterland mußt ich hinüber schwimmen, –
Das ging nicht an.

Und mein Urgroßvater Primus Thaller hatte den Kuhreihen mitten in Paris gesungen! Auf dem Hofe der Schweizer Kaserne war er gestanden, im gelben Sand, auf dem die Abendsonne glühte und die Soldaten sich zum Ausgang in die Stadt rüsteten.

Die Oper ist ein klein wenig in Vergessenheit geraten. Diese CD der Aufnahme von 1951 mit Anny Felbermayer als *Blanchefleur, die bei mir im Regal steht, ist heute schwer zu bekommen. Aber man kann sie noch finden. Alles, was auf dieser CD ist, können Sie allerdings auch in wirklich guter Qualität bei *YouTube hören. Und die ganze Partitur der Oper finden Sie hier.

Die Oper über die Soldaten der Schweizergarde im revolutionären Paris hatte Erfolg. 1912 gab es die deutsche Premiere in Magdeburg (und gleichzeitig in Berlin die erste Tonaufnahme), 1913 konnte man die Oper in New York in französischer Sprache hören. 1914 wanderte die Oper nach Liverpool und London, und es gab eine flämische Version in Antwerpen. Der Kuhreigen war nach dem Evangelimann der größte Bühnenerfolg des Komponisten Wilhelm Kienzl. Das Lied Zu Straßburg auf der Schanz aus der Oper hat im 20. Jahrhundert beinahe jeder Tenor gesungen.*Richard Tauber, *Walther Ludwig und *Rudolf Schock singen nur das Lied, aber Fritz Wunderlich bringt den ganzen Part aus der Oper. Das ist eine Aufnahme von 1959 mit dem Sinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks, es ist wahrscheinlich die beste Version des Stückes.

Die Revolutionsoper, die im Paris der Jahre 1792-1793 spielt, wurde hier schon 2013 in dem Post Kuhreigen erwähnt. Da steht schon alles zu dem Lied des morbus helveticus, das Zu Straßburg auf der Schanz heißt. Und als kleine Dreingabe habe ich heute neben dem Photo von Eva von der Osten als Blanchefleur aus dem Jahre 1912 (diese Aufnahme wird im Internet als CD angeboten), noch das, was sie am Schluss der Oper singt: singt:

Ein Tanz war mein Leben, 
ein Gleiten, ein Schweben 
auf weichen Blumen, 
auf ebenem Plan.
Nun tanz ich verwegen, 
dem Tode entgegen
mit lächelnden Lippen
wie je ich's getan

Primus Thaller, der Unteroffizier der Schweizergarde, der gerade zum capitaine der Revolutionsarmee ernannt wurde, will die Marquise von Massimelle aus dem Gefängnis befreien und sie heiraten: Madame, ich hab' Sie lieb. wie nichts auf dieser Erden... wir fliehen zu den freien AIpenhöh'n. Aber Blanchefleur weist ihn ab: Mein lieber Freund, nur nicht geschmacklos werden! Wir sind zwei Welten, die sich nie verstehn. Und dann singt sie noch, bevor sie zur Guillotine geführt wird (hier ab 2.27): 

Du wirst ins Land der Schweizer ziehn 
in Frankreich blüht Dir weder Glück noch Ehr;
und singst Du dort die Heimatmelodien, 
so denke auch der armen Blanchefleur, 
die Dich aus Todesnot befreit
und sich dann selbst dem bittren Tod geweiht

Und während der Vorhang fällt und ein Menuett erklingt, ruft der Marquis de Chézy all denen zu, die auf ihre Hinrichtung warten: Mesdames, Messieurs, der Tanz geht weiter.

Donnerstag, 20. November 2025

Silhouette

Geizig war er, der Etienne de Silhouette, Finanzminister Ludwigs XV., sehr geizig. Keine Ölgemälde in seinem Schloss, nur die preiswerten Scherenschnitte! Keine schlechte Idee, denn nun geht der Begriff Silhouette auf ihn zurück. Das können wir auf dieser Seite lesen. Und die Geschichte findet sich mit Ausschmückungen an vielen Stellen. Die englische National Portrait Gallery bietet aber zum Thema Silhouette etwas ganz anderes an: Profile or shadow portrait filled in with black or a dark colour. A common pictorial technique in Europe in the late 18th and early 19th centuries, it was named after Etienne de Silhouette (1709–1767), a French finance minister who made paper cut-outs as a hobby. Diese Geschichte können wir in vielen Varianten lesen, da langweilt sich Frankreichs Finanzminister in seiner Büro so, dass er anfängt, mit einer Schere Papier zu schneiden. Das nimmt auch die Britannica auf: parsimonious mid-18th-century French finance minister Étienne de Silhouette, whose hobby was the cutting of paper shadow portraits (the phrase à la Silhouette grew to mean “on the cheap”) 

Wahrscheinlich stimmt keine dieser Geschichten. Der Marquis von Silhouette (hier sein Schloss in Bry-sur-Marne) war ein gebildeter Mann, der die Welt bereist und in London den britischen Geldmarkt studiert hatte. Durch die Protektion von Madame de Pompadour wird er Finanzminister und soll den Staatshaushalt des gegen England Krieg führenden Landes sanieren. Er geht das rigide an, Lars Klingbeil könnte sich den Marquis zum Vorbild nehmen. Aber alles, was Silhouette unternimmt, liebt man in Frankreich nicht. Nach neun Monaten fliegt er aus dem Amt. Jean-Jacques Rousseau soll ihm geschrieben haben: Sie haben dem Geschrei der Profiteure die Stirn geboten. Als ich Sie sah, wie Sie diese Elenden zertraten, habe ich Sie um Ihr Amt beneidet; dafür, dass Sie es verließen, ohne zu widerrufen, bewundere ich Sie.

Und die französische Sprache hat den neuen Begriff à la Silhouette (das hat die Britannica richtig gesehen), was etwas wie minderwertig, billig, vorübergehend und unvollständig bedeutet. Kleidung ohne Taschen (da kein Geld mehr vorhanden war) wurde zu „Silhouette-Hosen“, ein Attribut, das fortan allem zugeschrieben wurde, was beengt, kleinlich, flüchtig oder unfertig wirkte, wie Louis-Sébastien Mercier in seinem „Tableau de Paris“ (1781) beschrieb: „Silhouette, der Name eines Generalrechnungsprüfers des 18. Jahrhunderts; obwohl er über großen Witz verfügte, beging er einige Torheiten; von da an schien alles ‚Silhouette‘ zu sein, und sein Name wurde bald lächerlich; die Mode trug bewusst den Stempel der Trockenheit und Kleinlichkeit … Schnupftabakdosen wurden aus grobem Holz gefertigt; Porträts waren Gesichter, die im Profil auf schwarzes Papier gezeichnet wurden, ausgehend vom Schatten einer Kerze auf einem Blatt weißem Papier. 

Monsieur Étienne de Silhouette zieht sich ins Schloss von Bry-sur-Marne zurück, das er gerade gekauft hat. Er lässt es ein wenig umbauen, aber von Scherenschnitten an den Wänden gibt es keine Berichte. Er übersetzt Alexander Pope und William Warburton aus dem Englischen. Und Baltasar Gracián aus dem Portugiesischen. Er hat uns keine Portraits und keine Scherenschnitte von sich hinterlassen. Aber wir haben ja dies. Ein Kunstwerk von Christian Capurro mit dem Titel Another Misspent Portrait of Etienne de Silhouette, 1999-2014.

Der deutsche Dichter Walter Helmut Fritz, der heute vor fünfzehn Jahren starb, hatte aber nur die Geschichte mit dem geizigen Marquis im Kopf, als er sein Gedicht Schattenrisse schrieb.

Sie sollten so sparsam
wie möglich sein,
meinte Etienne de Silhouette.
Die billigste Bildnisart.

Keine Nachrichten
vom Leben der Gefühle

von Überlegungen
zu unverstandenen Vorkommnissen

von Antworten,
die einer sucht
auf das Schweigen des andern.

Keine offenen Augen,
die man auch betrachten könnte,
wenn man das Bild umdrehte.

Nur ein Schatten,
nicht zu durchdringen.

Sonntag, 16. November 2025

Just head for that big star straight on

Als die Liebe seines Lebens, die Schauspielerin Carole Lombard stirbt, meldet sich Clark Gable bei den United States Army Air Forces als Soldat. Obgleich er viel zu alt war, um noch eingezogen zu werden. Er ist einer der wenigen Schauspieler Hollywoods; John Wayne, der Soldaten im Film spielt, war nie bei der Armee. Gables Studio sorgte dafür, dass er schnell vom einfachen Soldaten zum Leutnant befördert wurde. Das Studio wollte einen Paradesoldaten für Werbephotos, aber das wollte Clark Gable nicht sein. Er dient drei Jahre lang bei einer amerikanischen Bomberstaffel in England. Fliegt ein halbes Dutzend Einsätze und wird 1944 als Major entlassen. Die Rollen, die er nach dem Krieg bekommt, sind nicht mehr die Rollen, die der Prince of Hollywood einst hatte. Sätze wie Frankly, my dear, I don't give a damn in Gone wirth the Wind werden nicht mehr für ihn geschrieben.

Die Zeit der großen Machos scheint vorbei zu sein, Rollen wie Rhett Butler wird er nie wieder bekommen. ✺Mogambo (ein Remake des Films, in dem er zwanzig Jahre zuvor die Hauptrolle hatte) ist zwar 1953 noch ein Erfolg, aber wahrscheinlich eher wegen Ava Gardner und Grace Kelly. Clark Gable wirkt müde in dem Film. Sein letzter Film 1960 ist vielleicht sein bester, auf jeden Fall der beste Film nach seiner Militärkarriere. In The Misfits spielt er an der Seite von Marilyn Monroe einen gealterten Cowboy, der mit der Welt nicht mehr zurechtkommt (ein Thema, das wir zu der Zeit in vielen Spätwestern finden). Es ist eine Rolle, die zu seinem Leben passt. Am Ende des Films lässt Roslyn Taber (Marilyn Monroe) die anderen Männer stehen und steigt zu Gaylord Langland (Clark Gable) ins Auto: 

Roslyn: I'll leave tomorrow, okay?
Gay: God bless you, girl.
Roslyn: Gay, if there could be one person in the world, a child who could be brave from the beginning. I was scared to, when you asked me. But, I'm not so much now, are you?
Gay: No.
Roslyn: How do you find your way back in the dark?
Gay: Just head for that big star straight on. The highway's under it. It'll take us right home
.

Werden die beiden glücklich sein? Wenige Wochen nach den Dreharbeiten stirbt Clark Gable an einem Herzinfarkt, den fertigen Film wird er nie sehen. Marilyn schon, aber ein Jahr später ist sie auch tot. Clark Gable ist heute vor 65 Jahren gestorben, da hatten wir Heinz Rühmann, O.W. Fischer und Curd Jürgens im Kino, aber jemanden wie Clark Gable hatten wir nie.

Es gab hier in meinem ersten Bloggerjahr 2010 schon einen Post Clark Gable, und der Schauspieler wird in vielen anderen Posts erwähnt: UnterhemdenSiegfried SchürenbergNuditätThe MisfitsVivien LeighJohn HustonGone with the Windverweht, Kleider machen Leute

Dienstag, 11. November 2025

Dommi ✝

Als er mich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal in meiner neuen Wohnung besuchte, blieb er in der Zimmermitte stehen, als hätte ihn der Blitz getroffen. Iss was, Dommi? fragte ich. Ich geh' noch mal raus, Jay, sagte er. Ich klingle dann noch mal und Du lässt mich wieder rein. Ich war ein klein wenig irritiert, aber so machten wir es. Als er wieder in der Wohnung war, sagte er mir, dass es ihm gerade eben klargeworden sei, dass hier in diesem Zimmer vor -zig Jahren seine erste Freundin mit ihm Schluss gemacht hatte. Ich schenkte uns erstmal einen kleinen Single Malt ein. Er trauerte der Frau nicht nach, er war seit Jahrzehnten mit Sabine glücklich verheiratet. Es war nur dieser seltsame Moment der Erinnerung, dass ihm klar wurde, dass das wirklich hier in diesem Zimmer gewesen war. Diese Geschichte war das erste, das mir einfiel, als ich am Wochenende las, dass mein Freund Dommi Dombrowski gestorben war. Er war häufig in diesem Blog. In Posts wie St Patrick's Day oder Morning has broken. Und natürlich in dem Post Harry Graf Kessler, weil er eine Gesamtausgabe des Werkes besaß, das habe ich sehr bewundert. Aber den Post muss ich unbedingt zitieren, weil da am Ende des Posts eine kleine Dommi-Geschichte steht, die ich hier noch einmal hinstelle: 

Das bringt mich noch einmal auf Irland, die Heimat von Kesslers Mutter. Mein Freund Dommi Dombrowski, der mich vor Monaten auf den Grafen Kessler brachte, hat mir von einem seiner vielen Irlandaufenthalte eine wunderbare Geschichte erzählt. Das kleine Dorf, wo er länger gewesen war, hatte ein Abschiedsfest vorbereitet, sozusagen ein German wake. Dommi hat den Termin extra so gelegt, dass der drei Tage vor seiner Abreise liegt, er weiß, solch ein wake kann hier in Irland lange dauern. Sein Freund, der Kapitän von dem kleinen Kutter, auf dem Dommi mal gejobbt hat, ist auch da. Hat seinen Sunday best Anzug an. Als Dommi am nächsten Tag noch einmal in die Kneipe kommt, sitzt der Käpt'n schon wieder an der Bar. Sein Anzug sieht nicht mehr so gut aus, er hat offensichtlich draußen geschlafen. Und als Dommi am Tag der Abreise noch einmal kurz in den Schankraum guckt, sitzt sein Freund schon wieder an der Bar. Der Anzug sieht jetzt ganz schlimm aus. Dommi geht zu ihm hin, legt den Arm um ihn, und fragt ihn, was mit ihm sei. Und der guckt ihn mit blutunterlaufenen Augen an und sagt: When I see my best friend off, we do it in schtoil. Das ist es: We do it in style.

Dommi wusste alles über Irland und Schottland. Er hatte vor mehr als einem halben Jahrhundert mal eine Band, die Beda Folk hieß. Dommi ist der zweite von links auf dem Cover dieser LP, der Typ rechts (Andreas Stanisak) konnte herzergreifend schön auf der tin whistle spielen. Ich weiß alles über die Gruppe, weil Dommi mir vor wenigen Jahren mal die Dokumentation The Story of Beda Folk 1966-1996 geschenkt hat. Auf 77 Seiten die Geschichte der Band, alle Rezensionen aus der Presse, alle Dokumente der Auftritte, alle Verhandlungen mit Schallplattenfirmen. Massenhaft Photos und die Texte aller Lieder, die sie gesungen haben. Man kann da auch lesen, dass damals mal Udo Lindenberg im Vorprogramm der Beda Folk aufgetreten ist. Those were the days.

Dies Bild von Dommi fand ich in einem Nachruf, den die Heikendorfer SPD ins Netz gestellt hat. Dort konnte man lesen: Dietmar war passionierter und beliebter Lehrer und Oberstudienrat und seit 53 Jahren Mitglied der SPD. In zahlreichen Funktionen vertrat er die Partei. Er war er unter anderem von 1978-2012 Gemeindevertreter in Großbarkau, sowie von 2005-2012 Ortsvereinsvorsitzender der SPD im Barkauer Land. Aber aus irgendeinem Grund hat die SPD Heikendorf, wohin Dommi 2012 gezogen war, den Nachruf wieder aus dem Netz genommen, nur das Bild von ihm mit seiner Gitarre ist geblieben (inzwischen ist der Text an anderer Stelle wieder im Netz). 

Von seiner Musik ist noch viel im Netz. Bei YouTube gibt es Step it Our Mary, die Geschichte von der Mary aus Kilgory mit dem goldenen Haar, die dem reichen Mann ihre hübschen Beine nicht zeigen will, weil sie einen Soldaten liebt. Aber es gibt bei YouTube noch viel mehr. Nämlich die ganze Platte I Will Go von 1973 bei HappyBird, die 2011 (nach etwas zähen Verhandlungen) von Master Classics Records neu auf den Markt gebracht wurde. Hören Sie doch einmal in The Ballad Of Pat Rooney hinein. Wenn man das 1973 so hinkriegte, dann war man schon ziemlich professionell. Die Beda Folk werden übrigens in der 1983 erschienenen Dissertation von Gabriele Haefs mit dem etwas barocken Titel Das Irenbild der Deutschen: dargestellt anhand einiger Untersuchungen über die Geschichte der irischen Volksmusik und ihrer Verbreitung in der Bundesrepublik Deutschland mehrfach erwähnt.

Die Beda Folk waren in Norddeutschland schon eine Größe, als viele der deutschen Volkssänger noch nicht vor dem Mikrophon eines Studios erschienen waren. Die Zeit nach 1968 ist die große Zeit der Folklore, auch Joan Baez hat damit angefangen. Aber die ehrliche Folk Music von kleinen Gruppen wird selten honoriert. Die Kitschversionen irischer Lieder werden ein Welterfolg. Das fängt schon 1911 mit John McCormacksMacushla an. ✺Hayley Westenra und die Mitglieder von ✺Celtic Woman müssen schon längst Millionärinnen sein. Ich mag Volksmusik, wenn sie ehrlich daherkommt. Wenn zum Beispiel Maggie in ihrer Küche ✺I Skovens Dybe Stille Ro singt. Wenn Harry Belafonte ✺O Danny Boy, the pipes, the pipes are calling singt, dann ist das schon grenzwertig. Viele Folklore Gruppen verdanken den Dubliners etwas, der Kelly Family verdankt niemand etwas. Auf dieser Platte ist Dommi auch mit dabei, da spielt er allerdings nicht seine Mandoline oder seine Gitarre, sondern eine irische Bodhrán. 1996 machte Dommis Band nach dreißig Jahren Schluss, die Beda Folk verabschiedeten sich mit dem Lied ✺Wild Mountain Thyme. Das habe ich hier von Bob Dylan gesungen, der ja auch mal mit Folklore anfing, in einer Aufnahme vom Isle of Wight Festival 1969.

Es gibt noch einen anderen Dommi als den, der irische Lieder singt. Und das ist der Dommi, der viele Jahre mit dem Rowohlt Theater Verlag als Übersetzer zusammenarbeitet. Während des Studiums hatte er er mal bei Goldmann - wie auch Hannes Hansen und HowMany - ein paar schlechte englische Krimis (ich glaube, es war auch ein früher Wallace dabei) für einen Billiglohn übersetzt, aber das hier war eine ganz andere Sache. Die Arbeit mit Rowohlt hat ihm immer gefallen. Er übersetzte jetzt im Team mit Helmut Hansen oder Michael Augustin (der zehn Jahre jünger als Dommi und ich ist, und den ich schon in Literaturstadt Bremen erwähnt habe). 

Und er übersetzte viel: Bill Morrison, Blindflug (1978), Simon Gray, Theaterblut (1979), Simon Gray, Ende des Spiels (1979), Peter Sheridan, No Entry (1979), Jason Lindsay, Kaiserin Eugenie: ein Divertissement (1980), Philip Martin, Du und ich (1980), James Saunders, Das Mädchen in Melanie Klein (1981), Tony Marchant, Willkommen, ihr Helden (1983), Tony Marchant, Glückspilze (1983), Simon Gray, Verlorenes Glück (1984), Heno Magee, Blut-Bande (1985), Nick Ward, Die anderen sind komisch (1989). Ein oder zwei der Übersetzungen sind beim Rowohlt Theater Verlag nicht als Buch erschienen, lagen aber für Bühnen als gedrucktes Manuskript vor. Von James Saunders hat Dommi auch zwei Hörspiele übersetzt: Ein Tag beim Zahnarzt und The Weekly Horror Radio Show. Viel Arbeit nebenbei für einen Oberstudienrat, der aber zur Erholung seine Tennisfreunde und die Doppelkopf Runde nie vergaß.

Er war ein Büchernarr mit erstaunlichen Interessen. Zu denen wie erwähnt Harry Graf Kessler gehörte, aber auch Nikolaus Meyer aus Bremen. Als er das Asthma kriegte, trennte er sich von seinen Büchern. Seine Irland-Schottland Bibliothek kaufte ihm die Universitätsbibliothek für gutes Geld ab. Für den Rest der Bücher, und das waren viele, fand er ein vorzügliches Antiquariat. Die wohnten ein paar Wochen bei ihm und katalogisierten jeden Tag die Bibliothek. Die Adresse der Firma hat er mir auch gegeben, falls ich mal meine Bücher verkaufen wollte. Aber so ganz von den Büchern trennen konnte er sich nie, ich traf ihn immer wieder bei Eschenburg, einem Laden, der für uns ein zweites Zuhause geworden war. 

Als ich ihm meinen Internetroman Que reste-t-il de nos amours vorbei schickte, schrieb er mir: die Lektüre war Nostalgie pur, vergiss nicht, wir sind gleich alt, nur die Namen der Frauen waren andere. Jetzt ist er im Alter von zweiundachtzig Jahren gestorben. Die Liebe, die Lieder, die Geschichten aber bleiben, steht in der Todesanzeige der Familie. Die Geschichten bleiben, wie die Geschichte mit dem We do it in style. Die Lieder bleiben dank YouTube auch. Und die Liebe bleibt immer. Death leaves a heartache no one can heal, love leaves a memory no one can steal.


Sonntag, 9. November 2025

November 1938

Ein Tag der ewigen Schande für Deutschland. Der Begriff der Reichskristallnacht ist wahrscheinlich zuerst eher ein ironischer Ausdruck des Zorns gegen den barbarischen Terror gewesen, bevor die Nazis diesen Euphemismus zynisch für sich vereinnahmten. Mit dem Zerwerfen der Schaufensterscheiben kam die sogenannte Arisierung der Geschäfte, Enteignung, Vertreibung, Ermordung der Geschäftsinhaber.

Ich möchte heute eine kleine, leider wahre Geschichte erzählen, die mich seit Jahrzehnten verfolgt. In Bremen lebt man ja gerne mit der Vorstellung, dass wir Bremer alle immer vornehm und hanseatisch gewesen seien. Und wer hanseatisch ist, ist natürlich immun gegen den Nationalsozialismus. Es ist leider keineswegs so gewesen. Die Zahlen und Statistiken in dem hervorragenden Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich sprechen da eine ganz andere Sprache. Nein, die Bremer können nicht sagen, sie seien nicht dabei gewesen.

Und die Flaggen auf der Obernstraße auf diesem Photo aus dem Jahre 1938 sind auch nicht wegzuleugnen. In meinem Heimatort Vegesack erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 30,8 Prozent der Stimmen. In keinem Bremer Wahlbezirk hat sie mehr Prozente erreicht. Im feinen Schwachhausen sind es immerhin 21,7 Prozent, das zweithöchste Ergebnis. Nur die Arbeiterstadtteile haben die Nazis nicht gewählt. Doch es sind diese Stadtteile, die im Krieg von den Alliierten bombardiert werden. Sie werden die schlimmsten Verluste haben, darin liegt die Tragik. 

Meine Geschichte heute kommt wieder einmal, wie die Geschichte über meinen Freund Peter Gutkind oder die über die Bremer Revolution 1968, aus meinen unfertigen Bremensien. Und sie beginnt mit meinem Schulweg. Springen Sie mit mir für einen Augenblick zurück in die Kindheit. Aber wir werden in dieser Zeit der Unschuld nicht verweilen können.

Wenn ich die Weserstraße mit meinem Ranzen entlanggehe, treffe ich morgens Mitschüler wie Roder oder Gabi, und wir gehen gemeinsam zur Schule. Zwischen der Kimmstraße und der Breiten Straße kennen wir jede Gehwegplatte, weil wir hier Hüpfspiele wie Himmel und Hölle spielen oder die Platten einmal im Jahr hochnehmen, um nach Maikäfern zu suchen. In der Breiten Straße begegnen uns einmal in der Woche Kälber und quiekende Schweine, die zur Schlachterei Pohl in der Bahnhofstraße getrieben werden. Danach gehen wir bei Többens über den Zebrastreifen. Es ist der einzige Zebrastreifen über die Bundestraße 75, den wir im Ort haben. Deshalb soll ich diesen Weg nehmen, sonst könnte ich auch die Kimmstraße entlang gehen und dann bei Viole durch den Gang flitzen. Aber bei Viole, wo immer ein Fass mit Heringen vor der Ladentür steht, ist leider kein Zebrastreifen, und so muss ich bei Többens vorbei.

Neben Többens ist früher ein Schuhgeschäft gewesen. Da hat ein Verwandter meiner Großeltern in der sogenannten Reichskristallnacht ein Paar Schuhe geklaut. Um dann morgens festzustellen, dass er zwei linke Schuhe erwischt hatte. Die Familie lacht immer noch über diese Geschichte, obgleich der Verwandte ansonsten ungern erwähnt wird. Der hatte nämlich in Osnabrück eine kriminelle Pleite hingelegt und war im Gefängnis gewesen, danach war er bei den Bremer Verwandten abgetaucht. Im Osnabrücker Land wollte er sich erstmal nicht mehr sehen lassen. Unter diesen Herren auf dem Photo sind auch welche, die am 10. November die Aumunder Synagoge angezündet haben. Keiner von ihnen wurde wegen Brandstiftung verurteilt.

Über die Aumunder Juden hat Ingbert Lindemann, der ein Vierteljahrhundert Pastor der Christophorus Gemeinde Aumund-Fähr war, das Buch „Die H. ist Jüdin!“ Aus dem Leben von Aumunder Juden nach 1933 geschrieben, das 2008 im Donat Verlag in Bremen erschien. Der ehemalige Bürgermeister Hans Koschnick hat das Vorwort zu dem Buch geschrieben, über etwas, was lange verschwiegen und verdrängt war ... Ein eindrücklicher Appell für ein ‚Nie wieder!’ Ich habe dem Buch von Ingbert Lindemann, mit dem ich zusammen in der Evangelischen Jugend war, entnommen, dass der Judenreferent der Bremer Gestapo Bruno Nette von 1935 bis 1940 bei uns um die Ecke gewohnt hat. Das hatte ich nicht gewusst. Dass unser Nachbar, der SA-Sturmführer Lothar Westphal, 1933 Bürgermeister von Vegesack wurde und den von den Nazis geschassten Dr Werner Wittgenstein ablöste, das wusste ich. Mein Schulweg, zu dem ich Sie mitgenommen hatte, wird immer wieder durch die Vergangenheit unterbrochen.  

Wenn wir beim Zebrastreifen sind, macht Herr Többens seinen Laden gerade auf. Das ist ein Herrenmodegeschäft der armseligen Sorte. Ich grüße den Herrn Többens nie. Meine Eltern auch nicht. Wir kaufen da auch nicht, ich war nie in meinem Leben in dem Laden. Walter Caspar Többens ist ein Nazi gewesen und ein Kriegsverbrecher. Das mit dem Kriegsverbrecher habe ich lange nicht gewusst. Dass beinahe alle Vegesacker Geschäftsleute Nazis waren und viele in der SS oder Waffen SS waren, kommt eines Tages dank unserer Schulzeitung Das Echo heraus, die zum Entsetzen der Schulleitung einen gut recherchierten Artikel aus dem Neuen Deutschland über die Nazis in Vegesack nachdruckt. Dass die Ausgabe des Echo überhaupt erschien, war damals in der Adenauerrepublik immerhin ein kleiner Sieg der Pressefreiheit. Die Abonnementszahlen der Schulzeitung fielen nach diesem Artikel aber rapide. Keiner der in dem Artikel genannten Kaufleute wollte das Echo weiter unterstützen. 

Dass Többens ein Kriegsverbrecher war, erfahre ich erst durch einen photokopierten Artikel, den mir mein Freund Gert Börnsen Jahrzehnte nach Többens’ Tod gegeben hat. Ich hatte den Artikel einer Freundin geliehen, die auch aus dem Ort kommt, habe ihn aber nie wiederbekommen. Manche Leute sind ein Bermuda Dreieck für Leihgaben. Aber ich bekomme eines Tages, wenn es das Internet gibt, heraus, wer den Artikel geschrieben hat, auch wenn ich Gerts Photokopie niemals wiedersehe.

Der Verfasser heißt Günther Schwarberg, er schreibt für den Stern. Er ist in Vegesack geboren. Sein Vater war Lehrer an Opas Volksschule. Opa und Schwarberg Senior haben sich nicht ausstehen können, denn Schwarbergs Vater war ein Sozialdemokrat. Das ist für meinen kaisertreuen Opa ja das Schlimmste auf der Welt. Über die Többens dieser Welt macht Opa sich weniger Gedanken. Walter Caspar Többens ist 1954 gestorben, mit seiner Geliebten in seinem Mercedes verunglückt. Zu dem Zeitpunkt ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht mehr gegen das CDU-Miglied, den gläubigen Katholiken und erfolgreichen Geschäftsmann. Aber 1949, da war er von einer Bremer Spruchkammer als Kriegsverbrecher verurteilt worden, zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. In Polen gab es ein Todesurteil gegen ihn, aber er ist der Auslieferung durch die Amerikaner zweimal durch Flucht entkommen. Und auch das Bremer Urteil wird nicht vollstreckt, nach 1950 wird in Bremen niemand mehr verfolgt. Das Vermögen bleibt nicht eingezogen. Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft und wohnt dann im feinen Schwachhausen. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist Bremer Wirklichkeit. Auf die wir nicht stolz sein können.

Günther Schwarberg, der auch die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm öffentlich gemacht hat, hat Walter Caspar Többens’ Geschichte in seinem Buch Das Getto: Spaziergang in die Hölle aufgeschrieben. Eine Musterkarriere im Dritten Reich: Arisierung der Firma von Adolf Herz in Vegesack, die fortan Többens heißt, dann Großunternehmer und Wehrmachtslieferant für Uniformen in Warschau. Millionengewinne. In Warschau kann man viel Geld machen, auch Oskar Schindler war ja ursprünglich nicht dahin gegangen, um gute Werke zu tun.

Die Deutschen haben sich nach dem Überfall auf Polen hier sozusagen wohnlich eingerichtet. Das kleine, sorgfältig gedruckte Büchlein Soldatenführer durch Warschau, das ich unter Vatis Unterlagen gefunden habe, vermittelt einem den Eindruck einer deutschen Mustersiedlung. Die Soldatengaststätte am Adolf Hitler Platz ist täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnet, Uniformen (wahrscheinlich bei Többens genäht) kann man im Deutschen Uniformhaus im Hotel Bristol (Bild) kaufen. Das Heft ist voller Anzeigen deutscher Firmen, von Thonet Möbeln (Slotnastraße 9) bis Telefunken Radios. In dem Soldatenführer liegt auch eine Quittung des Geschäftes von Julius Meinl, wonach Vati (der damals als junger Leutnant durch einen Irrtum einen halben Tag vor der offiziellen Einnahme Warschaus als erster deutscher Soldat mit dem Jeep durch die menschenleere Stadt gefahren ist) für sechzig Gramm Butter und ein Pfund Keks eine Mark dreiundzwanzig bezahlt hat. Die Firma Julius Meinl hat nach 1939 über tausend Filialen in Europa, jetzt auch in Warschau. Der Soldatenführer durch Warschau (gekauft bei der Deutschen Buchhandlung, der Heim- und Pflegestätte deutschen Schrifttums) weist, ähnlich wie ein Baedeker, auch auf die architektonischen und landschaftlichen Schönheiten hin.

Die interessieren Walter Többens weniger. Er wäre ja aus dem Getto davongelaufen, wenn er nicht so gut verdient hätte, sagt er im Prozess. Und gut verdienen tut er. Für 1,4 Millionen Reichsmark kann er plötzlich das Bambergerhaus in Bremen kaufen. In den zwanziger Jahren im expressionistischen Backsteinstil erbaut, war es das erste Hochhaus in Bremen, hatte die ersten Rolltreppen. Und im Erdgeschoss kann man von einem Photomaton in acht Minuten acht Portraitphotos bekommen. Von den Bremern wurde das Kaufhaus liebevoll Bambüddel genannt. Es besaß sogar eine Armenküche. Julius Bamberger tat nicht nur gute Werke, er kämpfte auch zusammen mit dem Bremer Pastor Emil Felden gegen den grassierenden Antisemitismus. 1933 wird Bamberger vorübergehend verhaftet, flieht 1937 in die Schweiz. Baut sich in Paris eine neue Existenz auf. Als die Deutschen kommen, landet er im KZ. Kann wieder fliehen, diesmal in die USA. Er bekommt nach dem Kriege gerade mal 50.000 Mark für das, was man ihm weggenommen hat. 

Walter Többens, der ehemalige mittellose Angestellte bei der Firma Leffers in Vegesack, der den Nazis und seiner kriminellen Energie sein Geld verdankt, ist zu dem Zeitpunkt schon wieder im Besitz seines ganzen Vermögens. Er hat kurz vor Kriegsende dank geschmierter Helfer in Berlin auch alles aus seinen Többens-Werken von Warschau und Poniatowa nach Delmenhorst verlagern können. Zu diesem Zeitpunkt kriegen kein Soldat und kein Flüchtling mehr einen Platz in einem Zug nach Westen, Többens kriegt ganze Eisenbahnzüge von seinem Kumpel Dr Heinrich Lauts im Berliner Reichwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt. 

Das 1944 zerstörte Bambergerhaus ist 1955 wieder aufgebaut worden. Auch der Schriftzug Bamberger steht heute wieder am Haus, in dem jetzt die Volkshochschule residiert. Im Treppenhaus gibt es eine Dauerausstellung über das Leben und Wirken Julius Bambergers. Günther Rohdenburg hat im Jahre 2000 mit Das war das neue Leben: Leben und Wirken des jüdischen Kaufhausbesitzers Julius Bamberger und seiner Familie die Geschichte Bambergers nacherzählt. Und der Filmemacher Eike Besuden hat die Filme Aufgeben? Niemals! – Die Geschichte der Familie Bamberger und Generation Zukunft – Die Enkel des Holocaust über die Bambergers gedreht.

Zehntausende von jüdischen Arbeitern, die für Többens in Warschau und Umgebung Uniformen nähen, wandern ins KZ. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Többens, der mit einer Peitsche in der Hand durch seine Fabriken geht (sie aber natürlich nie benutzt hat, wie er im Prozess sagt), ist Großunternehmer, der größte Arbeitgeber im Getto. Ein Oskar Schindler mit umgekehrten Vorzeichen. In dem Bremer Spruchkammerverfahren hatte der Verteidiger von Többens ihn in einem fünfstündigen Plädoyer als einen Wohltäter darzustellen versucht. Und sich zu der Behauptung verstiegen: Lebten die Juden aus dem Warschauer Getto noch, so stünde Többens nicht vor einem Gericht, sondern im Goldenen Buch von Palästina. 1988 legen die Nachkommen von Walter Többens eine kriminelle Millionenpleite hin.

Vor Jahrzehnten ist ein Bundestagspräsident nach dem 9. November zurückgetreten, weil er ein schlechter Redner war. Denn wäre der Philipp Jenninger am fünfzigsten Jahrestag des 9. Novemer 1938 rhetorisch versierter gewesen, und wären die Zuhörer bereit gewesen, ein rhetorisches Mittel wie das der erlebten Rede als ein rhetorische Mittel zu erkennen und nicht als eine Meinung des Redners, nichts wäre geschehen. Vielleicht wäre Jenninger besser beraten gewesen, wenn er einen kurzen Text von Erich Kästner vorgelesen hätte:

In jener Nacht fuhr ich, im Taxi auf dem Heimweg, den Tauentzien und den Kurfürstendamm entlang. Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen. (Erst später, hörte ich am folgenden Tag, seien Barfrauen, Nachtkellner und Straßenmädchen aufgetaucht und hätten die Auslagen geplündert). Dreimal ließ ich das Taxi anhalten. Dreimal wollte ich aussteigen. Dreimal trat ein Kriminalbeamter hinter einem der Bäume hervor und forderte mich energisch auf, im Auto zu bleiben und weiterzufahren. [. . .] In der gleichen Nacht wurden von den gleichen Verbrechern, von der gleichen Polizei beschützt, die Synagogen in Brand gesteckt. Und am nächsten Morgen meldete die gesamte deutsche Presse, die Bevölkerung sei es gewesen, die ihrem Unmut spontan Luft gemacht habe. Zur selben Stunde in ganz Deutschland - das nannte man Spontaneität. Ignatz Bubis hat übrigens ein Jahr nach Jenninger Teile aus Jennigers Rede vorgetragen. Es gab keine nationale Entrüstung.

Das Buch von Günther Schwarberg Das Getto: Spaziergang in die Hölle ist noch antiquarisch zu bekommen. Das Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich ist nach beinahe vierzig Jahren leider vergriffen (lässt sich aber noch finden). Man sollte sich bei Carl Schünemann und beim Senator für Kultur wirklich mal überlegen, ob man das nicht wieder auflegt oder online stellt. Wo man doch jetzt die Stadt des Buches ist. Der Kriegsverbrecher Walter Többens, den die historische Forschung jahrzehntelang unbeachtet gelassen hat, besitzt inzwischen einen Wikipedia Artikel und hier beim Weser Kurier eine informative Seite.

Dieser Text stand hier, seit ich 2010 zu schreiben begann, schon mehrfach in diesem Blog. Ich stelle ihn an diesem 9. November noch einmal hier hin, genügend Brandstifter haben wir in Deutschland ja wieder. Der Antisemitismus ist auch wieder da, nicht nur die Hetze im Netz, auch die Gewalttaten nehmen zu. Werfen Sie doch mal einen Blick in den Lagebericht des Bundesamts für Verfassungsschutz. Es ist schrecklich, aber es hört nie auf. Ich wollte in diesem Jahr diesen Text zur Reichskristallnacht einmal weglassen und stattdessen ein Gedicht hier einstellen. Ich dachte zuerst an Mörderrevier von Durs Grünbein, kam dann aber auf Erich Frieds Gedicht Diese Toten, das ich heute hier einstelle. 

Erich Fried lag mir näher als Durs Grünbein, weil er auch schon in einem Kapitel meiner Bremensien vorkommt. Nicht, weil er ein hübsches Gedicht mit dem Titel Rückfahrt nach Bremen geschrieben hat. Sondern weil sich mein Mitschüler Bernd Neumann 1977 in seinem Hass auf den jüdischen Emigranten in London zu der Forderung nach einer neuen Bücherverbrennung hat hinreißen lassen. Ja, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen ganz eindeutig sagen! hat der damalige Bremer CDU-Vorsitzende über Frieds Gedicht Die Anfrage im Bremer Parlament gesagt. Als Horst Werner Franke Neumann aufforderte, den Satz zurückzunehmen, weil das ein ganz schlimmer Satz sei, stellt sich Neuman erst einmal dumm und fragt Welcher denn? Da sagt FrankeHerr Neumann, Sie haben den einen Satz gesagt, Sie hätten dieses Gedicht am liebsten verbrannt. Herr Neumann, Literatur, und das ist auch Literatur – ja, das ist auch Literatur, es gibt eine abscheuliche Literatur, und sie bleibt trotzdem Literatur –, Literatur, Herr Neumann, soll in diesem Land nie wieder verbrannt werden! Bernd Neumann nimmt seinen Satz nicht zurück. Er versucht sogar noch zu erreichen, dass die Lehrerin, die das Gedicht von Fried im Unterricht behandelt hat, disziplinar gemaßregelt wird. Dass man das vierundvierzig Jahre nach den Bücherverbrennungen von 1933 in Deutschland sagen kann, ohne dass man sofort aus dem Parlament fliegt, fasziniert mich heute noch. 

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen. Heinrich Heines Satz hat Bernd Neumann sicher nicht gekannt, er war nicht sehr gebildet. Eher ein bisschen doof. Für ihn haben wir uns in unserem Gymnasium damals schon ein bisschen geschämt. Hatte kaum das Abitur, da war er schon in der CDU. Ich schäme mich noch immer für ihn. Ein schwedischer Literaturkritiker hat beim Bergedorfer Gesprächskreis der Körber Stiftung 1978 gesagt: In einem Land mit einer starken demokratischen Tradition müsste ein Mann wie Herr Neumann nach einer solchen Aussage moralisch tot sein. Er sollte als ein viel gefährlicherer Förderer des Terrorismus angesehen werden, als alle seine intellektuellen Gegner. Ich würde das ja sofort unterschreiben, aber wie wir alle wissen, wurde er 2005 Staatsminister für Kultur. Als ihn Journalisten mit dieser Geschichte konfrontieren, ist der Satz von damals für ihn aus dem Zusammenhang gerissen. Wir tun uns in Deutschland schwer mit unserer Geschichte.

Ich habe die ganze Diskussion von damals, Zeitungsausschnitte, Flugblätter und offene Briefe, gesammelt und aufbewahrt, weil mir das so ungeheuerlich erschien. Ich glaube, ich werfe das jetzt mal weg. Oder vielleicht doch nicht, ich habe manchmal das Gefühl, es kommt alles wieder. Sechs Jahre nach dem politischen Skandal hat Erich Fried den Bremer Literaturpreis erhalten. Der Laudator war Herbert Heckmann, der vier Jahre später wieder als Laudator eine sehr schöne Rede für Erich Fried bei der  Verleihung des Büchner Preises gehalten hat.

Erich Fried: Diese Toten

Hört auf, sie immer Miriam
und Rachel und Sulamith
und Aron und David zu nennen
in eueren Trauerworten!
Sie haben auch Anna geheißen
und Maria und Margarete
und Helmut und Siegfried:
Sie haben geheißen wie ihr heißt

Ihr sollt sie euch nicht
so anders denken, wenn ihr
von ihrem Andenken redet,
als sähet ihr sie
alle mit schwarzem Kraushaar
und mit gebogenen Nasen:
Sie waren manchmal auch blond
und sie hatten auch blaue Augen

Sie waren wie ihr seid.
Der einzige Unterschied
war Stern den sie tragen mußten
und was man ihnen getan hat:
Sie starben wie alle Menschen sterben
wenn man sie tötet
nur sind nicht alle Menschen
in Gaskammern gestorben

Hört auf, aus ihnen
ein fremdes Zeichen zu machen!
Sie waren nicht nur wie ihr
sie waren ein Teil von euch:
wer Menschen tötet
tötet immer seinesgleichen.
Jeder der sie ermordet
tötet sich selbst